Adolf Schreiber

Part 3

Chapter 33,438 wordsPublic domain

Ein Engagement in Pilsen scheint für Schreiber das entscheidende Erlebnis gebracht zu haben, das dann noch in Eger und bei einem Besuch in Wien ausschwang. Doch auch die Örtlichkeit „Bozen“ taucht in mir auf. Der verklungene Name „Ferra“ ... Ich entsinne mich mancher Andeutungen von einem stolzen Mädchen und einer glücklichen Liebe, wohl der einzigen, die er erlebt hat, -- obwohl viele Frauen ihn mit Liebe umgeben haben. Ja, es gab einigemal Frauen, die das Einzigartige dieses Mannes instinktiv begriffen und ihn in Sorgfalt, in selbstlosester, Peinigungen unzugänglicher Zärtlichkeit gehütet haben. Frauen waren in dieser Hinsicht feinfühliger als Männer, Künstler-Kollegen. Aber Hingabe, Bewunderung, Anbetung -- das war ja etwas, was Schreiber erst recht nicht vertrug. So scheuchte er Seelen fort, die er angezogen hatte. Es gab immer Unglück und Öde um ihn. Dann wieder verschmachtete er vor Sehnsucht. -- Welchen seltsamen Umständen nun es zu verdanken ist, daß gerade das Pilsener Erlebnis die richtige Balance von Stolz der Frau und ihrer Hingabe, von negativer und positiver Elektrizität besessen hat, -- das fühle ich nur noch irgendwo im Dämmern der Erinnerung, Schreiber hat es mir wohl erzählt, nachformen kann ich’s nicht. Dunkel entsinne ich mich, daß eine gefährliche Erkrankung dieses Mädchens eine große Rolle gespielt hat. Ich kann es mir etwa so denken: Aufopferung und Schutzgewährung war ja so richtig Schreibers Element, am Krankenbett winkte eine seltene Kombination, wie er sie brauchte, die Stellung des hingebungsvollen Pflegers, die zugleich eine beherrschende wie dienende ist. In dieser Stimmung mögen seine geheimsten Fähigkeiten hervorgebrochen sein, Gnade in seinem oft versiegenden Leben. So entstand die unsterbliche „Rekonvaleszentin“ und die verwandte Ballade „Maibaum“, die er „Und Pfingsten rings --“ nannte. Aber damit nicht genug. Eine Fröhlichkeit, ein üppiges Quellen der Sinnlichkeit wie nie zuvor und nachher nie wieder, besaß ihn in jener bergumhallten waldigen weichen Wiener Zeit. Ein Heft sehnsüchtiger „Walzer“ für Klavier zeugt davon. Schreiber schickte sie mir mit einem Brief voll Innigkeit für Wien, -- „unaussprechliche Sehnsucht nach Wien, nach dem Leben, nach der Liebe -- und so bitte ich Dich auch diese Walzer zu spielen, weich, zärtlich, kosend, gemüt- und gesangvoll. -- Ich fühlte immer eine alte Erinnerung in mir aufleben -- wie ich den Kopf an ihr Boa, das auf ihrer Brust lag, lehnend den zarten weichen Druck fühlte, mit dem sie meinen Kopf an ihre Brust preßte -- das ist der Inhalt!“ -- Zuerst glaubte er, Schnitzlers „Reigen“ in Musik zu setzen (mit diesen Walzern), dann aber fand er das Buch zu brutal, zu realistisch. -- Auch schuf er eine ganz neue Form: „Gstanzeln“, kurze, oft nur zweizeilige Liedchen auf volkstümliche, dialektische Texte. Er schrieb schnell nacheinander zwei solche Zyklen, die in ihrem Reichtum, rhythmisch und harmonisch originell, dabei von einleuchtender natürlicher Invention zu dem Besten gehören, was ich von ihm kenne. Daß diese Zyklen bald populär geworden wären und dabei den Beifall der Kenner erlangt hätten, scheint mir sicher. Aber Schreiber verwarf sie später vollständig, erlaubte mir niemals, daß ich mich um eine Aufführung gerade dieser aussichtsreichsten Arbeiten bemühte.

Ich kenne nicht den Namen des Mädchens, die meinem Freund so viel gewesen ist. Ich weiß nicht, wie sie auseinander geraten sind, wohin sie sich gewendet hat, wie ihr Leben in all den Jahren verlaufen ist, ich weiß gar nichts von ihr. Vielleicht hat sie ihn vergessen. Vielleicht ist sie tot. -- Sollte aber irgendwo in der weiten Welt dieses Blatt zufällig in ihre Hand kommen, so nehme sie es ehrfürchtig erschauernd wie einen Gruß des Toten, -- und meinen stillen Dank dazu für den überirdischen Lichtstrahl, der ins dunkle Herz eines bitteren Menschen gefallen ist. -- -- -- -- -- -- -- --

An den „Walzern“ Schreibers bemerkte ich zum erstenmal eine Eigentümlichkeit seines musikalischen Stils: die Akkorde scheinen manchmal unreif, nicht voll genug, oder plötzlich an Stellen, wo man es nicht erwartet, stumpf. Doch gilt es hier, im Urteil vorsichtig zu sein. Das sind nicht etwa Fehler. Sondern gerade solche scheinbare Ungeschicklichkeiten geben dem Duktus, nimmt man ihn nur einigemale durch (unerläßliche Bedingung!) und gewöhnt sich an seine Untiefen, einen wunderbaren Zauber von Unberührtheit, Naivität. -- Ich würde diese Behauptung nicht wagen, wäre Schreiber der einzige Komponist, für den solche „scheinbare Ungeschicklichkeit“ charakteristisch ist. Daß man mir ohnedies vorwerfen wird, ich sei von Freundesliebe verblendet, weiß ich. Dies hier aber würde den Vorwurf allzusehr provozieren. Ich dürfte es also nur denken und -- schwiege. Doch glücklicherweise findet sich bei Berlioz ganz ebendieselbe Eigenheit. Man höre etwa den Chant de bonheur (aus Lelio). Gleich der Übergang vom dritten zum vierten Takt zeigt genau diese leichte Härte, die ich meine. Aber wer würde solche Kristallkanten aus Berlioz wegwünschen! Gerade in ihnen ist er ja gleichsam: Berlioz zur dritten Potenz. Sie zeigen sich eigentlich überall in seinem Werk, offenbaren sich schamhaft, mit herbem jungfräulichem Reiz. -- Der Banause tritt hin und streicht sie als dilettantisch an. Ohren aus Nilpferdleder haben die Leute! -- Um noch präziser zu sagen, worauf es hier ankommt: im 47. Takt desselben Chant de bonheur, bei der Sequenz auf das Wort „viens“ erwartet man in den Sechzehntelfiguren der Begleitung kein d, sondern ein e. So steht es auch im Vorspiel und Nachspiel. Hier aber -- eigensinnigerweise -- ein kindliches schulfibelhaftes d. Man könnte es fast für einen Druckfehler halten. Und es geht ja im Moment vorbei. Aber ein Duftmolekül aus dem Paradies ist mit vorbeigefedert. Diese Duftsprühtropfen liegen überall auf den Blütenblättern Berliozscher wie Schreiberscher Musik. Das ist ja keine große Sache. Unsere Zeit ist an derbere Bekundung von Eigenarten gewöhnt. Keine große Sache, -- es ist nur das, was eben das wunderbare und geheime Wesen aller wahrhaftigen erlebnisnotwendigen Kunst ausmacht. Aber abgesehen davon ist es wirklich nicht der Rede wert.

Heute wird man einer Künstler-Eigenart erst gewahr, wenn sie sechsfach unterstrichen, wenn sie außerdem als deutliche Etikette oben aufgepappt, hundertmal wiederholt und dem starblindesten Kritikerauge sichtbar wird. Der Künstler, der nicht in zehn Büchern immer wieder denselben einleuchtenden Grundeinfall vorkaut, hat keinen Stil, sein Profil verschwimmt im Nebel der Redaktionen. Tagore: ein Inder, da habt ihr was, daran könnt ihr euch anhalten, Weisheit des Ostens, milde Weisheit des Ostens, -- aus diesem Brocken kann auch der mittelmäßigste Kopf einen Essai saugen, auf die intimere Verflechtung und Entwicklung des Autors pfeift er, Etikette genügt. Welch erschütternde „Wahrheit“ hat nicht Sternheim entdeckt: Die Welt wird immer materialistischer, Berlin voran, statt Persönlichkeitswerten gilt nur die Quantität, -- eine Erkenntnis, bei der freilich ganze Bibliotheken von Autoren aller Gattungen (Lyrik bis Nationalökonomie) vorgearbeitet haben. Aber faßlich, unkompliziert schimmert sie, dem philiströsen Anti-Bourgeois erfreulich, durch hübsche Sprachvertracktheit hindurch. Ohne eine solche Marke ist Erfolg unmöglich. Mit Marke versehen hat mißverständlicherweise sogar gute Qualität manchmal Erfolg.

Adolf Schreiber hätte sich wohl nie zur Marke entwickelt. -- Rufe ich mir seine Figur auf, -- dunkle Augen unter hoher breitwölbiger Stirn, das blasse kindlich-runde Gesicht, rettungslos traurig oder hastig, verlegen lächelnd, den wie in Sturmwinde verlorenen, eilig hingeblasenen Gang, den hohen mageren Körper, die enthusiastische Sprache, voll von Stößen und Fragen --, so erscheint er mir wie der Genius der Ehrlichkeit, ausgestoßen aus dem wohnlichen Umkreis der Menschen. Und das wird immer so sein. Nur Zufall oder die Gnade Gottes kann einmal ein Menschenkind, mit so viel Reinheit gesegnet, dem Untergang entreißen. Beten wir für die arme Seele der Menschheit! --

Es ist das Beschämende unseres Kunstlebens, daß nicht der lebenspendende Einfall, organisch entstanden und organisch weiterwachsend, der zarte Einfall, der Berge versetzt, weil er wahrhaftig aus einem übernatürlichen Erlebnis stammt, von Kritik und eiligen „Kunstgenießern“ gefühlt wird (die sogenannten „Edelfeuilletonisten“ miteingeschlossen) -- sondern beliebt ist +das möglichst banale Grundmotiv+ in +möglichst outrierter Aufmachung+. Gegen die Outrance als solche sage ich nichts. Auch sie kann (ist es bei Schönberg) göttliche Herzbewegung sein. Aber die herzlose Outrance, die Outrance, die das Allerhergebrachteste, den kalten Braten von vorgestern deckt, -- sie ist die Feindin der Kunst. Gebt mir einen richtigen Kunstverständigen! Daran will ich ihn erkennen, daß er an dem aus Wahrheit entsprungenen Einfall sich unlösbar festhakt, einerlei, ob es ein unscheinbarer, ins Gebüsch springender Mimikry-Einfall ist oder ein Einfall in krasser Plakatfarbe, plutzetoll. Auf beide Arten göttlicher Offenbarung reagiert gleicherweise der richtige Rezeptor. Und er weiß auch, daß die Physiognomie eines Wachsenden gewissen Veränderungen ausgesetzt sein muß. Aber er entlarvt a tempo den „scriptorem unius libri“, soll heißen: den Mann der Zeit, der dasselbe Buch hundertmal hintereinander schreibt, bis ihn die Kritikerzunft bei der neunzigsten Wiederholung desselben aufdringlich und auffallend herausgeputzten Fadismus endlich als „Charakter“, als „Individualität“ zu bemerken nicht umhin kann. --

Will man sich zu Schreibers Liedern historisch einstellen, so vergesse man nicht, daß alle in der gleichzeitig erscheinenden Sammlung*) veröffentlichten (außer „Tanz der Unsterblichen“ und „Das Huhn“) aus seiner Frühzeit stammen, in der von Einflüssen Schönbergs, Debussys nicht die Rede sein konnte. -- Die Einfachheit vieler Schreiberscher Konzeptionen ist aber, das wird man sofort merken, weit entfernt von irgendeiner Schablone der Spätromantik, irgendeiner Schulkunst. In jedem Takt ist eigenes Leben, oft nur durch feinnervige Abweichung vom erwarteten Akkord kenntlich, oft energisch neuer Biegung hingereckt (vgl. „Nach Catullus“ z. B. Takt 10–14, 23–25 und anderwärts). Absichtlich habe ich zwei der einfachsten Lieder („Wiegenlied“ und „Minnelied“) in diese Sammlung aufgenommen; nicht nur weil ihr Melos und ihre Harmonik unvergeßlich tönt, Erfindungen ein für allemal, wie seit jeher dagewesen und nur durch Zufall jetzt erst zu unserer Kenntnis gelangt (so ist das Gefühl, das jede große Musik erzeugt) -- sondern weil gerade im einfachsten Material der neue Einfall am prätentionslosesten, am schönsten hervortritt. Man höre nur die Töne „zieht ein Traum“, „kräht ein Hahn“, die Schlußworte des Wiegenliedes, die akkordische Unruhe in „schlafe nicht ein“, die tiefe Innigkeit „lieb von Herzen sein“, das völlig hilflos, völlig primitiv liniierte „Ich werde sterben“ und die Gesangskurve, die danach aufgeht und hinab. Oder hat man die Holzschnittfarbe der „Fastnacht“, den zweistimmig geschnitzten Ländler und entzückendes Gespräch und klassisches, formkräftiges Regengemälde je zuvor erlebt? Hier wie in dem Zyklus nach +Christian Morgenstern+ leuchtet überdies ein Humor durch, wie ihn der Mensch Adolf Schreiber kaum je zeigte. Über „Das Huhn“ ist nichts zu reden, es wird bald sehr berühmt sein und auf den ganzen Zyklus neugierig machen. Wie bei den Worten „daß ihm unsre Sympathie gehört“ gleichsam ein ganzer Männergesangverein losbricht: genial, genial! Und als ich die Ballade „Trotzköpfe“ Professor +Oskar Bie+ vorspielte, wunderte er sich, daß eine so intuitive Dramatik nicht längst in allen Konzertsälen erklungen sei. Kann man sich ein dankbareres Vortragsstück denken! (Die anderen Vorzüge will ich gar nicht besonders hervorheben, die wundervolle Variations- und Rondoform u. ä.) -- Dieselbe Dramatik in dem tieferschütternden „Maibaum“. Wie haben mich die Nonen und Dezimen seines „Sensenschnittes“ zittern lassen -- die melodische Linie, die sich zum Schlusse wiederholt -- oder die aus unnennbarer, ganz dunkler Tiefe des Erlebnisses hervorgestammelten Worte: „und wenn du mich verläßt“. -- --

*) vgl. Seite 79.

Über die drei Lieder nach +Liliencron+-Texten liegt ein Brief des Dichters vor. Ich führe ihn hier vollständig an. Er ist für Liliencron wie für Schreiber charakteristisch. Schreiber hatte sich mehrere Freiheiten erlaubt, Zeilen weggelassen, den Titel geändert. Er war in dieser Hinsicht wie in manch anderer höchst eigenwillig, Synthese von Adoration und Herrschsucht. So z. B. beharrte er darauf, zwei Zeilen in Liliencrons „Trotzköpfchen“ folgendermaßen lauten zu lassen: „Such dir ein ander Schätzchen wo, die wird durch deinen Reichtum +roh+“ ... statt „froh“, wie der Dichter geschrieben hatte. Ich stritt mit ihm öfters dieser „Emendation“ wegen und schließlich scheint er sie dem Dichter doch nicht vorzuschlagen gewagt haben. Aber im Manuskript hielt er natürlich eisern fest an ihr. -- Einmal zeigte er mir einen sehr groben Brief von Bierbaum, der kurzerhand die Veröffentlichung eines ein wenig „geänderten“ Gesangstextes verbot. Der arme Schreiber! Es wäre ja vermutlich ohnedies nicht zur Veröffentlichung gekommen. Schreiber aber war damals wochenlang tiefbetrübt. -- Der lebenstrahlende Baron hingegen antwortete wie folgt:

„Alt-Rahlstedt bei Hamburg, 11. 8. 7.

Hochgeehrter Herr Capellmeister,

Herzlichen Dank für Ihre drei herrlichen Lieder. Eben spielte Georg Kugelberg, unser großer Claviermeister, die Begleitung. Das erste wurde von den Zuhörern -- es ist die 97. Composition meines Wiegenliedes -- unendlich hoch aufgenommen. Aber ich fand „Trotzköpfe“, das soviel ich weiß noch nicht componiert ist, +außerordentlich charakteristisch+. Und habe über Ihre Musik gejubelt!

Nun aber der Maibaum. Ich halte gerade die Str., die Sie weglassen wollen, für die besten. Und namentlich denke ich mir die Zeile: „Ein Wasser schwatzt sich selig durchs Gelände“ als besonders wertvoll für den -- Componisten. Den Namen „Der Maibaum“ geb ich nicht her. Oder ich würde nur dann den Titel „Und Pfingsten rings“ erlauben, wenn Sie unten auf der Seite die breite Erklärung geben würden, weshalb Sie den Titel geändert und die vier Strophen weggelassen haben. Der gute Brahms hat zwei Gedichte von mir componiert. Das eine, bekannte, vorzüglich. Beim andern, das nichts taugt (was er übrigens selbst zugegeben hat), hat er ganz einfach den Titel geändert. Ich nenne es: Tiefe Sehnsucht. Und er hat ihm den albernen Titel: Maienkätzchen gegeben, ohne mich zu fragen -- das kann ich ihm auch nach seinem Tode niemals vergessen. Herzlichen Dank nochmals für Ihre wundervolle Musik.

Ein Wandsbecker (Baisamburg?) Lehrer am Matthias Claudius-Gymnasium wird sich erlauben, Ihnen nach etwa 8 Wochen eine kleine komische Oper oder Operette: Till Eulenspiegel vorzulegen. Er heißt Hugo Ritter.

Ihr ergebenster Detlev Baron Liliencron“.

* * * * *

Wie als Kapellmeister konnte sich Schreiber in siebenunddreißigjährigem Leben auch als Komponist nicht einmal eines Anfangserfolges rühmen. +Kurt Hiller+ wollte Lieder von ihm im „neopathetischen Kabarett“ herausbringen. Im letzten Moment sagt der Sänger ab. „Erleichtert habe ich aufgeatmet“ schreibt mir Adolf. So stand er sich selbst im Wege, zumindest mit Gedanken und selbsthasserischem Wunsch. -- +Herwarth Walden+ kümmert sich um ihn, nützt ihn aber nur auf eine Art aus, die hier zu benennen mir widerstrebt. -- Ein Lübecker Abend bleibt ohne Folgen. -- Gegen das Ende hin veranstaltete die unendlich gütige +Auguste Hauschner+ mühevoll werbend ein Konzert seiner Lieder nach Christian Morgenstern. Es war das erstemal, daß er vor erstklassige, gut eingeladene, wesentliche Öffentlichkeit kam. (Wenn durch nichts anderes sollte Adolf Schreiber dadurch berühmt werden, daß er es verstanden hat, vierzehn Jahre in Berlin zu leben, in engster Fühlung mit Künstler- und Theaterkreisen, und doch völlig unbekannt zu bleiben.) -- Selbstverständlich stand das Konzert unter einem ungünstigen Stern. Zuerst rezitierte Resi Langer, wie immer mit großem Erfolg. Die berühmte Sängerin aber (ihr Name sei verschwiegen) soll nur wenige Noten so gesungen haben, wie der Komponist in unerklärlichem Eigendünkel sie festgesetzt hatte. Im übrigen begnügte sie sich mit Improvisationen. Der Begleiter spielte den delikaten, überaus schwierigen Klavierpart -- vom Blatt. Hier erkenne ich übrigens die Unglückshand meines armen Freundes: statt seine Schmierentournee laufen zu lassen, Urlaub für acht Tage zu nehmen und den entscheidenden Abend vorzubereiten, kam er erst am Vortage nach Berlin, schickte den Mann, der die Lieder bis dahin einstudiert hatte, als untauglich weg (am Vorabend des Konzertes), zerzankte sich mit der Diva usf. -- Der Abend soll einem peinlichen Skandal nicht unähnlich geendet haben. Die Diva eilte auch schon zu ihrem zweiten Auftreten anderorts, an demselben Abend. Betrieb, Betrieb! Die Dame weiß wahrscheinlich bis heute nicht, daß auf diese Art die letzte Chance für einen großen Künstler unter ihrer freundlichen Mitwirkung verlorengegangen ist. -- Seltsamerweise äußerte sich die Kritik nicht ganz ungünstig über die gehörten Fetzen und Fragmente. „Berliner Tageblatt“ und „Börsencourier“ stellten Individualität fest. Daß nun jemand Interesse am Individuum dieser Individualität genommen und Schreiber „entdeckt“ hätte -- das kann man vermutlich auf dieser Welt nicht verlangen.

Kein Zweifel, daß die Hartnäckigkeit der Mißerfolge Schreibers Herz ermüdet hat, -- obwohl er nach außen hin diese Mißerfolge als gerechtes Los eines Nichtkönners hinzustellen eifrig bemüht war.

Doch das Wesentliche war das noch nicht. -- Ich sehe die Briefe durch, die Schreiber im Laufe der zwei Jahrzehnte mir geschickt hat ... Nebenbei bemerkt: Diese Briefe sind in ihrer herrlichen Ursprünglichkeit große Dokumente einer Menschenseele. Auch sie sollten einmal veröffentlicht werden. Aber ist das möglich? Nur ein Faksimile könnte sie wiedergeben. Denn die seltsam charakteristische +Raumverteilung+ gehört mit zu ihrem Inhalt. Alle sind gleichsam mit stürmender Hand hingeworfen, ohne Rücksicht auf Zeile und Gleichmaß; bald bedeckt ein einzelnes wichtiges Wort, ein schallender Ausruf die halbe Seite, bald stehen kleine Sätze über die Fläche hingestreut oder ein Initial, ein Endbuchstabe wächst zu gigantischer Form, bald drängen sich die Worte eng, wie vor Angst zusammen, bald simulieren sie kälteste Kalligraphie, bald fallen sie ineinandergewirrt aus jeder Regel, die vielen Gedankenstriche als einzige Gliederung, mit Rufzeichen wie mit Girlanden umsteckt. Jede solche Briefseite gibt auf den ersten Anblick die Stimmung wieder, in der sie hingehaut worden ist. -- In einem der kostbaren Schriftstücke fand ich den Satz, den ich an die Spitze dieser Erinnerungen setze. Ich zitiere hier den ganzen Brief:

„Gott sei Dank. Soeben habe ich in einem Zug

Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein (komponiert?) Gott sei Dank -- seit gestern Abend war ich in einer Aufregung u. wußte nicht was es sei -- heute schlug ich zufällig dieses Gedicht auf Ich bin aber auch schon seit Deiner Abreise so gequält u. gemartert daß man mit den Qualen ein Menschenleben erfüllen könnte

Ich liebe wahnsinnig werde auch geliebt

und trotzdem keine Ruhe keine Rast ich weiß nicht mehr was ich soll was ich tun soll das Leben zu ertragen Es ist leichter Glut zu sein als Mensch und zu glühen

Und dieser Flaubert dazu dieser Mensch der mich zum Wahnsinn bringt Dieser Heilige Antonius ist lichtes Feuer -- brennendes sengendes Feuer -- das ist ein Buch Sehnsucht nichts als Sehnsucht ich glaube kaum daß er ohne Brandwunden das Buch zu Ende geschrieben hat -- ich kann das Buch nicht in den (Händen?) halten -- der ich es nur lese

Er hat es geschrieben Wird man das je in Musik sagen können -- ? -- Mein Lied trägt nur 2 Bemerkungen Zu Anfang -- +rasend+ Die letzte Zeile +Andante+“

Heute, wenn ich alles überblicke, scheint mir der innere Motor von Schreibers Kunst und Leben: eine schwelgerische Sinnlichkeit, dabei dem Tierischen und Gemeinen abhold. Alle Nerven vibrierend von Eros, dem aber gleichzeitig Liebe stets etwas Fernes, Geistiges, unendlich Zartes bedeutet. „Von dem Rosenbusch, o Mutter, von den Rosen komm ich.“ Grazie, Homophonie. Denkt man dabei nun etwa an „Filigranarbeit“, so ist man wiederum auf falscher Spur. Denn Leidenschaft durchzuckte dieses Süße, Fein-Nervöse, niemals gab es Schonung, niemals Ausbastelung eines Schnitzwerks unter dem Glassturz; sondern Innigkeit vor allem, fern jedem Intellektualismus, das einfache Gefühl wie aus Volksliedern, brausender Strom des Lebens, selbstvergessene Hingabe durchdrang verworrenes Goldfadengespinst. -- Aber verständlich ist es, daß er, der Lebenssüchtige, sich so brüsk vom Leben absperrte (und vielleicht war auch seine Ungeschicklichkeit nur verkleidete Brüskierung der Welt). Er stellte nämlich so hohe Forderungen an das Reale, daß sie nicht honoriert werden konnten oder nur in ganz außergewöhnlicher Konstellation, -- das Leben sollte lieblich sein und doch auch heroisch-wild, rasend vor natürlichem Blutschwall und gleichzeitig kalt und tugendrein wie das forschende Lichtauge des Gelehrten. Als Mensch wie als Künstler blieb er stets auf nahezu Unmögliches angewiesen; da er dies wohl fühlen mußte, verdoppelte er seine Wut und Verachtung des Möglichen, Durchschnittlichen. Daher hat er auch sich selbst immer mißtrauisch beobachtet, gehaßt, verworfen. Um so wilder brach freilich manchmal sein Lebenswille aus, und geschah es unter glücklichem Stern, so mochte es wohl Küsse geben oder entsprangen Akkordfolgen, die selbst für dies qualvolle Leben entschädigten. -- Seine Liebesfreude, seine Regungen zu Leichtigkeit und Leichtsinn hin klingen bezaubernd aus den Liedern, schmal schwingendes Blendlicht vor Nachttapeten des Todes. --

* * * * *

Mein Freund hat in der Ehe kein Glück gefunden. Seine Gattin war stets redlich um ihn bemüht geblieben, im Sommer 1920 aber wurde die Krise unvermeidlich. Schreiber verließ seine Wohnung, jedoch nicht etwa in Unfrieden. Er gab dort noch öfters seine Lektionen, sprach freundschaftlich mit der Frau, so oft sie einander trafen. Er wohnte bei Bekannten, schließlich nahm er ein Zimmer für sich. In der Wahl seiner Geliebten, um deretwillen er von seiner Frau (nach langen inneren Kämpfen) weggegangen war, scheint er ebenso unglücklich gewesen zu sein wie in allen anderen Dingen. Diese Freundin kümmerte sich bald nicht mehr um ihn, sie ließ ihn, um den sich in besseren Zeiten so viele Frauen heiß beworben hatten, einfach untergehen, überließ ihn sich selbst und seiner totalen Unfähigkeit, die Dinge des praktischen Alltags, in Nachkriegs-Berlin doppelt schwierig, zu bewältigen. Verwahrlosung, körperliche Schwäche, schlechte Ernährung haben denn auch daran mitgewirkt, die latente Melancholie seiner Seele zur Entladung zu bringen.

Juli und Anfang August 1920 verbrachte er im schönen Kurfürstendamm-Heim seines skandinavischen Freundes, Herrn Jens Gjerlöw, dessen Gesangslehrer er war. Unter der Adresse des Herrn Gjerlöw hat er auch noch meinen letzten Brief erhalten, in dem ich ihm meinen Besuch für November ansagte. Ich stellte es mir als einen Hauptzweck dieser Berliner Reise vor, in seine immer verworreneren Angelegenheiten einige Ordnung zu bringen. -- Daß ich seinen Nachlaß würde ordnen müssen, träumte mir nicht. Und doch empfand ich seltsame Unruhe. Adolf antwortete nicht. Bis dahin war ja unsere Korrespondenz eine ziemlich regelmäßige geblieben. Eines Morgens erwachte ich mit dem festen Entschlusse: Ich muß nochmals schreiben, nachfragen. Gerade äußerte ich, daß Adolfs ganz ungewohntes Stillschweigen mich beunruhige, da hören wir (in eben demselben Moment) ein Papier in den Briefkasten fallen. Es war das Telegramm, das seinen Tod meldete ...