Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges: Ein Beitrag zur Kenntnis des Volksglaubens und Volkslebens im Königreich Sachsen

Part 9

Chapter 92,615 wordsPublic domain

610. Man bäckt in verschiedener Größe, Güte und Preis (von drei Pfennigen bis ein Thaler und darüber das Stück) sogenannte „Nikelszöpfe“, ein zopfartig gewundenes Gebäck, das nach unten sich zuspitzt (allg.). -- 611. Die Kinder werden namentlich mit solchen Zöpfen beglückt. -- 612. Die Schulkinder sammeln Geld und kaufen dafür einen großen Niklaszopf nebst einigen anderen Kleinigkeiten, die sie dem Lehrer in der Schule bescheeren. Gewöhnlich werden auch seine Kinder dabei bedacht. Oder das Geschenk wird gegen Abend dem Lehrer in seine Wohnung getragen, wo dann der Lehrer die Schenkenden durch Erzählen kleiner Geschichten, durch angestellte Spiele u. s. w. erfreut (Annaberg), vgl. 608. -- 613. Mit dem auf Nikolaus folgenden Sonnabend beginnt in Annaberg der Christmarkt. Daher erfolgt oft schon an diesem Tage eine kleine Vorbescheerung, der Ruprecht (vgl. § 48) fängt an sich einzustellen und Haus und Familie beginnen die Zurüstungen auf das Weihnachtsfest.

[1] Weitere Beiträge zur Sammlung der kirchlichen und religiösen Gebräuche und Sitten des Erzgebirges und des übrigen Sachsens wären sehr erwünscht. Für Preußen vgl. +Pröhle+, kirchliche Sitten, Berlin 1858.

II. Feste des bürgerlichen Jahres.

§ 60. 1. +Feste und Vergnügungen der unerwachsenen Jugend.+ Jede Jahreszeit bringt der Kinderwelt bis zu ihrem Austritt aus der Schule und darüber hinaus besondere Vergnügungen, die nach der verschiedenen Gegend ihr Charakteristisches haben und weil sie den Gesichtskreis des heranwachsenden Geschlechtes mit bedingen helfen, nicht ohne kulturhistorische Bedeutung sind.

~a.~ Der +Winter+: 614. Das hauptsächlichste Wintervergnügen ist das sogenannte „Ruscheln“, d. h. Herabfahren von Anhöhen auf kleinen Schlitten. Es wird mit seltener Ausdauer und Kühnheit schon von vierjährigen Knaben und Mädchen getrieben und hat selbst unter den Erwachsenen entschiedene Anhänger. Allerdings wird es auch durch die bergige Gegend wesentlich begünstigt. -- 615. Daß daneben das sogenannte „Zschinnern“, Schlittschuhfahren, Schneebataillen und Anderes nicht fehlen, ist selbstverständlich.

~b.~ +Frühling.+ 616. Am 1. April hat man sich gegenseitig zum Besten. Wer sich anführen läßt, wird „Aprilnarr“ genannt (allg.), vgl. 592. -- 617. Sobald die ersten Frühlingsblumen zum Vorschein kommen, wandern die Kinder hinaus in Wald und Flur, um Blumensträuße zu pflücken; namentlich haben die Himmelschlüssel (~primula veris~) zahlreiche Freunde. -- 618. Die erwachsenen Knaben betheiligen sich bei dem Viehaustreiben, das gewöhnlich am ersten Mai (vgl. § 12 ~c~) seinen Anfang nimmt. Die Hirten entwickeln ein gemüthliches Naturleben: Eine Hauptunterhaltung ist das Knallen mit ihren großen Peitschen, worin jeder den anderen zu übertreffen sucht. Oder sie rufen sich gegenseitig von entfernten Höhen mit lauter Stimme zu: „I nu aha, welle Zeit is deh? aha!“ Die Gegenantwort lautet: „Uem die gestrige Zeit“ (Geiersdorf), vgl. 642. -- 619. Das +Anschlagen+, ein Kinderspiel, das etwa seit 1840 aufgekommen ist, wird gespielt, sobald die Straßen vom Winterschnee trocken sind. Man wirft einen Spielpfennig mit der Breitseite an eine Häuserwand und sucht dadurch denselben möglichst weit abzuprellen. Wessen Pfennig am weitesten fällt, hat gewonnen. -- 620. Wenn die Frühlingswinde wehen, lassen die Knaben +Drachen+ steigen, ein Vergnügen, das etwa seit 1810 auf unseren Bergen heimisch geworden ist. -- 621. Aelter ist das Schießen mit sogenannten +Himmelsbolzen+. Ein solcher Bolzen ist ein von weichem Holz geschnitzter Pfeil, etwa eine halbe Elle lang, in der Mitte mit einer Kerbe. Dazu gehört ein biegsames Stäbchen mit einer Schnur, an deren Spitze ein kleines Hölzchen befestigt ist. Letzteres legt man in die Kerbe, nimmt den Pfeil mit der Spitze zwischen Daumen und Zeigenfinger der linken Hand und schnellt ihn nun mittelst des peitschenartigen Stäbchens durch die rechte Hand in die Höhe. -- 622. Auch das +Stelzenlaufen+ ist sehr gebräuchlich und wird mit großer Virtuosität betrieben.

~c.~ +Sommer+: Im Zusammenhange mit den zuletzt erwähnten Unterhaltungen des Knabenalters schließen wir eine kurze Uebersicht der gebräuchlichsten +Spiele+ der Sommerzeit an, insofern sie etwas Charakteristisches an sich tragen:

§ 61. ~aa.~ +Spiele der Knaben dieses Jahrhunderts in Annaberg+ waren: 623. Das „+Hödern+.“ Die Spielenden bilden einen Kreis. Einer zählt aus und wen das letzte Wort trifft, muß „hödern,“ d. h. Einen aus der Zahl der Mitspielenden, die alsbald nach allen Seiten aus einander stieben, zu fangen suchen. -- 624. Das +Spittelschlagen+. Jeder Spielende hat ein ohngefähr eine Elle langes, an der einen Seite zugespitztes Holz von der Stärke einer Bohnenstange. Dieser Spittel (wohl Deminutiv von Spaten?) wird von einem der Spielenden mit wuchtender Hand fest in den Boden eingehauen. Ein anderer sucht nun, indem er einen Stab dicht neben dem des ersten einschlagen läßt, diesen herauszuschlagen und so fort die übrigen Spieler. Wer den Spittel des anderen herausschlägt, ist Sieger. -- 625. Das +Schweinchenschlagen+ (vgl. 635). Jeder Mitspieler, bewaffnet mit einem kurzen Stock, macht vor seinem Platze ein kleines, rundes Loch in die Erde. In der Mitte des Kreises, den man gebildet, liegt ein rundlicher Stein oder eine kleine Kugel. Diese beginnt man nun mit den Stöcken zutreiben. Wer sie also schlägt, daß sie in eines der Löcher rollt, empfängt von dem Betroffenen einen Gewinn. -- 626. Außerdem übte man seinen Muth, seine Kraft und List in großen Schlachten, die man sich auf und an den alten Berghalden lieferte und wo es mitunter nicht ohne blutige Köpfe ablief.

§ 62. ~bb.~ +Knabenspiele der Gegenwart+ (gesammelt 1858): 627. +Räuber und Schütz.+ Eine Partei macht die Räuber, die sich verstecken. Auf ein von diesen gegebenes Zeichen bricht die andere Rotte, die Schützen, auf, um dieselben zu suchen und zu greifen. -- 628. +Fuchs in’s Loch+: Einer der Gesellschaft ist Fuchs, der seinen Bau (Loch) an einem bestimmten Platze (einem Baume, Steine etc.) hat. Die Uebrigen umkreisen denselben neckend und der Fuchs sucht einen derselben mit seinem Plumpsack zu schlagen, muß aber dabei, sobald er über das ihm angewiesene beschränkte Revier hinausgeht, auf Einem Beine hüpfen. Gelingt es ihm, einen Anderen zu treffen, so wird dieser an seiner Stelle Fuchs. -- 629. +Stando.+ Einer aus der Gesellschaft wirft einen Ball gegen eine Wand und ruft einen auf, der ihn fangen soll, während die Anderen die Flucht ergreifen. Sobald letzterer den Ball gefangen, ruft er: „stando!“ bei welchem Wort Jeder auf seinem Platze stehen bleibt. Der Ballinhaber wirft nun nach Einem, trifft er ihn, so übernimmt dieser das Ballwerfen, wo nicht, so erhält der Fehlwerfer von Jedem einen Schlag. -- 630. +Katze und Maus.+ Die Gesellschaft bildet einen Kreis. Eine Person, die Katze, ist außerhalb des Kreises, eine andere, die Maus, innerhalb desselben. Hierauf beginnt die Katze: „Mäuschen, Mäuschen, komm heraus!“ worauf die Maus erwiedert: „Ich komm’ dir doch nicht ’raus!“ Darauf die Katze: „Kratz’ ich dir die Augen ’raus!“ und die Maus: „Fahr ich zu mein’ Löchel ’naus.“ Die Katze sucht nun in den Kreis zu dringen; gelingt ihr dieses, so muß die Maus heraus gelassen und die Katze zurückgehalten werden. Erhascht die Katze die Maus, so werden zwei andere zu diesen Rollen gewählt. -- 631. +Mauerbrechen.+ Die Gesellschaft bildet zwei Abtheilungen, die mit den Händen fest zusammenhalten. Von der einen Partei wird Einer gewählt, der die andere Reihe zu durchbrechen sucht, kommt er bei dreimaligem Anlauf nicht hindurch, so muß er „Spießruthen laufen“. -- 632. +Schlange.+ Die ganze Gesellschaft bildet durch Handreichen eine lange Reihe. Der erste beginnt nun in verschiedenen Wendungen zu laufen und ihm nach müssen die Anderen, sich fest an den Händen haltend, in derselben Richtung ziehen. -- 633. +Krimmer+ (d. i. Habicht). Man zählt aus und der Getroffene ist der Krimmer. Dieser sucht die Anderen, die sich zerstreuen und ihn mit dem Verschen necken: „Krimmerle, Krimmerle, geck, geck, Schneit mer meine Haare weg,“ mit seinem Plumpsack zu treffen und dadurch zu seinen Gefangenen und Mithelfern zu machen. Das Spiel dauert so lange, bis Alle in die Gewalt des Krimmers gekommen sind -- 634. +Anbrennen.+ Man zählt aus. Der Zurückgebliebene stellt sich mit zugehaltenen Augen an einen Baum und zählt laut bis zu einer bestimmten Zahl. Unterdeß verstecken sich die übrigen. Nun sucht er. Entfernt er sich jedoch zu weit vom Baume, so springt ein Mitspieler schnell aus seinem Versteck hervor und eilt dem Baume zu. Der Häscher rennt auch dahin. Kommt jener eher, so befreit er sich vom weiteren Mitspielen, indem er dreimal an den Baum pocht und ruft: „eins, zwei, drei erlöst“. Kommt jedoch der Haschende zuerst an den Baum, und pocht dreimal an den Baum mit den Worten: „N. N. eins, zwei, drei angebrannt“, so wird der Andere dadurch sein Gefangener. Sind alle wieder versammelt, so wird der zuerst Angebrannte jetzt der Anbrennende. -- 635. +Sautreiben+ (vgl. 625). Die Zahl der Spielenden darf nicht zu groß sein. Es sind z. B. sechs, so gräbt man in einem Kreis fünf kleine Löcher und in die Mitte ein größeres. Jeder Spieler ist mit einem kurzen Stock bewaffnet, und außerdem braucht man noch die sogenannte Sau, ein Stück Holz oder sonst einen Körper, der sich leicht fortschlagen läßt. Nun stellt man sich an, indem die sechs Spielenden mit ihren Knitteln die „Sau“, die abseits an der Erde liegt, halten. Einer zählt: „eins, zwei, drei.“ Bei drei eilen alle den Erdlöchern zu, um die kleinern zu besetzen. Der dem dies nicht gelingt, ist der „Sautreiber“, oder „Saumelker.“ Dieser sucht nun die Sau in das große Loch in der Mitte hineinzubringen, was aber die andern zu verhindern streben, indem sie dieselbe mit den Knütteln fortschlagen. Dabei aber müssen sie dem Sautreiber gegenüber stets ihre Stöcke in das von ihnen besetzte Erdloch halten, denn gelingt es jenem in ein leerstehendes seinen Stab zu stoßen, so kommt der Hinausgetriebene an seine Stelle. Ebenso ist er erlöst, wenn die Sau in das große Loch gelangt, wo dann das Spiel von neuem beginnt. Vgl. 619-622 und +Vogelsang+, Turnlehrer in Annaberg, Leitfaden beim Unterrichte im Turnen, 2. Aufl. Annaberg 1862, S. 88 ff.

§ 63. Das Hauptfest in Annaberg für alle schulpflichtigen Kinder ist das +Schulfest+, das die ganze Stadt in freudige Aufregung setzt. Ehe wir aber zur näheren Beschreibung desselben übergehen, wollen wir des +früheren+ Schulfestes, des Gregoriusfestes, gedenken, welches bis zum Jahre 1824 die in Annaberg damals bestehende „lateinische Schule“ feierte.

636. Das +Gregoriusfest des Lyceums+: Dasselbe begann am Montag nach dem Sonntag Rogate und dauerte bis Mittwoch vor Himmelfahrt. Schon vier bis fünf Wochen vorher begann das Ueben der Trommler und Pfeifer. Jene bestanden aus Primanern, diese aus Sekundanern. Nach vier Uhr, wenn die Schulstunden zu Ende waren, mußten die „Serviteure“, d. h. die unteren Alumnen, die Trommeln vor das Thor tragen. Von den unteren Klassen schlossen sich mehrere freiwillig an. Draußen fanden sich dann auch die Schüler der oberen Klassen dazu und übten sich nun tüchtig auf der Trommel und der Pikelpfeife. Dies war schon ein Vorgeschmack von den Freuden des eigentlichen Festes. Dieses selbst wurde am +Montag+, früh 3 Uhr mit Reveille eröffnet, wobei die Trommler und Pfeifer, sämmtlich kostümirt in rothen Collets mit blauen Aufschlägen, abwechselnd aufspielten. Um 6 Uhr wurde Appell geschlagen und nun strömte Alles herbei, was zur Schule gehörte. Alle Schüler, vom obersten bis zum untersten, waren verkleidet: da gab es Husaren, Dragoner, Schäfer, Köche, Jäger u. s. w., besonders viele Harlekine mit Pritschen. Von den höheren Klassen hatten sich mehrere beritten gemacht -- wer nur irgend eine Mähre auftreiben konnte, entlehnte sie -- und paradirten kostümirt und mit Seitengewehren verschiedener Art bewaffnet stolz zu Roß. Diese Reiterei zog nun abgesondert durch die Gassen der Stadt und machte auch Ausflüge nach Klein-Rückerswalde, Frohnau und Buchholz. Die Nichtberittenen dagegen begannen 7 Uhr ihren Umzug durch die Stadt. Voran ging die Schulfahne, dann folgte die Musik, bestehend aus Geigen und einer Baßgeige, die von Schülern des Sängerchors gespielt wurden, darnach kam das Lehrerkollegium und endlich die Schüler aller fünf Klassen. An der Seite schritten zwei Primaner mit Sparbüchsen, welche die Beiträge, die aus jedem Hause verabreicht wurden, einsammelten. Dieser Umzug dauerte bis 9 Uhr. Um 10 Uhr begann das Theater in dem zweiten Stockwerk des Rathhauses. Gewöhnlich kam ein deutsches Lustspiel zur Aufführung, mitunter auch eine deutsche Oper. Sämmtliche Spielende waren Primaner und Sekundaner, denen ausnahmsweise auch einzelne Tertianer beigegeben wurden. Die Spielenden waren natürlich entsprechend kostümirt und machten ihre Sachen nach Verhältniß recht gut. Nach Beendigung der Komödie begaben sich Alle zum Mittagsessen nach Hause und um 2 Uhr begann abermals ein Umzug durch die Stadt, der bis nach 5 Uhr dauerte. Zum Zapfenstreich ½8 Uhr fanden sich wieder alle Schüler, größtentheils in Mißgestalten verwandelt, mit scheußlichen Larven vor den Gesichtern, an der Schule ein. Da gab es Gespenster, Wechselbälge von allen Größen u. dergl., selbst Nichtschüler mischten sich unter die Masken. Die Primaner trommelten und spielten die Janitscharenmusik, zu der die Schule sämmtliche Instrumente besaß, die übrige Musik besorgten die Stadtmusici und so durchzog der Zapfenstreich die ganze Stadt bis in die kleinsten und abgelegensten Gassen. Bei den Wohnungen der Behörden und sonstiger Notabilitäten wurde Halt gemacht und ein kurzes Ständchen gebracht, wofür nicht selten eine Erfrischung in Bier verabreicht wurde. Nach 10 Uhr traf der Zug wieder an der Schule ein, worauf Alles nach Hause strömte. -- +Dienstag+, der zweite Tag, verlief ähnlich wie der erste, früh 3 Uhr Reveille, dann um 6 Uhr Appell, dann der erste Umzug, hierauf wieder Aufführung eines zweiten Lustspieles im Rathhause und nach Tische der zweite Umzug. Letzterer sammelte sich gegen 4 Uhr auf dem Marktplatz unter Anschluß der Reiterei. Von dieser hatte Jeder auf seinen blankgezogenen Säbel eine Citrone gesteckt und so ritten sie mehrmals im Kreise auf dem Platze umher. Dann zogen Alle, die Reiterei voran, nach der Schule zurück, worauf man sich nach Hause begab, um sich ½8 Uhr zum Zapfenstreich einzufinden, der auch diesmal den Tag beschloß. -- +Mittwoch+, als dem dritten Tag, war keine Reveille. Um 8 Uhr fand ein grotesker Aufzug statt, dessen Kostüm früh erst angeordnet und bekannt gemacht wurde. Ein Mal wurden lauter Mohren dargestellt und sämmtliche Schüler erschienen dann schwarz gefärbt, ein anderes Mal kamen andere Wilde zur Vorführung u. dergl. Unter Vortritt der Janitscharenmusik ging es nun durch die ganze Stadt; an beiden Seiten gingen Schüler mit Sparbüchsen, deren Einnahme, die aus allen Häusern gesammelt wurde, man zu dem am Abend zu veranstaltenden Balle verwendete. Kehrte der Zug gegen 12 Uhr von seiner Wanderung an die Schule zurück, so trat der Präfekt vor die Fenster des Rektors, der im Schulgebäude wohnte, und brachte dem Superintendenten, sämmtlichen Behörden, dem Rektor u. s. w. ein Lebehoch, welches von Allen dreimal wiederholt ward. Um 2 Uhr war Alles abermals auf dem Platze, die oberen Schüler in gewöhnlichem, anständigem Anzuge, die kleine Gesellschaft aber noch in ihrem Festkostüm. Es begann der Auszug nach einem vor dem Thore gelegenen öffentlichen Orte (das eine Jahr nach „Gensel’s Garten“, das andere nach dem Schießhaus) unter schallender Janitscharenmusik. Dort angekommen unterhielt sich Jeder auf seine Weise, die Schüler der oberen Klassen tranken Bier und rauchten Tabak aus Thonpfeifen, die der unteren hielten sich schadlos an Kuchen, den die Frau des Schulkalfaktors daselbst feilhielt. Gegen Abend wurden die drei unteren Klassen entlassen, Prima und Sekunda aber begaben sich in die Stadt, um die von den Eltern erbetenen Mädchen zum Balle abzuholen. Dieser dauerte gewöhnlich so lange, bis die Glocken zum Gottesdienst des Himmelfahrtfestes riefen. So endete das Fest. -- Einige Tage später gab der Rektor dem ganzen Lehrerkollegium einen solennen Schmaus. Er konnte dieses um so eher, da ihm die Einnahme bei dem ersten Umzug, das Eintrittsgeld bei dem zweimaligen Theater und das sogenannte Rollengeld (jeder Schüler, der in einem Stücke auftrat, mußte diese Bevorzugung mit einem entsprechenden Betrage von 10 Neugroschen bis einen Thaler vergüten) zuflossen. Alle diese Gaben hingen zwar von dem Belieben des Einzelnen ab, fielen aber oft sehr reichlich aus. -- 637. Ein früherer Lyceist, der vor drei Jahren (1859) hochgeachtet und hochbetagt starb, urtheilte über dieses Fest also: „Ich werde die drei so fröhlich verlebten Tage nie vergessen. Freilich würde dieses Fest jetzt bei dem höheren Bildungsgrade als abgeschmackt erscheinen, allein das damalige Publikum (um 1800) vertrug schon etwas und die tolle Lust der Jugend fand allgemeinen Beifall und Theilnahme. Die Spenden fielen reichlich aus und Jeder trug sein Scherflein bei. Das Wetter hat uns immer begünstigt. Auch kann ich mich nicht entsinnen, daß nur ein Mal ein Exceß dabei geschehen oder daß Jemand zu Schaden gekommen wäre.“