Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
Part 6
»Gewiß,« fuhr Lindow fort, »allein ich hatte es in einer Hinsicht besser als Reuter, da ich meine Zeit in der einzigen kleinen Festung meines engeren Vaterlandes absitzen durfte, wo ich es verhältnismäßig gut hatte. Diese war nun eigentlich gar keine Festung mehr, denn die Außenwerke hatte man längst geschleift, und nur ein auf einem steilen Felsen gelegenes Kastell war übriggeblieben, welches dann und wann als Gefängnis benutzt wurde. Dort hatte ich ein ganz wohnliches Zimmer, allerdings mit schwerer, eisenbeschlagener Tür und einem tief in die dicke Mauer eingeschnittenen, stark vergitterten Fenster.
Ich war der einzige Festungsgefangene dort, denn mehr dergleichen politische Verbrecher hatte das kleine Fürstentum nicht hervorgebracht, und man ließ mir am Tage ziemlich viel Freiheit, doch wurde ich nachts sorglich eingeschlossen. Wie sollte ich auch entkommen? An drei Seiten fiel der Felsen wohl an die hundert Fuß steil ab, und an der vierten, wo sich zwar ein Weg ins Tal hinabschlängelte, war mir der Ausgang durch hohe Mauern und mächtige Tore mit Schildwachen davor genügend versperrt.
Über Mangel an Aussicht konnte ich mich an diesem Orte freilich nicht beklagen, denn der Felsen war ein letzter Ausläufer des am Horizonte dämmernden Gebirges und lag als einzige wesentliche Erhöhung in einer sanft gewellten Ebene. Aber nichts ist wohl geeigneter, die Sehnsucht nach der Freiheit zu verschärfen, als ihr steter, ungehinderter Anblick. Und an schönen Sommersonntagen wurde diese Sehnsucht fast zum körperlichen Schmerz in mir, denn an solchen krabbelten auf allen Wegen die Menschen aus dem Städtchen hervor in die freie Natur, wie Ameisen aus ihrem Haufen. Auf der Landstraße rollten Wagen und schritten leichtfüßige Wanderer den blauen Bergen zu. Von den Gasthäusern vor dem Tore wehten Fahnen, während aus dem Grün der Landschaft farbige Mädchenkleider und helle Strohhüte hervorschimmerten und bald von hier, bald von dort eine Tanzmusik oder das Rollen von Kegelkugeln zu mir heraufschallte. Dann kamen auch wohl leichtgeflügelte Schmetterlinge aus der Tiefe emporgeflattert, glätteten ihre Flügel ein wenig auf dem durchsonnten Rasen des Walles und taumelten dann sorglos weiter in die Freiheit. Die Schwalben, die sich um das alte Gemäuer des Kastells jagten, schossen dicht über mich hin und riefen wie zum Hohne: ‚Komm mit, komm mit!‘
Als nun dies alles wieder einmal an einem gewissen Sommersonntag geschah, da glaubte ich’s nicht mehr ertragen zu können und begab mich auf die entgegengesetzte Seite des Felsens, wo mir der Anblick der Stadt und das fröhliche Getümmel um sie her gänzlich entzogen war. Hier strömte aus der weiten Heidefläche ein Fluß dicht an die eine Wand des Felsens heran und bildete mit diesem einen Winkel, in welchem ich gerade unter mir den großen Garten eines wohlhabenden Fabrikanten sah, und etwas weiter entfernt dessen Landhaus. Deutlich wie eine gut gezeichnete Landkarte lag der Garten mit seinen sauberen Steigen, Rasenflächen und Gebüschgruppen unter mir, aber auch ebenso leblos wie eine Landkarte war er meist, denn außer einem alten Gärtner, der sich dort zu tun machte, und seiner ebenso alten Frau hatte ich noch niemals einen Menschen darin gesehen.
So saß ich nun dort an jenem Sonntagnachmittag, ließ meine Beine über den Rand des Felsens baumeln und schaute abwechselnd in die saubere grüne Einsamkeit zu meinen Füßen und dann über den Fluß hinweg auf die eintönige Heide. Da überkam mich mit einemmal ein Gedanke, der mein Gehirn mit einem solchen Rausch erfüllte, daß ich mich zurücklehnte und meine Hände in das Gras klammerte aus Furcht, von einem Schwindel ergriffen zu werden und plötzlich hinabzustürzen.
Es stand nämlich in dem letzten Winkel des Gartens ein uralter Lindenbaum, und zwar so nahe an dem Felsen, daß seine Zweige diesen fast berührten. Seine ungeheure grüne Kuppel wogte gerade unter mir, die Entfernung konnte nicht mehr als zwanzig Fuß betragen. Sonderbar, daß mir dies bisher nie so aufgefallen war wie jetzt! Wenn ich in den Baum hineinsprang, war ich ja so gut wie unten. Es hatte auch gar keine Gefahr, denn die dichtbelaubten, elastischen Zweige würden mich sanft aufnehmen und den Sturz mildern, und dann: wie oft hatte ich mich nicht als Knabe so von Zweig zu Zweig absichtlich aus Bäumen fallen lassen! Das war eine Kunst, die gefährlicher aussah, als sie war, und mir schon oftmals den Beifall erstaunter Zuschauer eingebracht hatte. Wenn ich das hier ausführte, konnte ich ja in ein paar Sekunden unten sein. Und dann war ich frei!
Aber wie lange? Ich war ohne Mittel, denn genügendes Geld bekam ich als Gefangener natürlich nicht in die Hände, und obwohl die Landesgrenze nicht allzuweit entfernt war, so wäre mir die Flucht doch wohl nur in einem bereitstehenden Wagen mit schnellen Pferden gelungen. Auch fehlten mir Legitimationspapiere, und diese waren höchst nötig, um mich an der Grenze auszuweisen. Woher dies alles nehmen?
Doch diese Gedanken kamen mir alle erst später bei ruhiger Überlegung; zunächst berauschte mich der Gedanke, wie leicht ich entkommen konnte, wenn ich wollte, so sehr, daß ich förmlich in ihm schwelgte. Falls ich dort hinabsprang und mich von Zweig zu Zweig stürzen ließ, war Gefahr nur dann vorhanden, wenn sich zu große Lücken zwischen den Ästen fanden, oder wenn diese in bedeutender Höhe vom Boden aufhörten. Ich suchte mir einen anderen Ort auf dem Felsen, legte mich dort auf den Bauch und betrachtete die Linde ans größerer Entfernung von der Seite. Sie war so normal gewachsen, wie dies für einen Musterbaum ihrer Art nur möglich ist, die grüne Kuppel zeigte keinerlei Unterbrechung, und die untersten Zweige hingen bis auf den Boden hinab.
Plötzlich ertönten stramme, taktmäßige Tritte und riefen mich aus meinen Gedanken zurück. Der Posten, der in dieser Gegend stand, ward abgelöst, und es schien mir klug, mich zu zeigen, da man sonst wohl nach mir geforscht hätte. Ich ging deshalb schnell hinter den Wällen herum und kam, scheinbar gelangweilt, an einer anderen Stelle wieder zum Vorschein, setzte mich auf eine alte Kanone und schaute wieder auf die Stadt und das fröhliche Treiben der Landstraßen hin.
Im Geiste aber war ich bei meinem alten Lindenbaum. Ich stand am Rande des Felsens und suchte mit dem Fuße nach einem sicheren Absprung. Nun war es so weit. Los! Mich schauderte zwar ein wenig, aber es mußte sein. Wie mir das grüne Laubwerk um die Ohren sauste! Ich war gerade richtig gesprungen, der Ast gab mächtig nach, aber er brach nicht. Ich ließ ihn nicht los, bis er sich tief auf den nächsten gebeugt hatte, und dann rauschte und rutschte ich durch die knickenden kleineren Zweige tiefer und tiefer von einem Aste zum anderen und schnell war ich unten. Jetzt hinab an den Fluß und durch die seichten Sommergewässer an das andere Ufer! Hier das kleine Kieferngehölz verbarg mich einstweilen. Aber ich mußte weiter, -- weiter über freie Räume, wo ich fernhin sichtbar war. Nur immer vorwärts der Grenze zu! Vielleicht bemerkte mich doch niemand. Ein Flüchtling muß Glück haben. Da: ‚Bum!‘ Was war das? Ein Alarmschuß von der Festung! Nun ging die Hetzjagd an.
So sehr hatte ich mich in diese Gedanken vertieft, daß es mich wie eine Erleichterung überkam, als ich mir plötzlich klarmachte, daß ich ja noch kein gehetztes Wild war, sondern ganz gemächlich am Sonntagnachmittag auf einer alten Kanone saß und bloß spintisierte.
Von nun ab ließ mich der Fluchtgedanke aber nicht mehr los, und sooft ich es nur ohne Aufsehen zu tun vermochte, studierte ich meinen alten Lindenbaum, bis ich ihn zuletzt fast auswendig konnte. Den verhängnisvollen Sprung habe ich im Geiste so oft gemacht, daß es nicht zu zählen ist. Dabei zermarterte ich mich mit Grübeleien, wie ich mir Geld und alles sonst zur Flucht Nötige verschaffen möchte, verwarf einen Plan nach dem anderen und kam zu keinem Ende damit. Denn alles hing davon ab, daß ich Briefe sicher aus der Festung beförderte, und ich fand niemand, dem ich mich hätte anvertrauen mögen.
Indes war die Zeit der Sommerferien für die Schulkinder gekommen, und als ich eines Tages wieder in den sonst so verlassenen Garten des Landhauses hinabschaute, bemerkte ich dort eine wundervolle Veränderung. Was mir an weiblichen Wesen auf der Festung zu Gesicht kam, war nicht dazu angetan, mich zu verwöhnen, denn es gehörte zu der Gattung der Regimentsmegären und Scheuerdrachen; deshalb erschien mir wohl das junge, etwa siebzehnjährige Mädchen dort unten wie ein Wunder von Schönheit und lieblicher Bildung, und es erfüllte mich etwas wie Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der solche wohlgerundete Anmut mit leichter Meisterhand in die Welt gestellt hatte.
Während das junge Mädchen, langsam alles betrachtend, durch den Garten ging, wurde sie von einem ungefähr vierzehnjährigen Knaben umschwärmt, der mit einem Bogen von Eschenholz leichte Rohrpfeile in die Luft schoß und sich an ihrem hohen Fluge vergnügte. Durch einen Zufall stieg einer dieser Pfeile bis zu mir empor und fiel neben mir nieder. Dadurch wurde der Knabe meiner gewahr und machte seine Schwester auf mich aufmerksam. Ich nahm meinen Hut ab und warf, indem ich grüßte, den Pfeil wieder hinunter. Mein Schicksal und meine Anwesenheit auf der Festung waren in der ganzen Stadt bekannt, und so mochten diese jungen Leute auch wohl gleich wissen, wen sie vor sich hatten. Denn sie sprachen miteinander und sahen zu mir empor, der Knabe unverhohlen und voll Neugier, das Mädchen flüchtiger, aber, wie es mir schien, mit einem Ausdruck von Mitleid in den schönen Zügen.
Da ich nun fortwährend mit Fluchtgedanken beschäftigt war und alles, was mir passierte, mit diesen in Zusammenhang brachte, so fiel mir auch jetzt sogleich ein, daß sich hier eine Gelegenheit biete, wieder mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Wenn das schöne Mädchen mir vielleicht auch nicht helfen konnte, so würde sie doch gewiß nicht einen armen Gefangenen verraten, der sich vertrauensvoll in ihre Hand gab. Aber ein Zweifel fing sofort an mich zu plagen, nämlich, ob ich das Mädchen wiedersehen würde. Vielleicht war sie nur zu einem kurzen Besuch in diesem Landhause und kam nie wieder. Aber dennoch arbeitete ich im Geiste schon an einem ausführlichen Brief, in welchem ich meine Lage und alles, was zu meiner Befreiung nötig war, gründlich auseinandersetzte.
Als ich gegen Abend wieder in meine Zelle eingeschlossen wurde, schrieb ich alles sorgfältig auf und setzte die Mittagsstunde von zwölf bis ein Uhr zu einer Antwort von ihrer Seite fest. Um diese Zeit befanden sich auf der Festung alle beim Essen, und ich wurde folglich am wenigsten beobachtet. Auch pflegte sich dann die Schildwache in meiner Nähe einer stillen, innerlichen Beschaulichkeit hinzugeben. Ihre Antwort sollte das Mädchen auf ein Zettelchen schreiben, dieses mit ein wenig Wachs oder Pech an einen Rohrpfeil kleben und durch ihren Bruder zu mir hinaufschießen lassen.
Mit fieberhafter Spannung wartete ich am anderen Tage darauf, daß die Schöne wieder im Garten erschiene, doch vergebens: alles blieb leer. Nur der Knabe tollte eine Weile dort herum und übte sich mit langen, schlanken Gerten, die er als Wurfspieße benutzte. Endlich, am Nachmittag, sah ich das helle Kleid aus dem Grün hervorleuchten. Das Mädchen ging langsam durch den Garten und verschwand unter dem alten Lindenbaum. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie wieder zum Vorschein kam, nun aber wandelte sie auf dem Steige unter mir hin. Jetzt galt es. Ich räusperte mich, so laut ich konnte, und sobald sie aufblickte, zeigte ich meinen mit einem Steine beschwerten Brief. Als sie verwundert und etwas verwirrt wegsah, warf ich ihn hinab. Er fiel ihr gerade vor die Füße, und ich bemerkte, wie sie erschrak und im ersten Augenblick weiterging, ohne ihn aufzunehmen. Dann besann sie sich, kehrte um, hob das Papier auf und ging damit unter den Lindenbaum zurück. Nach einer Weile kam sie wieder hervor und schritt, mir den Rücken wendend, langsam auf das Haus zu. Wie im Krampfe zog sich mein Herz zusammen, als sie so, ohne ein Zeichen zu geben, davonging. Doch da! Plötzlich blieb sie stehen und ließ flüchtig den Blick zu mir heraufgleiten. Dann wendete sie sich wieder ab, nickte dreimal eindringlich mit dem Kopf und lief eilig dem Hause zu.
Beinahe hätte ich laut aufgejauchzt, als ich dies bemerkte, und den ganzen Abend hatte ich die größte Not, die außerordentliche Heiterkeit zu unterdrücken, die mich erfüllte.
Am anderen Tage ging alles gut. Der Knabe kam und schoß mit seinen Rohrpfeilen wie zur Übung an dem Felsen in die Höhe. Dann nahm er einen anderen Pfeil, zielte sorgfältig und schoß ihn zu mir empor. Es war zu kurz: ich sah den leichten Boten bis dicht an meine Hand steigen und dann wieder zurücksinken. Das zweite Mal aber gelang es; ich löste schnell den kleinen, schmalen Zettel ab und warf den Pfeil wieder hinunter.
Sie schrieb: ‚Ich will alles tun, was ich kann. Mein Onkel will mir dabei helfen. Sie dürfen ihm vertrauen, wie auch meinem Bruder Paul, der alles weiß und stolz auf dies Geheimnis ist. Haben Sie guten Mut! In vierzehn Tagen kann alles bereit sein.‘
Diesen kleinen Zettel drückte ich an meine Lippen, las ihn wohl hundertmal und bewahrte ihn als meinen größten Schatz.
Über die nächsten vierzehn Tage will ich kurz hinweggehen. Genug, die Stunde war da, wo alles bereit war, und zwar sollte die Flucht am hellen Mittage stattfinden. Das Glück begünstigte mich in jeder Hinsicht. Am Vormittage stieg ein Gewitter auf; über der Heide stand eine blauschwarze Wolkenwand, in der die Blitze zuckten, und der Donner ertönte lauter und lauter.
Einige Minuten nach zwölf stand ich an dem Rande des Felsens und wartete auf den nächsten Donner, der das Geräusch meines Sturzes übertäuben sollte. Da zuckte ein greller Blitz auf. ‚Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht...‘ zählte ich unwillkürlich, und dann knatterte und rollte es mächtig in den Wolken. ‚In Gottes Namen!‘ sagte ich innerlich und sprang zu.
Wie ich hinuntergekommen bin, weiß ich noch heute nicht. Es donnerte, rauschte und sauste mir um die Ohren, Zweige schlugen mir ins Gesicht, und mit einem Male hatte ich Boden unter den Füßen. Ich eilte schnell durch Laubengänge, die mich den Blicken verbargen, dem Ausgange zu. Wie oft hatte ich diesen Weg schon im Geiste gemacht! Da, in der Nähe des geöffneten Gartentores stand, von Buschwerk gedeckt, eine helle Gestalt. Sie war es. In überschwellender Dankbarkeit streckte ich ihr beide Hände entgegen, und da Worte unsere Empfindungen nicht ausdrücken konnten, so küßten wir uns, als könne es gar nicht anders sein. Aber sie drängte mich bald von sich: ‚Schnell, schnell,‘ rief sie, ‚und reisen Sie glücklich!‘ O Wonne und Qual, in der Nußschale eines kurzen Augenblicks vereinigt!
Doch ich mußte weiter. Auf der Straße sah ich den Knaben Paul, dem ich in einiger Entfernung folgen sollte. Er führte mich zu einem kleinen Gehölz in der Nähe, wo eine Kutsche mit zwei schönen Pferden hielt. Ein ältlicher Mann, der dabeistand, schob mich hinein und rief mir zu: ‚Im Wagenkasten ist ein neuer Anzug und was Sie sonst noch brauchen, in der Seitentasche Geld und Papiere. Reisen Sie mit Gott!‘ Ich wollte ihm danken, allein die Pferde zogen an, und fort ging’s in Sturm und Regen und rollendem Donner, was die Gäule laufen konnten.
Nun, ich kam nach allerlei kleinen Abenteuern über die Grenze und weiter und war frei. Frei und doch wieder gefangen, denn den Kuß am Gartentor vergaß ich mein lebelang nicht.«
Mit diesen Worten schien Herr Lindow seine Erzählung beenden zu wollen. Da aber trat Frau Lindow zu uns heran, die schon eine Weile bei einigen Gemüsebeeten in unserer Nähe beschäftigt gewesen war. »Nun,« fragte sie, »was erzählst du denn da wieder für eine lange Geschichte?«
»Oh,« antwortete er ihr in scheinbar gleichgültigem Tone, »es ist die Geschichte von dem berühmten Kuß am Gartentor!«
»Ach du!« sagte Frau Lindow. »Ja, das kommt davon, wenn man sich mit Verbrechern einläßt.«
Mir ging plötzlich ein Licht auf, entzündet an dem schimmernden Glanze der Augen, mit dem die beiden alten Leute einander ansahen.
»Alte,« rief der Doktor, »denkst du daran, daß es jetzt gerade vierzig Jahre sind seit jenem verhängnisvollen Kuß? Komm, laß uns anstoßen auf ein glückliches Alter!«
Wir erhoben uns, und die Gläser klangen aneinander. Dann küßten die beiden Alten sich, und ein Abglanz wie von ewiger Jugend verklärte ihre glücklichen Gesichter.
/Heinrich Seidel./
Übungen.
~These exercises can be used for either oral or written drill.~
~It is taken for granted that the student already knows the common pronouns, the inflection of~ haben, sein, ~and~ werden ~and of the weak verb, and has become familiar with the words found early in every grammar, such as~ aber, groß, gut, immer, so, zwei, drei, weil, ~and so on.~
~It is furthermore assumed that these exercises will be taken up in the order in which they appear here, the questions in each instance being answered before the translation into German is begun. This is mentioned because in some cases the English exercise that is set for translation contains words which do not occur in the text on which the exercise is based but which are found in the questions.~
~Parentheses, in addition to their ordinary use, enclose hints on translation, the vocabulary form of words to be used in properly inflected form, or words to be inserted in the German that are not required in English.~
~Square brackets enclose words that are to be omitted in German.~
~Words connected by a tie or ties are to be rendered by a single word.~
~The same abbreviations are used in these exercises as in the vocabulary.~
Die Fliege, die in die Schule ging.
~A.~ 1. Wie kam die Fliege in die Schulstube? 2. Warum war das Fenster offen? 3. Was lernte die Fliege in der Schule? 4. Wem gab die Fliege die erste Gesangstunde? 5. Wie kam es, daß sie sich in der ersten Gesangstunde beinahe den Hals brach? 6. Welches Lied lehrte sie ihren zweiten Schüler? 7. Gab die Fliege ihre dritte Gesangstunde einem Schüler oder einer Schülerin? (Ich stelle diese Frage, weil man auf deutsch sagt: /der/ Esel, /der/ Fisch, aber /die/ Ente.) 8. Können Sie mir nun auch sagen, ob unsere Fliege ein Gesanglehrer war oder eine Gesanglehrerin? 9. Glauben Sie, daß die Ente wirklich taub war? 10. Warum kann die Fliege jetzt keine Gesangstunden mehr geben? 11. Von wie vielen Tieren handelt diese Geschichte? 12. Wenn Sie in den Stammformen /fliegen/, /flog/, /ist geflogen/ statt des g ein h setzen, was bedeuten die Formen dann auf englisch?
~B. 1. It was a hot summer‿day. 2. The window of the schoolroom was open. 3. The children in the school were singing a song. 4. The fly was very (~sehr~) curious and flew through the window into the schoolroom.~
~5. She soon (_position!_) learned the song which the children were singing. 6. Then (~dann~) she went into the wide world and gave the other (~ander~) animals singing‿lessons.~
~7. On the meadow she saw (~sehen~) an old donkey grazing (_infinitive_), and she taught him her song. 8. But the old donkey was a very ungrateful fellow, for he almost broke her neck (to‿her the neck).~
~9. Thereupon (~darauf~) the fly caught‿sight‿of a fish in the brook and wanted‿to (~wollen~) give him a singing‿lesson. 10. He was also ungrateful and splashed water on her.~
~11. The fly flew onward, but only with great difficulty. 12. At‿last (~zuletzt~) she met the duck, who was waddling along (walked quite, ~ganz~, crooked). 13. And the duck was the most ungrateful of (~von~) all (_uninfl._) the animals: she swallowed the poor (~arm~) singing‿teacher.~
Der Fuchs und der Krebs.
~A.~ 1. Von welchen zwei Tieren handelt diese Geschichte? 2. Welches von diesen beiden Tieren ist das größere? 3. Wie kriecht der Krebs? Und wie läuft der Fuchs? 4. Um wieviel Mark wetteten Krebs und Fuchs miteinander? 5. Wieviel ist eine Mark ungefähr in amerikanischem Gelde? (~cent~, Cent) 6. Liegen Hamburg und Bremen weiter nach Norden als Berlin und Leipzig, oder liegen Leipzig und Berlin weiter nach Süden als Bremen und Hamburg? 7. Welche von diesen vier Städten ist die größte? Welche ist die zweitgrößte? 8. Welcher von den beiden Wettläufern gab dem anderen einen Vorsprung? 9. Welches war das schlauere von den beiden Tieren? 10. Womit hielt sich der Krebs an dem Schwanz des Fuchses fest? 11. Wie kam es, daß der Krebs zuletzt dem Ziele näher war als der Fuchs? 12. Wie verspottete der Fuchs den Krebs wieder, als sie ans Ziel kamen? (Antwort: Er nannte den Krebs usw.) 13. Wer mußte die Wette zahlen? 14. Was tat der Fuchs, als er beschämt davonging? 15. Nennen Sie mir ein anderes Tier, welches das auch tut, wenn es sich schämt!
~B. 1. One day a crab (~Krebs~) was crawling through the green grass of a little meadow, quite slowly and always backward. 2. A fox who saw the crab wanted‿to (~wollen~) tease him a little (~ein wenig~), so (~also~) he asked: “Crab, why do you run so fast?” 3. This mocking question (~Frage~) did not please the crab. 4. “Fox,” he said, “I see you don’t know me. I can (~kann~) run faster than you. Will (~willst~) you bet with me?” 5. “Certainly!” answered the fox. “How much? One mark?” 6. “Oh no!” said the crab. “I never (~nie;~ _position!_) bet less (~weniger~) than ten marks. But I will give you a good long start.” 7. “A start you say!” cried the fox mockingly. “How big shall the start be?” 8. “From your head to your tail. Does that suit you?” 9. “Yes indeed (~jawohl~),” said the sly fox, but he did not know (~wissen~) that the crab was much (~viel~) slier than he. 10. “All right then (~Gut also~),” said the ~crab. “If you now step right (~gerade~) in‿front‿of me, your tail touches my head, doesn’t it (~nicht wahr~)? And that is exactly the length of your body. 11. I will then count (~zählen~): One, two, three! and the race can begin.”~
~12. Now when (When now) the crab stood close behind the fox, he laid‿hold‿of the fox’s tail with his claws. 13. This (~dies~) the fox did not notice at all because his tail was so big and bushy. 14. Thereupon the crab cried as (~so~) loud [as] he could (~können~): “One, two, three!”~
~15. “Go it!” answered the fox, and the race began. 16. Never in all his life had the fox run so fast. 17. Finally, as he almost (already) touched the goal, he turned (himself) around quickly. 18. No (~kein~) crab was to be seen (to see). 19. “Are you not a stupid fellow (~Kerl~), Crab?” he shouted. “But where are you then (~denn~)?”~
~20. “Here I am,” answered the crab, “at (~an~) the goal! Don’t you see (~siehst~) me?” 21. And sure‿enough (~richtig~), there sat (~sitzen~) Mr. Crab, quietly waiting (and waited quietly) for the slow fox. 22. “How is this (comes that)?” said the frightened fox. “The cuckoo must have helped you!”~
~23. I do not know (~weiß~) whether (~ob~) the cuckoo actually (~wirklich~) helped the crab, but this (that) I know [for] certain: the fox was‿obliged‿to pay the bet, and I also saw that one (~einer~) of (~von~) the two tucked a long (~lang~), bushy tail between his legs and went away ashamed.~
Gevatter Tod.