3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Part 6

Chapter 63,440 wordsPublic domain

Die Gültigkeit einer Ehe hingegen hängt in ihren Augen vom Wort des Pastors ab; ich suchte die Mädchen auszuforschen, was sie von einer Ehe, nur auf dem Standesamt geschlossen, denken. Sie halten eine Ehe ohne kirchliche Weihe überhaupt für nicht legitim; einige meinten naiv: »Na, dann sind die beiden ja gar nicht verheiratet, dann können sie ja jeden Tag auseinander.« Hier spricht aber nicht Religiosität aus dem Urteil, _sondern das Festhalten an althergebrachten Sitten_.

Merkwürdiger Weise hegen fast alle diese Mädchen eine große Hochachtung vor barmherzigen Schwestern; sie achten sie weit höher, denn den Pfarrer, schelten jene niemals Heuchlerinnen und Scheinheilige, wie sie es diesem gegenüber thun. Ich glaube nach allem, daß die religiösen Schwestern die einzigen sind, die unbegrenzte Macht über jene Mädchen erlangen könnten.

Ich habe aber auch von Seiten der Schwestern das Gegenteil bemerkt in der Ausübung der Nächstenliebe, wie von den Geistlichen. Wo jene zur Krankenpflege oder aus anderen Motiven in Arbeiterfamilien verkehren, sind sie freundlich, gütig, geduldig; ich kannte Mädchen, die, wenn sie ein neues Kleid oder einen etwas frech aussehenden Hut trugen, mit dem Schatz am Pfarrhause vorbeizogen, recht laut lachten und lose Reden führten, _um den Pfarrer zu ärgern_. Von _den selben_ weiß ich mit voller Bestimmtheit, daß sie, als eine barmherzige Schwester in ihrem Hause thätig war, ihr Haar einfacher kämmten und jeden Schmuck wegließen, um die Achtung der Schwester nicht einzubüßen.

_Und auch hierin liegt ein Stück Frauenfrage, ein glücklicher Beweis, daß Frauen auf Frauen einwirken können, wo Männer nutzlos arbeiten; daß die Ansicht so vieler Gegner, wonach eine Frau vor einer andern Frau keine Achtung habe, sondern sich nur der physischen Gewalt beuge, eine irrige ist._

Elftes Kapitel.

Sozialdemokratie und Frauenfrage.

Es ist ein sonderbares Ding um die Sozialdemokratie der Arbeiterinnen!

»..... ich finde nicht die Spur Von einem Geist, und alles ist Dressur!«

Wohl nannten sich fast alle Mädchen, mit denen ich zusammen war, »Sozialdemokratinnen«, aber wenn man der Sache auf den Grund ging, so waren sie es nur, weil ihre Väter, Brüder oder Schätze Sozialdemokraten sind, _in ganz verschwindend seltenen Fällen aus Überzeugung_. Diejenigen, die wirklich Kenntnis von den Lehren der Sozialdemokratie besaßen, sind die verheirateten Frauen, die durch ihre Männer in den Strudel der Agitation hineingezogen werden und auf diese Weise zuletzt selber mitwirken. Sie sind, je nachdem _wie_ sie die sozialdemokratische Richtung auffassen, entweder _umsichtig_ und _verhältnismäßig gebildet_ oder _roh und verkommen, aller menschlichen Gesetze spottend_.

Ich brachte die Rede wiederholt auf Bebels Buch: »Die Frau und der Sozialismus«, _allein die wenigsten unter ihnen kannten es, sie hatten kaum eine Ahnung von dessen Existenz. Sie wissen nichts von Verbesserung des Frauenloses, von Zukunftsstaat und Zukunftsträumen, von Liebknecht und den sozialdemokratischen Führern._

Ihre ganze Sozialdemokratie besteht darin, daß sie das Recht auf Arbeit vertreten, daß sie mehr verdienen möchten und neidisch auf alle Gutgestellten sind. Dieser »Neid auf Gutgestellte« umfaßt aber nur den Kaufmannsstand, Fabrikbesitzer, Geschäftsleute, seltener Beamten; sie sympathisieren mit Offiziersfrauen, von denen sie mit freundlichem Mitleid sprechen.

»Ach,« hieß es da, »die armen Offiziersfrauen, die haben größtenteils nur ein altes Kleid anzuziehen; das Geld langt zu nichts, sie können sich nie richtig satt essen, weil sie Gesellschaften geben müssen.«

Es war dies kein ironisches Kritisieren, sondern aufrichtige Teilnahme für jene Damen. Ich glaube, daß diese Ansicht durch Dienstmädchen verbreitet worden ist, die in armen Offiziersfamilien gedient hatten, wo allerdings Schmalhans recht oft Küchenmeister sein mag.

Die Mädchen haben auch nicht den geringsten Sinn für Tagesinteressen und öffentliche Fragen; sie lesen wohl Zeitungen, aber nur die Lokalberichte über Mordthaten; hatte die eine einen recht grausigen Mordfall in einer Zeitung entdeckt, so brachte sie das Blatt mit zur Fabrik, las es laut vor, die gräßlichsten Stellen laut betonend. Es wirkte äußerst komisch, als einmal eines der Mädchen nach Beendigung der Lektüre ausrief: »_Aber war das ein schöner Mord!_« Dabei standen ihr selber die Haare zu Berge.

Das Aufseherpersonal besteht durchwegs aus Sozialdemokraten; sie behandeln die Arbeiterinnen durchaus nett und freundlich. Jedoch bemerkte ich, daß mancher dieser Männer _die_ Mädchen bevorzugte, deren Väter oder Brüder Gesinnungsgenossen von ihm waren, während er Töchter konservativ gesinnter Väter oftmals ungerecht behandelte.

_Durch die bestehenden Verhältnisse werden die Mädchen zur Sozialdemokratie getrieben; der Tag wird kommen, wo eine Arbeiterin gleichbedeutend sein wird mit einer Sozialdemokratin._ Manche Mutter, die in der Zeit ihrer Ehe Muße gefunden hatte, über sozialdemokratische Ideen nachzudenken, kleidete ihre Töchter mit Vorliebe in rot, oder ließ sie, wenn sie größer wurden, rote Hutgarnitur und rote Schleifen tragen; hier artete die Liebe zur Sozialdemokratie in Fanatismus aus.

Am interessantesten waren die Dinge und Meinungen, die ich über den deutschen Kaiser hörte; es wurde viel über ihn gesprochen, weil die Mädchen in der Auffassung leben, daß in Berlin ein jeder von jedem Schritt des Kaisers unterrichtet sei und ich doch »viel erzählen« könne. Selbstverständlich handelt es sich dabei nur um interne Angelegenheiten des Kaiserlichen Familienlebens; sie wollten wissen, _wie_ das Kaiserliche Paar zusammen lebt, wie viele Kleider und Hüte die Kaiserin hat, ob die Prinzen gut erzogen seien und anderes.

Wir haben uns manche Stunde über dies Thema unterhalten, leider kann ich hier aber auf die Einzelheiten nicht eingehen. In den Wohnungen hingen allenthalben fürchterliche Öldruckbilder des sächsischen Regentenpaares, aber nur höchst selten das Bild des Kaisers, _das der Kaiserin sah ich nie_.

Die Mädchen scheinen auch keinen rechten Begriff von Majestätsbeleidigung zu haben; ich erschrak oft, mit welcher Kühnheit sie allerlei Dinge aussagten, die ihnen die Freiheit auf lange hätten rauben können.

Auch hier fand ich ganz konträre Punkte zu Göhres Ansicht, welcher sagt, daß die Arbeiter sich vor Majestätsbeleidigungen hüten, weil keiner dem andern traue, daß der Kaiser ihnen eine sympathische, volkstümliche Gestalt sei.

Ich fand immer, _daß sie den deutschen Kaiser nicht als zu ihrer Heimath zugehörig anerkennen_, daß er für sie ein fremder Herrscher ist, der ihren König unterdrücken will, daß sie den Haß gegen die Preußen auch auf den Kaiser übertragen. -- Die Landarbeiterinnen sind durchwegs Sozialdemokratinnen mit bedeutend gründlicherer Kenntnis der sozialdemokratischen Lehren, als ich sie bei allen Stadtmädchen fand.

Hier üben die Frauen auch Einfluß aus auf die politische Wahl der Männer, hauptsächlich insofern, als Familienväter vieler Kinder diejenigen wählen, die gegen die Kornzölle stimmen. Ich kannte eine Arbeiterfamilie, die wöchentlich 81 Pfund Brot verzehrte; die Frau hetzte beständig ihren Mann, »ja am nächsten Wahltage einen »besseren« zu wählen, dann würde das Brot doch gewiß billiger.«

Der Hauptgroll aber richtete sich gegen die Bäcker, die, trotz Zollermäßigung in den neuen Handelsverträgen, den Preis des Brotes nicht herabsetzten. Bei Familien, die 81 Pfund Brot wöchentlich verzehren, wäre eine Herabsetzung der Brotpreise natürlicher Weise von großer Bedeutung für das Haushaltungsbudget. Sonst aber fand ich keinerlei politische Ansicht bei den Frauen, weder Interessen, noch Verständnis dafür.

Die Mädchen besuchen sehr selten sozialdemokratische Versammlungen, selbst die verheirateten Frauen sind dort nicht oft gesehene Gäste. Ich muß leider eingestehen, _daß die Arbeiterinnen überhaupt sehr wenig Kenntnisse der öffentlichen Vorgänge besitzen, und auch gar kein Interesse dafür zeigen_. --

Etwas besser stand es schon mit ihren Ansichten über die Frauenfrage. Nur will ich hier gleich betonen, _daß sie keine Ahnung von der Agitation der Kämpferinnen für Frauenrechte haben, daß sie unsere Forderungen nicht kennen, weder von Frauenstudium noch Mädchengymnasien einen Begriff haben und auch nicht erwarten, daß die Stellung der Frau je anders würde. Aus diesen Gründen bedaure ich, daß die Sozialdemokratie unter den weiblichen Arbeitern nicht tiefer eingedrungen ist, sie allein würde den Mädchen Interesse an Bildung und Menschenrechten geben._ Ebenso lebhaft bedaure ich, daß das Bebelsche Buch unter den Mädchen so wenig bekannt ist; ich sage das, trotzdem die darin vertretenen Anschauungen nicht immer die meinen sind; sie geben aber den unwissenden Arbeiterinnen wenigstens Aufklärung über die Stellung der Frau im Leben und regen sie an zu ernsterem Denken. Das wäre eine Vorarbeit zu unseren Bestrebungen.

Ich habe meine Gesinnungsgenossinnen so oft klagen hören, daß es tausend und abertausend Frauen giebt, die keine Ahnung von dem Wirken von unserer Seite haben; wir agitieren durch Wandervorträge und Zweigvereine, die wir in allen Städten zu gründen suchen, allein stets kommt der Gewinn, den uns diese Arbeit bringt, den oberen Kreisen zu gute. Ich glaube, daß die meisten Damen es geradezu lächerlich finden würden, wenn man davon spräche, den Arbeiterinnen Vorträge über die Frauenfrage zu halten. So lange man die Thätigkeit aber auf seinesgleichen, auf gebildete Kreise ausstreckt, auf Frauen, die der »guten Gesellschaft« angehören, _so lange ist alles Wirken Spielerei_. Jedweder Baumeister baut lieber den schlanken Turm der Kirche, denn im Schlamme des Grundwassers das Fundament zu legen; aber wenn dieses nicht gelegt wird, dann stürzt der stolze Turm zusammen.

Für die Mädchen der unteren Stände giebt es noch weniger Berufsarten, als für die Töchter des Mittelstandes.

Wollen sie nicht dienen, so erwartet sie die Fabrikarbeit, und wollen sie auch dieses nicht, dann harrt ihrer -- _die Prostitution_! Die Prostitution ist der Ruin des Frauengeschlechtes, die Prostitution ist einer der Hauptfaktoren, durch den eine »Frauenbewegung« entstanden ist. So lange wir das immer dicker und üppiger werdende Reptil der Prostitution ruhig wachsen lassen, nützt alle Arbeit nichts, sie bleibt fruchtlos. Und um die Prostitution auf das allerniedrigste Maß zu beschränken, müssen wir in erster Linie _die_ Mädchen haben und besser stellen, die das Heer jener Jammergeschöpfe liefern.

Ein neuerer Schriftsteller sagt uns: »Wir fehlen schlimmer und barbarischer, als jene Nationen, bei welchen dem Manne mehrere Frauen erlaubt sind und welche die Frau rein als lebende Ware betrachten; denn bei solchen Völkern werden die Frauen wenigstens mit Obdach, mit Nahrung und Kleidung versorgt, sie werden verpflegt wie das Vieh. In einem solchen System liegt Konsequenz. Allein in Deutschland werden die Frauen wie das Vieh betrachtet, ohne daß wir nur wenigstens für sie sorgen, wie für das Vieh. Wir nehmen den schlimmsten Teil der Barbarei und den schlimmsten Teil der Civilisation und verarbeiten beide zu einem heterogenen Ganzen. Wir erziehen unsere Frauen zur Abhängigkeit und lassen sie dann ohne irgend jemand, von dem sie abhängen könnten. Sie haben niemand und nichts, worauf sie sich stützen können, und so stürzen sie nieder.«

Ein anderer Schriftsteller sagt: »Darüber, daß die Löhne der weiblichen Arbeiter zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse nicht ausreichen, herrscht nur eine Stimme. Eine große Zahl von Arbeiterinnen arbeitet vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht hinein mit Aufopferung ihrer Gesundheit; aber sie sind dennoch nicht im stande, sich so viel zu erarbeiten, um ihre wichtigen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Was sollen diese beginnen, um das herbeizuschaffen, was nötig ist, um den ihre Existenz bedrohenden Abgang an ihrem Verdienst zu ersetzen? ... Wollten diese Armen tugendhaft bleiben, so müßten sie einen so hohen Grad von moralischer Kraft besitzen, der es ermöglichte, der langsamen Aufzehrung ihrer Lebenskräfte ganz apathisch zusehen zu können. Da aber die Liebe zum Leben selbst des Bettlers Brust so mächtig beseelt, daß er eher die Moral als seine Existenz hinopfert, so kann es nicht überraschen, wenn auch diese so hartbedrängten Mädchen ihre sozusagen unfreiwillige Preisgebung einer sichern materiellen Vernichtung vorziehen. Was ist mehr zu beklagen, jene sozialen Einrichtungen, durch die es so weit gekommen, daß die Löhne der Arbeiterinnen deren Bedürfnisse nicht mehr decken, oder die Charakterschwäche der Mädchen, die es nicht zuläßt, in ihren Marterkammern langsam dahinzusiechen, um als Tugendheldinnen zu sterben?«

Sicherlich das erste! Die Prostitution ist das Werk der Männer, der Gesetzesgeber, es sind ihre Prinzipien, die sich hier verkörpert finden, es sind die Opfer ihres Egoismusses, die Opfer des =vae victis=!

Es ist eine anerkannte Thatsache, daß von einer eigentlichen Prostitution in der Schweiz z. B. keine Rede sein kann, daß Heere von öffentlichen Frauen, die die Straßen bevölkern, dort ein unbekanntes Ding sind. Und merkwürdig, so hoch und so selbständig, wie die Schweizerin, steht keine Frau Europas da; denn von der glücklichen Amerikanerin wollen wir hier nicht reden. Aber die Herren Gegner wollen das nicht sehen, _sie sehen nur das, was ihnen beliebt, das ist ihre Konsequenz_.

Fördern die Herren Fabrik-Ärzte vielleicht die »edle Weiblichkeit«, sie, die die Mädchen oft in der schändlichsten Weise behandeln, und doch in Todesangst den immer zahlreicher auftretenden Ärztinnen entgegensehen?

Eine unserer Hefterinnen, ein anständiges, nettes, 16jähriges Mädchen, litt an Bleichsucht und allgemeiner Körperschwäche; sie war eines Tages zum Kassenarzt gegangen, wohin ich sie begleitete. Ich wartete vor der Hausthür auf sie; als sie zurückkam, weinte sie bitterlich, sie zitterte an allen Gliedern vor Ärger und schluchzte: »Der Lump, zu dem gehe ich nicht mehr!« Ich frug sie, was denn los sei. »Na,« meinte sie, »ich sagte ihm, ich hätte öfters Schwindelanfälle und heftiges Erbrechen, und da sagte er nur: »Na, ja, Sie sind schwanger, das wird vergehen, gehen Sie nur wieder. Haben Sie _einen oder mehrere Schätze_?«

»Ich habe _keinen_,« hatte sie erwidert.

»Das sagt jede,« antwortete der Arzt, »schwanger sind Sie doch, 's ist schon gut!«

Und ohne das tiefverletzte und gekränkte Mädchen zu untersuchen, entließ er sie.

Und _das_ darf der »ritterliche Mann«, der »Beschützer des Weibes« einer Vertreterin des »Humanen«, einer »Trägerin der Sittlichkeit« sagen? Wer hilft hier dem Mädchen, wer rächt diese Beleidigung? Dem vornehmen Fräulein, das in gleicher Lage zum gleichen Arzte käme und bei dem diese Vermutung vielleicht berechtigt wäre, würde so etwas nicht geboten; da würden freundliche Ratschläge und liebevolle Teilnahme auf sie herabregnen. Weltbeherrscher, dein Name ist Geld!

Ich erzählte den Mädchen, daß in Berlin mehrere Frauenärztinnen mit außerordentlichem Erfolg praktizieren und daß überall in den großen Städten Medizinerinnen auftreten.

_Von dieser Thatsache waren alle entzückt!_

»Ach,« riefen mehrere, »dann würden wir uns, wenn wir nicht wohl sind, nicht noch lange herumplagen, sondern gleich zur Doktorin gehen, da brauchte man sich doch nicht Gemeinheiten sagen lassen!«

_Und das sagten Mädchen, die von Frauenstudium und von der Frauenbewegung keine Ahnung haben._

Die Mädchen laufen sehr viel zur Hebamme, nur um dem peinlichen Fall zu entgehen, den Arzt zu konsultieren; für allerlei kleine Beschwerden und Übelstände holen sie den Rat der »weisen Frau« ein; diese macht vorzügliche Geschäfte, sie hilft den Kranken durch kleine Volksmittel, durch Massage und Wasser, und hat auf diese Weise immer zu thun, meist zwar für Krankheiten, die mit ihrem wahren Berufe nichts gemein haben. Natürlicher Weise entstehen sehr oft ernstliche Schäden durch diese »Behandlungsweise«, die der Arzt dann wieder gut zu machen hat.

Auch hierin liegt wieder eine _tiefgehende Bestätigung, daß Frauenärztinnen ein Ding der Notwendigkeit sind, eine natürliche sittlich-notwendige Institution_.

Der Bildungsgang der Mädchen ist leider ein trauriger, sie lesen alle ziemlich geläufig, allein die meisten können kaum mehr schreiben, und vor allem, nicht Geschriebenes lesen.

Ich mußte den Krankenschein der einen einmal vorlesen, nachdem er in 10-12 Händen war und keine ihn entziffern konnte. Ich warf nur einen Blick auf das Papier, auf dem in deutlichster und klarster Schrift stand: Wegen Magenbeschwerden auf zwei Tage zu entlassen.

Von _der_ Zeit an, stand ich im Rufe großer Gelehrsamkeit, ich wurde mit allerlei Fragen behelligt, ich sollte Briefe schreiben und Briefe vorlesen; ich hätte es vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht der Abschied vor der Thür gestanden wäre. --

Ich glaube, daß das Feld für die Ärztin unter jenen Mädchen ein leicht zu bebauendes ist, denn von Aberglauben, von Vorliebe für Besprecherinnen und Blutstillerinnen habe ich nichts gefunden; es steckt mehr natürlich-philosophische Anschauung in den Köpfen der Arbeiterinnen, als man meinen sollte.

Und deshalb warne ich hier nochmals: Rennt nicht am Veilchen vorüber, dessen Duft euch sicher ist, wenn ihr es findet, um einer Rose nachzujagen, die sich, in der Nähe betrachtet, vielleicht als Heckenrose erzeigt! Baut keine leichte Brücke über den tiefen Abgrund der Unwissenheit und Immoralität, um hinüber zu gelangen in Blumengefilde; ihr müßt über _jene_ Brücke immer wieder zurückgehen. Füllt aber den Abgrund mit guter, fetter Erde, daß Blumen darauf sprießen und ihr darüber hinweg wandelt in die duftende Blumenpracht hinein, kaum mehr dran denkend, was einst hier für Grauen die Nacht bedeckte! --

Zwölftes Kapitel.

Vergnügungen.

Ob ich Recht daran thue, dies Kapitel »Vergnügungen« zu nennen? Nein, ich finde, daß es passender und zutreffender wäre, wenn ich sagen würde: Betäubungen, um das elende Leben der Woche zu vergessen, Betäubungen, die stark narkotisch auf Sittlichkeit und Tugend, auf Menschenwürde und Menschenehre wirken!

Ich kann ruhig behaupten, daß ich alle Chemnitzer Lokale, in denen Arbeiterinnen verkehren, besucht habe. Von eigentlichen Arbeiter-Lokalen kann jedoch keine Rede sein; man findet männliches und weibliches Fabrikpersonal in jedem Lokal, auf jedem Tanzboden, sie gehen unter in der Menge der Besucher, sie sind an nichts kenntlich.

Im allgemeinen herrscht unter den Arbeiterinnen bei weitem nicht jene Liebe zum Tanz, wie unter den Mädchen des Mittelstandes; es gab sehr viele gerade unter den Maschinenarbeiterinnen, die vom Tanz nicht viel wissen wollten, die da sagen, daß der Tanz ihnen nur auf unnütze Weise ihre Kräfte raube, ungesund sei und sie in den ersten Wochentagen bei weitem nicht die gleiche Arbeit verrichten könnten, als wenn sie Sonntags vorher nicht getanzt hatten.

Ich freute mich aufrichtig darüber und suchte ihre teilweise Abneigung gegen den Tanz nach besten Kräften zu schüren.

Ich habe alle Tanzböden von Chemnitz und Umgegend besucht, meinem Prinzip getreu aber nie getanzt; ich fand die Fabrikarbeiterinnen viel zugänglicher den Lehren gegen das Tanzen, die ich ihnen aufbaute, als alle besseren Mädchen.

Hingegen haben die Arbeiterinnen durchwegs eine große Vorliebe für Theater, Cirkus und Tingeltangel; ihr liebster Vergnügungsort ist der Schützenplatz, wo sie eine reiche Auswahl der verschiedensten Genüsse finden, Carussel, Affentheater, Würfel-, Schlangen- und Zaubererbuden, Tingeltangel und Messeresser.

Das beste Lokal, das ich kannte, war das »Colosseum« in Kappel; es war ein fein eingerichtetes Konzerthaus mit vorzüglicher Militärkapelle, und am Nachmittag nur von ganz gutem Publikum besucht. Nach Beendigung des Konzerts war Ball, bei welchem das Publikum sich bedenklich zu mischen anfing. Man sah ehrbare Beamtenfamilien mit erwachsenen Töchtern, die die Mutter lebhaft zum »Männerfang auf Lebenszeit« anhielt, allein gekommene Ladenmädchen, andere mit ihrem »Liebsten«, Lieutenants in Civil, =Commis-voyageur=, aber auch Dirnen in feinen Balltoiletten; ich halte das Lokal überhaupt für kein solches, in welchem Arbeiterinnen verkehren; die Mädchen, die dort _allein_ verkehren, treiben einen ganz anderen »Beruf.«

Im grellsten Gegensatz zu diesem Etablissement steht die »Kaiserkrone«, ein Lokal, in welchem das schlimmste Gesindel verkehrt. Der Tanzsaal befindet sich im ersten Stockwerk eines düstern Gebäudes; in dem elenden Stück Hof, den man zu passieren hat, um zur Treppe zu gelangen, steht ein altes verschnapstes Weib und bietet aus einem ekelhaft aussehenden Kinderwagen, der ihr als Buffet dient, ihre zweifelhaften Speisen an. Die Treppe selber ist schmal, schmutzig und winklig, mit ausgetretenen Stufen; die Eingangsthür zum Saal niedrig und klein. Es ist kein Wunder, daß bei Keilereien, die hier des öfteren vorkommen, stets einige der Streitenden halb todt geschlagen werden, daß ein großer Teil mit Wunden »versehen« heimkehrt. Auf der engen Treppe, in dem winkligen, dunklen Gange ist ein Flüchten unmöglich, wer hier die Wut Mehrerer auf sich lenkt, ist so gut wie verloren.

Von allen meinen Mitarbeiterinnen, mit denen ich über die »Kaiserkrone« sprach, verkehrte auch nicht eine dort; sie äußerten sich durchwegs mit Ekel und Abscheu über dies Lokal, die meisten erklärten, »da gehen anständige Mädels nicht hin«.

Ich habe die »Kaiserkrone« drei Mal besucht in Gesellschaft meines als Arbeiter verkleideten Mannes. Meist befanden sich dort cirka 40-50 Mädchen, verkommene Dienstmädchen, der gemeinste Auswurf der Fabrikarbeiterinnen und zum größten Teil Soldatendirnen. Das männliche Element bestand durchwegs aus Soldaten eines Infanterie-Regiments, die wenigen Civilisten, die anwesend waren, schienen mir die Zuhälter der Dirnen zu sein.

Ich habe in meinem ganzen Leben keine so bestialisch rohen, gemeinen, jeder Menschlichkeit baren Mädchen gesehen, wie hier, Gesichter, die das Laster verzerrt hatte, schmutzige Frauenzimmer, deren oft elende Kleidung roch, mit ungekämmtem Haar und einem Benehmen, das der Wahnsinn ihnen diktieren muß. In der unglaublichsten, nicht wiederzugebenden Weise rempeln sie die Soldaten an, die sich ihrer kaum erwehren können, vollführen sie vor aller Augen die unsittlichsten Dinge.

Es lag über dem ganzen Saal eine Atmosphäre des Schmutzes, des grenzenlosen Lasters, der Bestialität, die den sittlichen Menschen zur Verzweiflung bringt. Die Frauenzimmer, die dort verkehren, sind überhaupt keine Menschen mehr, es sind Reptilien, Pestbeulen des öffentlichen Lebens. Ich sah so manchen blühenden und hübschen jungen Soldaten, den die schmutzigsten und teilweise verlumptesten Frauenzimmer, die alle zwischen 30-40 Jahre sein mochten, in ihre Mitte nahmen und so lange bearbeiteten, bis er mit ihnen verschwand.

Es ist eine Nachlässigkeit des Staates, der Militärbehörden, daß sie derartige Lokale nicht verbieten, und dem moralischen Morde Hunderter ruhig zusehen.

Was nützt es, die Soldaten am Morgen auf Kommando in die Kirche zu führen, wie eine Herde Schafe zur Tränke, um sie am Nachmittage dem erbärmlichsten Laster ruhig zu überlassen? Was nützt es, daß der Soldat zur Reinlichkeit und zur Ordnung mit militärischer »Disciplin« angehalten wird, wenn er am Nachmittage ungewarnt und unbehindert Elend, Gift und Pestilenz holen darf?

Warum sieht die allwissende Polizei den Bettler, der halb verhungert ein Almosen erbittet, aber nicht jene Lasterhöhlen, wo das Volk sich den Untergang holt, wo die Söhne des »sittlichen« Deutschlands die Seuche herholen, die sich weiter und weiter ins Volk frißt? Man fängt die arme Streichholzverkäuferin auf der Straße gar bald ab, aber man läßt jene giftigen Spinnen der menschlichen Gesellschaft ruhig weiter vegetieren in ihrem Netz, trotzdem ein jeder ihrer Stiche zur Blutvergiftung führt.