Alle guten Geister...: Roman

Part 13

Chapter 133,875 wordsPublic domain

Und der Lehrer konnte ihm dann mitteilen, daß auf diesen Gedanken schon einige Zeit vorher auch rechte Leute gekommen seien und daß sie ihn auch ausgeführt haben, aber daß es ihm ja unbenommen sei, sein Heil auch noch daran zu versuchen.

Und es war nur schade, daß jetzt die Sommervakanz kam und daß nach derselben auf des Professors Katheder ein anderer Mann stand. Und daß Georg Ehrensperger alles, was sich während der langen Wochen in ihm angesammelt hatte, samt seiner heimlichen Liebe, die nur einen Sonnentag erlebt hatte, auf den Pragfriedhof tragen mußte, wenn er es an den Mann bringen wollte.

Er brach aber einen Strauß von grünen Zweigen, und brach jedes Zweiglein mit Bedacht und es reute ihn nicht; den trug er dort hinaus.

* * * * *

Einmal, das war an einem Werktag, da war ein außergewöhnlicher freier Nachmittag. Cannstatter Volksfest. Die Stadt war wie ausgeleert. Es schien, als ob alle Menschen dort unten auf dem Festplatz seien; niemand auf den Straßen, niemand an den Fenstern. Frau Mollenkopf war auch fort; sie war mit einer Nachbarin gegangen. Es mußte schon etwas so überwältigendes sein, wie das Cannstatter Volksfest, wenn sie am Werktag frei machte.

»Aber,« hatte die Nachbarin gesagt: »am Volksfest schaffen? Das kommt mir vor, wie eine Sünd'. Einmal der Brauch ist's nicht.«

Ja, und gegen den Brauch wollte Frau Mollenkopf nicht angehen. Da zog sie ihr zweitbestes Kleid an und zog mit der Nachbarin aus. Georg Ehrensperger war auch dort drunten gewesen; gestern gegen Abend. Die ganze Klasse war dort gewesen und er mit. Karussell, Schießbuden, Wachsfigurenkabinette, Moritatensänger, neues Sauerkraut und warme Würstchen, neuer Wein.

Er hatte genug von gestern.

Nun saß er am Klavier und übte. Er wollte den ganzen Nachmittag dazu benützen. Er mußte vorwärts kommen, es ging viel zu langsam für seinen Geschmack. Das war nicht nur so, wie zu Haus in Wiblingen unter der Bettdecke, wo es mühelos gegangen war. Hier, in der Wirklichkeit, da gab es Fingerübungen, fünfzig mal dieselbe, und dann zur Abwechselung Tonleitern.

»Sie haben etwas spät angefangen,« sagte der Lehrer tröstlich, »das kommt noch; nur Übung, Übung.«

Ja, da saß er denn und übte. Aber ob er es jemals dazu bringen würde, so zu spielen, wie sein Lehrer?

Er zog während der Schulstunden an den Fingern, daß sie knackten. Das sollte ja gut für die Gelenkigkeit sein.

Nein, das war wohl nicht möglich, daß er je so weit kam. Zuweilen, da konnte es ihn förmlich rütteln. »Ich will aber,« sagte er zu sich selbst und zu Ernst Daxer, der immer bereit war, ihn anzuhören. Und dann konnte sich Frau Mollenkopf segnen, wenn er im Gymnasium war, und segnen, wann er in seiner Stube saß und zu lernen hatte. Denn im Übrigen gab es keine Rettung, weder für ihre Ohren, noch für ihr altes Klavier.

Es war ein Klimperkasten; aber da war nun nichts zu machen, Georg fand, es sei immerhin besser als gar keins.

Wenn nur das Denken nicht wäre.

Es wäre ein solch schöner, ungestörter Nachmittag gewesen.

Aber nun fiel ihm ein: ob er wohl später, wenn er das alles in den Fingern hatte, und wenn er einmal ein rechtes Klavier besaß, ob er dann alles das, was ihm so eigenes durch den Kopf ging, spielen konnte? Nicht nur so ein bißchen verlegen in der Dämmerung -- nein, recht wie es sein mußte? Am Ende gar niederschreiben? Aber dazu mußte man noch ganz andere Dinge lernen, soviel wußte er nun auch von der Sache.

Während dieses Nachdenkens lagen die Hände ruhig auf den Tasten. Dann erschrak er und spielte weiter. Es war eine dumme Geschichte, das war nicht zu leugnen: er hätte das alles schon lang lernen sollen, dann wäre er jetzt weiter. Eine einfache Wahrheit; aber nun war es so, wie es war. -- Der Milchwagen da unten; die Blechkanne stießen beim Fahren aneinander; im Dreivierteltakt, dachte er. Aber eine davon, die ratterte immer dazwischen, ratatat--ta. Es war unausstehlich. So, nun war es vorbei.

Er konnte wohl auch eine Pause machen, das Übungsstück war nicht so überaus anziehend. Ja, um es recht zu sagen, er hatte es plötzlich dicksatt. Er nahm es und warf es mit Wucht auf den Klavierdeckel, da rutschte es weiter und fiel zu Boden. Von dort mußte es Georg später wieder aufheben, das war alles, was damit erreicht war.

Obwohl gar nichts besonderes auf der Straße zu sehen war? Nein, nach vorn heraus nicht. Aber vielleicht im Hof? Es konnte ja ausnahmsweise sein. Ja, da stand ein kleiner, buckliger Mann und spaltete Holz. Georg kannte ihn vom Sehen, er wohnte im Hinterhaus und ging als Holzspälter auf Taglohn und hatte eine große, starke Frau. Sonntags, da gingen die beiden schon des morgens mit den Gesangbüchern aus dem Haus; also wohl in die Kirche. Der Mann trug dann immer einen langen, schwarzen Rock; es sah eigentlich drollig aus: die kleine, gebückte Gestalt, und die langen Rockschöße, die fast auf dem Boden hingen.

Georg hatte plötzlich Lust, den Mann ein bißchen kennen zu lernen. Es war sicher besser, ein wenig mit dem Spielen auszusetzen. Es ging nachher um so frischer voran. Als er so weit war in seinen Gedanken, ließ er eins der Handtücher, die zum Trocknen aus dem Fenstersims ausgebreitet waren, in den Hof hinunterfallen. Ja, es muß gestanden werden, daß er es tat. Er hätte ja ruhig hinuntergehen können und ein Gespräch anknüpfen. Aber so war Georg Ehrensperger nun eben nicht beschaffen. So hätte es Gertrud Cabisius gemacht; daran dacht er im Hinabgehen. Denn nun mußte er das Handtuch wieder holen.

Der kleine Mann drehte sich um und sah auf, als er die Tür hinter sich knarren hörte. Da stand der lange, schmale, junge Mensch vor ihm. »Ich -- es ist mir etwas« -- nein, nun mochte er doch nicht lügen. Er bückte sich und hob das Tuch auf. Aber der Holzspälter war nicht schwerfällig. Er hatte gleichfalls Lust zu einem kleinen Schwatz. Er hatte ein rundes, freundliches Gesicht, das an beiden Seiten von einem schmalen, dunklen Bart eingerahmt war. Das Kinn war glatt rasiert. Auf dem Kopf prangte eine mächtige Glatze. »So?,« sagte er, »nicht auf dem Volksfest, junger Herr, hm?« »Nein,« sagte Georg, und, da ihn beim Anblick des kleinen Mannes ein heimatlich-behagliches Gefühl überkam, so wuchs ihm der Mut, hinzuzusetzen: »Und Sie, Sie sind ja auch nicht dort.«

»Ha, ha,« lachte der Holzspälter und trennte mit einem mächtigen Hieb ein Stück Holz in zwei Teile, »das wär ja schön. Ich da unten! Nein, wissen Sie, alles was recht ist, ich kann Holz spalten, wie einer. Aber so extra gewachsen bin ich nicht, daß ich mich grad auf dem Volksfest zeigen möchte. Ha, ha,« er lachte wieder, es schien ihm ein erheiternder Gedanke zu sein, daß er dort drunten seinem Vergnügen nachgehen könnte, er!

»Meine Frau ist hingegangen,« fuhr er fort, »natürlich. Wissen Sie,« nun reckte er sich aber doch ein wenig und legte die geballte Faust auf die Brust, »bei mir, da tät es sich auch wegen des Standes nicht recht schicken, daß ich zu so was ginge.«

Georg machte große Augen. Wegen des Standes?

»Ja,« sagte der Mann, »das sieht man mir nicht an, wenn ich Holz spalte; ich bin so ein bißchen geistlich, wenn man so sagen will. Kirchlicher Beamter. An der Hoforgel; Orgeltreter in der Schloßkirche.« Sein Gesicht drückte plötzlich etwas wie Würde aus; es war ihm vollständig ernst mit dem Stand. »Man muß immer wissen, was sich schickt,« sagte er.

Da kamen sie denn unversehens in ein dauerhaftes Gespräch. Es fiel Georg Ehrensperger nicht ein, zu lachen. Er interessierte sich für die Orgel, er fand es viel schöner, selbst etwas damit zu tun zu haben, als nur zuzuhören. Und er gestand, Orgelspielen, das gehöre zum Höchsten; wenn er heimkomme nach Wiblingen, in der großen Vakanz, dann wolle er es versuchen; er bekomme schon den Schlüssel, das wisse er. Der Hoforgeltreter staunte. Das war ein kühner Gedanke; ihm, das mußte er gestehen, war es immer unbegreiflich, wie man es so weit bringen könne. Mit Händen und Füßen zu spielen, das war doch schon eine Leistung. »Aber freilich,« nun lachte er wieder, »ich hab's in der Musik auch nicht weit gebracht. Alles, was recht ist. Auf einem Kamm blasen, das kann ich, und das Orgeltreten, das versteh' ich, wie einer. Aber mein Sohn, der!« Er schüttelte den Kopf, als ob ihm jeder Ausdruck fehle, zu sagen, was sein Sohn für einer sei. »Der ist bei den Posaunenbläsern auf dem Stiftskirchenturm. Alle Achtung.«

Ja, das war so das richtige Thema für die beiden.

Georg Ehrensperger saß auf der Holzbeige und der Alte, er hieß Knupfer, auf dem Haublock.

»Wenn einer will,« sagte er, »wenn einer weiß, was er will. Der? der hat's wohl gewußt. Jawohl, junger Herr. Alles was recht ist.

Ich hab' ihn zu einem Schreiner in die Lehr' getan. Aber immer gepfiffen und gesungen, und immer Musik im Kopf. Hat alle Pfennig zusammengespart, wissen Sie, hat allemal Trinkgelder bekommen, wenn er die toten Leut hat müssen helfen in die Särge legen. Ja, und da ist beim Vorkäufer da drüben ein Piston feil gewesen, ein altes Ding, aber noch gut. Das hat er gekauft, als er die Hälfte des Geldes beieinander hatte; die andere Hälfte hat er nach und nach bezahlt. Der Vorkäufer, der kann auch rein alles, der hat ihm die Griffe gezeigt. Und da ging's an. Aber, o je, als der Bub in seiner Kammer hat blasen wollen, da ist der Meister gekommen, der Schreiner. Hat einen Kopf gehabt, so rot wie, wie --« er sah sich vergeblich nach einem Vergleich für die Röte von des Meisters Kopf um, es gab nichts so rotes -- und hat gesagt -- und hat geschrieen: 'Still, auf der Stell', und daß ich das nimmer hör. Meine Frau sitzt drunten und hat die Händ' vor den Ohren. Meinst du, ich woll' deinethalb um den Hausfrieden kommen?'

Denn, junger Herr, die Frau Meisterin, die hat das Heft in der Hand gehabt und der Meister, der hat so tun müssen, wie sie wollte.

Und als er gesehen hat, wie dem Buben alles verhagelt war, und daß ihm das Wasser in die Augen geschossen ist, da -- er ist so unrecht nicht gewesen --, da hat er gesagt: 'Wenn du's einmal kannst, dann darfst du blasen, sauber und glatt, dann hat meine Frau -- dann haben wir nichts dagegen. Aber vorher nicht.'

Alles was recht ist, junger Herr. Es tut nicht schön, -- obgleich ich nicht viel davon verstehe, -- wenn einer ein Blasinstrument an den Mund setzt, das er noch nicht zu blasen gelernt hat.

Aber das muß ich doch sagen, wenn er sich nicht üben darf, dann lernt er's auch nicht. Also, so war's bei meinem Buben.

Aber, das hab' ich schon einmal gesagt und sag's noch einmal: wenn einer weiß, was er will. Da hat der Bub ein ganzes Jahr lang jeden Abend in den Kleiderkasten hineingeblasen, kein Mensch hat's gehört, und hat sich geübt. Und als das Jahr herum war, da hat er eines Abends das Fenster aufgemacht und hat über die Gasse hin geblasen: »Wie schön leucht't uns der Morgenstern,« und hat zu keinem Menschen etwas gesagt. Und am andern Morgen sagt der Meister beim Kaffee: »Wilhelm, wenn du's so könntest, wie der, der gestern Abend geblasen hat in der Nachbarschaft, dann hätt' kein Mensch etwas dagegen. Siehst du? Der kann's.« Da hat mein Wilhelm ein Schelmengesicht gemacht und gesagt: »Meister, das bin ich gewesen.«

Ja, und von da an, sehen Sie, junger Herr, da ist er über das Gröbste hinüber gewesen. Und jetzt? hab' ich's schon gesagt? jetzt ist er bei den Stadtzinkenisten auf dem Stiftskirchenturm. Ja, und so weit kann's der Mensch bringen, wenn er sich übt in der Geduld und wenn er das Schenie dazu hat.«

Da glitt Georg Ehrensperger von seinem hohen Sitz herunter und sagte, daß er nun wieder ins Haus müsse und gab dem Alten die Hand.

Und es war eine Pause von einer halben Stunde gewesen, und der Nachmittag lag noch ebenso still über der Altstadt, und das Notenheft lag noch auf dem Boden, ganz wie vorher.

Aber nun hob er es auf und machte sich dahinter und tat, wie Knupfers Wilhelm, er übte sich in Geduld, und als Frau Mollenkopf nach Hause kam, da übte er auch sie in der Geduld, und es ging ihm wie allen, die auf mühseligen und eintönigen Wegen an ein ersehntes, schönes Ziel gelangen müssen: er kam, einen Schritt um den andern, -- um noch einmal mit dem Hoforgeltreter Knupfer zu reden »über das Gröbste hinaus«.

Viertes Kapitel

Inzwischen war weder in Wiblingen noch sonstwo auf der Welt das Leben stehen geblieben. Die Alten waren mehr in das Alter und die Jungen mehr in die Jugend hineingewachsen.

»So,« sagte Gertrud Cabisius, als Georg nach dem Maturitas nach Hause kam, »das hätten wir hinter uns.« Immer noch »wir«, wie einst, da sie als Kinder unter dem Apfelbaum saßen und Pläne schmiedeten.

Dort saßen sie auch jetzt wieder, dort und an allen alten Plätzen. Aber nun waren sie groß geworden. Er lang und schmal und etwas blaß, immer noch mit leichten Sommersprossen auf der Stirn, immer noch mit dem weichen, etwas verlorenen Gesichtsausdruck, den Kopf manchmal wie horchend etwas vorgeneigt, immer noch leicht zu hohen, starken Gefühlen entflammt, die ihn wie Flügel trugen, und leicht auf die Erde geworfen, die Nase nach unten. Sie breit und hoch gewachsen, mit kräftigen, etwas schweren Bewegungen, trug den stark entwickelten, klugen Kopf, um den die braunen Zöpfe lagen, sicher und aufrecht, so, wie ein guter, junger Baum seine Krone trägt. Ihr Gesicht war ein wenig bräunlich, breit und offen, der Mund schmal und fein, die Nase, die war ihrer Großmutter geheimer Kummer, denn sie nahm entschieden ein bißchen viel Platz ein, die Augen braun, klug und warm dabei.

»Wenn sie ein Mann wäre,« dachte die Großmutter im Stillen, »dann wär alles gut.« Dem Rektor war die Enkelin recht, wie sie war; er fand so viel Erfreuliches an ihr, daß er nicht noch mehr begehrte.

Er hatte im vergangenen Herbst Feierabend gemacht. Achtundvierzig Jahre seines Lebens hatte er der Jugend gewidmet. Als er ging, hatten sie in der Wiblinger Lateinschule ein Fest gefeiert, mit Reden und Gesängen, und man hatte ihm gesagt, daß er ein gutes und wackeres Werk vollbracht habe, und hatte ihm eine goldene Taschenuhr von beträchtlicher Größe und Dicke gewidmet, und ein Schüler hatte ihm in Versen gewünscht, daß diese Uhr noch viele freundliche Stunden für ihn zeigen möge. Es war ein schönes Fest gewesen; und jedermann fand, daß dem alten Herrn nun das Ausruhen zu gönnen sei; auch der neue Rektor, der ein feuriger, eifriger Mann war, fand das. Und es gehörte offenbar zu den Schwächen des Alters, das sich nicht mehr leicht umgewöhnen kann, daß der Rektor Cabisius sein gewohntes Tagewerk und seine Jugend dennoch vermißte.

Aber das sollte er nicht lange tun.

»Großvater, jetzt soll's fein werden,« sagte Gertrud und nistete sich in der Studierstube ein, und schlug alle die Bücher auf, nach denen ihr lebendiger, junger Geist stand.

Da ging es dem alten Herrn wieder wie einst: »Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg, es ist eine Freude, ihr zuzusehen, und eine Freude, sie zu unterrichten.«

Da freuten ihn denn bald seine freien Jahre wieder. Er hatte die Jugend bei sich im Haus.

Die Großmutter konnte sich billigerweise auch nicht beklagen. Eigentlich und im Grunde tat sie's auch nicht. Die Gegenwart war ihr recht, nur die Zukunft machte ihr hie und da Sorge.

Aber sie hatte nicht viel Zeit, darüber zu grübeln, obgleich sie immer noch im Lehnstuhl saß und sich nicht fortbewegen konnte. Denn nun horchte sie wahrhaftig noch zu, was die beiden mit einander zu bereden hatten. Sie wollte nicht allein im Wohnzimmer sitzen, obgleich der Rektor sagte: »Wenn dir's aber zuviel wird, Anne?« Es fing allerlei an, sie zu interessieren, wozu sie früher nicht so die ruhigen Gedanken gehabt hatte. Von unseren Vorfahren von alten Zeiten her, und wie das deutsche Land aussah, zur Zeit von Christi Geburt und noch früher.

Einmal, da nickte sie sehr einverstanden mit dem Kopf. Das war, als die Rede darauf kam, wie die alten Frauen, die unter unseren Vorvätern lebten, in so hohen Ehren standen. Von der Last der Jahre gebückt, den Schnee des Alters auf dem Scheitel, zahnlos der Mund, aber noch glänzend das Auge, so wohnten sie unter den ihrigen und sahen Enkel und Urenkel, und die starken Männer, rauh vom Jagd- und Kriegshandwerk, gingen ehrerbietig mit ihnen um, und die Jugend zügelte vorlaute Reden, wenn die Ahnfrau sprach.

Ja, manchmal erhob sich eine zusammengekauerte Gestalt vom Herdfeuer, an dem sie gesessen, zu voller Höhe, wann der Feind ins Land fiel oder wenn die Barden neue, seltsame Nachrichten brachten von fremden Göttern und Völkern. Und sie reckte die Hand aus und deutete Vogelflug und Wetterzeichen, verwob Vergangenes und Künftiges und sprach verheißende Worte und sank wieder auf den Ruhesitz zurück. Und im Kreise ging ein Gemurmel: »Hört ihr's, was die Ahnfrau sprach?«

»Abgesehen von der unchristlichen Zeichendeuterei,« sagte die Rektorin, »wäre es nicht übel, wenn heutzutage noch etwas davon übrig wäre. Aber das ist nun anders. Wo in aller Welt hat eine alte Frau noch etwas zu sagen?«

Da waren sie schon neben ihr.

»Ja, jetzt lacht ihr; das Lachen, das soll wohl etwas helfen?«

»Aber Anne, wer hat denn zum Beispiel hier in diesem Hause etwas zu sagen außer einer gewissen alten Frau?«

»Großmutter, du kannst dich nicht beklagen.«

»So? Ich alte Frau sitze hier und soll das alles mitanhören. Still. Ich rede nicht von heute. Aber gestern, das mit den Erdschichten, und wie die Gletscher entstanden und die Gebirge und Meere. Was soll ich damit? Auch habe ich starken Verdacht, daß es nicht christlich sei, dem allem nachzugrübeln. Wenn wir das wissen sollten, stünde es in der Bibel.«

»Aber Anne; Gott hat ein Haus gebaut und wir sollten als Kinder des Hauses nicht darin umherstöbern dürfen, und, so viel Kinder verstehen können, nachsehen, wie das Kellergewölbe beschaffen ist und das Fachwerk und das Dach? Weil uns das nicht von vornherein gesagt ist, sollen wir uns nicht besinnen dürfen und nicht fragen? Anne, es bleibt noch genug übrig, das nicht zu ergründen ist; davon wollen wir die Hände lassen und warten, ob der Vater uns einmal als erwachsene Söhne wird in seinen Bauplan mit hineinsehen lassen. Wenn nicht, müssen wir auch so zufrieden sein.«

Dagegen wußte sie nichts zu sagen.

Sie saß und hatte die dick geschwollenen Füße auf einen hohen Schemel gelegt und mit Decken umhüllt, und war von Liebe umgeben. Sie wußten es wohl, daß das nicht mehr anders komme, bis -- ja bis. Unser Leben währet siebenzig Jahre und wenn's hoch kommt, achtzig Jahre. Fünfundsiebenzig war die Rektorin und ihr Gatte siebenundsiebzig. Das sprach von selbst. Nun kamen die geschwollenen Füße hinzu. Aber sie gingen wie bisher miteinander weiter, jedes nach seiner Art und wußten, daß sie zusammengehörten.

Es war nie mehr die Rede davon, daß Gertrud ein Examen machen sollte. Es ging alles fort wie bisher; nur daß die alte Frau weiter hinaussorgte, nicht für sich, für das Kind. Ihr Gatte tat das nicht. Es war früher umgekehrt gewesen; da hatte #er# in die Ferne gesehen, nun tat #sie# es.

»Ich könnte es dem lieben Gott überlassen,« sagte sie, »aber Gertrud ist anders als andere Mädchen, das ist es, was mir Sorge macht.«

»Ach, du denkst: Diese Spezies ist dem lieben Gott noch nicht vorgekommen, da muß schon die Rektorin Cabisius eingreifen?«

Da sah sie zu ihm auf, mit demselben Blick wie in jungen Jahren, rasch aufflammend und ein wenig ärgerlich, und dann, wider Willen lächelnd, wenn die Augen einander begegneten, und dann immer stiller.

Er hatte ja Recht. Was konnte das Sorgen helfen? War nicht immer alles gut geworden? Da lehnten sie ihre grauen Köpfe aneinander und saßen still beisammen.

Gertrud focht die Zukunft noch nicht an. Sie war siebzehn Jahre alt, und das Leben fing erst an, ihr seine Weiten aufzuschließen. Es verstand sich von selbst, daß es schön wurde; es war aber auch jetzt schön. Reich war es. Sie erzählte ihrem Kameraden, Georg Ehrensperger, der in der Vakanz daheim war -- er rüstete sich zur Hochschule -- von allem, was dazu gehörte. Sie stand in der Küche; mitten in der Küche stand ein weißer tannener Tisch, darauf die große, steinerne Teigschüssel. Den Teig darin klopfte sie mit viel Kraft und in vielen Pausen. Die Pausen hingen mit der Unterhaltung zusammen.

Georg Ehrensperger saß auf der Wasserbank, links und rechts von ihm standen hölzerne Wassergölten.

»Du wirfst noch eine davon hinunter, du solltest dich anderswo unterbringen,« sagte Gertrud.

Er lachte behaglich.

»Ich sitze gut hier. Was soll aus dem Teig werden?«

»Weißbrot. Großmutter ist jedesmal in Sorge, daß es speckig werde oder sonst mißrate, wenn ich den Teig nicht unter ihren Augen mache. Ich muß ihn besonders gut durchschaffen.«

Sie gab dem Teig ein paar kräftige Stöße.

»Ich bin siebzehn. Brotbacken ist nicht schwer. Ich bin froh, daß ich nicht buntsticken muß. Großvater hat mir geholfen, er sagt, man komme auch so durch die Welt. Kochen und backen aber, das soll ich. Das tu' ich auch gern.«

»Da hat er Recht«. Georg nickte sachverständig.

»Du schlägst aber die Schüssel auseinander. Was für feste Arme du hast.«

»Nicht?« Sie reckte sich. Die Ärmel ihres Hauskleids waren bis über die Ellbogen hinaufgeschlagen.

Da kam ihr ein guter Gedanke.

»Wir wollen sehen, wer stärker ist. Das ist jetzt drei Jahre her, seit wir nicht mehr gerungen haben. Komm.«

Sie setzte immer noch wie einst ihre Fußstapfen neben die ihres Kindheitskameraden. Geistig und körperlich war sie stark und frisch.

Er blieb behaglich auf der Wasserbank sitzen.

»Du mußt dir vorher die Hände waschen, sonst teigst du mich ganz und gar ein. Nachher. Du zwingst mich nicht nieder, bilde dir nichts ein.«

Die Rektorin Cabisius wäre nicht besonders hoffnungsvoll für das Gelingen des Weißbrots gewesen, wenn sie gesehen hätte, wie das nun ging. Eins, zwei, drei, Laibe geformt, in die Körbe gesetzt.

»Was sagst du, Marie? Nicht genug durchgeknetet? Ist nicht möglich. Denk' einmal, als Sarah Kuchen buk, damals im Hain Mamre, da saßen die drei Männer schon und warteten aufs Essen. Wenn die hätte eine Stunde lang Teig kneten wollen! Ich bin überzeugt, daß die Kuchen gut wurden und daß das Weißbrot vorzüglich wird.

Schüttle den Kopf nicht so bedenklich, du bist nicht so viel älter als ich!«

Marie war das Mädchen. Sie stand an der Spülbank und warf hie und da einen Blick hier herüber. Achtzehn war sie, klein, rund und rotbackig, mit lustigen, braunen Augen; eins davon schielte, aber das sah immer nach einer Schelmerei aus. Es konnte ihr einerlei sein mit dem Brot, aber sie war dennoch überzeugt, daß es nicht genug durchgeknetet sei.

»So, jetzt komm,« sagte Gertrud, »du bist doch wohl nicht zu gediegen für so etwas?«

Da warf Georg den Kopf zurück und reckte die Arme: »Komm.« Es wurde aber nicht entschieden, wer stärker sei, denn sie warfen richtig das eine, volle Wassergefäß um.

»Es ist zu nah am Rand gestanden,« sagte Gertrud, »es kippte gleich um.« Dann half sie, den Küchenboden aufzutrocknen.

* * * * *

Es wurde auch in allerlei andern Dingen nicht entschieden, wer stärker sei. Dazu nahmen sie es nicht ernst genug, wenn sie je einmal daran gingen, sich zu messen.

Marie mußte noch oft den Kopf schütteln. So etwas hatte sie doch ihrer Lebtage noch nicht gesehen.

Manchmal, da schienen sie zwei richtige Kindsköpfe zu sein.