Part 3
Caspar Bernauer. Das freut mich! Aber, diese Botschaft ist nicht für mich allein! (Ruft.) Agnes!
Törring. Freut Euch? Ich hab mich nicht in Euch geirrt, als ich Euch für verständig hielt! Gebt mir noch einmal die Hand!
Caspar Bernauer (hält seine Hand zurück). Ihr habt mich schon geadelt!
Achte Szene
Agnes (tritt ein).
Törring. Nicht wahr, ein mäßiges Glück, aber gesichert für immer--unter uns--der Herzog hat schöne Güter von seiner Mutter her!
Caspar Bernauer. Merk wohl auf, mein Kind! (Zu Törring.) Nun?
Törring. Ei, da Ihr sie rieft, so sprecht selbst weiter!
Caspar Bernauer. Wohl! (Zu Agnes.) Der Herzog nimmt seine Bewerbung zurück!
Törring. Nicht doch!
Caspar Bernauer. Er nimmt seine Bewerbung um deine Hand zurück, die läßt er dir, er ist nicht unverschämt! Das übrige, nun ja, das möcht' er, ich weiß nicht, ob für immer oder auch nur für einige Zeit!
Agnes (setzt sich nieder).
Caspar Bernauer (zeigt auf sie). Da habt Ihr ihre Antwort! Jetzt die meinige! Zuerst! (Mit gefaltnen Händen gen Himmel.) Ich danke Dir, Vater im Himmel, daß es so kam! Schick mir nun, welches Leid Du willst, es kann mich nicht ärger treffen, als dies Glück mit seinem schrecklichen doppelten Gesicht mich traf! (Zu Törring.) Ihr seht, wie mir ist, damit erklärt's Euch, daß ich Euch so ruhig anhörte! Ihr wart mir ein Freudenbote, denn daß meine Tochter in keine Schmach willigen würde, wußt' ich, also gab Euer Antrag mir sie wieder, sonst war sie für mich verloren. Nun aber zur Abrechnung! Ihr erkundigtet Euch nach meinem Schwerte, wir Reichsbürger führen wirklich eins, wenn's auch gewöhnlich hinterm Schornstein hängt, und mit dem meinigen habe ich früher manchen Rücken ausgeklopft, der dem Eurigen, das glaubt nur, völlig glich.
Törring. Bernauer!
Agnes (springt auf und stellt sich neben Caspar). Recht, Vater, redet!
Caspar Bernauer. Den Helm mit dem bunten Federbusch habt Ihr vor mir voraus, ich begnügte mich immer, wie wir alle, die wir nicht furnieren, nur streiten, wenn es gilt, unser Hab und Gut zu verteidigen, mit einer simpeln Sturmhaube. Doch auch die genügte zuweilen, aus einer guten Klinge eine noch beßre Säge zu machen, wenn sie sich daran versuchte. Was aber mein Wappen betrifft, so werdet Ihr's schon hie und da früh morgens an Burgtoren gesehen haben, einige aus meiner Familie führen einen Strick und einen Dolch im roten Felde, und sie wissen sich Respekt zu verschaffen, selbst bei Kaiser und Reich.
Törring. Das ist das Zeichen der Feme!
Caspar Bernauer. Kennt Ihr sie? Auch Jungfrauen stehen unter ihrem Schutz, und wenn die Gerechtigkeit ihren Weg auch in diesen betrübten Zeiten, wie ein Maulwurf, unter der Erde suchen muß: sie ist immer zur rechten Stunde da!
Agnes. Ich kann mich selbst schützen, mein Vater! Was mir gestern abend widerfuhr, das raubte mir Sprache und Besinnung; was mir jetzt widerfährt, gibt mir beides wieder! Das eine hätt' ich nicht für möglich gehalten, aber, bei Gott! das andere noch viel weniger! (Zu Törring.) Dies sagt dem Herzog von mir!
Caspar Bernauer. Da ist er selbst!
Neunte Szene
Albrecht (tritt ein). Ja, da ist er! (Zu Agnes.) Ward er erwartet?
Agnes (wendet sich ab).
Albrecht. Agnes--wenn auf dem Wege zu dir ein Himmelswagen flammend vor mir niedergefahren wäre, jeder Radnagel ein Stern, ich wäre nicht eingestiegen, und du-
Agnes. Gnädiger Herr--gestern fehlte mir der Mut Euch anzusehen, heute, dächt' ich, sollte er Euch fehlen!
Albrecht. Was hab ich dir denn getan?
Agnes. Nichts? Also das wäre nichts? Gnädiger Herr, so viel Ehre könnt Ihr mir gar nicht bieten, und wenn Ihr mir die Krone aufsetztet, daß sie diese Schmach wiederaufwöge!
Albrecht. Schmach?
Agnes. Wär's keine? Wär' das an mir keine Schmach, was, einem Fräulein zugefügt, die Klingen aller ihrer Verwandten, bis zum zehnten Glied herab, aus der Scheide reißen und gegen Euch kehren würde? Gnädiger Herr, auch mich hat Gott gemacht!
Albrecht. Törring! Ihr da? Was heißt das?
Agnes. Auch mich hat Gott gemacht, auch aus mir kann er mehr machen, wenn es sein heiliger Wille ist, auch aus Euch weniger, denn alles auf Erden ist nur zur Probe, und Hoch und Niedrig müssen einmal wechseln, wenn sie nicht vor ihm bestehen! Gnädiger Herr, tut keinem wieder so weh, wie mir, man erwartet's nicht von Euch, darum ist's doppelt bitter! (Zu Caspar Bernauer.) Mein Vater, jetzt ins Kloster! Nun nehme ich von der Welt nichts mehr mit über die Schwelle, als einen ewigen Schauder!
Albrecht. Mädchen, gestern warb ich um dich, heute komm ich um die Antwort, während meine Freunde schon den Priester suchen, der uns verbinden soll: ist das Schmach?
Törring (tritt vor). Der Herzog weiß von nichts, auf Ritterwort, ich sprach nur aus mir selbst! Ich glaubte--nun, Irren soll menschlich sein!
Albrecht. Du beschimpftest sie? Du beschimpftest meine Braut? Dafür--(Er will ziehen.)
Törring. Nein! Dafür--(Er tritt zu Agnes heran und küßt ihr ritterlich die Hand.) Ihr wißt, ich bin nicht feig, aber es wäre nicht wohlgetan, die Zahl ihrer Freunde zu mindern, und nun ich sie kenne, bin ich ihr Freund, ja, ich werde ihr dienen bis zum letzten Atemzug, und mir ist, glaubt's mir und denkt darüber nach, als faßte der Tod mich schon jetzt bei der Hand! (Zu Agnes.) Das sprach ein Edler von Bayern, der nicht der Geringste ist, und nennt mich einen ehrvergessenen Mann, wenn Euch nun etwas widerfährt, solange ich's hindern kann. (Zu Albrecht.) Ihr aber, gnädiger Herr, grollt nicht länger, daß ich ihr den Schleier etwas unsanft abnahm, es gereicht Euch, wie ihr, zum Vorteil, daß ich ihr ins Gesicht sah! (Tritt zurück.)
Albrecht. Sie schweigt! Das Vergeben ist an ihr, nicht an mir! Folgt mir! Wenn sie sieht, wie ich sie räche, wird sie wissen, wie ich sie liebe!
Agnes. Um Gott nicht! Nur von Euch war's mir, wie Todesstich! Jetzt--jetzt--Vater!
Caspar Bernauer. Ihre harten Worte tun ihr leid, gnädiger Herr, sie hätte sie gern zurück, Ihr seht's wohl, sie erstickt ja fast!
Albrecht. Und nicht um die Welt möcht' ich sie missen! Alter, zwei Kinder sind ausgewechselt worden, die Tochter des Kaisers wurde in deine Wiege gelegt, und der Kaiser zieht die deinige auf! Schau hin, erkennst du sie noch? Agnes, davon hat dir in früher Jugendzeit schon ein Märchen erzählt, doch damals ahntest du's noch nicht, daß du über deine eigne Geschichte weintest, erst in dieser Stunde hast du dich wieder auf dich selbst besonnen! Aber nun weißt du endlich, wer du bist, das zeigt die edle Glut, die dir aus dem Auge blitzt und von der Wange flammt, nun denkst du nicht mehr daran, daß du bisher nicht im Purpur gingst und nicht aus goldenem Becher trankst; so komm denn auch zu mir herüber, eh' dir das wieder einfällt!
Caspar Bernauer. Agnes!
Agnes. Vater, kein Wort von Gefahr! Erinnert mich nicht, daß Mut dazu gehört! Sonst könnt' ich-
Albrecht (breitet die Arme gegen sie aus). Was? Was?
Agnes (sinkt hinein). Und müßt' ich's mit dem Tode bezahlen--das täte nichts!
Albrecht (umschließt sie). Agnes!
Agnes (macht sich wieder los). Aber dazu berechtigt mich kein Mut! --Ihr seid ein Fürst-
Albrecht. Und darf als solcher von vorn anfangen, so gut wie irgendeiner meiner Vorgänger!
Agnes. Ihr habt einen Vater-
Albrecht. Und bin sein Sohn, nicht sein Knecht!
Agnes. Und wenn Euer Volk murrt?
Albrecht. So murrt es, bis es wieder jubelt. Ja, wenn sie sich zusammenrotteten und sich offen wider mich empörten: ich schickte dein Bild, statt eines Heers, und sie kehrten schamrot zum Pfluge zurück!
Agnes. Und wenn Euer Vater flucht?
Albrecht. So segnet Gott!
Agnes. Und wenn er das Schwert zieht?
Albrecht. So gibt er mir das Recht, auch nach dem meinigen zu greifen!
Agnes. Und dabei sollten wir--dabei könntet Ihr glücklich sein?
Albrecht. Viel glücklicher, als wenn ich dir entsagen müßte! Das eine wär' Kampf, und zum Kampf gehört's, daß man den Ausgang nicht vorher weiß; das andere wäre Tod, Tod ohne Wunde und Ehre, feiger Erstickungstod durch eigne Hand, und den sollt' ich wählen? Nach der Kehle greifen, statt nach dem Schwert? O pfui! Da wär' ich doch gewiß der Erste und der Letzte! Mädchen, ich kenne jetzt dein Herz, her zu mir, (er drückt sie an sich) so, nun hast du alles getan, das übrige ist meine Sache! Worauf sollte Gott die Welt gebaut haben, wenn nicht auf das Gefühl, was mich zu dir zieht und dich zu mir? Die Württembergerin, die man zwischen dich und mich gestellt hatte, würde in diesem Augenblick tot umfallen, wenn sie nicht geflohen wäre! Das fühl ich! Darum zittre nicht!
Zehnte Szene
Frauenhoven und Nothhafft von Wernberg (treten ein).
Albrecht. Ist alles bereit?
Frauenhoven. Ein Priester ist gefunden, der's mit dem jungen Herzog gegen den alten wagen will!
Nothhafft von Wernberg. Aber nur unter der Bedingung, daß es so lange als möglich Geheimnis bleibt!
Albrecht. Was sagst du dazu, Agnes?
Agnes. So lange nur Gott es weiß, wird keine meiner Ahnungen in Erfüllung gehen!
Albrecht. Also! Wo und wann?
Frauenhoven. Heut abend, Schlag zehn, in der Kapelle der heiligen Maria Magdalena. Aber wir müssen alle vermummt kommen, wie zum Totendienst!
Albrecht. Gut! Und morgen nach Vohburg! Agnes, das ist ein rotes Schloß an der grünen Donau, womit meine Mutter--sie ruhe sanft und stehe fröhlich auf--mich für meine erste Schlacht belohnte! Gib acht, dort wirst du über dich selbst lachen, sooft du an diesen Morgen zurückdenkst, da gibt's mehr Lerchen, wie anderswo Spatzen, und in jedem Baum fast sitzt eine Nachtigall. Ich schenk es dir zum Leibgeding, nimm den lustigen Vogelkäfig unbesehens an, ich bitte dich, er wird dir gefallen, der Himmel schaut immer blau auf ihn herab, und wenn du dich über eine Gabe, die du noch nicht kennst, auf alle Gefahr hin dankbar bezeigen willst, so nenne mich zum ersten Mal du!
Agnes. Mein Albrecht!
Albrecht (sie in den Armen haltend). Du weinst dabei?
Agnes. Sollte es nicht nachbrennen? Euch--dir konnt' ich--Aber es schmerzte mich mehr um deinet-, als um meinetwillen, mir war, als wäre der funkelndste Stern über meinem Haupt auf einmal aus seiner Bahn gewichen, und ich hätte ihn in der Schaudergestalt, in der man sie hier unten zuweilen verlöschen sieht, zu meinen Füßen wieder getroffen! Nun ist mir dafür zumut', als hätt' ich schon jetzt mehr vom Leben, als mir gebührt!--Mein Vater!
Caspar Bernauer (tritt hervor). Sie sollen Vater und Mutter verlassen und aneinanderhangen! Mein Kind, ich muß dich segnen, du tust nach Gottes Gebot! So sei er mit dir! (Er legt ihr die Hände aufs Haupt.)
Albrecht. Auch mich!
Caspar Bernauer. Ihr fürchtet, daß Ihr sonst nicht dazu kommt! (Er legt auch ihm die Hände aufs Haupt.)
Dritter Akt
München.
Erste Szene
Das Herzogliche Kabinett. Man sieht an der einen Wand zwei Karten. Die andern Wände sind mit Bildern bayerischer Fürsten behängt.
Ernst (steht vor den Karten). Ich kann's nicht lassen, und es ärgert mich doch immer wieder von neuem. Das war Bayern einst, und das ist Bayern jetzt! Wie Vollmond und Neumond hängen sie da nebeneinander! Und wenn noch ein halbes Jahrtausend dazwischenläge! Aber wie mancher alte Mann muß noch leben, der der Zeit noch recht gut gedenkt, wo Tirol und Brandenburg und das fette Holland, und was nicht noch sonst, unser war, ja, der obendrein auch die ganze Reihe von Torheiten aufzählen kann, durch die das alles verlorenging! (Er tritt vor die Bilder.) Nein, wie ihr gewirtschaftet habt! Vierundzwanzig Stunden vorm Jüngsten Tag wär's noch zu arg gewesen! Und ihr hattet das kluge Vorbild im benachbarten Österreich so nah! Rudolph von Habsburg hätte ein Sandkorn durch geschicktes Wenden und Drehen und unablässiges Umkehren auf klebrigtem Boden zum Erdball aufgeschwemmt, ihr den Erdball zum magersten Sandkorn heruntergeteilt! (Er geht weiter.) Kaiser Ludwig, wackrer Kämpfer, der du jeden Feind bestandst, ausgenommen den letzten, heimlichen ohne Namen und Gesicht, du blickst finster auf deinen Enkel herab. Ich versteh dich, und du hast recht, das Schelten ist für die Weiber, das Bessermachen für die Männer. Nun, ich stückle und flicke ja auch schon ein Leben lang, ob ich nicht wenigstens den alten Kurfürsten-Mantel wieder zusammenbringe, und ich denke, du sollst mir die Hand geben, wenn wir uns einmal sehen. Du hättest mir gewiß die Arbeit erspart, wenn der Giftmischer sich nicht mit Wein und Brot gegen dich verschworen und dich vor der Zeit ausgetan hätte! Aber deine Söhne--Nun! Sie sind tot!
Zweite Szene
Stachus (tritt ein).
Ernst. Was gibt's?
Stachus. Der Meister aus Köln ist da, der geschickte Mann mit dem wunderlichen Namen. Er sagt, er sei bestellt.
Ernst. Er hat was bei sich! Das bring mir!
Stachus (ab).
Dritte Szene
Ernst. Der Zierat für die Totenkapelle, wo die jetzt in Staub zerfällt, die mir mit Schmerzen meinen Sohn gebar!
Vierte Szene
Stachus (bringt einen Bogen).
Ernst (nachdem er ihn betrachtet hat). Das ist mir viel zu kraus! Komm mal her! Bringst du heraus, was es bedeuten soll?
Stachus. Ach, Herr, ich bin ein gar einfältiger Mensch!
Ernst. Tut nichts, du gehörst auch mit dazu, Gräber sollen stillschweigen, oder so reden, daß auch der Geringste sie versteht! Genauso soll er's machen, wie ich's ihm angab: den Heiland, unsern allbarmherzigen Erlöser, mit ausgebreiteten Armen, die Abgeschiedene zu seinen Füßen, wie man die heilige Martha malt, aber mit verhülltem Gesicht, da doch niemand wissen kann, wie sie jetzt aussieht, und ganz unten ich und mein Sohn Albrecht, wie wir für ihre arme Seele beten! Das sag ihm, dies da kann er auf sein eignes Grab setzen, ich bedank mich dafür, ich hätt' mir aus der Kölner Bauhütte etwas andres erwartet, das ist die Reisekosten nicht wert!
Stachus (mit dem Bogen ab).
Fünfte Szene
Ernst. Die hätten schön zu deinem demütigen, frommen Sinn gepaßt, du stille Elisabeth, all diese Engel mit Flügeln und Trompeten, die blasen, als ob die Himmelskönigin zum zweiten Mal ihre Auferstehung feierte! Und ich hatt' ihm alles so deutlich angegeben! Aber, das muß immer scharwenzeln, immer, es wär' kein Wunder, wenn man's am Ende gar vergäße, daß man von der Erde genommen ist und wieder zur Erde werden soll, und es scheint doch vielen zu gefallen, sonst würden's diese Leute ja wohl nicht bei jedermann versuchen!
Sechste Szene
Der Kanzler Preising (tritt ein).
Ernst. Schon da, Preising? Gut! Wißt Ihr was? Wir wollen von heut an immer eine Stunde früher anfangen! Niemand weiß, ob er nicht Feierabend machen muß, ehe er müde ist! Wieviel hatte die Herzogin noch vor, nun liegt sie da! Was bringt Ihr?
Preising. Zuvörderst! Die Klagen über den Wucher der Juden mehren sich!
Ernst. Man soll sich so einrichten, daß man die Juden nicht braucht! Wer nicht von ihnen borgt, wird nicht arm durch sie, und ob sie funfzig vom Hundert nehmen!
Preising. Es ist der Juden selbst wegen, daß ich darauf zurückkomme. In Nürnberg schlägt man sie schon tot, wie die Hunde, und böse Beispiele stecken eher an, als gute!
Ernst. Meine Juden sollen's so treiben, daß sie das Totschlagen nicht verdienen, dann wird's wohl unterbleiben. Ich mische mich in diese Händel nicht hinein. Fragt bei meinem Bruder an, ob er will!
Preising. Das wär' wohl das erste Mal, daß Herzog Wilhelm etwas wollte, was Ew. Gnaden nicht wollen!
Ernst. Ebendarum soll man ihn nie vorbeigehen! Weiter!
Preising. In Sachen des strittigen Kurhuts hat der böhmische Hof endlich-
Ernst. Nichts davon! Das hat Kaiser Rudolph durch seinen doppelten Spruch so verwickelt, daß nur das Schwert noch helfen kann, und das Schwert können wir erst dann ziehen, wenn München, Ingolstadt und Landshut einmal wieder zusammengehen. Dazu ist bis jetzt wenig Hoffnung, denn meine teuren Vettern Ludwig und Heinrich möchten mich freilich gern umarmen, wenn sie mir nur zugleich auch den Rücken kehren könnten. Also weiter! Doch halt, halt, erst dies! Wir sind ja unverhofft zu Geld gekommen, der Württemberger muß das wieder herausgeben, was er bei Erziehung seiner Tochter an Birkenreisern erspart hat, und obendrein schwere Zinsen zahlen. Mit seinen fünfundzwanzig Tausend Gulden können wir allerlei machen!
Preising. Wenn wir sie erst haben, ja!
Ernst. Haltet Ihr den Grafen für keinen ehrlichen Mann?
Preising. Für den ehrlichsten Mann von der Welt!
Ernst. Nun denn! Ein Bettler ist er doch gewiß auch nicht! Wir könnten eine unsrer verpfändeten Städte dafür auslösen, und ich weiß schon, wo man sich am billigsten finden lassen wird, weil man unser Geld am nötigsten braucht.
Preising. Das wäre freilich ein Gewinn!
Ernst. Ja, da gäb's doch einen Fleck weniger im Lande, wo wir unsern Herzogsstab nicht wieder aufheben dürften, wenn er uns einmal aus der Hand glitte. Wir könnten dem Lech aber auch für ewige Zeiten einen Freipaß damit erkaufen, daß er uns von den Augsburgern nicht wieder auf einen Wink des Kaisers versperrt werden kann, wie Anno neunzehn bei den Bischofhändeln!
Preising. Dazu werden die Kaufherren raten!
Ernst. Und Ihr?
Preising. Gnädiger Herr, der Württemberger wird nicht aufknöpfen, ich sag's Euch!
Ernst. Nicht aufknöpfen? Ei! Ei! Hab ich nicht mein Pfand? Sind mir nicht Geiseln gestellt? Was kann er denn einwenden?
Preising. Er legt's übel aus, daß Herzog Albrecht sich gar keine Mühe gab, seine Braut wiederzubekommen, daß er in Augsburg aufs Tanzhaus ging, statt den Entführer verfolgen zu helfen!
Ernst. Was war denn an der noch wiederzubekommen? Sie war ja schon das Weib eines andern, eh' wir hier noch die Flucht erfuhren! Der Württemberger soll sich in acht nehmen! Ich besetz ihm Göppingen, eh' er's denkt, es kommt mir auf einen Ritt noch nicht an!
Preising. Ich sage Euch, und bitt Euch, nicht unwirsch zu werden, über den Sieger von Alling ist nie so viel geredet worden, wie über den Tänzer von Augsburg!
Ernst. Ich weiß, ich weiß, und es verdrießt mich genug! Preising, es ist die Strafe unsrer eignen Jugendsünden, daß wir gegen die unserer Kinder nachsichtig sein müssen. Ihr wißt, was ich auf Andechs verwende, glaubt's mir, man baut niemals Kapellen ohne Grund! Aber es ist schon dafür gesorgt, daß ein Ende wird. Erich von Braunschweig sagte schon vor zwei Jahren zu mir: es ist schade, Ernst, daß du nur den einen Sohn hast und daß der versprochen ist! Dies Wort blieb mir im Kopf hängen, und noch denselben Tag, wo ich die Flucht der Wüttembergerin erfuhr, ließ ich um die Braunschweigerin anhalten! Nun, gestern zur Nacht lief das Jawort ein!
Preising. Und Albrecht? Wird er einverstanden sein?
Ernst. Einverstanden? Wie kommt Ihr mir vor? Darnach hab ich wahrhaftig noch nicht gefragt, das, denk ich, versteht sich von selbst!
Preising. Ihr habt ihm einen Boten geschickt!
Ernst. Einen? Drei, vier hab ich ihm geschickt, mit Ermahnungen und Warnungen, dem letzten hab ich sogar einen Brief mitgegeben!
Preising. Nun, der ist wieder da, er steigt eben vom Pferd!
Ernst. Er hat lange genug gemacht!
Preising. Und ist doch nicht langsam geritten, denn er kommt nicht von Augsburg, sondern von Vohburg, der Herzog hatte die Reichsstadt verlassen, bevor er eintraf!
Ernst. So ist der Handel mit der Dirne vorbei, und ich hätte mir den dummen Brief sparen können!
Preising. Nichtsweniger, als das, er hat die Dirne mitgenommen!
Ernst. Das ist viel! Das würde ich bei Lebzeiten meines Vaters nie gewagt haben! Bringt das der Bote?
Preising. Ja--Und-
Ernst. Was noch? Warum stockt Ihr? Das kenn ich ja gar nicht an Euch!
Preising. Das Gerücht--wissen müßt Ihr's--geht sogar noch weiter, viel weiter!
Ernst. Das Gerücht hat tausend Zungen, und nur mit einer spricht es die Wahrheit; wer will die herausfinden? Aber wie weit geht's denn? Ich bin doch neugierig!
Preising. Man munkelt von einer heimlichen Heirat! Die Dirne hätt's nicht anders getan!
Ernst. Und das könnt Ihr mir mit einem ernsthaften Gesicht sagen? Preising! Bringt das auch der Bote?
Preising. Ich habe ihm augenblicklich das strengste Stillschweigen auferlegt.
Ernst. Nicht doch! Er soll reden! Aber er soll hinzufügen, daß der Dirne ganz Bayern zum Leibgeding verschrieben ist! (Er lacht.) Meint Ihr nicht? Auch der Teil, der nicht uns gehört, der solle apart für sie erobert werden! Durch mich, versteht Ihr?
Preising. Und Ihr seid gewiß, daß nichts dahintersteckt? Gar nichts?
Ernst. Preising! (Er hebt seine drei Finger in die Höhe.) Das solltet Ihr doch auch können, und ob Ihr auf dem Todbett lägt! So viel Respekt für mein Blut verlang ich! Die Sippschaft der Dirne hat's in Umlauf gesetzt, um ihre Schande zu verbrämen! Das liegt ja auf der Hand! Aber daraus folgt nicht, daß wir ruhig zusehen wollen, bis es im ganzen Reich herum ist, bewahre! Es freut mich jetzt doppelt, daß der Braunschweiger endlich gesprochen hat, nun können wir dem Kot gleich einen Platzregen nachschicken, und wir wollen uns rühren, daß er sich nicht vorher festsetzt! Also! Ihr steigt augenblicklich zu Pferd und meldet's meinem Sohn-
Preising. Wenn er's nun aber doch nicht aufnimmt, wie Ihr denkt?
Ernst. Haltet Euch doch nicht bei Unmöglichkeiten auf! Das sind ja ganz verschiedene Dinge! Er sagt ja; ob gern oder ungern, schnell oder langsam, das kümmert nicht mich und nicht Euch. Es gibt zwar eine Person, der das nicht so gleichgültig sein kann, wie uns beiden, aber auch um die ist mir nicht bange, sie wird's schon durchsetzen, wenn sie nur einmal da ist! In Braunschweig ist ja alles schön, bis auf das Hexenvolk, das sich zu Walpurgis bei Nebel und Nacht auf dem Blocksberg versammelt, und Erichs Anna soll noch mächtig hervorleuchten! Ihr kennt das schnurrige Wort ja wohl, das auf dem letzten Fürstentag über sie umging. Der Burggraf von Nürnberg, der kleine Bucklichte, der immer so twatsche Einfälle hat, sagte, als die Rede auf ihr schlichtes Wesen in Gang und Kleidertracht kam, sie sei ein Licht, das ungeputzt noch heller brenne, als geputzt, und die Jüngeren unter uns schwuren mit großem Lärm, das sei wahr, während wir Älteren lachten. Zum Teufel, die wird's doch mit der Baderin aufnehmen können?
Preising. Gut denn!
Ernst. Weiter entbietet ihn zum Turnier, nach Regensburg, denk ich! Ja, ja, nach Regensburg! Ich bin's denen schuldig! Er soll nicht länger dastehen, wie ein Knabe, dem der eine Vogel davongeflogen ist, und der keinen andern fangen kann, auch soll's die Ritterschaft gleich wissen, daß Welf und Wittelsbach sich endlich einmal wieder küssen wollen, und das will ich feierlich auf dem Turnier verkünden! Es muß so rasch, als möglich, zustande gebracht werden, mein Bruder soll die Ausschreibungen auf der Stelle erlassen, ich will gleich zu ihm, er wird's gern tun, das ist ein Geschäft für ihn! Wißt Ihr, wie's mit seinem Sohne steht? Ich sah ihn lange nicht, sie verstecken ihn vor mir, wie's scheint, als ob sie sich schämten, ich mag kaum nach ihm fragen!
Preising. Besser, wie ich höre, etwas besser, seit das alte Kräuterweib ihn pflegt!
Ernst. Das freut mich, obgleich es wohl nicht viel heißt! Denn mit diesem Knaben spielen alle Gebresten Fangball, ich hätte gar nicht gedacht, daß es so viele übel gibt, als er schon gehabt hat, es ist ein Elend! Preising, der arme Adolph wird gewiß keine tolle Streiche machen, höchstens den, daß er ins Kloster geht, und daran tut er am Ende sogar recht!
Preising. Oft werden schwache Kinder doch noch starke Männer!