Part 6
Agnes (eilt in den Garten). Da kann ich ihn zu Pferd steigen sehen! (Sie kehrt wieder um.) Ja, wenn er selbst mich in die Höhe höbe und über die Mauer kucken ließe, wie damals, als die schwarzbraunen ägypter mit Zimbeln und Schellen vorüberzogen. Aber hören muß ich ihn können! (Sie eilt wieder fort.) Still, still mit euren Trompeten! Horch! Das ist er! "Ihr seid brav, Törring!" Gewiß, aber warum sagst du ihm das gerade jetzt? Ach, da geht's schon fort! Leb wohl, mein--Halt! Der Trab stockt! Es ist doch nichts geschehen? Da redet einer! Schwach, undeutlich--schweig du! Nun noch einmal er! "Führt ihn gleich zu ihr!" Zu mir? Wen denn? "Es wird ihr lieb sein!" Mir lieb? Nein, Albrecht, da kennst du mich nicht! Ich wollte, es würde augenblicklich Nacht und erst in dreimal vierundzwanzig Stunden wieder Tag! Oder wär's mein Vater? (Sie jauchzt auf.) Mein Vater! Gewiß nicht! Ach nein! jetzt sprengen sie weiter. Hui! Recht, ihr Rosse, holt aus! Um so eher seid ihr wieder mit ihm da. (Sie horcht auf.) Ich höre nichts mehr. (Sie horcht wieder.) Doch! (Sie pflückt währenddem gedankenlos eine Blume.) Was soll's noch! (Sie läßt die Blume fallen.) Hab ich da was gepflückt? Das tut mir leid! Es ist keine Zeit, Blumen vor die Brust zu stecken! (Sie wandelt langsam wieder herauf.) Nun ist's denn so gekommen, wie sie alle vorhersagten! Tot! Ob das uns wirklich was Gutes bedeutet? Was tu ich jetzt? Zieh ich mich schwarz an? Da bin ich wieder hochmütig und rechne mich mit zur Familie, wie dieser unheimliche Mensch mit den kalten Augen, der Richter, gespöttelt haben soll. Unterlaß ich's? Da freu ich mich über das Unglück! Ich folg meinem Herzen und das sagt: traure mit den Traurenden! Lacht nicht, Herr Emeran! Man ist manchem Dank schuldig, ohne daß man's weiß! Es ist gut für Euch, daß dies Herz so weich ist, wenn Ihr es auch nicht ahnt!
Zehnte Szene
Törring (tritt auf).
Agnes. Ihr noch hier?
Törring. Ich bleibe, edle Frau! Es ist einer aus Augsburg da, ich darf ihn wohl schicken?
Agnes. Aus Augsburg?
Törring (geht ab, gleich darauf erscheint Theobald).
Agnes (ruft ihm entgegen). Theobald!
Theobald. Agnes--Frau Herzogin, wollt' ich sagen--Nicht? So ist's recht?
Agnes. Laßt das! Kommt mein Vater auch? Doch, was frag ich! Wie könntet Ihr Euch alle beide zugleich entfernen!
Theobald. Nun, das--Aber Ihr wißt, wie er ist! Er meint, Ihr solltet Gott danken, wenn Euch der Vater endlich vergeben und vergessen sei, und ihm keine Boten weiter senden, es helfe doch nichts, denn er seinerseits kenne seine Schuldigkeit und werde den alten Bartkratzer hier nicht in Erinnerung bringen! Es freue ihn zwar von Herzen--und das tut's auch, ich weiß es, darum kehrt Euch nicht an ihn--daß Ihr noch an ihn dächtet, und daß auch Euer Herr sich seiner nicht schäme, aber er verstehe das besser, und Ihr möchtet aufhören, ihn zu quälen!
Agnes. Und das ist alles, was Ihr mir von ihm melden sollt? Nur, um mir das zu sagen, habt Ihr die weite Reise gemacht?
Theobald. Nun, das gerade nicht! Ich hatte wohl auch noch einen anderen Grund!
Agnes. Und der--muß er mir Geheimnis bleiben?
Theobald. Ach, warum auch! Wir hören nun seit Jahren so allerlei, und da wollt' ich, da sollt' ich doch einmal sehen-
Agnes. Ob ich auch wirklich glücklich sei? Oh, wärt Ihr doch eine Stunde früher gekommen! Dann hättet Ihr mit eigenen Augen--Doch nein, nein, es ist besser so! Und Ihr? In Augsburg?
Theobald. Wegen des Vaters braucht Ihr Euch nicht zu ängstigen! Gleich nachdem Ihr fort wart, baute er sich den neuen Ofen, an den er früher nie die Kosten wagen wollte, und das hat sich ihm belohnt.
Agnes. Ich danke Gott dafür!
Theobald. Er hat allerlei entdeckt, mehr als er zeigen darf, wenn er nicht noch ärger als Hexenmeister ins Geschrei kommen will. Dinge, sag ich Euch--es ist schade, daß Ihr sie nicht sehen könnt. Das wird nun so wieder mit ihm untergehen. Doch, es ist auch manches darunter, was er nicht zu verbergen braucht, und dabei steht er sich schon gut genug. Er könnte sich nun gern ein Gärtlein kaufen, wie Ihr es immer wünschtet.
Agnes. Und Ihr selbst, Theobald?
Theobald. Mir gibt er jetzt doppelten Lohn!
Agnes. Ach, das will ich nicht wissen!
Theobald. Nun, ich lache noch zuweilen über mich! Und das recht von Herzen, Ihr könnt mir's glauben! Noch vorhin, als ich den Herzog, Euren Gemahl, zu Pferd daherkommen sah. Freilich, das ist ein Mann! Und wie er Euch lieben muß, kann man schon daran sehen, daß er seine Leute so warten läßt, was doch gar nicht Ritterart ist! An denen kam ich bereits vor einer Stunde vorbei, und sie mußten schon lange stehen, denn sie waren höchst ungeduldig.
Agnes. Das ist ja nicht möglich! Er hat sie ja bei sich!
Theobald. Zehn oder Zwölf! Ich meine die übrigen!
Agnes. Die übrigen? Ei, er reitet ja nur zum Turnier und nimmt nicht einen Mann mehr mit!
Theobald. Und doch sah ich eine Stunde von hier hinter dem Föhrenwald, wo die Hügel sich senken, einhundertundfunfzig oder zweihundert Gewappnete, den Fuß im Bügel, die Lanze in der Hand und das Gesicht gen Straubing gekehrt, als ob sie ihren Führer oder sonst etwas von dort erwarteten!
Agnes. Ich erschrecke. Wo?
Theobald. Ei, an der Münchner Straße!
Agnes. An der Münchner Straße? Er reitet nach Ingolstadt.
Theobald. Auch sprengte ein Geharnischter, der von hier kam, in wilder Hast an mir vorbei. Ich dachte, der sagte ihn an. Jetzt fällt's mir ein, daß er verkappt war!
Agnes. Das ist höchst verdächtig, das muß Törring wissen, das--Mein Gott, hört, der Burgwart stößt ins Horn, daß es zerspringt--Trompetengeschmetter von allen Seiten--ganz nah--immer näher--das ist nichts Gutes--das ist Herzog Ernst!
(Man hört das alles.)
Theobald. Es ist nichts Gutes! Geschrei! Waffengeklirr! Gilt das denn Euch? Kein Zweifel, man stürmt! Und sie sind schon aneinander.
(Man hört das alles.)
Agnes. Das ist nicht möglich! Das Schloß hat Mauern und Gräben.
Elfte Szene
Der Kastellan (stürzt herein). Edle Frau--folgt mir in die Totengruft--mich schickt der Törring!
Agnes. Ich hoffe, er wird mich verteidigen.
Der Kastellan. Die Brücke--ein Verräter hat die Brücke niedergelassen oder gar nicht wiederaufgezogen, denn die Dummheit kann nicht so weit gehen. Die Feinde sind gleich hier! Wie soll er sie aufhalten!
Agnes. Nun, so sind's keine Mörder, und ich, was bin denn ich?
(Das Getöse kommt immer näher.)
Der Kastellan. Kommt, kommt, ich beschwör Euch! Wer weiß, ob sie Euch dort suchen!
Agnes. Theobald, geht Ihr mit ihm!
Theobald. Um eine Waffe zu holen, meint Ihr! Es wächst wohl auch eine auf'm Baum! (Er reißt einen Ast ab.)
Zwölfte Szene
Törring und Pappenheim treten kämpfend auf. Im Hintergrunde kämpfen Reisige und Burgknechte. Auch Preising wird sichtbar, aber ohne das Schwert zu ziehen.
Pappenheim. Ergebt Euch, Törring!
Törring. Ho!
Pappenheim. So nehmt! Ich hab Euch lange genug geschont!
Törring. Pah!
Pappenheim. War's nicht vom Besten?
Törring. Ei was! (Er holt aus, fällt aber in die Knie.) Doch! (Zu Agnes hinüber.) Edle Frau, Ihr seht--Was hilft's Euch?
Pappenheim (beugt sich auf ihn nieder). Ihr habt's nicht anders gewollt!
Törring (fällt um). Macht's Kreuz über mich! Freund oder--(Er stirbt.)
Theobald (wirft den Ast weg, und stürzt auf Törring zu.) Da erb ich was!
Agnes. Theobald!
Theobald. Weiß wohl, es ist ein Hochmut von mir! Aber--(Er nimmt Törrings Schwert.)
Pappenheim (sich wendend). Wo ist die Hexe, um die ich dies edle Blut vergoß?
Agnes (schreitet ihm entgegen). Wen sucht Ihr?
Pappenheim (senkt unwillkürlich sein Schwert und greift an den Helm, dann schlägt er sich vor die Stirn). Teufel, was mach ich!
Theobald. Ihr Knechte, schart euch um eure Gebieterin! Sie hat gewiß jedem von euch Gutes getan!
Die Knechte (scharen sich).
Pappenheim (zu den Seinigen). Ergreift sie! Die ist's!
Theobald (tritt vor Agnes). Solange ich lebe, geht's nicht!
Pappenheim. Was willst du?
Theobald. Es ist die Tochter meines Meisters!
Pappenheim. Badergesell, kannst du zählen? Nieder mit ihm, wenn er nicht weichen will, und fort mit ihr!
Die Reisigen (drängen sich um Agnes herum, aber mit Scheu, und ohne sie anzurühren, weil sie von ihrer Schönheit geblendet sind). Ha! Ei! Die!
Pappenheim. Nun, was gafft ihr? Hat sie's euch schon angetan, wie dem armen Herzog, oder wollt ihr warten, bis ihr's weghabt? Laßt ihr nur Zeit, kuckt ihr nur in die gefährlichen schönen Augen, so läßt sie euch Borsten wachsen, statt der Haare, und Klauen, statt der Nägel! Ich dächte, ihr hättet genug von ihren Künsten gehört. Muß ich selbst den Schergendienst verrichten? (Er dringt auf Agnes ein und will sie ergreifen.)
Theobald (schwingt das Schwert, wie ein Rad, um den Kopf herum, so daß Pappenheim sich nicht nähern kann).
Pappenheim. Ei, dich soll ja--(Er will Theobald durchstoßen.)
Agnes (wirft sich zwischen beide). Schont ihn! Er denkt an meinen alten Vater! Ich folg Euch! Aber vergeßt nicht, es ist Herzog Albrechts Gemahlin, die Ihr in seinem eigenen Schloß überfallt!
Pappenheim (will wieder auf Theobald eindringen). Der Bursch hat mich-
Preising (rasch hervortretend). Im Namen des Herzogs, meines Herrn, jedes Schwert in die Scheide!
Pappenheim (indem er sein Schwert einsteckt). Warum auch nicht! Ich soll sie nur fangen!
Agnes. Theobald, kehrt noch nicht nach Augsburg zurück! Dies kann das Ende nicht sein! (Sie geht voran.)
Pappenheim (folgt ihr mit den Reisigen).
Theobald (will gleichfalls folgen, schlägt sich dann aber vor die Stirn). Nein! Nach Ingolstadt! Zu ihm! Das erste Pferd, das ich unterwegs treffe, ist mein! (Stürzt fort.)
Preising. Gott gebe, daß sie jetzt auf mich höre! Noch kann ich sie vom Tode retten, und ich will's. (Ab.)
Fünfter Akt
Straubing
Erste Szene
Kerker.
Agnes. "Ingolstadt ist weit!" Es könnte mich verrückt machen, das schreckliche Wort! Ingolstadt ist keine vierundzwanzig Stunden von hier, und als Theobald eben vorbeistürzt, und der Marschall ihn mit vorgestreckter Lanze aufhält, sagt dieser Richter mit einem Blick auf mich: laßt ihn doch laufen, wohin er will, Ingolstadt ist weit! Wären keine vierundzwanzig Stunden mehr mein? Herr, mein Gott, so kannst Du mich nicht verlassen!
Zweite Szene
Preising (tritt ein).
Agnes (ihm entgegen). Was bringt Ihr mir?
Preising. Was Ihr selbst wollt!
Agnes. Was ich selbst will? Oh, spottet meiner nicht! Ihr werdet mir die düstre Pforte nicht wieder öffnen, die man so fest hinter mir verriegelt hat!
Preising. Ich werde, wenn Ihr Euch fügt!
Agnes. Und was verlangt Ihr von mir?
Preising. Ich stehe hier für den Herzog von Bayern.
Agnes (macht eine zurückweichende Bewegung).
Preising. Aber ich meine es redlich mit Euch, und auch mein erlauchter Gebieter ist nicht Euer Feind!
Agnes. Nicht mein Feind? Wie komm ich denn hieher?
Preising. Ihr wißt, wie's steht! Herzog Ernst ist alt, und sein Thron bleibt unbesetzt, wenn Gott ihn abruft, oder sein einziger Sohn muß ihn besteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit hinaufnehmen, und da er sich von Euch nicht trennen will, so müßt Ihr Euch von ihm trennen!
Agnes. Ich mich von ihm! Eher von mir selbst!
Preising. Ihr müßt! Glaubt's mir, glaubt's einem Mann, der Euer Schicksal schon kennt, wie Gott, und es gern noch wenden möchte! Ihr könnt kein Mißtrauen in mich setzen; warum wär' ich gekommen, wenn Euer Los mir nicht am Herzen läge? Meines Arms bedurfte es doch gewiß nicht; Ihr habt's ja gesehen, wie überflüssig ich war, und welchen Gebrauch ich von meinem Schwert machte. Ich zog mit, weil Ihr mich erbarmtet; ich suche Euch jetzt im Kerker, im Vorhof des Todes, auf, weil ich allein noch helfen kann, doch ich wiederhol's Euch: Ihr müßt!
Agnes. Ihr habt den armen Menschen gerettet, der vorhin sein Leben für mich wagte, ich muß glauben, daß Ihr's aufrichtig meint, aber Ihr seid ein Mann und wißt nicht, was Ihr fordert! Nein, nein! Das in Ewigkeit nicht!
Preising. Nicht zu rasch, ich beschwör Euch! Wohl mag's ein schweres Opfer für Euch sein, doch wenn Ihr's verweigert, so wird man--könnt Ihr noch zweifeln nach allem, was heute geschah?--aus Euch selbst ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht schon weiter, als ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung stelle, und tu's auf meine eigne Gefahr!
Agnes. Ihr wollt mich erschrecken, aber es wird Euch nicht gelingen! (Sie hält sich an einem Tisch.) So leicht fürchte ich mich nicht, dies Zittern meiner Knie kommt noch von dem überfall! Mein Gott, erst die Trompeten, dann die blutigen Schwerter und die Toten! Aber für mich besorg ich nichts, ich bin ja nicht in Räuberhänden, und Herzog Ernst ist ebenso gerecht, als streng! (Sie setzt sich.) Seht mich nicht so an, mir ward jetzt so wunderlich, weil der tote Törring mir auf einmal vor die Seele trat, es ist schon wieder vorüber. (Sie erhebt sich wieder.) Was könnte mir auch wohl widerfahren! Ist doch selbst ein Missetäter, solange der Richter ihn noch nicht verurteilt hat, in seinem Kerker so sicher, als ob die Engel Gottes ihn bewachten, und ich habe den meinigen noch nicht einmal erblickt! Nein, nein, so hat mein Gemahl nicht von seinem Vater gesprochen, daß ich dies glauben dürfte! Doch, wenn's auch so wäre, wenn der Tod--es ist unmöglich, ich weiß es, ganz unmöglich--aber wenn er wirklich schon vor der Tür stände und meine Worte zählte: ich könnte nimmermehr anders!
Preising. Der Tod steht vor der Tür, er kommt, wenn ich gehe, ja er wird anklopfen, wenn ich zu lange säume! Schaut einmal durchs Gitter zur Brücke hinüber! Was seht Ihr?
Agnes. Das Volk drängt sich, einige heben die Hände zum Himmel empor, andere starren in die Donau hinab, es liegt doch keiner darin?
Preising (mit einem Blick auf sie). Noch nicht!
Agnes. Allmächtiger Gott! Versteh ich Euch?
Preising (nickt).
Agnes. Und was hab ich verbrochen?
Preising (hebt das Todesurteil in die Höhe). Die Ordnung der Welt gestört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk seinen Fürsten entfremdet, einen Zustand herbeigeführt, in dem nicht mehr nach Schuld und Unschuld, nur noch nach Ursach' und Wirkung gefragt werden kann! So sprechen Eure Richter, denn das Schicksal, das Euch bevorsteht, wurde schon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch verhängt, und Gott selbst hat den harten Spruch bestätigt, da er den jungen Prinzen zu sich rief, der die Vollziehung allein aufhielt. Ihr schaudert, sucht Euch nicht länger zu täuschen, so ist's! Und wenn's einen Edelstein gäbe, kostbarer, wie sie alle zusammen, die in den Kronen der Könige funkeln und in den Schachten der Berge ruhen, aber ebendarum auch ringsum die wildesten Leidenschaften entzündend und Gute, wie Böse, zu Raub, Mord und Totschlag verlockend: dürfte der einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn nicht mit fester Hand ergreifen und ins Meer hinunterschleudern, um den allgemeinen Untergang abzuwenden? Das ist Euer Fall, erwägt's und bedenkt Euch, ich frage zum letzten Mal!
Agnes. Erwägt auch Ihr, ob Ihr nicht verlangt, was mehr als Tod ist! Ich entsage meinem Gemahl nicht, ich kann's und darf's nicht. Bin ich denn selbst noch, die ich war? Hab ich bloß empfangen? Hab ich nicht auch gegeben? Sind wir nicht eins, unzertrennlich eins durch Geben und Nehmen, wie Leib und Seele? Aber ich verbürge mich für ihn, daß er dem Thron entsagt! Fürchtet nicht, daß ich verspreche, was er nicht halten wird! Ich hab's aus seinem eignen Munde, wie ein Zauberwort für die höchste Gefahr! Zwar glaubte ich längst nicht mehr, daß ich's noch brauchen würde, aber diese Stunde hat's mir entrissen, und nun braucht's, wie Ihr wollt!
Preising. Das rettet Euch nicht mehr! Herzog Albrecht kann die angestammte Majestät sowenig ablegen, als Euch damit bekleiden, sie ist unzertrennlich mit ihm verbunden, wie die Schönheit, die ihn fesselt, mit Euch. Will er's nicht seinen Segen nennen, so nenne er's seinen Fluch, aber er gehört seinem Volk und muß auf den Thron steigen, wie Ihr ins Grab. Euch rettet's nur noch, wenn Ihr Eure Ehe für eine sündliche erklärt und augenblicklich den Schleier nehmt.
Agnes. Wie mild ist Herzog Ernst! Der will doch nur mein Leben! Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht' ich bloß zu tun, so wär' ich für ihn, wie nie dagewesen; ich selbst hätte mein Andenken in seiner Seele ausgelöscht, und er müßte erröten, mich je geliebt zu haben! Mein Albrecht, deine Agnes dich abschwören! O Gott, wie reich komm ich mir in meiner Armut jetzt auf einmal wieder vor, wie stark in meiner Ohnmacht! Diesen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden! Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zittre ich wirklich nicht mehr!
Preising. Oh, daß Euer alter Vater neben mir stände und mich unterstützte! Daß er spräche: mein Kind, warum willst du einen Platz nicht freiwillig wiederaufgeben, den du doch nur gezwungen einnahmst? Denn ich weiß ja, daß dies Euer Fall war!
Agnes. Gezwungen? So also wird meine Angst, mein Zittern und Zagen ausgelegt? Oh, wenn Ihr mir Euer Mitleid geschenkt habt, weil Ihr das glaubt, so nehmt's zurück und quält mich nicht länger, ich habe keinen Anspruch darauf. Nein, nein, ich wurde nicht gezwungen! So gewiß ich ihn eher erblickt habe, als er mich, so gewiß habe ich ihn auch eher geliebt, und das war gleich, als ob's immer gewesen wäre und in alle Ewigkeit nicht wiederaufhören könne. Darum keine Anklage gegen ihn, ich war früher schuldig, als er! Nie zwar hätt' ich's verraten, ich hätte vielleicht nicht zum zweiten Mal zu ihm hinübergeschaut, sondern im stillen mein Herz zerdrückt und unter Lachen und Weinen ein Gelübde getan. Ach, ich schämte mich vor Gott und vor mir selbst, mir war, als ob mein eignes Blut mir über den Kopf liefe, ich erwiderte ein Lächeln des armen Theobald, um mir recht weh zu tun. Doch, als er nun am Abend zu mir herantrat, da wandte ich mich zuerst freilich auch noch ab, aber nur, wie ein Mensch, der in den Himmel eintreten soll und weiß, daß er dem Tode die Schuld noch nicht bezahlt hat! Wenn ein Engel den mit sanfter Gewalt über die Schwelle nötigt: hat er ihn gezwungen?
Preising. So ist es Euer letztes Wort?
Dritte Szene
Die Türe wird geöffnet, man erblickt Häscher und Reisige, die jedoch draußen bleiben, es tritt ein: Emeran Nusperger zu Kalmperg und bleibt am Eingang stehen.
Agnes (ihm entgegen). Herr Emeran, hätte mein Gemahl je erfahren, was ich von Euch wußte, Ihr lebtet nicht, um mich zu verderben! Er haßte Euch schon ohne Grund, wie keinen auf der Welt, ich hätt' ihm wohl einen Grund angeben können, aber ich tat's nicht! Sinnt nach, und wenn Ihr ein Mensch seid, so muß sich in Eurer Brust jetzt etwas für mich regen!
Emeran Nusperger zu Kalmperg (schweigt).
Agnes. Herr Emeran, hin ich auf ehrliche Weise in Eure Hand gefallen? Bedenkt wohin Ihr mich ohne Vorbereitung schickt, laßt mir noch etwas Zeit, und Gott soll's Euch verzeihen, daß Ihr einen Judas mehr gemacht habt, ich will selbst für Euch bitten!
Emeran Nusperger zu Kalmperg (schweigt).
Agnes. Herr Emeran, wie ich in diesem Augenblick zu Euch, so werdet ihr dereinst zu Gott um eine kurze Frist flehen, und er wird Euch antworten, wie Ihr mir! Seht mich an, wie jung ich noch bin, und gebt mir von jedem Jahr, das Ihr mir raubt, nur eine Minute zurück! Könnt Ihr mir's weigern? Ich will ja nur von mir selbst Abschied nehmen!
Preising. Ihr verlangt von ihm, was er nicht gewähren kann! Er weiß von Eurem Knecht, daß Ihr gestern zur Nacht erst gebeichtet habt, und die Stunde drängt! Auch ist die eine ebenso schwarz, wie die andere, glaubt's mir! Aber willigt ein und-
Agnes. Hebe Dich von mir, Versucher!
Emeran Nusperger zu Kalmperg (winkt einem Häscher).
Ein Häscher (tritt herein und nähert sich Agnes).
Agnes. Fort, Mensch! Willst du deine Hand an die legen, die noch keiner, als dein Herzog, berührt hat? Nur dem Totengräber kann ich's nicht mehr wehren! (Sie schreitet zur Tür, bleibt dann aber stehen). Albrecht, Albrecht, was wirst du empfinden!
Preising. Ja! Ja! Und Ihr wollt diesen Stachel lieber in seine Seele drücken, als--Noch ist's Zeit!
Agnes. Fragt ihn, wenn ich dahin bin, ob er lieber eine Unwürdige verfluchen, als eine Tote beweinen möchte! Ich kenne seine Antwort! Nein, nein, Ihr bringt Euer Opfer nicht so weit, daß es sich selbst befleckt. Rein war mein erster Hauch, rein soll auch mein letzter sein! Tut mir, wie Ihr müßt und dürft, ich will's leiden! Bald weiß ich, ob's mit Recht geschah!
(Sie schreitet durch die Häscher hindurch, Preising und Emeran Nusperger zu Kalmperg folgen.)
Offenes Feld.
Vierte Szene
Herzog Ernst mit seinen Rittern und Reisigen, die man ziehen und sich ausbreiten sieht. Bauerhütten, wovon eine ganz in der Nähe ist.
Ernst (tritt mit Wolfram von Pienzenau, Ignaz von Seyboltstorff und Otto von Bern hervor).
Ernst. Ihr, Pienzenau, reitet zu Haydeck! Er soll so weit vorwärtsgehen, als er kann! Ich muß hier haltmachen und auf den Kanzler warten.
Wolfram von Pienzenau (ab).
Ernst. Ihr, Seyboltstorff, schwenkt Euch gegen Straubing, und besetzt die Hügelkette!
Ignaz von Seyboltstorff (ab).
Ernst. Ihr, Bern, seht nach Euren Reitern und bleibt nüchtern, damit die auch nüchtern bleiben. (Wie Bern sprechen will.) Ich weiß wohl, daß Ihr behauptet, des Morgens immer benebelt aufzustehen und Euch den Verstand erst nach und nach anzutrinken, wie andere Leute den Rausch, aber ich halte nichts davon, und ich muß Euch heute zur Hand haben, wie mein Schwert!
Otto von Bern (ab).
Fünfte Szene
Ernst. Eine Bauerhütte! Ich will doch einmal sehen, wie die Leute leben! (Er geht auf die Hütte zu, findet sie aber verschlossen.) Zu! Alles auf'm Felde bei der Arbeit. Wer kocht denn Essen? Oder hab ich sie schon verjagt? (Er kommt zurück.) Wenn's geglückt ist, muß die Nachricht jeden Augenblick kommen! Dies ist das erste Mal, daß mir die Zeit lang wird.--Ernst, frevle nicht! Wer weiß, welcher Schatten jetzt schon zwischen Himmel und Erde umherirrt!
Sechste Szene
Preising (tritt mit Pappenheim auf). Hier soll er sein!
Ernst (ihnen entgegen). Ihr Preising? Nun?
Preising. Tot!
Ernst. So sei Gott ihr gnädig!--Pappenheim, Ihr müßt gleich wieder aufsitzen und Euch mit Pienzenau vereinigen, um Haydeck zu stärken. Der hat den ersten Stoß zu erwarten, wenn's was gibt!
Pappenheim (ab).
Ernst. Wie starb sie?
Preising. Hat sie sich Euch um die elfte Stunde nicht angezeigt?
Ernst. Das versteh ich nicht!
Preising. Da war's! Der Henker versagte den Dienst, Herr Emeran mußte einen seiner Hörigen entlassen, der stürzte sie von der Brücke herab. Erst schien's, als ob sie aus Angst vor der Befleckung durch seine Hände freiwillig hinunterspringen wollte, doch dann kam die Furcht des Todes über sie, ihr schwindelte, und er mußte sie packen. Das Volk hätte ihn gern gesteinigt, und doch wußte jeder, daß der jämmerliche Mensch es nur für seine Freiheit tat. Nicht um die Welt möcht' ich's zum zweiten Mal sehen.
Ernst. Genug, Preising! Es gibt Dinge, die man, wie im Schlaf tun muß. Dies gehört dazu. Das große Rad ging über sie weg--nun ist sie bei dem, der's dreht. Jetzt handelt sich's denn um ihn!
Preising. Oh, er wird's schon wissen! Es war gerade einer aus Augsburg auf dem Schloß, als Pappenheim eindrang, ein braver Bursch, der sich wacker hielt. Der eilte fort, als sie in den Kerker geführt wurde, und gewiß nach Ingolstadt. Es war ein Bote ihres Vaters!
Ernst. Armer, alter Mann! Nun ich setzte mein eigen Fleisch und Blut ebensogut ein, wie das deine! Wer weiß, ob unser Los nicht schon gleich ist!
Preising. Und dann?