Part 6
„So?“ sagte der Hirt zu meinem Burschen -- „so ist die Sache? Umsonst soll ichs tun? Dann soll sich der Herr Leutnant nur hübsch selber blasen.“
Sprachs und tat nie, nie mehr einen Ton.
Eheirrung
Mein Freund Krottinger kam Mittwoch spät nacht aus Dresden heim nach München. Er fand die Wohnung finster, versperrt und verlassen.
Mittwoch nacht -- er diagnostizierte ganz richtig: ~bal paré~.
Er zog einen Frack an und ging ins Deutsche Theater. -- Die Frau war nicht da.
Von bösen Ahnungen getrieben, suchte Krottinger sie im Hotel Westminster und erhielt durch Bestechung der Dienerschaft Zutritt in ihr Zimmer.
Frau Krottinger war nicht allein, sondern lag zu Bett.
„Gott, Männchen,“ sagte sie, „ich hatte sonne Kopfschmerzen ...“
Technik
Ich zeigte dem jungen Grafen Mollnow das neue Automobil.
Er fragte:
„Welches System?“
„Darraque.“
Da sprach er nachdenklich:
„Mein Bruder hat einen Benzwagen. Ich habe übrigens gar nicht gewußt, daß man das Zeug auch mit Arrak treiben kann.“
Taxe
Sofia ist eine ungemein interessante Stadt. Ich durfte dort auch einer gruseligen Geheimsitzung der makedonischen Komitadschi beiwohnen. Ich war Zeuge, wie vierzehn Todesurteile gegen Verräter und politische Gegner gefällt wurden.
Nach der Sitzung kreiste ein Teller -- man sollte Beiträge stiften für die Komiteekasse.
Ich stiftete zehn Franken.
„Verzeihung,“ sagte der Präsident, „Sie müssen noch vier Franken zulegen; der Eintrittspreis beträgt einen Frank per Todesurteil.“
Das vornehme Regiment
„Lieber Fähnrich, ich habe dich gestern mit einem Neunerulanen sprechen sehen. Bitte, sei etwas wählerischer! Für einen Siebzehnerhusaren ist ein Neunerulan kein standesgemäßer Verkehr.“
Ein Irrtum
Herr Kommerzienrat Löwinger führte mich auf seinem Besitz um. Wunder-, wunderschön -- die Villa und der Park.
Im Park zeigte er mir seine neueste Erwerbung, „was er in Rom gekauft hat: de Wölfin, wie se grad säugt ’n Romeo un de Julia.“
Soldatenleben
Ich stand einst, im Manöver wars, auf der Dorfstraße und blickte in die Ferne.
Da sah ich -- weit unten irgendwo -- aus einem Tor einen Infanteristen rausfliegen. Offenbar durch einen Fußtritt befördert. -- Na, so was kommt ja vor.
Nach einer Weile -- was fliegt aus demselben Tor? Ein Infanterist.
Und eine Minute darauf ein dritter.
Ich fragte einen Unteroffizier:
„Um Himmels willen, was geht denn da unten vor?“
„Nichts besondres,“ sagte er. „Da hält unser Herr Regimentsarzt Krankenuntersuchung.“
Der Skeptiker
Ein Hauptmann in Berlin schenkte seinem Offizierburschen ein Billett für den Zoologischen Garten.
„Na, Krischpinski,“ fragte der Hauptmann am Abend, „wie hat’s dir denn da gefallen?“
Krischpinski lächelte überlegen.
„Schwiendel, Cherr Chauptmann. Alljes Schwiendel. Ssolche Tiere in Wirkljichkeit gibts garr njicht.“
Die Patrioten
Am 27. Oktober 1866 -- Österreich hatte kurz vorher Venedig an Napoleon III. abgetreten -- kam es zu einer Volksabstimmung über die Frage: ob Venedig an Italien fallen sollte oder nicht.
Es entschieden sich
für Italien 681758 Stimmen, für Österreich 69 Stimmen.
Es ist einwandfrei festgestellt, daß jene 69 Freunde Österreichs Uniformschneider waren, die noch große Vorräte von dunkelblauem Tuch liegen hatten.
Dichtkunst
Der Herr Präsident würdigte mich einiger leutseliger Worte.
„Sie sind wohl ’n Künstler?“
„Jawohl, Herr Präsident; Schriftsteller.“
„So. Na -- und was schreiben Sie denn?“
„Für die ‚Jugend‘ ...“
„Ach -- ene männliche Thekla v. Jumpert?“
Der Käufer
„Bitte, zeigen Sie mir mal Armbänder! Aber ganz was billiges -- es ist für meine Frau.“
~A. E. I. O. U.~
Dereinst verbot die Wiener Zensur ein Stück von mir und Väterchen Rößler.
Ortskundige rieten uns: wir sollten uns beschweren gehen.
Wir gingen auf die Statthalterei.
Ein wilder Regierungsrat empfing uns.
Und schrie:
„Beschwerde?? Schön. Aber das sag’ ich Ihnen: Ihr Stück wird nicht aufgeführt werden, solang Österreich steht.“
Da sagte Väterchen Rößler:
„Gut, dann warten wir halt noch die paar Wochen.“
Der Ausweg
Als Kulicke (~Vandaliae~) das ~Delirium tremens~ kriegte, hatten wir im Sanatorium unsre liebe Not mit ihm. Er wollte durchaus kein Veronal nehmen.
Zum Glück war unter den Assistenzärzten ein alter Korpsier. Er brummte dem Patienten einen Bierjungen, und die Sache war gemacht.
Scharfes Manöver
„Herrgott, heut muß a hohes Tier hier sein. Heut riechen sogar die Exzellenzen nach Schweiß.“
‚~LERNE ZU LEIDEN OHNE ZU KLAGEN~‘
-- so lautet die goldne Inschrift an der Gedächtniskirche.
Eines Tages löste sich einer der goldnen Buchstaben, das ~K~, irgendwie ab. Der Pastor ließ einen Maurer holen und gab ihm den Auftrag: die Inschrift in Ordnung zu bringen.
Am nächsten Tag las man:
‚~LERNE ZU KLEIDEN OHNE ZULAGEN~‘.
Der Fremde
Der selige Schönaich saß einst in Karlsbad auf einer Bank am Ufer der Tepel.
Da kam ein Fremder und setzte sich dazu.
Lange blieb der Fremde stumm.
Endlich sprach er:
„De Brück is ä Glück über dem Wasser.“
Und ging.
Der selige Schönaich hat bis an sein Ende der Bedeutung jenes Ausspruchs nachgesonnen.
Fragment
Gebildete Menschen sprechen leise -- -- weil man das nicht laut erzählen kann.
Das Reiseabenteuer
Major Wandel fuhr von Krakau nach Wien.
Unterwegs stieg ein Mann mit Ringellöckchen ein.
Der Mann breitete zahlreiche Zeitschriften vor sich aus: Berliner, Wiener Journale, illustrierte Blätter und ein Fachblatt für Aviatik.
Und der Mann las.
Der Herr Major langweilte sich, gähnte, streckte sich, rauchte und dachte:
„Dieser Mann ist ein Jud. Aber offenbar ein besserer: er fährt erster Klasse und interessiert sich für das Flugwesen. Ich werde ihn anreden.“
„Na,“ sagte der Herr Major leutselig, „jetzt kommt ja bald die Zeit, wo wir beide fliegen werden.“
Darauf der Mann erstaunt:
„Beide fliegen? Haben denn Sie auch nur ä Billett dritter Klasse?“
Der Dolmetsch
Instruktionsstunde bei Molinariinfanterie in Budapest.
Der Herr Hauptmann:
„Soldaten! Disziplin ist die schwellende Knospe, aus der die köstliche Rose Subordination sprießt. Feldwebel, übersetzen Sie das ins Ungarische!“
Geschäft
Als ich noch in Essegg diente, mußt ich einmal ein Pferd verkaufen und verkaufte es einem Mann mit Namen Kuhner.
„Was?“ riefen die Thebaner, „Kuhner haben Sie ein Pferd verkauft? Von dem kriegen Sie niemals Geld.“
Nachmittag kam Kuhner und zahlte den Kaufpreis bei Heller und Pfennig.
Er machte runde, gerührte Augen dazu und sagte:
„Wissen S’ -- es is nur wegen ein andresmal.“
Liebeserklärung
„Fräulein, ich bete Sie an. Verraten Sie mir, wo und wann Sie wohnen.“
Der Grenzer
Ich sah bei Leutnant Wukowitsch -- der doch, bei Gott, kein Multimillionär ist -- eine prachtvolle Uhr.
„Ja,“ sagte er, „die Uhr ist schön. Mein Großvater, Korporal Wukowitsch, hat sie im Jahr 48 beim Sturm auf Mailand zum Geschenk bekommen.“
Nachruf
Kurz vor dem Weltkrieg ist in Skutari Monsieur Ibrahim Popowitsch gestorben.
Nach einem bewegten Lebenslauf (er war von Geburt Serbe und hatte sich aus einem frommen Moslem zum glaubenseifrigen Katholiken entwickelt) -- nach schrecklichen Anfeindungen seiner Mitbürger (die sieben Völkern angehören) endete Popowitsch als einer der mutigsten Vorkämpfer Österreichs auf dem Balkan.
Monsieur Ibrahim Popowitsch war die österreichische Partei in Albanien; er war jene ungeheure Volksmenge, die an habsburgischen Festtagen jubelnd und huldigend vor dem österreichisch-ungarischen Konsulat wogte; er trug jene vielberufene Sehnsucht der Balkanvölker nach dem österreichischen Befreier im Herzen.
Und all das für einen Ehrensold von 2 ~K~ 30 ~h~ täglich. Möge die Erde seiner vielgeprüften Asche leicht werden!
Einquartierung
„So’n Manöver ist wohl sehr anstrengend, Herr Leutnant?“
„Im Dienst nich mal -- da jiebt es Rasttage. Aber täglich ne andre Familie amüsieren.“
Ein Mißverständnis -- nichts weiter
Vor vielen Jahren einmal forderte der Regierungspräsident in Breslau von einem seiner Landräte Bericht ein über Herrn v. Wozinski.
Der Landrat schrieb:
Wozinski sei ein untadeliger Ehrenmann, doch eine Poloniusnatur.
Hierauf ließ der Regierungspräsident Herrn v. Wozinski rufen; und sagte:
„Mein lieber Herr, ich muß Sie dringend ersuchen, Ihre politischen Quertreibereien einzustellen. Ich dulde in meinem Amtsbereich keine Poloniusnaturen. ~Finis Poloniae~, mein lieber Herr!“
Bewunderung
Mein Freund Fedor Dawidowitsch ist Maler.
Einst saß er -- auf dem Land, in der Nähe von Kiew -- vor seiner Staffelei und pinselte einen Sommermorgen.
Da kamen die Bauern und guckten ihm zu und staunten.
„Väterchen,“ riefen sie, „was mußt du Prügel bekommen haben, eh du dies Handwerk erlernt hast!“
Entgegenkommen
Gestern kam Kornauer zu mir (der Schwankdichter Kornauer, nicht der Fahrradhändler) -- legte mir den Stoff zu einem neuen Lustspiel vor und fragte mich: ob ich mit ihm in Kompagnie gehen wolle?
Ich las das Ding und sprach:
„Herr Kornauer, Ihr Stück wird Aufsehen erregen. Eine verteufelt wirkungsvolle, köstlich originelle Fabel. Reizend, packend, interessant. Aber -- mit Ihnen daran arbeiten kann ich nicht. Denn die Art, wie Sie Probleme stellen und lösen, widerspricht meiner Lebensanschauung.“
„Ach, wenn Ihnen sonst alles paßt,“ sprach Kornauer mild und höflich, „-- meine Lebensanschauung kann ich gern in dem von Ihnen gewünschten Sinn ändern.“
Handel
Unlängst bekam ich eine Preisliste aus Galizien:
Schöne hübsche Suppenkrebse Dtzd. 12.10 Feinste beste Tafelkrebse „ 13.50 Soloware, prima springlebig „ 15.00 Hochsolo primissima staunenswerte Wundertiere „ 16.00 -- dieselben mit zwei Scheren „ 16.60 -- dieselben wirklich lebend „ 17.20
Das Kunstwerk
Der Sekretär der Alten Galerie in Palermo, mein lieber Freund, kam eines Morgens merkwürdig aufgeräumt daher.
„Denk dir,“ rief er, „einer unsrer Tintorettos hat sich als echt entpuppt.“
„Und?“
„Und nun verkaufen wir ihn nach London.“
Am nächsten Tag kam er wieder und seufzte:
„Ach, es war nur Täuschung.“
„Und?“
„Und nun geht er nach Berlin.“
Fragment
Religion ist die Aktie eines riesenhaften Syndikats. In Zeiten der Not schneiden die Gläubigen Coupons ab.
Hoffnung
Ich besuchte in Berlin meinen Verleger.
Wie denn meine Bücher gingen?
„Gott,“ sagte er, „soso lala. Aber ich verliere den Mut nicht. Sehen Sie, Bierbaum wird erst gekauft, seit er tot ist. Auch Ihre Zeit wird kommen, lieber Roda!“
Und er sah mich mit zuversichtlichen Augen an.
Junggesellenleben
Die nervösen Anfälle meiner Tante haben mich eines Tages in eine ziemlich peinliche Lage gebracht.
Tantchen besuchte mich -- ich lebte damals in Graz -- und bekam ihren nervösen Anfall. Ich räumte ihr sofort mein Schlafzimmer ein, verdunkelte es und bat Tantchen, ein wenig zu ruhen. Ich würde unterdessen arbeiten -- meine Maschinschreiberin kommt um zehn Uhr.
Um zehn Uhr kam meine Maschinschreiberin. Huschte auf leisen Zehen gradenwegs in das verdunkelte Zimmer und drückte einen warmen Kuß auf Tantchens zitternden Mund.
Der Richter
„Heute war bei uns ein Mann angeklagt wegen Beleidigung des Herrn Ministers. Wir mußten ihn verurteilen. Wir haben ihm aber unwiderstehlichen Zwang zugebilligt.“
Frühling
Das Fräulein:
„Sie sind ja ein so gewandter Mensch, Herr Pfleiderer: raten Sie mir, wie ich mich Ihrer erwehren könnt.“
Die Methode
Eines Tages wollte der Herr Primararzt auf Urlaub fahren. Ließ den Assistenten kommen und sagte ihm:
„Sie, Doktor Grünfeld -- der Mann da im dritten Bett wird morgen sterben. Er hat eine ungemein interessante Leber -- bitte, präparieren Sie mir sie heraus und härten Sie sie in Formalin -- ich brauche die Leber nächste Woche zu einer Vorlesung.“
Und dann fuhr der Herr Primararzt.
Als er nach acht Tagen wiederkam, war seine erste Frage:
„Grünfeld! Wo ist meine Leber?“
„Entschuldigen, Herr Professor -- der Mann lebt.“
Da wurde der Primararzt aber wild.
„Natürlich,“ schrie er. „Den haben Sie wieder nach eigenem Kopf behandeln müssen.“
Fragment
Es gibt nur einen wirklich guten Detektiv: die Dummheit der Verbrecher.
Kriegsrecht
„Der Mann weiß etwas über uns. Hängen wir ihn auf!“
Bildungsdrang
Mein Vetter kam als Einjähriger zu Sardiniendragonern. Da fragte ihn der Schwadronschef:
„Sie sind Archäolog, Einjähriger? Wo haben Sie denn studiert?“
„In Berlin, Herr Rittmeister, in Paris, Wien, London und Rom.“
„Na, hören Sie, Einjähriger -- dieses Herumvagabundieren wirft aber nicht grade das günstigste Licht auf Ihren Charakter.“
Beleuchtung
Ich trat um elf Uhr abend ins Restaurant. Kein Mensch mehr da.
„Kellner, eine Pulle Sekt!“
Er knipste die Beleuchtung an, verbeugte sich und sagte:
„Eine Pulle Sekt -- jawohl -- bitte sehr.“
„Halt, Kellner! Kann ich nicht eine halbe Flasche haben?“
Er drehte stumm die Hälfte der Lampen ab.
Der Damenschneider
„Einer schönen Frau kreditiere ich gern. Sie trägt die Sicherstellung in sich.“
Der Menschenfeind
Als ich noch in Essegg diente, hatten wir einen Hauptmann, der war ein überzeugter Junggeselle.
Einmal, beim Batterierapport, sagte er einem Ersatzreservisten:
„Sie sind Familienvater -- nicht wahr? Möchten heute bis zwölf Uhr nacht ausbleiben -- nicht wahr? Ein kleines Liebesabenteuer während der Waffenübung -- was? Krank werden, heimkommen, Frau und Kinder unglücklich machen -- he? Ja, mein Lieber, ja, gern. Ich gebe Ihnen die Erlaubnis bis zwölf Uhr, Sie Schwein!“
Fragment
An Deutschlands politischem Verfall ist Ein Mann schuld: du.
Süd und Nord
Wir erörterten im Café ein beliebtes Thema: die künstlerische Kultur von Wien und Berlin.
„Segen S’,“ sagte Mitterhuber, „ein ungeheurer Unterschied is scho: wann in Berlin a Künstler verhungert, kümmert sich ka Mensch um eahm; in Wien, wanns passiert, stengen Hunderte um eahm herum und bedauern eahm, mit die Händ in die Taschen.“
Der Ehrliche
„Herr Graf, Sie schulden mir seit Monaten zwanzigtausend Mark. Da wärs doch endlich an der Zeit, daß Sie mir wenigstens einen Wechsel über die Summe ausstellen. Das Formular hab ich gleich mitgebracht.“ --
„Mit Vergnügen, Herr Silberstein. Aber ich mache Sie aufmerksam: solch ein Formular kostet fünf Mark. In dem Augenblick aber, wo ich meine Unterschrift darauf gesetzt habe, ist es völlig entwertet.“
Gesellschaft
„Heute geben wir ein Souper. Zwanzig Menschen kommen. Achtzehn davon sind mir verhaßt.“
Die Zelebritäten
Als Maxim Gorki die Nachricht von Tolstois Tod empfing, fiel er in Ohnmacht -- und als man ihn laben wollte, weigerte er sich, Nahrung zu sich zu nehmen.
Man erzählte diesen Vorgang dem großen Gabriele d’Annunzio.
Er rief:
„Himmelherrgottsakra -- diese Komödie habe doch grade ich aufführen wollen.“
Willi
Wir jagen unserm Willi nach -- er soll doch heute den Glückwunsch an Onkel Ulrich schreiben.
„Fällt mir nicht ein,“ sagt er frech.
„Aber, Willi! Wo Onkel Ulrich immer so freundlich gegen dich ist? Erst gestern hat er dir das schöne Schiff geschenkt. Da müßtest du dich wohl sehr schämen, ihm nicht gratuliert zu haben.“
„Ach was,“ sagt Willi, „eh ich mich hinsetz und zwei Stunden schreib -- lieber schäm ich mich.“
Christentum
Auf der Villa meines Freundes steht ein hübscher Hausspruch:
„Tritt in Jesu Namen ein, Und du wirst willkommen sein. Bist du arm und bist du reich -- Uns gilt es gleich.“
Und darunter:
„Betteln und hausieren verboten.“
Literatencafé
„Was halten Sie von unserm jüngsten Dichter?“
„Eine schwache Begabung -- alles nur halb, nichts ganz. Nicht einmal ganz talentlos ist er.“
Das Geschenk
Wir berieten, was wir Tante Laura zum Geburtstag schenken sollten, und konnten nicht übereinkommen.
„Wißt ihr -- was?“ schlug ich vor. „Tante Laura soll sich einfach selber was wünschen.“
Sie zierte sich lang.
Endlich sprach sie:
„Ihr lieben Kinder -- wenn es wirklich sein muß -- und wenn ihr durchaus wollt -- und wenns nicht zu teuer ist -- so möchte ich gern einen kompletten Beethoven.“
„Aber Tantchen,“ rief ich, „was fängst du mit einem kompletten Beethoven an? Du bist ja gar nicht musikalisch.“
„So?“ sagte Tantchen ganz verdutzt. „Ist das Musik? Ich dachte, es wäre ein heizbares Betpult.“
Fragment
„Feurig von Ideen brennen Ist Dalles. Ihren praktischen Wert erkennen Ist alles.“
Einer nach dem andern
Mein Freund Pick war auf der Jagd in Ödenburg.
Plötzlich, beim ersten Trieb, kriegt Pick ein paar Schrote an die Beine.
Pick lacht und sagt seinem Nachbarn, einem Husaren:
„Herr Rittmeister, wann S’ mi umbringen wollen, müssen S’ scho a wengerl höher halten.“
Beim zweiten Trieb prescht der Rittmeister dem Pick eine in den Lodenrock.
Krawall: Pick verbittet sich das -- der Husar wird unartig. Andre Herren suchen zu vermitteln.
„Nein,“ sagt Pick, „i will mich mit ihm schießen. Aber jetzt komm i dran -- er hat schon zweimal geschossen.“
Die Juristen
„Herr Kandidat, legen Sie mir den Unterschied dar zwischen Privatehrenbeleidigung und Majestätsbeleidigung.“
„Bei Majestätsbeleidigung darf man nicht den Wahrheitsbeweis führen.“
Die Sprache des Berufes
„Ist Ihre Braut brünett, Herr Rittmeister?“
„Nee -- Schweißfuchs, stark stichelhaarig.“
Die Kur
Mein Freund Peter trinkt ein wenig. Da quälten die Tanten ihn so lange, bis er sich zu einer Entziehungskur bequemte.
„Wieviel Wein konsumieren Sie täglich?“ fragte der Anstaltsarzt.
Freund Peter pflegt fünf Flaschen zu trinken, sagte aber vorsichtshalber: zehn.
Hierauf gab man ihm eine Woche lang acht Flaschen, dann sieben und sechs.
Als er wieder bei fünf angelangt war, seiner alten Tagesgebühr, wurde er gebessert entlassen.
Die babylonische Witwe
„Edgar,“ sprach sie, „du hast mich vor meinem Personal kompromittiert -- wenn du ein Ehrenmann bist, wirst du mich heiraten.“
„Kind, genügt es nicht, daß du das Stubenmädchen wechselst?“
Der Vater
„Siegfried, mein Kind, deklamier ämal das scheene Gedicht, was anfangt mit: Wie? Wos? Wo?“
„Vater, meinst du: ~Vivos voco, fulgura frango~ ...?“
„Ja, mein Kind.“
Die Königin
Einmal gabs in Wien ein ‚Rosenfest unter dem Protektorat Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Durchlauchtigsten Erzherzogin X...‘ (der Name ist mir entfallen). Man wählte eine Rosenkönigin und umgab sie mit einem Hofstaat von vierundzwanzig jungen Damen der Gesellschaft.
Bald aber stellte sich heraus, daß die Rosenkönigin von Wien niemand anders war als die bekannte angestrichene Anna von der Kärntnerstraße.
Wieder ein Beweis, wie sehr die Professionals den Amateuren überlegen sind.
Erpressung
„Frau Rummel, um Himmels willen, Sie kriegen a Kind? An ehrsame Wittib -- in Ihrem Alter?“
„Von meinem Zimmerherrn, dem Gauner. Wann i net mag, sagt er, ziegt er aus.“
Versorgung
„Sie in Ihren Greisenjahren reisen noch ins Bad?“
„Ich bin ja hier als ältester treuer Kurgast engagiert.“
Fremdenverkehr
Ich fuhr mit Mr. Smith nach dem Hofbräuhaus.
Mr. Smith ließ sichs nicht nehmen, die Droschke zu bezahlen.
„Uiviel?“ fragte er.
Der Kutscher sagte:
„92 M. 50.“
„Aber der Taxameter beueist 71 M. 80.“
Gut, 71 M. 80.
Eh er wegfuhr, fragte mich der Kutscher:
„Jetz wieso kann der Engländer dö deutschen Ziffern lesen?“
Literatur
„Hüten Sie sich vor geistiger Arbeit.“
„Oh, da feit si nix, Herr Dokter -- i bin Dialektlyriker.“
Die Presse
Redaktionssitzung der ‚Wiener Tagespost‘. Sie galt einem wichtigen Tagesereignis, dem Hirtenbrief des Kardinals.
Der Herr Chef befahl dem Volontär:
„Isidor, rufen Sie erein den Portier! Denn warum? Mir kennen uns in Kirchenangelegenheiten doch nix aus.“
Balkan
Mein Freund Kromar und ich durchquerten einmal Montenegro.
Da kamen wir zu einem Wojwoden und blieben bei ihm.
Wir fühlten uns wohl. Schnaps, Brot, sogar Fleisch -- nichts fehlte zu unserm Glück.
Nur störte mich, daß der Wojwode meinen Freund auffallend bevorzugte. Er redete ihn ehrfurchtsvoll an, mich aber duzte er.
Warum?
„Ja,“ sagte der Wojwode, „dein Freund Kromar ist ein vornehmer Herr, er kann nur deutsch. Du aber? Dich verstehe ich. Und ich weiß, was ich von Leuten zu halten habe, die meine Sprache reden.“
Der Lebemann
„Herr Silberstein, warum heiraten Sie nicht -- ein so strammer, junger, reicher Mann?“
„Stramm, jung und reich -- das sind doch drei Gründe, ledig zu bleiben.“
Das Rassemerkmal
„Sie sind Schwedin, Gnädigste? Wann waren Sie mit Strindberg verheiratet?“
Die Gnädige
Herr Willibald Dräsicke, Fabrikant aus Hannover, kam in sein Berliner Stammhotel und sprach:
„’n Zimmer!“
„Ein oder zwei Betten, Herr Dräsicke?“
„Zwei. Meine Frau kommt mit dem Nachtzug aus Hannover nach.“
„Können wir der Gnädigen vielleicht nach ihrer Ankunft gleich das Zimmer anweisen? Wie sieht die Gnädige aus? Blond? Schwarz? Klein? Groß?“
„Donnerwetter,“ sagte Dräsicke, „das kann ich doch jetzt noch nich wissen.“
Sport
„Polo spielen muß net a jeder Gebildete; aber Reschpekt vor an Polospieler muß a jeder Gebildete haben.“
Anthropologie
„Herr Professor haben den Winter in Borneo verbracht?“
„Ja -- wir haben Grabungen veranstaltet, um das Zwischenglied zu finden zwischen Menschen und Affen.“
„+Unter+ der Erde?“
Regierungskunst
Der Bezirkshauptmann von Lopatow in Ostgalizien erhielt von der Statthalterei den Auftrag: ‚die ruthenische Propaganda im Bezirk zu unterbinden, insbesondere auch dahingehende Volksversammlungen nach Tunlichkeit zu verhindern‘.
Er erschien ein paar Tage darauf persönlich auf der Statthalterei.
„Nun, Herr Bezirkshauptmann?“
„Exzellenz, alljes georjdnet. Versammljungen schonj verbottjen.“
„Aus gesetzlichen Gründen?“
„Weggen Scharlach, Exzellenz.“
Der Statthalter atmete auf.
„Richtig, wir haben ja, Gott sei Dank, Scharlach. Für diesmal ists also gegangen. Was werden wir aber nächstens tun, Herr Bezirkshauptmann?“
Da warf sich der Bezirkshauptmann in die Brust.
„Exzellenz,“ rief er, „so weitj verdinne ichj Ihren Vertrauen, daß so lang ichj die Erre chabbe, zu sein Bezirkschauptmann von Lopatow, wirr werrden immer chabben den nötigen Scharlach.“
Zensur
Man hatte mir in Wien ein Stück verboten.
Ich ging aufs Polizeipräsidium und sagte:
„Ich werde natürlich Einspruch gegen das Verbot erheben.“
Der Herr Polizeipräsident lächelte. Und fragte mich:
„Wie wollen Sie denn das machen?“
„Nun,“ sagte ich, „ich werde die Gründe des Verbots widerlegen.“
„Wissen Sie denn die Gründe?“
„Sie stehen doch in der amtlichen Entscheidung.“
Da lachte der Herr Polizeipräsident aber, daß er fast geborsten wäre.
„Mensch,“ rief er, „die amtliche Entscheidung enthält doch nur Ausreden. Die Gründe behalten wir immer für uns.“
Der Rittmeister
„Kerl, Sie sind doch nicht der Schwadronskoch, daß Sie dreckig wie eine Sau herumlaufen dürfen.“
1913
„In Berlin ham wa vier Genies: Scherl, Aschinger un Sudermann.“
Psychiatrie
Unlängst erhielt ich die Erlaubnis, die Landesirrenanstalt zu besichtigen. Ich durfte durch alle Säle gehen und mit allen Kranken sprechen.
Im siebenten Saal begegnete mir ein Mann in langem, grauem Kittel, mit entsetzlich stierem Blick.
„Sie Armer,“ fragte ich ihn erschüttert, „wie lang sind Sie denn schon hier?“
Er lächelte und sagte:
„Verzeihen Sie, ich bin der Anstaltsarzt.“
Ich war bodenlos verlegen und erschöpfte mich in Entschuldigungen.
„Oh, bitte, bitte,“ sagte der Vorstand, „eine solche Verwechslung kann einem Fremden bei uns schon passieren. Die Ärzte in den Irrenanstalten unterscheiden sich ja von den Patienten nur durch die Vorbildung.“
Diplomatie
Die Frau Legationsrätin erzählte mir:
„Der französische Botschafter hat uns zweimal nacheinander zum Frühstück geladen. Wir müssen uns revanchieren.“
„Sie geben nun auch ein Frühstück, Gräfin?“
„Es macht zu viel Umstände. Wir werden Konzessionen in Persien machen.“
Die Flucht
Drei Insassinnen der Troppauer Irrenanstalt hatten beschlossen, auszurücken. Sie schnürten ihre Bündelchen, legten sie gegen Abend an die Gartenmauer -- und wenns dunkel wird, gehts los.
Eh es aber losging, flüsterte die gute alte Heubauerin:
„Warts noch ein bißl!“
Lief hinauf in die Direktion und sagte: