Adams Tagebuch, und andere Erzählungen
Part 12
An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän in seinem Logbuch:
Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem: 14 Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe eines Pennys zum Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück Schinken und ein Stück Brot, beide von der Größe eines Pennys, zum Frühstück.
Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von der Größe eines Pennys‹ sich nicht nur auf den Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch so dünn geschnitten, wie es nur mit einem ganz scharfen Messer möglich war.
1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr böig und es ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit -- nächst Gottes fürsorglichem Schutz -- uns während dieser 24 Stunden vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist über alle Begriffe wunderbar, wie jeder Bissen, der über unsere Lippen kommt, uns gesegnet ist. Ich muß täglich an das Wunder mit den Fischen und Broten denken. Henry benimmt sich prachtvoll; dies ist ein großer Trost für mich. Wie es kommt, weiß ich selbst nicht, aber ich hege große Zuversicht und hoffe, daß unsere Trauerzeit bald enden wird, obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur kreuzen und sehr bald weit davon weg sein werden. Unsere Haupthoffnungen setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein Kriegsschiff, oder auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf die wir steuern, sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner Karte soll es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden Stelle wirklich vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien!
Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche später segelten sie über die Inseln weg!
Aus dem Logbuch des Kapitäns:
2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn Rationen Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot. _Aber die Sonne scheint und Gott ist barmherzig._
Aus Samuel Fergusons Tagebuch:
Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich fürchterlich. Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen nach dem vorderen Ende des Bootes und war überrascht, wie außerordentlich schwach ich war, besonders in den Knieen und überhaupt in den Beinen. Die Sonne hat wieder geschienen, ich habe einige von meinen Sachen trocknen können und hoffe auf eine bessere Nacht.
4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig geht, müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen Inseln‹ sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur noch die Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen Schiff zu begegnen, aber dies müßte in den allernächsten Tagen sein, denn länger als 5 oder 6 Tage _können_ wir mit unseren Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren Kräften geht es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt als ich heute bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert sind; sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme waren. Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, ich bin gewiß, Er wird’s machen, wie es für uns am besten ist. Daß wir 32 Tage in einem offenen Boot am Leben geblieben sind, mit Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage reichten und von denen wir noch dazu zweimal einen Teil abgegeben haben -- das ist mehr, als _menschliche_ Klugheit und Kraft ohne Beistand vollbringen könnte.
Aus des Kapitäns Logbuch:
4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt.
Aus Henry Fergusons Tagebuch:
Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; wir hören lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte uns vor einem Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben müssen, so nehme Er uns zu sich und mache uns den bitteren Tod nicht noch bitterer.
Aus Samuels Tagebuch:
Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind unser Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und müssen ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, weil es notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von den Leuten vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit herrscht und drohende Klagen über ungerechte Verteilung des Essens laut werden -- lauter unvernünftiges Zeug; es gilt indessen auf der Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach, suche mich aber, so gut ich kann, aufrecht zu erhalten ... Von heute an giebt’s nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; dazu um 8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 5 oder 6 Uhr abends je einen kleinen Schluck Wasser.
Aus des Kapitäns Logbuch:
Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein Becher Wasser für jeden.
Jetzt sind sie also herunter auf _eine_ Mahlzeit täglich -- und was für eine ›Mahlzeit‹! -- und dabei noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer furchtbarer wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher Meuterei verschont blieben, so wurde doch die Haltung der Leute sehr bedrohlich. Und welch wunderbare Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt wurde, war mehrere Tage in des Obersteuermanns Boot gewesen; er war bereits gänzlich ihrem Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und in das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre er nicht zurückgekommen, so wären wohl der Kapitän und die beiden jungen Passagiere von den Matrosen totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge ihrer Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel steckte Henry seinem Bruder Samuel zu:
Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän und uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der Kapitän sei an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht, das Schiff zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu bringen; er habe den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie bereits hatten, in die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung des Essens parteilich vor, indem er uns begünstige. X. fragte Cox neulich, ob er lieber hungern oder Menschenfleisch essen wolle. Cox antwortete, er würde hungern, worauf der andere versetzte, das wäre ja einfach Selbstmord. Wenn wir die Amerikanischen Inseln nicht finden, thun wir gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X. ist der lauteste von allen.
Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf B. verlassen; außerdem auf Cox, nicht wahr?
Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox richtig verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig. Es wäre gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen aufpaßtest, damit sie uns nicht gestohlen werden.
Aus Henrys Tagebuch:
6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten etwas, das wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine Vögel! Wir fangen an zu befürchten, daß die Inseln nicht da sind. Heute wurde dem Kapitän ganz laut vor allen Leuten gesagt, einige von den Matrosen würden unbedenklich Menschenfleisch essen, falls einer von uns sterben sollte, doch würden sie niemanden totschlagen. Entsetzlich! Gott erhalte uns allen unsere Vernunft und erspare uns solche Greuel. »Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg und Mord und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!«
Aus Samuels Tagebuch:
6. Juni. 16° 30´ n. Br. 134° w. L. (nach dem Chronometer). Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das Segel nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang ein Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern. Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er kam auch bis zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe ohnmächtig, wieder herunter kommen, ehe er fertig war. Dann ging Joe hinauf; beim zweiten Versuch konnte er die Taue vorläufig festmachen und die Blockrolle mit nach unten bringen; aber es war eine sehr anstrengende Arbeit und er war nachher den ganzen Tag erschöpft. Wir müssen aber unbedingt das Segel in gute Ordnung bringen, ehe wir alle unsere Kräfte verlieren.
Aus des Kapitäns Logbuch:
Nur noch drei Mahlzeiten übrig.
Aus Samuels Tagebuch:
7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute haben wir die volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln nicht vorhanden sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht mehr nach ihnen auszuschauen; wir werden von heute abend an ein bißchen mehr nördlich halten auf die Sandwichinseln zu. Die Passatwinde sind uns günstig. Sollten wir weiter westlich sein, als es nach unserem Chronometer der Fall ist, so wäre dies natürlich zu unserem Vorteil; ich kann mir eigentlich nicht denken, daß der Zeitmesser richtig geht, denn was für Stöße hat bei dem Seegang, den wir hatten, das zartgebaute Instrument aushalten müssen!
8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich gequält und ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde ich mich ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen. Gestern brachte der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder in Ordnung und Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf und brachte glücklich die Taue an ihren Platz, so daß das Segel jetzt schnell und bequem zu handhaben ist. Bei dem Seegang, den wir haben, ist es überhaupt nicht leicht bis zur Mastspitze hinaufzuklettern, nun nehme man dazu, wie schwach mein Bruder jetzt ist! Wir konnten Harry nur durch einen Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben wir gute Fahrt gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges Essen bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse ›Suppe mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen aufgespart. Henry hält sich immer noch großartig; er ist der allgemeine Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe!
Aus des Kapitäns Logbuch:
Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung.
Samuels Tagebuch:
9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann ich wohl sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. Wir haben bloß noch das untere Ende von einem Schinkenknochen, woran noch ein bißchen von der äußeren Rinde und Haut ist. Der Wasservorrat indessen reicht, wie ich glaube, bei der jetzigen Einteilung noch für zehn Tage. Damit und mit der Nahrung, die unsere Stiefelschäfte und andere kaubare Gegenstände uns liefern werden, hoffen wir es noch auszuhalten, bis wir die Sandwichinseln erreichen oder bis ein Schiff uns aufnimmt. Ich setze meine Hoffnung auf den letzteren Fall, denn nach menschlicher Berechnung werde ich den anderen nicht erleben. Doch wir sind bisher in so wunderbarer Weise beschirmt worden und Gott wird uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die Leute werden schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich.
Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; und heute ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis jetzt den Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. Sogar Henry, der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann ab und zu die Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich dagegen vermag das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an meinem kranken Hals.
Jetzt ist also _nichts_ mehr übrig, was man mit dem besten Willen ›Nahrung‹ nennen kann. Und doch müssen sie sich noch über 5 Tage hinweghelfen, denn von der Mittagsstunde an haben sie noch 800 Meilen vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen auf Leben und Tod. Ich gebe von jetzt an ohne unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders Tagebuch. Henry Ferguson schreibt:
Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute einen Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen noch den Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals auf der Welt so einen köstlichen Knabberknochen, der so mit Wonne genossen wurde. Es kommt mir vor als ob ich mich nicht schlechter befinde als am vorigen Sonntag, trotz der Einschränkung im Essen; ich glaube bestimmt, daß wir alle die Kraft haben, die Leiden und Strapazen der nächsten Woche noch auszuhalten. Unserer Schätzung nach sind wir keine 700 Meilen mehr von den Sandwichinseln und da unsere Tagesleistung durchschnittlich etwa 100 Meilen beträgt, so sind unsere Hoffnungen nicht unvernünftig. Gebe der Himmel, daß wir alle Land sehen!
11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an unserem Schinkenbein saß und haben für morgen noch die Speckschwarte. Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse uns nicht Hungers sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit getrieben werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. So wie ich mich jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts mich dazu bringen könnte; aber man kann nicht sagen, was man thun wird, wenn man halbtot vor Hunger und seines Verstandes nicht mehr mächtig ist. Ich hoffe und bete, wir mögen die Inseln erreichen, ehe wir in solche Not kommen; aber wir haben einen oder zwei verzweifelte Gesellen an Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz ruhig verhalten. _Es ist mein fester Glaube und meine innige Zuversicht, daß wir werden gerettet werden._[4]
[4] An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem Logbuch nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.« Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen Matrosen sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe hinten beim Steuer _eine Million Dollars in Gold_ versteckt; sie waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere zu ermorden und sich des Geldes zu bemächtigen.
M. T.
12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin -- gerade auf die Inseln los. Gute Hoffnung -- aber die Aussicht auf die nächsten Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. Der Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt.
13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen sind jetzt alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, nachdem wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben.
14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; aber wir sind entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich knapp. Gott gebe, daß wir bald Land sehen. _Nichts zu essen_ -- fühle mich aber besser als gestern. Sahen gegen Abend einen prachtvollen Regenbogen -- den ersten seit Antritt unserer Reise. Der Kapitän sagte: »Lustig, Jungen! Das ist ein Wahrzeichen -- _es ist der Bogen der Verheißung_!«
15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche Gnade: =Land in Sicht!= Wir kamen schnell näher und waren bald der Thatsache _gewiß_! ... Zwei prächtige Kanaken kamen zu uns herausgeschwommen und brachten das Boot an Land. Wir wurden voller Freuden von zwei Weißen aufgenommen: Mr. Jones und seinem Hausdiener Charley; dazu kam ein ganzer Schwarm von Eingeborenen, Männer, Weiber und Kinder. Sie nahmen uns prächtig auf -- halfen uns, trugen uns das Ufer hinauf und brachten uns Wasser, Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber die Weißen paßten auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren über die Maßen froh uns zu sehen und drückten mit Mienen, Gebärden und Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach dem Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen hier. Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden von uns einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann eine Tasse heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben alle erdenkliche Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch eine Tasse Thee und wieder etwas Brot. Dann ließen sie uns allein, damit wir schlafen sollten ... _Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens!_ ... Gott in Seiner Gnade hat unser Gebet erhört ... Alle Menschen sind so freundlich. Finde keine Worte dafür.
16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und wir hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten wir nicht -- dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem Boot befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor.
Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt nichts Aehnliches, was es im Möglichmachen von Unmöglichkeiten übertrifft. In _einer_ außerordentlichen Einzelheit -- daß nämlich _alle_ Insassen des Bootes am Leben bleiben -- steht es wahrscheinlich unter den Abenteuern dieser Art einzig da. Gewöhnlich hält nur ein Teil der Bootsbesatzung es aus -- hauptsächlich Offiziere und andere gebildete Leute, die an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht gewöhnt sind; die derben Faustarbeiter unterliegen. Aber in diesem Fall überstanden auch die rauhen und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie die beiden jungen Studenten und der Kapitän. Das heißt: körperlich! Geistig brachen die meisten Matrosen in der vierten Woche zusammen. Immerhin war die von ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer erstaunlich. Natürlich war das nicht das Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns zuzuschreiben. Ohne ihn wären sie gewesen wie Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen einer Woche ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht einmal so lange ausgehalten wie die Lebensmittel.
Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! Als es der Küste nahe kam, wurde das Segel heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän, daß sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und es wurde ein Versuch gemacht, das Segel wieder hochzuziehen. Aber es ging nicht; die Kräfte waren völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal mehr ein Ruder halten. Sie waren hilflos und dem Tode verfallen. In diesem Augenblick wurden sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, kaum bemerkbare Lücke im Riff lotsten -- die einzige Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen!
Binnen zehn Tagen nach der Landung waren alle bis auf einen wieder auf den Beinen und konnten herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der ›Nahrung‹ der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens einige von ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen von alten Stiefeln und mit Spähnen von der Buttertonne beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte Weise wieder los! Der Kapitän und die beiden Passagiere hatten kein Leder und keine Spähne gegessen, wie die Matrosen, sondern sie _schabten_ die Stiefel und das Butterholz und machten mit Wasser einen Brei davon. Der Dritte Steuermann erzählte mir, die Stiefel wären alt und voll von Löchern gewesen; und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von Verdauung sprach, so will ich einen bemerkenswerten Umstand anführen: während dieser seltsamen Reise und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, setzten bei einigen von den Leuten die Gedärme völlig ihre Arbeit aus, und zwar zwanzig bis dreißig Tage, in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang! Auch der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den Leuten nichts. Viele Tage lang -- ich glaube, einundzwanzig hintereinander -- schlief der Kapitän überhaupt nicht.
Nach der Landung gelang es, alle Geretteten davon abzuhalten, daß sie sich überaßen -- ausgenommen den Portugiesen. Der entkam dem Wärter und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig, sagte der Dritte Steuermann, wären’s gewesen; aber dies war unzweifelhaft eine Uebertreibung -- ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig. Er war schon beinahe ganz voll von Leder; es hing ihm zu den Ohren heraus. (Dies berichte ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten Steuermanns, sondern ich übernehme selbst die Verantwortung dafür.) Der Portugiese hätte natürlich daran krepieren sollen und es thut einem sogar jetzt noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte sich und zwar so schnell wie alle andern -- trotz allem Leder und Butterholz und Taschentüchern und Bananen, die er in sich hatte. Einige von den Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher, auch Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er.
Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß sie den Kikerikihahn nicht schlachteten, der jeden Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang; dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und machte einen tapferen aber schwachen Versuch, noch einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb er. Ein interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen -- der einzige, den man in den 43 Tagen sah; er erhob sich wie ein Triumphthor in die Lüfte, unter welchem die standhaften Streiter als Sieger in den Hafen der Rettung segelten!
Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte Kapitän Josiah Mitchell diese denkwürdige Reise von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen Boot -- eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie wirklich zurücklegten, und 3360 Meilen in der Luftlinie -- und brachte jeden Mann gesund an Land. Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer Mann und lieber Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage lang mit ihm auf Deck -- (wenn ich nicht in der Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) -- und ich erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch lebt, ist er jetzt 86 Jahre alt.
Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, bald nach unserer Ankunft in San Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch sein Elternhaus erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen sehr verschlimmert worden.
Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von den beiden kleinen Booten etwas vernehmen würde -- aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie gingen ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord waren, auch der ritterliche Obersteuermann.
Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir, sie genau so, wie sie niedergeschrieben waren, abzuschreiben und die Auszüge, die ich daraus gegeben habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert. Die beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch sind durch keine Kunst besser zu machen: sie sind litterarisches Gold.
Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht angesehen, aber ich finde sie haben in diesem Zeitraum nichts verloren. Verloren? Gewonnen haben sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung an Interesse gewinnt. Wir werden uns dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend vor der armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging. Sie liegt da, das Kind, das sie zu retten versuchte, an ihren Busen gedrückt und ihr verzweiflungsvoller Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den Tod brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die glühende Lava nahm ihr das Leben, aber sie überlieferte ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der Ewigkeit. Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt tagelang unsere Gedanken -- warum? Das wissen wir nicht, denn sie ist nichts für uns, sie ist 1800 Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen. Würde uns dagegen heutigen Tages ein solcher Fall vorkommen, so würden wir sagen: »Die arme Frau! Was für ein Jammer!« -- und hätten sie in einer Stunde vergessen.
Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹.
Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse zu erzählen. Wie mir scheint, gehören sie unter die Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber ich vor Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.[5]
[5] Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen Schriften‹.