21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 4

Chapter 43,718 wordsPublic domain

Einer meiner Reisegenossen ging mit der »Friesland« nach Surabaya, von wo aus er das Endziel seiner Reise im Innern des Landes erreichen sollte. Da ich durch keine dienstlichen Angelegenheiten verhindert war, wollte ich ihn aufs Schiff begleiten, um noch einmal -- und zwar zum letzten Male -- die Stätte zu sehen, auf welcher ich 42 Tage lang mit Sehnsucht den Tag erwartete, an welchem ich die grosse Seereise überstanden hatte und eine neue Carrière anfangen sollte. Nebstdem konnte ich auch den nördlichen Theil der Neustadt und die Altstadt besichtigen, welche am Tage der Ankunft wegen vorgerückter Abendstunde nur in flüchtigen Umrissen sich gezeigt hatten.

Vor dem Hôtel lagen damals die Rails der Tramway, welche bis zur Douane in der alten Stadt führten. Heute ist es eine Dampftramway mit ziemlich netten Waggons; damals waren es alte schmutzige Kasten, welche von drei kleinen mageren Pferden gezogen wurden. Mitleid musste jeder mit diesen drei »Katzen« haben, welche bei »jeder Halt« die grösste Mühe hatten, diese grossen gefüllten Kästen in Bewegung zu bringen.

Neben den Rails lag ein Trottoir, und daran schloss sich das tiefe Bett des Tjiligon, welcher stets ein (von Lehmerde) gelb gefärbtes Wasser führt; der Stadttheil an seinem rechten Ufer heisst Nordwyk (y = ei), während das Javahotel, das Hotel der Nederlanden, das Justiz-Ministerium und das des Innern, die Bureaux des Palastes des General-Gouverneurs (dessen südliche Front bis auf den Königsplatz reicht) und die »Harmonie« (Civil-Casino) in Ryswyk liegen. Längs dieser Gebäude ging die Tramway, welche durch die Vorstadt Molenvliet nach der Altstadt führte. Bei der Douane fand ich den Herrn L., welcher mit einigen Freunden auf mich wartete, um gemeinsam in einem Kahn auf dem »Canal« die Fahrt nach der Rhede anzutreten. Der Herr L. war der malayischen Sprache mächtig genug, um mit dem Steuermann des Nachens den Preis von 3,50 fl. für die Hin- und Rückreise zu bedingen.

Sofort nach unserer Ankunft wurde der Anker aus der Tiefe gezogen, die Dampfpfeife gab das Signal zur Abreise, und ich verliess die »Friesland«, die, wie schon erwähnt, im Jahre 1878 mit Mann und Maus unterging.

Der Dampfer war kaum in Bewegung, als der Steuermann des Nachens die Bezahlung des Preises von mir verlangte; ich zog arglos meine Börse heraus und wollte ihm die bedungenen 3,50 fl. bezahlen; er aber schüttelte das Haupt und zeigte mir die fünf Finger seiner Hand; ich steckte ruhig die Börse ein und wies gebieterisch mit der Hand nach der Küste. Ebenso ruhig legten aber die Ruderer auf einen Wink des Steuermanns die langen Ruder nieder. Es war ein kritischer Augenblick; ich wusste damals noch nichts von den Malayen als berüchtigten Seeräubern, welche sie früher waren; aber ich fühlte das Schaukeln des Kahnes und die Haifische haben sich auf der Rhede Batavias schon manchen in’s Wasser Gefallenen in die Tiefe gezogen. Wir waren von der Küste zu weit entfernt, um von den Krokodilen aufgefressen zu werden; aber die Küste und das »Wachtschiff« waren so weit entfernt, dass mein Hilferuf nicht hätte gehört werden können. Endlich wies ich wieder, wie ein gewaltiger Feldherr, mit der Hand nach der Küste, der Steuermann hob wieder seine fünf Finger in die Höhe, und ich nickte bejahend mit dem Kopfe. Nach einer Stunde fuhr ich bei der Douane ein und erzählte einem Beamten diesen Vorfall, während ich ihn ersuchte, eine 10 fl. Note mir zu wechseln. Dieser rief den Steuermann zu sich, hielt ihm eine Strafrede, ersuchte mich auf das Nachdrücklichste, nicht mehr als den bedungenen Preis von 3.50 fl. zu bezahlen, und eine tüchtige Ohrfeige machte dem Gespräche mit dem Steuermann ein Ende.

Darauf nahm ich mir ein Dos à dos, um in der Altstadt oder, wie sie in Batavia üblicher Weise genannt wird, in der »Stad« eine Rundfahrt zu machen; diese kleinen Wagen, eine verschlechterte Ausgabe der englischen Dogcart, sind für Batavia geradezu typisch und haben sich dort so eingebürgert, dass sie selbst durch die »Deeleman’s Kar« nicht verdrängt wurden. Beide werden in der Regel nur von einem Pferde gezogen und ruhen nur auf zwei Rädern; während in der ersteren der Passagier mit dem Rücken gegen den Kutscher sitzt, macht der Sitz im »Deeleman Kar« einen rechten Winkel zu dem des Kutschers. Das Dos à dos ist ein offener Wagen, d. h. es hat ein Zeltdach, welches bei Regen durch Vorhänge geschlossen werden kann, während der »Deeleman« ein viereckiger Kasten ist. In beiden sitzt man jedoch so unbequem als möglich, und der »Deeleman« hat ausserdem noch eine niedrige Einsteigtreppe.

Die Rundfahrt durch die »Stad« bot wenig Neues, Interessantes oder Sehenswerthes. Wenn nicht hin und wieder eine Palme oder ein Pisangbaum uns an die Tropenwelt erinnerte, wenn nicht »unsere braunen Brüder« oder Chinesen durch die Strassen in grosser Zahl ihre Arbeit besorgten, z. B. mit grossen, halbmondförmigen Stöcken ihre Lasten trügen oder Eis zum Verkauf anböten, so würde man glauben, eine alte, verfallene Hafenstadt Europas vor sich zu haben mit zahlreichen Kanälen, welche mit Kähnen und Nachen bedeckt sind; die schmuck- und prunklosen, meistens einstöckigen Häuser sind alle in europäischem Stil gebaut und grössten Theils im Dienst des »Mercur«. Wenn ich von dem Rathhaus mit den Bureaux des Residenten, der Polizei, dem Standesamt u. s. w., von dem Justizpalast (venia sit dicto!), von den grossen Magazinen, der Douane, dem meteorologischen Observatorium, dem Postamt, den Spitälern für Eingeborene und für Chinesen und zwei europäischen Apotheken absehe, fiel mir nur die ungeheure Zahl von Handelsfirmen[14] auf. Es war 12 Uhr geworden; ich entliess das Dos à dos und fuhr mit der Eisenbahn von der Station »Stadhuis« bis zu der von Nordwyk, in deren Nähe sich das Java-Hotel befand.

Programmgemäss sass ich nach meinem Mittagsschläfchen (bis 4 Uhr) in der »Vorgalerie« bei einer Schale Thee und einem Glas Eiswasser, las die Briefe und Zeitungen, welche zum ersten Male Nachricht aus der fernen Heimath brachten, als Mutter Spandermann sich einstellte, um mir wieder einen Vortrag über »das Leben in de Oost« zu halten; sie wählte diesmal das Thema: Kunst. Nachdem sie sich erkundigt hatte, warum ich nicht den Abend vorher die »Comedie« besucht, und nur mitleidvoll den Kopf geschüttelt hatte, als sie hörte, dass ich mich mehr für die Kunst der Eingeborenen und der Chinesen als für die der Europäer interessire, weil mir diese voraussichtlich nichts Neues bieten könnten, da überfiel mich plötzlich eine Eruption eines Zornesanfalles, den ich von der gutmüthigen alten Frau nicht erwartet hätte.

»Ja, ja, ich weiss schon, Sie sind auch so ein Totok, so ein grüner Europäer, der alles besser weiss und kann, als wir Alle in ganz Indien. Sie glauben, dass wir Hottentotten sind, dass hier alles schlecht und dass alles in Indien ordinär sei. Sie sind auch so ein Weltverbesserer, der in Europa kaum der Schulbank entwachsen ist, nichts zum Fressen hatte, und der kaum in Indien festen Fuss gefasst hat und schon uns alten, erfahrenen Eingesessenen Lectionen und weise Lehren geben will. Haben Sie soeben das »Gebet einer Jungfrau« auf dem Piano spielen gehört? Ja? es hat Ihnen gefallen! Das glaube ich auch. Wer hat es gespielt? Sie, Orang-baru, Sie, Totok? Nicht wahr, nein! Es war meine Tochter Anna, welche, Gott sei Dank, noch niemals das Land der Frösche, das kalte, neblige, flache Holland gesehen hat. Wo hat meine Tochter Anna so schön, so reizend, so gefühlvoll gelernt, das »Gebet einer Jungfrau« in das Herz eines jeden verstockten Cölibatärs dringen zu lassen? Hier in Batavia hat sie es gelernt. Sie ist, d. h. ich bin Mitglied der »Aurora«; sie geht zu jeder Aufführung des »Apollo« und der »Eendracht«, und jeden Sonntag nehme ich einen Wagen und fahre zum Concert der »Stabsmusik« auf dem Waterlooplatz. Ist dieses vielleicht keine schöne Musik? Haben Sie schon irgendwo auf der ganzen Welt »an der schönen blauen Donau« reizender und schöner spielen gehört, als hier unter der Leitung des berühmten Capellmeisters D.? So! Haben Sie hier von der europäischen Kunst nichts Neues zu erwarten? Fragen Sie Ihren Nachbar, den Capitän der »Friesland«, das ist ein sehr gebildeter und viel gereister Mann; er ist gestern in »de Comedie« gewesen, fragen Sie ihn, ob in Wien, in ganz Mofrica oder in Paris Aida[15] eine schönere Ausstattung hatte, als gestern unser Decorationsmaler Kingsbergen geboten hat? Ja, ich weiss es, dass »man« in Holland uns für Schlaraffen hält, die nichts anderes thun, als »Reistafel« essen, Genevre saufen, den ganzen Tag im Faulenzer sitzen und zwei- bis dreimal des Tages sich zu »siramen«. Glauben Sie dieses auch heute noch, obwohl Sie sehen, dass ich den ganzen Tag auf den Beinen bin, und factisch nicht einmal Zeit habe, die illustrirte Zeitung meiner »Trommel« anzusehen. Wenn Sie es in Mofrica und in Amsterdam dann so heiss haben, z. B. im Monat August, sehen Sie, hier auf dem Thermometer sind 87° Fahrenheit, und wissen Sie, wohin jetzt meine Anna geht? Sie geht in die Turnschule! Ja, trotz dieser Wärme geht sie turnen; sehen Sie, und in diesem ekelhaften Lande der Frösche nennen sie uns faul, müssig und genusssüchtig.« Endlich kam Ruhe in diesen Sturm, und es gelang mir, der alten Matrone zu versichern, dass ich immer mit Genuss nach den Klängen des »Gebetes einer Jungfrau« gelauscht habe, und dass es mich freue, in Batavia so viel Sinn und Liebe für Kunst und Wissenschaft zu finden. Das Wort »Wissenschaft« entfesselte aufs Neue den Strom ihrer Beredtsamkeit: »Noch keine 8000 Europäer zählt Batavia, d. h. nicht die Stadt Batavia, sondern die ganze Provinz Batavia hat noch keine 8000 Europäer, und darunter sind auch die Sinju und Nona begriffen, welche »inlandsch Blut« in sich haben und oft gar nichts Europäisches in und an sich haben, und wie viel wissenschaftliche Vereine finden Sie in Batavia? Nennen Sie mir eine einzige Stadt in Mofrica oder in Holland, welche kaum 8000 Einwohner zählt und einen »Verein für Kunst und Wissenschaft«, ein königliches Institut für Sprachen, Land- und Völkerkunde, und einen naturkundigen Verein, und die Gesellschaft für Industrie und Landbau, und einen ärztlichen Verein, und einen Verein der Juristen, der Ingenieure, und ein Afrika-Comité hat. Dann haben wir die Mission der christlich-reformirten Kirche, den Verein für innere und äussere Mission, den Verein zur Beförderung und Verbreitung christlich-malayischer Lectüre. Wir haben auch zwei Ruderclubs, zwei Turnvereine, einen Schiessclub; nun, sagen Sie mir einmal, Sie weiser Europäer, welche Stadt in Europa, die noch keine 8000 Einwohner zählt, hat so viele Vereine für Kunst und Wissenschaft? Sie glauben vielleicht gar nicht, dass Batavia so wenig Europäer hat, weil es so gross ist; nun ja, Batavia ist gross und hat seine 80,000 Einwohner, darunter sind aber 20,000 Chinesen, und ich weiss nicht wie viele Eingeborene; ich weiss nur aus dem Regierungsalmanach, dass die Residentschaft Batavia 900,000 Einwohner hat mit 8000 Europäern, 837,000 Javanen, 71,000 Chinesen, 1200 Arabern und 500 »fremden Orientalen«; wie viel davon auf die Stadt Batavia entfällt, kann ich Ihnen nicht sagen;[16] dass aber die Wyken (Stadttheile) der Europäer so gross sind, trotzdem nur wenige Europäer hier leben, hat seine guten Ursachen. Wie Sie sehen, hat jedes Haus einen Garten, auch wenn er oft kaum grösser ist, als ein Waringinbaum für seine Luftwurzeln Platz nöthig hat.«

Endlich hatte Mutter Spandermann ihren Sermon beendigt, und stolz wie eine Fregatte segelte sie weiter, befriedigt von dem Bewusstsein, einem »Baar« die Wahrheit gesagt zu haben.

Unterdessen hatte sich eine Reihe von Hausirern auf der Erde niedergelassen, und kaum hatte die Wirthin mich verlassen, als sie alle auf mich einstürmten. Dieser Ueberfall überraschte mich nicht, weil ich in Port Said von den Geldwechslern und Eseltreibern dasselbe erfahren hatte; zwei Chinesen, ein Javane, ein Malaye und Klingalese zeigten mir ihre Waaren und priesen mir dieselben in malayischer Sprache an. Der eine Chinese merkte jedoch bald, dass ich von dem Kauderwelsch nichts verstünde und fing in französischer Sprache das Loblied seiner Kabayen an, während der Klingalese englisch zu radebrechen anfing. Ich entschloss mich zu dem Kaufe von 6 Kabayen und 6 Nachthosen, für welche der eine Chinese 60 fl. verlangte; ich bot ihm 16 fl. und -- erhielt sie. Bei einem zweiten Chinesen ging es mir noch schlechter oder noch besser, wie man es eben nennen will. Er bot mir zwei ägyptische Vasen, aus Elfenbein geschnitzt, an und verlangte dafür 80 fl.; da ich sie nicht zu kaufen beabsichtigte und von ihm befreit zu werden wünschte, bot ich dafür 80 bidji’s (= 10 Cts.-Stücke). Erst schwur er hoch und theuer, dass sie ihm selbst 40 fl. kosteten, und fing an, seinen Kram einzupacken; schon glaubte ich von ihm erlöst zu sein, als er die Holzschachtel nahm und mir mit den Worten anbot: »Ich habe heute noch kein Geschäft gemacht; ich habe noch keine Hand voll Reis heute kaufen können; ich weiss auch, dass Sie ein grosser Herr sind, also nehmen Sie sie um 8 fl.! -- Natürlich stellte es sich nachträglich heraus, dass die Vasen nicht aus Elfenbein, sondern aus getrocknetem und gepresstem präparirten Reis bestanden.

Interessant war die Bekanntschaft mit meinem Zimmernachbar. Es war der Herr van S.., welcher kurz nachher ein Buch über die »Jagd auf Java« schrieb; er hatte auch den berühmten Rhinocerosjäger Darling gekannt, welcher vor ungefähr 43 Jahren auf Java lebte. Herr van S.. hat mir so manches interessante Jagdabenteuer erzählt, das aber wenig Jägerlatein enthielt. Da ich niemals ein Rhinoceros im Freien gesehen, noch weniger geschossen habe, will ich Herrn van S.. für die Richtigkeit seiner Mittheilungen verantwortlich sein lassen. Die Jagd auf Rhinocerosse sei gewiss sehr gefährlich, wenn man, wie s. Z. der bekannte Jäger +Philippo+, schwer gebaut ist und sich auf sein Pferd nicht verlassen könne. Herr +Philippo+ habe nämlich an einer Jagd auf Rhinocerosse sich betheiligen wollen. Zwölf Mann hoch zogen sie im Süden Javas, und zwar in der Preangerregentschaft, in der Nähe der Küste auf ein grosses Alang-Alang-Feld, in welchem sich nach Mittheilungen der benachbarten Kampongbewohner ein Rhinoceros befände. Sie theilten sich in zwei Gruppen von sechs Mann; die eine Gruppe blieb am Anfang des Feldes stehen. Die andere Hälfte, bei welcher +Philippo+ (wie alle anderen zu Pferde) sich befand, ritt auf einem schmalen Pfade an das entgegengesetzte Ende des Feldes. Auf den kleinen Pferden gelang es ihnen leicht, durch das Alang-Alang-Feld ihren Kameraden an jener Seite des Feldes entgegenzureiten. Kaum waren sie jedoch ungefähr 50 Meter in das Gebüsch eingedrungen, als sie eine schilfrohrfreie Fläche sahen, auf welcher ein Rhinoceros aus einer Pfütze Wasser trank. Das plumpe Thier wurde durch das Geräusch der Reiter aufmerksam, unterbrach seinen Morgentrank, drehte langsam den Kopf nach den Friedensstörern und schaute sie gelassen, ruhig und neugierig an. Der Herr +Philippo+ hatte zwar sein Gewehr mit seiner goldenen Spitzkugel bei sich, womit er schon so manches Rhinoceros getödtet hatte; diesmal wollte er sich jedoch streng an die Gebräuche der Eingeborenen halten und als Erster mit dem grossen Messer (parang) die Wade des Ungeheuers spalten. Er gab dem Pferde die Sporen, in wenigen Secunden war er dem Waldriesen nahe, schon schwang er das Schwert zum Schlage gegen dessen rechtes Hinterbein, als das Pferd mit der schweren Last des Reiters zusammensank und den Reiter in die Pfütze warf. Schwerfällig und langsam drehte sich das Rhinoceros nach der Seite des Pferdes, ohne dem verunglückten Jäger auch nur ein Haar zu krümmen. In demselben Augenblick kam jedoch ein zweiter Reiter und schwang mit Erfolg sein Schwert gegen die Wade des Thieres; es stürzte zusammen und wurde hierauf leicht die Beute der Jäger. +Philippo+ war mit dem Schrecken davongekommen. Man zog ihn aus dem kleinen Sumpfe, während das plumpe, schwerfällige Thier sich vergeblich anstrengte, aufzustehen und auf seine Feinde einzustürmen. Unterdessen waren auch die übrigen Jäger herbeigeeilt, und ein Schuss in die Mitte der Stirne machte sofort dem Leben des Thieres ein Ende.

Auch erzählte mir der Herr van S.., dass die Kugeln aus den Vorderladern in der Regel die Haut des Rhinoceros nicht durchdringen und zur Scheibe abgeplattet herabfallen, dass das Thier jedoch zwei schwache Punkte habe, den einen in der Mitte der Stirne und den zweiten unter dem Blatte über dem Herzen, und dass der Herr +Philippo+ stets eine lange, goldene Patrone von 10 cm für die Jagd auf Rhinocerosse mitnehme, um durch das grosse Gewicht der Kugel sicher eine penetrirende Wunde zu erzielen. Da er ein geübtes Auge hatte und seines Schusses sicher war, habe er niemals die goldene Kugel verloren; er habe sie immer in dem getödteten Thiere wieder gefunden, weil sie nicht mehr im Stande war, zum zweiten Male die Haut des Thieres zu durchbohren.

Mir ist nicht bekannt, was mit der Haut und dem Skelette der getödteten Waldriesen in Java geschieht. Ihr Horn wird jedoch vielfach zu therapeutischen Diensten verwendet. In die Höhle des Horns wird Wasser gegossen und in der freien Luft eine ganze Nacht stehen gelassen. Dieses Wasser wird bei erschöpfenden Krankheiten den Patienten als Roborans gegeben. Geschabt (Rasura cornu rhinocerotis) wurde es in früherer Zeit von den europäischen Aerzten als »schmerzstillende und stärkende« Arznei vorgeschrieben. Die Chinesen wenden es bei Blutbrechen an. Am häufigsten werden Scheiben des Horns, welche in Essig aufbewahrt werden, gegen Schlangenbisse angewendet. Auch die Milchzähne dieser Thiere spielen als Amulette gegen Fieber eine grosse Rolle im Arzneischatz der Javanen; prophylaktisch verhüten sie, auf der Brust getragen, das Entstehen des Fiebers, und zu therapeutischen Zwecken wird der Rücken und die Brust der Patienten damit gerieben, bis braune Striemen die Haut bedecken.

Während Herr van S.. über die Jagd auf Rhinocerosse und Bantengs (wilde Büffel) sprach, hatte sich eine malayische Frau mit ihrem Grusse tabéh tuwan auf die Flur der Veranda der »Vorgalerie« niedergelassen, ohne übrigens ein weiteres Wort zu sprechen. Jedermann liebt es in Indien, gegenüber den »Neulingen« den Mentor zu spielen, und so ging mein Nachbar auf ein anderes Thema in einer wohlgeordneten Rede über, als er meinen fragenden Blick sich auf diese neue Erscheinung richten sah. »Das ist eine »tukang pidjit«, und zwar die berühmteste von ganz Batavia,« belehrte er mich und fasste die kleine Hand dieser Frau und zeigte sie mir; »»pidjit« heisst massiren, und das Wort tukang, welches Sie bei jedem Handwerk und Gewerbe nennen hören werden, bezeichnet eben den Handwerker; so heisst tukang pérag (Silber) der Silberschmied, tukang mendjâhit (nähen) Schneider, tukang mendjâhit buku der Buchbinder, tukang snâpang der Gewehrmacher und tukang ôbat der Apotheker u. s. w. -- tukang pidjit ist also ein Masseur oder eine Masseuse. Diese kleine Hand überrascht Sie, das Werkzeug einer kräftigen Masseuse zu sein; aber ich sage Ihnen, kein europäischer Masseur, und hätte er die Hand eines Goliath, kann so kräftig als diese kleine Hand massiren; sie massirt aber gar nicht mit der Hand, sondern nur mit den Fingern, und darin liegt eben ihre Kunst und ihre Kraft; wenn ich Doctor wäre, ich würde die Muskeln der Finger einer solchen Masseuse untersuchen, ich bin überzeugt, dass sie doppelt so stark entwickelt sind, als die des grössten Europäers. Ihre Kunst besteht in pidjit, urut und krok.[17] Krok ist keine Kunst. Wenn Jemand Muskelschmerzen hat oder im Fieber liegt, welches den Patienten trotz aller inneren Arzneien nicht verlassen will, nimmt die tukang pidjit eine Kupfermünze oder ein Stück von dem Horne eines Rhinoceros und reibt damit grosse Striemen auf der Haut des Rückens und der Brust. Schwieriger ist schon das Urut. Diese Frau -- selten thun es Männer -- nimmt Cocos- oder Kaju-putih-Oel, bestreicht damit ihre Hand und reibt dann die Muskeln mit grösserem oder kleinerem Druck. Pidjit jedoch -- ist die Kunst aller Künste. Wenn ich erschöpft von der Jagd nach Hause komme, oder wenn ich meine zehn Stunden in der Zuckerfabrik hin- und hergegangen bin, oder wenn ich Stunden lang im Zuckerrohrfelde die erkrankten Halme herausgesucht habe, dann bin ich Abends so müde, dass ich nicht in Schlaf fallen kann, bevor nicht die tukang pidjit mich »gepidjit« hat. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich jeden Tag um zehn Uhr mich dieser Operation unterwerfen muss, will ich nicht Stunden lang auf den Schlaf warten. Heute jedoch will ich bei meinem Freunde soupiren und darnach ein paar Stunden l’hômbre spielen; dies ist die Ursache, dass diese Künstlerin schon jetzt um fünf Uhr mich unter die Hände nehmen muss. Adieu.«

Das »pidjit« ist ein Kneten aller Muskeln, welche zwischen die Finger gefasst werden können, und ein Massiren der Hautmuskeln und jener dünnen Muskeln, welche auf einer harten Unterlage ruhen, wie z. B. auf der Stirn. So schmerzhaft dieses Kneten und Reiben des ganzen Körpers sein kann, ein so angenehmes Gefühl sind die Folgen dieser Operation; unter den Erklärungen für das angenehme Gefühl dieser Volkssitte scheint jene die plausibelste zu sein, welche annimmt, dass mit dieser Operation die Ermüdungsproducte sofort in den Blutstrom gebracht werden, und dass die Muskeln daher von einem Ballast sofort und für jeden Fall früher befreit werden, als es durch die Ruhe allein möglich wäre. Da das Schlusstableau jeder Massage dieser Frauen eine forcirte passive Bewegung aller grossen und kleinen Gelenke ist, so werden auch pathologische Zustände, so z. B. chronische Entzündungen, rheumatische Schwellungen oder Ablagerungen der Gicht günstig durch das »pidjit« dieser Frauen beeinflusst. Ob sie aber im Stande seien, kleine unbedeutende Affectionen der Sehnen, Nerven und Muskeln, welche der Diagnose des geübten europäischen Masseurs sich entziehen, und welche sie mit dem allgemeinen Ausdruck urat sala = unrichtige Ader bezeichnen, factisch und richtig zu erkennen, muss bezweifelt werden und fordert noch die Bestätigung auf wissenschaftlicher Basis. Ebenso viel oder wenig muss bezweifelt werden, ob die Kunst des »pidjit« in der Hand der Dukuns so Hervorragendes leiste, als im Allgemeinen angenommen wird. Zweifellos steht jedoch, wie wir in Band I: »Borneo« sahen, ihre Geschicklichkeit fest, eine Frau nach Belieben steril zu machen, und zwar temporär, um ihr zum erwünschten Zeitpunkt die Fruchtbarkeit wieder zurückgeben zu können.

3. Capitel.

Häufige Transferirungen -- Die Vorstadt Simpang -- Die ersten eingeborenen Patienten -- Ein Danaergeschenk -- Die „Stadt“ Surabaya -- Das Mittagschläfchen -- Eine Nonna -- Eine Abendunterhaltung -- Die Beri-Beri-Krankheit -- Indische Militärärzte -- Die Insel Bavean und Madura -- Residenties Madura und Surabaya.

Die Transportverhältnisse auf Java haben sich seit jener Zeit sehr zu ihrem Vortheile verändert. Seit dem Jahre 1891 hat einerseits die indische Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit ihren hohen Preisen der billigen Packetfahrt-Gesellschaft weichen müssen. (Die Reise von Batavia nach Samarang kostete damals z. B. 60 fl., nach Surabaya 90 fl. und nach Telekbetong auf der Südspitze Sumatras bei einer Dauer von nicht ganz zwanzig Stunden 70 fl.!!) Andererseits hat seit dieser Zeit das Eisenbahnnetz die grössten Städte dieser Insel untereinander verbunden.

Ihre Hauptlinie geht von Batavia in einem rechten Winkel nach Maos, einer Station vor Tjilatjap, dem einzigen Hafen von Bedeutung auf der Südküste Javas. Von hier geht sie in einem grossen Bogen wieder nach der Nordküste (nach Surabaya).