3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Part 7

Chapter 73,509 wordsPublic domain

Man philosophiert, wie gesagt, über alle diese Dinge, aber man handelt nicht; man begnügt sich mit dem heuchlerischen Grundsatz: »Was mich nichts angeht, rühr' ich nicht an«, man forscht den Ursachen nicht nach, die die Vertreterinnen der »Ideale« zu den niedrigsten Geschöpfen gemacht haben! _Die Prostitution ist ja immer noch das einzige Ableitungsrohr, um der Arbeitsnot und dem Mangel an weiblichen Berufsarten abzuhelfen und einzulenken in andere Wege._

Ich sprach kürzlich mit einem sehr vornehmen _konservativen_ Herrn, der selber Vater von zwei Töchtern ist. »_Das thut ja nichts_,« meinte er menschenfreundlich, »_daß die Löhne für weibliche Arbeiter so gering sind; die Frau findet immer Mittel und Wege, um sich durch einen Schatz das notwendigste geben zu lassen, dumm genug, wenn sie einen wählt, der nichts hat! Der Mann aber kann das nicht, darum muß er mehr verdienen als die Frau!_«

Und ein anderer Menschenfreund, ein Apotheker, der nebenbei Millionär ist und seine 6 älteren Töchter mit 18 Jahren durchschnittlich verheiratet hatte, sagte mir: »Ich kann gar nicht begreifen, warum man eine Frauenfrage für nötig hält und behauptet, den Frauen stünden nicht genug Berufe offen. Ich habe sieben Töchter und habe mir nie Sorge gemacht, um für sie Berufsarten herauszufinden; ich habe sechs Mädchen verheiratet und hoffe, daß auch die jüngste einen Mann finden wird, ohne einen Beruf ergreifen zu müssen.«

Man weiß nicht, soll man darüber lachen oder empört sein, ich glaube, die Millionen haben den Mann so dumm gemacht!

Aber so ist es, die Frauenfrage ist eine Ausgeburt verrückter Köpfe und die Prostitution ein weiblicher Beruf! Man lernt immer wieder Neues! --

Ich besuchte auch öfters die »Linde«, ein großes Tanz-Etablissement anständigster Art; hier verkehrten ausschließlich Fabrikmädchen und Fabrikarbeiter, einige Unteroffiziere und geringe Kaufleute.

Der Ton war anständig, die Mädchen saßen ruhig an den Tischen und unterhielten sich, ab und zu einen Tanz machend, wozu sie ihr Kavalier unter einer Verbeugung abholte und ebenso höflich zurückführte. Die Mädchen tanzen hübsch, selbst graziös, es kam nie zu wilden Hopsereien, wie es in Bauernschenken vorkommt; es wurde sehr wenig getrunken, ich fand hier, wie auch im »Bellevue«, daß die Arbeiterinnen häufiger sogar Kaffee als Bier tranken. In beiden Lokalitäten war, wie gesagt, das Arbeiterelement stark vertreten, Militär dagegen kaum anzutreffen.

An einem der Sonntage hatte ich in der »Linde« ein neben mir sitzendes Mädchen beobachtet, das »herrenlos« hingekommen war und fremd zu sein schien. Sie sah furchtbar dumm aus, wagte kaum, um sich zu sehen und schien noch keinen Schatz besessen zu haben. Es dauerte nicht sehr lange, bis ein »Herr« sich zu ihr setzte, ihr ein Glas Bier kommen ließ und sie in den Bann seiner Beredsamkeit zog. Ich verlor sie aus den Augen und hatte nur noch bemerken können, daß sie dem Verführer schon viel freundlicher antwortete und auf dem besten Wege war, mit ihm »gut Freund« zu sein.

Am Sonntage darauf besuchte ich das »Elysium«, ich traf dort jenes Mädchen, das wieder allein an einem Tisch saß. Heute blickte sie schon viel kühner um sich, sie lachte jeden an, der sie ansah; sie trug eine Korallenkette, rosa Schleifen an der Brust und im heute gelockten Haar, das vor 8 Tagen einfach gescheitelt war. Sie hatte jedenfalls an dem einen Nachmittage viel »gelernt«, sie war auf dem besten Wege, abwärts zu kommen. An jenem Nachmittage tanzte, scherzte und sprach sie mit mehreren, ließ sich auch von verschiedenen Seiten Bier bezahlen.

Ich hatte die Geschichte schon beinahe vergessen, als ich 3 Wochen später das »Colosseum« besuchte und zu meinem größten Erstaunen jenes Mädchen am Arme eines Herrn (zweifellos ein Referendar oder Lieutenant in Civil, da er Schmisse hatte) sah, fein gekleidet, mit Talmischmuck überladen, das Haar kurz geschnitten, das Gesicht bemalt. =Sapienti sat!= Sie war »klug« gewesen und hatte in Folge dessen schnell Carrière gemacht, eine »dümmere« wäre nicht so schnell »gestiegen«. --

Mehrere aus der Fabrik hatten mir geraten, da ich keinen Schatz besaß, das »Elysium« aufzusuchen, es sei dies ein Lokal, in welchem man leicht und schnell Bekanntschaften machen könne. So biß ich denn in diesen sauren Apfel und begab mich ins »Elysium«; mein Mann saß an einem Nebentisch hinter einem Pfeiler. Ich hatte mich kaum niedergelassen, als ich von einem Herrn angesprochen wurde, der mich frug, ob ich auf meinen Schatz warte; ich verneinte. »Dann können wir gleich beisammen bleiben,« fuhr er fort, »ich habe Geld, ich kann was draufgehen lassen.« Er hatte eine goldene Uhr mit schwerer goldener Kette, feingepflegte weiße Hände und trug einen goldenen Zwicker. Ich hielt ihn für einen höheren Beamten, vielleicht einen Assessor, trotzdem er mir versicherte, er sei Aufseher in einer Fabrik. Wir gehörten jedenfalls beide in die gleichen Gesellschaftskreise, glücklicher Weise ahnte mein Kavalier nicht, daß ich ihn erkannte.

Auch die übrigen Herren, die mich in den Pausen behelligten, schienen keineswegs Arbeiter zu sein, sondern sogenannte »feine« Leute. Ich merkte daher bald, daß die »leicht zu machenden Bekanntschaften« sich nicht auf die Arbeiterkreise bezogen, sondern von anderer Seite zu ganz anderem Zweck gesucht wurden. -- Ueberhaupt ist die »Sitte des Attakierens« unter den Arbeitern bei weitem nicht bekannt und beliebt, wie unter den Studenten und sonstigen jungen Herren. Man macht seine Bekanntschaft in der Fabrik, bei Freundinnen oder bei anderen festlichen Anlässen in einem Lokal; gewöhnlich werden die Schätzelosen von Bekannten mit Kavalieren versorgt, eine weniger gesuchte Art der Bekanntschaft.

Auf dem Schützenfest, das glücklicher Weise in die Zeit meines Chemnitzer Aufenthaltes fiel, fand ich die Arbeiterinnen aller Fabriken, in denen ich gewesen, vertreten. Sie zeigten ein besonderes Interesse für eine Tingeltangelbude, in welcher vier gemein und verkommen aussehende Frauenzimmer in kurzen Tricotkleidern die abscheulichsten Zoten sangen.

Trotz der Vorliebe für derartige Vergnügungen besprachen sie in vernünftigster Weise das Leben jener Tingeltangelsängerinnen und erklärten einmütig, mit keiner einzigen tauschen zu wollen.

Sie verspielen sehr viel Geld an den Würfelbuden; es geht ihnen wie den Hazardspielern; wenn sie für den Einsatz von 10 Pfennig einen Gegenstand zu 50 Pfennig gewonnen haben, so würfeln sie fiebernd weiter, immer in der Hoffnung, noch weiteres zu gewinnen; zuletzt haben sie ihren Gewinn doppelt so hoch bezahlt, als sie in einem Laden für den gleichen Gegenstand gegeben hätten.

Die meisten der Mädchen spielen in Lotterien, und wenn der Einsatz auch nicht hoch ist, so ist der Verlust von 2 oder 3 Mark allmonatlich für sie doch kein geringer Schaden. Sie hoffen alle auf das große Los oder wenigstens auf einen Gewinn, der es ihnen ermöglicht, von ihrem Gelde zu leben. Ich kannte alte Frauen, die angestellt waren zur Reinigung der Fabrikräume, frühere Arbeiterinnen, die seit 30 Jahren in der Lotterie spielten, die sich alles am Munde absparten und die Hoffnung auf den großen Gewinn doch nicht fahren ließen.

Wenn ich die Vergnügungen der Arbeiterinnen im Geiste resumiere und in Vergleich ziehe mit der Arbeitszeit der ganzen Woche, so muß ich betonen: _daß die Vergnügungssucht der Mädchen aus dem Volk bei weitem nicht so entwickelt, blasiert und doch anspruchsvoll ist, wie bei den Mädchen der besseren Kreise, und daß diese sich absolut nicht »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volk« abzuwenden brauchen_.

Dreizehntes Kapitel.

Die Hausindustrie.

»Wenn ich überhaupt die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben der Familie hoch anschlage, so gilt das besonders für den Arbeiterstand. Während in den höheren Ständen noch andere veredelnde Einflüsse und Motive sich geltend machen können und müssen, so ist bei dem Arbeiter die Frau fast ausschließlich die Hüterin der _Sittlichkeit_ und des _Gemütslebens_.«

Dies ungefähr waren die Worte, die =Dr.= Brinkmann in seinem Vortrage in Konstanz »Die Bedeutung der Frau für die sittlichen Aufgaben der Familie« aussprach. Ich führe diese Worte hier an, weil ich die Hausindustrie mit ganz anderen Augen betrachte, als die Arbeit in der Fabrik, weil sie den Frauen die Möglichkeit giebt im Hause zu bleiben und die Kinder ständig zu bewachen.

Die Vertreterinnen der Hausindustrie sind fast durchwegs auf dem Lande zu finden, und, wie ich schon erwähnte, unter den verheirateten Frauen.

In den dürftigen, ländlichen Wohnungen herrscht Reinlichkeit, d. h. immer im Verhältnis zur Reinlichkeit der Stadtarbeiter gesprochen. Im großen Wohnraum dieser kleinen Häuser arbeiten die Frauen an ihrer Nähmaschine, die eine den ganzen Tag, andere nur am Nachmittag, wieder andere bloß in den Pausen, die ihnen das Besorgen der Haushaltung und der Kinder läßt; doch sind diese Arbeiterinnen seltener, weil die Näherinnen, die größtenteils feine Ware in Arbeit bekommen, rein gekleidet sein und mit reinen Händen die zartfarbenen Handschuhe behandeln müssen. Ein Fortspringen vom Kochtopf oder einer schmutzigen Küchenarbeit, um womöglich einen Handschuh zu steppen, ist deswegen ein Ding der Unmöglichkeit. Gewöhnlich richten sich die Frauen nach einem festen Tagesprogramm, wonach sie Morgens und Nachmittags gewisse Stunden hindurch an der Maschine und die übrige Zeit im Haushalte arbeiten.

Ich fand den Unterschied zwischen den Wohnungen der Hausarbeiterinnen und der Fabrikarbeiterinnen bedeutend, und dieser Unterschied in der Wohnlichkeit trat, je nach der Kinderzahl, mehr oder minder deutlich hervor. Die Frauen haben es hier auch leichter, Ordnung zu halten, da sie im Platz bei weitem nicht beschränkt sind, wie die Stadtfrauen. In den kleinen Arbeiterhäuschen sind die Schlafkammern hell und luftig, die Eltern schlafen mit den kleinsten Kindern in der einen, die größeren Kinder in der anderen Kammer zusammen. Der Unterschied der Geschlechter wird mehr gewahrt als in der Stadt, wo die teuren Wohnungspreise Familien zum Halten von Schlafburschen treiben. Die Kinder sind durchweg blühend und dick, sie tummeln sich von früh bis Abends auf der Wiese, laufen mit den Hunden um die Wette und balgen sich mit den Katzen herum. Sie werden auch in der Kleidung reinlicher gehalten; in großen Städten mit starkbevölkerten Mietskasernen ist der Trockenraum immer in Anspruch genommen, das Wäschewaschen wird zum Ereignis, das in regelmäßigen Pausen wiederkehren muß, und wo infolge dessen mit der Wäsche gespart wird.

Alle diese kleinen Punkte wirken jedoch äußerst intensiv auf das Familienleben; der Mann findet Mittags beim Heimkommen das einfache Mahl fertig auf dem Tisch, er kann sich ruhig noch ein halbes Stündchen legen, neu gestärkt und in guter Stimmung geht er wieder zur Fabrik zurück, um am Abend Erholung im reinlichen Heim zu finden, bei einer Frau, die sich nicht abgearbeitet und abgehetzt hat und nicht ärgerlich, aufgeregt und gereizt ist. Der Familienvater bleibt zu Hause in Mitten der Kinder, die Frau sitzt dabei an der schnurrenden Nähmaschine, -- ein friedliches Familienbild, wie es sich das abgehetzte Stadtarbeiterpaar kaum denken kann.

Der Mann fühlt hier die Annehmlichkeiten des Familienlebens, er sieht in den Kindern nicht eine Last, die ihm durch die Ehe entstanden, in der Frau nicht nur ein Wesen, das er versorgen und für das er arbeiten soll, sondern er fühlt, daß er nach allen Schicksalsstürmen hier allein geborgen ist, und daß die Ehelosigkeit ein Zustand der Unvollkommenheit ist.

Dies bessere Zusammenleben wirkt nicht allein günstig auf die Kindererziehung, sein Segen fällt in erster Linie auf die Frauen selber zurück, die sich nicht als gequälte Lasttiere und Dienstmägde des Mannes fühlen, sondern als Mitarbeiterin in der Familie.

Und deswegen betonte ich zu Anfang dieses Kapitels, daß die Hausindustrie unsern Bestrebungen günstig ist, weil sie uns einen leichter zu bearbeitenden Boden verbietet.

Die Frauen tragen dergestalt _viel_ dazu bei, daß Sittlichkeit und Familienliebe im Hause walten, sie sind es, die dem den ganzen Tag in der Fabrik arbeitenden Manne _das Gemüt erhalten_. Und wenn es auch tief zu beklagen ist, daß sich diese armen Frauen nicht voll und ganz ihren Pflichten als Gattin und Mutter widmen können, so ist der Vorteil, im eignen Hause arbeiten zu können, statt den ganzen Tag, fern von den Kindern zu weilen, doch ein unberechenbarer.

Vierzehntes Kapitel.

Stellenlos.

Stellenlos! Ein kleines Wort, daß das Elend so vieler kennzeichnet, das uns bange, traurige Geschichten erzählt von Not, Verzweiflung und Selbstmord! Ich habe bis dahin viel vom Elend stellenloser Lehrerinnen, Gouvernanten und ähnlichen »besseren Dienstboten« gehört, vielfach erfahren, daß stellenlose Verkäuferinnen, Näherinnen und Putzmacherinnen in die Arme des Lasters gefallen sind, ich habe vom Selbstmord stellen- und heimatloser Dienstmädchen gehört -- aber sie alle repräsentieren noch nicht die Vertreterinnen des Elendes, dem die stellenlose Fabrikarbeiterin entgegensieht.

Ich habe meine Mitteilungen nicht vom Hörensagen oder aus dem Munde meiner Genossinnen erhalten; was ich mitteile, _habe ich selber erlebt, es deckt sich mit dem, was mir die andern erzählten_.

Eines Morgens, nachdem ich den Fabriken Lebewohl gesagt und mir so viel Kenntnisse gesammelt hatte, um mich eventuell als Arbeiterin dieser oder jener Branche auszugeben, machte ich mich auf den Weg »um Stellung zu suchen«.

Ich ging zuerst in das Nachweisbureau einer Frauen-Stiftung, der dort waltenden Vorsteherin mitteilend, ich sei Hefterin. Sie behandelte mich von oben herab, nichts weniger, denn in Menschenliebe redend, gab mir kaum Antwort und frug mich nur sofort, ob ich im Heim Obdach nehmen wolle bis ich Stellung gefunden; ich verneinte. Sie würdigte mich kaum mehr einer Antwort, wies mich in die Parterre-Lokalitäten, wo ich »Näheres« erfahren würde und rauschte durch eine Seitenthür hinaus. Etwas verblüfft setzte ich mich unten an einen der Tische; das große Lokal glich täuschend einer Wirtsstube, abgesehen davon, daß an den Wänden Sprüche standen, als da sind: »Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«

»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«

»Was ihr einem der Geringsten unter euch gethan, das habt ihr mir gethan.«

Ich beschwichtigte mein bang klopfendes Herz durch die Hoffnung, daß die Besitzerinnen dieser Räume nach den schönen Sprüchen handeln und mich als der »Geringsten einer« mit Rat und Hülfe unterstützen würden.

Der Saal war leer, ich erquickte mich an der wohlthuenden Kühle, die in dem Raum herrschte, ohne von den auf jeden Tisch ostentativ hingelegten Bibeln Gebrauch zu machen.

Nach ungefähr einer halben Stunde erschien eine Persönlichkeit in absurder Kleidung, halb nonnenhaft und halb der einer Pfarrköchin gleichend; sie hatte auch dasselbe Heuchlergesicht jener und frug mich sanft aber unfreundlich, was ich trinken wolle.

»Nichts,« erwiderte ich, in Vorahnung dessen, das da kommen sollte.

»Sind Sie hier in Logis?« frug sie; ich verneinte.

»Dann dürfen Sie hier nicht bleiben, ohne etwas zu nehmen,« entgegnete sie, vollständig aus der frommen Tonart fallend und ganz »Dragoner« werdend. Sie hätte mich jedenfalls aus lauter Habgier hinausgeschmissen, wenn ich nicht endlich doch Zuflucht zu einer Tasse Kaffee genommen hätte. Als ich den sehr bedenklich nach Mocca duftenden Trank schlürfte, wagte ich die schüchterne Frage, ob sie nichts von Stellen wisse, für die ich mich allenfalls melden könnte.

»Nu nee,« schnurrte sie.

»Aber die Dame oben sagte, hier unten erhielte ich Auskunft,« wagte ich schüchtern zu bemerken.

»Die Dame?« frug sie gedehnt. »Das gnädige Fräulein wollen Sie sagen! Aber jetzt haben wir nur Stellungen für Dienstmädchen, und auch die bekommen erst die Mädchen, die hier in Logis sind.«

Ich wagte darauf hinzuweisen, daß doch das Haus eine religiöse Stiftung sei, und daß über der Thür stände: »Asyl für Obdach- und Stellenlose,« oder so ähnlich.

»Na,« fuhr sie mich wütend an, »jeder, die herkommt, können wir nicht Stellung besorgen; der Herr Pfarrer muß uns Mädchen empfehlen.«

»Wo wohnt denn der Herr Pfarrer?« frug ich hartnäckig.

Sie gab mir, ärgerlich über meine Impertinenz, die Adresse zweier Geistlichen an, die ich sofort aufsuchte.

Der eine der Gottesmänner hielt Mittagruhe, das schnippische Mädchen erklärte mir, sie wisse überhaupt nicht, wann der Herr Pfarrer für »Arme« zu sprechen sei.

Der zweite war glücklicher Weise huldvoll geneigt, mich zu empfangen; er blieb gelassen würdevoll in einem Lehnstuhl sitzen, rieb sich die fetten Hände und hatte auf alle meine Bemerkungen nur ein salbungsvolles »So, so« bereit.

Als ich in meinem Bericht geendet, erklärte er mir: »Es ist eine schwere Zeit für _uns Fromme_ gekommen, wir sollen Stellungen besorgen und können es doch nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, Leute zu empfehlen, die wir nicht kennen. Ich kann Ihnen leider heute gar keine Auskunft über etwaige Stellungen geben; bleiben Sie aber tugendhaft, so wird der Herr Sie beschützen; der die Lilien auf dem Felde kleidet, der wird auch Sie ernähren und kleiden. Gehen Sie mit Gott, meine Tochter, und sollten Sie wieder eines guten Rates bedürftig sein, dann kommen Sie getrost zu mir, ich schicke keinen Hülfesuchenden von meiner Schwelle.«

Damit war ich entlassen. Ich weiß nicht, ist derjenige, der die Armen _nicht_ empfangen will, oder derjenige, der sie _so_ empfängt und _unterstützt_ der größere Pharisäer? --

Ziemlich deprimiert suchte ich eine fürchterlich verkommen aussehende Herberge für Arbeitslose auf. Der niedrige, halbdunkle Raum, in welchem einige schmutzige Tische und ein paar wacklige Stühle standen, war von Tabaksqualm erfüllt, daß man mit den Blicken die dicke Wolkenschicht kaum durchdringen konnte. Ich setzte mich zu zwei nicht gerade sehr einladend aussehenden Frauenspersonen, deren jede aus einer Blechschüssel Suppe aß. Sie musterten mich mißtrauisch von der Seite und flüsterten leise zusammen; die ältere mochte 35, die jüngere 30 Jahre zählen. Als sie ihre Suppe ausgelöffelt und sich erhoben hatten, um fortzugehen, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zupfte die eine am Ärmel und frug: »Wissen Sie nicht, wo man Arbeit bekommt?« Wider Erwarten freundlich, setzten sie sich wieder hin, und die eine meinte: »Nee, wir suchen selber Arbeit, wir wollen eben zu S.... gehen, dort sucht man Arbeiterinnen. Was sind Sie?«

»Hefterin«, war meine Antwort.

Da stellte es sich heraus, daß sie auch Hefterinnen waren; nun hatte ich leichtes Spiel. Ich ließ Bier kommen und machte ihnen dann das Anerbieten, gemeinsam auf Arbeitsuche zu gehen, worin sie einwilligten. Beide waren seit cirka 14 Tagen stellenlos, die eine, weil die Fabrik keine Arbeit mehr hatte, die andere, weil sie krank gewesen war.

Wir suchten mehrere Fabriken auf, natürlicher Weise nur solche, in denen ich noch nicht gearbeitet hatte.

In der ersten wurde uns kurz der Bescheid, daß neues Personal nicht angenommen werden könne. Im zweiten Etablissement ging es uns schlechter; wir hatten das Thor der Fabrik kaum passiert, als ein dicker Portier auf uns zuschoß und uns anfauchte: »Was wollt Ihr hier, Arbeit giebts nicht, raus, raus!« Dabei klopfte er wohlgefällig den Staub von seiner livreeartigen Kleidung.

»Na, wir wollen doch mal im Comtoir fragen«, sagte eine meiner Begleiterinnen.

»Nichts, nichts«, schrie der erboste Cerberus, »'s wär' noch schöner, wenn alles Lumpengesindel ins Comtoir rennen würde. Macht, daß Ihr fortkommt!«

Und wir gingen, die beiden Frauen niedergeschlagen und hoffnungslos, ich um eine Erfahrung reicher.

In den meisten anderen Fabriken wurde uns kurz erklärt, daß wir keine Arbeit bekommen könnten, ohne daß man uns jedoch grob behandelt hätte. Aber wo wir auch hinkamen, hörten wir die gleiche Klage, es wurden eher Arbeiterinnen entlassen, denn angenommen.

Die eine der beiden Frauen hatte zwei uneheliche Kinder, für die sie sorgen mußte, die andere wohnte in Schlafstelle, die sie schon seit einer Woche schuldig geblieben war, und wo man ihr bereits mit Zurückhaltung ihrer Effekten gedroht hatte. Ich machte beiden den Vorschlag, uns um Stellungen als Dienstmädchen zu bewerben; aber da kam ich schön an. Lieber wollten beide hungern und ihre Sachen verkaufen, denn sich in Tyrannei begeben; ich glaube, daß sie zu verkommen waren, um sich in einer geregelten Häuslichkeit wohlzufühlen. Ich verließ sie und suchte eine mir von den Mädchen empfohlene Vermieterin auf; diese Frau sollte unter der Hand Stellung, speziell in Fabriken vermitteln.

Die Frau wohnte im vierten Stock einer jammervollen Mietskaserne; auf einem Papierstreifen, der an der Zimmerthür klebte, stand: Frau Mehlig, Wittwe. Ich klopfte an; nach einigen Minuten öffnete man die Thür, in der Spalte wurde ein Frauenkopf sichtbar, eine sanfte Stimme frug: »Zu wem wollen Sie?« »Zu Ihnen«, entgegnete ich. Ich habe später erfahren, daß das die Antwort war, die man geben mußte, um Eintritt zu der Wahrsagerin -- das war sie nämlich -- zu erhalten; durch Zufall hatte ich die Form gewählt.

Die Stube, in die ich trat, war einfach aber gut möbliert, Heiligengebilde hingen an den Wänden, über dem Sopha prangte ein Christuskopf aus Gips. Weiße Vorhänge, mit zierlichen roten Schleifen zusammengerafft, blühende Blumen vor den Fenstern und ein Kanarienvogel im blanken Messingbauer, gaben dem Stübchen jenes Behagliche, Lauschige, wie ich es immer nur in der Behausung der vielgeschmähten alten Jungfern fand.

Die Bewohnerin dieses Raumes verriegelte von innen die Thür und holte dann ein Spiel Karten vor.

»Ich komme nicht deswegen,« sagte ich, auf die Karten deutend, »ich wollte gern eine Stellung in einer Fabrik haben.« Ihr »Ach so« klang merkwürdig verändert, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob es Enttäuschung oder Genugthuung ausdrücken sollte. Sie sann eine Weile nach und meinte dann:

»Ja, können Sie mir auch zuerst zwei Mark »Antrittsgeld« zahlen?«

Ich holte zwei Mark aus meiner Tasche und legte sie auf den Tisch. Die »Dame« lächelte liebevoll, nahm aber schleunigst die zwei Mark zu sich! Nach einer Weile sagte sie freundlichst: »Ja, mein gutes Kind, ich wüßte schon Arbeit für Sie, aber da muß ich erst einen Brief schreiben.« Sie holte Papier heraus und malte eine halbe Stunde lang die fürchterlichsten Hieroglyphen darauf; dann couvertierte und _versiegelte_ sie den Brief und übergab ihn mir geheimnisvoll.

»Gehen Sie damit zu Herrn M...., er ist Aufseher in der S.'schen Fabrik; geben Sie ihm den Brief ab und warten Sie auf Antwort; aber passen Sie auf, daß es keiner merkt.«

Ich hatte Tags darauf jenen Aufseher, einen verkommen und verschmitzt aussehenden rothaarigen Menschen, aufgesucht, und ihm den Brief überreicht. Er las ihn, schmunzelte, las ihn nochmals und bemusterte mich dann von Kopf zu Füßen.

»S' ist gut,« ließ er sich endlich hören, »sagen Sie der Frau M., die Stelle sei lila!«