Adams Tagebuch, und andere Erzählungen
Part 11
Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten, ein Exemplar von ›Bowditch’s Navigator‹ und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote hatten Chronometer. Die Gesamtzahl der Leute betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt folgendes Ergebnis: 4 Schinken, beinahe 30 Pfund gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe Kiste Rosinen, 100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern, Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein Fäßchen mit 4 Pfund Butter, 12 Gallonen[1] Wasser in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4 Korbflaschen von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen, Zündhölzer und etwa 100 Pfund Tabak. Keine Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze Gesellschaft sofort auf knappe Rationen gesetzt werden.
[1] 1 Gallone = ungefähr 4½ ~l~.
Der Kapitän und die beiden Passagiere führten Tagebücher. Auf unserer Ueberfahrt nach San Francisco gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean in eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht einen Klafter vorwärts; dies setzte mich instand, eine Abschrift von den Tagebüchern zu machen. Das von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste; ich will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende Eintragung gemacht wurde, hatte das dem Untergang geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen den Hafen verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit den üblichen Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige Zeit zu vertreiben; an ein Unglück dachte kein Mensch.
2. Mai. 1° 28´ n. Br. 111° 38´ w. L. Wieder ein heißer trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen die Wolken Wind und es kam wirklich eine leichte Brise -- gerade genug, um uns in Fahrt zu halten. Zu erwähnen ist heute nichts, als daß sich große Mengen Fische um unser Schiff zeigen; am Vormittag wurden 9 Boniten gefangen und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach dem Essen bekam der Obersteuermann einen großen Burschen an die Angel; er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem Kapitän zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit einem Ruck den Fisch heraus -- aber, schnapp! weg war Leine und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter unserm Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der 9 oder 10 Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm mit allen möglichen Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch nach; aber er hatte keine Lust anzubeißen. Ich vermute er hatte mit den über Bord geworfenen Köpfen und anderen Ueberresten der Boniten seinen Appetit gestillt.
Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die Katastrophe. Die drei Boote stießen ab, ruderten ein kleines Stück hinweg und hielten dann. Die beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; einige von den Leuten mußten fortwährend das Wasser ausschöpfen, andere verstopften die Löcher, so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere und elf Mann waren im Langboot; sie hatten einen Teil der Lebensmittel und des Wassers und es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur 21 Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann und 8 Mann waren in dem einen von den kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern bloß die Mäntel gerettet, dazu die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen. Das Schiff in seinem Flammenmantel und mit der gewaltigen Säule von schwarzem Qualm, die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit des Weltmeers einen großartig malerischen Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. Inzwischen berechnete der Kapitän die ungeheure Entfernung, die zwischen ihm und dem nächsten erreichbaren Land lag und setzte dann die Rationen fest, die ihnen in ihrer Not zur Verfügung standen: einen halben Zwieback zum Frühstück, einen Zwieback und ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen Zwieback als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein paar Schluck Wasser. Und so begann der Hunger bereits zu nagen, während das Schiff noch brannte.
4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und wir hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen bis heute Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, alle zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln 18° oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir hoffen in der Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu werden. Das Schiff sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir finden die Sonne sehr heiß, sie versengt uns die Haut; aber wir alle wollen nach Kräften versuchen, unser Leben zu retten.
Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie warteten noch etliche Stunden auf das Schiff, das möglicherweise den Feuerschein gesehen hatte und natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende See herankommen konnte. Endlich gaben sie diese Hoffnung auf und setzten ihren Plan fest. Ein Blick auf die Karte wird dem Leser zeigen, daß ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel (von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich beinahe 1000 Meilen entfernt; das im Tagebuch ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹ bezeichnete Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der Schätzung der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr unsicher bestimmten Richtung ungefähr 1000 Meilen nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich; Acapulco, an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich, nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird sagen: »Felseninseln, die einsam im Weltmeer liegen, können ihnen nichts nützen; mögen sie doch auf Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht allerdings aus, als ob dies der natürliche Kurs sei, aber wenn man die Tagebücher liest, so errät man sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen wäre -- in der That, der reine Selbstmord! Hätten die Boote auf Albemarle zugehalten, so wären sie den ganzen Weg über in den Doldrums[2] gewesen; und das hätte sicheren Untergang in den Fluten bedeutet, denn die Winde sind dort völlig verrückt, blasen aus allen Richtungen der Windrose gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten die Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären sie auf halbem Wege aus den Doldrums herausgekommen -- vorausgesetzt, sie hätten diesen Punkt erreicht -- und wären dann in kläglicher Lage gewesen, denn dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde gerade in die Zähne geweht, und die Boote waren so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht binnen 8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten also sehr vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen Abweichung nach Westen. Ihre Lebensmittel reichten bei knapper Einteilung nur für zehn Tage; das Langboot hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie konnten nicht mit Sicherheit darauf rechnen, in den Doldrums ein nennenswertes Stück vorwärts zu kommen -- und sie hatten noch vier- bis fünfhundert Meilen in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums sind der wirkliche Aequator, ein tausend oder zwölfhundert Meilen breiter wogender, brüllender, regengepeitschter Belt, der den Erdball umgürtet.
[2] Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans nahe dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache, unstätige Winde vorkommen.
Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und alle wurden durchnäßt, aber sie füllten dadurch ihr Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck beim Kapitän, der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt voll; kein einziger bekam viel Schlaf.
Der nächste Morgen war stürmisch, böig und regnerisch. Schwerer und gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. Man wundert sich, wie solche Boote ihn überstehen konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, wenn ein Mann mit einem Hund in einem Nachen von der Größe eines Langboots den Atlantischen Ocean durchquert -- und es ist auch wirklich eins. Aber _dieses_ Langboot war überladen mit Menschen und Sachen und nur drei Fuß tief.
Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; wir freuten uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag ist und daß unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel senden, obwohl sie von unserer Gefahr nichts wissen.
Der Kapitän gönnte sich während der ersten drei Tage und Nächte nicht einmal ein Nickerchen, aber in der vierten Nacht nahm er ein paar Augen voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den Kurs und steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung die Felseninsel Clipperton zu erreichen. Verfehlte er sie, so machte das nichts aus; er würde es dann näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche Ziel bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, daß er den Felsen nicht fand.
Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, glühend sengte die Sonne; sie griffen zu den Riemen. Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie konnten keinen einzigen fangen.
Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der furchtbaren Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden ... Ein Schiff braucht oftmals eine volle Woche, um durch die Doldrums zu kommen -- wie lange also erst eine Nußschale wie die unsrige? ... Wir sitzen so gedrängt, daß wir uns nicht ausstrecken können, um ’mal einen guten Schlaf zu thun.
Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich mit der Zeit immer beschwerlicher, aber es liegt in der menschlichen Natur, solche Unannehmlichkeiten nur im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual dauerte noch fünf Wochen -- dessen müssen wir uns erinnern, da der Tagebuchschreiber nichts davon sagt; unsere Betten werden uns dadurch um so weicher vorkommen.
Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere Lage als mir lieb ist ... Wir fingen zwei Delphine, sie schmeckten gut ... Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht in Ordnung, aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern trat hervor -- ein willkommener Anblick! -- und bestätigte die Angabe des Kompasses.
10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir haben also in den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, ungefähr 300 Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben wir den ganzen Tag in Kalmen. Dabei werden wir von der Hitze gebraten. Wie der Kapitän sagt: alles Romantische ist längst entschwunden; wir kommen nur sehr langsam vorwärts; vom hintersten Boot kommen schlimme Nachrichten; die Leute sind unverständig, sie haben all ihr Büchsenfleisch, das vom Schiff mitgenommen wurde, aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. Nicht so die Leute des Obersteuermanns; diese stehen offenbar unter den Augen eines _Mannes_.
11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir verloren in der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern gemacht hatten -- wir sind drei volle Meilen von den mühsam zurückgelegten 300 wieder zurückgekommen.
Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot gerettet wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, wenn der Tag anbricht; das heitert uns wirklich auf ... Wovon hat er die ganze Woche über gelebt? Haben die hungernden Männer ihn von ihren armseligen Bissen noch mitgefüttert? ... Des Zweiten Steuermanns Boot hat wieder kein Wasser mehr -- ein Zeichen, daß sie mehr trinken, als sie dürfen. Der Kapitän sprach ziemlich scharf zu ihnen.
Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach Schiffen aus. Der Kapitän war ein bedächtiger Mann und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte ohne Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung war.
In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen ... Ich hatte drei Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat in Sicherheit gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen gute Dienste. Der Kapitän giebt jedem Mann von der Wache zwei Eßlöffel voll, halb Branntwein, halb Wasser ... Die Leute halten regelmäßig Wache -- vier Stunden Dienst, vier Stunden Ruhe ... Der Obersteuermann ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich bot ihm eine Flasche Branntwein an, aber er lehnte sie ab; er sagte, er könnte auch im hintersten Boot Ruhe halten und wir hätten nicht genug für alle.
13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! uns alle auf die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne eines Schiffes sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung standen wir, die Hand über den Augen haltend, und das Herz stak uns in der Kehle. Dann brach die Hoffnung zusammen: das Licht war ein aufgehender Stern. Ich dachte heute oft an unsere Leute daheim; wie enttäuscht werden sie nächsten Sonntag sein, wenn sie kein Telegramm von uns aus San Francisco bekommen.
Es sollte noch manche Woche dauern bis dies Telegramm ankam; aber dann kam es wie ein Blitz aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes Wunderzeichen -- ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet Ferguson, daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback für jede Mahlzeit heruntergesetzt ist; dazu haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter Wasser. Und noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie dies nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹.
Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen Freudentaumel von Hoffnung: es kommt ein Landvogel! Er ruht sich eine Weile auf der Raa aus und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen und können ihn beneiden und ihm für die Botschaft danken. Als neuer Gesprächsstoff ist dieser Vogel unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die Zungen, die bis zu tödlicher Ermüdung immer und immer wieder dieselbe Frage besprechen: »Werden wir jemals wieder Land sehen -- und wann?« Ist der Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und sie glauben von Herzen gern, was sie wünschen. Wie sich später herausstellte, war der Vogel kein Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt.
Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem Logbuch: »Nur noch ein halber Scheffel Zwieback übrig!« -- Und sie haben noch einen Monat über die See zu wandern!
Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; ein unbehaglicher Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch jagte einen Boniten; das arme Ding suchte Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der große Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot herum, zum nicht geringen Schrecken aller Insassen. Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen, denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; aber niemand wagte natürlich die Bestie anzurühren, denn sie hätte ja sofort das Boot in Grund gebohrt, wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung behütete den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. Das war recht und billig. Dann kam die Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe: sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und billig. Aber dabei kam der Schwertfisch zu kurz. Er machte sich davon; wahrscheinlich dachte er über diese knifflichen Fragen nach.
Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem Anschein nach wohlauf; der schwächste von den Kranken, der so lange Zeit an Bord keinen Dienst hatte thun können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der vom Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der die ›ganze Familie von Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹
Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen Boote herankommen und erklärte, eins von ihnen müsse auf eigene Hand weiterfahren; das Langboot könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite Steuermann weigerte sich, aber der Obersteuermann war bereit; er war überhaupt stets bereit, wenn eine _Männerarbeit_ zu thun war. Er übernahm das hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich bereit darin zu bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft kamen mit ihm; im ganzen waren also acht, den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im Boot. Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang den anderen außer Sicht. Dem Tagebuchschreiber that es leid, daß er ging; das war natürlich: sie hätten besser den Portugiesen missen können.
Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung gegen diesen Portugiesen wieder auf. Seit langer Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er aussieht -- aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig wie nur je.
Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus den Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und zu einen Regenschauer mit einem Passatwind.
Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. Sie müßten jetzt völlig aus den Doldrums heraus sein -- aber sie sind noch drin. Keine Brise; die langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht kommen. Sie schauen immer noch sehnsüchtig nach einem Segel aus, aber sie haben nur ›Visionen von Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am Nachmittag fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, einen Vogel, der hauptsächlich aus Federn besteht; ›aber da sie kein anderes Fleisch haben, so ist es willkommen‹.
Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. Der Zweite Steuermann fängt noch drei Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum ›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes Fleisch, das unter die Leute verteilt wird und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein Mann muß fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das Boot beim Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. Der nächste Tag war ein recht ereignisvoller.
22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so daß wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt werden mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der Frühe. Nachdem wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster Aufregung auf das Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, daß wir das Boot des Obersteuermanns vor uns hatten. Natürlich freuten wir uns, sie zu sehen und zu vernehmen, daß alle gesund waren; aber es war doch für uns alle eine bittere Enttäuschung! Jetzt, wo wir unter den Passatwinden sind, können wir, wie es scheint, unmöglich so scharf nördlich halten, um die Inseln zu erreichen. Wir haben beschlossen, unser Bestes zu thun, um den von Schiffen befahrenen Strich der See zu erreichen. Infolgedessen wurde es notwendig, auch das andere Boot seinem Schicksal zu überlassen. So geschah es denn auch, aber erst nach recht unerquicklichen Auseinandersetzungen und nachdem wir noch einmal Wasser und Lebensmittel geteilt und den Matrosen Cox aus ihrem Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind wir jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr Boot treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied.
Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten, von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden Tag schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. Wenn wir nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, so weiß ich nicht, wie wir so weit hätten kommen können. Vorgestern erbot ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu lesen und that das gestern abend zum erstenmal. Die Leute, obwohl verschiedenen Nationen und Glaubensbekenntnissen angehörend, sind sehr aufmerksam und nehmen die Hüte ab. Möge Gott meinen schwachen Bemühungen Erfolg verleihen!
24. Mai. 14° 18´ n. Br. Zum Mittagessen auf den Mann fünf Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher Wasser und ein Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars. Wir werden sichtlich immer schwächer -- habe Gott Gnade mit uns allen!
26. Mai. 15° 50´ n. Br. Wir haben einen fliegenden Fisch und einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen! Die Leute werden immer schwächer und, wie mir vorkommt, mutlos; sie sagen jedoch sehr wenig.
Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren und undenkbaren Schrecknissen noch das Schweigen hinzu -- das stumme Vorsichhinbrüten, das einem Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft, ›die anderen Boote sind nach Westen verschlagen und aufgefischt worden.‹ (Man sollte von ihnen auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!)
Sonntag, den 27. Mai. 16° 0´ 5´´ n. Br.; 117° 22´ w. L. nach dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als wir das Schiff verließen, reichten nach unserer Berechnung unsere Vorräte etwa für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei strenger Einteilung noch für eine weitere Woche damit auszukommen.[3] Vorige Nacht fiel wieder ein fliegender Fisch ins Boot, und heute auch einer -- beide waren nur klein. Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein großer Fang für uns, und ein recht großer giebt ein kleines Mittagessen für uns fünfzehn ab -- d. h. natürlich was wir in unserm Langboot ein Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen den ganzen Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für meine Kräfte; bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht scharf aufpassen; ich ließ daher die zweite Hälfte für heute abend übrig. Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören wird, die heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß Er sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not Hilfe und Beistand sendet.
[3] Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T.
Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals ein paar Löcher enger zugezogen: die Brotportion wurde von der bisherigen Menge -- ein Stückchen Zwieback jedesmal von der Größe eines Silberdollars -- auf die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei Mahlzeiten wurde eine ausgelassen. Des Kapitäns Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine halbe Gallone Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser.
Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der hoffnungsvolle Ton. Das ist bemerkenswert! Das Boot ist jetzt, unter 16° 44´ n. Br. und 119° 20´ w. L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln; diese zu erreichen, davon kann bei der mangelhaften Segeltüchtigkeit des Bootes nicht die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau aus Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare Land ist die ›Amerikanische Inselgruppe‹, die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem ist keine Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht einmal eine Entmutigung zu bemerken. Und dabei heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben wir noch: eine Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse Suppe; den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel Gallonen Brotschnitzel.«
Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem Hut voll Lebensmitteln! Und zum Glück wissen sie nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200 noch zurückzulegen haben.
Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage ist ein Unglück zu verzeichnen: Gestern waren noch drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute morgen wird der kleine Sack offen gefunden und _es fehlen ein paar Stücke Zwieback_!
Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen Handlung im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine Frage, daß dieses schwere Verbrechen begangen worden ist. In zwei Tagen wird es mit den übrigen Brocken sicherlich zu Ende sein. Gott gebe uns die Kraft, die amerikanische Gruppe noch zu erreichen.
Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu erzählte, erinnerten die Matrosen sich in jenen Tagen voll bitteren Aergers, daß der Portugiese 22 Rationen gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck lag; nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur, wenn es zu Kannibalismus käme, so solle er zuerst für die anderen leiden. Samuel Ferguson bemerkt vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich sehr freundlich gegen uns benommen -- beinahe wie ein Vater. Er erzählte: wenn ihm das Kommando des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so hätte er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.« Man schaudert, wenn man daran denkt, mit wie knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch entgingen!