21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 3

Chapter 33,592 wordsPublic domain

Nach dem Nachtmahl machte ich eine kleine Spazierfahrt durch die Stadt und kehrte zurück, um mein Bett aufzusuchen. Das Zimmer war sehr primitiv eingerichtet, wie im Allgemeinen in Indien die Hôtels sehr wenig Sorgfalt auf die Möbel verwenden. Mein Zimmer hatte kein Fenster, sondern über der Thür nur ein grosses Luftloch mit eisernen Stäben; der Boden bestand aus Ziegeln, auf welchen vor dem Bette eine kleine Matte lag, ein einfacher Kasten, ein Waschtisch und ein kleiner viereckiger Tisch, auf welchem ich den Inhalt meiner Tasche deponirte, standen in dem Zimmer; an den weissen Wänden hingen nebstdem zwei alte, vom Wetter gebräunte und vom Alter gelb gewordene Kupferstiche, und zur Beleuchtung diente -- eine kleine Oellampe, welche die ganze Nacht brannte. Der Totaleindruck war der einer Zelle eines Gefängnisses, weil es nebst den ordinären Möbeln durch Mangel an Raum sich auszeichnete. Die erste Nacht, welche ich auf Java verbrachte, war geradezu unangenehm. Ein Gekko hatte sich über der Thüre am Luftloche niedergelassen; beinahe jede halbe Stunde ertönte sein lautes Gek--ko, Gekko 6-7 mal hintereinander, und klang in das laute Brummen einer zersprungenen Basssaite aus, Grillen und Frösche accompagnirten den Gekko, und unglücklicher Weise hatte ich das Mosquitonetz nicht gut geschlossen, als ich mich zu Bette legte. Das Summen und Brummen der Mosquitos nahm kein Ende, und hin und wieder tönte dazwischen das Heulen eines Gladakkers, jener herrenlosen Hunde, welche Abends in die Hôtels kommen, um Abfälle der Tafel zu suchen. Bei dem matten Schein des mit Oel gefüllten Lämpchens sah ich zahlreiche Eidechsen auf den Mauern auf die Mosquitos und Larongs Jagd machen, hin und wieder steckte der Gekko seinen grossen Kopf in’s Zimmer hinein, als ob er mit seinen schönen schwarzen Augen den Fremdling erforschen wollte; dazu kam eine fürchterliche Transpiration; die Nacht war warm und die Luft in meinem Zimmer von der feuchten Mauer dumpf und beengend, und bald lag ich gebadet in meinem Schweisse. Endlich stieg ich aus dem Bette und ging hinaus in die schmale Veranda; hier stand neben der Thür ein ordinäres Tischchen und ein grosser Lehnstuhl, von dessen beiden Seiten »Füsse« hinaus und nach vorn geschoben werden konnten; obwohl auf dem Tischchen eine Lampe stand, machte ich doch keinen Gebrauch von derselben; der tropische Himmel und Vollmond erleuchteten hinreichend den kleinen Hofraum vor mir, und zum ersten Male ergötzte ich mich -- nicht an der Pracht des südlichen Kreuzes und der so herrlich scheinenden Venus -- an nichts dachte ich, nichts sah ich, nichts fühlte ich -- ich ergötzte mich am »Klimaschiessen«. Ein wohlthuendes Gefühl ist es, die Füsse nicht herabhängen, sondern auf den Füssen des Lehnstuhles ungefähr 10 bis 15 cm über dem Niveau des Beckens ruhen zu lassen. +Spiegel+ erklärt das wohlthuende Gefühl dieser Lage dadurch, dass die Füsse ½ Meter der Erdelectricität, welche unterm Aequator eine sehr hohe Spannung hätte, entrückt seien. Ich halte jedoch diese Erklärung für eine gesuchte und möchte auf Grund so mancher Beobachtungen und Erfahrungen die Ursache in mir selbst suchen; das Blut der Venen geht nämlich in der horizontalen Lage leichter zum Herzen zurück, und das der Arterien leichter zur Peripherie des Körpers, weil das Gewicht der doppelten Blutsäule ausfällt; denn auch in Europa ist die horizontale Lage eine angenehmere, als das Stehen oder Sitzen.

Ein sanftes Zephyrwehen liess den Schweiss des Körpers verdampfen, und so sass ich in dem tiefen Lehnstuhle, entrückt allen bösen Gedanken, und die Mosquitos umschwirrten mich und brummten und summten unerbittlich ihr leises Lied in meine Ohren; glücklicher Weise verschonten sie mich mit ihren Stichen, und als ich mir eine Manilla-Cigarre anzündete, blies ich mit den Rauchwolken diese lästigen Gäste von mir weg. Endlich forderte die Natur ihr Recht; die Augen wurden schwer, es fröstelte mich, und schliesslich entschloss ich mich wieder, zu Bett zu gehen. Schon glaubte ich einschlafen zu können, als ein Angstgefühl sich meiner bemächtigte, ein kalter Angstschweiss auf meine Stirne trat und mich aus dem Bette jagte; ich eilte zur kleinen Nachtlampe, sah meine Nägel blau, und Krämpfe der Därme erpressten mir den Angstschrei: die Cholera. Doch auch dieses Gespenst meiner erregten Phantasie ging vorüber, und ein gesunder Schlaf beendigte die erste Nacht meines Aufenthaltes in Indien.

2. Capitel.

Weltevreden[3] -- Empfang beim Armee-Commandanten -- Ein Corso auf dem Waterlooplatze -- Gigerl und Modedame in Weltevreden -- Der grösste Platz der Welt (?) -- Malayisches Winken -- Ein Handkuss -- Ein Abenteuer auf hoher See -- Dos à dos und Deeleman -- Altstadt -- Kunst und Wissenschaft in Indien -- Wissenschaftliche Vereine in Batavia -- Indische Hausirer -- Jagd auf Rhinocerosse -- Indische Masseuse.

»In Indien steht man um sechs Uhr auf,« rief mir »Mutter Spandermann« ins Zimmer, »Schlafmütze, stehen Sie auf, es ist schon sieben Uhr.« Ich öffnete die Thüre, und eine frische, reine und duftreiche Luft erfüllte das Zimmer. Ein sonderbarer Anblick bot sich mir dar; auf beiden Seiten des Hofraumes befand sich eine Reihe von Zimmern, und zwischen je zwei Thüren stand ein Tischchen mit einem Arm- und einem Schaukelstuhle, auf denen die Gäste in ihrer Haustoilette sassen; zwischen je zwei Pfählen der Galerie war ein Strick gespannt, auf welchem die Leibwäsche zum Trocknen hing, selbst die geheimsten Toilettestücke der Damen waren hier ausgestellt. Der Bediente brachte mir ungefragt eine Schale Kaffee, welcher ziemlich schlecht war und doch ein angenehmes Gefühl der Wärme im Magen verursachte. Die meisten Herren gingen in ihrer Haustoilette[4] und mit der Cigarre im Munde auf und ab. Wie ich später hörte und sah, ist dieses eine allgemeine Gewohnheit als vorbereitende Maassregel, um »den Schlafkameraden weg zu bringen«. Zwischen 7½ bis 8 Uhr gingen die Herren angekleidet und die Damen in ihrer Haustoilette (Sarong und Kabaya) zur Frühstückstafel; ich wurde nur gefragt, ob ich beim Frühstück Thee oder wieder Kaffee gebrauchen wollte; neben meinem Teller standen zwei halbweich gekochte Eier, der Bediente brachte mir hintereinander Butterbrot, Beefsteak, Cervelatwurst und Käse, und ich folgte dem guten (?) Beispiele meines Nachbarn, von allen diesen Speisen ein bis zwei Stücke zu nehmen; der Magen ist ja ein elastischer Strumpf, er nahm ohne Widerstreben alles Dargebotene an. Zu meiner Rechten sass der Herr X., welcher zum Schluss noch einen halben Teller Nassi Koreng nahm, d. h. Reis gemischt mit klein geschnittenem Fleisch, Zwiebeln und Lombok.[5] Ich bekam einen gewaltigen Respect vor diesem Manne -- es war ein Creole, d. h. ein Indier von europäischen Eltern geboren --, als er beifügte, dass dieses Frühstück keine Mahlzeit zu nennen sei und nur gewissermaassen den Magen für die Hauptmahlzeit vorbereiten müsse, welche er um 12½ Uhr einnehme; in Indien, fügte er hinzu, müsse (??) man sich kräftig nähren, um den Einfluss der erschlaffenden Wärme zu neutralisiren, und wenn er, was übrigens selten geschehe, Magenbeschwerden bekäme, lasse er sich einige Pisangs (Bananen) in dem Oel von Djarakblättern[6] backen; er könne mir dieses Laxans aus eigener Erfahrung wärmstens empfehlen, weil das Wunderöl dadurch seinen unangenehmen Geschmack und Geruch verliere.

Nach dem Frühstück ging ich in mein Zimmer mit der Absicht, die Eindrücke des ersten Tages aufzuschreiben. Mutter Spandermann jedoch erlaubte es nicht: »Jetzt ziehen Sie Ihre Uniform mit der Feldbinde an, nehmen eine Equipage, fahren zum Sanitätschef und melden sich, wie es sich für jeden Officier geziemt; die Equipage, welche ich Ihnen geben werde, behalten Sie bis zur »Reistafel«, und dann werden Sie Ihr Mittagsschläfchen halten. Dies thun alle Leute »in de Oost«, und Sie müssen es auch thun, sonst liegen Sie binnen Jahresfrist unter dem Klapperbaume (Palme) begraben.« Dieser kategorisch ausgesprochenen Marschordre wagte ich natürlich nicht zu widersprechen. Ich stieg also in den sofort herbeigerufenen Wagen, welcher um nichts besser als das Vehikel war, welches mich den vorigen Abend aus der alten Stadt in’s Hôtel gebracht hatte.

Zunächst kam ich auf die »Sluisbrücke« und sah zu meiner Rechten die alte Citadelle »Prinz Frederik«, welche jetzt nur zum Magazine benutzt wird, und kam sodann zu dem Bureau des Landes-Commandirenden,[7] zu dem Reichs-Arznei-Magazin, zu der katholischen Kirche und hatte zu meiner Linken den Waterlooplatz mit der unvermeidlichen Waterloosäule, und zu meiner Rechten das Bureau des Platz-Commandanten. Hier revidirte der Adjutant meine Marschordre und stellte mich seinem Chef vor. Von hier aus ging es weiter längs einiger hübscher Häuser in alt-griechischem Stile, welche von Stabsofficieren bewohnt waren, in den Spitalweg, in welchem sich das Arsenal, das grosse Militärhospital, das Seminar für die Doctor-djawa-Schule, einige Officierswohnungen und das »hohe Haus« für den Sanitätschef befinden, welcher den Rang eines Colonels[8] bekleidet. Im Militärhospital stellte ich mich dem Landessanitätschef der 1. Militär-Abtheilung und im »hohen Hause« dem Sanitätschef vor, welcher mir versprach, in einigen Tagen mir meinen ersten Standplatz mittheilen zu lassen. Wie der Empfang bei allen diesen Herren gewesen sei, berichten meine Reisebriefe mit keinem einzigen Wort; desto ausführlicher jedoch ist die Schilderung der Vorstellung beim Armee-Commandanten. In der Herzogs-Allee (Hertogslaan), welche die zwei grossen Plätze, Waterloo- und Königsplatz, verbindet, steht sein Bureau und sein »Haus«. -- Im Stile unterscheidet es sich von den üblichen Wohnungen der Officiere nicht im mindesten; es ist nur grösser und hat im Innern grosse Empfangssäle. Am 11. November bekam ich vom Platz-Commandanten Befehl, den andern Tag in »Marsch tenue« um 9 Uhr in seinem Bureau mich einzufinden, um dem Armee-Commandanten vorgestellt zu werden; natürlich wurde nur den Neulingen diese Ehre zu Theil; die anderen Officiere, welche von ihrem Urlaub in Europa zurückgekehrt waren, nahmen an diesem Empfang nicht Theil.

Die »Vorgalerie« war eine schmucklose Säulenhalle, welche, wie mir erzählt wurde, nur bei grossen Empfangsabenden von den zahlreichen Gästen benutzt wurde, um »frische Luft zu schöpfen«, wenn die Temperatur im grossen Empfangssaal zu warm wurde; wir wurden in einen kleinen Saal geführt und nach Rang und nach der Folgereihe der Liste, welche der Platzcommandant dem Adjutanten von Z. E.[9] überreichen sollte, aufgestellt. Da wir eine Viertelstunde warten mussten, hatte ich Zeit genug, um das Empfangszimmer etwas genauer zu besichtigen. Eine glatte weisse Wand, grosse Spiegel, einige »Wiener« (Thonet’sche) Stühle und Divans und ein polirter Tisch in der Mitte -- das war alles.

Seit diesen 23 Jahren hat die europäische Mode die alte Einfachheit der indischen Wohnung verdrängt; gepolsterte Möbel, schwere Tapeten, Phantasiestühle und schwere Vorhänge herrschen in den Privatwohnungen der reichen Europäer ebenso wie in Holland. Ich habe seitdem das Innere dieses Hauses nicht mehr gesehen; ich weiss also nicht, ob auch der Armee-Commandant für sein kleines Empfangszimmer sich dieser Mode unterworfen hat. Damals jedoch imponirte es mir durch seine Einfachheit und noch mehr durch seine kalte, düstere, saubere Ausstattung; ebenso kalt und gemessen war die Begrüssung durch den Armee-Commandanten +van Neve+. Nachdem ich auf diese Weise mich meiner »dienstlichen« Verpflichtungen entledigt hatte, fuhr ich in der Stadt herum, um einen Totaleindruck von ihr zu bekommen.

Zunächst fuhr ich zurück zum Waterlooplatz mit der Waterloosäule und dem Monumente von J. P. +Koen+ (oe = u), welchem (als viertem General-Gouverneur) die Gründung Batavias[10] unrichtiger Weise zugeschrieben wird. Es ist ein grosser viereckiger Platz, welcher von drei Seiten mit Häusern umgeben ist; hier werden die Militär-Paraden abgehalten, und die Stabsmusik hält hier jeden Sonntag Nachmittag ein Concert im Freien. Diese Concerte waren damals das Rendez-vous der Haute volée, der jeunesse dorée und aller Babu’s mit ihren schutzbefohlenen Kindern. Ich hatte späterhin oft Gelegenheit, solchen Militär-Concerten unter freiem Himmel beiwohnen zu können. Es ist ein buntes Gewimmel und könnte, auf eine Bühne gebracht, ein schönes, farbenreiches Ballet darstellen. Zunächst erscheinen die diversen Babu’s mit europäischen, javanischen, chinesischen und malayischen (Fig. 1[11]) Kindern; sie selbst haben eine lange, bunte Kabaya, einen bunten Sarong, der mit einem gelben oder blauen, seidenen Bande oder einem silbernen oder vergoldeten Gürtel über den Hüften befestigt ist; sie sind braun in allen Schattirungen, haben dunkelschwarzes Haar, welches in einen Knoten am Scheitel geknüpft ist, mit einer langen, silbernen Nadel darin, das Ohrläppchen hat ein Loch, beinahe so gross wie ein Zehn-Hellerstück, die Augen sind schwarz, die Lippen hin und wieder von dem Sirihsaft roth gefärbt, die Zähne sind schwarz und abgefeilt, oder nach europäischer Mode weiss. Die Büste ist voll und der Gang etwas kokett, die Füsse sind klein, wohlgeformt und ohne Bekleidung, und die zierlichen, mit Ringen versehenen Hände schwingen wie das Pendel einer Uhr auf und ab.

Die jungen Marssöhne gesellen sich selten zu ihnen, es sei denn, dass sie geradezu Heiratspläne haben; denn die Staffage der Küche durch einen Soldaten ist nicht üblich. Der eingeborene Soldat, leicht an seiner Hautfarbe und blossen Füssen erkennbar, denkt gar nicht an das Flirten; er lauscht der Musik und steckt seine Cigarette an (aus den Blättern der Nipahpalme konisch zugedreht) und wirft hin und wieder einen Blick jener Schönen zu, welche sein Herz erobert hat, ohne vorläufig seiner Umgebung auch nur durch eine Miene den Sturm seiner Gefühle zu verrathen. Der europäische Soldat, der neben ihm steht, ist schon weniger schüchtern und zurückhaltend. Er wird seiner Bewunderung oder seinen Gefühlen gewiss Worte verleihen, wird sofort sich ihr nähern und sie vielleicht durch ein leises Lispeln jener zahlreichen »Panton« verrathen, welche die Liebenden einander zuflüstern. Bald erscheint das halbeuropäische Gigerl, und die »Nonna«; in schöner weisser Hose und Rock, mit tadellos glänzenden Lackschuhen und grossen Manschetten mit goldenen Knöpfen ist der »Sinju« sich seines Sieges bei den Frauen bewusst; er ist interessant, seine blendend weissen Zähne, sein rabenschwarzes Haar und seine glänzenden Augen, sein eleganter Bau und Wuchs lassen seine platte Nase und hervorstehenden Jochbeine und Oberkiefer ganz vergessen, und als echter Don Juan beginnt er sofort unter den anwesenden Nonnas die schönste sich auszusuchen. Diese sind schön, elegant und geradezu verführerisch. Schlank gebaut, haben sie eine schöne Büste und glänzende Augen und schwarze Haare, die kleinen zierlichen Füsse stecken in reich verzierten chinesischen Pantoffeln mit goldenen Absätzen und mit feinen Strümpfen. Ein golddurchwirkter seidener Sarong umschliesst ihre grossen Hüften, eine elegante kurze weisse Kabaya mit Spitzen besetzt verhüllt nur theilweise ihre schöne Büste, und zahlreiche Ringe, Ohrringe und Haarnadeln zieren Kopf und Hände und ein dunkelblauer oder dunkelrother Sonnenschirm schützt sie vor den Strahlen der scheidenden Sonne. -- Zu Pferde erscheint bald ein junger Lieutenant oder ein reicher Chinese oder Araber; Equipagen auf Equipagen fahren vor mit europäischen, javanischen, chinesischen oder armenischen Damen, bleiben stehen, und bald umgiebt sie ein Schwarm junger Leute, und sie flirten und flirten, bis Cupido seine Köcher erschöpft hat.

Unterdessen hat die »Stabsmusik« ihr Programm beendet, es ist sechs Uhr geworden und der Schwarm ergiesst sich in die benachbarten Strassen.

Auf dem Waterlooplatz fällt das »grosse Haus« (= groote huis) auf, weil es ein Stock hoch ist und beinahe die ganze östliche Front des Platzes einnimmt. Es wurde Anfangs dieses Jahrhunderts vom Marschall +Daendels+ erbaut und vom Burggrafen +du Bus de Ghisignies+ vollendet. Gegenwärtig beherbergt es den grössten Theil der Gouvernementsbureaux: die Rechnungskammer, das Kriegs-, Finanz- und Cultusministerium, die Landeskasse, das Steueramt u. s. w. Die Loge und das Militär-Casino schliessen sich zu beiden Seiten diesem grossen, aber nicht schönen Gebäude an; Officierswohnungen, die römische Kirche und die schon oben erwähnten Gebäude begrenzen den stattlichen, grossen Platz. Auf dem Kreuzwege, welcher auch zum Königsplatz führt, steht das unansehnliche Denkmal[12] für +Bali+.

Ich liess dann den Kutscher den Weg zum Königsplatz nehmen, den mir einige Reisegenossen als den grössten der Welt bezeichnet hatten. Soweit meine Erfahrung reicht, ist dies factisch der Fall; es ist ein grosses, grasbedecktes Feld in Trapezform, dessen Schenkel jeder ungefähr 1½ km lang ist, während die eine der Parallelen nur 1 km, und die zweite (die südliche) ebenfalls in 20 Minuten zu gehen ist. Ausser dem Vorzug, dass dieser Platz mehr als 1,000,000 ☐Meter gross ist, hat er gar keine schönen Eigenschaften; denn es ist nur eine grosse Grasfläche, welche an der Nordseite durch eine kleine Parkanlage (gegenüber dem Palaste des Generalgouverneurs) und einen schönen artesischen Brunnen unterbrochen wird. Bei meiner Rundfahrt konnte ich nicht einmal unterscheiden, ob an der gegenüberliegenden Seite ein Mann oder eine Frau gehe; die Gebäude, welche an und für sich niedrige Häuser ohne Stockwerk sind, werden ebensowenig deutlich gesehen, so dass selbst die Frage offen bleibt, ob die bedeutende Grösse dieses Platzes ein Vorzug genannt werden könne. Nebstdem ist er besonders arm an öffentlichen Gebäuden; die armenische Kirche, die Willems-Kirche, eine kleine Eisenbahnstation und auf der Westseite die Museen mit dem »Elefanten«, einem Geschenke des Königs von Siam (aus dem Jahre 1870), sind die einzigen Gebäude, welche von dem gewöhnlichen altgriechischen Stile abweichen.

Ich beendete meine Rundfahrt; es war 11½ Uhr, und die Sonne war mir schon lästig geworden; ich hatte nämlich die Kappe des Mylord zurückgeschlagen, um eine freie Aussicht über alle Strassen und Häuser geniessen zu können. Ohne es natürlich zu ahnen, befand ich mich in der Nähe des Hotels und fuhr (auf der Nordseite des Königsplatzes) in den Hofraum des Hotels bis vor die Thüre meines Zimmers. Ich stieg aus, zog nicht nur meine dunkle Uniform, sondern auch meine Leibwäsche aus, welche von dem Schweiss geradezu durchtränkt war, und trat in Haustoilette, d. h. in Nachthose und Kabaya, in die Veranda. Mein Mylord stand noch vor der Thür, und auf dem Bocke sass der Kutscher mit unerschütterlicher Ruhe und Grandezza, ohne im Geringsten eine Ueberraschung ob meiner Toilette zu zeigen. Mutter Spandermann machte dieser stummen Pantomime zwischen uns Beiden ein Ende durch den Befehl, dass ich nach Tisch zu Hause bleiben und schlafen gehen müsse, und dass sie es nicht erlaube, dass ich in der Hitze der Mittagssonne wieder spazieren fahren und mir das Fieber auf den Leib holen wollte. Ganz bescheiden bemerkte ich, dass ich dies auch gar nicht beabsichtige und durch einen Wink dem Kutscher angedeutet habe, die Pferde in den Stall zu bringen. »Haben Sie ihm ein Trinkgeld gegeben?« »Nein!« »Und wie haben Sie ihm den Wink gegeben?« Ich wiederholte meine Handbewegung, ohne ihre Frage zu verstehen. Noch mehr überrascht war ich, als sich diese dicke Dame vor Lachen schüttelte und einmal um das andere Mal rief: »Orang-Baru, Orang-Baru.« Endlich kam die Wellenbewegung dieser Fleischmasse in Ruhe, und mit verständnissvollem Lächeln gegen den Kutscher theilte sie mir mit, dass diese Handbewegung, und zwar mit der Fläche nach unten, für den Malayen gerade das Zeichen sei, näher zu kommen oder zu bleiben, und zum Beweise dafür winkte sie in gleicher Weise einem fernstehenden Bedienten, herbeizueilen.

Ich gab dem Kutscher ¼ Gulden Trinkgeld und hatte dafür eine doppelte Lection bekommen und zwar: wie man den malayischen Bedienten winke, und dass das Trinkgeld als ein Symptom der Civilisation auch nach Indien seinen Weg gefunden habe.

Auch für die weitere Eintheilung des Tages sorgte Mutter Spandermann: »Um 12½ Uhr wird die Glocke für die Reistafel geläutet; Sie kommen in weissen Kleidern zu Tisch; der Bediente, welcher Ihr Zimmer aufräumt, wird bei der Table d’hôte hinter Ihrem Sessel stehen und Ihnen alle Schüsseln zureichen, welche Sie als Orang-Baru essen dürfen und müssen; ich sage auch +müssen+, weil Sie sich an die indische Küche gewöhnen müssen; wer weiss, wie lange es noch dauert, dass Sie in einer grossen Stadt bleiben werden; sobald als möglich werden Sie auf die Aussenbesitzungen gesendet, und es bleibt dann die Frage offen, ob Sie essen werden +können+, was Sie wünschen, oder ob Sie alles essen werden +müssen+, weil Sie keine Wahl haben werden. Doch à propos; heute ist Empfangsabend beim Sanitätschef; um 6½ Uhr ziehen Sie sich Frack und weisse Handschuhe an, nehmen wiederum einen »Wagen« und fahren nach Parapatan, wo der Sanitätschef Sie seiner Frau und allen übrigen Damen vorstellen wird. Machen Sie mir ja keine Schande, und machen Sie allen jungen Damen gut den Hof, sonst sind Sie verloren; denn in die Conduitliste wird von Ihnen wie von jedem Officier aufgenommen, ob er sich in feiner Gesellschaft gut bewegen könne.«

»Ich bin aber der holländischen Sprache noch viel zu wenig mächtig, um in Damengesellschaft mich »gut bewegen zu können«; ist es vielleicht nicht besser, wenn ich deshalb zu Hause bleibe?«

»Nein, nein, Sie gehen heute dahin; ich habe jetzt keine Zeit, weiter mit Ihnen darüber zu sprechen; Sie gehen! Adieu!«

Aber sie ging nicht, und auf einmal fing sie wieder so zu lachen an, dass ihre grosse Fleischmasse wieder in fürchterliche Wellenbewegungen gerieth, und endlich hörte ich sie brummen: »Ein Mof, ein Mof.«[13] »Nun ja,« rief ich, »ich bin ein Mof, was soll aber das Lachen bedeuten?«

»Hören Sie! Voriges Jahr wohnte bei mir Dr. X., der auch ein Mof ist, und dem ich befahl, zum Empfangsabend des Armee-Commandanten zu gehen. Was denken Sie, was dieser Mof that, als er bei dem grossen Empfange des Generals B. dessen Frau vorgestellt wurde? Nein, ich sage es Ihnen nicht, rathen Sie, so viel kann ich Ihnen nur sagen, dass die Fächer aller Damen sofort vor die Augen gehalten wurden, und ein Kichern und ein Lächeln wie ein kleiner Sturm durch den Saal sich fortpflanzte, bis endlich eine der Damen selbst vom Sessel aufsprang, um in der Vorhalle ihrer vom Lachen erschütterten Leber Luft zu machen. Sie errathen es nicht? Nun, so will ich es Ihnen sagen: Er küsste Mevrouw B. die Hand! Das thut man bei Euch in Mofrica, aber nicht in Holland und nicht bei uns in Indien. Das darf man nicht in Gesellschaft thun, das darf man nur im Geheimen und verstohlen thun, wenn man allein ist, das ist eine Liebeserklärung, nein, das ist keine Liebeserklärung mehr, das ist schon der erste Act des Liebens selbst, der zweite Act ist das Küssen des Mundes.«

»Und der dritte Act?« frug ich.

»Sie Schalk!« (ondeugd) rief sie und wackelte weiter.

Natürlich folgte ich als gehorsamer Orang-baru (Neuling) allen ihren Anweisungen und, da der Empfang der Familie des Sanitätschefs und der übrigen »hohen« Herren und Damen auf mich einen günstigen Eindruck gemacht hatte, schloss ich den zweiten Tag meines Aufenthaltes in Indien befriedigt in den Armen von Morpheus.

Der dritte Tag brachte mir ein Abenteuer, dem ich damals mehr Gewicht beilegte, als ich es heute thun würde, indem mein Tagebuch davon als von einer Lebensgefahr erzählt, der ich mit grosser Noth entronnen war.