500 Schwänke

Part 7

Chapter 73,565 wordsPublic domain

„Entschuldigen schon, Herr Primararzt -- ich küss die Hand. Un ich dank auch scheen für alles Gute, was Sie mir erwiesen haben. Nämlich: mir fliehen jetzt.“

Orientierung

„Herr Leutnant,“ rief der General, „Herr Leutnant, wo haben Sie Ihren Kompaß?“

Ich erbleichte. Ich hatte keinen.

„Herr General, ich dachte ... bei dem klaren Wetter ... die Sonne stets sichtbar ...“

„So,“ höhnte der Herr General, „die Sonne! Mensch, an der Sonne können Sie höchstens erkennen, wo Süden ist -- aber niemals, wo Norden ist.“

Der Seßhafte

Das Personal des Hoftheaters war zu einer intimen Festvorstellung ins herzogliche Schloß befohlen. Nach der Vorstellung: Tee und Cercle Ihrer Hoheit, der Herzogin.

„Ah, mein lieber Knipping!“ rief die Herzogin, „Wir freuen Uns, Sie wiederzusehen, Unsern beliebten Heldendarsteller. Irren wir Uns? Wollte man Sie Uns nicht im letzten Winter nach Berlin entführen?“

Da sagte Knipping:

„Hoheit, wo mir die Gnade der höchsten Herrschaften gewiß ist, bleibe ich lieber da -- auf dem Lokus, wo ich schon seit zwanzig Jahren sitze.“

Unterricht

Kadettenschule in Prag. Eines Tages kam Herr Oberst Nastupil, um dem Unterricht in der tschechischen Sprache beizuwohnen.

„Zögling Heinzl, schreiben S’ auf: ‚Pferd hat sich gut in ärarische Stall, wird sich gepflegt von die Kopf bis Füß.‘ -- Haben S’ geschrieben? -- So übersetzen S’!“

„Ins Deutsche oder ins Tschechische, Herr Oberst?“

Der Husar

Rittmeister v. Pakosdy -- zum Tee bei Mänzels.

Frau Mänzel zwitschert wieder einmal aufs lieblichste -- ein Dutzend Geschichten, die sie alle heute früh erlebt hat.

„Ich gehe die Kärntnerstraße entlang -- plötzlich rutsche ich aus und sitze da auf meinen vier Buchstaben ...“

Pakosdy voller Interesse, aber ganz und gar verständnislos:

„Sitzen auf Ihre vier Buchstaben, Gnädigste? Wie is dos gemeint, ich bitte?“

Man erklärt es ihm pantomimisch.

„Ach so!“ ruft Pakosky.

Und nach einer Pause des Nachdenkens:

„Entschuldigen -- das sein aber fünf Buchstaben.“

Die Eidgenossen

Ein Gespräch auf der Schweizerischen Bundesbahn, in der Nähe von Basel.

„Wenn ma halt e Zit lang im Usland gsi isch, gwöhnt me sich daheime so schwer wieder i.“

„Sin Sie lang im Usland gsi?“

„Jo -- drei Wuche im Appezäll.“

Revanche

Als Edelsheim Korpskommandant in Pest war, traf er einmal auf der Promenade einen Leutnant mit Rasselgeräuschen.

„Sie,“ sagte Seine Exzellenz, „Sie habe sich Ihren Sporn abgetrete -- richte Sie sich ihm emol!“

Worauf der Leutnant in einen Hausflur trat und auf alle Art versuchte, den Sporn einzurenken.

Doch es ging nicht.

Ach was -- der Korpskommandant ist sicher schon weit weg -- los auf die Promenade!

Der erste Mensch, dem er begegnete, war der Korpskommandant.

„Herr Leutnant,“ sagte Seine Exzellenz, „Ihr Sporn ischt noch immer abgetrete. Sie müsse sich Zeit nehme. Bleibe Sie emol drei Tag zu Haus un richte Sie ihm ordentlich!“

Der Leutnant meldete den Vorfall pflichtgemäß dem Regiment und trat seinen Zimmerarrest an.

Als er ihn verbüßt hatte, ging er auf die Promenade.

Und wer kam ihm entgegen?

Seine Exzellenz, der General der Kavallerie Freiherr v. Edelsheim.

Und was schleifte Seiner Exzellenz nach?

Die Hosenstrupfe.

„Exzellenz, ich erlaube mir, gehorsamst aufmerksam zu machen ...“

„Ah, da schau her! Mei Strupfe ischt abgetrete? Und grad Sie habe es gemerkt? Mein Spornleutnat? Ich danke Ihnen.“

Nächste Begegnung.

„Exzellenz, ich erlaube mir, gehorsamst aufmerksam zu machen ...“

„Was? Mei Strupfe wieder abgetrete? Da verdien ich ja ... Wieviel Arrest habe Sie damals für Ihren Sporn kriegt, Herr Leutnant?“

„Drei Tage, Exzellenz.“

„Drei? Na, da verdien ich wenigschtens acht. Aber ich als Korpskommandant hab ja nit Zeit. ... Wissen Sie was, Herr Leutnant? Sitze Sie emol die acht Tag für mich ab!“

Das zweite Gesicht

Ich besuchte einst in Pest den Major Ischbary von Forgatschhusaren. Er las eben in einem Buch.

„Störe ich Sie am Ende, Herr Major? Studieren Sie Taktik?“

„Oberr liieberr Fraind! Ich?? Taktik studieren?? Wo sich die Taktik doch in unserm nächsten Krieg als grundverfehlt erweisen wird?“

Wahl

Ich saß mit Nuttinger im Volkskeller.

Die Damenkapelle spielte.

Wir brüteten.

„Freunderl,“ sagte Nuttinger plötzlich, „ob du mirs jetzt glaubst oder net -- es ist ein historischer Augenblick in meinem Leben. Nie hab ichs glaubt, wann die Leut von einer Liebe aufn erschten Blick reden -- aber ich bitt dich, schau dir die Bassistin an! Hast du schon so was von Anmut gesehn? So eine schlanke Fülle? So ein volles Schlankerl? Meiner Six, ich wer die Person heiraten un wer ihr Schklave sein fürderhin. Du verstehst? Fürderhin. Pikkolo! Pikkolo! Obst hergehst, Lausbua?! Siegst des Fräuln oben, die was Baß spielt? Augenblicklich sagst ihr: ‚Fräuln‘, sagst ihr, ‚unten is a Herr‘, sagst ihr, ‚in geordnete Verhältnisse, der bietet Ihna Herz und Hand fürs Leben.‘ Hast verstanden, Lausbua? ‚Herz und Hand fürs Leben.‘ Der Bassistin. Oder weißt was, Pikkolo? Sags lieber der Trommlerin.“

Schule

„Wie hießen jene jungfräulichen Priesterinnen im alten Rom, die das heilige Feuer nährten?“

„Das waren die Westfalinnen.“

Der Traum

Paulchen ist erwacht, Paulchen ist angekleidet worden und erscheint glückstrahlend im Salon -- im Kreis der Tanten, Großtanten und Basen.

„Ach, Paulchen! Das süße Paulchen! Wie hast du denn geschlafen?“

Paulchen hat herrlich geschlafen -- und noch mehr: Paulchen hat geträumt.

„Zum erstenmal in seinem Leben,“ jubelt Mama. „Erzähl doch, erzähl doch, wie es war!“

Paulchen:

„Also, mich bin geträumt, es war Nacht, da is die Tür gegangen, da is ein Engel kommen in ein langes Hemd.“

Chor der Tanten:

„Ach, Paulchen, wie reizend!“

„Ja, in ein langes Hemd. ’s war aber gar kein Engel, ’s war Papa.“

„Was? Kein Engel? Es war Papa? Nein, wie niedlich!“

„Ja, un er is gar nicht zu Paulchen, er is gangen an Fräuleins Bett. Un hat gesagt: ‚Weißt was, Fräulein? Du bist gar kein Fräulein, du bist ein Engel.‘“

Mutti ist ein wenig verwirrt:

„Hör, Paulchen, Träume sind Schäume -- Lügen. Die muß man auch nicht erzählen.“

„Oh, Mama,“ sagt Paulchen, „frag nur ’s Fräulein und Papa -- denen hat das alles genau ebenso geträumt.“

Nahrungsmittel

Eine betrübende Kunde kommt aus Hamburg. Der Direktor einer dortigen Margarinefabrik hat, verzweifelt über die Verleumdungen, die in der Presse über das Unternehmen umgehen, Selbstmord versucht: er öffnete eine zur Versendung an die Kundschaft bereite Kiste, schmierte sich ein Butterbrot und verschlang es hastig. An dem Aufkommen des Bedauernswerten wird gezweifelt.

Beerdigung

„Weune nicht, mein Sohn! Weunen geziemt den Weubern. Wir Männer halten in diesem Falle Reden.“

Das Jahrhundert des Kindes

Die kleine Trude will wieder einmal, allem Zureden zum Trotz, ihre Suppe nicht essen.

Da sagt Mama:

„Wie manches arme Kind wäre froh, wenn es nur die Hälfte hätte!“

„Ich auch,“ antwortet Trude seufzend.

Der Diplomat

Ich besuchte meinen Freund, den Legationssekretär. Er empfing mich auf seinem Bureau.

Das Bureau ist sehr behaglich eingerichtet: Ottomane, Klubsessel, Bärenfell, Rauchservice ... und nirgends ein Schreibtisch. Ein Möbel, das ich anfangs für einen Dokumentenschrank gehalten hatte, erwies sich bald als Schnapsaltar.

Der Legationssekretär verstand -- als Diplomat -- meinen fragenden Blick sofort und erklärte mir:

„Siehst: die Akten, soweit sie nicht dringend sind, nehme ich nicht zu mir -- die haben Zeit. Und die dringenden Akten? Ihre Eigentümlichkeit ist doch grad, daß sie sich durch Nichtbeantwortung von selbst erledigen.“

Montenegro

Vor ein paar Jahren war ich in Cetinje. Da sagte mir der Konsul:

„Sie wollen hier was durchsetzen? Da müssen Sie mit gewissen kleinen Eigentümlichkeiten des Landes rechnen: wenn Ihnen der Unterrichtsminister sein Ehrenwort gibt, hält ers bestimmt nicht; der Kriegsminister ist ganz unverläßlich -- er hälts manchmal.“

Österreich

Baron Meyringer sah, daß es so nicht weiterging -- sein Vermögen war tschari, nur seine drei Autos waren ihm geblieben -- da gründete er die Erste Wiener Autounternehmung.

Wenn man aber in Wien ein Lohnfuhrwesen betreiben will, muß man eine Lizenz haben.

Eine Lizenz bekommt man nur, wenn ‚die fraglichen Fuhrwerke in ihrer Gänze oder den überwiegenden Teilen nach inländischen Ursprungs sind‘.

Meyringers Wagen waren französischen Ursprungs.

Was tun?

In solchen Fällen geht der Österreicher auf die Statthalterei, ‚um sich das zu richten‘. -- Meyringer ging auf die Statthalterei.

Jede höhere österreichische Behörde hat einen sogenannten Präsidialisten, dessen Aufgabe es ist, wenig erfahrenen, jedoch durch ihre Geburt bevorzugten Klienten die Wege zu weisen zur Umgehung der Gesetze.

Der Präsidialist ließ sich den Fall Meyringer vorlegen und dachte lange nach.

Dann aber sprach er:

„Also so viel is gwiß, daß der überwiegende Teil der Wagen heimischer Erzeugung sein muß. Könnten S’ net, zum Beispiel, für Ihnere Wägen Wiener Laternen anschaffen?“

„Was mach ich mit den alten?“ wandte Meyringer ein.

„Oder Wiener Fußteppiche?“

„Drei Stück ... Es kostt halt Geld ...“

Der Präsidialist sann und sann.

„Eine Idee, Herr Baron: das Wasser im Kühler; wir haben das berühmte Wiener Hochquellwasser ...“

Meyringer nickte.

Und bekam die Lizenz.

Die Warnung

„Die arme Frau kann keinen Ball mitmachen, keine Unterhaltung -- sie hat zwei Kinder ...“

„Ja, wenn die nicht wären, hätte sie bei ihrem Temperament schon lang ein drittes.“

Die Freuden des Lebens

In Gleichenberg war einmal ein alter Apotheker, der pflegte zu sagen:

„Zwischen zwanzig und vierzig freute ich mich am meisten über ein schönes Weib. Zwischen vierzig und sechzig über einen guten Stuhl. Und seitdem freue ich mich am meisten, wenn mein Nierenleiden manchmal nachläßt.“

Grenze

Hauptmann Patrontaschewitsch vom Grenzerregiment ist beim Kassagang gewesen. Nun sitzt er in der Kompagniekanzlei und zählt das Geld nach, die Löhnung für die Mannschaft.

Es pocht. Der Oberleutnant tritt ein.

Hauptmann Patrontaschewitsch räumt das Geld hastig in die Tischlade und sperrt ab.

„Pardon, Herr Hauptmann!! Was soll das?? Ich verbitte mir dieses beleidigende Mißtrauen.“

Und der Hauptmann begütigend:

„Aaber, Bruudär! Kein Mißtrauän. Nur Erfahrung: mehr wird es auf keinen Fall.“

Der Zweifler

In Wien soll ein neues Gebäude für das Patentamt errichtet werden. Doch die im Finanzministerium sind dagegen.

„Denn,“ erzählt mir ein Finanzhofrat, „das jetzige Gebäude is freilich zu klein -- bei zehntausend Patentanmeldungen im vorigen Jahr. Aber ich bitte: wissen wir, obs im nächsten Jahr wieder so viele werden? Jetzt -- wo das meiste, was man überhaupt braucht, schon erfunden is?“

Der Tote

Als Onkel Anton gestorben war, kamen wir alle, so weit wir auch wohnten, zu seinem Begräbnis. Denn wir hatten ihn geliebt.

Und wir trösteten die Tante, und als wir vom Friedhof kamen, geleiteten wir sie noch nach Haus und trösteten sie wieder und blieben bei ihr -- bei ihr im einsamen Heim, wo jedes Winkelchen, jeder Gegenstand an den Heimgegangenen gemahnte.

Die Tante brachte uns Wein und Biskuit, und wir tranken und sprachen von dem teuern Toten -- und tranken wieder und sprachen wiederum und tranken zwischendurch.

Da stand Onkel Felix auf, klopfte ans Glas und hob es hoch und sagte:

„Tante Anna! Ich glaube im Sinne aller zu sprechen: der selige Onkel Anton soll leben!“

Das Denkmal

Sonntag nachmittag; die beiden Apothekerlehrlinge haben Ausgang.

„Sag mal, was is da auf der Handelskammer für eine Statue?“

„Das weißt du nicht? Das ist Merkur.“

„Waas? Für so eine Salbe macht man ihm eine so schöne Statue?“

Justiz

Die Bevölkerung von Galizien ist von der Unbestechlichkeit ihrer Gerichte nicht so tief überzeugt, wie es im Interesse der Staatsautorität zu wünschen wäre.

Unlängst erhob sich der Vorsitzende des Landesgerichts von Tarnopol, Zivilsenat, und begann die Urteilsbegründung zu lesen:

„Der Gerichtshof hat angenommen ...“

„Hab ich mir gleich gedacht,“ unterbrach der abgewiesene Kläger.

Berlin

Meine Schwester sagt: nach dem langwierigen Souper müsse sie Luft schöpfen -- ich sollte mit ihr in den Tiergarten fahren.

Herrliche Autofahrt im Mondschein.

Wir kommen zurück und halten.

Ich will den Chauffeur entlohnen.

„Wat?“ sagt er. „Nach dem Taxameter kieken Se? Hab ick mir eenmal umjekiekt?“

Reitunterricht

„Knetschke, lassen Sie die Gelenke los! Noch mehr! Was kneifen Sie denn die Beine zusammen wie eine Gouvernante?“

Das Lied

Ich ging dereinst auf der Furschtadtskaja in Petersburg spazieren -- mit dem kaiserlich russischen Stabskapitän Kojuhoff.

Er sprach mir vom russischen Militär. Glühend, begeistert.

„Was sind eure Soldaten?“ rief er. „Wehrpflichtige Sozialdemokraten, im besten Fall wehrfähige Puppen. Das Urra Suwaroffs kennen sie nicht, sie haben kein Herz. -- Bei uns? Der letzte Mann stirbt freudig für seinen Zaren, seinen Offizier.“

Eine Infanterieabteilung näherte sich in Schritt und Tritt.

„Hörst du sie, Fremdling? Hörst du unsre Soldaten singen? So folgt der Slawe seinem Führer -- in blindem Vertrauen, in Liebe, in Ehrfurcht, im Glauben an ihn.“

Die Abteilung kam immer näher. Und sang:

„~General „Krupi kral, „I palkownik „Pamagal. „I parutschik, „Nasch galubtschik, „Po basarach „Prodawal.~“

Deutsch:

„General „Grütze stahl, „Und der Oberst „Half ihm mal. „Und der Leutnant, „Aller Liebling, „Er verkaufte „Unser Mahl.“

Der Hund

Ritschel sah zum Erschrecken aus.

„Mensch,“ rief ich, „bist du unter die Stachelwalze geraten?“

„Nein -- weißt: gestern komm ich spät nach Haus -- mein Hund erkennt mich nicht und springt mir ins Gesicht ...“

„Hör mal, Freunderl -- von dem Hund tät ich mich scheiden lassen.“

Der Strenge

„Hat Jraf Pantzow seine Cancaneuse noch?“

„Nee -- hat sich mit seiner Frau versöhnt und lebt mit ihr.“

„Lebt mit der eejenen Frau? Also Blutschande.“

Die Mongolei

Erzherzog Albrecht reiste einmal durch Ungarn. Ward begeistert empfangen und freute sich sehr.

Nur eins wunderte ihn: die Leute schrien immer: Vivat. Warum nicht Eljen, wie sie sonst doch pflegen?

Der Erzherzog befragte den Obergespan.

Und der Obergespan antwortete ehrerbietig:

„Kaiserliche Hoheit, wir haben ihnen Vivat eingelernt. Denn warum? Wann wir sie lassen Eljen schrein, schrein s’ immer: Eljen Kossuth!“

Tragisches Los

„Was is mit unsan ollen Freund Willem -- is er nu endlich vanünftich worden?“

„Eben wollt er vanünftich wern -- da kam der Altersblödsinn.“

Das System

„Haben Sie eine Zigarre für mich, Herr v. Hoffmann?“

„Sagten Sie denn nicht, Sie wollten sich das Rauchen abgewöhnen?“

„Gewiß -- aber das geht nicht so plötzlich. Das Rauchen eigener Zigarren hab ich mir schon abgewöhnt.“

Das Muster

Ich hatte einen Onkel in Wien, den Onkel Aloys.

Er war eine Zierde der Familie, er war Großkaufmann.

Und dieses vorbildliche Leben: vier Tage wöchentlich verbrachte er im Kreis der Familie. Samstag, Sonntag, Montag aber -- im Sommer, im Winter, ob schön, ob Regen: Samstag, Sonntag, Montag stieg er auf die Rax. Atmete die frische Bergluft ein, schrieb uns regelmäßig eine Ansichtskarte von den Gipfeln -- und kam Dienstag früh zurück, gradeaus in die Kontore.

Immer frisch und guter Dinge. Wenn die Tante ihn lobte, wie prächtig er aussehe, da setzte sie auch gleich hinzu:

„Na ja, bei deiner Lebensweise?“

Unlängst legte sich Onkel Aloys hin und war krank zum Sterben.

Eh er aber starb, faßte er mich an der Hand und sprach:

„Lieber Neffe! Ich weiß, du hast ein Frauenzimmer. Aber, glaub mir, es is nichts mit den Frauenzimmern. Sie machen uns alt. -- Höre, mein Junge, was ich dir rate: geh drei Tage in jeder Woche in die Alpen. Sieh dir meinen Buchhalter an, wie gut es ihm getan hat! Er ist stark und jung. Seit Jahren hab ich ihn auf die Rax geschickt, meine Ansichtskarten aufgeben. Und sieh mich an: wie elend sie mich gemacht haben -- die Stadtluft und die Frauenzimmer ...“

Onkel Aloys tat einen schweren Seufzer und verschied.

Reisebekanntschaft

„Sein Sie Englishman?“

„Nein.“

„Well, mein Beileid.“

Warschau

„Herr Graf, kennen Sie den Sektionschef im Eisenbahnministerium?“

„Wenn Grjaff -- so ja; wenn njicht Grjaff -- so njein.“

Der Schlachtenmaler

„Für meine ‚Schlacht an der Katzbach‘ hab ich in Berlin keinen Käufer gefunden. Ich mal jetzt grüne Federn auf die Mützen und brings nach Wien als ‚Schlacht bei Aspern‘.“

Schrecken

Ich bin seit ein paar Tagen in Berlin.

Als ich gestern nacht, gegen zwei, in mein Hotel zurückkehrte, stand auf dem Podest des ersten Stockwerks ein Mann; ein Mann, der mangelhaft bekleidet war und seine Siebensachen unterm Arm trug; Angstschweiß stand ihm auf der Stirn; und er schrie:

„Källner! Källner! Aber Kääällner!“

Endlich meldete sich wer.

„Källner!“

„Ja, was wollen Sie denn?“

„Aber Käällner! Meine Räächnung! Ihh ljasse miir njicht gefaallen. Ihh gehhe auf Kabinet -- steht: ‚Biitte ziiehen!‘ Ihh ziehhe -- koomt mit großem Gepoolter Waasser durch eine Rohrr. Was siind das für Wiitze, einen Kavalier so erschreecken?“

Auseinandersetzung

„Sowie meine Geliebte sich von ihrem Mann scheiden läßt, hebe ich unsre Verlobung jedesmal als zwecklos auf.“

Der Lebemann

„Johann, ich geh jetzt schlafen. Machen Sie übermorgen mittag Wiederbelebungsversuche.“

Urlaub

Leutnant Hederhasy hatte drei Tage Urlaub nach Budapest gehabt und kam erfrischt und angeregt zurück.

Der Oberst -- jovial:

„Nun, Herr Leutnant? Haben Sie sich gut unterhalten? Wo sind Sie denn abgestiegen?“

„Abgestiegen, Herr Oberst?“

„Na, Sie werden doch in irgendeinem Hotel gewohnt haben?“

„Hotel, ich bitte gehorsamst? Bei Tag war ich im Café und bei Nacht im Tingältangäl.“

Der Dienstmann

„Mei Sohn is akademischer Maler, mei Tochter Klaviervirtuosin. Aber ernähren muß i’ s’ alle zwaa.“

Beschäftigung

Ins Garnisonsspital Nr. 1, Wien, rückte einst der Einjährige Doktor Wimmer ein, um sein Halbjahr als Assistenzarzt abzudienen.

„Einjähriger -- sein Sie Spezialist?“

„Jawohl, Herr Oberstabsarzt -- Gynäkologe.“

„No -- dann übernehmen S’ halt die Herren Trainoffiziere.“

Musik

Ich bot einem Wiener Operettendirektor ein neues Singspiel an.

„Von wem komponiert?“ fragte er.

„Von La Touche.“

„So, von La Touche. Sagen S’: is der Herr ein Israelit?“

„Ich glaube nicht.“

„Ja, dann wer i’s kaum aufführen können. Eine Operett von an Christen? Des wär Religionsstörung.“

Der Lebemann

„Ich bin eigentlich ein merkwürdiger Mensch: immer wieder tu ich die verlornen Mädchen aufsuchen.“

Der Gymnasiallehrer

„Käthe, heut hatte ich einen wundervollen Traum: ich gab Cicero einen Fünfer in Latein.“

Das Dichterehepaar

„Der herrliche Tag -- der Sonnenschein -- begeistert es dich nicht, Otto?“

„Ja. Ich werde was aus dem Bulgarischen übersetzen.“

Staatsprüfung

In der Wiener Konsularakademie, Diplomatenklasse.

Kandidat: Erlaucht Rainer Maria Graf Putitzki zu Putitz ab Rima.

Erste Frage: „Schlacht bei Leipzig.“

Der Kandidat schweigt.

Zweite Frage: „Schlacht bei Königgrätz.“

Der Kandidat schweigt.

Dritte Frage: „Wo sind Sie geboren?“

„In Ljembärg.“

„Wissen Sie das sicher?“

„Ja, ganz siicherr.“

„Na, dann haben Sie wenigstens eine Frage richtig beantwortet.“

Heimkehr

„Mir gangst mit dera Jagerei! Dö Wildsau, wo mir einkreist ham, dös war a Maler aus München.“

Das Symptom

„Jetzt muß also der arme Hauptmann richtig mit Gehirnerweichung ins Garnisonsspital.“

„Ich habs lang geahnt. Er war so freundlich zur Mannschaft.“

Anfrage

Die Frau Rentmeisterin von Obradowo war in gesegneten Umständen. Und fühlte sich höchst sonderbar -- anders als sonst.

Der Gemeindearzt untersuchte sie, getraute sich aber mit keiner Diagnose hervor. Er telegraphierte um den Physikus nach Gutta.

Der Physikus untersuchte die Schwangere ebenfalls.

„Gnä Frau,“ sagte er, „dösmal saans Zwilling. Aber ’s pressiert nöt.“

Und reiste ab.

Kaum war er weg -- vier Uhr nachmittag -- da kam der erste Junge.

Der Gemeindearzt ließ ihn baden, tuschierte ihm die Augen -- setzte sich ans Bett und wartete.

Wartete bis fünf. Bis sechs. Bis Mitternacht. Bis zum Morgen.

Nichts. Absolut nichts.

Mittags bekam der Physikus von Gutta folgendes Telegramm:

„~ein bub da wöchnerin ansonsten leer was tun gemeindearzt.~“

Des Leibburschen Rat

„Fuchs, jewöhn dir keene Fremdwörter an; wenn de besoffen bist, kannst de se nich aussprechen.“

Erziehung

Ich bleibe dabei: nur eine gute Kinderstube gibt uns Fond fürs Leben.

Baron Frimmel, Oberleutnant Berghammer -- aber in Zivil -- und ich -- wir gingen einmal im Prater spazieren. Eigentlich kein Spaziergang, sondern ein Gewaltmarsch zum Zweck des Lokalwechsels -- drei Uhr früh -- und wir hielten einander um die Schultern gefaßt, um nicht den Anstrengungen des Tages zu erliegen.

Drei Uhr früh. Frimmel hatte eine Dogge mit, Berghammer einen Gummiknüppel, und ich etwas Jiu-jitsu.

Hierauf wurden wir verhaftet, weil der Raseurgehilfe Kamillo Lendecke (ledig, katholisch, Novaragasse 26) mehrfache Verletzungen davongetragen hatte.

Vom Augenblick der Verhaftung an hatten wir kein Wort miteinander gewechselt.

Trotzdem sagten wir, einzeln befragt, übereinstimmend aus: Lendecke habe sich, unserm gütlichen Zureden zum Trotz, mit dem Kopf in einen Zaun von Stacheldraht gelegt.

Die drei identischen, mit ruhiger Sicherheit vorgetragenen Aussagen bewirkten denn auch unsre Freilassung.

Und wir hatten uns doch gar nicht verabreden können.

War auch nicht nötig. Was ein taktvoller Mensch ist, wird sich in jeder, noch so diffizilen Lebenslage richtig zu benehmen wissen.

Unberührte Naturzustände

„Sehn Se: die Amerikaner haben ihren Yellestonnationalpark; un wir in Deutschland haben die beiden Mecklenburg.“

Väterlicher Rat

„Du bist nun alt genug, mein Sohn -- sieh dich um eine Frau um!“

„Um wessen Frau, Papa?“

Ehestand

„Also sieh nur, in was für Ungelegenheiten du mich bringst, Melanie! Jetzt muß ich mich mit meinem besten Freund schießen.“

Verwandtschaft

„So -- das also sind Ihre Brüder. Und die Dame? Ist wohl eine Schwägerin?“

„Nein, eine Norwegerin.“

Cetinje

Als der König von Italien zum erstenmal bei seinem Schwiegervater in Montenegro einzog, Nikolaus dem Ersten -- hei, war das ein Empfang! Jung und alt begeistert -- und Viktor Emanuel warf Gold- und Silbermünzen in die Menge.

Viktor Emanuel sah nach seinem Schwiegervater, um ihm zu danken -- -- kein Nikolaus weit und breit.

Nikolaus hatte sich unters Volk gemischt und balgte um die Münzen.

Provinz

Der Dirigent hat mit seiner Kapelle geprobt.

„Es geht vorzüglich, meine Herren,“ sagt er, „ich bin sehr zufrieden. Nur eins: es ist ~D~-Dur, meine Herren -- ~D~-Dur, nicht ~G~-Dur.“

Bohême

„Hast du alles eingepackt, Mieze?“

„Ja. Nur den Kamm hab ich dir draußen gelassen. Du wirst ihn vielleicht noch brauchen.“

„Ich bin doch nicht wahnsinnig, daß ich mich zweimal kämmen werde.“

Unterricht

Einmal in der Kadettenschule fragte mich Oberleutnant Zwertschek, Lehrer der deutschen Sprache:

„Zeegling! Was fir ein Unterschied is zwischen den Zeitwertern ‚bekommen‘ und ‚erhalten‘?“

Ich sagte: ‚bekommen‘ und ‚erhalten‘ -- eins wär wie das andre.

„Schlecht,“ sagte Oberleutnant Zwertschek, „es is nicht dasselbe. Denn bekommen kann man bald eine Frau; aber darum muß man sie nicht gleich erhalten.“

Basel

Ich fragte:

„Hierzuland nennt man die Kellnerinnen Saaltöchter?“

„Sie irren,“ sagte mir ein Kenner. „Saaltochter und Kellnerin ist nicht dasselbe. Die Kellnerin kann man nachher sitzen lassen -- die Saaltochter muß man heiraten.“

Der Ehelustige

„In erster Linie kommt et uff ene diskutable Mitjift an; det Licht im Schlafzimmer kann man ja abdrehn.“

Verbrecherfang

Der Diplomat muß Komplikationen einfach aus der Welt zu schaffen wissen.

Einst bekam der russische Gesandte in München einen ziemlich lästigen Auftrag aus Petersburg: er sollte den Untertan Ossip Nikolajewitsch Bninski verhaften lassen; als welcher Bninski zurzeit im Münchner Orpheum als Damenimitator auftrete und bezichtigt sei, in seiner Heimat etliche Taschendiebstähle verübt zu haben.