Part 11
Das hatte sie nun schon oft gesagt. Aber noch war sie nicht dahin gekommen. Der Rheumatismus dauerte schon eine ganze Weile und die Beine versagten den Dienst. Da war nichts zu machen. Es war keine Kleinigkeit, und das nicht wegen der Schmerzen allein. Mußte sie nicht alles aus den Händen geben, was sie allein richtig besorgen konnte? Und mußte sie nicht den alten Hollermann, der nun allmählich bettlägerig wurde, mußte sie ihn nicht liegen lassen, wie er lag? Sie war schon längst gut Freund mit ihm geworden. Aber was konnte das nun helfen? Hier saß sie, und auf dem Turm saß Frau Judith; sie lagen beide sozusagen an der Kette, und da draußen war eine Männerwirtschaft ohne gleichen. Die Frau Rektorin konnte sich denken, wie es zuging, obgleich ihr der Gatte lauter Liebes und Gutes erzählte. Meister Nössel kam täglich, das Bett zu machen, und manchmal fegte er auch die Stube aus, und das Essen -- ja das Essen, das schickte sie ja freilich durch Gertrud hin, und der Rektor trug öfters eine Flasche Wein in der Rocktasche hinaus. Aber dennoch, es wurde sicherlich eine Menge versäumt, das konnte gar nicht anders sein, wo kein Frauenauge wachte.
»Mann, du hast geraucht. Du kommst doch von draußen herein? Voll Pfeifengeruch ist dein Ausgangsrock.«
Er saß neben ihr auf der Seitenlehne des Großvaterstuhls. Er war eben nach Haus gekommen.
»Natürlich hab' ich.« Er nickte vergnügt.
»Es war immer so langweilig draußen bei Hollermann. Man will sich doch hie und da eine Stunde zu ihm setzen. Aber ohne Pfeife? Da hab' ich gestern die mittellange mitgenommen. Nössel hat die seinige auch gebracht. Es war ein feiner Einfall. Wir saßen ums Bett und rauchten. Hollermann auch. Er hat sich ein kleines Loch ins Kopfkissen gebrannt; da lag ein Stückchen Fidibus, das glimmte so fort. Wir sahen es erst, als ein paar Federn angesengt waren. Nun haben wir das Loch mit einem Bindfaden zugebunden, wie man einen Sack zubindet; es ist grad an der Ecke. Wir haben als Buben manchen Apfelsack miteinander zugebunden. Fein war das damals, wir kamen heute stark an jene Zeiten.«
Aber nun fand die Frau Rektorin endlich Worte.
»Und das erzählst du mir noch? Seid ihr immer noch Schuljungen, oder wie? Setzt euch zusammen und raucht? Und Hollermann liegt im Bett, und weißt du, was mir der Doktor gesagt hat? 'Das erlischt so vollends wie ein Licht,' hat er gesagt. Er mag den Alten wohl leiden. Wollt' ihr ihn vollends aus dem Leben räuchern?« Sie fand es schwer, dort draußen nicht die Zügel in der Hand zu haben. Dies hatte alles keine Art.
Der Mann war nicht besonders schuldbewußt. »Sieh' einmal, Anne,« sagte er, »nun hat Hollermann schon fünfundsiebzig Jahre lang geraucht. Nein, nicht ganz so lang, obgleich wir als Buben schon Kartoffelkraut rauchten. Aber doch nicht viel weniger. Nun laß' ihn vollends. Es sei ihm schädlich? Ach, Anne, was ist da noch zu schaden? Das weißt du ja. Und es ist so behaglich. Nein, nun laß' uns nur.«
Da mußte sie auch hier die Hände vom Spiel lassen. Das Weltrad ging herum wie sonst. Aber es war schwer einzusehen, daß es ohne der Frau Rektorin tätiges Eingreifen ging.
Es ging herum wie sonst. Und eines Tages ging es auch ohne den alten Hollermann. Der war leise davon gegangen. Ihm war nie ein Zweifel darüber aufgestiegen, daß es auch ohne ihn gehe. Er hatte die letzten Tage mit stillen und staunenden Augen vor sich hingesehen und nicht mehr viel gesagt.
Da wollte eine Tür aufgehen, und hinter der Tür, was da wohl war? Darauf richteten sich nun alle Sinne in einer großen und feierlichen Erwartung.
* * * * *
Im November bekam Georg Ehrensperger folgenden Brief mit der sauberen, etwas eckigen und etwas schnörkelichen Handschrift des Schneidermeisters und Turmwächters Nössel:
Lieber Georg!
Indem ich es als eine Pflicht in die Hand hinein versprochen habe, tue ich Dir zu wissen, daß unser gemeinsamer alter Freund und Schulkamerad Hollermann heute nachmittag begraben worden ist. Zu liegen kam er neben den reichen Lohgerber Kümmerle, der sich noch diesen Sommer ein neues Haus gebaut hat, und ist der eine gern gegangen und der andere ungern, und das ist, soviel man von hier aus sehen kann, der ganze Unterschied. Denn hinüber sieht man nicht und muß warten, bis es an der Zeit ist und wird wohl bei uns Alten nicht allzu lang dauern damit. Sagen soll ich Dir aber von dem alten Hollermann, daß Dir seine Flöte gehören soll und daß Du daran denken sollst, wenn Du sie blasest: daß, wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der muß in die Stille gehen und muß allein sein und horchen. Und darf nicht fragen: Ist es so den Leuten recht? sonst schallen die Pfeifen und Trommeln von den Jahrmärkten hinein und der rechte Ton geht darüber verloren, daß man auf zweierlei hat gehorcht. Lieber Georg, der alte Hollermann ist ein Sinnierer gewest, und Frau Judith, als ich ihr das erzählte, was ich Dir schreiben soll, hat gesagt, daß Du erst müssest in das Leben hineinwachsen, eh' Du das verstehest, und sollest nur derweil gradaus gehen und Deine Schuldigkeit tun, das andere, das komme schon noch dran.
Und wird es bei uns immer leerer, da der Alten nur noch wenige sind, und die Jungen wachsen herauf, und ist das wohl immer so gewest, seit Anbeginn der Welt.
Die Gertrud sitzt auch da am Tisch, da ich dieses schreibe, und treibt ihren Scherz mit der Frau Judith, und sagt, sie möchte gern ein Mann sein und ein Professor werden, nur des Lernens und der Bücher wegen. Und kriegte ich keinen kleinen Schreck, als ich das hörte, denn es tut nicht gut, daß ein Mädchen so sehr an der Männer Weisheit hängt; sie gehen darüber der lieblichen Einfalt verlustig. Aber Frau Judith ist nicht ängstlich. Sie hat gestern vom Fenster aus gesehen, daß die Gertrud den Karren der Sandröse, der naß und schwer war vom Regen, den ganzen Mühlberg herauf geschoben hat. Und hat die Röse nicht gewußt, wie ihr geschieht. Du weißt, sie ist alt und mühselig und kam nicht mehr so fort mit dem schweren Karren. Und da sie sich umsieht und will sich bedanken, läuft das Mädchen schon wieder den Berg hinunter mit langen Schritten. So sagt nun die Judith, daß es keine Not habe, solange eins die Augen offen habe für die Armen und Geringen, und greife kecklich zu beim Helfen. Das sei das Rechte, das den Frauen zieme. Da muß ich wohl still sein. Auch ist die Gertrud noch fast ein Kind. Es dünkt mich, ich habe mein Leben lang nicht solchen langen Brief geschrieben. Es ist am Dunkelwerden, ich muß Betzeit läuten. So grüße ich Dich denn, von mir und der Judith. Und vergiß nicht Gottes und der Alten.
Dein wohlgesinnter Freund und Turmwächter
Friedrich Nössel, Schneidermeister.
* * * * *
Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben war, der Länge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig, wie das Ebenen- und Hügelland von Niederschwaben und Franken. Indessen, es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein wenig bedrückt und wußte nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte es vor sich selbst nicht Wort haben. Draußen ging der Novembertag in die Abenddämmerung über. Grau und eintönig, wie er vom Morgen an ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrückt, wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.
So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht. Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhängig. Das hat er erst später abgeschüttelt.
Da, als er so lag und in die Stube hineinsah -- (es war eine lange, schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen, gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er, und stand nicht auf dazu, und zündete nicht die Lampe an, und las das ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit dem Brief in sich hinein.
O Heimat! da brach es los.
Vielleicht gibt es schönere Namen dafür, aber Ernst Daxer, der am Abend eine Weile kam, der sagte sachverständig, es sei das »heulende Elend«, das den Freund befallen habe, und sagte, daß das eine Krankheit sei, die jeder einmal kriege.
-- Er ließ den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine hinauf, um wenigstens sein bißchen Ich nahe beieinander zu haben, und drückte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und dann schluchzte er drauf los.
Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und Vertrauter, da es seine Tränen in den grün und braun gestreiften Überzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren, aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken. Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tägliches Vesperbrot zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rücksicht genommen werden. Er war so trostbedürftig, und dies hier war etwas von zu Hause. Da aß er denn, still und beharrlich, einen Löffel voll um den andern. Zuerst stieß es ihn noch, es tropften noch einige Tränen in den Topf. Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.
Als der Topf so ungefähr halb leer war, zündete er die Lampe an und las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und in der rechten den Löffel, den führte er so sachte hin und her. Das Mus war gut. Er hatte nun wieder Verständnis dafür. Also der alte Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht recht vorstellen, daß er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerfloß nicht mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er die Flöte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der Stelle war, die von Gertrud erzählte, wie sie den schweren Sandkarren der alten Röse den Berg herauf geschoben hatte, spürte er einen starken Kitzel im Halse. Er mußte lachen, mitten in die Trübsal hinein. Da war er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er faßte ihre Tat nicht so sehr vom Standpunkt der Nächstenliebe aus auf, mehr als einen lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt: »aus #der# wird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist über einen Buben.« Das hatte ihm mächtig gefallen; gerade so mußte sie sein, ein rechter Kamerad, gescheit, kräftig, heiter und immer bei der Hand zu allem frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fünf Wochen bis Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mühe wert, ihn zuzubinden. Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde. Zwetschgenmus gehört zu den Tröstungen, die man mäßig genießen muß.
Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde als zuvor.
Zweites Kapitel
Er hatte dem Professor Lindemann den Gruß des Rektors Cabisius ausgerichtet. Und er hatte ihn darauf angesehen, ob er mit diesem Jüngling in weißen Haaren verwandt sei, und ob er noch eine Spur von jener Rheinwanderung und von jenem ungenannten Rüdesheimer Erlebnis an sich trage. Auch hatte er, da er viel Schönes und Erfreuliches in »der Welt draußen« zu finden hoffte, sich auf dem Weg von seiner Wohnung in der Pfarrstraße nach dem Gymnasium ausgedacht, der Lehrer werde, überwältigt von alten Erinnerungen, die Hand ausstrecken und seine, Georg Ehrenspergers, schütteln, und ausrufen, wie der alte Homer den bräunlichgelockten Menelaus ausrufen ließ: »Götter, so ist ja mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes«, oder auch sonst etwas ähnliches. Aber der Professor Lindemann rief das nicht aus.
Wenn dieser Mann einmal mit dem Rektor Cabisius in einer gemeinsamen Welt gelebt hatte, so mußte das lange her sein. Und das war es auch. Er war ein gut Teil Jahre jünger als der Rektor. Aber er war ziemlich vertrocknet und verstäubt.
»So, so,« sagte er, und kniff die Augen zusammen, »so, so, Cabisius. Ja, ja, ich weiß. Setzen Sie sich, Ehren -- Ehren -- wie ist der Name?«
»Ehrensperger,« sagte Georg und setzte sich.
Also damit war es nichts gewesen.
Da mußte das Wiblinger Stadtkind die Kammern seines Herzens anderweitig zu füllen trachten. Es gab noch anderes in der großen Stadt, was des Erlebens wert war. Es gab helle und breite Straßen mit glatten Pflastern, auf denen es sich anmutig dahinschlendern ließ, und mit hohen, stattlichen Häusern, in denen Georg Ehrensperger zwar nichts verloren hatte, die anzustaunen, soweit es ihre Vorderseite betraf, ihm aber unverwehrt war. Paläste gab es, und zwar sowohl solche, in denen die Regierung des Landes vorgenommen, als solche, in denen Bier verschenkt wurde, und letztere waren, alles in allem gerechnet, die pompöseren. Wagen fuhren dahin, und obgleich der Hufschlag der Rosse und das Rollen der Räder auf dem Holzpflaster der schönsten Straßen eine Dämpfung erfuhr, so gab es, da ihrer viele waren, doch ein nicht unbeträchtliches Getöse, mit dem sich der bescheidene Lärm der Wiblinger Ochsen- und Kuhfuhrwerke nicht im entferntesten messen konnte.
Läden gab es, die so glänzend, vornehm und üppig ausstaffiert waren und die sowohl bei Tage als beim Schein des elektrischen Lichtes so zauberisch aussahen, daß es den Sohn des Wiblinger Bäckerhauses eine der gewagtesten und -- unmöglichsten Taten dünkte, in einen derselben einzutreten und für ganz gewöhnliches Geld etwas von ihrem Inhalt zu erhandeln.
Er führte diese Tat denn auch nicht aus. Er wußte engere, stillere Straßen, und niedrigere, dunklere Läden, in denen er sein Brot und seine Wurst, seine Bleistifte und Schreibhefte, seine -- aber das geschah nur einmal im ersten Jahr, und dann in etlichen Jahren nicht wieder, seine Zigarren, sieben Stück für zwanzig Pfennig, erstand.
Die Zigarren rauchte er eines schönen Herbstabends mit einigen Kameraden, neugewonnenen Genossen seiner Studien. Das heißt, er rauchte eine davon und bot die übrigen mit einer großartigen Handbewegung, die er dem Größten unter ihnen abgelernt hatte, im Kreise an. Es war auf der Königstraße, kurz vor Dunkelwerden.
Er wollte sein Möglichstes tun, mitzumachen. Er hatte sich vorgenommen, ganz mit den andern zu tun und ein rechter Kamerad zu sein.
Aber es ging nicht. Weder mit dem Rauchen, noch mit der Kameradschaft. Es paßte beides nicht zu seiner Natur. Es gab sich ganz von selbst, daß er bald wieder allein war.
Er hatte viel zu denken und zu staunen. Was war da für ein rauschendes, buntes Leben rings um ihn her. Wohin alle die vielen Leute gingen? Immer sahen sie aus, als seien sie in Sonntagskleidern.
Und wer da begraben wurde? Es mußte jemand Bedeutendes sein. Die vielen Kutschen im Gefolge und ein ganzer Blumenwagen. Ein Lorbeerkranz dabei, nein, zwei, drei.
Und die hohen, hohen Häuser. Wie viele Leute mochten da übereinander wohnen, und welche Aussicht man von ganz oben hatte? Er stieg einmal auf den Stiftskirchenturm und sah über das Häusergewimmel hin und stieg ganz still wieder herunter.
Mit dem einen oder andern Schulkameraden schritt er um zwölf Uhr mittags hinter der Wachtparade drein, die mit klingendem Spiel auf den Schloßplatz zog. Da wogte es von Menschen, und die Springbrunnen ließen ihre Wasser steigen; in bunten Farben leuchteten die Beete, rings um den Musikpavillon her; hoch und schlank ragte die Jubiläumssäule über all das Gewimmel hin; wie aus einem fremden, schönen Lande hierher versetzt, winkte die Säulenreihe des Königsbaues herüber; mit klingendem, singendem Wellenschlag füllte die Musik das bunte Strombett des Lebens; öfters, als es den Kameraden gefiel, verstummte Georg Ehrensperger vor dem allem und ließ sich schweigend und ohne viel Schwimmbewegungen von dem Strom dahintragen.
Da kamen sie nach und nach überein, daß er ein guter, aber etwas langweiliger Kerl sei, von dem weder im Guten, noch im Schlimmen viel Bewegung in dem Einerlei des Schuljahres zu erwarten sei, weder auf der Straße, noch vor den Lehrern. Und, da er manchmal sonderbar versonnene Fragen tat, nannten sie ihn Joseph: »seht, da kommt der Träumer her,« und ließen ihn im übrigen seines Weges gehen, so viel er wollte.
Der führte ihn durch Jungfer Liesens Fürsorge in das Gassen- und Gäßchengewinkel der Altstadt. Es lebte ihr daselbst die Kanzlistenwitwe Mollenkopf, die eine entfernte Base von einer Base der braven Ziehmutter der Ehrenspergerskinder war, sich mit künstlichen und kunstvollen Flickarbeiten ihr Brot erwarb und nebenher »Logisherren« in den zwei langen, schmalen Stuben nach der Hofseite beherbergte.
Es lag nichts näher, da die Frau Mollenkopf eine brave Person und eine geborene Wiblingerin war, als die beiden Landsleute unter einem Dach zu vereinigen.
Und hier siegte denn auch Jungfer Liese über den Vorschlag des Rektors Cabisius, der seinen Schüler und Schützling gern in einer Familie mit andern jungen Leuten zusammen unterbringen wollte.
Sie hatte ein gutes Mundwerk, und, seit es ihr der Respekt nicht mehr allzusehr verschloß, hatte sie auch ein keckliches Mundwerk, und sie bewies mit demselben Franz Ehrensperger dem Älteren, daß Nutzen und Willigkeit auf ihrer Seite seien.
Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen.
Und so war Georg unter die Obhut der Frau Mollenkopf geraten, eh' er sich dessen versah. Er hatte nichts dagegen. Als er nach jenem so glücklich gestillten Anfall des heulenden Elends seine Augen getrocknet hatte und sie wieder aufhob, gefiel es ihnen nicht übel in dieser Region der engen, krummen Gassen, der schiefen, alten Häuser, der spitzen Giebeldächer, der Verkäufer- und Antiquitätenläden, dieser Region der kleinen Leute, die zum Teil ein alteingesessenes Bürgertum bildeten, zäher, eingewurzelter und -- interessanter, als es die Region der Backsteinkasernen erzeugt, die zu Hunderten dieselbe Uniform tragen, neue, helle, weitläufige Stadtviertel ergeben und alle Quartal eine andere Inwohnerschaft haben.
War nicht die Botenhalle in der Nähe? Und war es nicht unsäglich heimatlich, die braven, schweren Gäule vor den leinwandüberspannten Wagen dahertraben zu sehen? Blies nicht der Bote von Beckenhardt, solange es irgend etwas Grünes in der Natur gab, jeden Mittwoch- und Samstagmorgen sein Lied auf einem Blättchen, das er zwischen den bärtigen Lippen hatte, und fuhr nicht der Bote von Beckenhardt durch Wiblingen, schon seit Georg auf der Welt war und länger?
Im Schatten der St. Leonhardskirche breitete sich der Gerümpelmarkt aus und es gab vielerlei dort zu sehen. Alte Weiblein, die mit rostigen Nägeln und dergleichen Wertsachen handelten, fliegende Antiquare, die ihre Bücher und Broschüren auf einem Karren ausbreiteten, Kleider-, Möbel- und Bettenhändler. Ein untrüglicher Kitt für alles Zerbrochene wurde verkauft und der Verkäufer war selbst Künstler in der Anwendung und klebte alte Scherben zusammen, daß es eine Art hatte. Wir können die genauere Bekanntschaft aller Spezialitäten dieses interessanten Marktes leider nicht machen, da sie uns auf unserem Weg durch das Buch allzusehr aufhalten würden. Es ist genug, daß Georg Ehrensperger auf seinem Weg ins Gymnasium hie und da durch sie aufgehalten wurde, und daß er dann wie aus einer andern Welt in die Schule und unter die Genossen trat, mit versonnenen Augen und rückwärts gerichteten Gedanken.
Die Schulkameraden konnten ihn ruhig seines Wegs ins sogenannte Bohnenviertel gehen lassen, und auch wir können ihn ruhig dahin gehen lassen, er fand schon seine Nahrung, Freude und Genüge dort, wie es jede Kreatur auch tut, wenn man sie nur gewähren läßt.
Auf einen viereckigen, gepflasterten Hof ging das Fenster der langen, schmalen Stube, die Georg Ehrenspergers erste Jünglingsjahre umschloß; auf das bunte Treiben des schon genannten Gerümpelmarkts gingen die zwei Fenster der Wohnstube seiner Hausfrau, der Frau Mollenkopf.
Die Witwe wohnte schon manches Jahr in derselben Stube, und sie hatte demnach auch schon manches Jahr dasselbe bewegte Bild unter ihren Fenstern. Wenn sie ihren Platz auf dem Fenstertritt, auf dem Holzstuhl mit dem grünen Kissen, einem Philosophen oder einem Geschichtenschreiber abgetreten hätte, so hätte der eine wahrscheinlich tiefsinnige Betrachtungen über den Satz: es ist alles eitel; es ist alles ganz eitel, angestellt; und der andere hätte den verblichenen Staatsgewändern, den Bildern in morschen Goldrahmen, den Sesseln mit zerschlissenen Überzügen, die hier feilgehalten wurden, die seltsamsten Vorerlebnisse angedichtet. Und es ist manches zu wetten, daß die Erlebnisse mancher dieser Dinge -- noch viel seltsamer waren, als er sie zu erdichten vermocht hätte.
Frau Mollenkopf trat aber ihren Platz an keinen Vertreter einer dieser beiden nachdenklichen Richtungen ab. Sie saß selber fest und beharrlich auf dem grünen Kissen, ließ Nadel und Faden heilungsbeflissen zwischen den mottenzerfressenen Ranken und Blumen alter Teppiche, den zerrissenen Maschen eines wertvollen Spitzenwerks, den brüchig gewordenen Vögeln und Früchten eines seltenen Tafeltuchs herumspazieren und hatte auf diese Art selber das Material zu den merkwürdigsten Mutmaßungen in der Hand. Daß sie diese Gelegenheit nicht benützte, lag in ihrer Art, die mit der der Jungfer Liese einige Ähnlichkeit hatte insofern, als sie auf das Greifbare, Nützliche, Reale allzusehr gerichtet war, als daß für Phantasien viel Raum in ihrem Sinn gewesen wäre.
Sie sprach gern von dem seligen Mollenkopf, der ihr etwas weniges auf der Sparkasse hinterlassen hatte, und gab zu verstehen, daß sie dieses wenige bereits um ein gutes Teil vermehrt habe. Sie hegte die Hoffnung, mit Hilfe dessen, was bereits auf der Sparkasse lag, und dessen, was sie noch dorthin zu bringen gedachte, sich nicht nur ein Sitzkissen, sondern auch ein behagliches Kopfkissen auf ihre alten Tage zu erwerben. Und es war nur schade, daß sie zu der Klasse von Menschen gehörte, die, wenn diese alten Tage kommen, mit dem Rest ihrer Kraft für #noch# ältere Tage sorgen, und die weder der jungen noch der alten Tage jemals froh werden.
Fest und beharrlich saß sie an ihrem Fensterplatz und verließ ihn nur, um die nötigen häuslichen Verrichtungen vorzunehmen, und in der Dämmerung, um die wiederhergestellten Gegenstände an ihre Eigentümer abzuliefern. Und zu der letzteren Stunde kam Georg am liebsten aus seiner Hofstube und -- tat, als ob er zu Hause wäre, wie das mit Frau Mollenkopf eigentlich ein für allemal verabredet war.
* * * * *
Es dreht sich der Schlüssel von außen im Schloß, es füllt sich die Stube mit Dämmerung und Stille. Steig' auf, unsichtbares Eiland der Glücklichen, tretet in den Kreis, ihr trauten Gestalten der Kindheit mit den webenden Träumen der Zukunft, fanget an zu reden, und horchet auch ihr auf das, was wir zu sagen haben, auf daß wir eine kleine Weile der Fremde vergessen und zu Hause seien.