Part 10
Da stand eine Wanne voll Wecken, hochaufgetürmt, die waren bräunlich und glänzend und dufteten so lieblich, als wollten sie den Reisenden noch in letzter Stunde an der Nase festhalten. Sie knisterten leise, wenn man an die Wanne anstieß, so rösch gebacken waren sie. »Laß mich,« sagte Georg, und trug die Wecken vor sich her. Er stolperte aber auf der mittleren der drei Stufen, die von der Backstube zum Laden hinaufführte und kollerte samt den Wecken dort hinein. Wie schön war es zu Hause. Wenn er nun dabliebe und ein Bäcker würde, so streifte ihn ein sekundenlanges Gefühl. Ach, hinweg damit. Das Leben mußte ja seinen Gang gehen.
Da setzte er die rote Mütze auf und ging aus dem Hause. Er hatte es ja nicht wie die Schwalben, er hatte seine alten Führer noch. Nun ging er, um sich von ihnen ein gutes Wort zum Abschied zu holen. Es war zwar noch früh, aber es litt ihn nicht mehr im Hause. Zu Hollermann konnte er ja immerhin schon gehen. Der war ein Frühaufsteher von jeher.
* * * * *
Ach, wißt ihr, wie das ist, wenn man seine Vaterstadt zum erstenmal verläßt? Wißt ihr aus Erfahrung, wie da alles und jedes ein Gesicht und eine Stimme bekommt, auch das allergleichgültigste?
Es ist ja wie ein Bilderbuch, das man noch einmal durchblättert, nur daß die Bilder lebendig sind.
Da sind die alten, hohen Häuser am Säumarkt. Ja, so heißt er, das läßt sich nun nicht ändern. Die stehen beisammen und neigen, wenn man so sagen soll, oben die Köpfe zusammen. Die mögen schon etwas erlebt haben, seit sie da stehen. Da ist das Haus des uralten Kaufmanns Hahn, der nach der Meinung der Jugend ebenso alt und ebenso vornübergebeugt ist, wie sein altes Haus. Ach, riecht es dort drinnen in seinem Laden nach Schnupftabak, Käse und Häring! Ach, liegt und steht und hängt es dort voll mit allem erdenklichem Gerümpel. Es ist ja fast nicht vor dem Haus vorbei zu kommen. Wie oft sind die Buben dort drin gewesen, ihrer so viele als möglich miteinander, und einer kaufte einen Bleistift für drei Pfennig und die andern fragten nach tausenderlei unmöglichen Dingen. Und jeden fragte Herr Hahn: »was 'fällig, he, hm?« Er war nicht von Wiblingen gebürtig, der Herr Hahn. Sonst hätte er nicht so gefragt. Aber das gab jedesmal ein unauslöschliches Gelächter. Es bedarf so wenig, um die Wiblinger Jugend zu solch einem Jubel zu bringen. Wenn es gar zu bunt wurde, dann ging er umständlich in seine Ladenstube hinein und brachte von dort einen Hakenstock heraus. Man konnte sich denken, was er damit wollte. Aber das warteten die Buben nicht ab. Wie das wilde Heer stürmten sie hinaus.
Und dann das Haus des einzigen Juden im Städtlein, des alten, reichen Samuel Wormser. Es hat unten vergitterte Fenster und hinter den vergitterten Fenstern sitzt der Samuel in seinem bunten Schlafrock und dem Sammetkäppchen und zählt seine unermeßlichen Reichtümer, wenn es die Jugend recht weiß. Seine Frau Lea ist alt und dick und hat ein gelbes Gesicht und eine schwarze Perücke auf und ruft ihrem Mann so unnachahmlich: Sa--moel! Aber sie ist daneben unsäglich gut. An Ostern essen alle Kinder Matzen, die sie von Samuel Wormsers Lea haben. Das ist ein interessantes Haus. Am Samstag Abend steigen die Buben hie und da über die Hofmauer hinein und sehen ins Fenster, wie da der Samuel und die Lea und ihr Enkelsohn, der Hirsch Rosenstock, und die Magd, die Sannel, und der Knecht, der Kallmann, um den siebenarmigen Leuchter herumsitzen, und wenn sie angestrengt horchen, so hören sie, halb gesungen, halb gesprochen, ein fremdartiges Beten. Hier jubeln und toben sie nicht, da sind sie ganz still und es schaudert sie ein bißchen an. Das ist so eine fremde Welt, aber sie ist nicht zum auslachen, sie ist heilig und verlangt Respekt. Einmal haben sie einen durchgehauen, der die alten Leute stören wollte. Das sei ein gutes Werk gewesen, sagte der Rektor Cabisius. Das Durchhauen nämlich.
Da ist auch das Haus des Doktors. Das ist das schönste dort herum. Es hat einen großen, messingenen Türgriff, zwei Schlangen, die aus einer Schüssel fressen, und die Tür glänzt von Sauberkeit und Leinöl und die Schlangen glänzen auch. Hat noch eine Tür auf Erden einen solch feierlichen, dumpfen Schall, wenn sie zufällt? führt noch irgendwo eine solch glänzende leinölgetränkte breite Treppe zu solch einem atemraubend feierlichen Zimmer empor, wie das Sprechzimmer des Doktors ist? Es ist kaum möglich. Georg Ehrensperger stellte sich lange Zeit den lieben Gott nicht viel anders vor, als den Doktor.
Ein bißchen freundlicher vielleicht, und den Bart ebenso groß, aber weiß, und einen blauen Mantel, -- aber sonst, so groß und breit und so unsäglich imponierend und eine so volle Stimme, auch aus dem Bart heraus, alles.
Ach, das Bilderbuch nimmt ja kein Ende. Es ist ja kein Fertigwerden. Man kann ja nur alles streifen mit einem raschen Blick.
* * * * *
Hollermann saß am Fenster, als Georg zu ihm kam. Die Morgensonne lag auf ihm und füllte sein Stübchen; man sah, er wärmte sich daran. Er fror so oft in letzter Zeit, er war auch recht hinfällig geworden. Man konnte nicht recht sagen, was ihm fehlte, er hatte nur, wenn er ging, einen müden Tritt, und seine Haltung war nachlässig und schlaff. Manchmal schlief er so sitzend ein und dann, wann er erwachte, konnte er sich nicht recht besinnen. Auch vergaß er hie und da, was in der neueren Zeit geschah, das Alte, das konnte er gut behalten.
»Nun gehst du,« sagte er. »Nun hat das alles ein Ende, was wir so miteinander getrieben haben. Du bist in der Stadt und ich sitze hier und warte auf dich. Wenn du kommst, mußt du mir alles vorspielen, was du bis dahin gelernt hast. Das ist so um Weihnachten herum, nicht? Heißt das, wenn ich nicht vorher --« er sah mit einem schnellen, glänzenden Blick auf und machte eine auffliegende Bewegung mit der Hand.
Ein weiches Lächeln ging um seinen Mund. Nun sah er aus, wie ein Kind, das ein wenig von einem schönen, frohen Geheimnis enthüllt und es schnell wieder zudeckt, um die Freude nicht vorweg zu nehmen.
-- »Was ich bis dahin gelernt habe? Da ist nichts vorzuspielen.« Georg bemühte sich, sehr viel Festigkeit in seinen Ton zulegen. »Dazu ist keine Zeit, jetzt nicht. Ach, ich glaube, überhaupt nicht. Das habe ich auf die Seite gelegt. Ich muß furchtbar fleißig sein, daß ich nach einander mit allem fertig werde.«
Da sah der Alte sehr erschrocken aus.
Nun hatten sie alles so schön ausgemalt.
»Wenn du das aber in dir drin hast,« sagte er kleinlaut.
»Was mein Großvater war, der alte Schäfer Hollermann, der pflegte zu sagen: 'was drin ist, das will heraus. Das läßt sich nicht totdrücken.' Nun ist das so. Was willst du denn nun werden?«
»Pfarrer,« sagte Georg. »Das weißt du doch. Das ist furchtbar schwer, das kannst du dir denken.«
Der Alte nickte ein wenig verlegen. Er hatte es ja richtig vergessen gehabt. Er war auch darum verlegen, weil der Bub, mit dem er immer wache Träume gesponnen hatte, nun auf einmal so pflichtbewußt und selbstsicher vor ihm stand. Das war ja gar nicht mehr derselbe Bub.
Da hatte der zum Glück einen unvernünftigen Augenblick. »Dir kann ich's schon sagen,« -- er tat wichtig und geheimnisvoll, -- »sobald ich so ein bißchen voran bin, da unter den Stadtschülern, und sehe, daß sie mich nicht hinunterkriegen, dann -- es ist ein Klavier in dem Haus, in das ich komme. Das kommt schon alles noch dran, später. Man wird schon sehen, was noch kommt. Ich, wenn ich Pfarrer bin, -- und habe den Kirchenschlüssel, dann -- dann will ich alle Werktag, wenn niemand in der Kirche ist, Orgel spielen. Dann hol' ich dich. Dann kannst du zuhören.«
Der Alte schüttelte leise den Kopf: »Das hör' ich nicht mehr.«
Aber der Knabe hörte das nicht.
Ihm flogen die Gedanken wieder über die nüchterne, pflichtgetreue Wirklichkeit hinaus, wie Vögel, und setzten sich auf einen Wunderbaum, der irgendwo in der Welt draußen stand und fingen an zu flöten und zu singen: »Das Leben macht die Tore weit, weit, weit! Zicküh, zicküh, es hat alles drin Platz.«
Und unter dem Baum stand die Jugend und reckte ihre herrlichen Glieder und nickte ihm mit leuchtenden Augen zu:
»Natürlich ist das so. So lang ich währe. Wie lang ich währe? Immer, immer, weißt du das nicht?«
* * * * *
Also guckten seine jungen Träume hie und da zwischen den großen Pflichtgedanken heraus, wie fröhliche Kindergesichter zwischen zugezogenen Vorhängen. »Wir sind noch da; wir kommen schon wieder; es macht uns nur Spaß, so ehrbar zu tun.« Das wußte Georg selbst nicht. Er nahm es gewaltig ernst mit allen guten Vorsätzen und mit seiner neuen, verständigen Jungmännerwürde.
Gertrud hätte davon zu sagen gewußt. Er quälte sie viel in dieser Zeit. Sie sagte aber nichts. Manchmal lachte sie, und manchmal gab sie einen Puff zurück und gestern abend war sie ihm kurzer Hand davon gelaufen.
Nun kam er heute morgen und fand es noch zu früh, um der Frau Rektorin Lebewohl zu sagen und hätte gern noch einen kleinen Schwatz mit ihr getan. Da stand er wie gewöhnlich an der hinteren Haustür, die nach dem Garten führt und rief mit langgezogenen Ton ihren Namen. Ger -- -- trud. Sie aber saß oben hinter einem Buch und stopfte die Finger in die Ohren, um ihn nicht zu hören.
Sie hörte ihn aber doch; der Schelm flog über ihr Gesicht, und sie tat noch eine Weile, als ob sie läse. Dann stand sie auf und ging gemütlich hinunter.
»Hast du mich gerufen? Es war mir so.«
»Ja, schon zwanzigmal. Wo steckst du denn?«
»Ich? Oben. Warum?«
»Warum? Sei doch nicht so. Ich gehe heute fort. Du, ich muß dir noch sagen, daß -- -- --« Da kam irgend etwas ganz notwendiges zum Vorschein.
Denn er mußte ihr alles erzählen, auch jetzt. Seine spartanische Suppe schmeckte ihm nur, wenn er sie mit ihr teilen konnte. Ja, und wenn er ihr auch eine einbrocken konnte. Das tat er auch, oft genug. Und es gewährte ihm eine sonderbare Befriedigung, wenn sie das Gesicht verzog.
Er fing seit einiger Zeit an, von all den jungen Leuten als von seinen Freunden zu reden. Das durfte er ja gern. Aber erstens entsprach es nicht recht dem Tatbestand, und zweitens legte er eine Herausforderung in seinen Ton.
»Mein Freund so und so.« Damit fing jedes Gespräch an.
Heute auch. Gertrud wunderte sich. »Der auch? Und der auch? Das sind alles deine Freunde? Das hast du sonst nie gesagt.«
»Ja. Hast du was dagegen? Sind alle aus meiner Klasse. Natürlich.«
Sogar von Ernst Daxer sagte er seit einiger Zeit immer: »mein Kamerad Daxer. Das sagt er, das tut er.« Aber immer: »mein Kamerad Daxer.«
Gertrud war es fremd dabei zu Mute. Nun ging er nicht als landfahrender Geiger in die weite Welt. Kein abenteuerlicher Plan kam ins Werden. Aber nun entfernte er sich in anderer Weise von ihr. Sie wußte nicht, daß er wieder einmal einen zu starken Anlauf genommen hatte und übers Ziel hinausschoß. Sie versuchte aber, tapfer mitzugehen.
»Du, das wird fein. Wenn du in die Vakanz kommst, dann machen wir gerade so weiter. Es wird sein, als ob du gar nicht fort gewesen wärst. Du mußt mir alles erzählen und ich dir.« Er tat, als ob das unwahrscheinlich sei.
»Das sind Bubengeschichten, was ich jetzt erlebe,« sagte er. »Das interessiert Mädchen nicht so. Und da kommen auch alle meine Freunde nach Haus. Bis man da an allen herumkommt, das nimmt viel Zeit.«
Da hatte sie ihre schwarze Suppe. Sie schluckte daran, sie war scharf gepfeffert.
Er schielte nach ihr hin, ohne den Kopf zu drehen. Er konnte die freie Männlichkeit noch nicht so recht vertragen. Er war ja doch da zu Hause; sie gehörte ja so sicher zu ihm, daß er sie auch kecklich ein bißchen quälen durfte. Aber nun war es ihm doch unbehaglich.
»Ich freue mich aufs Läuten in der Sylvesternacht,« sagte er unvermittelt. »Und aufs Kindleinwiegen in der Christnacht. Da gehen wir auf den Turm, nicht? Du, sagst du gar nichts?«
»Wer geht? Deine Freunde und du?«
»Ach, Dummheiten, du und ich. Sei nicht so empfindlich. Mädchen sind immer empfindlich, Buben nicht.«
Nein, sie war nicht empfindlich, das konnte man nicht sagen. Wenigstens nicht mehr, als unter diesen Umständen billig war. Sie machte den großen Gedankensprung mit. Also würde es doch wie sonst. Das war die Hauptsache.
Da lachte sie. Sie war froh darüber.
»Du, gestern hat mich der Großvater gefragt, ob ich nicht Lehrerin werden wolle. Ich weiß aber nicht. Wir hatten einmal eine, als ich noch in der Volksschule war, in der untersten Klasse, nein, in der zweiten. Die hatte einen so langen Stock, daß sie damit über eine ganze Bank hinreichen konnte. Wenn eins nicht aufpaßte, zog sie allen eins hinten über. Den Stock hat ihr der Oberlehrer abgeschnitten. Und dann leckte sie sich immer die Lippen ab. Ich dachte immer: was sie wohl heut gegessen hat? Ich weiß nicht, ob ich eine Lehrerin werden will.«
»Darum?« sagte Georg. »Das brauchst du ja nicht nachzumachen. Du kannst ja auch eine nette werden. Das kommt ja auf dich an.«
»Ja, wenn du meinst?« Sie machte ein ernsthaftes Gesicht. Das tat ihm mächtig wohl. Nun konnte er seine Überlegenheit zeigen. »Ach,« sagte er, »es ist ja einerlei, Buben müssen etwas Rechtes werden. Meine Kameraden werden alle etwas, ich auch. Bei Mädchen ist das nicht so wichtig. Du kannst auch zu Hause bleiben. Es ist einerlei.«
Da stand sie schon in der Haustür. Wie der Wind war sie die Steintreppe hinaufgefahren. Die braunen Zöpfe lagen ihr um den Kopf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht. Darin verstand sie keinen Spaß.
»So warte doch, ich gehe mit. Du, Gertrud, spring doch nicht so.«
Aber sie rief schon von der Treppe her: »Ich habe mich ganz vergessen, ich muß üben. Ich habe nachher Klavierstunde.«
Weg war sie.
Da machte er ein grimmiges Gesicht. Klavierstunde? und er? Da stieg er langsam hintendrein.
Aber nach einer Weile guckte Gertrud lachend hinter der Großmutter vor. Die war beschäftigt, ihm die Taschen mit Nüssen zu füllen. »Sie sind von unserem großen Baum. Du bist oft genug darunter gesessen. Vergiß nicht« --, da stieg ihr etwas Gerührtes bis in die Kehle empor. »Vergiß nicht, daß du hier daheim bist,« sagte der Rektor. Das hatte sie nicht sagen wollen; sie hatte einige kleine Ermahnungen bereit gehalten. Die waren nun im Keim erstickt.
Aber was schadete das?
Sie gaben ihm mehr mit ins Leben hinaus, als Ermahnungen, viel mehr.
Sie hatten Sonne und Wärme in seine Kinderjahre gebracht. Sie waren so unüberwunden vom Weltleid und von allen grauen Geistern. Und sie behielten ihm einen Schatz von Liebe auf, dessen Zinsen, das wußte Georg, er jederzeit erheben konnte, solang -- ja, solange die beiden da waren.
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Sollen wir mit den beiden jungen Leuten ins Leben hinausfahren?
Sie sitzen in der Eisenbahn, und die Lokomotive schnaubt und zischt, ungeduldig wie ein Renner, der am Zügel gehalten wird und auf das Zeichen wartet, das ihn dahinfliegen läßt.
Der Rektor Cabisius steht an dem einen Fenster, und sagt zu Georg Ehrensperger: »Grüß den Herrn Professor Lindemann von mir. Ich -- ich hab' einmal eine Wanderung mit ihm gemacht, den Rhein hinunter, und wir haben in Rüdesheim miteinander, -- doch, das ist lange her. Grüß ihn von mir.«
Und die Postmeisterswitwe Daxer, die große, hagere Frau mit dem strengen Gesicht, das dem ihres Sohnes so unähnlich wie möglich ist, steht an dem anderen Fenster, und langt mit ihrer zerarbeiteten Hand hinein und streicht ihrem Buben ein paarmal säubernd über den Ärmel. »Du bist an der Wand gestreift,« sagte sie, »gib fein acht auf deine Sachen. Der Anzug ist aus Vaters Sonntagskleidern.« Sie hat fünf Kinder, von denen Ernst das älteste ist, und sie läßt sich's sauer werden, mit ihnen durchzukommen. Sie wurde Witwe, als das Kleinste eben geboren war. Da, im strengen Kampf gegen die Armut und gegen das Verderben der Kinder, sind ihre Züge und ihre Hände etwas hart geworden. Auch kann sie keine besonders lieben Worte machen. Aber man muß ihr #jetzt# in die Augen sehen. Ein ganzer Quell von Mutterliebe liegt darin. Und da kommt noch zu guter Letzt Meister Nössel an, mit einer Traglast zerrissener Kleider beladen, die er in sein altbekanntes grünes Tuch gehüllt hat, und zwinkert mit den Augen, und weiß nicht recht, was sagen, so voll ist er von der Bedeutung des Augenblicks, und sagt ein paarmal hintereinander: »Also so weit wären wir, so weit wären wir.«
Und die beiden Reisenden nicken heraus und wissen auch nichts mehr zu sagen. Draußen ist die Ferne, die lockt und schimmert, und die auch ihr Grauen hat, und hier ist die Heimat. Es sitzt etwas wie ein Butzen in ihrem Hals. Es ist gut, daß es nun abgeht.
Sollen wir mit ihnen fahren? Sie werden viel Neues erleben, und das Leben wird an ihnen arbeiten, da sie meinen, selbst tüchtig an der Arbeit zu sein.
Oder sollen wir hier bleiben, wo die Alten sind, deren Tag sich neigt? Sollen wir noch ein Stück weit mit ihnen gehen und zusehen, wie die sinkende Sonne einen milden, heiteren, lichten Schein über ihre guten Gesichter wirft?
Wir sind alle Wandersleute, wie wir wissen, und beides verlohnt es sich für uns zu sehen: wie die Jungen ins Leben hineingehen, und Besitz davon ergreifen, und feste, dauerhafte Häuser da zu bauen gedenken, -- und wie die Alten sich leise davon los machen und hinausgehen.
Wir werden beides zu sehen bekommen. Es reist sich leicht und schnell in Gedanken. Wir kommen wohl noch hinter den Jungen drein, wenn es dann an der Zeit ist. Um es rund heraus zu sagen: wir haben jetzt gerade hier zu tun. Wir haben den alten Hollermann zu pflegen, und wir haben noch einiges von ihm in Empfang zu nehmen, eh' er seine ledernen Pantoffel für immer auszieht und seine windschiefe Lehmhütte verläßt und sich auf die Reise begibt, -- auf die Suche nach dem Land, in dem es nach seiner Meinung »bessere Geigen« gibt.
Er saß noch eine Zeitlang am Fenster, das auf die Felder hinausgeht, und manchmal versuchte er auch, noch einen Korb zu flicken. Aber damit ging es nicht mehr recht. Da ließ er es. Es wußte niemand so recht, was seine Krankheit sei. Eines Tags schickten ihm die Freunde den Doktor, den schwarzbärtigen starken Mann, der in dem bekannten Haus am Marktplatz wohnte. Der war zuerst ein wenig kurz angebunden und seine Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor. Es war seine Art so, er meinte es nicht böse. Aber nach einer Weile saß er neben dem alten Korbflicker am Fenster. »Ja, ja,« sagte er, »das ist freilich das Vernünftigste. Sich schicken, das muß jeder. Ich will Ihnen weiter keine Flausen vormachen; es ist das Alter, und das Herz, das tut nicht mehr mit. Ja, ja.« Er hatte aber ein Wohlgefallen an dem alten Mann. Der saß so gelassen da und sein Gesicht war so mild und freundlich, wie der Oktobertag draußen. Und er hatte zu dem Doktor gesagt: »Es freut mich, daß Sie mich besuchen; es freut mich. Ich -- wissen Sie, ich habe hier so eigentlich nichts mehr verloren, und es nimmt mich Wunder, es nimmt mich schon lang stark Wunder, was nachher kommt. Da ist so vieles, über das ich mich besonnen habe, wenn ich so allein dasaß bei meiner Arbeit, oder nachts, wenn ich keinen Atem kriegen konnte im Bett, und hinaussah, wie die Sterne da oben hingehen. Da steht ja in den Büchern, die die klugen und gelehrten Leute schrieben, das seien lauter Welten, und man könne nicht wissen, wer darauf wohne. Ganze Welten, Herr Doktor, und so viele, daß einem die Augen vergehen, wenn man nach ihnen hinsieht. Ob da Menschen sind und ob der eine Gott nach ihnen allen hinsehen kann und anordnen, was da geschehen soll? Und was mit uns selber geschieht? Da stehen lauter Fragen, rings herum. Und darum« -- er lächelte still vor sich hin, »darum denk ich oft: kann sein, du erfährst etwas von dem allem, wenn du da hinüber kommst. Daran herumraten hilft nichts; aber erleben, Herr Doktor, erleben. Nein, es braucht Ihnen nicht leid zu tun, ich kann hier gut abkommen.« Der Doktor sah ihn freundlich an und nickte ihm zu.
Er war selber schon mit einer großen und treibenden Wißbegierde vor den tiefen Fragen des Weltalls gestanden und hatte nichts unversucht gelassen, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die so groß und dunkel dastanden. Hie und da war es ihm gewesen, als ob ihn die Wissenschaft in große, lichte Weiten schauen lasse, die glänzten wie im Morgenrot und verhießen einen vollen Tag. Und manchmal war er wieder dicht vor dem Nichts gestanden, das hatte ihn mit kalten, furchtbaren Augen angesehen. Es war aber etwas in ihm, noch aus seinen Kindertagen her, das fragte immer noch weiter. Das war nicht mit dem Nichts zufrieden und wußte doch, daß das Rätsel nicht zu raten ist: Woher wir kommen und wohin wir gehen, und was für ein Sinn in dem ganzen Getriebe des Lebens ist.
»Erleben, Herr Doktor, erleben,« sagte der alte Mann neben ihm und sagte, daß er gern von hier fortgehen wolle, weil er denke an einen Ort zu kommen, wo ihm einiges gesagt werde von dem, was ihm die Seele fragend bewegte. Ja, er hoffte wohl, daß ihn der liebe Gott auf die Arme nehme, wie ein Vater sein Büblein: »Da, nun sieh einmal zum Fenster hinaus: Siehst du? Sieh dir's recht an. #So# ist das.« Und wiese ihm mit dem Finger dahin und dort. Und stellte ihn auf den Boden, satt und froh vom Schauen.
Es war dem Doktor, als wärme er sich an einem hellen und freundlichen Feuer, wenn er auch nicht so sagen konnte, wie Hollermann. »Ich komme wieder,« sagte er, als er ging, und gab dem Alten die Hand. Und er kam auch wieder, obgleich da nichts zu kurieren war.
Die Freunde kamen, einer um den andern. Meister Nössel und der Rektor Cabisius, und die Frau Rektorin wäre gerne auch gekommen, wenn sie nicht mit einem Rheumatismus hätte im Lehnstuhl sitzen müssen. Den hatte sie sich beim Wäscheaufhängen geholt. Nun saß sie und ärgerte sich weidlich, da angebunden zu sein, und kam sich vor, wie die jüngste Frau, die eigentlich mit solchen Dingen nichts zu schaffen zu haben brauchte, trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre, und schickte Gertrud im Haus hin und her mit Aufträgen, treppauf, treppab. »Gertrud hier, Gertrud da.« Gertrud war jetzt vierzehn Jahre alt, zu groß, um mit den Lateinschülern zusammen zu sitzen, sagte die Großmutter. Die begehrte nun ihr gutes Recht an dem Mädchen. »Halbpart, Mann,« sagte sie, wann die beiden, der Rektor und die Enkelin, sich nun allzu tief in die Bücher verbeißen wollten, die in den hohen Schränken standen, und nach denen beider Sinn stand. Was waren da noch für Schätze zu heben. Ein Lebenlang mußte man daran zu sammeln haben.
Der graue und der braune Kopf beugten sich zusammen darüber; ja, der Rektor hatte ja seine Schule, freilich; aber konnte nicht Gertrud, bis er allemal nach Hause kam, ein gutes Stück weiter lernen? Das wäre so der beiden Sinn gewesen.
»Halbpart,« sagte die Großmutter, denn noch hatte sie hier auch etwas dreinzureden. »Was? mit vierzehn Jahren hab' ich an den Waschtagen allein gekocht, und habe,« hier wurde ihr Ton ein wenig vorwurfsvoll, »meiner alten Großmutter einen Schemel gestickt, ganz in Perlen, zwei weiße Lapins mit blauen Bändchen um den Hals, und auf grünem Grunde. Abend für Abend habe ich daran gestickt, ein ganzes Vierteljahr lang. Den Schemel muß meine Base in Ulm noch haben.«
Da lachte Gertrud hellauf und der Rektor lachte mit. Es war nichts Gescheites anzufangen mit den beiden, die alte Frau hätte es sich denken können. »Großmutter, Perlensticken, das ist ja nicht mehr Mode.« »Anne, das Sticken, das erläßt du ihr. Aber kochen, ja, das soll sie lernen. Das wird ja nicht so schwer sein?« Aber da hatte es der Rektor nun auch verschüttet.
»So, du denkst: das kann man so nebenher? Aber ich will es euch schon zeigen. Gertrud, heut' abend hast du die Küche. Erbsensuppe mit Leberwurst für uns; und für den alten Hollermann -- nein, das tun wir morgen. Ich habe ein Hähnchen für ihn. Ihr laßt es mir doch verbrennen, du und die Marie. Ihr seid nicht mit dem Kopf dabei, das ist die Sache. Es ist ein Elend, wenn ich alte Frau in der Stube sitzen soll. Morgen geh' ich in die Küche, und wenn ich dahin #kriechen# muß.«