Ährenlese: A German Reader with Practical Exercises

Part 2

Chapter 24,007 wordsPublic domain

Da nun der Schmied weder im Himmel noch in der Hölle Zuflucht fand und es ihm auf Erden gar nicht mehr gefallen wollte, so stieg er in den Kyffhäuserberg hinab zu Kaiser Friedrich, dessen Rüstmeister er einst gewesen war. Der Kaiser freute sich ungemein, einen so treuen Diener wiederzusehen, und fragte ihn sogleich, ob die alten Raben noch um den Berg flögen. Und als Peter das bejahte, seufzte der Rotbart. Der Schmied aber blieb bei dem Kaiser im Berge, wo er dessen Lieblingspferd und auch die Pferde der Prinzessinnen beschlägt, bis einst die Raben nicht mehr um den Berg fliegen und die Stuude der Erlösung schlägt. Das wird geschehen, so glaubt das Volk, wenn anf dem Ratsfelde beim Kyffhäuser ein dürrer, abgestorbener Birnbaum wieder zu grünen und blühen beginnt. Dann tritt der Kaiser mit all seinem Gefolge hervor, schlägt die große Befreiungsschlacht und hängt seinen Schild an den grünen Baum. Hierauf begibt er sich mit all den Seinen zur ewigen Ruhe.

/Ludwig Bechstein./

Ein Traum.

In Ostfriesland herrschte nach dem Siebenjährigen Kriege große Not unter dem Volk. Die Franzosen hatten den Einwohnern alles genommen, was sie vorfanden, und Überschwemmungen hatten dem Lande viel Schaden getan.

Nun wohnte dort zu jener Zeit, und zwar nicht weit von der holländischen Grenze, ein armer Mann mit seiner Frau in einer kleinen Lehmhütte. Beide waren fleißig und sparsam. Als aber die kalten Wintertage kamen, stieg ihre Not aufs höchste.

Da hatte der Mann eines Morgens einen seltsamen Traum gehabt und sagte zu seiner Frau: »Ich gehe heute nach Emden. Mir hat nämlich geträumt, daß ich da auf der Brücke vor dem Rathaus mein Glück machen werde. Was sagst du dazu?«

»Träume sind Schäume,« antwortete die Frau, »aber du kannst es ja versuchen. Vielleicht findest du dort Arbeit, wenn du auch nicht reich wirst.«

Der Mann zog also feinen wärmsten Rock an und ging nach Emden, wo er zeitig auf der Rathausbrücke anlangte. Es war ein bitterkalter Tag, und niemand kümmerte sich um ihn, wie er da von Morgen bis Abend auf und ab ging. Schon wollte die Sonne sinken, und mit ihr seine Hoffnung, da trat ein Ratsherr an ihn heran nnd sagte: »Lieber Mann, ich sehe, Ihr geht hier den ganzen Tag auf der Brücke hin und her und haltet Euch selbst und den Weg warm. Erwartet Ihr jemand?«

»Ja und nein«, antwortete der Mann und erzählte dem Ratsherrn seinen Traum.

»Träume sind Schäume!« sprach dieser. »Wer das nicht glaubt und sein Bett verkauft, der liegt bald nackt und kalt im Stroh. Ich hatte einmal einen ähnlichen Traum. ‚Du mußt‘, so träumte mir, ‚über die Ems gehen und dich so und so wenden, erst rechts, dann links. Dann kommst du an einen Kreuzweg; an dem Kreuzweg steht ein Häuschen, vor dem Häuschen steht ein Birnbaum, und unter dem Birnbaum liegt ein Schatz begraben.‘ Aber meint Ihr, daß ich daran glaubte? ‚Träume sind Schäume‘, sagte ich mir und dachte nicht weiter daran.«

»Kann wohl sein, Herr, kann wohl sein,« sagte der Mann, »ich will deshalb auch lieber heimgehen. Guten Abend, Herr!«

»Guten Abend und glückliche Reise!« sprach der Ratsherr.

Der Arme ging anfangs langsam dahin, aber je weiter er kam, desto schneller wurde sein Schritt, bis er zuletzt förmlich lief und schweißtriefend vor seiner Lehmhütte anlangte.

Seine Frau saß mittlerweile am Herd und wartete auf ihn. Auf dem Herd stand ein Topf voll Kartoffeln, die kochten schon, aber der Mann wollte nicht kommen, und der Frau wurde angst. Endlich jedoch hörte sie draußen Schritte, die Tür ging auf, und atemlos stürzte er herein.

»Nun setz’ dich und iß erst, dann erzähle!« sagte sie.

»Jetzt essen?« erwiderte er. »Dazu haben wir keine Zeit. Hole mir Spaten und Laterne, dann komm mit und hilf mir graben!«

Obgleich die arme Frau fast befürchtete, ihr Mann sei von Sinnen, so tat sie doch, was er ihr befohlen hatte, und in nicht gar langer Zeit fanden die beiden Schatzgräber unter dem Birnbaum einen irdenen Topf voll Geld!

An dem Kreuzwege wurde bald darauf ein neues, freundliches Häuschen gebaut. Die Bewohner hatten nicht nur ihr gutes Brot, sondern halfen auch andern Leuten gern, wenn es not tat. Im Hause aber stand auf dem Schrank der irdene Topf mit einer Schrift daran, die weder der Mann noch die Frau lesen konnte.

Da wurde es wieder einmal Herbst. Es hatte stark geregnet, und die Wege waren grundlos geworden. Ein holländischer Pfarrer trat ins Haus und fragte die guten Leute, ob er sich ein wenig bei ihnen ausruhen dürfe. Sein Wagen, sagte er, stecke nicht weit davon in dem weichen Lehmboden, und es werde wohl eine Stunde dauern, bis der Kutscher weiterfahren könne.

Der Herr Pastor wurde natürlich gebeten, den Ehrenplatz am Herde einzunehmen. Er ließ sich in den großen Lehnstuhl nieder und streckte die kalten Füße gegen das Herdfeuer. Wie er nun so dasaß, fiel ihm der irdene Topf oben auf dem Schrank in die Augen, und er fragte, was daran geschrieben stehe. Die Leute erzählten ihm, der Topf sei ein altes Erbstück, doch die Schrift könnten sie nicht lesen.

Der Pfarrer trat an den Schrank, besah das Gefäß von rechts und von links und sagte: »Nun, lesen kann ich die Schrift wohl: ‚Unter diesem Topf steht noch ein größerer‘: was das aber bedeutet, weiß ich auch nicht.«

Der Mann und die Frau sahen einander an, als wenn sie sagen wollten: »Wir aber wissen’s jetzt«; doch ließen sie den Pfarrer nichts merken.

Mittlerweile war der Kutscher gekommen und meldete dem Pfarrer, er könne nun weiterfahren, der Wagen stehe vor der Tür, und damit nahm der fremde Herr Abschied.

Am Abend desselben Tages hoben Mann und Frau noch den zweiten und größeren Schatz, und auch damit haben sie in den Zeiten, wo das Land unter der Herrschaft Napoleons seufzte, recht viel Gutes getan.

/T. Kerkhoff./

Der Zwerg und die Gerstenähre.

Ein reicher Bauer stand in seiner Scheune und schaute zufriedenen Herzens an, was ihm der Sommer und der Herbst gebracht hatten. Bis zum hohen Giebel hinauf war alles voll goldener Garben, und draußen auf dem Felde standen noch Hunderte, so reich war die Ernte gewesen. Dazu war das Stroh so lang und die Ähren so voll wie seit Jahren nicht.

Als er nun so dastand und an das Dreschen im Winter dachte, wie auch an die schweren Säcke Korn, die er dem Müller in der Stadt verkaufen wollte, und an die vielen blanken Taler, die er dafür nach Hause bringen würde, da raschelte etwas ganz leise in einem Haufen Stroh, der neben ihm lag. Der Bauer glaubte, es sei eine Maus, und faßte schon seinen Stock fester, um sie totzuschlagen. Allein wie verwunderte er sich, als statt der Maus eine kleine Gestalt aus dem Stroh hervortrat, die freilich nicht viel größer war, aber auf zwei Beinen ging und ein rotes Käppchen auf dem Kopfe trug! Dieses lüftete der kleine Wicht gar höflich und sprach mit feiner Stimme: »Herr Bauer, ich habe eine große Bitte an Euch.«

»Nun, was willst du denn, kleiner Mann?« fragte der.

»Wolltet Ihr wohl die Güte haben,« sprach der Zwerg, »mir täglich um diese Zeit eine Gerstenähre zu schenken? Es soll nicht zu Eurem Schaden sein.«

Der Bauer, der wohl wußte, daß man gegen solch kleines Volk freundlich sein muß, sprach: »Gewiß, das soll geschehen. Kommt nur immer um die Mittagsstunde her, dann gebe ich Euch gern, was Ihr begehrt.«

Damit trat er ein wenig beiseite, zog aus einer der Garben eine schöne Gerstenähre hervor und reichte sie dem Männlein. Das wandte sich mit nachdenklicher Miene gegen den Haufen Stroh, aus dem es hervorgekommen war, und sprach: »Ihr habt diesen großen Berg vor unsere Höhle geschoben. Wenn er da liegenbleibt, so kann ich mit Eurer freundlichen Gabe nicht in unsere Wohnung zurück.«

»Ist es weiter nichts?« sagte der Bauer und schob mit dem Fuß das Stroh beiseite. Es zeigte sich nun unten an der Wand eine Öffnung so groß wie ein Mauseloch. Das Wichtlein lüftete wieder sein Käppchen, dankte dem Bauer, nahm die schwere Gerstenähre auf die Schulter und schleppte seine Last unter lautem Schnaufen davon. Den langen Halm in das Loch hineinzubringen, war ihm keine leichte Arbeit, und es dauerte wohl eine halbe Minute, bis der letzte Zipfel in der Öffnung verschwunden war.

Der Bauer ging von nun an alle Mittage in die Scheune und gab dem Zwerg seine Gerstenähre, und von dieser Zeit an gedieh sein Vieh auf eine wunderbare Weise, obgleich es weniger Futter und Pflege verlangte als sonst. Es war eine wahre Lust, die runden, fetten Schweine anzuschauen, die kaum aus den Augen sehen konnten und sich nur mit Mühe an den Futtertrog schleppten. Solch blanke Kühe wie auf seinem Hofe fand man weit und breit nicht. Sie gaben die fetteste Milch, und die Butter verkaufte die Bäuerin zu den allerhöchsten Preisen. Auch die Pferde, die doch täglich nur einige Handvoll Hafer und ein wenig Heu bekamen, waren glatt und schön und zogen Pflug und Wagen doppelt so gut als früher. Ähnlich ging es mit den Hühnern: sie legten fast das ganze Jahr hindurch, und manchmal sogar Eier mit zwei Dottern darin.

Dies alles gefiel dem Bauer und der Bäuerin gar wohl, und da sie recht gut wußten, wem sie den Segen zu verdanken hatten, so priesen sie das Zwerglein alle Tage und reichten ihm gern die gewohnte Gabe.

Eines Tages im Winter aber, als es draußen Stein und Bein fror, saß der Bauer allzu behaglich in seinem Lehnstuhl am warmen Ofen und wartete auf das Mittagessen. Jedesmal, wenn die Tür aufging, roch er schon sein Lieblingsgericht, nämlich Schweinsbraten mit Äpfeln und Pflaumen, und da wollte er natürlich nicht gern in die eisige Winterkälte hinaus, bloß um dem Kleinen in der Scheune seine Gerstenähre zu geben. Er rief deshalb einen seiner Knechte herbei und sagte ihm, was er tun solle.

Dieser, ein vorwitziger Mensch, hatte schon lange gewünscht, das seltsame Männchen zu sehen, von dem man sich im Dorfe die wunderlichsten Dinge erzählte. Und als er nun dem Wichtlein den Halm reichte, kitzelte er es ein wenig damit unter der Nase, so daß es ein possierliches Gesicht machte und anfing zu niesen. Darüber wollte sich der Knecht totlachen. Als aber der Zwerg sich mühte, die Gerstenähre in das Loch hineinzuschleppen, rief der grobe Kerl: »Nun seht doch, wie das kleine Ding zieht und zerrt, als ob der Halm ein Baum wäre!« Kurz, er verhöhnte das Männlein auf alle Weise. Dieses aber ward im Gesicht so blutrot wie seine Mütze und warf zornige Blicke um sich.

Am andern Tage, als der Bauer wieder selbst kam, um dem Wichtlein die Ähre zu geben, wartete er vergebens: es erschien niemand. Er rief es mit schmeichlerischen Worten und gab ihm die schönsten Namen, allein alles war umsonst. Auch am folgenden Mittag kam es nicht. Das Männlein war und blieb verschwunden.

Von nun ab ging alles auf dem Hofe den Krebsgang. Die Pferde, Kühe und Schweine fraßen ganze Berge von Futter auf, waren aber immer hungrig und wurden immer magerer. Den Pferden konnte der Bauer seinen Hut auf die Hüftknochen hängen, wenn er gewollt hätte, und ziehen wollten sie gar nicht mehr, weder Pflug noch Wagen. Die Kühe gaben nur noch die dünnste, blauste Milch, und an Verkauf von Butter war nicht mehr zu denken. Die Schweine rannten magerer als Windhunde unter den Eichbäumen umher, und die Hühner kriegten den Pips und legten Windeier, oder wenn sie einmal ein ordentliches Ei legten, so fraßen sie es selbst auf.

Wie oft hat der Bauer bereut, daß er damals nicht selbst hinausgegangen ist, um dem Zwerglein die gewohnte Gerstenähre zu reichen! Aber die Reue kam zu spät. Er hat denn auch schließlich all sein Hab und Gut mit großem Schaden verkauft und ist ins Ausland gezogen.

/Heinrich Seidel./

Die teuren Eier.

In Kleve ritt einmal ein reicher holländischer Kaufmann in einem Gasthof ein und bestellte sich zwölf gekochte Eier. Als sie ihm aber gebracht wurden, konnte er sie nicht verzehren, weil eben ein Eilbote eintraf und ihn in einer dringenden Angelegenheit heimberief. Also verließ er sogleich das Haus, sprang wieder auf sein Pferd und ritt fort, ohne die Eier bezahlt zu haben.

Zehn Jahre später jedoch kehrte der Kaufmann wieder in demselben Gasthof ein. Da sagte er zu dem Wirt: »Ich schulde Euch noch das Geld für die Eier, die Ihr mir vor zehn Jahren kochen ließet. Wie groß ist die Summe?«

»Ja,« sagte der Wirt, »die werden Euch teuer genug zu stehen kommen, Herr.«

»Nun,« meinte der Kaufmann, »ich werde doch wohl ein Dutzend Eier bezahlen können!«

»Das ist eben die Frage«, entgegnete der Wirt. »Aber Ihr werdet ja sehen. Kommt nur morgen aufs Gericht, denn ich habe Euch längst verklagt.«

Der Kaufmann weigerte sich auch nicht. Und als sie nun am nächsten Morgen vor den Richter kamen, rechnete ihm der Wirt vor, aus den zwölf Eiern würden zwölf Küchlein gekommen sein, und die Küchlein würden wieder Eier gelegt haben, aus welchen wieder Küchlein gekommen sein würden, und so fort, zehn ganze Jahre lang, was zuletzt eine ungeheure Summe ausmachte. »Auf dieser Summe aber«, fügte er hinzu, »muß ich durchaus bestehen«, und der Richter verurteilte den Kaufmann auch wirklich dazu, sie zu zahlen.

Ganz niederschlagen verließ der reiche Herr den Gerichtssaal, denn er sah nun Armut und Not leibhaftig vor Augen. Da begegnete ihm ein altes Männlein, das sprach: »Herr, was habt Ihr Trauriges erlebt? Ihr seht ja aus wie die teure Zeit!«

»Ach,« seufzte der Kaufmann, »wozu soll ich Euch das alles erzählen? Ihr könnt mir doch nicht helfen.«

»Wer weiß?« versetzte der Alte. »Ich bin ein guter Ratgeber. Laßt hören!«

Nun erzählte ihm der Kaufmann die ganze Geschichte, und das Männlein sprach: »Wenn es weiter nichts ist, so geht nur gleich zum Richter und sagt ihm, die Sache müsse noch einmal verhandelt werden, denn Ihr hättet einen Rechtsanwalt gefunden. Dann will ich kommen und Euch beistehen.«

»Wenn Ihr das fertigbringt,« sagte der Kaufmann erleichterten Herzens, »so will ich Euch sechshundert Gulden geben!«

»Das wird sich finden«, meinte das Männchen. »Geht nur gleich hin!«

Das tat der Kaufmann, und der Richter setzte einen Tag fest, wo die Sache aufs neue zur Verhandlung kommen und er mit seinem Anwalt erscheinen solle.

Als nun der Gerichtstag kam, war der Holländer zeitig genug da, aber das Männlein kam nicht. Die Gerichtsherren hinter dem grünen Tische fragten schließlich den Kaufmann, wo denn sein Rechtsanwalt sei; die Stunde sei fast vorbei, nach deren Verlauf sie das erste Urteil bestätigen müßten. Da endlich erschien das Männchen, und die Richter wollten wissen, warum er denn so lange ausgeblieben sei.

»Ich habe erst Erbsen kochen müssen«, antwortete das Männchen.

»Was habt Ihr denn mit den Erbsen machen wollen?« fragten die Richter neugierig.

»Die habe ich pflanzen wollen«, gab der Alte zur Antwort.

»Ei,« lachten die Herren, »gekochte Erbsen pflanzt man doch nicht, sonst kommen ja keine Früchte!«

»Und von gekochten Eiern«, fiel das Männchen ein, »wären auch keine Küchlein gekommen! Darum seid so gut, ihr Herren, und sprecht dem Mann hier ein anderes Urteil, denn dieser schuldet dem Wirt ja nur eine kleine Summe für zwölf gekochte Eier, und die will er ihm auch gern zahlen.«

Das leuchtete den Richtern ein; sie sprachen ein anderes Urteil, und der holländische Kaufmann bezahlte dem Wirt das Dutzend Eier mit Zinsen. Als er aber dem Männlein danken wollte, war es verschwunden.

/Karl Simrock./

Der starke Drescher.

Eine Geschichte von dem Berggeist Rübezahl.

Es lebte ein Bauer in Schlesien, der war steinreich. Man brauchte eine volle Stunde, um nur einmal über seine Felder zu gehen. Im Sommer stand überall das Korn so hoch, daß es ihn um eine Kopfeslänge überragte, und er selbst war wirklich nicht klein.

Aber so reich der Bauer war, so hartherzig und habgierig war er auch. Seine Knechte mußten doppelt soviel arbeiten wie die bei den anderen Bauern und erhielten doch nur halb soviel Lohn. Daher war er in der ganzen Umgegend als der ärgste Geizhals bekannt, und schließlich hörte auch Rübezahl, der Berggeist, davon. Dieser beschloß deshalb, den Bauer zu züchtigen. Das machte er aber so.

Er nahm die Gestalt eines Knechts an, aber eines sehr schwächlichen, und als solcher ging er zu dem Bauer und sprach: »Ach, Herr, nehmt mich doch als Drescher in Euren Dienst! Ich arbeite für zwei und verlange nur wenig Lohn.«

»Erst muß ich sehen, ob du auch stark genug bist«, sagte der Bauer und ging mit ihm in die Scheune, wo er dem Knecht Arbeit gab. Wie wunderte sich aber der Herr, als er sah, mit welcher Kraft und Gewandtheit der Knecht den Dreschflegel handhabte! Vom frühen Morgen bis zum späten Abend drosch er tapfer drauf los, ohne zu ermüden und ohne mehr als ein kleines Stück Brot dabei zu essen. Da rieb sich der geizige Bauer vergnügt die Hände, denn solch einen Knecht hatte er noch nie gehabt.

Als nun des Dreschers Zeit um war, bat er sich zum Lohn nur so viel Korn aus, wie er forttragen könne. Damit war sein Herr wohl zufrieden, weil er bei sich dachte, das würde ja nicht viel sein. Wie erstaunte er aber, als der kleine Kerl einen der größten Säcke nahm, ihn bis oben an den Rand füllte, und dann noch einen und zuletzt einen dritten und schließlich alle drei auf den Rücken schwang und damit forteilen wollte!

»Holla!« rief der Bauer und versuchte ihm die Säcke herunterzureißen. Doch ehe er sich’s versah, drehte sich der dürre Drescher um, packte die ganze Scheune auf den Rücken und fuhr damit in die Lüfte, auf Nimmerwiedersehen!

Da erkannte der Bauer, daß es kein anderer gewesen war als der Berggeist Rübezahl, der ihn betrogen hatte. Er nahm sich aber die Züchtigung so zu Herzen, daß er sich fortan wohl hütete, seine Knechte je wieder zu schinden.

/Ferdinand Goebel./

Die befreiten Seelen.

Vor der Seebachmühle hielt ein junger Stadtherr mit der Angelrute in der Hand und sprach einen alten Mann an, der vor der Tür saß: »Ihr seid der Müller, nicht wahr? Ich hätte Lust, Forellen zu angeln. Was verlangt Ihr für die Erlaubnis?«

»Wollt Ihr im Ober- oder im Untersee fischen?« fragte der Alte.

»Im Obersee.«

»Das kostet nichts.«

»Schön Dank.«

Der junge Fischer ging mit geschwinden Schritten dem Bach entgegen, welcher dem höher gelegenen See entfloß, und der Alte sah ihm mit listigem Augenblinzeln nach. Dann rückte er den hölzernen Stuhl aus dem Schatten und ließ sich die wärmende Morgensonne auf den kahlen Kopf scheinen. So saß er wohl eine Stunde lang, da kam der Angler wieder zurück; er sah sehr verdrossen aus.

»Nun?« fragte der Müller.

»Nichts habe ich gefangen«, erwiderte unwirsch der Stadtherr.

»Natürlich«, kicherte der Alte. »Fische fangen, wo keine sind, das kann nicht einmal der heilige Petrus. Und im Obersee gibt’s keine Fische.«

»Das hättet Ihr mir gleich sagen sollen.«

»Warum seid Ihr so eilig davongerannt? Aber jetzt kommt mit mir an den Untersee! Dort werdet Ihr reichlich entschädigt werden. Und zu Mittag soll Euch meine Enkelin die Fische blausieden, und ein guter Trunk ist in der Seebachmühle auch zu haben.«

Gegen Mittag kam der Alte mit dem Fremden zurück, und letzterer sah sehr vergnügt drein. »Gebt mir die Fische«, sprach der Müller, »und setzt Euch auf die Bank, bis die Mahlzeit angerichtet ist!« Er trug den reichen Fang ins Haus und nahm dann Platz neben seinem Gast.

Der junge Stadtherr streckte behaglich seine bestiefelten Beine aus und reckte die Arme. »Wie kommt’s denn, Alter,« fragte er, »daß es im Obersee keine Fische gibt?«

»Das will ich Euch berichten«, entgegnete der Müller. »Kein Mensch auf Erden weiß das besser als ich. Aber Ihr müßt mir versprechen, reinen Mund zu halten.« Seine grauen Augen funkelten seltsam, und mit gedämpfter Stimme begann er zu erzählen:

»Heutzutage läßt er sich nicht mehr blicken, aber noch vor dreißig Jahren konnte man ihn in mondhellen Nächten am Obersee sitzen sehen, und er war nicht so arg, als man ihn verschrien hatte.«

»Von wem sprecht Ihr?« fragte der Fremde.

»Ei, von meinem Duzbruder, dem Wassermann. Ich fing ihn im Netz und hielt ihn für einen Hecht. Aber als ich ihn ans Ufer gebracht hatte, verwandelte er sich in einen Mann mit langen Zähnen und grünen Haaren und bat mich winselnd um Erbarmen. Was war da zu machen? Ich löste ihn aus den Maschen, und dann wurden wir Freunde und tranken Brüderschaft miteinander.«

»Ihr habt mit dem Wassermann Brüderschaft getrunken?« fragte der Gast und sah den alten Müller mißtrauisch von der Seite an.

»So ist es, und ich habe nie einen lustigeren Kameraden gehabt. Eines Tages lud er mich zu Tisch. Zuvor gab er mir ein Ölfläschchen, und mit dem Öl mußte ich meinen Leib salben. Dann fuhren wir hinunter in den See, wohl fünfzig Klafter tief. Unten aber geleitete mich mein Kamerad in sein Haus, und dann ging’s zur Mahlzeit. Schöne Nixen mit schillernden Augen trugen die dampfenden Schüsseln auf und schnalzten mit den schuppigen Schwänzen, daß es eine Lust war. Und Fische aller Art spielten uns zu Häupten wie hier oben die Schwalben und die Schmetterlinge.

Als wir uns gesättigt hatten, führte mich der Wassermann in einen Saal. Da standen irdene Töpfe, hundert und mehr, und in jedem Topf war ein Ticken vernehmbar wie von einer Wanduhr. ‚Das sind die Seelen der Menschen, die im See ertrunken sind‘, erklärte mein Wirt, und mir fuhr ein Schauer über den ganzen Leib. Es war aber auf jedem Topf der Name des Ertrunkenen geschrieben, und mehr als einer war mir bekannt.

Eine Woche später war Kirchtag in Seedorf, und da ich wußte, daß der Wassermann nie einen Kirchweihtanz versäumte, so schloß ich daraus, daß er an diesem Tage nicht zu Hause sein werde. Also salbte ich meinen Leib mit dem zauberkräftigen Öl und tauchte in den See, denn als Christenmensch hielt ich’s für meine Pflicht, die gefangenen Seelen zu erlösen. Glücklich fand ich den Weg zu dem Haus des Wassermanns und kam in den Saal, wo die Töpfe standen. Wie Luftblasen stiegen die armen Seelen in die Höhe, als ich die Deckel hob, und ich hob sie alle bis auf einen. Dann sperrte ich in jeden Topf einen Fisch und machte, daß ich auf das Trockene kam.

Am nächsten Abend, als der Mond ins Wasser schien, legte ich mich auf die Lauer. Da sah ich ihn, den Wassermann meine ich, wie er mit einer Weidenrute ingrimmig in den See schlug; dazu schrie er:

‚Forelle, Hecht und Aal, Packt euch allzumal! Fort, ihr Seelenfresser, Fort aus meinem Gewässer!‘

Ich schlich mich näher heran und sah, wie die Fische, die blinkenden Rücken aneinandergedrängt, den Bach hinunterflohen bis in den Untersee. Und seit jenem Tag ist der Obersee leer von Fischen. Der Wassermann duldet in seinem Gebiet keinen einzigen mehr, weil er meint, sie hätten ihm die Seelen aufgefressen. Über den Untersee aber hat er keine Gewalt; das macht der Bildstock am Ufer.«

»Und ist der Wassermann nicht hinter Eure Schliche gekommen?« fragte der Fremde.

»Das fürchte ich eben«, versetzte der Alte. »Und ich hüte mich wohl, dem Obersee nahe zu kommen. Aber es hilft alles nichts. Einmal muß ich doch noch hinunter, um die letzte Seele zu befreien, die ich damals vergessen habe.«

»Was war das für eine Seele?«

Der Alte stockte. Endlich sprach er scheu: »Es war die Seele einer bitterbösen Frau, und weil sie mir das Leben zur Hölle gemacht, bevor sie im See ertrank, so wollte ich sie noch eine Weile in dem Topf zappeln lassen.«

Der Stadtherr schauderte. Der alte Müller aber erhob sich von seinem Sitz, legte den Finger auf den Mund und ging ins Haus.

Jetzt erschien auf der Türschwelle ein hübsches blondgezöpftes Mädchen mit weißer Schürze und meldete, die Fische seien angerichtet. »Gelt,« setzte sie hinzu, »der Großvater hat Euch allerhand närrisches Zeug erzählt? Der Arme ist vor zwei Jahren in das Mühlenwehr geraten und mit knapper Not herausgezogen worden. Seit der Zeit ist es hier« -- sie tippte mit dem Finger auf die Stirn -- »nicht ganz richtig mit ihm, aber er tut niemandem etwas zuleide.«

Darauf führte sie den hungrigen Gast in das Haus, und dieser labte sich an den blaugesottenen Forellen und an dem kühlen Landwein, den ihm die Schöne einschenkte. Der alte Müller kam nicht mehr zum Vorschein.