Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 10
Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die kleinpfotige Katze, welche von Einigen für die Stammutter unsrer Hauskatze gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_ (_Felis Leopardus_) und den _Löwen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den tieferen Gegenden, in der Kola, den nördlichen Grenzländern, der Samhara. Der Löwe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu gemein und oft genug hört man des Nachts die Stimme des Königs der Thiere erschallen. Doch fürchtet man ihn verhältnißmäßig wenig, denn sein Jagdgebiet ist so reich, daß ihn nur selten der Hunger treibt, sich am Menschen zu vergreifen. Es kommt häufig vor, daß junge, noch säugende Löwen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen und verschenken diese die allmälig kostspielig werdenden Thiere bald an reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die berühmten Löwen des Königs Theodoros. Das Fell eines erlegten Löwen gehört dem Könige, der tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der seinen Schild ziert. Weit häufiger und auch gefährlicher als der Löwe ist der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man nächst der Hyäne und dem Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, überall ist dieser freche Raubmörder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in die Hütten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner Beute in das Dickicht zurück. Von der Antilope bis zur Maus bewältigt er alle Säugethiere. Brehm erzählt, daß im Dorfe Mensa ein einziger Leopard während eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefähr 20 Ziegen und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Hühner kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen so verhaßte Raubthier ebenso wenig wie den Löwen; bei Weitem die meisten Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen gewöhnlich durch Lanzenstiche getödtet. Diese Fallen sind ganz nach dem Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem Pfahlgitterwerk mit Fallthür; ein lebendiges Thier, ein Stück Fleisch sind der Köder, mit dem der Leopard angelockt wird; häufig bringt man auch eine lebende, kläglich meckernde Ziege in die Falle. Mit großer Vorsicht umgeht der Räuber oft zwei oder drei Nächte lang den Käfig, bis er endlich sich hineinwagt und gefangen ist. Von der Meeresküste geht dieser kühne Räuber bis zu 12,000 Fuß Höhe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich ausschließlich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagräuber und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Draußen in der freien Steppe betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Mäuse, Perlhühner. Gegen den Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd, um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne gezähmte Thiere hier und da gehalten werden.
Bis zu den höchsten Spitzen der Berge Semiéns in die Region der Dschibarra streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er ist eine häufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter nördlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der abessinische, schwarzrückige Schakal ist etwas größer als sein Verwandter und in der Samhara wie im Gebirge in jedem größeren Dickicht anzutreffen. Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Hühner, Perlhühner, Ziegen, ja selbst Mäuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher, regelmäßiger Gast in den Dörfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich nähert. Auch wo gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plätzen trifft er mit der _gefleckten Hyäne_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib) zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene Klagetöne kündigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen arg gehaßt, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufügt, sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher nützlich wird. Die Eingeborenen fangen die Hyäne in Gruben, die in einem von Dorngebüsch umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein blöckendes Zicklein angebracht wird. Die heißhungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfältig überdeckte Grube ein, in welcher man sie möglichst bald tödten muß, weil sie sonst sich einen Ausweg wühlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine Hyäne zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hyänenartiges Raubthier, der „_gemalte Hund_“ (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er überfällt die Herden und richtet unter ihnen große Verheerungen an. Die Steppenlandschaften sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen Geschöpfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen führt es von den großen, dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin leicht zu unterscheiden ist.
Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_, einen weit verbreiteten, schlanken Mörder, der kleinen Säugethieren und Vögeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwürdiges Thier, welches die Bienenstände plündert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt, unangegriffen ruhig seine Straße zieht, angegriffen aber aus seinen Stinkdrüsen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit seinen gewaltigen Klauen leicht gräbt und in denen es den Tag über verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen.
Die nordöstlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der König einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt, sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_) berühmt. Poncet berichtet, daß dort von diesen Thieren eine so große Menge vorhanden ist, daß manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten. Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgerüchen beräuchert und in jeder Woche kratzt man ihr mit hölzernen Löffeln einmal eine salbenartige Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhörner gethan wird und einen einträglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist Dering. Ein dem Hausgeflügel, den Mäusen und Ratten sehr gefährliches Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes, elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den Mangel der Rückenmähne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein _Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen Gewässern vor. Derselbe ist so groß wie unsere Art und schön kaffeebraun.
Unter den Nagethieren ist zunächst zu erwähnen das _bunte Eichhorn_ (_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein langweiliges scheues Geschöpf, das sich einzeln versteckt in den hohen Baumwipfeln aufhält und niemals kühne Sprünge wagt, sondern immer an den Aesten klebt. Viel häßlicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein Verwandter, das _rothe Erdhörnchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf Bäumen umher, bald hier, bald da aus seiner Höhle hervorschauend, oder sich possirlich auf die Spitze eines Hügels setzend. Unter allen Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im Verhältniß zu seiner Größe solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_ (_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in maulwurfsähnlichen Erdhöhlen, die es im dichten Gebüsch anlegt, während die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fuß Höhe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verläßt das Stachelschwein seine Höhle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm gewöhnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der Niederung zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehört.
Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht verfolgt, und da er dieses weiß, so fällt es ihm gar nicht ein, vor dem Menschen zu flüchten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere, schwarz, weiß, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet.
Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus aethiopicus_) zu erwähnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehör, haust in selbstgegrabenen Höhlen, zeichnet sich durch lebhafte Sprünge und eine känguruartige Stellung aus, wobei es durch den kräftigen Schwanz unterstützt wird. Es geht häufig nur auf den Hinterfüßen und beschnuppert mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweinerüssel gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kräftig mit den Vorderfüßen zu graben und die aufgewühlte Erde mit den Hinterfüßen zurückzustoßen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die Mahlzeit; nach v. Heuglin fängt es die Ameisen mit den Lippen und diese fallen in Menge über den Ruhestörer her, dessen dicke Haut keineswegs vor den Bissen schützt. Für Urin und Mist gräbt das Erdferkel eine kleine Grube, die dann wieder sorgfältig verdeckt wird. Im Bau selbst schläft es zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Sätzen davon und gräbt sich rasch ein, die Röhre hinter sich schließend. Das Fleisch ist fein, weiß und saftig.
Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir später. Das _Kameel_, in den Küstengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt im Hochgebirge eine traurige, unnütze Rolle, da sein Wirkungskreis die Wüste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen, dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in großer Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als edles Wildpret hoch angesehen.
Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren flößen uns die Wiederkäuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und alle in ihren schönsten Repräsentanten, namentlich sind die Antilopen herrliche Thiere, bei denen man nicht weiß, welcher man den Preis der Schönheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_ (_Antilope Sömmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in der Samhara, kommt von da wol noch ins Hügelland, nie aber ins Hochgebirge hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags wiederkäuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr mißtrauisch. – Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rüppell folgendermaßen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo diese Thiere regelmäßig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen die Jäger viele an Pfähle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Büschel Straußenfedern versehener Stöcke hat; diese werden mit großer Schnelligkeit so in die Erde gesteckt, daß sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren. Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin; gewöhnlich bleiben mehrere darin hängen und hier schlagen ihnen die Jäger mit Knüppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe Weise werden auch die Strauße gejagt. Noch häufiger als der Tedal ist die _Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie äst, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps von drei bis acht Stück beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene, wie im Gebirge umher. Zur Tränke geht die Gazelle nicht, denn ihr genügt der Nachtthau auf den Blättern der Bäume, die sie alle Morgen eifrig ableckt, und diese Genügsamkeit macht sie zum echten Wüstenthier. Als die lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Sätze von vier bis sechs Fuß Höhe auszuführen und ein flüchtiges Rudel gewährt einen wahrhaft prachtvollen Anblick.
Während die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen ängstlich meidet, sucht das „Judenkind“ oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die verschlungensten und undurchdringlichsten Gebüsche zu ihrem Wohnsitze auf. Nur paarweise in zärtlicher Ehe und nicht wie die übrigen Antilopen es den Türken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der Küste bis zu 2000 Fuß Höhe im Gebirge sehr häufig.
Die Färbung des weichen schönen Haars stimmt mit dem Blätterdunkel des niedern Gebüsches so vollkommen überein, daß es schwer hält, die zarte, kleine Gestalt inmitten des Gebüsches wahrzunehmen. Beim geringsten verdächtigen Geräusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach der verdächtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsäule auf, wendet die Ohren vorwärts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und nur der Haarschopf zwischen den Hörnern deutet durch sein Senken oder Heben an, daß in dem Geschöpf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen Geschmack und ist außerdem sehr zähe.
Sind Sömmerings-Antilope und Gazelle echte Wüstenthiere, so sucht der _Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rüppell war der erste, der nachwies, daß diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schöne Thier mit zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am gewöhnlichsten in einer Meereshöhe von 2000 bis zu 12,000 Fuß. Bei heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kälte steigt er in die Thäler hinab. Die Bezeichnung „afrikanische Gemse“ ist für ihn gut gewählt, denn an den steilsten Felswänden entlang, neben Abgründen vorüber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen würden, eilt er mit Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die geringste Unebenheit genügt ihm, um festen Fuß zu fassen; jeder Sprung schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken, bald ist er im Gebüsch verschwunden, und wenige Minuten genügen, ihn allen Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und größte Antilope Abessiniens ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer Höhe von 2000 bis 7000 Fuß bewohnt. Dieses stattliche, an unsern Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuß lange, prächtig gewundene Hörner ausgezeichnet ist, gehört einem großen Theil Mittel- und Südafrika’s an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestört, majestätisch und langsam an den Bergwänden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und Blöken davoneilen. Die Araber in den Steppen nördlich von Abessinien hetzen den Agaseen mit Pferden und tödten ihn mit Lanzenstichen, während er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein Fleisch ist vorzüglich, dem des Hirsches im Geschmack ähnlich und aus den großen gewundenen Hörnern verfertigen die Eingeborenen Füllhörner zum Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Südafrika häufigere _Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden Steppen und Niederungen. Stets trägt sie ihre schnurgeraden Hörner aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben haben können. Es würde uns zu weit führen, wollten wir alle Antilopen hier aufzählen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben. Nur noch zu erwähnen sind die große Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_), die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_ u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuß Höhe in die Gebirge.
Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunächst den stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rüppell entdeckte dieses Thier auf den höchsten Bergen Semiéns, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare Geschichte über dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walié, so erzählten sie, ist im höchsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hörner und einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwürdig. Die Mutter hat nämlich, so fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geöffneten Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch nährt, daß es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geräusch in seinen Behälter zurück. So lebt es wochenlang, bis es zu groß geworden und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt heraus, läuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europäische Reisende haben gefunden, daß der abessinische Steinbock in Lebensweise und Körperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte über die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rückwärts niedergedrückte Hörner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in großer Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden verschiedene Arten gezüchtet. An den Küsten und in den heißen Steppen findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf, ausgezeichnet durch den Mangel der Hörner und Wolle und einen dicken Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat bräunliche oder schwarze Wolle; die Galla züchten eine mit langen weißen Haaren versehene Art, deren schwarzgefärbte Felle eine Lieblingskleidung ihrer Häuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den kleinen Höcker. Der Berié, wie er in Amhara heißt, ist ein äußerst geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmüthiges und lenksames Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier, zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird zum Danke für alle Liebesdienste schließlich oft bei lebendigem Leibe verzehrt, worüber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen südlichen Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige, weit geschwungene Hörner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden beobachtet wurde. Die Hörner kommen in den Handel und gelten auch als schätzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein sie waren so wild, daß er sie erschießen lassen mußte. Das längste Horn hatte beinahe 4 Fuß und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehörns nicht größer als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Büffel_ (_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzähmbarer, gefürchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefährlichsten Beschäftigungen der Eingeborenen zählt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere nicht sehr zerfetzt, so können aus einer Haut vier Schilde gemacht werden, welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen Hörnern dieses Büffels verfertigt man Trinkbecher.
Aus der Ordnung der Dickhäuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_ (_Rh. africanus_), das Worsisa, anzuführen, welches die Eigenschaften der asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit den zwei Hörnern des letzteren vereinigt und aus den Sümpfen der Kolla bis in die Berge 8000 Fuß hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in den Seen, noch in den größeren Flüssen des Landes. Im Allgemeinen meiden die Abessinier dieses für unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee angesiedelten heidnischen Waito beschäftigen sich mit der Jagd dieses „Gomari“, indem sie die Thiere mit hölzernen Lanzen zu verwunden suchen, deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene gewöhnlich nach zwölf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie großentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das häßliche, mit großen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das die mit Gebüsch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis zu 9000 Fuß im Gebirge vor. Es lebt ähnlich wie unser europäisches Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die Eingeborenen halten es natürlich für unrein und geben sich nicht mit der Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat.
Abessinien beherbergt auch ein eigenthümliches _Nachtschwein_ (_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich vorzüglich gern von Aas nährt. Es hat die Größe unsrer Wildschweine, ist aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebüsch und Felsen in einem großen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuß Meereshöhe, ist scheu, soll sich angegriffen wüthend zur Wehre setzen, ruht den Tag über in undurchdringlichen Verstecken und fällt Nachts verheerend in die Felder ein.