Part 2
Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte, aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre Dummheit entgegentreten; _hier ist allein thatkräftige Aufklärung am Platze_.
In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt, um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich _nur_ im »Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre eigene Kleidung Witze machend.
Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.
Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach unentbehrlich. --
Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, Kämme und Spangen, ja, _viele tragen zur Taille passende Schleifen im Haar_.
Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich konnte ich nicht finden.
Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten.
Drittes Kapitel.
Arbeit, Beruf, Vergangenheit.
Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen, ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere Vergangenheit hatten die wenigsten.
Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben gestaltete; _sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen_. Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit« erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die »feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.
Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden, sie würden sie nicht annehmen.
Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn eine andere Arbeit annehmen.
In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns, die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander.
Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu singen, und zwar _innige Volkslieder_.
Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht vorgekommen sein.
Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben.
Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen »Wohnung« nicht verdienen -- und trotz allem bleiben die Mädchen fröhlich, gesund, munter, lebenslustig!
Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; _ich_ hätte das nicht auf die Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche schlechte Essen -- und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit auf die Zukunft!
Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen.
_Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner, die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden kann?_ --
Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, _sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft_. Bei den komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, _sie muß denken und kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren. Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden Ritters._ --
In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis 6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen; am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.
Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, _Unfälle bei der Arbeit_ dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin, daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie _drei volle_ Tage in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren, sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen lassen.
Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung zurückwiesen, _weil er zu viel Tricotstoff enthielt_. Eine einzige dortige Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die, wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern, wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können!
Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und Artikeln betonte: _wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden, die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen -- und unterdrücken._ Das ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann und Frau vergessen: _daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet, befehligt und »beaufsichtigt« wird_! --
Viertes Kapitel.
Sittliche Zustände.
Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.
Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast überall -- und ich habe _genaue_ Informationen angestellt -- bleiben sich Mann und Frau _beide_ in der Ehe treu oder _ein jedes_ geht seiner Wege. Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.
Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber _lediglich deswegen, weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster, weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren Leben zeigen_. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter nach.
Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.
Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie _tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht_, und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren« vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, _bezahlen aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken bleiben_.
Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen _freien_ Verkehr _aus Liebe_ nicht für unsittlich, sondern für _natürlich_ halten, für _Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb herabsinken darf_.
Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«
_Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants_; was dazwischen liegt, wird weniger scheel angesehen, _weil die Möglichkeit vorliegt, von einem Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden_.
Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie _Schreiber_ und _in Bureaux arbeitende Kaufleute_ nennen.
Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß: »Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht, Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«
Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht wohl begreifen, ja, _so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue, heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und Chikanen_ #der Sozialdemokratie in die Arme treiben#, _umsomehr, als das gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser, höflicher und menschenwürdiger behandelt_, als es die anderen thun.
Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise; er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf nehmen.
Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und ging.
Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über den Buchhalter.
»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen, der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«
Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich ihm alles sagen würde.
»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab' ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem Direktor hat er doch nichts gesagt!«
»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!«
Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.
Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie 'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S--straße, besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können doch Nachts von Hause wegbleiben?«
Ich bejahte.
»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch an, wenn möglich eine etwas _dekolletierte Taille_. Wo wohnen Sie denn?«
Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben, irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.
»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich, »da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, _die sind neidisch_.«
Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus; draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor Scham und Zorn.
Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er _frug_ nicht einmal, ob ich sein Schatz werden _wolle_, er beorderte mich einfach zu sich, wie eine Sklavin.
Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich, gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich auf einen Schutthaufen. Wenn _er_ da drinnen geahnt hätte, wie ich hier mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, _wie_ ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!
Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich mit lautem Hurra empfangen.
»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«
Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.
»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!«
Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm _nicht_, so kann sie sicher sein, in wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen _muß_, wird sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? _Wer unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind?_ Der Staat sicherlich nicht!