Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises

Part 4

Chapter 43,783 wordsPublic domain

Der Minister seufzte, der Amtmann seufzte auch; der Stiefelknecht aber seufzte nicht. Er hatte alles mit angehört und lachte nun in sich hinein: »Knechte, lauter Knechte! Nicht einmal der Landesfürst ist sein eigener Herr!«

Und von dieser Stunde an war der Stiefelknecht mit seinem bescheidenen Lose zufrieden und diente den Herren Stiefeln als geduldiger Knecht.

/Julius Sturm./

Die Wunderlampe.

Bei den Bauern oben in den Bergen wurden wir Schneider für die langen Winterabende zumeist mit Spanlicht bedient. Das war ein ehrliches, gesundes Licht und uns lieber als Kerzenlicht.

Wenn wir den ganzen, langen Abend bei solchen Unschlittschwänzlein nadeln sollten, von denen volle zwölf auf ein Pfund gingen, da sagte mein guter Meister manchmal: »Hausfrau, das ewige Lämplein in der Kirche ist mir lieber als dein Licht da.« Dann antwortete die Hausfrau wohl: »Meine Gießform ist leider nicht größer«, denn sie goß die Kerzen selber.

Beim Kaufmann jedoch brannten wir größere Kerzen, von denen acht oder sogar nur sechs auf ein Pfund gingen. Die gaben freilich einen helleren Schein, das heißt, wenn sie ordentlich geschneuzt wurden; trotzdem besorgten wir alle feineren Arbeiten beim lieben Tagesschein und verschoben die gröberen Sachen auf das Kerzenlicht.

Einmal nun im Advent arbeiteten wir beim Kaufmann. Dieser kehrte spätabends von Graz heim. Als er uns um das matte Kerzenlicht kauern und lugen sah, klopfte er den Schnee von den Schuhen, blinzelte uns an und sagte: »Na, Schneider, heut’ hab’ ich was heimgebracht für euch!«

Und als die Waren ausgepackt wurden, da kam eine stattliche Öllampe zum Vorschein und ein langes Rohr aus Glas dazu und ein grüner Papierschirm und ein Zwilchstreifen und ein kleines, feuchtes Fäßlein.

»Was du alles für Sachen hast!« sagte mein Meister.

»Das alles miteinander«, berichtete der Kaufmann, »gehört zu dem neuen Licht, das aus Amerika gekommen ist -- das Petroleum. Es brennt so hell wie der Tag. Wirst es schon sehen!«

Er füllte die Lampe aus dem Fäßlein und zog den Zwilchstreifen durch das glänzende Ding mit der eichelförmigen, geschlitzten Kapsel. Dann setzte er die Bestandteile zusammen, zündete das hervorstehende Ende des Dochtes an, stülpte das bauchige Glasrohr darüber, daß wir meinten, so nahe an der Flamme müsse es gewiß zerspringen -- und »Nun«, sagte er, »sollt ihr einmal sehen!«

Und wir sahen es. Es war ein gar trübes Licht, das mit seinem schwarzen, stinkenden Rauch sogleich das Glasrohr schwärzte. Der Kaufmann drehte an dem feinen Schräublein den Docht weiter hinauf, da rauchte es noch mehr. Er drehte ihn tiefer nieder, da wurde es finster, und als wir zu lachen begannen, knurrte er: »Na, mir scheint, dieser Lampenhändler hat mich sauber angeschmiert! Aber ich hab’s doch selber gesehen in der Stadt, wie das Zeug wunderschön brennt!«

»Versuchen wir’s einmal«, sagte mein Meister, »und tun das Glasröhrlein ganz weg!« Aber sogleich riß er seine Finger mit einem hellen Aufschrei davon. Als dann das Glas mittels eines Lappens entfernt war, brannte die Flamme noch viel trüber, und das Kerzenlicht daneben zuckte nicht ohne Schadenfreude hin und her.

Nachdem wir mit der Lampe noch allerlei versucht hatten und die Stube endlich voll Rauch geworden war, schalt der Hausherr auf die höllische Flamme und blies sie aus. Die Kerze brannte nun mit stiller Würde fort, und mein Meister sagte: »Ja, ja, das sind die Ganzgescheiten heutzutag’! Bisweilen schmiert man sie halt doch an! Die alten Leut’ sind auch keine Esel gewesen.«

»Was ist denn das für ein Öl, das Petroleum?« fragte der Geselle.

»Es soll aus der Erde herausrinnen«, erklärte der Kaufmann.

»Ja so!« rief der Geselle. »Dann wird’s freilich nichts taugen, dann ist’s das helle Wasser.«

»Sei mir still, ich mag nichts mehr davon hören!« sagte der Kaufmann und stellte die Lampe in den Winkel.

Nun vergingen zwei Tage. Da kam der Thomastag, und mein Meister und der Hausherr gingen noch vor Tagesanbruch zur Frühmesse. Ich saß allein bei der Kerze und schneiderte. Bald trat die junge Viehmagd herein, die vorhin im Stalle die Kühe gemolken hatte, und setzte sich an meinen Tisch, um an ihr Christtagskleid ein seidenes Schleiflein zu nähen. Da wollten wir doch gar zu gern noch einmal die neue Lampe anzünden, da niemand mehr im Hause war, der es uns verwehrt hätte.

So holten wir denn die neue Lampe aus dem Winkel hervor, stellten sie sorgfältig mitten auf den Tisch und zündeten sie an. Es war aber dasselbe trübe, rußende Licht wie das erstemal. Ich drehte den Docht höher und tiefer und zuletzt so tief, daß er ganz in die eichelförmige Hülse zurückging. Und nun wurde es auf einmal hell: aus dem Spalt strahlte eine breite, blendend weiße, rauchlose Flamme hervor. Beide erschraken wir vor dem hellen Schein, der auf Tisch und Wand und unsern Gesichtern lag.

So sind wir ganz zufälligerweise dem Geheimnis der Wunderlampe auf die Spur gekommen, daß man nämlich den Docht nicht in die freie Luft hineinstehen lassen, sondern ganz in den Spalt versenken muß, wenn er brennen soll.

Als die beiden Alten aus der Kirche zurückkehrten, rief der Hausherr freudig aus: »Da haben wir’s ja! Wer hat’s denn fertiggebracht?«

»Der Peter«, antwortete die kleine Viehmagd, denn ich getraute mir nicht den Mund aufzutun.

Einmal noch ist die Kerze neben der neuen Lampe angezündet worden, aber ach, wie armselig war ihr Licht! »Schäm’ dich!« rief der Meister und blies sie undankbar aus.

Ich wüßte aber keine andere Neuerung, die beim Landvolk so rasch Eingang gefunden hat, wie vor vierzig Jahren die Petroleumlampe.

/Peter Rosegger./

Kurze Reise nach Amerika.

Der alte Schuhmacher Johann Matthias Palmberger war gestorben, und auf seinem Schemel war ihm sein Sohn Andreas gefolgt. Schon etliche Tage hatte der junge Mann, oft in tiefe Gedanken verloren, dagesessen, als endlich eines Morgens die Mutter zu ihm herantrat und sprach: »Andres, dir fehlt was, und ich weiß auch gar wohl, wo dich der Schuh drückt, ohne daß du es mir zu sagen brauchst. Dir gefällt es nicht mehr in deines Vaters Hause, und der Hoffartsteufel macht es dir zu enge. Du möchtest ein großer Herr Schuhmacher werden, wie du sie auf deiner Wanderschaft in Nürnberg und Frankfurt gesehen hast, und weißt doch nicht, daß du hier wärmer sitzest als hundert andere Meister, die keinen Knieriemen mehr an den Fuß bringen, sondern nur zuschneiden. Aber in Gottes Namen! Willst du fort, so geh, denn halte ich dich zurück, so bleibst du ewig unzufrieden; versuchst du’s aber, so wird es dich bald gereuen. Andres, es ist ein großer Unterschied zwischen einer Wanderschaft von etlichen Jahren und einem Abschied von Mutter und Heimat auf immer!«

Andreas drehte sich halb auf seinem Schemel herum und sprach: »Mutter, nun ich mir alles recht überlegt habe, kann ich Euch sagen, daß ich nicht mehr hier bleibe.«

»Warum nicht, Andres?« fragte die Witwe und schien sich über seine Rede sowenig zu wundern, als hätte er gesagt, die neuen Stiefel, an denen er noch arbeitete, seien nun fertig, und sie könne sie noch vor Abend dem Gastwirt unten im Dorfe bringen, der sie bestellt hatte.

»Das will ich Euch kurz sagen, Mutter«, antwortete Andreas. »Es ist hier nichts mit der Schusterei. Was einer in diesem Neste ist, das muß er sein Leben lang bleiben.«

»Da hast du recht«, versetzte die Mutter. »Dein seliger Vater hat wohl an die zwanzig Knieriemen zerrissen an sich und an dir, und schließlich hat es doch nur in seinem Lebenslauf geheißen: ‚Der ehrbare Johann Matthias Palmberger, Altschuhmacher und Schutzverwandter dahier.‘ Nichts dahinter und nichts davor.«

»Eben darum will ich auch nach England,« fuhr der junge Schuhmacher fort, »oder nach Amerika. Da hat schon mancher sein Glück gemacht!«

»Jawohl, sein Glück gemacht!« stimmte die Witwe dem Sohne bei. »Gerade jetzt erzählt man wieder viel von einem Sattlergesellen aus Schneeberg in Sachsen, -- Ackermann heißt er -- der ging über Paris nach London in England und ward daselbst ein so reicher und angesehener Mann, daß jetzt die Grafen und Fürsten in seinem Hause aus und ein gehen wie bei unsereinem die Hühner. Seinen armen Freunden in Schneeberg schickt er aber ein Geldstück um das andere.«

»Ich werde Euer auch nicht vergessen, liebe Mutter!« versicherte der junge Mann auf dem Schemel und stellte die Stiefel des Wirts auf die Seite, nachdem er die letzte Hand darangelegt hatte. »Ich werde Euch schon von Zeit zu Zeit schreiben, wie es mir geht. Und wenn Ihr in einem Briefe von mir leset: ‚Euer dankbarer Sohn, Hofschuhmachermeister Seiner Majestät des Königs von Großbritannien, Schottland und Irland‘, -- dann dürft Ihr Euch flugs aufmachen wie der Erzvater Jakob zu seinem Sohne Joseph in Ägyptenland. Denn ich wollte mich Euer nicht schämen, und wenn ich König würde!«

»Bis dahin«, versetzte die Mutter, indem sie sich mit der Schürze eine Träne aus dem Auge wischte, »darfst du dir um meinetwillen keine Sorge machen, denn ein neues Haus, wie wir es haben, zwei Kühe im Stall, etliche Morgen Ackerland und eine Wiese an der Altmühl sind für ein Witweib mehr als genug.«

Sie hatte noch nicht ausgeredet, als Andreas schon anfing, um seinen Schemel herum aufzuräumen. Die Mutter aber wehrte es ihm und sprach: »Lieber Sohn, das überlaß mir! Nimm nur das Handwerkszeug, das du als Geselle auf der Wanderschaft brauchst, und schnalle dein Bündel! Der Ranzen, den du vor drei Jahren aus der Fremde mitgebracht, ist noch ganz gut und hängt drüben in der Kammer. Indes habe ich Zeit, dir zum Abschied dein Leibgericht zu kochen. Denn du sollst erst gegen Abend ausziehen und heute nicht weiter als nach Merkendorf gehen. Du möchtest dir sonst die Füße wundlaufen.«

Und so geschah es denn auch. Andreas schnallte sein Wanderbündel, aß sein Leibgericht mit gutem Appetit und großem Beifall, plauderte noch ein paar Stunden mit der Mutter über dies und jenes und ging dann, von ihr bis vor die Haustür geleitet, zum Dorf hinaus.

Die Witwe aber sprach bei sich, als sie in ihrem Stüblein allein war: »Ich lasse alles liegen und stehen, auch seinen Schemel, denn allzulange wird er nicht wegbleiben.« Und als eine Stunde darauf die Nachbarin ein Paar Schuhe zum Flicken brachte, nahm sie diese ruhig an und sagte: »Morgen abend könnt Ihr wiederkommen und sie abholen, da werden sie fertig sein.«

Andreas aber, je weiter er ging, desto länger wurde ihm der Weg nach England und Amerika. Schon auf den Wiesen zwischen den beiden nächsten Ortschaften gelobte er, sich mit der Neuen Welt nicht einzulassen. In dem großen, düsteren Mönchswalde gab er auch England auf. In dem tiefen Sande jenseit des Waldes machte er sich schon das näher gelegene Frankfurt zum Endziel seiner Wanderschaft. Und als er nun Merkendorf erreichte und ihm da und dort aus den Stuben ein heimliches Abendlicht entgegenschimmerte, wie vom Himmel die ersten Sterne, ja, da fühlte er ganz und gar, was es heiße, Mutter und Heimat auf Nimmerwiedersehen zu verlassen.

So kam er in die Herberge, nippte ohne großen Appetit an dem Bier, das ihm vorgesetzt wurde, und legte sich dann todmüde zwischen die Würzburger Fuhrleute, die auf dem Stroh in der Stube umherlagen. Sein Wanderbündel nahm er dabei zum Kopfkissen. Dann löschte der Wirt die mit Schmalz gefüllte Lampe aus, und die Stube blieb nur noch matt vom Licht des Mondes erhellt.

Andreas hatte aber einen schlimmen Platz gewählt. Sein Schlafkamerad zur Linken schien nämlich von einer Schlägerei zu träumen. Wenigstens schlug er mit seinen großen und harten Fäusten gewaltig um sich und traf dabei den Schuhmacher so ins Genick, daß dieser erschrocken aufsprang und sich nach einer anderen Schlafstätte umschaute. Bald erspähte er auch dicht an der Wand zwischen dem Fenster und der Stubentür so etwas wie eine lange, schmale Tafel oder Bank, auf der weiter nichts stand als ein leerer Scheffel. Nachdem er den vorsichtig herabgenommen und auf den Fußboden gestellt hatte, hob er seinen Ranzen hinauf und streckte sich dann selbst ganz nach seiner Bequemlichkeit auf der vermeintlichen Tafel oder Bank aus; sie war auch gerade lang genug für seine nicht allzu große Gestalt, obgleich sie gern etwas breiter hätte sein können.

Wenige Minuten darauf schloß ihm ein sanfter Schlaf die Augen, und eine liebliche Erinnerung aus seiner frühsten Jugend zog, in einen Traum verwandelt, durch seine Seele. Es träumte ihm, er liege als etwa achtjähriger Knabe, zum Baden entkleidet, auf dem flachen Ufer der Altmühl und wolle sich in dem schwarzen Schlamm wälzen, um dann seinen Kameraden plötzlich als Mohr zu erscheinen. Lange war es ihm, als könne er über ein Brett, das ihm im Wege lag, nicht in den Schlamm hinuntergelangen; endlich aber wich das Hindernis, und er sank bis an den Hals in die weiche Masse hinein. Eine Weile gefiel es ihm prächtig darin; da er sich aber mehr und mehr auf die Seite drehte, bis er zuletzt fast auf dem Bauch lag, hörte das mollige Gefühl allmählich auf: Mund und Nase füllten sich mit dem eindringlichen Brei, er war dem Ersticken nahe und begann ängstlich nach Luft zu schnappen.

Darüber erwachte Andreas und erkannte nun, daß er statt in dem Schlamm der Altmühl in einem mit Teig angefüllten Backtrog lag. Solche langen Tröge brauchen nämlich die Gastwirte dortzulande, wenn sie für Hochzeiten, Kirchweihen und andere Festlichkeiten Brot oder Kuchen backen wollen. Was er träumend für ein in dem schwarzen Schlamm liegendes Brett gehalten, war der Trogdeckel gewesen, und als dieser schließlich aus seiner wagerechten Lage wich und umkippte, war der Träumer samt seinem Wanderbündel in den weißen, gärenden Brotteig hinabgeglitten.

Ehe noch Andreas seine Badewanne mit wachenden Augen gründlich beschaut hatte, war er auch schon mit einem Sprunge heraus. Aber was nun anfangen? Hätte er Lärm geschlagen, so würde der Zorn des Wirts, dem er das Hochzeitsbrot verdorben hatte, und der Spott der Fuhrleute, Dienstboten und Kinder haufenweise über ihn gekommen sein. Er beschloß also, wie der Iltis aus dem Taubenschlag ohne Abschiedsgruß davonzugehen, schüttelte sich, daß die Teigflocken weit umherflogen, nahm Hut, Stock und Ranzen und ging durchs Fenster wieder hin, wo er hergekommen war. Dabei lief er, was er nur konnte, um noch vor Tagesanbruch zu seiner Mutter zu gelangen, und schwitzen tat er unter seinem Überzuge wie ein Schinken, der, mit Teig umwickelt, im Backofen schmort.

Seine Mutter hatte indessen auch nur wenig geschlafen, denn ihre Hoffnung auf die baldige Wiederkehr ihres Sohnes war doch allmählich etwas gesunken. So trat sie denn, als der Morgen graute, unter die Haustür und sah den Wiesengrund hinab, der fast bis an den Mönchswald vor ihr lag. Und es währte auch nicht lange, so erblickte sie eine weiße Gestalt, die von unten heraufkam und einem Müller- oder Bäckergesellen glich, bis sie endlich in dem wandelnden Teig ihren Andreas erkannte.

Ob sie bei seinem Einzug mehr Freude oder mehr Erstaunen zeigte, war schwer zu unterscheiden. Auch hielt sich Andreas nicht lange bei dieser Frage auf, sondern schlüpfte aus Furcht, von den Nachbarn gesehen zu werden, so schnell wie möglich unter Dach und Fach.

Eine Stunde darauf, nachdem er die Teigkruste abgewaschen und sich in sein Hausgewand geworfen hatte, saß er schon wieder auf seinem Erbschemel und flickte, als sei zwischen gestern und heute gar nichts Besonderes vorgefallen, die Schuhe, welche die Nachbarin am vorigen Abend hereingebracht hatte.

Fort in die Fremde begehrte er nicht mehr, sondern suchte sich nach dem Wunsche der Mutter eine Lebensgefährtin aus und hielt nach einigen Monaten eine große Hochzeit.

Etliche Tage zuvor aber fiel ihm der Hochzeitsteig wieder ein, den er auf seiner Reise nach Amerika verdorben hatte, und er schickte dem Wirt in Merkendorf zur vollen Entschädigung drei neue Kronentaler mit der Post, jedoch ohne Namensunterschrift.

/Karl Stöber./

Wie man Diebe fängt.

An einem Juliabend im Jahre 1836 saß ein alter Seekapitän auf der Veranda seines schönen, großen Landhauses, ein halb Stündlein von der holländischen Stadt Haarlem. Und warum sollte er auch nicht dort sitzen? Hatte er sich doch draußen auf See vierzig Jahre lang Wind und Wetter um die Ohren wehen lassen, und sein Gesicht sah aus wie eine verwitterte Felswand.

Er rauchte vom feinsten Kubatabak aus einem echten türkischen Kopf und trank dazu langsam aus einer echten japanischen Tasse den teuersten Mokkakaffee, dachte an seine Fahrten auf fremden Meeren und freute sich, daß er das Seine ins trockene gebracht und nun in Frieden genießen konnte. Denn drinnen im Hause waren allerhand rare Schätze aus fernen Ländern aufgestapelt, und außerdem viel Silber und Gold in schweren Truhen.

Sein Diener, ein alter Matrose, den er nach Haarlem geschickt hatte, um Einkäufe zu machen, war zur Stunde noch nicht wieder aus der Stadt zurück. Da nun aber die Sonne schon untergegangen war und die feuchten Nebel heraufstiegen, so dachte der alte Mynheer: »Du willst doch in deinem Alter nicht noch den Schnupfen kriegen«, klopfte seine Pfeife aus, ging hinein, verschloß die Tür und legte sich bald darauf ins Bett.

Er mochte wohl so im ersten Halbschlummer liegen und von den Chinesen träumen mit ihren Mandelaugen und langen Zöpfen, da hört er am Fenster etwas bohren, als ob einer da hereinwolle statt durch die Haustür. Er steht also behutsam auf und merkt auch sogleich, daß wirklich jemand draußen unterm Fenster ist, der ihm nächtlings, und zwar unangemeldet, einen Besuch machen will, vielleicht weniger ihm selbst als seinen goldenen Vögeln. Da fällt’s nun dem Alten siedendheiß auf die Seele, daß leider alle seine Säbel, Flinten und Pistolen in der Waffensammlung am andern Ende des weitläufigen Hauses sind: er hat deshalb kein einziges Stück, womit er sich wehren kann, und weiß zuerst nicht recht, was er anfangen soll.

Mittlerweile ist der Dieb mit seinen Vorbereitungen fertig geworden und hat eine Fensterscheibe aus dem Rahmen entfernt. Da aber ist auch unser alter Seemann seinerseits bereit, ihn zu empfangen.

Er hat sich nämlich schnell besonnen, daß auf dem Tisch neben seinem Bett eine Flasche Selterwasser steht, fest zugekorkt und oben noch mit dem Draht darum. Schnell hat er den Draht abgenommen und hält nun den Daumen auf den Kork, stellt sich hinter den Fenstervorhang und wartet ab.

Eben steckt der Dieb seinen Kopf durch die Scheibe und denkt: »Wo der durchgeht, geht auch der ganze Leib nach!« Da drückt der alte Herr an dem Kork der Flasche, die er vorher noch tüchtig geschüttelt hat: es knallt wie eine Pistole, und der Kork mitsamt dem Selterwasser fährt dem Langfingrigen auf die Stirn und ins Gesicht. Der glaubt nicht anders, als daß er zum Tode getroffen sei und das Blut ihm bereits übers Gesicht laufe, biegt sich vor Schrecken vom Fenster zurück und stürzt dann von der Leiter in den mehrere Fuß tiefer liegenden Hof hinab.

Nun wußte aber der alte Kapitän aus seinem Seeleben, daß man einem geschlagenen Feinde keine Ruhe gönnen darf. Er stieg deshalb sofort dem Einbrecher nach, der noch betäubt am Boden lag, und band ihm den Hals mit seinem langen Schnupftuch von echter chinesischer Seide so fest zu, als ob’s ein Halseisen wäre. Und da der Dieb auch glücklicherweise einen derben Strick mitgebracht hatte, womit er wohl die gestohlenen Sachen zusammenschnüren wollte, so brauchte der Kapitän diesen, um ihm auch noch die Hände auf dem Rücken festzubinden. Darauf machte er seinen alten Tyras von der Kette los und brachte mit dessen Beistand den Übeltäter noch in derselben Nacht hinein auf das Haarlemer Polizeiamt.

Dafür bekam er denn auch vom König von Holland ein ganz besonderes Dankschreiben, daß er einen so gefährlichen Spitzbuben eigenhändig eingefangen und abgeliefert hatte.

Merke drum: Das Selterwasser ist ein gut Wässerlein, und zwar nicht bloß gegen den Durst und allerhand Krankheiten, sondern auch, um Diebe damit zu fangen!

/Emil Frommel./

Die Grenzfichte.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hausten in der Nähe eines süddeutschen Dorfes zwei große Bauern, der Dohlenhamer und der Ermansperger, jener im Tal, dieser auf der Höhe. Sie lebten zwar in keiner tödlichen Feindschaft miteinander, allein sie hatten doch einen eigentümlichen Streit unter sich, der nicht enden zu wollen schien.

Gerade auf der Grenze nämlich, wo ihre Ländereien zusammenstießen, erhob sich eine tausendästige, dunkle Riesenfichte, die gewiß schon einer der Urgroßväter gepflanzt hatte, und die im Laufe der Zeit zum Gegenstand des Streites zwischen den beiden Großhöfen geworden war. Noch immer stand sie von Axt und Säge unversehrt da, denn je mehr sie wuchs, desto weniger war der eine der nunmehrigen Großbauern geneigt, den prächtigen Bretterbaum mit dem andern gemeinsam zu fällen und redlich zu teilen; im Gegenteil, jeder behauptete steif und fest, die Fichte stehe auf seinem Grund und Boden und gehöre ihm allein zu eigen.

So vernünftig waren die beiden Bauern allerdings gewesen, daß sie nicht gleich Advokaten annahmen und denen zusammen zwanzigmal mehr zahlten, als die ganze Grenzfichte wert war. Allein tief drinnen im Herzen schlug dennoch einem jeden der großbäuerliche Stolz und Neid.

Wenn der Dohlenhamer nun einmal Hilfe im Hause brauchte, so ging er beileibe nicht zu seinem nächsten Nachbar, dem Ermansperger, sondern eine schöne Strecke weiter fort, und der Ermansperger machte es seinerseits ebenso. Natürlich herrschte die gleiche Kälte auch zwischen ihren Weibern und Kindern, ihren Mägden und Knechten, ihren Vettern und Basen, -- ja sogar die Hofhunde hatten zuletzt den Groll in den Nasen und knurrten aufeinander!

Brave Männer versuchten oftmals, die starren Streithänse auszusöhnen, aber vergebens. »Gehört mir doch die Fichte allein!« sagte jedesmal der Dohlenhamer mit stechenden Augen und verbissenen Lippen. Aber ebenso sprach auch der Ermansperger. So wurden denn die Friedenstifter ihrer Liebesdienste endlich müde.

Obgleich die beiden Hartnäckigen, wie gesagt, nicht im Dorf wohnten, so zog ihr Streit doch immer weitere Kreise, bis zuletzt auch mancher mit hineingeriet, der es gern vermieden hätte. So ging es einst dem derben Hufschmied, und als er sich nicht mehr zu helfen wußte, brach er in die zornigen Worte aus: »Wenn doch nur einmal das Donnerwetter in die vermaledeite Grenzfichte schlüge!«

Aber Jahr um Jahr verging. Ein Gewitter nach dem andern zog wie sonst ohne Blitzschlag über Dorf und Höhe dahin, und die herrliche Fichte streckte ihre Äste immer höher, immer breiter aus.

Nun schrieb man das Jahr 1845. Das Gesinde der beiden Großhöfe war auf den anstoßenden Feldern mit dem Binden der Erntegarben beschäftigt. Die feindlichen Bauern selbst standen beaufsichtigend unter ihren Leuten. Von Zeit zu Zeit warfen sie, der Dohlenhamer von rechts, der Ermansperger von links, einen begehrlichen Blick hinauf zur Fichte und dann eine finster grollende Miene hinüber zum Nachbarn. Das Gesinde merkte es und blinzelte mit händellüsternen Gesichtern; zugleich aber beeilten sich alle unter dem kalten, scharfen Blick ihrer Herren, denn aus Nordwest zogen über das wellige Gebirge rabenschwarze Wetterwolken heran.

Schon standen die Weizengarben in Reih’ und Glied aufgerichtet. »So! Jetzt heim! Geschwind!« befahl hüben der Ermansperger und drüben der Dohlenhamer. Aber wie man sich anschickte, das Feld zu verlassen und das schützende Dach zu gewinnen, fegte schon mit unheimlichem Sausen eine schwefelgelbe Wolke über ihren Häuptern dahin. Ein jäher Blitzstrahl, ein Donnerkrach, als hätten Riesenfäuste tausend Planken mit einem Male entzweigebrochen, und -- von der verwünschten Grenzfichte lag die rechte Hälfte auf dem Felde des Dohlenhamer und die linke auf dem des Ermansperger. Vom Gipfel bis zur Wurzel war sie unparteiisch gespalten und geteilt.