21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 38
Sehr oft hatte ich Gelegenheit, dieses »Arcadien Javas« zu sehen und zu bewundern; ich wurde nämlich einige Male zu dem Vater eines meiner Patienten, Li Tiow Poo, welcher in Temanggoeng wohnte, gerufen und ging eines Tages mit einem Agenten der Lebensversicherungs-Anstalt »New York« am 25. December 1894 nach Páraan. Es fehlt mir an Worten, in würdiger Weise die schönen Landschaftsbilder zu beschreiben, welche in langer Reihe vor meinen Augen vorbeizogen, und ich muss es einer fähigeren Feder überlassen; denn ich kann nur mit dürren und mageren Worten den kürzesten Weg beschreiben, welchen ich nehmen musste, um in einem Tage auf dieser Route hin und zurück zu reisen. Bis Setjáng war der Weg eben; hier wechselte ich die vier Pferde und verliess die grosse Heerstrasse, um linksab, d. h. westlich, einem kleinen Wege zu folgen, der sich am Fusse des Sumbing über Berg und Thal in zahlreichen Windungen hinschlängelt. Bei Kranggan ist eine grosse und schöne Brücke über den Progofluss, und mit schaudererregender Geschwindigkeit zogen die Pferde unsern schweren Reisewagen hinab in das Thal des Flusses; und mit genau berechneter Sicherheit erreichten sie die Brücke. Reich bedeckt ist der Sumbing bis zu einer Höhe von 900-1000 Metern mit Sawahfeldern, weiter sah ich europäische Gemüse, Erdbeeren, Kraut, Tabak u. s. w. angepflanzt; der Gipfel des Berges ist jedoch kahl. Der dichte Urwald des Merapi fehlt hier; der Raubbau hat diesen Berg, so wie den Sindara, seinen Nachbar, entwaldet, ohne rechtzeitig für einen Nachwuchs zu sorgen, und beide Berge sind über der Höhe von 1250 Metern wasserarm; kein Bächlein, kein Bergstrom stürzt sich in die Tiefe; nur das »Himmelwasser« befeuchtet den fruchtbaren Boden dieser beiden ruhenden und vielleicht ganz ausgestorbenen Vulcane. Auffallend waren nebstdem zahlreiche Hügel, welche in den Sawahfeldern zerstreut lagen und mit Gras bedeckt waren; es waren offenbar erratische Blöcke und zwar von stattlicher Höhe (10-30 Meter!), in historischer Zeit vielleicht aus dem Sumbing herausgeschleudert; man sieht sogar in der Kratermauer eine Oeffnung, aus welcher sie herstammen. Wie +Junghuhn+ erzählt, sind es nach der javanischen Sagenwelt Reishaufen, welche von einem erzürnten Gotte in einen Stein verwandelt wurden.
In Temanggoeng bekamen wir neue Pferde; zwei Wege führen von hier aus nach Páraan, dem Ziele unserer Reise; der eine zieht in einem grossen Bogen (11 km lang) durch das Dorf Kedú, nach welchem die ganze Provinz den Namen erhielt, und der andere (7½ km lang) führt direct am Fusse des Berges dahin. Der Kampong ist ein langgestrecktes Dorf und beinahe ausschliesslich von Chinesen bewohnt; sie sollen sehr reich sein und dieses besonders dem Bau des Tabaks verdanken. Wir stiegen bei Lie Tiauw Piek ab, welcher ein mit Reichthum und chinesischer Eleganz ausgestattetes Haus bewohnte. Nachdem wir mit Bami,[216] Kimlo[216] und einer reichlichen Reistafel mit Bier, Wein und Apollinariswasser unsern knurrenden Magen befriedigt hatten, kamen die fünf Candidaten für die Lebensversicherung zur Untersuchung, und schon drohte die Sonne unter dem Horizonte zu verschwinden, als wir unsere Rückreise antraten. Freilich hatten unsere Pferde gar keine Lust, Páraan zu verlassen; unter lautem Schreien halfen die Chinesen den Wagen vorausschieben, um die Pferde an ihre Pflicht zu erinnern, sie blieben ruhig stehen. Ein Kuli fasste das eine Pferd bei der Stange und zog es vorwärts; als Antwort darauf schlug das Pferd mit dem rechten Hinterfusse aus und brach die Stange, an welcher die Zugriemen befestigt waren. Sofort wurde ein Stück Bambus an der Axe befestigt, die Pferde gaben ihren Widerstand auf, und in brausendem Galopp verliessen wir das Dorf. Um 10½ Uhr kamen wir in Magelang an, und unvergesslich bleibt mir diese Reise; ein schöneres und lieblicheres Bild, als diese Reise mir bot, habe ich niemals gesehen.
Schluss.
Abreise von Magelang -- Semárang -- „Schuttery“ -- Die chinesische Behandlung der Diphtheritis -- Das ewige Feuer -- Salatiga -- Abschied von Semárang.
In Semárang, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz,[217] schloss ich meine indische Carrière.
Nach 10jähriger, ununterbrochener Dienstzeit hat der Officier und Beamte Anspruch auf einen einjährigen Urlaub nach Europa. Er bekommt freie Reise bis nach Holland für sich und seine ganze Familie und einen Urlaubsgehalt, der je nach dem Range des Officiers zwischen 1350 und 8000 fl. pro Jahr variirt. Im Juli 1896 trat für mich dieser Zeitpunkt ein, ohne dass ich aus verschiedenen Ursachen davon Gebrauch machte. Ich wohnte ja in einer Garnisonstadt, welche ein italienisches Klima hatte; ich hatte einen kleinen, aber angenehmen Kreis von Bekannten und wohnte in einem steinernen Hause, welches mir allen Comfort erlaubte. Zweitens sind die Sommer- oder Herbstmonate keine erwünschte Zeit für eine Reise nach Europa; ungeheure Wärme und heftige Stürme sind keine angenehmen Begleiter einer Seereise. Wer es kann, schiebt seine Reise für die Monate März und April auf; thatsächlich habe ich auf meiner Reise vom 12. April bis 13. Mai des folgenden Jahres das schönste Wetter gehabt, welches man sich denken kann, nur einen einzigen Tag war die See ein wenig unruhig. Wer wie ich leicht seekrank wird, rechnet gewiss mit diesem Factor. Als ich nach Semárang (am 17. August 1896) transferirt wurde, beschloss ich, im Frühjahr 1897 von meinem rechtlichen Anspruch auf einen einjährigen Urlaub nach Europa Gebrauch zu machen. Ich hielt also wiederum Auction und gab dem Commissionär den Auftrag, bis auf meinen Mylord und meine zwei Pferde, welche ich auch in Semárang würde gebrauchen können, alles, und zwar à tout prix zu verkaufen. Besonders mein Bücherkasten hatte einen bedenklichen Umfang erhalten. Leider hatte ich versäumt, den Platzcommandanten um seine Begünstigung zu bitten, und so geschah es, dass gerade an diesem Tage grosse Feldübungen abgehalten wurden, die Officiere erst um ein Uhr nach Hause kamen, und meine Auction wegen Mangels an kauflustigen Officieren ein sehr geringes Erträgniss hatte. 1000 fl. erzielte die ganze Einrichtung meines Hauses, Glas und Essservice, alle Kleider und ein Kasten voll Bücher. Wagen und Pferde verkaufte ich drei Monate später an einen Collegen, der mir 375 fl. dafür bezahlte. In Semárang selbst miethete ich kein Haus, sondern zog in das Pavillonhotel, in welchem ich und meine Frau für 250 fl. monatlich ganze Verpflegung und zwei Zimmer erhielten. Leider sollte ich die wenigen Monate bis zu meiner Abreise noch viel Misèren zu erleiden haben. Zunächst befiel mich eine heftige Furunculosis, welche in fünf Monaten ungefähr 200 Furunkeln, natürlich verschiedener Grösse, und zwar von der einer Erbse bis zu der einer Handfläche brachte, und zweitens war ein solcher Mangel an Aerzten, dass ich trotz meines so schmerzhaften Leidens ausserordentlich intensive Arbeit auf mich nehmen musste, und der Sanitätschef mir selbst den Urlaub nach Europa verweigern wollte und bei der Regierung den Vorschlag einreichte, wegen herrschenden Mangels an Aerzten ihnen den Anspruch auf einen Urlaub nach Europa zeitlich zu suspendiren. Der Gouverneur-General wies jedoch diese Zumuthung zurück mit der Motivirung, dass der Sanitätschef rechtzeitig für neue Aerzte hätte sorgen sollen, und dass es nicht anginge, in so leichtfertiger Weise einem Officier ein ihm zukommendes Recht zu verkümmern.
Das Hotel, in welchem ich wohnte, lag an der letzten Krümmung des »Bodjong’schen Weges«, einer schönen und breiten Strasse von 1½ Kilometer Länge, und zwar gegenüber einem Garduhäuschen (Fig. 29); das andere Ende zierte das Haus des Residenten, und daneben das des Landes-Commandirenden, welcher den Rang eines General-Majors bekleidete.
Dieser »Bodjong’sche Weg« ist eine Zierde der Stadt, welche im Uebrigen vieles zu wünschen lässt. Artesische Brunnen und Dampftramway erinnern uns zwar an ihren Rang als dritte Stadt Javas, aber sie ist arm an Sehenswürdigkeiten, sie hat nur sehr wenige Plätze, kein einziges monumentales Gebäude, kein einziges Denkmal, keine Museen und nur ein unbedeutendes Theatergebäude, welches kaum diesen Namen verdient, ein Clubgebäude, eine Freimaurerloge und Gotteshäuser für die katholische, protestantische und mohamedanische Religion.
Doch ganz im Verborgenen bildet, den Meisten unbekannt, eine Perle der modernen Baukunst, die Capelle des katholischen Frauenklosters eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Auf dem grossen Wege nach dem Stationsgebäude, welches ebenfalls jedes architektonischen Schmuckes baar ist, steht die katholische Kirche zur rechten Seite und ihr gegenüber das Kloster der Franziskanerinnen, welche hier eine öffentliche Schule halten. Zur Seite der Schule steht eine Capelle, im Spitzbogen gebaut, welche im Innern die ganze Farbenpracht des maurischen Stiles aufgenommen hat. Es ist ein überwältigender Reichthum der Farben, welcher die Augen nicht beleidigt, sondern ergötzt.
Das Stadthaus ist ein einstöckiges Gebäude ohne Stil und ohne Schmuck. Ihm gegenüber liegt das Militär-Spital mit einigen Pavillons, und an seiner Nordseite schliesst sich die Landes-Irrenanstalt an. Das Spital ist zum grössten Theile aus steinernen Gebäuden, und der Officierspavillon besitzt acht schöne, grosse Zimmer für acht Patienten. Ein kleiner Garten grenzt an diesen und an den mittleren Pavillon, in dessen erstem Stock die Krankensäle für Gefangene sich befanden. Das Ganze ist mit einem eisernen Gitter umgeben und sieht nach dem grossen Platz, welcher von dem erwähnten Stadthause, der Moschee und der Wohnung des Regenten begrenzt ist. Hier werden Sonntags um 5 Uhr Nachmittags von der Militär-Capelle oder von der Landwehr Concerte gegeben, zu welchen sich die beau monde von Semárang einstellt. Auf der Strasse steht eine doppelte Reihe von Equipagen, und europäische, chinesische und arabische Sonntagsreiter und zahlreiche Radfahrer vervollständigen dieses schwache Bild eines Corso. Die alte und eigentliche Stadt wird von den angesehenen Europäern nicht bewohnt; diese haben ihre »Häuser« auf dem »Bodjong’schen Wege«, im Pontjol und Pendrian, welche sich auf einer beinahe parallel mit diesem gelegenen Strasse befinden. »Auf Pontjol« liegt auch das alte, jetzt verlassene Fort »Prinz von Oranje«, und zwar mitten im Sumpfe; von der Strasse aus wird es gar nicht gesehen, weil Frucht- und andere Bäume es umgeben und sein Dach über die Bäume nicht hervorragt. Die bombensichern Casematten bestehen aus meterdicken Mauern, welche den Geschützen vergangener Jahrzehnte Widerstand bieten konnten; jetzt befinden sich nur die Bureaux der Intendantur und der Genie darin.
Von den Strassen der »Stadt«, welche jenseits des rechten Ufers des Flusses Ngaran oder Semárang liegen, lässt sich leider gar nichts Rühmenswerthes sagen; sie sind schmal, ohne Bäume, haben selten ein Trottoir, dafür aber offene, stinkende Canäle; ihre Häuser sind im altholländischen Stile gebaut, ohne Garten, sie sind noch hässlicher als die »alte Stadt von Batavia«. Nebstdem sind sie häufig den Ueberströmungen ausgesetzt, so dass nur der eine Wunsch ausgesprochen werden kann, dass die »Stadt« bald verlassen werden möge, und dass auf dem grossen Wege von Randosari, welcher sich an den »Bodjong’schen Weg« anschliesst, eine neue Stadt entstehen möge.
Der Hafen ist ein primitiver Landungsplatz, ohne den bescheidensten Ansprüchen der modernen Baukunde zu genügen. Auf dem Ueberschwemmungscanal (Bandjir-Canal) ruhen Hunderte von Kähnen, welche den Verkehr mit der Rhede vermitteln, und wenn wir noch die Tausende und Tausende Mosquitos erwähnen, welche sich jeden Abend aus den umgebenden Sümpfen, Sawahfeldern und Fischteichen erheben, um blutdürstig die Bewohner Semárangs zu überfallen, und der grossen Schwärme der niedlichen Reisvögel gedenken, welche den Bodjong’schen Weg beleben, dann ist alles Wissens- und Sehenswerthe dieser Stadt mitgetheilt.
Im Spitale war mein Wirkungskreis derselbe wie in Magelang. Ich hatte meinen »Saal« zur Behandlung europäischer Patienten und war wiederum Mitglied der Superarbitrirungs-Commission. Diese hatte sich auch mit bürgerlichen Angelegenheiten insofern zu beschäftigen, als jene Bürger, welche von den Stadtärzten ungeeignet zum Dienst für die Bürger- und Feuerwehr erklärt wurden, von uns superarbitrirt werden mussten. Diese Bürgerwehr befindet sich nur in den fünf Städten Batavia, Semárang, Surabaya, Djocja und Solo und hat die ganz richtige und gesunde Idee zur Basis, in Zeiten der Gefahr und des Aufruhrs, bei Mangel an Militär bei der Handhabung der Ruhe und Ordnung in diesen Städten zu assistiren; sie besteht also nur aus Europäern und Halb-Europäern, und der jeweilige Resident dieser fünf Provinzen ist der Ober-Commandant der Bürgerwehr (Schuttery), welcher im gegebenen Falle seine Truppen unter das Commando des militärischen Platz-Commandanten stellen kann. Dieses Princip, dass in Zeiten der Gefahr und der Noth die Bürger das Recht oder die Pflicht oder beides haben sollten, ihre Stadt zu vertheidigen und zu beschützen, wird aber nicht consequent durchgeführt, und dadurch wird die »Schuttery« zu einem »Veteranen-Verein« der kleinen Städte Deutschlands degradirt. Wenn es Pflicht eines jeden Bürgers ist, sein Vaterland oder seine Vaterstadt, zu vertheidigen, warum sind davon »Haus- und andere Bediente und Gemeindearme« ausgeschlossen? Wenn es ein Recht eines jeden Bürgers ist, sich in den Waffen üben zu dürfen, wieder mit dem Zwecke, in Zeiten von Aufruhr und Gefahr helfend und beschützend auftreten zu können, warum wird den genannten Personen dieses Recht vorenthalten? Warum wird diese Pflicht »hohen Beamten, Gerichtspersonen, Predigern, Apothekern, pensionirten Officieren, Eisenbahn- und Tramway-Beamten, Telephon-, Post- und Telegraphen-Beamten u. s. w. u. s. w.« nicht auferlegt? Die Kostenfrage spielt keine Rolle; denn die »Schutters« erhalten vom Staate nur die Waffen und im Bedarfsfalle einen den Soldaten entsprechenden Sold. Selbst die Uniform, welche nur für den Officier etwas kostspielig ist, bezahlen sie aus eigenem Vermögen; sie besteht aus weisser Hose und weissem Röckchen ohne Schösse. Die Officiere haben dunkle Kleider aus Tuch oder Serge und Epauletten und Fouragères (Schulterquasten mit Schnüren) aus Gold oder Silber. Die weissen Uniformen, aus russischer Leinwand oder ähnlichen Stoffen verfertigt, sind ganz hübsch und zweckmässig auf dem Exercierplatz und bei der Parade; sie haben aber den Nachtheil, dass das scharfe Licht der Tropensonne zu stark reflectirt wird. (Im abessynischen Kriege litten die Augen der englischen Soldaten dadurch, und sie waren nebstdem eine grosse Zielscheibe für den Feind.) Schon bei Manövern ist diese weisse Uniform unpraktisch, weil der geringste Schmutzfleck deutlich sichtbar ist. Im Kriege werden sie natürlich von den Soldaten und Officieren zu Hause gelassen, und für die »Schuttery« eine Ursache sein, sich an einer offenen Feldschlacht nicht zu betheiligen.
Wenn dieses Corps nur zu oft die Zielscheibe schlechter Witze von Seiten der Berufssoldaten und Officiere ist, so dass das Wort »Schutter« als Prototyp eines indisciplinaren und ungeschulten Soldaten in der Caserne heimisch ist, so ist die Organisation derselben doch eine richtige. Die Disciplin ist in keiner Armee Selbstzweck, sie ist nur Mittel zu dem Zwecke, ein geordnetes Zusammenleben von so viel Hunderten und Tausenden von Männern zu ermöglichen, und den Mann zu einem fügsamen und tauglichen Theil dieses grossen Mechanismus zu erziehen. Die »Schutter« sind aber nicht casernirt; ein grosser Factor, eine strenge Disciplin zu handhaben, entfällt also. Die Abrichtung und Erziehung des Schutters kann also bleiben, wie sie jetzt geübt wird. Aber die Pflicht zum Eintritt in die »Schuttery« werde verallgemeinert und das Ziel derselben möge keine »Soldatenspielerei« sein, sondern alle gesunden Männer zu kräftigen Wehrmännern heranziehen, welche in der Zeit der Noth sich und dem Staate vortreffliche Dienste leisten könnten.
Ich muss noch erwähnen, dass die unvermeidlichen Ausgaben der Verwaltung und der Musik aus dem Schutteryfonds gedeckt werden, zu welchem die »Befreiten« ihre jährliche Contribution und die »Gestraften« ihr Scherflein beitragen. Für die meisten disciplinaren Vergehen werden nämlich Geld- und keine Freiheitsstrafen auferlegt.
Die Superarbitrirungs-Commission hatte gegenüber diesen Herren oft einen sehr schwierigen Standpunkt. Einer derselben hatte z. B. über einen Herzfehler geklagt, und der Stadtarzt glaubte ihn dafür zu dem Dienste der »Schuttery« untauglich erklären zu müssen. Der Dienst dieser Leute ist nicht anstrengend; sie haben nur einmal in der Woche von 5-6 Uhr zu exercieren und sich in einigen Wochen im Jahre an der Scheibe zu üben. Nun, Herzfehler und Herzfehler können noch sehr differente Zustände sein. In unserm Falle hatte der Recrut, ein junger Halbeuropäer von 19 Jahren, ein leichtes Geräusch, wie es bei Anämie (Blutarmuth) vorzukommen pflegt. Mir ist nicht bekannt, was die Superarbitrirungs-Commission beschlossen hatte; dieses geschah im Jahre 1896, als ich noch in Magelang sass. Der junge Mann bekam jedoch eines Tages Lust, Soldat zu werden, er liess sich anwerben, bekam 300 fl. Handgeld, und sofort meldete er sich krank, er könne wegen eines Herzfehlers nicht exercieren! Dabei präsentirte er mir das Zeugniss des Stadtarztes, welcher ihn selbst für den Dienst bei der »Schuttery« untauglich erklärt hatte. Ich untersuchte ihn genau und fand, wie ich schon erwähnt habe, nur ein geringes anämisches Geräusch. Entrüstet hielt ich ihm vor, dass er auf diese Weise den Staat um so viel hunderte Gulden beschwindelt habe. Dies liess ihn natürlich kalt. Ich theilte ihm nebstdem mit, dass sein Herzfehler von keiner Bedeutung sei, dass er ganz unbesorgt seine dienstlichen Obliegenheiten verrichten könne, und dass ich es für Unwillen auffassen würde, wenn er sich jemals wieder wegen dieser fraglichen Krankheit dem Dienst entziehen würde.
Durch ganze zwanzig Jahre hatte ich keinen Diphtheritisfall gesehen. Wenn auch im Allgemeinen Erwachsene seltener als Kinder von dieser Krankheit ergriffen werden -- der vielfach erwähnte Jahresbericht der indischen Armee vom Jahre 1895 weist keinen einzigen Fall dieser Krankheit auf --, so muss ich es dennoch für einen besonderen Zufall halten, dass ich in diesem langen Zeitraume keine einzige diphtheritische Erkrankung der Kehle zu Gesicht bekam. Der Zufall ist um so merkwürdiger, als in Indien diese Krankheit factisch häufig vorkommt und gewissen +chinesischen Curpfuschern+ eine grosse Berühmtheit verschafft hat. Selbst der Chef-Apotheker der indischen Armee hatte vor einigen Jahren das Unglück, zwei seiner Kinder von dieser tückischen Krankheit ergriffen zu sehen. Auch er liess einen berühmten chinesischen Heilkünstler zu sich kommen, und trotzdem verlor er seine Kinder. Es ist eine traurige Erscheinung, welche ich im ersten Theile Seite 165 besprach, dass die Therapie der europäischen Aerzte bis jetzt nicht nur wenig in die tiefen Schichten der indischen Eingeborenen eingedrungen ist, sondern dass im Gegentheil die Behandlung vieler Krankheiten, wie sie von den Malayen geübt wird, die Europäer und selbst europäische Aerzte zu einem Hymnus veranlasst. Auch Dr. +van der Burg+ schreibt über die Behandlung der Diphtheritis im zweiten Theile seines grossen Werkes,[218] Seite 380: ... Das Publicum setzt grosses Vertrauen in die Behandlung von diphtheritischer Kehlentzündung durch Chinesen, +wodurch manchmal gute Resultate erzielt werden+. Auch diese chinesischen Heilkünstler huldigen dem Principe aller Curpfuscher: Die günstigen Erfolge mit allen Glocken der Reclame urbi et orbi zu verkündigen; bei den übrigen Fällen ist der Rest -- Schweigen.
Worauf sind denn die günstigen Erfolge der Chinesen basirt? 1. Auf die unrichtige Diagnose. Ich selbst habe im Jahre 1889 in Ngawie eine Dame mit Erfolg behandelt, welche wegen ihrer »Diphtheritis« (??) von Geneng zu mir gekommen war; sie hatte eine Stomatitis crouposa, d. h. die ganze Mundhöhle war mit einem weissen Beschlag bedeckt, welchen sie und ihre Familie für einen diphtheritischen erklärten. Auch in Europa wird gegenwärtig die Diphtheritis viel häufiger diagnosticirt, als es sein sollte. Die Anwesenheit des +Löffler+’schen Diphtheritis-Bacillus ist die Basis dieser Diagnose, und wenn die Serumtherapie so günstige Erfolge aufzuweisen hat, ist zweifellos diese unrichtige Basis der Diagnose Diphtheritis, wie auch +Kassowitz+ und Andere mit Recht bemerken, der Urheber dieser Erfolge. Unschuldige Affectionen der Mundhöhle, des Rachens und des Kehlkopfes werden also von den chinesischen Curpfuschern als Diphtheritis behandelt, und der günstige Verlauf dieser Krankheiten wird von ihnen als Heilung der Diphtheritis durch ihre Therapie ausgeschrieen. 2. Giebt es zahlreiche Diphtheritisfälle, ja selbst Epidemien dieser Krankheit, welche durch ihre »Gutartigkeit« charakterisirt sind, d. h. bei jeder Therapie oft kaum 20% Todesfälle aufzuweisen haben. Dies gehört in Indien zu der Regel; nur selten geht dort der Process vom Rachen auf den Kehlkopf über und erfordert den Kehlkopfschnitt. Dies war der Fall mit jenem Patienten, welcher von Dr. W. behandelt und wegen drohender Erstickungsgefahr in das Spital geschickt wurde, und welcher der einzige Fall von Diphtheritis war, den ich in Indien beobachten konnte.
Der Curiosität halber glaube ich die Behandlung der Chinesen hier mittheilen zu sollen, wie sie Dr. +van der Burg+ beschreibt. Auch Dr. +Vordermann+ hat s. Z. einige Recepte des chinesischen »Pulvers zum Einblasen« angegeben. Dr. +van der Burg+ schreibt hierüber Folgendes: »Es wird von den Chinesen besonders schwache Nahrung und schwacher Luftwechsel verlangt; dann blasen sie ein röthliches oder grünliches Pulver mit einem dünnen, hohlen Bambusröhrchen auf die ergriffenen Stellen der Kehle ...« Die chemische Untersuchung des am häufigsten gebrauchten Pulvers ergab nach +van der Wiel+ folgendes Recept:
2 Theile Sulphuret arsenici (tsee houang), 3 „ „ hydrargyri (tju séh), ½ „ Sulphas cupri (tan-fan), 3 „ Borax (pang sha), 2 „ Kampfer (ping pien), 1 „ Moschus (shie hiang), 3 „ Chloretum natrium (ché jèn), 3 „ Perlen (tjien tju), 3 „ Bezoarstein[219] (niu hoang), 2 „ Bambussteine (tschou houang), 2 „ Radix salviae multiorhizae (tan seng), 2 „ Galle (?) (hiem tàk), ½ „ der Baumrinde von? (djie tèh), 3 „ Excremente von Kakerlaken[220] (tay-ka-toi) und eingedämpftem Urin von Kindern (jin tchong pe),
dieses alles wird gemischt, pulverisirt und 2-3mal jede Stunde in den Mund eingeblasen!!