Part 14
Sollte man es glauben? Sie ritten ja wahrhaftig noch auf dem Treppengeländer: wer es besser konnte. Und sie stiegen miteinander auf den Turm und ließen sich von Frau Judith Märchen erzählen: Goldmarie und Pechmarie, und vom Machandelbaum, und halfen dem Meister Nössel beim Läuten. Der war auch eisgrau geworden. -- Und dann wieder waren sie so überaus ernsthaft, huh. Da saßen sie ehrbar in der Laube, oder an dem Steintisch unter dem Ahorn, oder in der Wohnstube und lasen aus schweren, dicken Büchern und oft in einer unverständlichen Sprache, und machten nachdenkliche Gesichter und sprachen so klug, daß es Marien eine Gänsehaut gab, wenn sie nur in die Nähe kam. Sie, Marie, hütete sich wohl, in ein Buch zu sehen, außer Sonntags, wo sie in der Kirche das Gesangbuch benützte. Es war ihr rein unverständlich, wie zwei junge Genossen derlei Dinge miteinander treiben konnten.
Manchmal stritten sie sich auch. Aber worüber? Kein Mensch konnte verstehen worüber, meinte Marie.
Aber Marie hatte »eine Ahnung«, wie Georg sich ausdrückte, was ja freilich heißen sollte, daß sie keine Ahnung habe.
Sie war aus dem Weiler Hinkelsbach, der ganz nah bei Wiblingen lag, und konnte von der Dachluke aus den Rauch ihres väterlichen Hauses sehen, und war ein junges, vergnügtes Ding, und konnte wunderschöne, alte Volkslieder singen, zu denen Gertrud häufig die zweite Stimme sang. Aber im übrigen, was wußte sie von dem, was die beiden einander mitzuteilen hatten?
Sie bekamen ja richtig den Kirchenschlüssel, und Georg spielte die Orgel und Gertrud sang einmal mit ihrer tiefen Altstimme Händels Largho von dort oben herunter in die leere Kirche hinein und wunderte sich, wie voll es klang, und saß ein andermal mit in dem Schoß gefalteten Händen und horchte vom Schiff aus und meinte, daß die Orgel noch nie so geklungen habe, wie heute, da ihr guter Kamerad daran saß. Sie wußten es nicht anders, als daß sie immer noch Kameraden seien. Sie besannen sich auch nicht darüber. Hatten sie nicht ihr Leben lang alles geteilt, und einander gequält, wenn's sein mußte, und einander verstanden, besser als alle anderen Freunde, trotz mancher Reibereien?
Gertrud hatte nicht so recht das Zeug zur Freundschaft mit den jungen Mädchen des Städtchens. Das war von jeher so gewesen, weil sie immer am liebsten beim Großvater gewesen war.
Es waren verschiedene Versuche gemacht worden, ein Kränzchen, ein Kurs im Englischen mit den Honoratiorentöchtern, weil die Großmutter es wünschte. Aber Gertrud war dort nicht ganz sie selbst, ihr eigenes fröhliches Ich. Sie wußte nicht recht mitzureden und wußte, was sie selber hatte, nicht anzubringen. Seit die Großmutter so anhaltend krank war, blieb sie zu Hause. Es war ihr lieber so.
Sie hatte auch Freunde.
Eine Kamerädin aus der Volksschule, ein kluges, feines, lahmes Mädchen, das einer Witwe gehörte und so gut es ging, ums Brot nähte. Dort wußte sie sich aufzutun. Dem Mädchen ging ein helles Freudenlicht auf, wenn Gertrud kam und sich zu ihr setzte. Und sie nahm ihr das Wort aus dem Munde. Sie hatte solch einen hungrigen Geist. Und weil der Acker ihrer Seele so sehnlich wartete und so aufgerissen war vom Entbehren und Verlangen, so fielen die Körner, die Gertrud aus ihrem Überfluß hinwarf, tief hinein und gingen an den langen, einsamen Tagen auf und gaben eine reiche Ernte. Feine, sinnige, tiefe Gedanken und eine stille, stolze Freude, am Sein und Leben teilzuhaben, und ein Verständnis für die Menschen in den Büchern, die sie zu lesen bekam: ob sie echt und lebendig seien oder nicht. Es kam hundertmal wieder herein, was Gertrud dort hintrug. Das war #eine# Freundschaft. Es gab deren mehrere.
Den uralten Totengräber Heilemann, der so wunderbare Geschichten aus der Franzosenzeit wußte, und die junge, lustige Frau Liselotte, die einst Magd bei der Großmutter und ihr Patenkind gewesen war. Sie hatte einen Fabriknachtwächter und Flickschuster geheiratet und ihr kleiner, dickköpfiger Bube war Gertruds Patenkind. Und die Spinnricke, die ums Geld spann und die mit tiefer Stimme erzählte, daß sie »schon wieder einen Blick ins Jenseits« getan habe. Es war nichts, das Gertrud in ihrem jungen Leben vermißte. Aber Georg war ihr Kamerad. Das war doch wieder anders.
* * * * *
Seinen Platz an dem breiten, geräumigen Ecktisch in der Ladenstube des Ehrenspergerhauses nahm Georg wieder ein; aber auch seinen Platz auf der niedrigen Truhe in des Rektors Studierstube. An beiden Orten holte er sich, was da für ihn zu holen war.
Jungfer Liese, die sich allmählich angewöhnt hatte, die Ellbogen breit auf den Tisch zu legen und sich kecklich ganz auf den Stuhl zu setzen, tat ein Übriges und fütterte an dem langen, mageren Menschen herum; und faßte eines Tages ein Herz und fragte, was denn aus dem vielen Geld geworden sei, das der Herr Vetter immer bezahlt habe, da der Sohn nach Hause komme, dürr, wie eine von Pharaos Kühen? Er solle Franz ansehen, das sei noch ein junger Mensch, wie man ihn könne gelten lassen.
Franz war vor kurzem aus der Fremde zurückgekommen, wo er sich in Zeit von einem knappen Jahr einige Welt- und Lebenserfahrung, einen schön geschwungenen Schnurrbart und einige neue Backrezepte angeeignet hatte.
Er nahm je länger je mehr die Leitung des Geschäfts in die Hand und ließ nicht undeutlich vermerken, daß er nicht zu denen gehöre, die mit irgend einer Lebensfunktion allzu lange warten. Und Jungfer Liese nickte und blinzelte Franz dem Älteren zu: »Kehr' die Hand um -- bringt er eine junge Frau herein. Ja, dann? Dann ziehen wir in den Oberstock. Ich verlasse den Herrn Vetter nicht; das tue ich nicht.«
Da konnte ja denn der Herr Vetter unbesorgt sein, und das war er auch. Er konnte sich's jetzt leicht machen. Da saß er Abend für Abend mit dem Müller Hensler im Schwarzen Adler bei einem gediegenen Schoppen Roten, und sie kamen darauf zu reden, was für Prachtsbursche sie in ihrer Jugend gewesen seien, und kamen zu guter Bürgerzeit wieder nach Hause, ein klein wenig warm vom Prahlen und vom Wein. Da kam über den Markt, von der andern Seite her »der Student,« wie ihn der Müller Hensler jetzt schon nannte, und sie stichelten ihn ein wenig: »Da sieh' #uns# an; jünger als du sind wir heute noch.« Und der Bäcker Ehrensperger sagte: »Nein, laß ihn, die Studierten, die sind alle so ein bißchen dösig. Das kommt vom Bücherlesen.« Und das Mitleid faßte ihn, daß sein einer Sohn so still und ernst sei, und er selber war solch ein forscher Kerl gewesen: »Jetzt sag, Bub, hast du einen Wunsch? Ich zahl's, was es kostet.«
Er war ihm am andern Tag nicht so ganz angenehm, denn nun mußte er das Klavier bezahlen, das in des alten Schullehrer Haldenwangs Auktion verkauft wurde; hundertundfünfzig Mark. Es wurde in die Wohnstube im ersten Stock gestellt, gerade über dem Laden. Und Jungfer Liese sagte zu den Kunden, wenn sie aufhorchend die Köpfe hoben: »Das ist unser Jüngster, der Student. Er will's nicht besser haben. Da sitzt er und spielt, und oft genug ohne Noten, und das Essen schlägt nicht an bei ihm.«
So war es daheim. In der Dämmerstunde war Georg im Rektorhaus. Da saß er auf der Truhe und streckte die langen Beine weit ins Zimmer hinaus, er konnte sie nicht anders unterbringen. Der Rektor mußte einen Umweg machen. Aber er mochte den Heimgekehrten nicht von seinem alten Sitz verjagen. Nun tanzte der freundliche Flammenschein über das große Studentenbild.
»Das wirst du nun alles erleben,« sagte der Rektor.
»Wenn es sich so begäbe, es sollte mich freuen, wenn du bei meiner alten Verbindung einträtest. Es sind tüchtige Leute daraus hervorgegangen.«
Er paffte große Wolken aus seiner Pfeife. Die zogen an den Wänden entlang.
»Ich will dir nicht viel sagen. Du mußt dein Leben selber erleben. Es hilft nichts, daß wir Alten euch viel vorreden. Freue dich deiner Jugend, und mach' die Augen auf. Das Leben ist rings um dich her und ist in dir drin. Du hast viel Neigung, allein zu sein und dich vor den andern zuzuschließen und hast doch auch ein Verlangen nach ihnen. Ich weiß es ja. Laß beidem sein Recht zu seiner Zeit. Sei bei dir selbst zu Hause, dann kannst du unbeschadet auch mit den andern gehen. Ach, was hilft das Reden? Geh' nur. Man kann euch ja doch keinen Schritt abnehmen. Es ist auch wohl besser so.
Und hier hast du eine Pfeife. Ich will dir zeigen, wie man sie stopft. Ich habe sie dir angeraucht.«
»Aber Mann, das Rauchen, das fängt er früh genug an. Du brauchtest es ihn nicht zu lehren,« sagte die Rektorin.
»Ich will dir auch etwas sagen, Georg. Du siehst dich einmal gelegentlich nach dem kleinen Mädchen um, nach der Lore. Ein feines Kind war das. Mich soll's wundern, was die Maute aus ihr gemacht hat. Aber dort zu wohnen gehst du nicht, falls sie ja richtig möblierte Zimmer vermieten. Die Maute ist, -- kurz, sie ist etwas schlappig. Das war sie von jeher. Du kannst aber sagen, ich lasse beide freundlich grüßen.«
Gertrud saß auf dem hohen Drehstuhl vor des Rektors Stehpult. Sie hatten nicht mehr beide Platz auf der Truhe.
Sie redete heut nicht viel dazwischen. Das Herz brannte ihr. Sie sah nach ihrem Kameraden hin. Der ging nun wieder einmal neue, weite Wege; er freute sich darauf. Er sagte ihr von allem, was ihn bewegte. Aber was konnte das helfen?
Selbst erleben, das war doch anders. Und sie öffnete durstig die Lippen. Das galt dem Leben, das draußen war in der Weite. Dort zog es hin, wie Wolken am Himmel. Würde es wohl Gertrud Cabisius vergessen, die hier zurückblieb? »Ach, Unsinn,« sagte sie laut und verweigerte die Antwort auf die erstaunte Frage der drei andern, welchen Unsinn sie meine. Dann glitt sie von dem Stuhl herunter und brachte die Lampe und schüttelte sich innerlich; das sollte ihr noch fehlen, graue Dämmergespinste zu spinnen.
Fünftes Kapitel
Tübingen. Die Neckargasse herauf schritt der neugebackene Student Georg Ehrensperger. Er sah sich suchend um, rechts und links, und fand auch nach einiger Zeit, was er gesucht hatte: ein Schaufenster mit Damenhüten, Schleifen und Schleiern.
Da trat er in den Laden ein, zu dem das Schaufenster gehörte, und konnte nicht im Zweifel sein, daß er am rechten Orte sei. Denn hinter dem Ladentisch stand die Putzmacherin Maute, und sah noch immer so schwungvoll aus wie ehedem, halb elegant und halb schlappig. Und als sie sich -- sie bediente eben eine junge Frau und warf nicht schlecht mit »Madam« um sich -- umwandte, um eine Schachtel von einem der oberen Bretter herabzuholen, da sah Georg ja richtig das rotblonde Zöpfchen, das ihm von Kindertagen her bekannt war, unter der Morgenhaube vorgucken. Es war am Vormittag. Das Zöpfchen wippte lustig hin und her. Es hätte den letzten Zweifel aufgelöst, wenn da noch einer gewesen wäre. Es war aber keiner.
»Guten Morgen,« sagte Georg. Er hatte den weichen, schwarzen Filzhut in der Hand und den dunklen Anzug über der Brust zugeknöpft und sah nicht anders aus als ein Stiftler, obgleich er keiner war. Die alten Genossen aus der Wiblinger Lateinschule, die waren nun glücklich an der letzten Station ihres gemeinsamen Werdegangs angelangt und saßen im theologischen Stift, gut umzäunt und verwahrt vor den Versuchungen der akademischen Freiheit.
Fritz Hornstein, der einst so vorbildlich Voranschreitende, saß auch darin und sehnte sich ein wenig hinaus, und mit ihm noch mehrere, die sich wohl getraut hätten, auf eigenen Füßen zu stehen und denen der Gedanke an irgend eine Enge schwerer fiel, als die Enge selbst, die so groß nicht war.
Georg Ehrensperger aber, der in aller Freiheit lebte, der sehnte sich eher hinein. Denn er hatte sich selbst -- und das war nicht ohne Grund -- im Verdacht, daß er, auf sich selbst gestellt, an dem und jenem hängen bliebe, das nicht zur Sache gehörte. Auch zog ihn eine alte Liebe zu den Genossen seiner Kindheit.
Einstweilen galt es, sich einrichten. Die ersten vier Wochen gingen hin, eh' man sich's versah.
Ernst Daxer, der war auch im Stift. Aus besonderer Vergünstigung war er hineingekommen. Der hatte ihn gestern zu einem Spaziergang abgeholt. Nachher waren sie in der Müllerei gesessen, der Wirtschaft am Neckarufer. Zwei ältere Studenten saßen am selben Tisch mit ihnen. »Aufs Wohlsein der Lore,« hatten sie gesagt und angestoßen. Das mußte ja natürlich eine andere Lore sein, als die, die er meinte. Er hätte sich auch nicht zu fragen getraut. Aber nun wußte er wieder, daß er das Kind aufsuchen solle, das noch vor seinen Augen stand, fein, zierlich und von schönen Farben, wie ein Bildchen aus dem Bilderbuch seiner Kindheit.
Frau Maute ließ die Kundin hinaus und wandte sich zu dem jungen Mann. Da ging hinter ihr die Tür, die nach der Ladenstube führte. Ein heller Lichtschein fiel von dem Fenster, das dort drinnen war, hier heraus, und in dem Lichtschein stand Lore. Und Georg sah an der schwunghaften Frau vorbei, als ob sie nicht vorhanden sei. Das war Lore?
Nun war die Zeit gekommen, von der die Wiblinger Kinder beim Auseinandergehen geredet hatten: daß sie einander grüßen wollten, als ob nur eine einzige Nacht zwischen jenem Abend und diesem Morgen läge.
Aber welch ein Morgen war das. Stand hier Jugend und Schönheit und lachendes Leben in einer Person und bot ihm den funkelnden Becher der Freude? Er erschrak so, daß er kein Wort fand. Lore lachte, ein klingendes Lachen. Es war nicht das erste Mal, daß sie in eines Menschen Angesicht das Staunen las: daß es so Schönes geben konnte, hier in dieser niedrigen Stube, in dieser engen Gasse.
Das Lachen erlöste ihn. Er fand etwas von dem Kind darin, das er einmal gekannt hatte. Es war noch etwas anderes darin, aber das hörte er jetzt nicht. »Grüß Gott,« sagte er nochmals.
»Du bist -- du hast dich« -- er verbesserte sich -- »Sie haben sich« da stockte er. Er hatte sagen wollen, daß sie sich verändert habe. Da lachte Lore nochmals. »Das ist noch ganz derselbe,« sagte sie, »ganz derselbe. Hab ich mir's nicht so gedacht? Aber natürlich sagen wir noch du. Grüß Gott, Georg.«
Da atmete er befreit auf und faßte ihre feine Hand und schüttelte sie, daß Lore einen leisen Wehlaut ausstieß.
»Feiner bist du nicht geworden,« sagte sie und lachte. »Aber das tut nichts, das kommt noch alles. Wo solltest du das lernen? Komm da herein, du mußt mir erzählen, so lang und so viel, als Frau Judith auf dem Turm.«
Da ging sie ihm voran in die kleine Stube mit dem geblümten Sofa und zog ihn mit sich hinein. Frau Maute hatte wieder einen Kunden im Laden und nickte nur hinter den beiden drein. Da waren sie allein. Draußen, unter den Fenstern, zog der Neckar vorbei, nur durch ein schmales, steil abfallendes Gärtchen von ihnen getrennt. Rot und golden glänzten die Kronen der Ulmen und Platanen von den Alleen herüber; die Sonne stand am blauen Oktoberhimmel und leuchtete durch die bunten Farben der herbstlichen Welt und glitzerte auf den ziehenden Wellen, und füllte die kleine Stube mit Licht. Und in dem Licht saß Lore.
Georg Ehrensperger, der saß und staunte und fand das Wort nicht.
»Ich soll dich grüßen,« sagte er, »von Gertrud und von Franz, und von Rektors, beiden.« Aber seine Augen sagten etwas anderes.
»Wie bist du schön,« sagten sie, »bist du das wirklich?«
Die Sonne lag auf dem krausen, rotblonden Haar und ging streichelnd an der jungen, schlanken Gestalt hinunter, die von einem großen Meister so herrlich gebaut war. Sie mühte sich, auch in das Gesicht zu scheinen. Aber da wandte sich Lore kurz um, ganz nach der Stube zu. Sie brauchte die Sonne nicht im Gesicht, zwei funkelnde, dunkle Sterne hatte sie darin, die flimmerten und schossen lange Strahlen. Übermütig und sieghaft und ein wenig kindlich fragten sie: »Gelt, das hättest du nicht gedacht? Ja, sieh nur her und staune. Das geht dir nicht allein so.«
Aber als die beiden einander eine Weile angesehen hatten und Georg nun ein wenig hilflos dasaß, da fing Lore an zu lachen und sprang auf und fragte nach hunderterlei Dingen und holte die alten Zeiten hervor; da wurde auch er mit fortgerissen. Und dann trat sie plötzlich wieder in die Gegenwart ein; da wußte sie noch besser Bescheid als in der Vergangenheit.
»Das muß fein werden,« sagte sie. »Wo wohnst du? du mußt oft kommen, wir sind doch alte Freunde. Wir haben auch Studenten, oben im ersten Stock. Die bringen oft ihre Freunde mit sich. Lebhaft geht es da zu.«
Sie ging ans Fenster und sah auf die Neckarbrücke hinunter und wandte sich wieder um und lachte. Und dann horchte sie mit etwas vorgeneigtem Kopf nach der Ladentür hin. Dort klingelte es. Die Mutter ließ jemand hinaus, und gleich darauf wurde eine Männerstimme hörbar. »Fräulein Lore drin?«, und dann trat ein junger Mann ins Zimmer. Er trug die Farben eines vornehmen Korps, war hoch und breit gewachsen und hatte ein kluges, scharfes, herrisches Gesicht. Sein Hund kam hinter ihm drein, eine hohe, gelbe Dogge. Sie ließ sich zu Lores Füßen nieder und stieß einen winselnden Laut aus. Über Lores Gesicht flog ein feines Rot, als der Ankömmling einen großen Blick auf sie und dann einen auf Georg warf.
»Das ist ein Kindheitsgespiele von mir,« sagte sie, und bemühte sich, leichthin zu reden. »Wir haben miteinander Kirschen von den Bäumen gebrochen, und haben miteinander Märchen erzählt bekommen. Heut' seh'n wir uns zum erstenmal wieder. Das ist jetzt acht Jahre her. Nun staunt er, daß ich gewachsen sei.«
Aber sie sprach nicht so sicher und harmlos, wie zuvor. Die Augen des Neuangekommenen lagen auf ihr, das machte es wohl.
Der sagte nicht viel.
Als Lore ihren Gast vorstellte, grüßte er gemessen. Dann nahm er einen Schlüssel, der am Haken neben der Tür hing. »Ich habe den meinigen verloren,« sagte er, »Sie wollen, bitte, einen neuen bestellen. Und dann, gestern Abend fiel das Tintenfaß auf die Tischdecke. Sie ist unbrauchbar geworden. Die neue geht auf meine Rechnung. Komm, Harras.«
Die Dogge erhob sich zögernd. Sie schien es anders gewöhnt zu sein. Da tat ihr Herr einen kurzen Pfiff. Lore warf den Kopf zurück. »Geh,« sagte sie, und gab dem Hund einen leisen Schlag. Darauf verschwanden beide, der Herr und der Hund, in dem halbdunkeln Flur, und Georg hörte sie die Treppe emporsteigen.
Als er sich nach Lore umsah, war das sieghafte Lachen von ihrem Gesichte verschwunden. Sie stand am Fenster und biß sich auf die Unterlippe. Aber nur einen Augenblick. Dann schnipste sie mit den Fingern. »Komm, wir wollen weiter plaudern; er soll uns nicht drausbringen.« Aber sie war nicht mehr recht dabei. Georg war auch gestört. »Was ist das für ein Mensch?« fragte er. »Er scheint kurz angebunden. So ein Herrscher. Ist er immer so?«
»Nein,« sagte Lore, »er ist nicht immer so.« Ein verhaltenes Lächeln glitt über ihr Gesicht. »Es ist unser Mieter. Er hat das beste Zimmer und bezahlt es gut.« Und dann sah sie ihn an und dachte: »Du Kind. Du bist noch ein rechter Junge. Aber ein lieber, guter.« Und auf ihrem Gesicht gingen Rührung und Spott durcheinander.
Dann kam Frau Maute und entfaltete einen großen Wortreichtum und sagte, daß Georg sich hier fühlen solle wie zu Hause. »Wie zu Hause,« sagte sie, und sah ihn mütterlich an und nickte ihm ermutigend zu: »Ja, nicht wahr, die Lore? Was sagen Sie zu ihr? Aber das hat sie nicht gestohlen. Ich, als ich jung war.« »Mutter,« sagte Lore, und trat mit dem Fuß auf, »draußen ist jemand.«
Da entschwand sie, ohne den Satz zu Ende gesagt zu haben.
Es war eine starke Mischung von angenehmen und unangenehmen Gefühlen, mit denen Georg eine Weile später aus dem Hause trat. Aber die angenehmen überwogen bald.
Wenn das Gertrud wüßte. Wenn sie es sehen könnte. Unmöglich, die Lore zu beschreiben. Schön, er hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, und lieb und natürlich. Hie und da ein bißchen, -- wie sollte man's nennen? Er beschloß, es gar nicht zu nennen, das, was ihm nicht so recht gefiel. Er wußte kein Wort dafür.
»Das ist von der Mutter,« entschied er. »Solch eine Erziehung, ich danke. Das hätte wahrhaftig schlimmer ausfallen können.« Er konnte ihr vielleicht auch manches abgewöhnen, wenn sie nun öfters seinen Umgang genoß. So, abgewöhnen? Ja. Er richtete sich hoch auf, als seine Gedanken das fragten. Hatte sie nicht beim Abschied, noch unter der Haustür, gesagt: »Ach, Georg, ich bin anders als Gertrud, ganz anders. Ich glaube, es wäre einiges zu bessern an mir. Du mußt oft kommen. Wir wollen wieder gute Freunde sein. Weißt du noch? Das haben wir damals ausgemacht, im Rektorgarten unter dem Süßapfelbaum.«
Und dazu hatte sie ihn angesehen; es hatte ihn noch nie ein Mensch so angesehen. Georg versuchte sich den Blick vorzustellen, da durchströmte es ihn, warm und lebendig. Ja, also, so sollte es werden: er wollte, -- ach, was wollte er alles. Es war ihm so väterlich zu Mute, als ob er der Rektor Cabisius sei; das meinte er selbst.
Er meinte es sehr gut mit Lore, und mit sich selbst, und mit der ganzen Welt. Als er sich dessen versichert hatte, trat er einem alten Herrn, der um eine Ecke bog, wuchtig auf den Fuß, und erschrak so sehr, daß er vergaß, sich zu entschuldigen. Der alte Herr murmelte etwas Ärgerliches vor sich hin, schüttelte den Kopf, und hinkte ein wenig im Weitergehen. Georg kraute sich verlegen im Haar, und drehte sich, als er ihm eine Weile nachgesehen hatte, um, und stieg zu seiner Behausung empor.
* * * * *
Ob es Schicksal oder Neigung war, oder beides: Nun hatte er sich richtig wieder eine Stube in einer engen, winkeligen, alten Gasse gemietet. Er wußte nicht recht zu sagen, wie er dazu gekommen war. Er hatte einen Zettel heraushängen sehen: Zimmer, mit oder ohne Klavier, zu vermieten; auf der Hausstaffel waren zwei rotbackige Kinder gesessen; am Röhrenbrunnen, der vor dem Haus stand und sein Wasser plätschernd in einen Steintrog fallen ließ, war eine frische junge Frau gestanden und hatte sich mit einer raschen, kräftigen Bewegung das volle Wassergefäß auf den Kopf gehoben.
Die Kinder hatten sich ihr links und rechts an die Rockfalten gehängt, als sie ins Haus zurückging. Da war Georg hintendrein gegangen, er wußte nicht recht, warum. Die liebe, kleine Gruppe zog ihn hinter sich drein.
Es war ein Handwerkerhaus. Hinten vom Hof herein scholl eine wackere, arbeitsame Musik: schwere Hämmer, die auf Eichenholz niederfielen, lustige Schlegel, die raschen Taktes auf klingenden Eisenreifen tanzten. Ein Feuerschein flammte hoch auf und erhellte einen Augenblick den schmalen, halbdunklen Hausgang. Draußen schritten ein paar handfeste Gesellen hinter einander drein um ein großes Faß herum, um das sie eben die Reifen legten. Ein Lehrjunge trug eine Schürze voll Hobelspäne herbei und warf sie in das Feuer, das inmitten des werdenden Fasses brannte; es knisterte und stieg kerzengerade in die Höhe.
Georg trat unter die schmale Tür, die nach dem Hofe führte. »Romdibom, der Küfer kommt.« Ein Kinderreimlein fiel ihm ein, das so anfing. Sie hatten es in Wiblingen oft genug gesungen. Er hatte nicht übel Lust, sogleich damit loszulegen, denn das Bild im Hofe heimelte ihn stark an.
Da kam der Meister aus der Werkstatt in den Hof und auf ihn zu. Ein breiter, hochgewachsener, kräftiger Mann; er hatte die Hemdärmel an den sehnigen Armen hinaufgeschlagen bis über die Ellbogen; im Gurt der blauen Leinwandschürze steckte der eiserne Schlegel, die Mütze saß weit hinten auf dem dunklen, schlichten Haar; ein ernstes, bärtiges Männergesicht sah darunter hervor. Es war eins von den Gesichtern, deren Inhaber man ohne weiteres Geld und guten Namen zur Aufbewahrung anvertrauen würde, gewiß, daß man seinerzeit beides unverkürzt zurück bekäme.
Geradlinig, fest und sicher, und in den Augen etwas, als ob sie mit Kindern fröhlich zu lachen verständen.
Daß das letztere der Fall war, zeigte sich auch sogleich.
Als der Meister auf Georgs Frage, ob bei ihm das betreffende Zimmer zu vermieten sei, mit ihm ins Haus trat, kam aus der Küchentür, hinter der sie vorhin verschwunden war, die junge Frau wieder in den Hausgang, diesmal ein einjähriges Bürschlein auf dem Arm.