Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises
Part 5
Die beiden Großbauern standen starr vor Schrecken und bekreuzten sich. Dann traten sie zur Grenzfichte heran und blickten erstaunt in das Werk des feurigen Schiedsrichters. »Da liegt nun, was jedem gehört!« sagte der Dohlenhamer ernst und streckte seinem Nachbarn die Hand hin.
»Das war der drohende Finger Gottes: unser Streit ist entschieden!« sprach der Ermansperger sichtlich bewegt und ergriff die dargebotene Rechte.
»Da hat der Blitz den Richter gemacht!« erzählten sich nun alle und dachten dabei an die Worte des Dorfschmieds. Noch heute aber lebt das seltsame Gewitter fort im Gedächtnis und Munde des Volks, das Ermansperg und Dohlenham umwohnt.
/Joseph Schlicht./
Das Abenteuer im Walde.
Es regnete, was vom Himmel herunterwollte. Die Tannen schüttelten den Kopf und sagten zueinander: »Wer hätte am Morgen gedacht, daß es so kommen würde!« Es tropfte von den Bäumen auf die Sträucher, von den Sträuchern auf das Farnkraut und lief in unzähligen kleinen Bächen zwischen dem Moose und den Steinen. Am Nachmittag hatte der Regen angefangen, und nun wurde es schon dunkel, und der Laubfrosch, der vor dem Schlafengehen noch einmal nach dem Wetter sah, sagte zu seinem Nachbar: »Vor morgen früh wird es nicht aufhören.«
Derselben Ansicht war eine Ameise, die bei diesem Wetter durch den Wald mußte. Sie war am Vormittag mit Eiern in Tannenberg auf dem Markt gewesen und trug jetzt das dafür gelöste Geld in einem kleinen, blauen Leinwandbeutel nach Hause. Bei jedem Schritt seufzte und jammerte sie. »Das Kleid ist hin,« sagte sie, »und der Hut auch! Hätt’ ich nur den Regenschirm nicht stehenlassen, oder hätt’ ich wenigstens die Überschuhe angezogen! Aber mit Zeugschuhen in solchem Regen ist gar kein Weiterkommen!«
Während sie so sprach, sah sie gerade vor sich in der Dämmerung einen großen Pilz. Freudig ging sie darauf zu. »Das paßt,« rief sie, »das ist ja ein Wetterdach, wie man es sich nicht besser wünschen kann. Hier bleib’ ich, bis es aufhört zu regnen. Wie es scheint, wohnt hier niemand -- desto besser! Ich werde mich sogleich häuslich einrichten.«
Das tat sie denn auch. Sie war eben daran, das Regenwasser aus den Schuhen zu gießen, als sie bemerkte, daß draußen eine kleine Grille stand, die auf dem Rücken ihr Violinchen trug.
»Hör’, Ameischen,« hub die Grille an, »ist es erlaubt, hier unterzutreten?«
»Nur immer herein!« erwiderte die Ameise. »Es ist mir lieb, daß ich Gesellschaft bekomme.«
»Ich habe heute«, sagte die Grille, »im Heidekrug zur Kirmes aufgespielt. Es ist ein bißchen spät geworden, und nun freue ich mich, daß ich hier die Nacht bleiben kann, denn das Wetter ist ja schrecklich, und wer weiß, ob ich noch ein Wirtshaus offen finde.«
Also trat das Grillchen ein, hing sein Violinchen auf und setzte sich zu der Ameise. Noch nicht lange saßen sie da, so sahen sie in der Ferne ein Lichtchen schimmern. Wie es näher kam, erkannten sie es als ein Laternchen, das ein Johanniswürmchen in der Hand trug.
»Ich bitt’ euch,« sagte das Johanniswürmchen höflich grüßend, »laßt mich die Nacht hier bleiben! Ich wollte eigentlich nach Moosbach zu meinem Vetter, habe mich aber im Walde verirrt und weiß weder aus noch ein.«
»Nur immer zu!« sagten die beiden. »Es ist recht gut für uns, daß wir Beleuchtung bekommen.« Gern folgte das Johanniswürmchen der Einladung und stellte sein Laternchen auf den Tisch.
Der Schein des Lichts führte ihnen bald einen Wanderer zu, der ziemlich ungeschickt über Laub und Moos herangestolpert kam. Es war ein Käfer von der großen Art. Ohne »Guten Abend« zu sagen, trat er ein.
»Aha!« rief er, »so bin ich doch recht gegangen, und dies ist die Zimmergesellenherberge.« Mit diesen Worten setzte er sich, holte seinen Schnappsack hervor und begann sein Abendbrot zu verzehren. »Ja, ja,« sagte er, »wenn man den ganzen Tag über Holz gebohrt hat, dann schmeckt das Essen!« Als er fertig war, stopfte er sich seine Pfeife, ließ sich vom Johanniswürmchen Feuer geben, zündete an und fing an, ganz gemütlich zu rauchen.
Unterdessen war es draußen ganz dunkel geworden und das Wetter schlimmer als vorher, da traf zur allgemeinen Verwunderung noch ein später Gast ein. Schon seit längerer Zeit hörte man in der Ferne ein eigentümliches Schnaufen; dies kam langsam näher und näher, und endlich erschien unter dem Pilz eine Schnecke, die ganz außer Atem war.
»Das nenne ich laufen!« rief sie. »Wie bin ich gejagt! Ordentlich das Seitenstechen hab’ ich bekommen. Ich will nur gleich bemerken, daß ich im nächsten Dorfe eine Bestellung zu machen habe, die Eile hat. Aber niemand kann über seine Kräfte, besonders wenn er sein Haus mitschleppen muß. Wenn die Gesellschaft erlaubt, will ich hier ein Stündchen rasten; dann kann ich nachher wieder galoppieren, als gälte es, den Dampfwagen einzuholen.«
Niemand hatte etwas dagegen, daß sich die Schnecke ein gemütliches Plätzchen aussuchte. Da setzte sie sich vor ihre Haustür, holte ihr Strickzeug hervor und fing an zu stricken.
So waren nun die fünfe da versammelt, als die Ameise das Wort nahm und also sprach: »Warum sitzen wir hier so trübselig beieinander und langweilen uns, da wir uns doch die Zeit auf angenehme Weise verkürzen könnten? Ich habe daran gedacht, daß wir uns Geschichten erzählen sollten, und gern würde ich selbst den Anfang machen, wenn ich nur eine recht hübsche Geschichte wüßte. Nun ist mir aber eben etwas noch Besseres eingefallen. Ich sehe, daß die Grille ihr Violinchen bei sich hat. Wenn sie nicht gar zu müde ist, möchte ich sie bitten, uns ein lustiges Stückchen zu spielen, damit wir eins tanzen können.«
Dieser Vorschlag der Ameise fand allgemeinen Beifall. Die Grille ließ sich auch nicht lange nötigen, sondern stellte sich sogleich mit ihrem Violinchen in die Mitte und spielte das lustigste Tänzchen herunter, welches sie auswendig wußte, während die anderen um sie herumtanzten. Nur die Schnecke tanzte nicht mit. »Ich bin«, sagte sie, »nicht gewöhnt an das schnelle Herumwirbeln; mir wird zu leicht schwindelig. Aber tanzt, soviel ihr wollt! Ich sehe mit Vergnügen zu und mache meine Bemerkungen.« Die anderen ließen sich denn auch gar nicht stören, sondern jubelten so laut, daß man es auf drei Schritt Entfernung hören konnte.
Aber ach, durch welch ein furchtbares, ungeahntes Ereignis wurde ihr Fest plötzlich unterbrochen! Der Pilz, unter welchem die lustige Gesellschaft tanzte, gehörte leider einer alten Kröte. An schönen Tagen saß sie oben auf dem Dache, wie die Kröten zu tun pflegen; trat aber schlecht Wetter ein, so kroch sie unter den Pilz, und es konnte ihretwegen regnen von Pfingsten bis Weihnachten. Diese Kröte nun war am Nachmittag nach dem nächsten Moor zu ihrer Base, einer Unke, gegangen, und sie hatten sich bei Kaffee und Napfkuchen so viel erzählt, daß es darüber dunkel geworden war. Jetzt am Abend kam die Kröte ganz leise nach Hause geschlichen. Über dem Arm hatte sie ihren Arbeitsbeutel hängen, und in der Hand trug sie einen roten Regenschirm mit messingener Krücke. Als sie den Jubel in ihrem Hause hörte, trat sie noch leiser auf. So kam es, daß die Leutchen drinnen sie nicht eher gewahr wurden, als bis sie mitten unter ihnen stand.
Das war eine unerwartete Störung! Der Käfer fiel vor Schreck auf den Rücken, und es dauerte fünf Minuten, ehe er wieder auf die Beine kommen konnte. Das Johanniswürmchen dachte zu spät daran, daß es sein Laternchen hätte auslöschen sollen, um in der Dunkelheit zu entwischen. Die Grille ließ mitten im Takt ihr Violinchen fallen, die Ameise sank aus einer Ohnmacht in die andere, und selbst die Schnecke, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen ist, bekam Herzklopfen. Sie wußte sich aber schnell zu helfen: sie kroch in ihr Häuschen, riegelte die Tür hinter sich ab und sprach zu sich: »Was da will, kann kommen! Ich bin für niemand zu sprechen.«
Nun hättet ihr aber hören sollen, wie die Kröte die armen Leute heruntermachte! »Sieh einmal an,« rief sie zornig und schwang ihren Regenschirm, »da hat sich ja ein schönes Lumpengesindel zusammengefunden! Ist das hier eine Herberge für Landstreicher und Dorfmusikanten? Ich sag’ es ja, nicht aus dem Haus kann man gehen, gleich ist der Unfug los! Augenblicklich packt ihr jetzt eure Siebensachen ein, und dann fort mit euch, oder ich will euch schon Beine machen!«
Was war zu tun? Die armen Leute wagten gar nicht, sich erst aufs Bitten zu legen, sondern nahmen still ihre Sachen auf, riefen der Schnecke durchs Schlüsselloch zu, daß sie mitkommen solle, und als auch diese sich fertig gemacht hatte, zogen sie alle miteinander von dannen.
Das war ein kläglicher Auszug! Voran das Johanniswürmchen, um auf dem Wege zu leuchten, dann der Käfer, dann die Ameise, dann das Grillchen und zuletzt die Schnecke. Der Käfer, der eine gute Lunge hatte, rief von Zeit zu Zeit: »Ist hier kein Wirtshaus?« Aber alles Rufen war vergeblich.
Als sie ein Stück gegangen waren, merkten sie, daß die Schnecke nicht mehr bei ihnen war. Sie riefen alle zusammen in den Wald zurück: »Schnecke! Schnecke! Beeile dich!« -- erhielten aber keine Antwort. Die Schnecke mußte wohl so weit zurückgeblieben sein, daß sie diese Rufe nicht mehr hören konnte.
Die andern zogen betrübt weiter, und nach langem Umherirren fanden sie unter einer Baumwurzel ein leidlich trockenes Plätzchen. Da brachten sie die Nacht zu unter großer Unruhe und ohne viel zu schlafen. Waren sie auch mit heiler Haut davongekommen, so blieb es doch immerhin ein schlimmes Abenteuer, und die mit dabeigewesen sind, werden daran denken, solange sie leben.
/Johannes Trojan./
Wie die Wodansmühle entstand.
In der Nähe meines Heimatdorfes, eine kleine halbe Stunde bergaufwärts, befand sich eine schmale Waldblöße, durch welche ein Bach dahinrauschte. Dort lagen Trümmer aller Art umher, und an der einen Seite des Baches ließ sich so etwas wie ein alter Graben erkennen, der gewöhnlich trocken war und nur nach schweren Gewittern oder während der Schneeschmelze Wasser führte. Niedrige, brandgeschwärzte Mauerreste daneben zeigten, daß hier einmal ein Gebäude gestanden hatte, und ein runder, halbversunkener Stein mit einem viereckigen Loch in der Mitte schien anzudeuten, daß es eine Mühle gewesen sei. Auch hieß diese Stätte noch in meinen Kinderjahren die Wodansmühle, obwohl sogar die ältesten Leute sich nicht erinnerten, daß es dort je eine Mühle oder einen Müller gegeben habe.
Nur einer machte hiervon eine Ausnahme, das war mein Großvater. Der stak voll alter Geschichten und Mären und war ein nachdenklicher Mann; was man ihn auch fragen mochte, er wußte Bescheid. Dann erzählte er, wie alles gewesen, und kannte und nannte es bei Ort und Namen und Zeit, und das tat er immer in seiner eigenen, wunderlichen Weise, die einem jeden zu Herzen ging.
Einmal fragte ich ihn, warum man denn den Ort »Wodansmühle« heiße, da doch nirgends eine Mühle zu sehen sei.
»Dinge und Menschen vergehen,« sagte der alte Mann, »aber Namen bleiben. Doch du sollst wissen, wie es mit der Mühle war, denn eine Mühle hat hier wirklich einmal gestanden. Wie käme sonst der Mühlstein in den Wald? Mühlsteine, die wild wachsen, gibt es nicht. Also höre zu!
In uralten Zeiten war drunten noch kein Dorf. Ein jeder baute sein Haus für sich mitten in das Feld hinein, das ihm gehörte, damit er alles hübsch nahe und beisammen habe und nicht so viele Schritte zu tun brauche. So wohnten die Bauern einzeln und verstreut über das ganze Land hin, gerade wie die Füchse und Dachse in ihren Gruben.
Aber ein Haus gab es, wo jetzt unser Dorf steht, das war eine Schmiede. Schon damals kreuzten sich drunten zwei große Heerstraßen, und wenn Züge bewaffneter Männer oder reisende Händler aus fernen Landen mit Rossen und Wagen und Karren vorbeikamen, dann hatte der Schmied, der auch eine Herberge hielt, alle Hände voll zu tun. Es war ein Ort, wo man etwas sehen und hören und lernen konnte. Menschen jedes Stammes und jedes Standes trafen hier zusammen und erzählten sich, was Neues und Wunderbares in der Welt passiert war. Fahrende Spielleute, die von einem Fürstenhof zum andern zogen, sangen hier oft ihre Lieder zum Lobe großer Könige und Helden, deren Kriegsruhm damals die Welt erfüllte.
Auch über mancherlei neue und geheime Künste berichtete man, die jenseits des Rheinstroms oder der Alpen von fremden, dunkelhaarigen Völkern geübt wurden. Seltsame Werkzeuge, Waffen und Münzen waren da zu sehen, welche man in Tausch und Kampf mit den Fremden als kostbare Schätze oder Gedenkzeichen davongetragen hatte.
Bei all solchen Gelegenheiten horchte der Schmied wohl auf, vernahm, was gesagt, und betrachtete, was gezeigt wurde, offenen und nachdenklichen Sinnes, wie ein verständiger Mann es tut, und machte sich über alles seine eigenen Gedanken. So währte das Leben in Werkstatt und Herberge den ganzen Frühling und Sommer hindurch, bis unwegsames Wetter im Spätherbst den Verkehr hemmte, und bis der schweigsame Schnee die weiten Lande in eine weiße Einöde verwandelte und stöbernd gewaltige Wälle auf der Wetterseite der Schmiede aufwarf. Dann ward es gar still da unten, und das Klappern und Klingen der Hammerschläge erstarb, wie der Herzschlag in eines toten Mannes Brust.
In einer wilden Märznacht nun, als der Schnee bereits am Schmelzen war, lag einmal der Schmied auf seinem Lager und lauschte im Einschlafen auf das schurrende Geräusch der Steinblöcke, die der überschäumende Bach zu Tal schob. Da drang es plötzlich an sein Ohr wie Heulen und Brausen. Erst unbestimmt und aus weiter Ferne, aber rasch sich nähernd, wie auf Fittichen des Sturmes, schwoll es an zu einem entsetzlichen, hohlen und tiefen Getöse, untermischt mit Pfeifen, Stöhnen und einzelnen wilden Schreien. Dazwischen erklang es wie das langgezogene nächtliche Geheul von Hunden und wie dumpfdröhnender Hufschlag.
Der Schmied war starr vor Entsetzen. Es war, als ob der Lärm durch alle Lücken des Hauses hereindränge und an allen Türen rüttelte, als ob gräßliche Stimmen durch die Esse herabriefen. Da, mit einem Schlage, hörte alles auf, es ward eine Weile totenstill, aber gleich darauf erscholl vom Hoftor her ein lautes, ungestümes Pochen und der herrische Ruf: ‚Auf da! Mach’ auf!‘
Der Schmied sprang von seinem Lager, eilte ans Tor und schob die schweren Riegel zurück. Da erblickte er beim ungewissen Widerschein des Schnees eine stolze, hochragende männliche Gestalt in weitem, wehendem Mantel und breitem Schlapphut, und neben der Gestalt einen riesigen Schimmel.
‚Mein Gaul hat ein Eisen gebrochen beim schnellen Ritt,‘ redete ihn der nächtliche Reiter mit tiefdröhnender Stimme an, ‚und du sollst ihn mir frisch beschlagen. Aber spute dich, denn mein Weg ist noch weit!‘ Damit nahm er den Schimmel beim Kopf und führte ihn in den Hof vor die Schmiede.
Nun begann der Schmied seinen Vorrat von Hufeisen von den Pflöcken herabzunehmen, aber alle erwiesen sich als viel zu klein.
‚Nimm dein Werkzeug und schmiede mir ein neues!‘ rief der Reiter ungeduldig. ‚Wie du es schmiedest, wird’s recht.‘
Schweigend machte sich der Schmied an die Arbeit, schürte das Feuer, fachte es mit dem großen Blasbalg aus Bockshaut an und schmiedete drauf los, daß die Funken weit umherstoben: das Hufeisen paßte wie angegossen.
‚Du bist ein wackerer Meister mit dem Hammer,‘ sagte der fremde Reiter, als der Schmied das Eisen heiß aufgenagelt hatte, ‚aber ein unweiser Mann. Weshalb fragst du nicht?‘
‚Herr,‘ entgegnete der Schmied demütig, ‚meine Väter haben mich gelehrt, daß es weise sei, bei der Arbeit zu schweigen und vorlaute Fragen zu meiden, denn dieses sei die Art der Weiber. Da Ihr mir aber eine Frage freistellt, so sagt mir, woher Ihr kommt zu so ungewohnter Stunde, und wohin Eure Fahrt geht!‘
‚Ich komme heint von der Friesen Strand Und fahre stracks ins Böhmerland!‘
erwiderte der Reiter. ‚Bis gestern bin ich auf Schiffen gewesen; nun muß ich mich wieder ans Roß gewöhnen.‘
‚Wer seid Ihr, Herr?‘ war des Schmieds zweite und erstaunte Frage. ‚Der schnellste Renner würde ja zu diesem Ritt mehr als sieben Tage brauchen!‘
Der Reiter lachte. Er warf dem Schmied das alte, zerbrochene Hufeisen hin, sprang auf den Rücken seines Schimmels und rief: ‚Da hast du deinen Lohn! Und damit du weißt, wessen Roß du beschlagen: ich bin der Wode, der mächtige Führer des Geisterheeres, und brause in Sturm und Wetter über See und Land, wo man Schlachten schlägt, und wo Männer fallen auf dröhnender Walstatt!‘ Bei diesen Worten hufte sein Roß, sprang über die sieben Ellen hohe Hofmauer und verschwand in der dunklen Nacht.
Zugleich aber erhob sich von neuem das wilde, grausige Getöse. Erde und Luft, bis zu den tiefstreichenden Wolken hinan, wimmelten von gespenstischen Gestalten, die in rasendem Ritte vorübersausten. Voran Weiber zu Roß mit wehenden Haaren, hinterher bleiche Krieger, die aus offenen Wunden bluteten. Heulend sprangen Hunde dazwischen mit funkelnden Augen und lechzenden Zungen, von denen feuriger Geifer floß, und darüber flatterten Raben mit rauhem Gekrächze. Immer neue, wilde Gestalten tauchten auf und drängten und schoben einander in eiligem Zuge, unaufhörlich, endlos! Da schlugen plötzlich kreischende Stimmen aus dem Getümmel an sein Ohr: ‚Weg frei! Platz da, oder du mußt mit!‘ Und wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, trat der Schmied von dem offenen Tor zurück, warf beide Flügel zu und schob die Riegel vor. Dann brach er ohne Besinnung zusammen.
Als er zu sich kam, war es heller Morgen, und der nächtliche Spuk erschien ihm wie ein Traum. Da sah er neben sich etwas in der Sonne blinken. Es war das gebrochene Hufeisen, das ihm der Wode als Lohn zugeworfen hatte, und als er es aufhob, siehe! da war es von gediegenem Golde. Nun wußte er, daß er den gewaltigen Gott der Schlachten und toten Heerscharen, den weisen Zauberer und Wanderer mit seinem wütenden Gefolge selbst gesehen hatte, und verwahrte sein goldenes Hufeisen zum Andenken an das nächtliche Abenteuer. Bald darauf aber drang auch die Kunde ins Land, daß vier Tage nach jener Nacht im Böhmerlande eine blutige Schlacht geschlagen worden sei.
Als der Frühling wiederkehrte und die liebe Sonne die Straßen wieder getrocknet und wegsam gemacht hatte, nahm eines Abends ein fremder Mann Herberge in der Schmiede. Dieser führte mancherlei dem Schmied unbekanntes Werkzeug mit sich und sagte, er reise an den Hof eines Königs, um dort neue Kunst auszuüben. Da nun der Schmied ihn fragte, wozu all das seltsame Gerät nütze sei, erzählte ihm der Fremde von einer neuen Art, Körner zu mahlen.
‚Eure Weiber‘, sprach er, ‚sind übel daran, denn sie haben viel Mühe, jeden Tag genügend Getreide in ihren Handmühlen zu zerquetschen. Bei uns zu Hause dagegen schütten die Leute das Korn einfach zwischen zwei große, runde Steine, die sich schnell aufeinander drehen, nicht von Menschenkraft getrieben, sondern von der Gewalt der Sturzbäche und mittels eines Wasserrads. Das schafft anders, kann ich Euch sagen. Ein Bauer braucht nur einige Tage, um für das ganze Jahr seinen Vorrat von feinstem Mehl zu mahlen. Weise Männer aber wissen zu berichten, diese neue Kunst stamme von dem mächtigen Gotte Wodan, auch Wode oder Wanderer geheißen, der ein großer Zauberer ist und aller Kunst und Weisheit Meister.‘
Sobald der Schmied dies vernahm, erzählte er dem Fremden, wie er kürzlich den Gott leibhaftig gesehen und seinen Schimmel beschlagen habe, und zeigte zum Beweise das goldene Hufeisen vor. Da er nun aber auch ein kluger und unternehmender Mann war, der gern aus allem Neuen, wenn es gut war, Nutzen zog, so ward er mit dem Fremden handelseinig, daß er ihm eine Mühle bauen solle, und zwar ganz nach der Art, wie Wodan es die Menschen gelehrt habe. Zum Lohn dafür versprach er ihm des Gottes Hufeisen.
Am andern Tage zogen die beiden den Bach entlang bergaufwärts, und der Fremde hielt die Stelle, wo das Wasser ein so starkes Gefälle hat, für die geeignetste zu seinem Werk. Die Mühle wurde alsobald gebaut und zu Ehren des Gottes die Wodansmühle genannt.
Späterhin, als fremde Horden aus Osten in diese Gegend hereinbrachen und die einzelgelegenen Bauernhöfe plünderten und verwüsteten, fanden die Leute, daß es besser sei, sich zusammenzusiedeln und in Dörfern beieinander zu wohnen, zu Schutz und Trutz und gegenseitiger Hilfe in Kriegs- wie in Friedenszeiten.
Da ist denn ein Streit entstanden, ob sie sich um die Schmiede oder um die Mühle anbauen sollten. Endlich ist ein alter, erfahrener Mann aufgestanden, der war klüger als alle anderen miteinander und hat gesagt: ‚Die Mühle brauchen wir nur einmal im Jahre, zu der Zeit, wo unser Korn reif ist; aber die Schmiede brauchen wir alle Tage. Laßt uns also das Dorf um die Schmiede bauen!‘
Und so ist es denn auch geschehen, und die Schmiede steht noch heute mitten im Dorfe, wie es recht und billig ist.«
/Rudolf Vogel./
Der Lindenbaum.
Vor längerer Zeit hielt ich mich einige Jahre hindurch in einer kleinen Stadt auf und war dort an einen alten Herrn empfohlen, der ein Studiengenosse meines Vaters gewesen war. In dem Hause dieses Mannes ging ich aus und ein und genoß dort viel Freundlichkeit.
Herr Doktor Lindow war ein stattlicher und jovialer Sechziger und ein großer Natur- und Gartenfreund, der herrliche Blumen und köstliches Obst zog, und sein Garten, der sich in glücklicher südlicher Lage in Terrassen zu einem kleinen See hinabsenkte, war im Sommer und Herbst ein wahres Füllhorn köstlicher Dinge.
Am Ende des Gartens befand sich auf einer kleinen Erhöhung eine mächtige Lindenlaube, die sich auf den stillen, von Schilf und Weiden umkränzten See öffnete, und dort saß ich eines schönen Abends im August in heiterem Gespräch mit dem alten Herrn, der an jenem Tage besonders aufgeräumt war. Vor uns auf dem Tische stand eine mächtige Schale mit köstlichen Pfirsichen, Reineclauden und Aprikosen, in den Gläsern schimmerte eine vorzügliche Sorte von Rheinwein, und ringsum ertönte in den stillen Abend hinein das fröhliche Getöse spielender Kinder, der Enkel und Enkelinnen meines Gastfreundes. Unter diesen war ein zwölfjähriger Junge, der sich durch große körperliche Gewandtheit auszeichnete. Plötzlich hörten wir dessen Stimme aus dem Wipfel eines Baumes, der seine Zweige wagerecht nach dem Ufer des Sees hinausstreckte. »Großvater!« rief der Junge, »nun passe mal auf, wie ich es jetzt schon gut kann!«
Damit war er auf einen der wagerechten Zweige hinausgerutscht und hing plötzlich an den Knien daran, mit dem Kopfe nach unten. Zu meinem Schreck ließ er sich dann los, griff aber geschickt in das Laub des unteren Zweiges, daß sein Körper im Fallen sich wendete und der Kopf wieder nach oben kam, und so von Ast zu Ast rutschend und stürzend gelangte er, indem er rechtzeitig seinen Fall durch wiederholtes Eingreifen in die Zweige milderte, glücklich unten an.
»Gut, mein Sohn,« rief Herr Lindow, »kannst mal herkommen!« Nachdem er den Knaben für seine Leistung reichlich mit Obst belohnt hatte, wandte er sich zu mir und sagte: »Eine alte Familienkunst, die ich schon von meinem Vater gelernt habe, und die hoch in Ehren gehalten wird, seitdem sie mir einmal einen so großen Dienst geleistet hat.«
»Welcher Art war dieser Dienst?« fragte ich etwas verwundert.
Der Doktor lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück und sah sinnend vor sich hin wie einer, der sich eine Geschichte im Geiste zurechtlegt, und sagte dann: »Sie wissen doch, daß ich als Student zu zehnjähriger Festungshaft verurteilt worden bin?«
»Ja, gewiß!« antwortete ich. »Damals, als auch Fritz Reuter zu dieser Strafe verdammt wurde, und aus denselben Gründen.«