3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Part 1

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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin.

Von

Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt.

Berlin 1893. Verlag von J. Leiser =N.O.= Barnimstraße 20.

Meinem geliebten Mann, Herrn =Dr. jur.= _Oscar Wettstein_, gewidmet in herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem Unternehmen.

Die Verfasserin.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort 1

Einleitung 5

1. Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen 8

2. " Nahrung und Kleidung der Arbeiterin 13

3. " Arbeit, Beruf, Vergangenheit 18

4. " Sittliche Zustände 24

5. " Sparsamkeit und Ehrlichkeit 35

6. " Die Ehe 42

7. " Die Stellung des Mädchens 48

8. " Seßhaftigkeit und Versicherung 52

9. " Wohnungen und Schlafstellen 56

10. " Religion 68

11. " Sozialdemokratie und Frauenfrage 71

12. " Vergnügungen 80

13. " Die Hausindustrie 88

14. " Stellenlos 91

15. " Verschiedenes 102

Betrachtungen 106

Vorwort.

Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein, sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern.

Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen, auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, um die Frauen dort kennen zu lernen. _Auch ich will Gleichberechtigung mit dem Mann_; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend, Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden, ehe man die _verhältnißmäßig_ noch gut dastehenden Oberen unterstützt.

In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich -- in Berlin -- Spandau die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht denken.

Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir war es um eine _typische_ Arbeiterbevölkerung zu thun.

Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an, weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen brauchte.

Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen.

Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle Vergnügungs- und Tanzlokale besucht.

Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein _apodiktisches_ Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es _vielfach, nicht nur hie und da_, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier _nur_ von der sächsischen Arbeiterin spreche.

Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird, die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich habe jene _schweren_ Monate _nur zum Wohle meiner leidenden Geschlechtsgenossinnen_ durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen, gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen nachzugehen.

Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.

Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch, sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es, daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte.

Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine Mühe nicht umsonst gewesen sei.

An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, _wo_ Hilfe am dringendsten Not thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal _wirklich_ Gutes, das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! Denn:

»Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß!«

Einleitung.

Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des Betriebes wußten, wer ich war.

An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen beschäftigt sind.

Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah, daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich mich zu benehmen hatte.

Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen -- übrigens die Hübscheste aus der ganzen Fabrik -- aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck. Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen konnte.

Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier kommen ließ.

Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher, ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten _besser_ und _höflicher_, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.

Glücklicher Weise erging es mir in der _ersten_ Fabrik so gut, denn wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht doch noch ins Korn geworfen hätte.

Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß, _je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren_. Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken arbeitete, _waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten_.

Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten.

Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen, die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt verheiratete Frauen sind.

Erstes Kapitel.

Die materielle Lage der Arbeiterinnen.

Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in _einer_ Fabrik und noch weniger in _einem_ Saal gearbeitet habe; so oft ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in 3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre erfahren würden.

Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich _nicht eine_, die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte ich in meinem Vorwort, daß ich _nur von der sächsischen Arbeiterin_ spreche.

Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen, Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.

Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B. wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare (Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem Zustande.

In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige; wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not.

An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht führte, und nun fehlte ihr selbst dies.

Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir -- einen Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. --

Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich -- glücklicherweise -- abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur Aushülfe angenommen wurde.

Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen murrend in den Kauf nahmen.

Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete.

In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren Handarbeiterinnen.

Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur Arbeit zurück -- und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten nicht den Mut, offen vorzugehen.

_Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark._

In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes.

Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6- bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.

Zweites Kapitel.

Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.

Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen, im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und weniger erholt als _vor_ der Mittagspause an die Arbeit zu gehen.

Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und Geschrei.

Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war.

Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; _Fleisch habe ich in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen_. Diejenigen, die den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen _vor der Löhnung_ wurde zur Mittagsnahrung _vielfach_ nur solcher Kaffee mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz streuten.

Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen, ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.

Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.

In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich _niemals_ eine Arbeiterin, nur arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.

Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl, das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten männlichen Arbeiter gern verkehren.

Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen, ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich schnell verschlungen.

_Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten._

Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten gleich, so würden sie nicht _beständig_ so hungrig sein, immer bereit, neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren.

Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch- und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen können und die ganze Familie beisammen ist.

Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser essen _könnten_, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden, aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!

Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse, Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.