Part 15
Das Kind schien eben erst aus dem Schlaf gekommen zu sein und blinzelte, das Köpfchen gegen die Wange der Mutter lehnend, mit aufwachenden blauen Augen aus dem rosig angeschlafenen Gesichtlein heraus.
»Komm',« sagte der Vater und streckte die Arme nach dem kleinen Buben. »Mutter, du solltest dem Herrn das Zimmer zeigen, laß' mir den Helmle so lang.«
Da hatte er auch schon den kleinen Buben auf dem Arm, und als er ihn emporhob und das Kinderköpfchen an seine bärtige Wange drückte, da brach ein so leuchtender Strahl aus seinen blauen Augen, daß der ganze Mann übersonnt schien.
Und dem »Herrn, der das Zimmer sehen wollte«, war es so, als ob es jedenfalls ein ganz vortreffliches Zimmer sein müsse, das in diesem Haus zu vermieten sei, obgleich er vorher an Neckaraussicht und grüne Wipfel vor den Fenstern gedacht hatte. Daran, am Blick ins Grüne nämlich, fehlte es auch nicht ganz. Die Frau wies mit bescheidenem Stolz auf ein winziges, höchst anspruchsloses Gärtchen, das zwischen Hof, Werkstatt und Nachbarhaus eingeklemmt war und aus einer Bohnenlaube, zwei Beeten mit Küchenkräutern, einer Blumenrabatte, ungefähr zwei Hand breit, und einem alten, hohen, knorrigen Zwetschgenbaum bestand.
Auf dieses Gärtchen gingen die Fenster des Zimmers, das im zweiten Stock lag. Außerdem sah man ein Stück des Hofes mit drei kunstreich gebauten Türmen aus Faßdauben, die Rückseite mehrerer Häuser, eins davon mit einer braunen, verwitterten Holzaltane, ein Stück Stadtkirchenturm, und ein nicht unbeträchtliches Stück blauen Herbsthimmels.
»Die Aussicht hat dem vorigen Herrn gut gefallen und das Zimmer auch,« sagte die Frau. »Er war auch ein Theologe, und er hat immer gesagt, so sei's ihm gerade recht: Wenn man nicht so weit herumsehe, bleiben einem die Gedanken näher beieinander zum Studieren.«
Es kam Georg vor, als ob »der vorige Herr« ein äußerst vernünftiger Mensch gewesen sei. Das war ja freilich die einzig richtige Anschauung. Was ihn selbst betraf, so konnte er froh sein, gerade hierher gekommen zu sein. Das war nun das erste Zimmer, das er ansah und nun stimmte gleich alles so vorzüglich. Er hatte hier in Tübingen Glück, das konnte er gleich zum Anfang sehen. Das Zimmer gefiel ihm, er mochte hinsehen, wo er wollte. Aber das hatte er eigentlich schon unten gewußt.
»Wenn Sie das Klavier geniert,« sagte die Frau, als sie sah, daß Georgs Augen an dem großen, alten Tafelklavier hängen blieben, »es nimmt ein bißchen viel Platz weg, es ist wahr. Man kann's im Notfall in eine Kammer stellen. Der vorige Herr hat immer seine Bücher darauf liegen gehabt, und, er hat seltene Pflanzen gesammelt, die hat er auch darauf ausgebreitet. 'Lassen Sie's nur,' hat er gesagt, 'so lang der Deckel zu ist, stört mich kein Klavier.' Und der Deckel bleibt zu, solang ich hier hause.«
Georg fühlte, wie die Sympathie, die ihn mit dem vorigen Herrn einen Augenblick verbunden hatte, wieder entschwand. Er fand nicht gleich Worte. Was gab es doch für Menschen auf der Welt. Er strich mit der Hand über den Deckel des Klaviers; es war wie eine Abbitte, die er im Namen der Menschheit tat.
»Wir hatten's bei uns unten stehen,« sagte die Frau. »Aber seit ein Kinderbettchen ums andere kommt, fehlt's am Platz. Es ist von meinem Schwiegervater her noch da. Der war blind, zwanzig Jahr lang und ist auch blind gestorben. Aber spielen hat er können; alle Leut sind stehen geblieben auf der Gasse, wenn er gespielt hat.«
Jetzt kam der neue Herr auch zur Sprache. Sie kam ein bißchen schroff heraus; das machte die Wichtigkeit des Augenblicks und die innere Erregung.
»Bei mir liegt nichts auf dem Deckel,« sagte er. »Ich kann nicht begreifen, wie man das einem Klavier antun kann. Ich mache Musik darauf; dazu ist es doch wohl auf der Welt. Wenn Sie das nicht wollen, so sagen Sie's mir gleich. Dann ziehe ich anderswo hin.«
Aber so war es nicht gemeint gewesen.
Nein, behüte, der Herr könne ruhig spielen, so viel er wolle. Das werde den Mann freuen, wenn er es erfahre. Wenn er hie und da ein Fenster offen lassen wolle, daß man es unten höre.
Es ging eine stolze Freude über ihr frisches, offenes Gesicht: »mein Mann, der macht auch Musik. Er hat eine Geige. Er hat einmal Schulmeister werden wollen. Da ist sein Vater blind geworden und er hat das Geschäft übernehmen müssen. Eine Stimme hat er, man könnt' ihn auf die Orgel brauchen zum Vorsingen. Mit der Geige will's nicht recht. Er hat schwere Hände bekommen von der Arbeit. Aber wenn er dazu singt, dann tut's doch schön.«
Diese Mitteilung hatte gerade noch gefehlt um in Georg Ehrensperger das Bewußtsein zu erwecken, er sei in das einzig richtige und mögliche Haus eingezogen; ja, es war ihm, als habe er sich gewissermaßen in einen Familienschoß gesetzt, so wohl gefielen ihm die Leute und ihr Haus und die Stube, die sie ihm darin abtraten; aber der Mann am meisten.
Und als die Frau hinunterging, um das Helmle wieder aus den väterlichen Armen zu nehmen und dem Mann zu erzählen, daß man wieder einen Herrn habe und was für einen, da verriegelte dieser Herr oben seine Tür, und tat einen Blick aus dem Fenster, ob ihm auch niemand zusehe, und machte einen Spaziergang, zweimal um den Tisch herum, auf den Händen, und streckte seine langen Beine hoch in die Luft vor Vergnügen.
Sechstes Kapitel
Das war im Herbst geschehen, jetzt war Frühling. -- Eine weiche, laue Nacht, eine Nacht, in der man deutlich wahrnehmen konnte, wie sich die erwachenden Kräfte in der Natur regten. Es wehte in den Bäumen, es rieselte in den schmalen Rinnsalen, die sich von der Höhe des waldigen Berges in die Weinberge und Obstgärten verloren, von frischen Wässerlein, die zu Tale strebten, es raschelte und pochte überall leise und geheimnisvoll. War es der Pulsschlag der neuerwachten Erde? Hörte man den Saft in die Bäume steigen? Hörte man die Knospen schwellen und springen?
Unten im Tale lag die Stadt im Schein ihrer vielen Lichter. Viel Leben barg sie und viel Menschenschicksal. Hier oben auf dem Berg sah man beides: die Lichter unten und die Lichter oben, die schweigend ihre hohen leuchtenden Pfade hinzogen.
Georg Ehrensperger trat aus dem Wald, da wo am Eingang die alte, rissige Eiche steht mit den vielen eingeschnittenen Namen. Er hatte einen weiten, einsamen Spaziergang gemacht, nun stand er still, legte die Mütze auf die Steinbank unter der Eiche und sah hinauf und hinunter.
Das Wehen in den Bäumen war stärker geworden. Große, schweigende Wolkengebilde glitten über die Sterne hin; immer mehr wurden ihrer, von allen Seiten sammelten sie sich und wurden ein Heer. Westwind flog voraus; er war der Rufer und trieb sie zusammen: »Auf und schließt euch aneinander. Die Milchstraße entlang, nein, breiter und weiter dehnt euch. Um Mitternacht fängt es an zu regnen. Wißt ihr nicht, daß Frühling ist? Wißt ihr nicht, daß die Erde blühen will? Viel ist zu tun; in wenigen Tagen muß alles weiß und grün sein.«
Es war so recht eine Nacht, da es sich in einem jungen Blut regen konnte von treibenden, frischen Kräften: »Auf die Riegel! Ich fange an, jung zu werden, ich fange an zu erwachen, Frau Welt! Alles Große und Schöne gedenke ich mitzuerleben.«
Es geschah nicht oft zu dieser Zeit, daß Georg Ehrensperger allein die Welt durchstreifte. Er drückte damals seine Neigung zu beschaulicher Träumerei und einsamem Wandel in eine Ecke seines Wesens hinunter. Dort spuckte sie zuweilen umher; wenn er über den Büchern saß in seiner Stube, die bei #ihm# trotz der schmalen Aussicht die Gedanken #nicht# zusammenhielt, oder noch mehr, wenn er am Klavier saß, das ein besseres war, als das der Frau Mollenkopf. Dann hatte er eine Welt für sich, in der er mit sich selber hauste, oder mit denen, die er in Gedanken zu sich einlud. Das war ein schönes Dabeisein. Aber es dauerte nie lange. Denn die wirkliche Welt griff da hinein. Unten auf der Straße pfiff es, oder es polterte die Treppe herauf, und junge, kräftige Gestalten traten zu ihm ins Zimmer. So war es gestern gewesen.
»Da sitzt er wieder, wie der Dachs im Bau. Auf und heraus. Eine Nacht zum Ausfliegen. Musik machen, das kannst du im Waldhörnle, wir wollen singen und du begleitest. Mach dich nützlich, Mensch. Was? dableiben? du bist ein Höhlenbär.«
Das waren die Bundesbrüder. Er war ja nun richtig in eine Verbindung eingetreten. Und es war richtig die des Rektors Cabisius. Die Jugend wollte ihr Teil an ihm.
Aber heute war heut. Es konnte ihn suchen, wer wollte, Georg streifte da oben herum und hatte mit sich selbst zu tun. Er war nicht recht bei sich selbst zu Hause und, -- da hatte der Rektor Cabisius recht gehabt, -- wenn er das nicht war, konnte er nicht mit den andern gehen. Er hatte nicht die Gabe, sich über etwas hinwegzusetzen.
Da war erstens die Theologie, die anfing, ihn böslich zu bedrücken. Er fühlte, daß sie etwas von ihm wollte und daß er sich einmal mit ihr auseinander zu setzen habe. Und er empfand ein Unbehagen dabei. Wie würde es damit ausfallen? Indessen konnte man das immer noch ein wenig verschieben und inzwischen etwas anderes in den Vordergrund stellen. Vielleicht machte es sich dann irgendwie. Ader da stand noch etwas anderes bereits im Vordergrund und ließ sich nur schwer von da vertreiben. Das hing mit Lore zusammen. Es ging schon längst nicht mehr so väterlich zu in seinem Gefühls- und Gedankenhaushalt, wie im Herbst. Es war nicht ohne Bedeutung gewesen, daß er dazumal den alten Herrn auf den Fuß getreten hatte, gerade als er in Gedanken Lorens nachträgliche Erziehung in die Hand nahm. Er konnte sich das Nachdenken darüber schenken. Es wurde ja doch nichts daraus. In einiger Hinsicht erzog sie ihn. Das konnte ja nichts schaden. Aber wenn er den Stiel umkehren wollte, erging es ihm mißlich.
Er war eines Tages bei ihr angekommen, etwas bedrückt und unsicher, und hatte ihr auf Befragen gesagt, daß er an der Tanzstunde der Verbindung teilnehmen sollte und daß es ihm ängstlich sei, ob er so ein Mädchen richtig anzufassen wisse. Da hatte sie seine Bedenken weggelacht: »Komm, ich lehre dich, wie du's machen mußt.« Sie hatten den Tisch auf die Seite gerückt und hatten in der Ladenstube getanzt, bis sie außer Atem waren.
Da war er etwas sicherer geworden.
Manchmal, wenn sie ihm gegenüber saß an dem Fenster, das nach dem Neckar ging, und irgend etwas Zierliches nähte, stand sie plötzlich auf und hatte einen hausmütterlich-gestrengen Zug im Gesicht, holte eine Bürste und bürstete ihm die Kleider: »Du siehst auch gar nicht auf dich, Georg. Du mußt dich immer im Spiegel besehen, eh' du ausgehst. Hier ist auch ein Knopf locker, den muß ich dir annähen, komm.«
Solchergestalt übte sie schwesterlich-frauenhafte Zucht an seinem äußeren Menschen.
Da gedachte auch er das seinige an ihr zu tun, und versuchte, ihren Geist zu speisen, und wollte es machen, wie mit Gertrud, der er alles bringen konnte, seine Bücher, seine Musik, und seine Gedanken. Und er brachte eines schönen Nachmittags die Edda mit und wollte ihr die alten, schönen Sagen und Lieder vorlesen. Da hielt sie sich die Ohren zu: »Liebster Georg, das ist nichts für mich. Mit so etwas mußt du mich verschonen. Ich bin ein kleines, dummes Ding, das bin ich immer gewesen.«
Er wollte sich ärgern, aber es gelang nicht so recht. Sie sah ihn so an, daß er es nicht konnte.
»So, jetzt gefällst du mir,« sagte sie, als sie sah, daß Georg sein Gesicht wieder glättete, das einen Augenblick verdrießlich ausgesehen hatte. Sie strich ihm mit dem Zeigfinger über die Stirn. Dort war zuweilen eine kurze, gerade Falte, mitten zwischen den Brauen, zu sehen. Das war, wenn er gern ein wenig pädagogisch sein wollte. Da mußte er lachen, als sie ihm die Falte glättete. Wie konnte sie etwas anderes sein, als sie nun eben war? Sie war etwas sehr Reizendes, konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Da hatte das Bildungsbestreben wieder ein Ende.
Aber das war noch nicht schlimm. Schlimm war, daß ihre Stimmung gegen ihn umsprang, wie bei Mondwechsel das Wetter umspringt.
Oft war sie lieb und freundlich, und saß, wenn es dämmern wollte, auf dem breiten Fenstersims, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sang ein Volksliedchen, mit halber Stimme, als ob sie die traulichen Geister der Dämmerung nicht verscheuchen wollte. Da kam es ihm, der ihr zuhörte, vor, als ob es nichts so unsäglich liebliches mehr gebe, nirgends und niemals wieder.
Und hie und da war sie kurz und etwas schnippisch, und hie und da sonderbar aufgeregt.
»Sie ist in zu vielerlei Händen,« entschied er, »und nicht in den allerbesten. Ich sollte sie allein zu beeinflussen haben.«
Wie ein feiner Erzieher kam er sich vor. Er konnte es sich schön ausmalen, wie es wäre -- wenn es anders wäre. Es kam nur nichts dabei heraus, als daß er viel zu viel an sie dachte und viel zu oft hinging und viel zu unruhig dabei war.
Oft faßte es ihn: wenn ich das alles Gertrud erzählen könnte! Sie war so fest und gleichmäßig und klar. Aber das konnte er jetzt nicht. Wenn er heimkam, dann.
Da hatte er es nun alles hier heraufgetragen. Es wurde einem frei und weit zu Mute in dem starken, frischen Wehen. Es war ja doch viel mehr in der Welt, das des Erlebens wert war, als das: sich in einem so unruhigen, krausen Mädchensinn zurechtzufinden.
Er sang ein Lied in den Wind hinein: »Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd; ins Feld, in die Freiheit gezogen.« Und dann wurde er plötzlich still und horchte.
Wie hatte ihm der alte Hollermann schreiben lassen?
»Wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und horchen.« Sang da irgendwo sein Flötenton?: »Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.« War ringsum alles mit einer Stimme begabt?
Das mußte man ja alles in Tönen sagen können: Das eigene, klopfende, drängende Leben floß mit dem Leben ringsumher zusammen. Saß da innen, tief im Wald der große Alte an der Orgel und spielte sie? Er zog ein Register ums andere; breite, volle, tiefe Akkorde strömten über die Baumwipfel hin. Man mußte sie festhalten können; horch -- die Wässerlein sangen dazu, wie dünne, helle Kinderstimmen rieselten sie durch die großen Töne hindurch, und hie und da lachte eins plätschernd auf. Und eins schluchzte auch im Niederfallen. Das mußte so allein in die Nacht und in die Fremde hinaus.
»Das muß ich auch, du.« Georg blieb stehen und horchte, hinaus und in sich hinein. Hätte er Meister Riedels, seines Hauswirts, Geige bei sich gehabt. Mit der hatte er sich im Lauf des Winters angefreundet, mit ihr und mit dem Meister. Nun sehnte er sich, sie im Arm zu haben. Das konnte man alles spielen. Alle die unruhigen, klopfenden Untertöne, die durch ihn selbst hindurchgingen und die er auch außer sich zu vernehmen glaubte, alles das kleine Lachen und Plätschern und Schluchzen, alles das Schweigen, das über dem Tal lag und aus dem doch hie und da ein Ton hervorbrach, wie von einer verhaltenen Unruhe, alles das mußte man spielen können, um es dann in der großen, breiten Harmonie untergehen zu lassen, die aus der Waldorgel strömte. Wie die tausend kleinen Wolken am Himmel nun ein großer, schweigender Heereszug geworden waren, ohne Unruhe und Hast, großen, gemeinsamen Lebens voll.
Da nahm er die Mütze in die Hand und fing an zu laufen. Und stand wieder still, und horchte, und sann, und fing wieder an zu laufen, bis er an die Stadt kam.
Dort war noch Leben und Bewegung; es war noch nicht so spät. Dort oben war es still gewesen.
Er aber ging durch die Gassen wie ein Nachtwandler und horchte nur auf das, was in ihm selber war. Da pfiff ihm einer dazwischen, unrein und schrill. »Von allen den Mädchen so blink und so blank gefällt mir am besten die Lore.«
Er kam die Straße herauf und mußte an Georg vorbei. Langsam ging er, die Hände in den Taschen, und pfiff immer von neuem die gleichen Takte. Wollte es kein Ende nehmen? Es war zum Verzweifeln. Was ging den Kerl die Lore an? Was hatte er zu pfeifen? Und #so# zu pfeifen?
Und Georg konnte nicht sagen: still, Mensch. Er hatte die Straße nicht gepachtet. So, endlich bog der Störenfried in eine Seitengasse ein.
Aber das war zu spät. Es war, als ob ein großer, frecher Spatz, den dicken Kopf voran, durch ein feines, zierlich aufgespanntes Spinnennetz gefahren wäre und sich nicht darnach umsähe, daß das Spinnlein nun erschreckt in einer Ecke sitze, und die zerrissenen Fäden im Winde hingen. Denn auch hier waren die Fäden zerrissen. Da ging Georg Ehrensperger still und bedrückt weiter, und nach einer Weile stampfte er aus einem machtlosen, inneren Grimm mit dem Fuß auf. Aber das half nichts. Er versuchte, die Fäden wieder anzuknüpfen, und als es ihm nicht gelang, und er gerade in der Nähe der Neckargasse war, beschloß er, sich auf einen Augenblick an Lorens Anblick neu zu begeistern. Er hatte gestern ein schönes Dämmerweilchen mit ihr erlebt. Es war noch nicht zu spät, sie heute zu grüßen.
Im Laden brannte noch eine kleine, stark zurückgedrehte Gasflamme; die Ladentür war angelehnt. Frau Maute mochte irgendwo einen kleinen Schwatz mit einer Nachbarin halten. Da kam Georg ungehört zur Tür der Ladenstube.
Das kleine Fenster in der Tür war mit einem leichten Vorhang verhüllt, und hinter dem Vorhang webten ein paar Schatten hin und her. Gedämpfte Stimmen, ein leises Mädchenlachen, dann sahen die Schatten aus, als ob sie sich zusammenschlössen.
Georg klopfte. Innen knurrte die Dogge. Ein Hin- und Herhuschen, eine Pause, dann öffnete Lore. »Ach, du bist's. Es war mir doch, als ob es klopfte. Hat die Tür nicht geschellt? Wo ist die Mutter?« Sie sah erhitzt aus; das Haar lag ihr lose und etwas zerzaust um das Gesicht; die Augen funkelten.
»Kommst du herein?« fragte Lore. Sie fragte es kurz und etwas verlegen. Da sah er sie erstaunt an. War sie das? Sie war ein anderes Mädchen als gestern. Drinnen lag die Dogge auf dem Boden; sie sträubte sich und knurrte. Am Fenster stand ihr Herr. Er hatte die Arme auf dem Rücken; er sah aus, als ob er die kleine Stube fülle, so hoch und mächtig war seine Gestalt und so blitzten seine Augen. Georg fand keinen Platz für sich hier drinnen. Er setzte sich, aber er wußte nichts zu sagen; es war ihm eng und schwül. Wäre er doch nicht hier hereingekommen. Wäre er doch nur zuhause. Denn wo flohen nun seine Töne hin? Er hatte sie hier neu anknüpfen wollen.
Da fing Lore an, mit dem Hund zu spielen. Er legte ihr die Tatzen auf die Schultern und leckte ihr die Hände. Und sie schwatzte mit ihm und ihre lachenden Augen gingen zwischen dem Herrn und dem Hund hin und her und streiften zuweilen Georg, der etwas im Schatten saß: »so mach' doch ein anderes Gesicht, Schulmeister. Du bist ein Schulmeister, ja, aber ich lasse mich nicht von dir kritisieren. Gestern? Ja das war gestern. Aber heute ist heut.«
Georg hatte die bekannte Falte zwischen den Brauen und sein Gesicht mochte ihr einige Mißbilligung dessen, was er sah, ausdrücken. Es war ein unbehagliches Dabeisein. Der hochgewachsene Mensch am Fenster sah so erdrückend auf Georg, der schmal gebaut und unsicheren Wesens und ganz und gar kein Ellbogenmensch war.
Er drückte ihn durch sein bloßes Dabeisein zur Türe hinaus. Da erhob er sich und nahm Abschied. »Gute Nacht, Lore.« Sie blieb mitten in der Stube stehen und es war Georg, als fliege es wie Spott über ihr schönes Gesicht, und als höre er die tiefe Stimme des Hausgenossen noch lachen, als er schon vor dem Haus war, über ihn lachen.
Vor dem Haus begegnete ihm Frau Maute.
Sie trug einen großgeblumten Morgenrock ohne Gürtel und sah wie immer ein wenig theatralisch aus. Der Aufschwung war nicht besonders hoch gegangen. Aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen.
»Ja, nicht wahr, die Lore,« sagte sie, als Georg mit kurzem Gruß an ihr vorübergehen wollte. »Hi, hi.« So lachte sie. Es war, als ob sie einen Refrain lache zu dem Lachen, das er eben da drinnen verlassen hatte. »Nicht wahr, die Lore? Das ist ein Mädchen. Sie ist etwas verwöhnt; das ist sie. Aber man muß sie machen lassen. Hi, hi.«
Da stürmte er voran, daß sie ihm kopfschüttelnd nachsah und beschloß, mit der Lore zu reden, obgleich das eine keineswegs leichte Sache war. Es mußte doch sein. Denn der junge Mann hatte allerlei gute und solide Eigenschaften an sich. Und obgleich Frau Maute nicht gerade das war, was man gewöhnlich mit solid bezeichnet, so wußte sie es doch zu schätzen, wenn andere es waren.
Ein Brief von Gertrud. Er lag auf dem Klavier, als Georg seine Stube betrat.
Als Georg ihn sah, wurde ihm schon freier und ruhiger zu Mute. Und während er ihn las, trat das Mädchen neben ihn in seiner klugen, warmen, einfachen Art und faßte seine Hand: »Ganz verstört bist du? ganz verwettert? Ach, das ist alles nicht so arg. Nun setz' dich ans Klavier und spiele. Angefangen. Das kommt alles wieder, das ist nur ein bißchen verscheucht. Siehst du? Hier setze ich mich hin und horche. Ich bin dein guter Kamerad. Das bin ich.«
»Gertrud.« Er sagte es laut vor sich hin. Dann las er den Brief zum zweiten mal. Die einfachen, kleinen Erlebnisse aus der Welt seiner Kindheit kamen ihm vor wie lauter sonn- und festtägliche Bilder. War es noch lang, bis er nach Hause konnte?
Es kam ein Drang über ihn. Was sollte er hier?
Da setzte er sich ans Klavier, und sah auf den Stuhl am Fenster, ob Gertrud dort sitze, und es war ihm, als ob alle verscheuchten, zerflatterten Geister und Geistchen wieder zutraulich wurden und ihre Stimmen hergäben. Es war alles still, im Hause und rings umher. Er aber saß und hielt aufs neue fest, was der nächtliche Spitzberg ihm geschenkt hatte, und spielte, und stand nach einer Weile auf und holte die Geige, die im Kasten auf seinem Tisch lag. Ja, nun hörte er alles wieder; ganz voll Musik war seine Seele, und er war selig und unselig zu gleicher Zeit. Denn er hörte es deutlich in sich; das war das Schöne; und er konnte es nicht so hervorbringen, wie er wollte; das war das Schwere. Es mußte für Klavier und Geige zusammen werden, die beiden miteinander mußten es singen können. Und er holte sein Notizbuch und legte es neben Gertruds Brief auf den Tisch, als ob der ihm helfen sollte, und schrieb auf, was sich ihm in eine Form fügen wollte. Und bald war er so froh, als ob er an der Weltschöpfung Teil habe, und bald legte er den Kopf auf die Geige und wollte es aufgeben, etwas aus ihr herauszuholen, so verzagt war er.
Da knarrte es auf der Stiege von behutsamen Tritten und dann trat nach vorsichtigem Klopfen Meister Riedel ins Zimmer. Er trug seine stramingenähten Hausschuhe in der Hand und schlüpfte erst im Zimmer behutsam hinein.
»Ich hab' noch kommen müssen und es melden,« sagte er, und seine Augen strahlten. »Er ist da. Der Bub' ist da. Ich hab' gehört, daß Sie noch auf sind und Musik machen.«
Georg war noch nicht so recht an der Weltoberfläche angelangt, er mußte sein Bewußtsein zusammen sammeln. »Was für ein Bub?« fragte er. »Wer ist angekommen?« Es war ihm, als ob er es wissen sollte, aber es fiel ihm nicht gleich ein.
»Unserer.« Der Meister lachte. »Nummer fünf. Heißt das, wenn man die drei Mädchen mitzählt. Soeben angekommen; er ist ein Prachtskerl.«
Ja, nun war Georg wieder auf dem Laufenden.
»Das ist ja fein,« sagte er. »Einfach: da ist er. In der Welt drin. Wie soll er denn heißen? Feierlich schalle der Jubelgesang!«
»Bst,« sagte der glückliche Vater. »Ich glaube, es wird besser sein, wenn wir den morgen anstimmen. Den Jubelgesang nämlich. Die Frau wird schlafen wollen. Wie er heißen soll? Friedrich, denk' ich. So hat mein Vater geheißen. Wenn er wird, wie der, kann mir's recht sein.«
Georg nickte einverstanden. Er kannte den blinden alten Mann gut vom Hörensagen.
»Dann kriegt er einmal die Geige?« sagte er. »Dann darf er wohl das alles lernen?«
»Natürlich. Das ist abgemacht. Der Helmle kommt ins Geschäft, und der Friedrich, der --«, der Vater machte eine Handbewegung, als ob er damit dem Friedrich die ganze noch übrige Welt zuspräche.
Georg tat einen tiefen Atemzug, und dann sahen sie alle beide verlangend nach dem offenen Klavier.