21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 23

Chapter 233,528 wordsPublic domain

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind resp. Amerika ist also die Hauptsorge des neuen General-Gouverneurs; so wenig es mir möglich ist, mich mit dieser Sache zu beschäftigen, so glaube ich auf einen Factor hinweisen zu müssen, der früher als Axioma galt, heute aber gewiss an Bedeutung verloren hat. Dieses Axioma lautet: Die beste Vertheidigung Javas ist -- sein Klima; ein europäischer Feind, der auf Java landet, würde schon in den ersten Tagen ⅓ seiner Bemannung durch Fieber, Dysenterie oder Cholera verlieren. Dieses +war+ wahr, hat aber heute seine Richtigkeit verloren; die Lehren der Hygiene sind Gemeingut geworden, und die Verluste einer fremden Macht würden nicht viel grösser sein als die der indischen Armee. Sie würde, um nur ein Beispiel anzuführen, für gutes Trinkwasser sorgen, und die Morbidität der Truppen würde ebenso klein bleiben wie sich die Mortalität nur um geringes steigern würde.

Das Fort Willem I wird gewiss in dem zukünftigen Vertheidigungsplane eine untergeordnete Rolle spielen, z. B. als Depot für Kriegsmaterial, wie das benachbarte Banju-Biru, welches jetzt die Hauptstation für die Feld- und Berg-Artillerie ist.

Bei meiner Ankunft wurde mir eine Wohnung ausserhalb des Forts angewiesen, und zwar im sogenannten »Campement«; d. h. die Bureaux und die Wohnungen der Officiere, welche im Fort selbst keinen Platz hatten, befanden sich vor der ersten Zugbrücke, und zwar in der Nähe des grossen Postweges, welcher bei Samarang beginnt und bei Baven sich in zwei Arme theilt. An der Ecke des »Campements« befand sich das »Windhaus«, welches mir zugewiesen wurde, und ich ersuchte »die Genie«, solche Veränderungen des Hauses vorzunehmen, dass es von dem Zuge nicht belästigt würde. Durch Abschliessen einiger Fenster sollte dies geschehen, und so verliess ich am 28. das Hotel, um meine neue Wohnung zu beziehen; meine Möbel, Kisten und Koffer waren am 27. Abends angekommen, und ich hatte drei Lastwagen gemiethet, welche sie vom Bahnhofe direct ins Haus bringen sollten. Alles war in gutem Zustande angekommen; meine zwei Sandelwood-Pferde begrüssten mich mit lautem Wiehern, und so zog ich an der Spitze der kleinen Karawane zum »Windhause«. Als ich mich diesem näherte, sah ich zu meinem Schrecken Dr. K., mit einem Telegramm in der Hand, mit meiner Frau sprechen, welche laut schluchzend und weinend mir entgegen lief: »Wieder transferirt, und zwar nach Tjilatjap, dem grössten Fieberherde von Java, wo sich nicht einmal Soldaten befinden, von wo die Garnison verlegt werden musste, weil das Fieber, die Malaria sie mordete, wo selbst die Vertheidigungskanonen der Küste verlassen werden mussten, dahin müssen wir gehen.« Dr. K. konnte nichts anderes thun als ich, und zwar mit den Schultern zucken und sagen: es muss sein. Verblüfft sahen mich die Führer der Frachtwagen an, als ich ihnen zurief: »Kombâli« (= zurück); ebenfalls die Schultern zuckend, liessen sie die Ochsen umkehren und die Lasten wieder zum Bahnhofe bringen. Glücklicherweise war der Zug schon um 6 Uhr Morgens nach Solo abgegangen; sonst hätte ich noch denselben Tag abreisen müssen, mit oder ohne Reisegepäck, denn es war eine Eildepesche, und als ich den andern Tag Abends in Tjilatjap ankam und sofort in die Wohnung des Regimentsarztes W... eilte, in der Voraussetzung, ihn schwer krank oder vielleicht schon sterbend zu finden, war er nicht zu Hause!! Als ich ihn endlich in der Infirmerie fand, kam er mir mit den Worten entgegen: »Was kommen Sie hier thun?!!«

Nach Erhalt des Telegrammes ging ich nach Haus, beruhigte meine Frau so viel ich konnte und ging, mich beim Platz-Commandanten abzumelden. Unterwegs fiel mir aber ein, dass so eine Reise nach Tjilatjap wieder Geld und zwar sehr viel Geld kosten würde. Bei seiner Transferirung muss nämlich der Officier alles selbst bezahlen und reicht später seine »Declaration« ein, welche jedoch niemals sofort beglichen, sondern der »Rekenkamer« zur Revision vorgelegt wird. Der Officier kann jedoch 80% Vorschuss auf den Betrag seiner eingereichten Rechnung erhalten. Für die Reise von Ngawie nach Ambarawa hatte ich meine »Declaration« noch nicht eingereicht, von dem Ertrage meiner Auction hatte ich noch keinen Wechsel erhalten; ich war also court d’argent für meine Reise nach Tjilatjap, welche gewiss 300 fl. kosten würde. Ich ging also zum »Bezahlmeister« der Garnison und ersuchte ihn um einen Vorschuss auf meinen Gehalt. Der Zahlmeister, der niemals um einen Witz oder um ein scherzhaftes Wort verlegen war, richtete sich bei meinem Ansuchen stolz auf, sah mich mit drohenden Blicken an und rief entrüstet aus: »Was! ein reicher Doctor, der nicht einmal Kinder hat, verlangt Vorschuss auf seinen Gehalt! Das ist reiner Wucher! Sie wollen noch mehr Geld in die Sparbank bringen; Sie wollen noch immer Zinsen auf Zinsen auf Ihr Vermögen häufen! Das ist Schande!«

»Ja, das ist Schande,« erwiderte ich in demselben Tone der Entrüstung; »aber wessen? Da werde ich aus der Mitte Javas nach dem Norden der Insel transferirt, und drei Tage später wieder vom Norden nach dem Süden; der Regierung kostet dieses 219 fl. und mich über 300 fl.! Will also die Regierung durch uns Officiere die Unkosten der Eisenbahnen decken! Nehmen Sie jetzt an, dass ich 6 bis 8 Kinder hätte, wie viel würde ich dann verlieren? Finden Sie es also ein Unrecht, dass die Regierung dafür eine kleine Entschädigung bietet? Ich bekomme nach Recht und Gesetz, weil ich verheiratet bin, von vier Monaten, im anderen Falle von drei Monaten Gehalt einen Vorschuss, den ich nach drei Monaten in Raten von ¼ meines Gehaltes abzuzahlen anfangen muss; die 1700 fl., welche ich jetzt von Ihnen erhalte, tragen im günstigsten Falle 65 fl. Interessen (zu 4% gerechnet). Ist dieser Betrag nicht so klein, dass es eine Schande ist, darüber ein Wort, zu verlieren? Setzen Sie jedoch den Fall, dass ich 6 oder 8 Kinder hätte; würde es für mich nicht geradezu ein Unglück sein, in drei Tagen zweimal transferirt zu werden? Ich würde den Verlust nicht verschmerzen können und Schulden machen müssen.«

Diese häufigen Transferirungen sind auch die Schuld, dass sehr viele Officiere erst im Range vom Major aus ihren Schulden gegenüber der Regierung herausgekommen sind, da sie ihre alte Schuld, welche in 19 Monaten und von ledigen Officieren in 15 Monaten abbezahlt sein muss, noch nicht getilgt hatten, wieder transferirt wurden und dabei zunächst die alte Schuld abtragen mussten.

In früheren Jahren gab die Regierung jedem Arzte, und wenn ich mich nicht irre, jedem Officier, der darum das Ansuchen stellte, auch für den Ankauf von zwei Reitpferden 400 fl. Vorschuss, welcher Betrag (ebenfalls rentelos) in 20 Monaten abgezahlt sein musste. Da sich nach und nach der Missbrauch eingestellt, dass von den dazu berechtigten Officieren dieser Vorschuss genommen wurde, ohne dass sie sich factisch zwei Pferde kauften, wie z. B. in Garnisonen, wo sie sie nicht gebrauchen konnten, so hat die Regierung im Jahre 1888 damit ein Ende gemacht, indem sie diesen Vorschuss nur für den Fall bewilligte, als der Kauf der Pferde factisch geschah; zu diesem Zwecke wurde in allen Garnisonen eine Controlliste der Officiers-Pferde angelegt.

Nachdem ich meinen Vorschuss erhalten hatte, ging ich zunächst nach dem Bahnhof, um zu sehen, ob mein Gepäck und besonders, ob meine Pferde wieder ohne Schaden in den Waggon gebracht worden waren. Da diese feurigen Temperamentes waren, gab ich ihnen auf die Reise keinen Reis mit, sondern befahl dem Kutscher, welcher sie begleitete, jeden Tag 2 Pikol frisches Gras zu kaufen = 125 Kilo, wofür ich ihn 20 Ct. verrechnen liess. Es war ja die Regenzeit, und in diesem Monat kann man einen Pikol Gras selbst um 6 Ct. = 6 Kreuzer = 10 Pfennige bekommen; in der trockenen Zeit steigt der Preis oft bis auf 15-20 Cts., weil es dann oft weit her, z. B. von den Ufern eines Flusses oder aus schattigen Wäldern geholt werden muss. Ganz trocken ist das Gras in Java allerdings niemals, weil der Feuchtigkeitsgehalt der Luft immer ein hoher ist, und dies ist auch die Ursache, dass grosse Lauffeuer selten in Indien vorkommen. Am andern Morgen, den 28. Januar, ging ich also um 6 Uhr früh wieder auf die Reise, um 1 Uhr kam ich in Djocja an, wo mich der Resident erwartete, dessen Frau eine Schulkameradin meiner Frau war, und lud mich ein, eine Nacht bei ihm zu logiren. Ich nahm es nicht an, weil mich das Eiltelegramm des Landes-Sanitätschefs das Aergste für den Gesundheitszustand des dortigen Arztes befürchten liess. Es war glühend heiss, das Thermometer zeigte im Schatten 35° C.; in der Restauration des Bahnhofes hatten wir ein ziemlich gutes Beefsteak mit Erdäpfeln gegessen und eine Flasche Rheinwein geleert, so dass wir gerade nicht leichten Muthes wieder die Reise fortsetzten. Bei dieser hohen Wärme ist in Indien das Fahren auf der Eisenbahn ja unerträglich. Ich hoffte eine Erleichterung zu finden, wenn ich für mich und meine Frau Karten I. Classe nehmen würde, um dadurch ein Coupé für uns Beide allein erhalten und mich des Rockes und der Schuhe entledigen zu können; aber wer kann unsern Schreck schildern, als unmittelbar vor Abgang des Zuges ein Herr sich zu uns gesellte, der, wie er mir später erzählte, dieselbe Absicht gehegt hatte. Dieser brave Mann ist seitdem gestorben. Ich kann also heute ruhig gestehen, dass wir Beide alle Flüche und Qualen der Hölle auf seinen Kopf erwünschten, natürlich nur im Flüsterton. Endlich um 6¼ Uhr Abends kamen wir in Tjilatjap an und mein Vorgänger -- erfreute sich der besten Gesundheit!!

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Bei meiner Transferirung von Ambarawa hatte ich die Provinzen Samarang, Surakarta, Djocjacorta, Bageléen und Banjumas durchzogen. Die ersten drei und die letzte Provinz werden uns weiterhin noch viel beschäftigen, und darum will ich an dieser Stelle nur mit wenigen Zeilen der Provinz Bageléen gedenken, weil ich einerseits sie nur per Eisenbahn durcheilt habe und sie andererseits nicht viel Sehens- und Mittheilenswerthes enthält.

Vor dem grossen Kriege von Java in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war Bageléen (und Banjumas) ein Theil des westlichen Mantja[127]-negara,[128] und seine Fürsten waren Vasallen des Sultans von Solo. Hier in Bageléen, welches jetzt nicht nur die dichtbevölkertste Landschaft von Java, sondern vielleicht von der ganzen Erde ist [es wohnen ja mehr als 20,000 Menschen auf einer Quadratmeile,[129] und es besitzt bei einer Grösse von 62,07 ☐Meilen einen Ort (Purworedjo) mit 20,000 Seelen, 202 Kampongs mit 1000-5000, 679 Dessas mit 5-1000, 1327 mit 200-500, und 442 Dörfer bis 200 Seelen], wüthete früher der Despotismus seiner Fürsten mit allen seinen Qualen und Leiden für den kleinen Mann, und man muss oft die lebhafte Phantasie bewundern, mit welcher diese kleinen Despoten Steuern zu erfinden wussten. Es wurde eine Steuer für wohlgefüllte Waden erhoben, die Einäugigen mussten Steuern für die Blinden bezahlen, bei jeder Klage wegen Diebstahls musste ein gewisser Betrag erlegt werden, für die Wachthütten auf den Reisfeldern, welche +nicht+ gebaut wurden, für das Wiegen des Reises, welcher als Zehnt eingeliefert werden musste, war ein Zoll festgesetzt, obzwar der Reis niemals gewogen wurde, für das Zählen der Reisfelder, was niemals geschah, für das Recht, den Tanzmädchen zuschauen zu +können+, ob man es ausübte oder nicht, wurde eine Steuer erhoben, kurz, unter 34 (!!) verschiedenen Namen wurde der kleine Mann in seinem Erträgniss des Bodens gekürzt. Im Jahre 1830 kam es endlich unter die directe Verwaltung der holländischen Regierung; sofort wurden 24 dieser diversen Steuern abgeschafft, und die üppige Tropenflora im Verein mit der humanen europäischen Regierung schufen aus den öden, unbebauten, brachliegenden Feldern eine reich bevölkerte und reich bebaute Provinz mit einer glücklichen und zufriedenen Bevölkerung.

Der Name dieser Provinz stammt aus dem altjavanischen Pageléen = penis und von der Linggasäule, welche sich bei Purworedjo, und zwar bei dem Dorfe Bageléen befindet und noch heutzutage von der Bevölkerung angebetet wird. Ueberhaupt findet man ja in Süd-Java viele Spuren des Siva-Dienstes.

Eine andere Sehenswürdigkeit ist der ausgehöhlte Felsen Karang bólang, welcher sich 181 Meter hoch über die See an der Südküste erhebt und sich wie ein Dom über die Fläche des Meeres wölbt, als Heimath von Tausenden und abermal Tausenden von Schwalben, deren essbare Nester unter dem Namen sarong burung ein starker und verbreiteter Handelsartikel geworden sind. Im Jahre 1871 wurde das Erträgniss dieser Höhle auf 25 Jahre für den Betrag von 37,100 fl. pro Jahr verpachtet. Nach +Friedmann+ sollen jährlich 500,000 Stück gewonnen werden.[130]

Die Hauptstadt Purworedjo mit dem Garnisonplatz Kedong Kebo und mit dem Gunung Wangi (8 Kilom. entfernt) = Berg des herrlichen Duftes,[131] die Grotte vom Berge Lawang und Tebasan mit den zahlreichen Ueberresten des Siva-Dienstes, die Umgebung von Kabumen mit ihren warmen Quellen, Gombong mit seiner Cadettenschule und der Grotte Ragadana mit schönen Stalaktiten sowie zahlreiche Alterthümer kann ich nur andeuten, aber nicht beschreiben, weil ich niemals Gelegenheit hatte, aus Autopsie sie kennen zu lernen.

Die Provinz Banjumas, in welcher Tjilatjap liegt, habe ich nach vielen Richtungen hin durchzogen, und zwar entweder in dienstlichen Angelegenheiten oder zu meinem Vergnügen. Am häufigsten kam ich nach Babakan, wo sich längs des Meeresstrandes die Schiessstätte der Artillerie der zwei militärischen Abtheilungen Javas befindet. Nach der Hauptstadt Banjumas kam ich im Ganzen nur viermal. Das erste Mal hatte den Zweck, mich dem Residenten (Statthalter) der Provinz vorzustellen, weil dieser in civilen Angelegenheiten gewissermaassen mein Chef war.

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Nachdem ich zu meiner Ueberraschung meinen Vorgänger nicht nur beim besten Befinden getroffen, sondern auch von ihm vernommen hatte, dass er schon seit einigen Wochen einer relativ günstigen Gesundheit sich erfreue, ging ich nach Hause ins Hotel, um ein erfrischendes Bad zu nehmen und hierauf trockene Leibwäsche anzuziehen. Das Hotel wurde von Frau X... geleitet, während ihr Mann gleichzeitig Schiffshändler und Kaufmann war; er hatte im Hotel einen Laden, in dem man einfach Alles zu kaufen bekam; es war ein »Tôko«, wie sie überall in Indien gefunden werden. Abgesehen von einigen Modistengeschäften in den grossen Städten, wie Batavia u. s. w., kennt der Detailhandel in Indien keine Specialitäten. In einem Tôko findet man Papier, Bücher, Gewehre, Conserven, Leinwand, Schuhe, Hüte, Lampen, Gläser, Porzellanwaaren, Petroleum, Käse, Butter, Thee, Kaffee u. s. w.

Natürlich hatte sich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitet, dass ein neuer Arzt angekommen sei, und Jeder beeilte sich, diesen zu Gesicht zu bekommen. Jeder hatte also diesen Abend in diesem Tôko etwas zu kaufen; der Eine eine Kiste Cigarren, der Andere eine Schachtel Maschinenzwirn und der Dritte bestellte eine Kiste Apollinaris-Wasser u. s. w.

Die Wirthin, eine schöne und stattliche Nonna,[132] sass unterdessen bei uns in der Veranda und theilte uns von Jedem, der in den Kaufladen trat, alles Wissenswerthe mit; unglaublich schienen mir die Mittheilungen über den Herrn D...: »37 Jahre befindet er sich schon in Tjilatjap und ist nur gesund, wenn er hier ist; jedes Jahr geht er auf die Reise, und kaum hat er Tjilatjap hinter sich, so beginnt er sich unwohl zu fühlen und bekommt das Fieber. Dasselbe ist der Fall mit dem Herrn K..., der schon 17 Jahre hier wohnt und, wie Sie soeben sahen, sich eines sehr gesunden Aussehens erfreut; er hat eine schöne Tochter, welche hier geboren ist, und ebenso wie die zwei Töchter des Herrn D... nur hin und wieder ein paar Tage lang Fieber haben; sie nehmen 20 Chininpillen und bleiben dann wieder für viele Monate von den Fieberanfällen verschont.« Dies waren sehr ermuthigende Worte, besonders für meine Frau, welche sich früher in den Gedanken eingelebt hatte, niemals dieses »verwünschte Fiebernest« bewohnen zu müssen, weil im Jahre 1887 die Garnison aus Gesundheitsrücksichten eingezogen worden war. Die Regierung schickt jedoch seit dieser Zeit immer einen Militärarzt dahin, weil sich kein Civilarzt bis jetzt dort angesiedelt hat. Die Zahl der Europäer in Tjilatjap und seiner Umgebung und die der Chinesen ist nämlich zu klein, um einen Civilarzt zu veranlassen, für ein Erträgniss, das kaum die Bedürfnisse des täglichen Lebens decken würde, Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Garnison war zwar aufgehoben, aber die zahlreichen militären Gebäude bestanden noch; auch die Küsten-Batterien, welche den Eingang in den Canal beherrschten, waren noch nicht entfernt und bedurften einiger Soldaten zur Bewachung; diese wenigen Soldaten standen unter dem Befehl eines Oberlieutenants »der Genie«. Uebrigens vertraten 80 Mann Pradjurits die bewaffnete Macht; das sind nach europäischen Begriffen Polizeisoldaten, welche den Verwaltungsbeamten zur Seite stehen und in erster Reihe den Bewachungsdienst in den Gefängnissen und den Transport der Sträflinge zu besorgen haben. Ihre militärische Ausbildung erhalten sie von einem europäischen Officierstellvertreter, und im Uebrigen unterstehen sie in allem und jedem dem Assistent-Residenten. Nur findet über ihre militärische Ausbildung eine jährliche Inspection von Seiten des jeweiligen Adjutanten des Landes-Commandirenden statt. Dies ist natürlich eine im Princip ganz verfehlte Organisation, wenn der Assistent-Resident es nicht gelernt hat, ein Commando über 80 Mann zu führen. Ich will zwar zugeben, dass, wenn in ernstlichen Fällen der Beamte die Hülfe des Militärs anruft, wie es z. B. bei einer Meuterei afrikanischer Matrosen im Hafen geschah, dieses höchstens ein Beweis für geringes Vertrauen zu dem Muthe dieser Polizeisoldaten sei; aber es ist geschehen, dass der Instructeur von Dorf zu Dorf gehen und jeden einzelnen Mann aufsuchen und überreden musste, sich rechtzeitig auf dem Platz der Inspection einzufinden, und dass demungeachtet der Inspecteur zur angesagten Stunde nicht die ganze Mannschaft anwesend fand, sondern Alle einzeln wie verirrte Schafe erschienen.

Wenn diese Polizeisoldaten in Casernen wohnten und ihren Instructeuren auch in jeder Hinsicht, also auch in disciplinaren Vergehen untergeordnet wären, d. h. mit anderen und wenigen Worten, wenn sie Gensdarmen wären, wie sie in zahlreichen europäischen Staaten bestehen, dann würden sie nicht nur bessere Dienste leisten, sondern auch einem +dringenden Bedürfnisse+ entsprechen. Der antimilitärische Geist der Holländer macht sich auch in dieser Hinsicht in unangenehmer und fühlbarer Weise geltend. Der Assistent-Resident X..., der damals in Tjilatjap residirte, war gewiss ein Ehrenmann, er war als Beamter gewiss, so weit ich urtheilen kann, seinen Aufgaben vollkommen gewachsen und lebte nur für seinen Dienst; und doch waren die Pradjurits damals eine Caricatur von dem, was sie sein sollten; sie machten von der Zwitterstellung ihres Instructeurs Missbrauch, und dieser selbst -- war froh, jeder Verantwortlichkeit enthoben zu sein. Wenn jedoch der Instructeur auch das Recht des Strafens hätte, und wenn sie in Casernen wohnten, welche ebenfalls ein militärisches Reglement hätten, und wenn alle Befehle des Beamten durch die Hände des Instructeurs gingen, dann hätte auch Indien ein Corps von Gensdarmen, welches nach vielen Seiten hin erspriessliche Dienste leisten könnte; denn die Polizisten der grossen Städte und des flachen Landes sind nichts anderes als persönliche Bediente des Beamten und erfreuen sich gar keines Ansehens und gar keiner Autorität. -- Die Uniform der Pradjurits ist die des Militärs aus den siebziger Jahren; dunkelblaue Kleider aus Serge mit einem Kopftuche unter dem Käppi; dieses ist nach der Weise der Javanen um den Kopf geschlungen. Die Bewaffnung ist dieselbe wie die der Armee; sie haben Hinterlader und Bajonette.

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Am andern Morgen stellte ich mich dem Assistent-Residenten vor und liess den Platz-Commandanten wissen, dass ich angekommen sei, um den Dienst von Herrn Dr. W. zu übernehmen. Beide Herren waren nämlich niedriger im Range als ich, und nach den gesetzlichen Bestimmungen ist es hinreichend, dass in einem solchen Falle der höhere Officier schriftlich davon Nachricht giebt. Weil der Dienst eines Oberarztes reglementär ganz derselbe wie der eines Regimentsarztes ist, so geschieht es sehr häufig, dass in kleinen Garnisonen der Platz-Commandant niedriger im Range oder Anciennität ist, als der zugetheilte Militärarzt. Aus einer falsch angebrachten Gemüthlichkeit lassen die Militärärzte in der Regel diesen Rangunterschied aus den Augen und halten sich z. B. mehr an die herrschende bürgerliche Gewohnheit, dass der zuletzt Angekommene bei den anwesenden Officieren sich zuerst vorstelle u. s. w. Dies ist die Hauptursache, dass die Officiere der »bewaffneten Corps« sich so oft über das antimilitärische Benehmen der Militärärzte lustig und davon manchmal Missbrauch machen. Es entstehen dadurch unangenehme Streitigkeiten, worunter auch der Gang des Dienstes leiden muss.

Der Platz-Commandant konnte nicht zu mir kommen, weil er am Fieber litt und an diesem Tage sich zur Abreise von Tjilatjap rüstete. Ich ging also zu ihm hin und besprach noch einige Fragen über die Abreise meines Vorgängers und über sein Haus, welches mir zur Miethe angeboten wurde. Dieses lag nämlich in jenem Theile der Stadt, in welchem sich die Casernen und Wohnungen der Officiere befanden, und welches wegen des dort herrschenden Malaria-Fiebers von der Garnison verlassen werden musste. Das Flüsschen (Kali) Osso trennte diese beiden üblicherweise so scharf auseinander gehaltenen Theile Tjilatjaps und zog hinter dem Hause des Lt. G. vorbei. Im Westen dieses Flüsschens lag, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, das bürgerliche Tjilatjap. Einen überraschend schönen Anblick bietet die Stadt, wenn man des Morgens früh aus dem Hotel tritt und sich der Wohnung des Assistent-Residenten nähert; vor uns zieht in gerader Linie eine vielleicht mehr als 1½ Kilometer lange Strasse, begrenzt von hohen, mächtigen Kanariebäumen (canarie communis). Zur rechten Hand schliesst das Haus des Clubs mit der Nussa (= Insel) Kambangan im Hintergrunde diese schöne Allee ab; im Osten derselben liegt das Bureau und das Wohnhaus des Assistent-Residenten mit wunderschönen Blumenbeeten im Garten, und zur Seite desselben eröffnet sich die Aussicht über die schmale Wasserstrasse mit den wildromantischen Ufern der genannten Inseln im Süden. Das Rauschen der Brandung an der jenseitigen Küste erschüttert die Luft um so imposanter, als die schäumenden und strömenden Wogen nicht gesehen werden. Zur Linken zieht diese schöne Allee in beinahe geometrisch gerader Linie nach Norden und zeigt uns im Hintergrunde den Palast des Regenten mit seinem grossen Alang âlang (Schlossplatz). Auf der linken Seite führt eine kleine Strasse zum Bahnhof und eine zweite zum neuen Hafen, welcher in der Mündung des Flusses Donan liegt. Es ist ein Meisterstück des modernen Hafenbaues.