21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 6
Um 1 Uhr hatte ich meine Rundfahrt durch die Stadt beendigt und erquickte mich an der »Rysttafel«, welche mit Recht den Ruf verdiente, dessen sie sich erfreute; sie bot nicht nur eine grosse Wahl der Speisen,[22] sondern auch jede einzelne Schüssel war mit Sorgfalt bereitet. Eine Flasche Bier trank ich dazu, indem ich in ein Glas ein grosses Stück Eis gab und das Bier darauf goss. Wahre Bierfreunde trinken es unverdünnt durch das Wasser des schmelzenden Eises; aber jeder Versuch, reines Bier (von einer Temperatur von 22-25 °C.) zu trinken, verleidete mir gänzlich diesen Genuss. Gegenwärtig wird jedoch das Bier in den Clubs und in manchen Hotels in Eiskübeln frappirt, so dass man den erfrischenden Geschmack des kühlen Bieres erhält, ohne gleichzeitig durch Wasser des schmelzenden Eises seinen Alcoholgehalt zu verdünnen. Nach Tisch ging ich zu Bett und befahl dem Bedienten, mich um 4 Uhr aufzuwecken, weil ich um 5 Uhr wieder im Spitale sein musste. Um 4 Uhr wurde ich wach, aber ich fühlte mich müde und schwach; in Schweiss gebadet, wechselte ich zunächst die Kabaya und das Flanellhemd, in welchem ich geschlafen hatte, schwankte wie ein Betrunkener zur Thür, öffnete sie und fiel in der Veranda auf den Lehnstuhl nieder, als ob ich einen Marsch von zehn Kilometern gemacht hätte. Unterdessen hatte mir der Bediente eine Schale Thee, eine Flasche Apollinariswasser und ein Glas mit einem Stück Eis gebracht. Der lauwarme Thee und danach das kalte Apollinariswasser belebten sofort meine schlaffen Lebensgeister, ich nahm mein Schiffsbad,[23] zog mir europäische Kleider an und fuhr nach dem Spitale. Ich hatte einen Zuwachs von sechs Patienten, von welchen zwei an Beri-Beri, drei an Malaria und einer an Dysenterie litten. Da ich wusste, dass um 5½ Uhr den Patienten das Abendessen gebracht werden sollte und den Neuangekommenen vom »Doctor der Wacht« bereits Medicinen vorgeschrieben worden waren, begnügte ich mich damit, für diese sieben Patienten die »Diät« für den folgenden Tag dem »Ziekenvader« mitzutheilen,[24] ging zu einzelnen Patienten, welche mich besonders interessirten, oder welche irgend ein Ansuchen an mich richten wollten, verliess, nur theilweise befriedigt, die Krankensäle und setzte mich zu den übrigen Collegen, welche bereits an der »Kletstafel« sassen und mich, jeder in seiner Weise, über meinen Beruf als Oberarzt der indischen Armee zu belehren suchten.
Da mir viele, wenn nicht alle ihre Mittheilungen fremd und oft sogar unglaublich erschienen, weil ich nicht wusste, wie viele derselben Scherz oder Ernst waren, so steigerte sich noch mehr das Gefühl des Unbefriedigtseins in mir, und als um 6 Uhr die Collegen aufstanden, um das Spital zu verlassen, blieb ich beim »Doctor der Wacht« zurück, um von ihm das Thatsächliche der Neckereien zu erfahren. Zu meiner grössten Ueberraschung entsprach alles der Wirklichkeit, und nur der Ton der Erzählungen war ein scherzhafter gewesen; auch hatte ich späterhin oft genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Mittheilungen zu überzeugen. Die Sonne war untergegangen, und bevor ich das Hotel erreicht hatte, war es finster geworden, und ein Javane lief vor mir, um die Petroleumlampen[25] anzuzünden. Das Hotel stand an der grossen Heeresstrasse, welche nach Gedong und Sidoardjo führte. Hier standen nur an einer Seite einige europäische Häuser, darunter das des Landes-Commandanten Colonel R., welcher das grosse Vorrecht hatte, neun Töchter zu besitzen. Ich verliess das Hotel mit der Absicht, auf dieser wenig besuchten Strasse mich ganz dem Genusse des Alleinseins zu ergeben und den ersten Tag meiner neuen Carrière einer Kritik zu unterwerfen, und arglos näherte ich mich dem Hause des Colonels R. Da traf ein silberhelles Lachen meine Ohren, und ein Paar feurige, schwarze Augen suchten mit neugierigen Blicken den Fremdling zu erforschen, der sich aus dem Getümmel der Stadt in die Ruhe der unbewohnten Poststrasse geflüchtet hatte. Es war eine reizende Nonna -- ihre Grossmutter war eine Javanin gewesen -- welche sich an meiner Verlegenheit ergötzte, indem ich nämlich zögernd einen Gruss stammelte, nachdem ich bereits einen Schritt weit sie passirt hatte. Sie war noch »ungekleidet«, d. h. noch in indischer Haustoilette; der seidene Sarong umschloss die breiten Hüften, die reich garnirte Kabaya bedeckte die schön geformte Büste nur zum Theil, weil durch die Spitzen des oberen Theiles die lichtbraune Haut durchschimmerte; das schwarze Haar war nach hinten in einen dicken Knoten (Kondé) gebunden; bei ihrem schalkhaften Lächeln zeigte sie ein elfenbeinernes Gebiss von tadellosen Zähnen, und über den schwarzen Augen wölbten sich ein Paar grosse, dichte Augenbrauen. Die Flamme einer Laterne umsäumte dieses schöne Bild mit einem goldenen Saume, und während ich, erfüllt von dieser reizenden Erscheinung, weiter schritt, kicherte Jemand hinter mir und zog mich zurück; es war der kleine Schalk Cupido.
Noch eine halbe Stunde folgte ich der langen Poststrasse, nachdem schon lange kein europäisches Haus zu sehen war und die kleinen Petroleumlämpchen der Eingeborenen nur schwach das Innere ihrer kleinen Häuschen und die Strasse beleuchteten. Ich kehrte um, ging in’s Hotel und fand -- eine Einladung zu einer Hausunterhaltung bei dem Landes-Commandanten. Um 8 Uhr ging ich zur Table d’hôte, welche uns ein »europäisches Mahl« bot, d. h. Suppe, Rindfleisch, Gemüse, Braten, Mehlspeise, Kaffee, Obst und Käse, und um 9 Uhr stand ich, in Frack, schwarzer Hose und weissen Handschuhen gekleidet, vor dem Eingange des Hotels, um zunächst die Theilnehmer an diesem Feste passiren zu sehen. Equipagen auf Equipagen mit europäischen Damen und Herren in Uniform und Frack fuhren bei mir vorbei; einzelne Dos à dos (nur mit einem Pferde bespannt) mit jungen Officieren und Beamten kamen in langsamem Schritt vorgefahren. Auf dem Bocke einer Victoria sass ein Polizeimann mit dem goldenen Regenschirm (Pajông) und brachte den Residenten der Provinz. Hinter ihm folgte ein Mylord, in welchem der Regent, der eingeborene Häuptling, sich befand; auch er hatte neben dem Kutscher einen Polizeimann, der einen weiss und gold gefärbten Pajông aufrecht trug. Ein Chinese in Mandarintracht folgte mit seiner Frau, welche einen schwer seidenen Sarong und Kabaya trug, und endlich wagte ich es, den ersten Schritt in die »indische Gesellschaft« zu thun. Ein schöner Anblick bot sich mir beim Eintritt in die Thüre der manneshohen Mauer dar, welche das Haus und den kleinen Garten des Colonels R. von der Strasse trennte. Auf der Treppe, welche zur Säulenhalle des Hauses führte, sassen die Polizisten der hohen Beamten wie Marmorsäulen und hielten den Pajông aufrecht vor sich. Die Säulenhalle war weiss, und die Flammen strahlten in doppelter Helle ihr Licht über den Garten; in dieser Halle und dem Saale, welchem sich erstere anschloss, strömten die Menschen auf und ab; sehr viele Uniformen und sehr wenige Fracks oder Salonröcke, während die Damen in europäischer Salon- oder Balltoilette an Reichthum und Eleganz, aber weniger an »Mode« ihre Schwestern in Europa übertrafen. Sofort erschien der Hausherr in seiner wenig kleidsamen Uniform, stellte mich seiner Frau und den zwei Damen vor, welche neben dieser sassen, und führte mich dann in einen Nebensaal, wo die Jugend versammelt war. Das Brummen und Summen der eifrig flirtenden Jugend übertönte seine Stentorstimme, als er den »jüngsten Aesculapius von Surabaya« vorstellte, und er verliess mich sofort, um seinen Hausherrnpflichten auch anderwärts gerecht zu werden.
»Sie sind also der grosse Philosoph, welcher vor drei Stunden bei unserem Hause, gewiss in weltbewegende Gedanken vertieft, vorbeiging und mich um 6 Uhr, sage um 6 Uhr, noch in Sarong und Kabaya gekleidet sah.« Mit diesen Worten trat eine reizende Brünette von ungefähr 19 Jahren mir entgegen. Ich wusste nicht, dass es unschicklich sei, wenn junge Damen um 6 Uhr noch in Haustoilette sind, ich fand kein holländisches Wort und ich fand auch keine deutsche Antwort, als sie mit schalkhaftem Blick diese Frage an mich richtete, und pries das Geschick, welches mir in diesem Augenblicke den Bedienten mit einer grossen Platte sandte. Schalen mit Kaffeeextract und mit Thee, eine grosse Kanne Milch und eine Zuckerdose mit pulverisirtem Zucker hielt er mir unter die Nase und frug mich in malayischer Sprache, welchen Trank ich vorziehe. Fräulein Marie wiederholte seine Fragen in holländischer Sprache, und endlich gelang es mir, den Gesellschaftston zu finden und in einem Kauderwelsch, welches weder Deutsch noch Holländisch war, unterhielt ich mich lebhaft mit dieser Schönsten der Schönen. Kaum hatte ich den Kaffee ausgetrunken, als ein zweiter Bedienter kam und drei Sorten von Liqueuren mir anbot. Wieder war es meine reizende Nachbarin, welche die fürchterlich entstellten Namen der Liqueure mir übersetzte, und eben wollte ich zu einem Gläschen Vanilleliqueur greifen, als aus dem Hintergrunde des grossen Saales die lauten Klänge einer Polonaise erschallten. Wie von einem electrischen Funken erschüttert sprangen alle jungen Damen und Herren von ihren Sesseln auf und gingen Arm in Arm in den grossen Saal. Sehr gern wäre ich mit meiner Schönen in dem kleinen Saal geblieben, um noch lange, sehr lange mit ihr zu plaudern, aber ein fragender, selbst vorwurfsvoller Blick erinnerte mich an meine Pflicht, ich gab ihr den Arm und folgte dem Zuge ihres Armes, der mich hinter den Assistent-Residenten brachte, welcher die Frau des Regenten führte. Wie ich später wiederholt sah, folgen bei allen Festlichkeiten die Gäste einer bestimmten, nach Rang und Würde geordneten Reihe. Der Hausherr eröffnet mit der angesehensten Dame den Reigen, ihm folgte deren Mann mit der Hausfrau u. s. w. Erst die dei minorum gentium schliessen die Reihen, ohne sich an den Rang der Tänzer zu halten. Zweimal hatte die grosse Colonne den Saal nach dem Tacte der Musik durchschritten, als sie plötzlich einen Walzer anstimmte; einige der alten Herren und Damen traten aus; alle Uebrigen -- nur ich nicht -- stürzten sich in den Strudel der walzenden Paare. Wiederum sah mich »meine Dame« mit fragenden und vorwurfsvollen Blicken an, als ich sie bat, auf einer nahen Causeuse Platz zu nehmen und unser unterbrochenes Gespräch fortzusetzen. Zum ersten Male in meinem Leben bedauerte ich es, niemals tanzen gelernt zu haben, und bevor ich noch diesem elenden Gefühl Worte verleihen konnte, näherte sich ein Lieutenant der Infanterie, welcher diese Scene beobachtet hatte, und bat um den Walzer.
»Sehr gerne,« sagte meine Dame mit gehässigem Nachdruck, und sofort verschwand das schöne Paar in der Menge der Walzenden. »Dieser Oberarzt bleibt nicht lange in Surabaya,« brummte ein alter Herr en passant, und als ich mich fragend umblickte, was dieser Orakelspruch bedeute, setzte er fort, als ob er einen Monolog hielt, und ohne mich anzusehen: »Männer, welche nicht tanzen können, gehören nicht in den Salon, auf den Aussenbesitzungen unter den Wilden ist ihre Heimath.« Unterdessen sah ich den Hausherrn bei den alten Herren und Damen hin und her eilen, um sie zu einer Partie Whist, L’hombre oder Quadrille einzutheilen, und wieder zogen einige Paare Arm in Arm, jedoch mit gelassenen und gemessenen Schritten in die hintere Veranda und in ein paar kleine Säle, wo die Spieltische mit Karten und Marken sie erwarteten. Auch mich frug der Colonel, an welchem Spiel ich mich betheiligen wolle, da er sehe, dass ich nicht tanzlustig sei. Als ich ihm wieder bekennen musste, dass mir das Whistspiel nur dem Namen nach bekannt sei, und dass ich von den beiden anderen Spielen nicht einmal die Namen kenne, frug er mich erstaunt, wo ich denn meine Erziehung gehabt habe, dass ich weder tanzen, noch Karten spielen könne, und liess mich stehen. Der zweite Theil der Polonaise war endlich zu Ende, und die tanzende Jugend versammelte sich wieder im kleinen Saale, um zu lachen und zu scherzen und zu flirten. Bediente erschienen und präsentirten Rothwein, Rheinwein, Eiswasser, Mineralwasser und Brandy-Grog; ich selbst wählte ein Glas Mineralwasser und trat in den kleinen Saal, um wenigstens einen Blick »meiner Dame« zu erhaschen; sie sah mich jedoch nicht, und als ich mich ihr näherte, um eines der vielberühmten Ballgespräche mit ihr anzufangen, wandte sie sich zu ihrem Tänzer mit der Frage, ob der Walzer oder die Polka den höchsten Genuss ihm biete. Ich war in Ungnade gefallen. Ich verliess diesen kleinen Saal und ging hinaus in die Vorhalle, in welcher Alle sassen, welche nicht tanzen konnten und wollten, und welche aus verschiedenen Ursachen auch nicht an dem Kartenspiele theilnahmen. Gern hätte ich mich mit dem Regenten oder mit dem »Major der Chinesen« in ein Gespräch eingelassen, aber schon beim Vorstellen sah ich, dass sie der holländischen und natürlich noch weniger der deutschen Sprache mächtig waren. Beide sprachen wie ihre Frauen die malayische Sprache, die allgemeine Umgangssprache zwischen Europäern und Eingeborenen, aber mein Wissen und Können dieser Sprache reichte noch nicht weiter, als bis zu den einzelnen Fragen um das körperliche Befinden, und so sah ich mich gezwungen, andere Gesellschaft aufzusuchen. Endlich wurde es zwölf Uhr, und wieder erschienen Bediente, diesmal jedoch mit grossen Schüsseln, gefüllt mit Brötchen, gefüllt mit Schinken oder Wurst oder Paté de foie gras, während ein zweiter Bedienter auf der Platte kleine Teller, Messer und Kaffeeservietten anbot. Die Tanz-Pause war eingetreten. Der Berg mit belegten Brötchen wurde immer kleiner und kleiner, und der Bediente erschien nun wieder mit den diversen Getränken. Ich nahm wieder ein Glas Apollinariswasser, als plötzlich aus dem Zimmer der tanzlustigen Jugend: »Bier her, Bier her, oder ich fall um, juchhe!« zu meinen Ohren drang; ich sprang von meinem Stuhle auf, und mit tiefgehaltenem Tenor fuhr ich an der Thüre fort: »Soll das Bier im Keller liegen, und ich nur ein Wasser kriegen« und -- das Eis war gebrochen. Von allen Seiten stürmten die Schönen auf mich ein, noch ein anderes deutsches Studentenlied zu singen, und nach diesem musste ich ein drittes singen, bis endlich die Accorde eines Lancier die jungen Damen und Herren in den Tanzsaal riefen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan -- ich konnte wieder gehen.
Um 2 Uhr empfahl sich der Resident und seine Frau dem Gastgeber; ihnen folgten alle Uebrigen, welche nicht tanzten; auch ich nahm Abschied, und als ich auch »meiner Dame«, der jüngsten Tochter des Hauses, meinen Dank für den herrlichen Abend aussprechen wollte, rief sie mir scherzend zu: »Nein, den Dank begehre ich nicht; ein junger Mann, der nicht tanzt, kann sich nicht amüsiren. Adieu.« Einen Hut[26] hatte ich nicht, ein kühler Nachtwind trocknete die triefende Stirne, und mit wechselnden Gefühlen ging ich zu Bett, unbefriedigt von meinem ersten Thun im Spitale und unbefriedigt von meinem ersten Thun und Lassen im indischen Salon.
* * * * *
Der Dienst im Spital gefiel mir mit jedem Tage besser. Wenn der erste Tag das Gefühl des »Unbefriedigtseins« im hohen Grade in mir wach gerufen hatte, so lagen die Ursachen dafür nicht in mir, sondern in den herrschenden Verhältnissen. Ich stand 80 Patienten gegenüber, von denen ich absolut nichts wusste; wenn auch mein Vorgänger in der »Krankenliste« die Diagnose ihrer Krankheit aufgenommen hatte, so war mir damit nur wenig geholfen; 49 von ihnen litten an Malaria, 20 an Beri-Beri, 3 an Dysenterie, und die übrigen 8 hatten Lungenentzündung und andere mir geläufige Krankheitsbilder. Von der Beri-Beri-Krankheit hatte ich in Europa nicht einmal den Namen, geschweige denn das totale Krankheitsbild, den Verlauf und die Ursache gekannt. Unter meinen 20 Fällen dieser Krankheit befanden sich alle möglichen Formen und Stadien der Erkrankung, und vergebens war alle Mühe, aus ihnen nur ein einheitliches Bild dieser Krankheit zu bilden. Hier lag ein Mann unter den schwersten Symptomen der Herzbeutelwassersucht, und dort stand ein Mann, bei dem ausser einem Puls von 100 Schlägen in der Minute kein anderes Symptom gefunden wurde; der Eine hatte geschwollene Füsse und eine bleiche, krankhafte Hautfarbe, und der Andere war »bis auf das Skelet« abgemagert. Beim Dritten hatte Dr. C. notirt, dass sein Puls in der Ruhe 120 mal und nach einiger Bewegung 200 mal in der Minute schlage, und bei einem Vierten war angegeben, dass er bis über die Mitte des Oberschenkels anästhetisch = unempfindlich sei. Nicht viel besser ging es mir mit den Malariapatienten; als den Typus der Malaria kannte ich nur das Wechselfieber mit scharf abgegrenztem Hitze- und Kältestadium, und von meinen 49 Malariapatienten zeigte kaum ein einziger dieses Bild. Wenn ich an diesem Tage aus den Notizen der Krankheitsliste und aus den objectiven Befunden obiger 49 Malariapatienten, unabhängig von dem weiteren Verlaufe der Krankheit, die Diagnose hätte stellen müssen, wäre das Wort Malaria kaum in 10 Fällen ausgesprochen worden. Der Eine zeigte ausgesprochene Lungenverschleimung, der Zweite litt an Diarrhöe; ein Dritter hätte mich an Typhus und ein Anderer an Hirnhautentzündung (Meningitis) denken lassen; ein Sergeant hatte alle Erscheinungen des Mumps (Parotitis) und der letzte Malariapatient hatte selbst das ausgesprochene Bild der Cholera! In diesem Labyrinth der Erscheinungen der Malariakrankheit halfen mir theilweise meine Bücher auf den richtigen Weg; über die Beri-Beri jedoch musste ich mich von den älteren Collegen informiren lassen. Leider waren ihre Informationen nur nach einer Richtung hin befriedigend. Wassersucht, verbunden mit geringer Lähmung (Parese) der Beine und erhöhter Arbeit des Herzens, veranlasste die Diagnose der häufigsten Form der Beri-Beri. Geringe Lähmung und hochgradige Abmagerung der Extremitäten gab die Diagnose: Beri-Beri kring = trockene Beri-Beri.
Seit dieser Zeit hat, wie wir im III. Bande mittheilen werden, die Frage dieser verheerenden Krankheit vielfach die indische Regierung und die Gelehrten der medicinischen Welt beschäftigt; aber für den denkenden Arzt war es damals geradezu eine beschämende Arbeit, Patienten gegenüber zu stehen, von welchen man beinahe gar nichts wusste. Welche Bedeutung diese Krankheit für die indische Armee hat, will ich an dieser Stelle nur andeuten, und zwar durch Abdruck der Ziffern, welche die Verbreitung dieser Krankheit in der Armee vom Jahre 1893-1897 demonstriren:
Stand der Beri-Beri- an Beri-Beri superarbitrirt Armee Patienten gestorben Malaria
1893 34,186 6170 = 18% 218 573 13,332 = 39% 1894 37,532 4908 = 13% 231 796 11,631 = 31% 1895 38,568 5652 = 14% 276 516 14,706 = 38% 1896 42,782 5780 = 13% 151 726 14,639 = 34% 1897 42,080 2211 = 5% 92 442 17,534 = 41%
Ich folgte also, was die Behandlung dieser unglücklichen Patienten betraf, dem Beispiele meiner Collegen und nahm die einzelnen Symptome zur Basis meiner Recepte; wir können ja leider bei den meisten Krankheiten, von welchen wir unter dem Scepter der Bacteriologie alles zu wissen glauben, auch nicht viel mehr thun. Auf diese Weise habe ich mein ärztliches Gewissen damals beschwichtigt und schon nach einigen Wochen mich ebenso sicher oder ebenso unsicher wie die übrigen Collegen gegenüber den Beri-Beri-Patienten gefühlt. Glücklicher Weise hatte ich noch andere Patienten, wie z. B. chirurgische, syphilitische und venerische Fälle oder andere mir geläufige Krankheitsformen, wie z. B. Herzfehler, Lungenkrankheiten u. s. w. in Behandlung und dadurch auch hinreichendes Material, um das Selbstvertrauen in meine ärztliche Kunst nicht allzu stark erschüttert zu sehen. Damals folgte nämlich der Sanitätschef dem Principe, dem jungen Arzte alle möglichen Krankheitsformen in Behandlung zu geben, um eine vielseitige Ausübung seiner ärztlichen Kunst zu ermöglichen. Der Militärarzt in Indien hat ja nur zu oft Gelegenheit, ohne Hülfe eines Collegen oder eines Consiliarius, alle Zweige der ärztlichen Kunst ausüben zu müssen. Jeder wird für kürzere oder längere Zeit in die Aussenbesitzungen gesendet, wo er oft in einem Gebiete, das so gross wie eine holländische Provinz ist, der einzige Arzt ist, und bei den mangelhaften Verkehrswegen erst nach vielen Tagen oder Wochen einen Collegen in’s Consilium erlangen könnte. Der indische Militärarzt muss also vielseitig entwickelt sein und selbständig in allen Fächern der Medicin auftreten können. Zu diesem Zwecke erhielten damals die jungen Aerzte nicht Abtheilungen, welche mit bestimmten Krankheitsformen belegt waren, sondern Krankensäle, welche, analog der Truppenformation, Europäer, Eingeborene, Unterofficiere[27] und Officiere[27] enthielten.
Von den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen bekam ich in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in Indien kein richtiges oder besser gesagt gar kein Bild. Eine grosse Kluft trennt sie von den Europäern; ich selbst sprach keinen andern Eingeborenen als meinen Bedienten und wechselte mit den Patienten meiner Abtheilung kein Wort, das nicht unerlässlich für die Behandlung war. So geht es allen Officieren, vielen Beamten und allen übrigen europäischen Bewohnern Javas. Eine Ausnahme machen hiervon einige junge Leute, welche mit einer eingeborenen Frau im Concubinat leben; da aber eine solche Njai = Haushälterin aus der Hefe des Volkes genommen wird, ist ihr Bildungsgrad ein sehr niedriger, und sie wäre gewiss die unreinste Quelle, aus der man sein Wissen in der malayischen oder javanischen Ethnographie schöpfen könnte. Auch sind einzelne und dann meistens halbeuropäische Familien in jeder Stadt, welche mit den eingeborenen Häuptlingen gesellschaftlich verkehren; diese sind allerdings dann gut auf der Höhe der malayischen oder javanischen Sitten und Gebräuche. Die übrigen Europäer aber haben nur ein oberflächliches Wissen von den Gewohnheiten ihrer Stadtgenossen und beurtheilen die Eingeborenen nur nach dem äusseren Schein und dem oberflächlichen Wellenschlag des täglichen Lebens auf der Strasse und auf dem Marktplatz. Mir ging es schon darum in Surabaya nicht besser, weil mein ärztlicher Beruf ganz andere Arbeiten als das Studium der Sitten der Eingeborenen mir zur Pflicht machte. Ich musste die holländische und malayische Sprache mir aneignen, musste dem Studium der Tropenkrankheiten und Tropenhygiene mich widmen, und musste mich zunächst in das Leben und in die Gebräuche der Holländer einleben. Erst in späteren Jahren beschäftigte ich mich auch mit der »Land- und Völkerkunde« der Insel, auf der ich lebte.