21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 7

Chapter 73,620 wordsPublic domain

Ende Februar las ich in dem »Locomotief«, dass Dr. F. von Muarah-Teweh (im Innern der Insel Borneo) nach Batavia berufen wurde, um dort sein Examen für den Rang eines Regimentsarztes abzulegen. Seitdem sind leider diese Prüfungen abgeschafft, welche für Indien geradezu ein Bedürfniss sind; die jungen Aerzte, welche oft viele Jahre in den »Aussenbesitzungen« stationirt sind, haben dort ein geringes Material. Es fehlt ihnen der Sporn zu wissenschaftlichen Arbeiten, und sie vergessen daher den grössten Theil ihrer auf der Universität erworbenen theoretischen und praktischen Wissenschaften. Wenn sie jedoch nach einer gewissen Anzahl von Jahren sich wieder einem Examen unterwerfen müssen, dann sind sie gezwungen, sich auf der Höhe der Wissenschaft zu halten. Im Jahre 1882 wurde die Verpflichtung zu dieser Prüfung für alle Doctoren abgeschafft, welche nach dem neuen holländischen Reglement den Titel Arts = Arzt erworben hatten, d. h. Doctores universae medicinae geworden waren. Aber auch diese sind nur Menschen und werden ohne Sporn zu weiteren wissenschaftlichen Arbeiten leicht der Schablone verfallen. In der österreichischen Armee bestehen Prüfungen für den Rang des Stabsarztes; die Candidaten müssen den Beweis liefern, dass sie in der Militärhygiene wie in der Organisation der Armee u. s. w. ebenso bewandert sind, als in jenen Fächern, welche die Physicatsprüfung fordert; sie müssen Terrainkarten lesen und die Ausrüstung der Feldspitäler anordnen können u. s. w. Wenn sich also eine so grosse Armee Sicherheit verschafft, dass mit dem goldenen Kragen ihrer Aerzte auch ein grösseres Quantum von Wissen verbunden sei, als der subalterne Militärarzt in der Regel besitzt, so kann oder vielmehr muss auch die indische Armee bei den herrschenden Verhältnissen Maassregeln treffen, dass ihre Aerzte, welche in der Regel gut vorgebildet die Schule verlassen haben, auch weiterhin auf der Höhe der Wissenschaft sich erhalten und über jenes Quantum von Wissen verfügen können, welches der jeweilige Rang erfordert. (Vide 1. Theil: Borneo, Seite 34.)

Mit dieser Zeitung in der Tasche begab ich mich zu dem Hospitalchef, der gerade an diesem Tage seinen Jour hatte; es war 7 Uhr, als ich in seinem Hause erschien; einige Officiere und Bürger waren schon anwesend, und sofort nach der Begrüssung der Hausfrau und meines Chefs wurde mir von allen Seiten zu meiner bevorstehenden Transferirung Glück gewünscht. Das »Surabayische Handelsblatt« hatte nämlich nicht nur die Berufung des Dr. F. von Muarah-Teweh mitgetheilt, sondern auch die Vermuthung geäussert, dass ich wahrscheinlich sein Nachfolger in jenem von der menschlichen Civilisation hundert Meilen entfernten Fort werden würde. Mein Chef, welcher natürlich darüber am besten informirt war, enthielt sich jeder Aeusserung, weil meine Transferirung ihm noch nicht officiell mitgetheilt war, glaubte jedoch einige Worte des Trostes mir sagen zu müssen, falls sich diese Vermuthung bewahrheiten sollte. »Ach, Sie sind ja ledig, für Sie ist also eine Transferirung eine unbedeutende Sache, und Muarah-Teweh wird für Sie eine Vorschule des Bivouaclebens sein, wenn Sie späterhin nach Atjeh geschickt werden sollten.« Diese Worte waren gerade nicht sehr ermuthigend, und als ich ihn um 8 Uhr verliess, wollte mir der Widerspruch dieser tröstenden Worte und der Glückwünsche der übrigen Officiere nicht recht einleuchten. Am nächsten Tag erhielt der Landes-Sanitätschef vom Landes-Commandirenden den officiellen Bescheid, dass ich nach Bandjermasing, der Hauptstadt des südöstlichen Borneos, transferirt sei und mit dem Dampfer, welcher Ende März dahingehe, »meiner Bestimmung folgen« sollte. Nach viermonatlichem Aufenthalte auf Java verliess ich diese Insel, welche ich erst 3½ Jahre später, und zwar im October 1880, wieder sehen sollte.

* * * * *

Die »Residentie« (= Provinz) Surabaya ist stark bevölkert (ungefähr 20,000 Seelen auf die ☐Meile), und obschon beinahe alle Rassen des indischen Archipels in der Hauptstadt und ihrer Umgebung vertreten sind, stammt die grösste Zahl von der Insel Madura, welche seit vielen Jahrhunderten den ganzen Osten der Insel Java mit ihren Bewohnern überschwemmt.

Die benachbarte Insel Bavean, welche administrativ zur »Residentie« Surabaya gehört, erfreute sich niemals eines solchen Ueberschusses an Menschen, dass eine Emigration nach dem Festlande (?) = tanah Java stattfinden konnte; sie ist ja nur 3,6 ☐Meilen gross und hat ungefähr 40,000 Seelen; ihre Hauptstadt Sangkapura mit einem Assistent-Residenten und einem eingeborenen Häuptling bietet nichts Sehenswerthes; desto grösser ist die Zahl der Naturschönheiten, und es ist mir unverständlich, dass beinahe niemals die Europäer von Surabaya sich die Mühe nehmen, sie zu besichtigen; in 13 Stunden kann sie ja per Dampfschiff erreicht werden. Die Berge Tinggi und Radja sind zwar nicht hoch (600 Meter), aber sie geben ein herrliches Panorama über die ganze Insel. Ein Bergsee, unterirdische Gänge, ein Wasserfall (des Tapa-Flusses), eine üppige Flora, das interessante Bild wahrer Seemänner, reich verzierte Wohnungen der Eingeborenen u. s. w. belohnen in reichem Maasse den Touristen, welcher in zwei Tagen diese kleine Insel durchforschen und besichtigen kann.

Die Heimath der Maduresen, die Insel Madura, ist 81,176 ☐Meilen gross und wurde im Jahre 1892 von 509 Europäern, 4338 Chinesen, 1595 Arabern, 139 Orientalen und 1,523,639 Eingeborenen bewohnt; sie soll noch vor 700 Jahren mit der Insel Java verbunden gewesen sein. In einem Kahn kann man in einer Stunde von Surabaya aus diese Insel erreichen, und dennoch hatte ich niemals die Gelegenheit, sie zu betreten. Da ich nur jene Provinzen (Residenties) von Java ausführlich zu beschreiben beabsichtige, welche ich aus Autopsie kenne, muss ich den wissbegierigen Leser diesbezüglich auf Veth’s Java und andere Quellen verweisen; da ich aber im III. Bande von den »Barisans« von Madura sprechen will, so muss ich jetzt schon mittheilen, dass dies Hülfstruppen der indischen Armee sind, welche die Fürsten dieser Insel auf Ersuchen der indischen Regierung in Zeit der Noth einberufen müssen; sie sind 1319 Mann mit 34 (eingeborenen) Officieren stark, erhalten jedoch von der indischen Regierung europäische Instructoren. Es sind tüchtige Soldaten, welche zu wiederholten Malen vortreffliche Dienste der indischen Regierung geleistet haben.

Minder zahlreich als die Maduresen sind in der Provinz Surabaya die Malayen (vide Titelbild). Diese bewohnen die Küsten aller Inseln, und ihre Sprache ist die allgemeine Verkehrssprache geworden (Vide Band I, Seite 35). Im Ganzen hat diese Provinz 2,088,303 Einwohner[28] bei einer Grösse von 104,453 ☐Meilen; darunter befanden sich 7546 Europäer, 18,451 Chinesen, 2853 Araber, 504 »andere Orientalen« und 2,058,949 Eingeborene. Wie viel von letzteren Javanen stricte dictu sind, ist nicht bekannt. Unter Javanen versteht man eben auf Java nur die Bewohner des mittleren Java, welche sich streng abscheiden von jenen des Westens, welche Sundanesen heissen, und den Maduresen, welche den Osten Javas bewohnen. Der Unterschied in der Sprache, in der Literatur (und theilweise in der Kleidung) ist so gross, dass, wie wir später sehen werden, eine strenge Scheidung dieser vier Stämme gerechtfertigt ist. Wie viel Javanen, Maduresen, und wie viel Malayen in dieser Provinz leben, ist eben nicht bekannt; zu oben erwähnten zwei Millionen Eingeborenen gehören auch noch die zahlreichen Makassaren von Celebes und eine kleine Anzahl von Borneonesen, welche jedoch mit mehr oder weniger Recht zu den Malayen gerechnet werden. Unter fremden Orientalen (»vreemde oosterlingen«), deren in dieser Provinz 504 vorkommen, versteht man in erster Reihe die Handelsleute, welche von Vorder-Indien nach Java kommen und sich dort ansiedeln; andere rechnen auch die Armenier und alle Bewohner dazu, welche von den benachbarten Inseln Sumatra, Borneo und Molukken abstammen.

Die Küste der Provinz Surabaya ist sumpfig und sandig im östlichen Theil, während von Grissé aus gegen den Nordwesten der Küste der Boden trocken und sandig ist;[29] an diese schliessen sich nach dem Süden ein Kalkhügelland und ein weites fruchtbares Gebirge an. Jodiumquellen, eine Guwa-Upas, d. h. eine Stickstoff enthaltende Höhle (auf dem Dersono), zwei eigenthümliche Moorhügel, aus welchen geruchlose Gase aufsteigen, Sandsteinhügel, aus welchen vortreffliche Wasserfiltrirapparate gewonnen werden (bei Grissé), Salpetergruben, Höhlen mit essbaren Vogelnestern und Petroleum (seit dem Jahre 1863 befinden sich fünf kleine Petroleum-Unternehmungen in dieser Provinz), sind die wenigen erwähnenswerthen Producte dieser Berge. Seit dem Jahre 1899 weht ein liberaler Geist in der Gesetzgebung des indischen Bergbaues; die engherzige Auffassung von dem ausschliesslichen Rechte des Staates auf alles, was unter der Oberfläche des Bodens verborgen liegt, war geradezu ein Hemmschuh für eine gedeihliche Entwicklung der Bergbau-Industrie; das neue Gesetz[30] befreit den Unternehmungsgeist von den Fesseln, auch die Schätze des Bodens in Indien zu heben, welche sehr wahrscheinlich auf allen Inseln des ganzen indischen Archipels sich befinden und bis nun von dem Drachen des gewinnsüchtigen und eifersüchtigen Fiscus streng verborgen gehalten wurden.

Wie zahlreich sind im Gegensatz zu diesen wenigen Bergbau-Unternehmungen, auf der Oberfläche dieser fruchtbaren Berge, die Plantagen und Fabriken dieser Provinz, welche von der Regierung jeglicher Hülfe und Stütze sich erfreuen! Ich war im Jahre 1897 in Modjokerto, der zweitgrössten Stadt dieser Provinz;[31] hier ist der Sitz des »Vereins der Surabayischen Zuckerfabrikanten«. Der Fluss Brantas hat hier eine grössere Breite als der Rhein in seinem Unterlauf, und dennoch ist zu Irrigationszwecken eine Schleuse gebaut (welche ein Kunstwerk des modernen Wasserbaues genannt werden muss), um nach Bedürfniss einen beliebig grossen Theil oder selbst beinahe ¾ der ganzen Wassermasse in die seitlichen Canäle abzuleiten, ohne dass die Schifffahrt auf dem Flusse selbst nur einen Augenblick gestört würde. In diesem Bezirke findet man die Ruinen der alten, einstens so mächtigen Stadt Modjopahit, aus deren Ruinen viele Zuckerfabriken der Umgebung gebaut sind. Sieben Zuckerplantagen mit Gouvernements-Contract findet man in diesem Districte, zwei in dem Districte Djombang, elf in dem Districte Sidoardjo; sieben »Erbpachtländer« giebt es im Districte Modjokerto, in welchen Kaffee (in einem China- und im neunten Liberia-Kaffee) producirt wird; nebstdem giebt es zahlreiche Plantagen, welche mit freiwilligen Contracten der Eingeborenen arbeiten; deren giebt es im Districte Modjokerto fünf, von denen die eine in Ngembeh nur Tabak pflanzt; in dem Districte Djombang bestehen acht und in dem Districte Sidoardjo vier Plantagen. Auch hat diese Provinz noch 32 Privatgüter, welche Reis, Zucker, Indigo, Kaffee und Tabak produciren.

Die Provinz Surabaya ist eine blühende, reiche Provinz, und ihre gleichnamige Hauptstadt ist die grösste Handelsstadt des indischen Archipels und erfreut sich einer reichen Industrie.

4. Capitel.

Reise nach Bantam -- Malayischer Kutscher -- Max Havelaar -- Fieberepidemie in der Provinz Bantam -- Krankenwärter mit einem Taggeld von 20 fl. (!) -- Eine Stute als Reitpferd -- Der Königstiger -- Javanische Pferde -- Elend während einer Fieberepidemie -- Auf dem Kreuzwege -- Heiden auf Java -- Begegnung mit einem Königstiger -- Behandlung der Fussgeschwüre durch die Eingeborenen -- Drohende Hungersnoth in Bantam -- Aussterben der Büffel -- Dreimal in Lebensgefahr -- Ein ungefährlicher Spaziergang im Regen.

Im October 1880 betrat ich zum zweiten Male den Boden Javas. Aus der Einsiedelei im jungfräulichen Borneo kam ich beinahe unvermittelt ins volle Leben einer Grossstadt, und zwar zunächst für zwei Tage nach Surabaya; dann musste ich mich mit einem Localdampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft längs der Nordküste via Samarang nach Batavia begeben, wohin ich transferirt worden war. Schon im März desselben Jahres sollte ich den »Garnisonsdienst« in Weltevreden, jener Vorstadt Batavias übernehmen, welche der Sitz der Behörden und der eigentliche Wohnort der Europäer ist. Dr. G. aber, welcher angewiesen wurde, mich in Buntok abzulösen, weigerte sich, dahin zu gehen, und nahm lieber den Abschied aus dem Militärdienste, als Jahre lang auf Borneo leben zu müssen, »hinter welchem überhaupt kein Land mehr sei«, und welches ausser dem Reiz eines jungfräulichen Bodens gar nichts biete, was des Menschen -- Herz erfreue. Durch diese Verzögerung musste ich nicht nur ein halbes Jahr länger auf dieser Insel bleiben, sondern fand auch bei meiner Ankunft in Batavia den Garnisonsdienst von einem anderen Collegen besetzt, während ich dem grossen Militär-Spital vorläufig zugetheilt wurde, um in kürzester Zeit wieder die Stätten der europäischen Civilisation verlassen zu müssen und lange fünf Monate im Süden Javas im Dienste des Civil-Departements der Bevölkerung von Labak in ihrer Noth und ihrem Elend Hülfe zu bringen.

Ich werde noch Gelegenheit haben, über Weltevreden und Samarang einiges mitzutheilen, und ich eile, obzwar die chronologische Reihe der Ereignisse unterbrochen werden muss, zu jenem Theil meiner ärztlichen Praxis auf Java, welche mich mitten in das Reich der Tiger, aber auch mitten in das Leben der sundanesischen Bauern brachte, die durch Malaria, Hungersnoth, Viehpest und Missernte auszusterben drohten, wenn nicht die Regierung in energischer Weise und mit fürstlicher Freigebigkeit dem Elend ein Ende gemacht hätte.

Am 11. December 1880 wurde ich von der indischen Regierung in den Dienst der Civilbehörden der Provinz[32] Bantam gestellt.

Einige Tage später zog ich dahin, und zwar in einem kleinen zweiräderigen javanischen Wagen, welcher mit drei kleinen javanischen Pferden bespannt war. Bequem sass ich in diesem Vehikel nicht; es war ein Wagen, der vielleicht in seiner Länge und Breite kaum einen Meter mass, so dass ich mich vorsichtig im Hintergrunde des Wagens an die schmale Lehne drücken musste, um mit meinen Knieen nicht gegen den Sitzplatz des Kutschers reiben zu müssen; nebstdem war es so wenig tief, dass die Kniee ungefähr die Höhe der Brust erreichten; aber wie der Sturmwind flogen wir über den ebenen Weg, der zunächst nach Tangerang führt, wo ein Franzose noch heute jährlich tausend und tausend Strohhüte flechten und nach Frankreich ausführen lässt.

Der Weg ist der westliche Theil jener grossen Heerstrasse, welche im Anfange dieses Jahrhunderts unter der autokraten Regierung des Gouverneur-Generals +Daendels+ über ganz Java in Robottarbeit gebaut wurde.

An der Grenze der beiden Provinzen Batavia und Bantam lagen die beiden Reisunternehmungen Tjikandi-udig und Tjikandi-ilir; die eine gehört einem Amerikaner, während der Eigenthümer von Tjikandi-ilir ein pensionirter Hauptmann und mit einer deutschen Dame verheiratet war. Nur so lange das Umwechseln der Pferde mich aufhielt, weilte ich bei diesem Landherrn, um dann meine Reise nach Serang,[33] der Hauptstadt der Provinz Bantam, fortzusetzen. Hier angekommen, stellte ich mich zunächst dem Residenten, d. h. dem Statthalter der Provinz vor, um seine Befehle über meine Thätigkeit zu vernehmen. Er war ein liebenswürdiger alter Herr, und es schmeichelte nicht wenig meiner Eitelkeit, als schon den andern Tag mir der Resident einen officiellen Gegenbesuch machte. Ich wohnte im Hôtel, und der Resident kam in seiner Equipage bei mir vorgefahren, während der Bediente mit dem Pajong stolz als der Bannerträger des höchsten Mannes der Provinz neben dem Kutscher sass. Der Kutscher war geradezu eine Caricatur eines Menschen zu nennen und glich nicht wenig den Affen, welche bei Circusvorstellungen die Heiterkeit der Zuschauer erregen. Er war blossfüssig, hatte über seine kurze Hose den Toro an, den wir am besten mit einem weiten bunten Hemd vergleichen, und auf dem Kopfe waren die langen Haare in ein buntes Kopftuch gewickelt, auf welchem ein glänzender Cylinder schief nach hinten aufsteigend die Caricatur vollendete. Die Affenähnlichkeit fiel darum auf, weil sie, der Kutscher und der Bediente, der Wichtigkeit ihrer Stellung bewusst, immer einen unverwüstlichen Ernst in ihren Zügen zeigen und niemals ein Lächeln oder eine andere Gemüthsbewegung durch ihre Züge verrathen lassen. Auch der Bediente war blossfüssig, er hatte aber eine lange Hose und einen Frack mit kurzen Schössen und ein Kopftuch an. Die Kleider waren dunkelblau mit hochgelben Streifen -- er gehörte nämlich der Polizei an -- weswegen diese Leute Kanarienvögel genannt werden. Der Pajong war ein gewöhnlich grosser chinesischer Sonnenschirm von goldgelber Farbe; wie wir später sehen werden, ist mit dem Range eines jeden europäischen oder eingeborenen Beamten der Gebrauch eines Pajong von bestimmter Farbe verbunden. Mit grosser Behendigkeit sprang der Bediente vom Bock des Wagens und geleitete den Residenten mit dem geöffneten Pajong bis an den Eingang der Veranda, worauf er ihn schloss und sich auf den Boden mit gekreuzten Füssen niedersetzte. Nur eine Viertelstunde blieb der Resident bei mir, um dann die anderen Visiten fortzusetzen. Am andern Morgen kam Dr. J. an, welcher als Inspector von dem »burgerlyk geneeskundige Dienst« beauftragt war, die Oberleitung des aussergewöhnlichen ärztlichen Dienstes zu übernehmen und uns drei jungen Aerzten die Standplätze u. s. w. anzuweisen. In Serang selbst befand sich nämlich auch ein Landes-Sanitätschef in der Person des Regimentsarztes X., welcher nicht nur für die dortigen 100 Mann, sondern auch für die Civilbevölkerung den ärztlichen Dienst mit Hülfe seines Oberarztes, Vieharztes und einigen Doctor-djavas versehen sollte. Da diesem Regimentsarzte die Gabe der Initiative durchaus fehlte, sah sich die Regierung genöthigt, einen anderen Arzt mit der Leitung des civilärztlichen Dienstes zu betrauen und wählte dazu den genannten erfahrenen Civilarzt, der mit Hülfe dreier junger Aerzte die schwer heimgesuchte Bevölkerung von Bantam vor dem gewissen Aussterben zu retten suchen sollte.

Mir wurde der Bezirk Lebak angewiesen. Das Wort Lebak wird wohl niemals ausgesprochen werden, ohne dabei an den grossen Dichter +Douwes Dekker+ zu denken, welcher in Lebak den Grund zu seinem späteren Ruhme gelegt hat. Da dieser Dichter und sein Hauptwerk »Max Havelaar« in Deutschland viel zu wenig bekannt sind und beinahe gar nicht gewürdigt werden, obwohl bei dem Erscheinen dieses Tendenzromanes »ein Beben« durch ganz Holland ging, so glaube ich einige Worte über ihn verlieren zu müssen. Wie »Onkel Toms Hütte« nicht nur das ganze Elend des amerikanischen Sclavenlebens dem verblüfften Europa enthüllte, sondern auch eine gründliche Reform dieses Krebsschadens veranlasste, so zeigte +Douwes Dekker+ in seinem »Max Havelaar« die ganze Hinfälligkeit der holländischen Colonialpolitik bis zum Jahre 1860, welche in der Weisheit des alten Principes: »divide et impera« und »Wer nicht stark ist, muss gescheit (»slim«) sein«[34] gipfelte, und brach ihre Fesseln in so radicaler Weise, dass Java heute eine blühende und glückliche Colonie geworden ist. Die Reformen, welche dieser Dichter für das schöne »Insulinde« forderte, deutete er in seiner Ansprache an die Häuptlinge seines Districtes an, und da diese Rede ein Meisterstück der holländischen Literatur ist, so will ich sie hier wörtlich übersetzt mittheilen:

»Herr Rhaden Adhipatti, Regent von Bantam Kidul und Du, Rhaden Dhemang, die Ihr die Häupter seid der Districte in diesem Bezirke, und Du, Rhaden Djaksa, der Du das +Recht+ zu Deinem Amte hast, und auch Du, Rhaden Kliwon, der Du den Befehl führst über die Hauptstadt, und Ihr, Rhaden Mantries, und Ihr Alle, welche Ihr Häuptlinge seid im Bezirke Bantam Kidul, seid gegrüsst.

Ich sage Euch, dass mein Herz von Freude erfüllt ist, da ich Euch hier versammelt sehe, lauschend nach den Worten meines Mundes.

Ich weiss, dass es unter Euch viele giebt, welche durch grosses Wissen und Herzensgüte hervorragen; ich hoffe, dass ich mein Wissen durch das Eure vermehren werde; denn mein Wissen ist nicht so gross, als ich es zu besitzen wünschte. Ich schätze die Herzensgüte; aber oft fühle ich es, dass in meinem Herzen Fehler sind, welche die Bravheit überwuchern und ihr Wachsthum hemmen ... Ihr alle wisst ja, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und tödtet. Darum werde ich Jenen unter Euch folgen, welche in Tugend hervorragen, um besser zu werden als ich bin.

Ich grüsse Euch!

Als der Gouverneur-General mir befahl, zu Euch zu gehen, um Assistent-Resident dieser Bezirke zu sein, war mein Herz erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals vorher Bantam Kidul betreten habe. Ich liess mir also Schriften geben, welche über Euren Bezirk schrieben, und ich habe gesehen, dass viel Gutes in Bantam Kidul gefunden wird. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es stehen Reisfelder auf den Bergen; Ihr wünscht friedfertig zu leben, und Ihr habt kein Verlangen nach Ländern, welche von Andern bewohnt werden. Ja, ich weiss, dass viel Gutes in Bantam Kidul gefunden wird.

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut; denn auch in anderen Theilen des Landes würde ich viel Gutes gefunden haben.

Aber ich sah, dass Eure Bevölkerung arm ist, und darüber war ich erfreut in der Tiefe meines Herzens.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen liebt, und dass er Reichthum dem giebt, den er versuchen will. Aber zu den Armen sendet er, der sein Wort spricht, auf dass sie sich in ihrem Elend erheben.

Giebt er nicht den Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Thautropfen in den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schön, gesendet zu werden, um die Müden zu suchen, welche nach der Arbeit zurückblieben und niederfallen auf dem Wege, weil ihre Kniee zu schwach waren, um nach dem Orte des Lohnes zu ziehen? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu können dem, der in die Grube gefallen, und einen Stab zu geben dem, der den Berg besteigt! Sollte nicht mein Herz sich freuen, dass es auserkoren unter vielen ist, um aus Klagen ein Gebet, und Dank aus Jammer zu machen!

Ja, ich bin sehr erfreut, berufen zu sein nach Bantam Kidul!

Ich habe zu der Frau gesagt, welche meine Sorgen theilt und mein Glück vergrössert: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen auf das Haupt unseres Kindes giebt. Er hat mich hierher gesendet, wo nicht alle Arbeit beendigt ist, und er hielt mich würdig hier zu sein vor der Zeit der Ernte. Denn es ist keine Freude, Padie (Reishalm) zu schneiden; aber Freude schafft es, Reis zu schneiden, den man gepflanzt hat; und die Seele des Menschen wächst nicht mit dem Lohne, sondern mit dem Lohne, den die Arbeit erworben. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns einen Sohn gegeben, der einstens sagen wird: »Wisset, dass ich sein Sohn bin,« und dann werden Menschen sein, die ihn mit Liebe grüssen, die Hand auf sein Haupt legen und sagen werden: »Setze dich an unseren Tisch, bewohne unser Haus, nimm von allem, was wir haben, denn wir haben deinen Vater gekannt!«

Häupter von Lebak! Viel ist zu thun in Eurem Lande! Sagt mir, ist der Bauer nicht arm? Reift Euer Reis nicht oft für Jenen, der ihn nicht gepflanzt hat? Sind nicht viele Ungerechtigkeiten in Eurem Lande? Ist nicht die Zahl Eurer Kinder klein?

Ist nicht Scham in Eurer Seele, wenn die Bewohner von Bandong, das hier im Osten Eures Landes liegt, zu Euch kommen und fragen: Wo sind die Dörfer und wo sind Eure Landesleute? Und warum hören wir die Gamelang nicht, die mit kupfernem Munde Freude verkündet, und warum hören wir nicht Eure Töchter den Reis stampfen?

Thut es nicht wehe, von hier zur Südküste zu reisen und Berge zu sehen, welche kein Wasser tragen auf ihren Flanken, oder Flächen zu sehen, wo nie ein Büffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber tief betrübt sind, und darum seien wir Allah dankbar, dass er uns die Macht gab, um hier zu wirken und zu schaffen.