21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 40
Auch in Bantam war der alte Sultan 1651 gestorben, und sein Enkel und Nachfolger, Sultan Ageng Tirtajasa, auch Abu’l Fath, Abdu’l fattâh genannt, nahm sofort nach seiner Thronbesteigung die alte feindliche Haltung wieder an; nicht allein, dass er zahlreiche Räuberbanden nach Batavia schickte, er griff selbst zwei Schiffe der Compagnie an, kurz, alle Mittel des Guerillakrieges wendete er an, so dass im Jahre 1656 die Vertreter der Compagnie sich flüchten mussten. Die +Engländer+ und +Dänen+ unterstützten den Sultan in seinem Widerstande gegen die Holländer; sie gingen zum Angriffe über, obwohl eine englische Flotte aus Europa erschien, mit einem Briefe der Nied. O. I. Compagnie, in welchem ein Bündniss und Frieden mit den Engländern gefordert wurde. Die Niederländer schlossen also mit Bantam Frieden (1664), ohne jedoch bedeutende Vortheile damit zu erzielen. Auch in Mataram spielte die Compagnie in dieser Zeit keine würdige Rolle. Obwohl Amangku Rat wie ein javanischer Nero seinen Tyrannengelüsten freie Zügel schiessen liess, so huldigte die Compagnie ihm doch in auffallender Weise, indem sie jedes Jahr eine Gesandtschaft an seinen Hof schickte, welche ihm jedesmal die bedeutendste Erfindung Europas als Geschenk brachte.
Unterdessen hatten die Makassaren von den Molukken durch ihre Raubzüge die ganze Nordküste Javas geplündert und 1671 in Bantam günstige Aufnahme gefunden, weil der Sultan hoffte, mit ihrer Hülfe seine beiden Rivalen, den Fürsten von Mataram und die Holländer, demüthigen zu können.
Capitän Holsteyn’s unglücklicher Feldzug veranlasste die Compagnie, den Major Poleman (1676) mit 300 Mann nach dem Osten Javas zu schicken, wohin sich die Makassaren zurückgezogen hatten, nachdem sie Bantam wegen Ermordung des Sohnes ihres Häuptlings Kraëng Montemarano verlassen hatten. Poleman eroberte alle Bollwerke der Makassaren, so dass sie sich ins Innere des Landes flüchten mussten. Das Heer des Sultans von Mataram unter Commando von Pangeran Adipati Anom war jedoch nicht im Stande, trotzdem sie ungefähr 60000 Mann stark waren, die vereinigten Maduresen und Makassaren aufzuhalten, die ganze Küste von Ost-Java fiel wieder in die Hände der Maduresen, der Bundesgenossen der Makassaren (bis auf das niederländische Fort Djapara). Der Rath von Indien, Cornelis Speelman, eilte dieser Factory zu Hülfe, und zwar mit 300 europäischen und 400 eingeborenen Soldaten, und auf seinem Zuge verhandelte er mit dem Sultan von Mataram über die Entschädigung, welche ihm für diese Hülfeleistung geleistet werden sollte. Der Gesandte Couper brachte am 28. März 1677 ein solch trauriges Bild von den Zuständen in der Hauptstadt und besonders über die innere Zerfahrenheit und die Streitigkeiten der vier Söhne des Sultans an Speelman, dass er beschloss, den Kampf mit Truna Djaja, dem Anführer der Maduresen, aufzunehmen. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die Javanen für den Susuhunan zu gewinnen, eroberte er das Fort des Truna Djaja und schlug seine Truppen in die Flucht, ging dann selbst nach Madura, wo er nur unter grossen Opfern Arisbaja eroberte, und wandte sich dann wieder nach Java, um dem Sultan von Mataram ausgiebige Hülfe gegen die aufständischen benachbarten Provinzen zu bringen. Mataram erfuhr dadurch nur mehr Schaden als Nutzen. Durch das Bündniss mit den Holländern gingen Samarang, Kudu, Pati, Demak zu Truna Djaja, dem Vertheidiger des heiligen Glaubens über, und von dem Sultan, als dem Freund der Kafirs, fielen selbst seine nächsten Verwandten ab, so dass er flüchten musste, bis er endlich bei seinem ältesten Sohne Pangeran Adipat Anom in Bageléen Asyl und Hülfe fand. Truna Djaja hatte nämlich durch seinen Feldherrn Mangku Iuda die Hauptstadt Mataram erobert und sich den Harem, die Pferde, Elephanten, Schatz-Kisten, die Reichsinsignien und die Kanone Satomi nach Kediri bringen lassen. Der Nachfolger Amangku Rat II. hatte trotz der grossen Bedrängnisse von Seiten seiner Vasallen keine anderen Sorgen als die Liebe, während Speelman sich alle Mühe gab, das Reich Mataram nicht untergehen zu lassen, um in seinem Fürsten einen untergebenen Vasallen in Java zu besitzen; nebstdem hatte er dem Sultan bereits 310000 Realen (1 R. = 2½ fl.) vorgeschossen. Der Susuhunan verpflichtete sich also (19. October 1677), alle Häfen der Nordküste, von Krawang angefangen bis an den äussersten Osten, dafür der Compagnie als Pfand zu geben, und erweiterte den factischen Besitz der Compagnie bis an den Fluss Pamanukan im Osten und an den grossen indischen Ocean im Süden. Nebstdem erhielt sie das alleinige Recht von Einfuhr der persischen Teppiche und Verkauf von allem Zucker in den Ländern Djapara, Demak, Grobogan, Pati, Djewana und Kudus. Im Jahre 1678 erhielt Speelman nebstdem das Gebiet der Stadt Samarang und Umgebung. Leider wurde durch den Tod des Gouverneur-General Maessuyker (4. Januar 1678) Speelman von der definitiven Ausführung seiner grossen Pläne abgehalten; er wurde nämlich »zum Directeur-General von dem Handel« ernannt und musste das Commando an den Hauptmann de St. Martin übergeben.
Antonie Hurdt, welcher auf seiner Rückreise von den Molukken in Djapara gelandet war, um sich von dem politischen Zustande von Mittel-Java zu überzeugen, wurde als Civil-Commissar mit de St. Martin als Militär-Commandant nach Ost-Java gesendet, um für das Reich von Mataram zu kämpfen, weil Bantam erst dessen Untergang und danach den von Batavia beschlossen hatte. Nach zahlreichen kleinen Gefechten und langen Märschen im Innern des Landes, das den Europäern noch ganz unbekannt war, gelang es Hurdt, wenn auch mit grossen Verlusten, Kediri zu erobern, die alte Königskrone von Madjopahit und die Reichsinsignien in die Hände zu bekommen und sie dem Fürsten auf den Kopf zu setzen. Die anderen feindlichen Truppen der Makassaren und Maduresen gaben den Holländern noch viel zu thun, bis endlich Truna Djoja (27. December 1679) gefangen genommen und von dem Sultan selbst gekrist[234] wurde. Die javanische Helena, Ratu Blitar, um deren Besitz der Sultan von Mataram alle seine Kriegszüge unternommen hatte, wurde von dem Sultan von Bantam an ihn ausgeliefert, mit dem guten Rath, ihren Liebhaber auf das Verächtliche seiner Stellung als Freund der Kafirs immer und immer hinzuweisen. Dennoch fiel schon 1680 Cheribon in die Macht der Compagnie, und nach einem Vertrag vom 4. Januar 1681 diese Provinz unter denselben Bedingungen wie Mataram unter die Suzeränität der Compagnie. In Bantam hatte der Kronprinz auf Rath französischer und englischer Freunde eine Pilgerfahrt nach Mekka (und nach der Türkei) unternommen und wurde bei seiner Zurückkunft als Sultan Hadji von seinem Vater zum Mitregenten eingesetzt. Bald trachtete er, seinen Vater zur Seite zu schieben, und zwar mit Hülfe des Jacob de Roy, welcher ein desertirter Soldat und Brotbäcker der Compagnie gewesen war, und ihm rieth, die Hülfe der Compagnie anzurufen, als ihn sein Vater Sultan Ageng bei Surasowan belagerte. Bei Tangeran kam es zur entscheidenden Schlacht, und in der ersten Aufwallung seiner Freude wollte Sultan Hadji alle Freunde seines Vaters, die Engländer, Dänen, Franzosen und Portugiesen, aus Bantam vertreiben. Der alte Sultan flüchtete sich nach dem Süden der Provinz (Lebak) und ergab sich freiwillig (1683), nachdem er sein Lustschloss Tirtajasa in der Nacht vom 28. zum 29. December 1682 in die Luft hatte fliegen lassen. Speelman starb 1684, und sein Nachfolger, der Gouverneur-General Camphuis, schloss am 17. April 1684 mit Sultan Hadji einen Vertrag, demzufolge er mit 600000 Ryksdaalers seine Schuld an die Compagnie anerkannte und dafür das alleinige Recht der Ausfuhr von Pfeffer und Einfuhr von persischen Teppichen für Bantam und seine sumatranische Besitzung an die Compagnie gab. Alle diese Contracte wurden natürlich so oft als möglich -- gebrochen; selbst der Sultan von Mataram trachtete in dem Aufstande des früheren Sträflings Suropatti das Joch der Niederländer abzuschütteln. Dabei hatten diese viele tausend Soldaten und so manche treffliche Führer, wie Tak, van Vlieth u. s. w. verloren, aber zuletzt musste der Sultan (1689) sich wieder unterwerfen; dabei wurde Cheribon nach europäischem Modell organisirt und die Preanger (1698) verpflichtet, gegen festgesetzte Preise inländische Gewebe, Pfeffer, Indigo, Wachs, Vogelnester, Zimmt und Perlen zu liefern. »Alle Preanger-Menschen seien Unterthanen der Compagnie und dürfen weder untereinander kämpfen noch das Land sich abnehmen, es sei denn auf Befehl des Gouverneur-General.«
Suropatti fuhr indessen fort, sowohl seinem westlichen Nachbar, dem Sultan von Mataram, als seinem östlichen, dem Susuhunan von Balambangan, lästig zu fallen, und Beide wandten sich um Hülfe an die Compagnie. Die Bitte des Sultans von Mataram, dessen Residenz seit den Tagen von Truna Djaja Kartasura war, musste unberücksichtigt bleiben, weil er nicht einmal seine alte Schuld bezahlt hatte, welche auf 1200000 Reals angewachsen war, und als Amangku Rat starb, entstanden in seiner Familie so viel Streitigkeiten, dass die Regierung factisch nicht wusste, wer der eigentliche Sultan war. Pangeran Puger, der Bruder des alten Sultans, blieb mit Hülfe der Compagnie Sieger, wofür er die ganze Provinz Preanger, Cheribon und die östliche Hälfte von Madura zu einem Vasallenstaate der N. Regierung erklärte (5. October 1705).
Bei Suropatti befand sich auch Sunan Mas, der frühere Kronprätendent von Mataram, und leitete den Widerstand gegen die Holländer am Ende des Jahres 1706. Suropatti wurde in seinem eigenen Lande angegriffen. Der Feldzug hatte nur den einen Erfolg, dass Suropatti bei Banggil verwundet wurde und kurz darauf in Pasaruan starb. Im nächsten Jahre jedoch gelang es dem Commandanten de Wilde, dem Reiche des Suropatti ein unrühmliches Ende zu bereiten und die Regenten von Madjakerto, Wirasaba, Kediri und Madiun an Paku Buwana zu unterwerfen. Seine Söhne fanden jedoch ein Asyl in Balambangan, von wo aus sie ihre Raubzüge fortsetzten, bis im Jahre 1712 die Holländer dagegen energisch auftraten.
Im Jahre 1709 sollte eine Conferenz aller Fürsten von Java und Madura in Kartasura zusammenkommen, in welcher der Susuhunan mit dem Vertreter der Compagnie, dem Commandanten Knol, feststellen sollte, welche Landesproducte[235] und zu welchem Preise diese von jedem einzelnen Häuptling an die Compagnie jährlich geliefert werden sollten; der Dipati von Surabaya -- Djageng Rana -- wurde bei dieser Conferenz heimtückisch vom Sultan unter Mitwissen von dem Commandanten Knol ermordet und sein Reich unter zwei seiner drei Söhne getheilt, während der dritte Regent von Lamonga wurde. Auch sie verpflichteten sich zu dem verlangten Tribut an die Compagnie und zur Anerkennung des Sultans von Mataram als ihres Herrschers, aber -- sofort nach ihrer Abreise verbanden sie sich mit den Söhnen Suropattis. In einem der zahlreichen Kriege der nächsten Jahre fand die Compagnie Anlass, in Kartasura, der neuen Hauptstadt des Reiches von Mataram, eine starke Festung zu bauen, und im Jahre 1723 erfolgte die Uebergabe der angesehensten Häupter des Aufstandes, und der Krieg fand ein befriedigendes Ende.
Gleichzeitig wurde eine Revolution in Batavia selbst entdeckt und deren Rädelsführer, Pieter Erberveld, mit 49 Theilnehmern auf die grausamste Weise ermordet.
Von Bantam bekam die Compagnie im Jahre 1731 die Insel Pandjang, welche vor dem Bantambusen lag.
Bald sollten die Sultanate Mataram und Bantam von dem Erdboden verschwinden. Den Anlass zum Untergang des Reiches Mataram gab der Aufruhr der Chinesen in Batavia, welcher beinahe mit gänzlicher Vernichtung der chinesischen Bevölkerung in Batavia endete.
Während der Susuhunan dem Gesandten der Regierung alle mögliche Hülfe versprach, gab der neuernannte Reichsverweser Nata Kusumo den chinesischen Häuptlingen seines Reiches die Versicherung, dass ihnen die Städte der Küste abgetreten und alle Handelsvorrechte zugetheilt werden sollten, welche die Compagnie dem Reiche Mataram abgerungen hatte -- wenn sie die Holländer vertreiben würden. Die Chinesen hatten an der Nordküste bedeutende Eroberungen gemacht, selbst bis nach Surabaya, sodass der Susuhunan von Kartasura endlich öffentlich ihre Partei ergriff und zunächst die europäischen Soldaten seines Forts entweder ermorden liess oder zum Uebertritt zum Islam zwang und als Sclaven verkaufte (20. Juli 1741). Der Regierung gelang es jedoch schon im November desselben Jahres, die Nordküste zurückzugewinnen, und Paku Buwana -- kroch zu Kreuze. Nebstdem wurde ein Gegensultan ernannt, und zwar ein Enkel des nach Ceylon verbannten Sunan Mas; Mas Garendi, mit seinem Königsnamen Sunan Kuning, konnte sich jedoch nicht lange seines Thrones erfreuen; seine Anhänger, Chinesen und Javanen, wurden geschlagen, der Anführer der Chinesen, Tai-Wan-Sui, flüchtete sich nach Bali, und Sunan Kuning übergab sich am 3. October 1743 in Surabaya den Beamten der Compagnie, wurde nach Ceylon verbannt und Paku Buwana bestieg den Thron wieder, was er jedoch mit Aufgabe seiner Selbständigkeit bezahlen musste. Unter anderm musste er in Zukunft die Wahl eines Reichsverwesers und aller Regenten von der Zustimmung der Compagnie abhängig sein lassen, und bei etwaigen strittigen Fragen musste dem Befehl der Compagnie mehr als dem des Susuhunan gehorcht werden.
Der damalige Gouverneur-General van Imhoff bereiste die Preanger, gründete das heutige Buitenzorg, sorgte für Colonisation von Tji Sounas und hinreichende Bebauung des Landes. Nach dem Ende des Krieges besuchte er die Ostküste Javas, durchzog das Innere Javas nach allen Richtungen und erstattete einen ausführlichen Bericht nach Holland, der leider niemals in die Oeffentlichkeit gelangte.
Die zahlreichen Prätendenten in Mataram veranlassten den Sultan Paku Buwana, am 11. December 1749 auf seinem Todtenbette dem anwesenden Hohendorff das Reich feierlich zu übergeben und der Compagnie die Wahl eines Thronfolgers zu überlassen.
Hohendorff ernannte den Kronprinzen zum Thronfolger, obzwar sein Vater ihn eines Liebesverhältnisses mit einer seiner Gundiks beschuldigt hatte, und obwohl er augenleidend[236] war. Natürlich blieb ein Gegensultan nicht aus, und zwar in der Person seines Onkels Mangku Bumi, welcher sich im Palaste zu Djocja krönen liess. In dem darauf folgenden Erbfolgekriege kämpften die Holländer mit abwechselndem Glücke, selbst dann noch, als wiederum die Maduresen ihre gefürchteten Banden der Compagnie zu Hülfe sandten, und als selbst die Streitmacht des Mangku Bumi durch Zwist mit seinem Schwiegersohn Mas Saïd von Surabaya geschwächt wurde. Der neue Gouverneur-General Mossel wählte zwischen Mas Saïd, welcher »ganz Java«, und Mangku Bumi, welcher »halb Java« als Preis der Versöhnung mit der Compagnie forderte, nicht lange. Er verhandelte mit den bescheideneren Ansprüchen des Mangku Bumi und veranlasste (1755) den Susuhunan, sein Reich mit seinem Onkel zu theilen. Beide wurden Lehnsfürsten der Compagnie und zugleich die Ahnherren der noch heute bestehenden Kaiserreiche auf Java. Paku Buwana III. behielt in Solo seine Residenz, während Mangku Bumi Djocja oder nach der damaligen Schreibweise Jogjakarta zur Residenz seines neuen Reiches machte. Auch sein Schwiegersohn Mas Saïd wurde in Gnaden aufgenommen und erhielt von dem Susuhunan von Solo im südlichen Gebirge ein kleines Reich als Lehn.
Da beinahe gleichzeitig auch in Bantam ein Erbfolgekrieg ausgebrochen war, und zwar nach dem Tode des Sultans Zeinu’l-Arifîn, und erst im Jahre 1752 endigte, hatte die Compagnie einen schwierigen Standpunkt. Aber auch hier siegte ihr Princip: Divide et impera. Denn der Kronprinz bestieg zwar als Sultan Abu’n Natsr-Mohamed Arûf Zeinu’l Asjekin den Thron seiner Vorväter, aber auch nur als Lehnsfürst der Compagnie.
Der östliche Theil von Java war schon 1743 an die Compagnie abgetreten und hatte allerdings in den zahlreichen Erbfolgekriegen der Nachbarn viel zu leiden; auch als die englische ostindische Compagnie mit Hülfe der Balinesen und Chinesen in Balambangan Opium einführen wollte, und ein Aufstand in diesem Vasallenstaat von Bali 1767 ausbrach, gelang es den Holländern, ihn bald zu unterdrücken und selbst die letzten Nachkommen des gefürchteten Suropatti zu tödten. Da diese Theile des Landes durch die zahlreichen Kriege erschöpft waren, veranlasste die Compagnie eine grosse Colonisation von Madura aus und setzte Mas Alit als Regenten ein, der als Balinese dem Hinduglauben ergeben war.
Am Ende des vorigen Jahrhunderts machte sich eine bedenkliche Schwäche der Compagnie fühl- und bemerkbar, und es kostete ihr z. B. schon grosse Anstrengung, bei dem Tode des Sultans von Djocja (1792) die Prinzen des Susuhunan von Solo und die Verwandten des Sultans selbst von einem neuen Erbfolgekrieg abzuhalten und den ältesten Sohn der Sultanin am 2. April als Sultan, und seinen Sohn Mangku Bumi als Thronfolger zu ernennen. Auch in Solo regelte van Overstraten die Thronfolge. In Bantam gelang es ihr auch 1778, die Suzeränität über Sukadana an der Westküste Borneos abgetreten und von den Lampongs (Südküste von Sumatra) noch mehr Pfeffer zu erhalten, als von Bantam selbst. Aber mit jedem Jahre wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts die eingelieferte Quantität kleiner. Während im Jahre 1724 die Compagnie 19000 Bahars (= Ballen à 7-8 spanische Dollars) von Bantam und seinen Vasallenstaaten erhielt, war im Jahre 1796 dieses Quantum auf 400 gesunken. Leider waren die ganz unrichtigen Anschauungen der Handelspolitik von Seiten der europäischen Beamten mehr als der Unwillen der Bevölkerung daran Schuld. Dieselben schlechten Erfolge mit dem Kaffee und der Cultur des Indigo und des Zuckers waren die Folgen einer kurzsichtigen und egoistischen Handelspolitik, bei welcher natürlich die Beamten der Compagnie auch ihre Privatkasse nicht vergassen. Dies zeigt uns deutlich die Provinz Cheribon, welche anfänglich vier, im Jahre 1773 nur zwei Fürsten hatte und zwar Sultan Sepúh und Sultan Anom. Die Kronstreitigkeiten haben wie alle übrigen Staaten von Indien sehr bald ganz Cheribon zu einem Vasallenstaat der Compagnie gemacht, in welchem der Resident -- der Tyrann wurde, dem Cheribon eine Goldgrube wurde. Nach +Veth+[237] lieferte sie jährlich: 1000 Kojang (= 1 Kojang = 1729 Kilo[238]) Reis, 500000 Pfund Zucker, 20000 Pfd. Wolle, 6-8000 Pfd. Indigo, 14-18000 Pikols Kaffee, Pfeffer, Zimmt, Cocosöl, Fisolen, Bast, 2000 Balken, 80000 grosse und 40000 kleine Dauben; der Hafenzoll betrug 16-20000 Ryksdaalers. Die Einkünfte des Residenten waren: 80 fl. monatlicher Gehalt, 1500 Ryksdaalers (= 2½ fl.) von dem chinesischen Fabrikanten der bleiernen Scheidemünzen (pitjis), 2000 Ryksdaalers von den Pächtern der Pässe, 10000 Ryksdaalers aus den Holzlieferungen, 12000 von dem Opium, Salz und Metalleinfuhr, 8000 von dem Export des Zuckers, 7000 von dem Reis, 9000 von den übrigen Zöllen des Hafens, von dem an die Compagnie gelieferten Kaffee 64000. Solche Einkünfte eines einzigen Beamten waren ein Symptom des unvermeidlichen Unterganges der Gesellschaft; denn sie waren nicht vereinzelt und zeigten den niederen Beamten den Weg, sich auf Kosten des kleinen Mannes zu bereichern. Die Einkünfte des Gouverneurs der Nordküste, der in Samarang seine Residenz hatte, waren ja beinahe zweimal so gross, als die Einkünfte der Residenz von Cheribon. Er hatte zwar nur einen Gehalt von 200 fl. pro Monat, aber allein aus dem Handel mit Vogelnestern[239] fielen in die Tasche dieses Beamten 100000 fl.!! Die Inseln Madura und Bavean wiederum waren für den Gouverneur der Nordostküste eine ausgiebige Milchkuh, weil bei den vielfachen Thronstreitigkeiten die Gunst dieses Gouverneurs endgiltig in die Waagschale fiel, und diese Gunst theuer erkauft werden musste. Die Robotdienste und das Aussaugesystem der einheimischen Fürsten, welche noch heutzutage der indischen Regierung sehr viele Sorge bereiten, wurden schon durch van Overstraten vor 100 Jahren bekämpft, und Samarang, wo dies dem Gouverneur besonders gelang, blühte in so hohem Maasse, dass er selbst aus hygienischer Rücksicht der Uebervölkerung entgegentreten musste, während die östlichsten Provinzen (bis Balambangan) nicht nur ein Auswandern der Bevölkerung sahen, sondern auch zum Aufstand gezwungen wurden. Auch »Batavia en Onderhoorigheden« zeigte einen bedeutenden Niedergang, weil die Regierung den Landbau aller Naturproducte von einem falschen Standpunkte regelte. Im Jahre 1710 hatten z. B. die »Ommelanden« 131 Zuckermühlen, jede durfte nicht mehr als 300 Pikols bearbeiten. Als nach dem Aufstande der Chinesen noch 52 Mühlen anwesend waren, gebot sie in der Furcht, dass +zu viel+ Zucker fabricirt werde und der Preis zu tief sinken würde, dass die Zahl von 70, und im Jahre 1750 die Zahl von 80 nicht überschritten werde. Im Jahre 1796[240] waren nur noch 40 in Thätigkeit.
Es würde das Ziel dieser kurzen Geschichte der europäischen Ansiedelungen überschreiten, wenn ich ein Bild der Unterdrückungen entrollen würde, welche der »kleine Mann« durch seine Fürsten mit Wissen und Willen der Beamten der Compagnie zu erleiden hatte. Aber erinnern muss ich daran, weil der Verfall der Compagnie darin seine Begründung hatte. Ja noch mehr; sie zahlte ihren Beamten so kleine Gehälter, dass sie sich nach anderen Einkünften umsehen mussten. Es war also der Geiz der Compagnie die Ursache ihres Falles.
Das Privilegium endigte 1774, wurde auf zwei Jahre verlängert und dann wieder auf zwanzig Jahre, also bis zum Jahre 1796 erstreckt. Die französische Revolution mit dem Kriege gegen England brachte eine englische Flotte nach Batavia, welche die Stadt vom 23. August bis 12. November 1800 blockirte und die Waaren der Compagnie auf der Insel Onrust in Brand steckte. Nebstdem wurden von der holländischen Regierung zahlreiche Commissionen nach Java zur Untersuchung der herrschenden Verhältnisse geschickt, und im Jahre 1800 nahm der Staat alle Colonien, welche sich nicht in den Händen der Engländer befanden, in eigene Verwaltung.
Die Wogen der sturmbewegten Politik, welche im Anfange des 19. Jahrhunderts Europa in seinen Grundmauern zu erschüttern drohten, brachen sich nicht an der Küste Javas. Schon im August desselben Jahres mussten die »Schutters« von Batavia ihre Heimath gegen 5 englische Kriegsschiffe vertheidigen, und im November 1806 wurde die ganze holländische Flotte, welche aus 8 Kriegs- und 20 Handelsschiffen bestand, von den Engländern erobert (nebstdem war im Jahre 1802 ein Aufruhr in Cheribon [Nord-Java] unterdrückt worden). Im Jahre 1808 hat der ebenso energische als autokrate General Daendels, kaum in Indien angekommen, den beiden suzeränen Staaten Djocja und Solo die Ueberlegenheit der holländischen Regierung fühlen lassen und das Reich Bantam (am 22. November 1808) dem holländischen Reiche einverleibt, den alten Sultan nach Surabaya verbannt, seinen Sohn als besoldeten Sultan angestellt, die alte Königsstadt niederreissen lassen und Serang zur Hauptstadt des Landes ernannt.