Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises

Part 3

Chapter 33,930 wordsPublic domain

Als der Fremde im nächsten Sommer wieder in der Seebachmühle vorsprach, trug das blonde Mädchen ein schwarzes Gewand: sie trauerte um den Großvater, der im Obersee ertrunken war.

»In der letzten Zeit«, sprach sie mit nassen Augen, »war er ganz verwirrt und redete immer von seiner Schwiegermutter, die er erlösen müsse. -- -- -- Gott sei seiner armen Seele gnädig!«

/Rudolf Baumbach./

Der arme Musikant und sein Kollege.

Im Prater, dem großen öffentlichen Park der alten Kaiserstadt Wien, wurde an einem herrlichen Sommertage ein Volksfest gefeiert, zu dem sich Tausende von geputzten und fröhlichen Menschen eingefunden hatten. Hier und da sah man aber auch schlecht gekleidete Bettler, Orgelmänner, Harfenspieler, Geiger und andere verschämte Arme, die auf milde Gaben von ihren glücklicheren Mitmenschen hofften und in der Tat manchen Kreuzer davontrugen. Nur einem war es noch nicht gelungen, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zu lenken, obgleich er sich die größte Mühe zu geben schien: das war ein alter grauköpfiger Geiger.

Schon lange stand er im Schatten eines hohen, breiten Baumes und fiedelte tüchtig drauf los. Die rechte Hand, die den Bogen führte, hatte nur drei Finger. Sein Gesicht war durch eine tiefe Narbe entstellt. Das eine Bein war vom Knie herab von Holz. Um seine Schultern hing ein abgetragener Soldatenmantel. Kurz, alles kennzeichnete ihn als Invaliden, und wer ihn kannte, der wußte auch, daß er im Jahre 1809 tapfer mitgefochten hatte in der Schlacht bei Aspern, wo Erzherzog Karl den bis dahin unbesiegten Napoleon schlug.

Freilich genoß der Alte eine kleine Pension; da diese aber nicht zu seinem Lebensunterhalt genügte, so hatte er sich auf die Musik verlegt, die er sozusagen von seinem Vater ererbt hatte, denn der war ein Böhme gewesen, und die Böhmen sind ja alle von Natur musikalisch.

Vor unserm Geiger, der sich manchmal zur Stütze an den Baumstamm lehnte, saß aufrecht und mit des Invaliden Hut im Maule sein treuer Pudel, um etwaige hingeworfene Geldstücke einzusammeln. Bis zur späten Nachmittagstunde jedoch war der Hut noch ganz leer, und wenn es so weiterging, mußten Herr und Hund sich ohne Abendbrot schlafen legen.

Da trat aus der vorbeiwogenden Menge ein fein gekleideter Herr hervor, der den Alten schon eine Zeitlang beobachtet hatte, drückte ihm ein Goldstück in die Hand und sprach freundlich, aber in gebrochenem Deutsch: »Leiht mir doch Eure Geige auf ein Stündchen! Ihr seid schon müde, und ich bin noch frisch.«

Mit einem Blick des Dankes reichte der Geiger sein Instrument dem Fremden, denn was dieser wollte, konnte er sich wohl denken. Auch war die Geige keine von den schlechtesten, und nachdem der Herr sie ordentlich gestimmt hatte, klang sie fast glockenrein.

»Jetzt, Kollege,« sprach er endlich, »will ich den Leuten eins aufspielen, und Ihr mögt das Geld annehmen.« Damit fing er an zu spielen, daß der Alte neugierig die Geige betrachtete und meinte, es sei seine eigene gar nicht mehr, so hell und voll, so freudig und dann wieder so traurig und klagend quollen die Töne aus ihr hervor.

Nun blieben auch die Vorübergehenden stehen und wunderten sich des seltsamen Schauspiels. Selbst die Kutschen der Vornehmen hielten an, und bald regnete es nicht nur Kupfer, sondern auch Silber und Gold in den Hut, so daß der Pudel ihn nicht mehr halten konnte und vor Ärger oder Vergnügen zu knurren begann.

»Macht den Hut leer!« riefen die Leute dem Invaliden zu. »Er wird leicht noch einmal voll.« Das tat der Alte denn auch, und richtig! bald mußte er ihn zum zweiten Male in den Sack leeren, in welchem er seine Violine zu tragen pflegte.

Der Fremde aber stand da mit leuchtenden Augen vor der ungeheuren Menschenmasse und entzückte mit seinem Spiel aller Herzen. Ein Bravo folgte dem andern, und keiner wich vom Platze.

Als nun aber des Invaliden Kollege schließlich in die Melodie der österreichischen Nationalhymne »Gott erhalte Franz, den Kaiser!« überging, da flogen Hüte und Mützen von den Köpfen, und ein jeder sang das Lied bis zu Ende mit. Rasch gab der Unbekannte dann die Geige dem Alten zurück und verschwand, ehe dieser ihm noch ein Wort des Dankes sagen konnte.

»Wer war das?« rief das Volk.

Da trat ein Herr vor und sagte: »Ich kenne ihn wohl, es war der berühmte Alexander Boucher, der hier seine Kunst im Dienste der Barmherzigkeit übte. Laßt uns aber auch seinem edlen Beispiel folgen!«

Damit nahm er seinen eigenen Hut, ging herum und sammelte noch einmal, und aufs neue flogen die Geldstücke hinein. Dann rief er laut: »Boucher lebe hoch!« »Hoch! hoch! hoch!« rief das Volk, und der alte Musikant, dem die Tränen in den Augen standen, faltete die Hände und sprach ein inbrünstiges Gebet für seinen Kollegen.

/W. O. von Horn./

Das Gegengeschenk.

Ein großer Herr hatte sich einmal im Walde verirrt und kam gegen Abend an die Hütte eines armen Köhlers. Der war selbst über Land, und die Frau kannte den gnädigen Herrn nicht, doch beherbergte sie ihn, so gut sie konnte, setzte ihm von ihren besten Erdäpfeln vor und sagte, er müsse leider auf dem Heuboden schlafen, denn es sei nur ein einziges Bett im Hause.

Da nun aber der große Herr auch großen Hunger mitgebracht hatte und todmüde war, so schmeckten ihm die Erdäpfel so gut wie die frischesten Eidotter, und auf dem duftenden Heu schlief er besser als auf den weichsten Daunen. Das rühmte er denn auch gegen die Frau, als er sich am nächsten Morgen wieder auf den Weg machen wollte, und schenkte ihr dabei ein Goldstück, welches sie zum Andenken behalten solle.

Sobald der Köhler heimkehrte, erzählte ihm seine Frau von dem vornehmen Gast und zeigte ihm das Geschenk. Aus der Beschreibung, die sie ihm von dem hohen Herrn machte, schloß der Köhler ganz richtig, daß es der Fürst des Landes gewesen war, und sagte: »Es freut mich ungemein, daß ihm die Erdäpfel wie Eidotter geschmeckt haben, doch ein Wunder ist es nicht, denn bessere wachsen nirgends auf der Welt als hier in unserm sandigen Waldboden. Allein ein Goldstück für ein bescheidenes Abendbrot und eine Nacht auf dem Heuboden, das ist allzuviel! Ich will mich nächster Tage aufmachen und dem Fürsten einen ordentlichen Korbvoll Erdäpfel bringen; er wird sie wohl nicht ausschlagen.«

Es dauerte keine acht Tage, so stand auch der Köhler in seinem Sonntagsrock und mit dem Korb in der Hand vor dem fürstlichen Schloß und begehrte Einlaß. Anfangs wollten ihn die Schildwachen und Lakaien nicht durchlassen; er kehrte sich aber wenig daran und sagte, sie sollten dem Fürsten nur melden, daß er ja nichts von ihm begehre, sondern etwas bringe, und wer etwas bringe, der sei doch überall willkommen.

So kam er denn auch wirklich in den Audienzsaal und sprach: »Gnädiger Herr, Ihr habt neulich bei mir zu Hause geherbergt und eine Schüssel Erdäpfel nebst einem Nachtlager auf dem Heu mit einem Dukaten bezahlt. Das war zuviel, obschon Ihr ein großer Herr seid. Darum bringe ich Euch noch ein Körbchen von den Erdäpfeln, die Euch wie frische Eidotter geschmeckt haben. Mögen sie Euch wohl bekommen, und wenn Ihr wieder einmal bei uns einkehrt, so stehen Euch noch mehr zu Diensten.«

Die Einfalt und Herzlichkeit des guten Mannes gefielen dem Fürsten gar sehr, und weil er auch gerade bei guter Laune war, schenkte er ihm einen Hof mit dreißig Acker Land.

Nun hatte aber der Köhler einen reichen Bruder, der neidisch und habsüchtig war. Als dieser von dem Glück des Köhlers hörte, dachte er: »Das könnte mir auch blühen. Ich hab’ ein Pferd, das dem Fürsten gefällt; doch meinte er neulich, als ich sechzig Dukaten dafür forderte, es sei ihm zu teuer. Jetzt geh’ ich hin und schenk’ es ihm, denn hat er dem Bruder einen Hof mit dreißig Acker Land für ein Körbchen Erdäpfel geschenkt, so wird mir gewiß noch ein viel größeres Gegengeschenk zuteil.«

Da nahm er das Pferd aus dem Stall und führte es stracks vor das fürstliche Schloß, ließ seinen Knecht damit halten und drängte sich geradeswegs durch die Schildwachen und Lakaien in das Audienzzimmer.

»Fürstliche Gnaden,« sagte er, »ich weiß, daß Euch mein Pferd neulich in die Augen gestochen hat. Für Geld hab’ ich es damals nicht lassen wollen, aber seid jetzt so gnädig und nehmt es zum Geschenk von mir an! Es steht schon draußen vor dem Schloß und ist ein so stattliches Tier, wie Ihr kaum eins in Eurem Marstall habt.«

Der Fürst merkte sogleich, wo der Hase hüpfte, und dachte bei sich: »Warte nur, du Gaudieb, dich will ich bezahlen!«

»Ich nehme Euer Pferd von Herzen gern an, lieber Mann,« sprach er, »obgleich ich kaum weiß, was ich Euch dafür zum Gegengeschenk geben soll. Doch es fällt mir eben ein, daß ich ein Körbchen Erdäpfel stehen habe, die wie frische Eidotter schmecken und mir einen Hof mit dreißig Acker Land gekostet haben. Damit ist Euer Pferd reichlich bezahlt, ich hätte es ja neulich für sechzig Dukaten haben können.«

Darauf ließ der schlaue Herr dem Manne das Körbchen mit Erdäpfeln reichen und entließ ihn in Gnaden. Das Pferd aber ward in den fürstlichen Marstall geführt.

/Karl Simrock./

Wie der alte Hermesbauer gestorben ist.

Auf einer kleinen Anhöhe liegt der Hermeshof und schaut weit ins stille Tal nach Zell hinab bis zur Wallfahrtskirche. In diese war der alte Bauer, solange er noch gesund war, manchen Samstag gewandelt »der Mutter Gottes zuliebe«, und als er krank und kränker ward, hatte er manchmal seine Kinder in die Kapelle hinabgesandt, damit sie um eine glückliche Sterbestunde beteten. Der Kaplan von Zell aber brachte ihm öfters die heilige Wegzehrung. Darum fürchtete der Hermesbauer das Sterben auch nicht.

Es war ein heißer Sommertag, als der Sensenmann auf dem Hermeshof anklopfte, um den Bauer zu seiner Frau, die schon seit Jahren auf dem Kirchhofe von Zell ruhte, abzuholen. Die Kinder, alle erwachsen, umstanden das Sterbelager des Vaters. Drunten im Tal arbeiteten Knechte und Mägde, um die Weizenernte heimzubringen. Drüben von der Kinzig her zog ein Gewitter dem Tale zu. Schon rollte der Donner in der Ferne.

»Der Himmel selbst flammt auf, wenn Fürsten sterben«, sagt Shakespeare, und ein deutscher Hofbauer ist auch ein Fürst. Er war es wenigstens noch zu Zeiten des alten Hermesbauern. Der hörte im Sterben die Stimme des kommenden Wetters und wußte, daß die Ernte drunten lag am Fuße des Hügels.

»Ich kann allein sterben«, hub der Alte zu seinen Kindern zu reden an. »Helft ihr drunten den Leuten Garben binden und sorgt für euer Brot zur Winterszeit! Ich brauch’ keins mehr, ich wart’ auf den Winter drunten im Gottesacker.«

Hinter dem uralten Kasten in der Sterbekammer stand eine alte, lange Flinte, im Hause von jeher nur »der Brummler« genannt. Schon der Urahn des Sterbenden hatte mit dem Brummler das Neujahr und die Kirchweih ins Tal hinuntergeschossen. Mit ihm wollte auch der sterbende Hermesbauer seinen Tod ansagen. »Legt mir den Brummler«, so sprach er weiter, »geladen unters Kammerfenster und bindet ans Schloß eine Schnur! Die gebt ihr mir in die Hand.« So geschah es, und alsdann redete der Alte weiter: »So, jetzt geht ihr hinab und helft Garben binden, und der Vater wartet auf den Tod. Wenn der kommt, zieh’ ich die Schnur am Brummler. Wenn ihr den im Tal drunten hört, dann kniet nieder und betet ein Vaterunser und ‚Herr, gib ihm die ewige Ruhe!‘ -- denn euer Vater ist tot. Und jetzt behüt’ euch Gott! Bleibt brav, wie Vater und Mutter es gewesen sind!«

Nun gab er jedem seiner Kinder die Hand zum Abschied und mahnte sie zur Eile mit den Worten: »Aber jetzt geht schnell, ’s donnert schon wieder.«

Der Alte hatte allezeit seinen Willen, fest wie Eisen. Sein letzter Wille aber war heute wie Diamant. Die Kinder, immer gewohnt, ihm zu folgen, gehorchten auch hier. Weinend gingen sie den Hügel hinab, und unter Tränen banden sie ihre Garben. Tränenden Auges schauten sie von Zeit zu Zeit von der Arbeit hinauf zum Hermeshof, ob sie nicht vor dem Donnern des Himmels den Brummler überhört hätten.

Eben war die letzte Garbe gebunden und geladen, da fuhren Blitz und Schlag übers Tal hin. Eine plötzliche Stille folgte dem Zucken und Rollen vom Himmel her -- da fällt ein Schuß vom Hof herab: der Brummler gibt das Todessignal des Vaters. Neben dem Erntewagen knieen die Kinder und beten ein Vaterunser und »Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm!«. Dann fahren sie ihre Garben den Berg hinauf ins Vaterhaus. Der Vater ist tot, da sie seine Stube betreten. Die Ernte ist daheim, und der Vater auch.

/Heinrich Hansjakob./

Bruder Klaus und die treuen Tiere.

Es war einmal ein frommer Einsiedel, den die Leute Bruder Klaus hießen. Im Schatten alter Eichen auf einer Waldwiese stand seine Zelle, und drei Kameraden teilten mit ihm den engen Raum, ein Fuchs, ein Waldkater und ein Hase. Er hatte die Tiere von ihrer frühsten Jugend an aufgezogen, und da war es ihm nicht schwer geworden, sie so aneinander zu gewöhnen, daß sie wie Geschwister aus /einer/ Schüssel aßen und auf /einem/ Lager schliefen.

Bruder Klaus lebte gerade nicht schlecht. Die umwohnenden Bauern versorgten ihn reichlich mit Speise und Trank, und daher litten auch die drei Tiere keinen Mangel.

Aber es kamen schlimme Zeiten. Mißwachs und Hagelschlag hatten die Erntehoffnung zunichte gemacht, und die Liebesgaben der Landleute flossen spärlich. Am Ende, als der bleiche Hunger durch die Dorfgassen schlich, blieben die Spenden ganz aus, und der arme Einsiedel sah sich auf die Früchte des Waldes angewiesen. Aber die Holzäpfel und die Schlehen wollten ihm gar nicht behagen, und er magerte sichtlich ab.

Die Not ihres Herrn ging den drei Tieren sehr zu Herzen, zumal da sie selber unter dem Mangel schwer zu leiden hatten. Am besten noch befand sich der Hase, denn in der Umgebung der Einsiedelei wuchs Gras und Klee in Menge, aber Kater und Fuchs vermißten schmerzlich die fetten Bissen, die ihnen Bruder Klaus vordem gereicht hatte, und sie begannen, den Hasen mit scheelen Augen anzusehen.

Eines Tages, als der letztere im Bergklee seine Mahlzeit hielt, traten Fuchs und Kater vor den Einsiedel, und der Fuchs hub also an zu sprechen:

»Lieber Vater! So kann es nicht länger fortgehen. Allzulange schon entbehrst du kräftiger Nahrung, und die Kutte schlottert bedenklich um deinen abgezehrten Leib. Wie wäre es, wenn wir den Langgeöhrten schlachteten und brieten? Ein saftiger Hasenrücken würde dir guttun, und überdies ist es ja der Hasen Bestimmung, in der Pfanne zu schmoren.«

So sprach der Fuchs. Aber Bruder Klaus runzelte die Stirn und sprach zürnend:

»Mitnichten, du Arger! Der Hase hat, wie ihr beide auch, Salz und Brot mit mir gegessen. Ferne sei es von mir, das heilige Gastrecht in schnöder Weise zu verletzen! Hebet euch weg!«

Jetzt ergriff der Waldkater das Wort und sprach schmeichelnd: »Deine Rede, mein Vater, klingt lieblich wie Harfensaiten und Schalmeien. Wie aber, wenn der Hase selbst sich erböte, den Opfertod für dich zu leiden?«

»Dann freilich -- -- --« sprach Bruder Klaus und zog die Schultern in die Höhe. »Aber das wird der Hase wohl bleibenlassen.«

Mit diesen Worten entließ er die Tiere.

Am andern Morgen, als der Einsiedel eine Wassersuppe genossen und sein Glöcklein geläutet hatte und ausruhend auf der Steinbank vor der Tür saß, kamen Fuchs, Kater und Hase heran, stellten sich vor der Bank auf und verneigten sich. Dann nahm der Fuchs das Wort:

»Bruder Klaus, du bist uns allezeit ein gütiger Herr gewesen und hast jeden Bissen mit uns geteilt. Darum halten wir es für unsere Pflicht, dir jetzt, da du Not leidest, nach Kräften beizustehen und dein teures Leben zu fristen. Es ist notwendig, daß du Fleischnahrung zu dir nehmest. Vergönne mir, mein Vater, daß ich für dich in den Tod gehe! Hier stehe ich. Tu mit mir nach deinem Gefallen!«

Da sprach der Waldkater: »Freund, du sprichst wie ein Tor. Weißt du nicht, daß Fuchsfleisch eine höchst ungesunde Speise ist? Willst du unsern Wohltäter vor der Zeit unter den Rasen bringen?«

Der Fuchs seufzte tief auf. Bruder Klaus aber sprach gerührt: »Lebe, du treues Tier, und freue dich deines Lebens!«

Darnach erhob der Kater seine Stimme: »Wenn schon einer von uns sein Leben lassen soll, so will ich der eine sein. Herr, nimm mein Opfer an, ich bitte dich!«

»So?« sprach der Fuchs. »Glaubst du etwas Besseres zu sein als ich -- du, ein fleischfressendes Krallentier? Nein, Herr, das Fleisch dieses Maushundes, dem die Knochen allenthalben hervorstehen wie die Dornen am Schlehbusch, darfst du nimmermehr genießen!«

»Geh hin, mein Freund!« sprach Bruder Klaus zu dem Kater. »Der Wille, nicht die Gabe macht den Geber. Ich danke dir. Dein Opfer nehme ich nicht an.«

Jetzt, meinte der Hase, dürfe er, ohne sich den Vorwurf des Undanks zuzuziehen, hinter seinen beiden Gesellen nicht zurückbleiben, zumal da er nicht zu befürchten habe, beim Wort genommen zu werden. Er verneigte sich also vor dem Einsiedel und sprach:

»Wenn ich auch zuletzt komme, so ist doch mein Eifer dir zu dienen nicht geringer als der meiner Kameraden. Nimm mich hin, ehrwürdiger Vater! Ich sterbe gern für dich.«

Da fuhr Bruder Klaus mit dem Ärmel seines härenen Gewandes über die feuchten Augen, beugte sich zu dem Hasen nieder und ergriff ihn bei den Ohren.

»Dir werde dein Wille, du treues Tier!« sprach er und trug den Hasen in die Klause.

Nach einiger Zeit kam er zurück und hängte den blutigen Hasenbalg auf einen Pfahl seines Zaunes zum Trocknen auf. In seinen Augen aber leuchteten Tränen der Rührung.

Am Abend gab es in der Klause Hasenpfeffer und am nächsten Mittag Hasenbraten mit Kraut, und unter dem Tisch saßen Fuchs und Kater und labten sich an den Knöchelchen, welche der Einsiedel den treuen Tieren zuwarf.

/Rudolf Baumbach./

Der bekehrte Stiefelknecht.

In der Amtsstube des Amtmanns stand ein Stiefelknecht, der brummte unzufrieden vor sich hin: »Es ist doch ein jämmerlich Ding um das Leben, wenn man immer so im Winkel stehen und auf die Herren Stiefel warten muß! Und wie beschmutzt kommen sie oft an, wie grob behandeln sie mich armen Knecht! Wenn ich den einen ausziehe, so tritt mich der andere. Ja, die Stiefel haben’s gut, die bekommen die Welt zu sehen. Während ich hier in der dunklen Ecke stehe, gehen sie im Sonnenschein spazieren, und wenn sie müde heimkommen, dann heißt’s: ‚Stiefelknecht her!‘, und ich muß die großen Herren ausziehen, sie aber machen sich’s bequem.«

Die Stiefel, denen diese Rede galt, gehörten dem Schreiber. Er hatte sie ausgezogen und an die Wand gestellt, denn in der Amtsstube trug er lieber ein Paar weiche Schlappschuhe an den Füßen. Bei der Rede des unzufriedenen Stiefelknechts machten beide Stiefel lange Schäfte, gerade wie die Menschen bei anzüglichen Reden anderer Leute lange Gesichter zu machen pflegen.

Da stieß der Stiefel des rechten Beines den Stiefel des linken Beines an und sprach: »Hast du’s gehört, Bruder? Der dumme Stiefelknecht nennt uns Herren und meint, wir hätten’s gut, weil er nicht weiß, wie gut er selber daran ist. Der Lump hat den leichtesten Dienst von uns allen. Aber wir, wir werden den ganzen Tag durch dick und dünn gejagt. Im Sommer ersticken wir fast vor Staub, im Winter frieren wir steif im Schnee, und wenn’s regnet, ersaufen wir fast. Und dann -- ach! das Pflaster und all die scharfen Steine, die auch kein Erbarmen kennen! Ich möchte nur wissen, wieviel Haut sie mir heute schon wieder abgekratzt haben, denn ich glaube wahrhaftig, ich bin jetzt unten beinah durchsichtig geworden. Es ist ein mühseliges Leben, wenn man immer den Diener spielen muß.«

Der Stiefelknecht horchte auf.

»Bruder,« sprach jetzt der Stiefel vom linken Bein zu dem Stiefel vom rechten Bein, »das ewige Treten wollte ich mir noch gefallen lassen, aber das Rumpeln mit der Bürste am Abend oder am frühen Morgen, das verdrießt mich am meisten. Ich möchte bloß wissen, warum wir bei all unserm Elend auch noch glänzen sollen. Da hat’s unser Herr, der Schreiber, gut. Dort sitzt er bequem auf seinem Bock und schreibt. Wenn ich doch auch ein Schreiber wäre!«

»Das meine ich auch«, seufzte der Stiefelknecht.

Der Schreiber spritzte seine Feder aus, reckte sich ein wenig und seufzte: »Gottlob, daß wieder ein Tag vorbei ist! So ein Schreiber hat doch das jämmerlichste Leben. Was ist er anders als ein armseliger Federknecht? Da lob’ ich mir’s, wenn man sein eigener Herr ist, wie der Amtmann. Der arbeitet nur, wenn er Lust hat, und wird alle Tage dicker. Ich habe die Plackerei satt. Ja, wäre ich doch auch Amtmann!«

Er zog seufzend die Stiefel an und steckte die Schlappschuhe in die Tasche seines fadenscheinigen Rockes. Da trat der Herr Amtmann ein und sagte brummig: »Du kannst nach Hause gehen, es ist Feierabend. Du weißt gar nicht, wie gut du’s hast.«

»Der höhnt auch noch«, dachte der Schreiber, machte einen ungeschickten Bückling und ging, und die Stiefel knarrten.

Der Amtmann ging in seine Wohnstube zurück. Weil er aber die Tür offen stehen ließ, konnte der Stiefelknecht alles hören, was darin vorging, und bald hörte er auch den Amtmann im tiefsten Baß brummen: »Da läuft er hin, der lockere Schreiber. /Das/ Volk hat’s gut! Nun setzt er sich zu einem Glase Bier und schmaucht in aller Ruhe seine Pfeife. Und ich? Bis morgen soll die Arbeit fertig sein. Da liegt sie, noch kaum angefangen. Was nur der Herr Minister denkt! Immer mehr Arbeit und keinen Heller Zulage! Der Geier hole solchen Dienst! Ach, wenn ich doch mein eigener Herr wäre! Ja, ja, der Minister hat gut befehlen.«

»Sonderbar!« dachte der Stiefelknecht. »Der Dicke klagt auch.«

Da pochte es an der Tür. »Herein!« rief der Amtmann. Es war sein Hausarzt.

»Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor«, sagte der Amtmann. »Ich befinde mich gar nicht wohl und muß noch die Nacht hindurch arbeiten. O der Dienst, der Dienst!«

Der Doktor befühlte des Amtmanns Puls und besah ihm die Zunge; dann sagte er: »Legen Sie sich schlafen, bester Freund! Ihnen fehlt weiter nichts als Ruhe.«

»Jawohl, schlafen!« brummte der Amtmann. »Doktorchen, Sie haben’s gut. Sie sind Ihr eigener Herr.«

Der Doktor hielt sich den Bauch vor Lachen und rief: »Ich mein eigener Herr? Aller Welt Diener bin ich. Tag und Nacht läßt man mir keine Ruhe. Glauben Sie mir, lieber Freund, der Arzt ist die geplagteste aller Kreaturen. Ja, wenn ich mein eigener Herr wäre! So viele Kranke es in der Stadt gibt, so viele Herren habe ich, und Herrinnen dazu, und ich sage Ihnen, gerade die Herrinnen verstehen’s am besten, mich zu quälen!«

Der Doktor ging, und der Stiefelknecht dachte: »Wieder ein Knecht mehr. Ich bekomme viel Gesellschaft.«

Da klopfte es wieder, und der Herr Minister trat herein und entschuldigte sich höflich, daß er noch so spät komme.

»Endlich mal ein wirklicher Herr!« dachte der Stiefelknecht bei sich.

»Mein lieber Herr Amtmann,« sprach der Minister, »schaffen Sie mir gefälligst bis morgen früh die Schriftstücke, welche auf diesem Bogen hier verzeichnet stehen; ich brauche sie notwendig. Ich komme eben vom Fürsten; er ist in der übelsten Laune, und ich habe einen schweren Stand mit ihm gehabt. Am liebsten hätte ich sogleich mein Abschiedsgesuch eingereicht, dann wäre ich mein eigener Herr.«

Bei diesen Worten horchte der Stiefelknecht hoch auf.

»Aber es geht nicht«, fuhr der Minister fort. »Ich darf den Fürsten, meinen allergnädigsten Herrn, nicht im Stich lassen.«

»Was ist denn geschehen?« fragte der Amtmann erschrocken.

»Ach!« seufzte der Minister, »wir sollen Geld schaffen, viel Geld, und alle Kassen sind doch leer. Glauben Sie mir, kein Mensch hat’s so sauer wie ein Minister!«

»Aber wozu brauchen wir denn Geld?« fragte der Amtmann. »Sollen wir etwa Zulage erhalten?«

»Zulage?!« rief der Minister. »Nein, sicher nicht! Eher könnte es Abzüge geben! Der Krieg ist vor den Toren, das Heer wird auf den Kriegsfuß gesetzt, und dazu braucht der Fürst Geld, Geld und wiederum Geld! Der arme Herr hat keine ruhige Stunde mehr, die Sorgen lassen ihn nicht schlafen. Kurz, es ist eine böse Zeit.«