21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 20
In üblicher Weise wurde den Officieren und Mannschaften der Tag und die Stunde angegeben, an welchen sie ihre etwaigen Ansuchen dem Landes-Commandirenden vorbringen konnten. Es war für mich eine schwere Arbeit, zu sorgen, dass sich das Spital und die Apotheke mit ihren Magazinen in reglementärer Ordnung befanden, und dass alle Rapporte bei der Hand waren, welche dem General beim Erscheinen im Spitale vorgelegt werden sollten. An den Inspectionen der Casernen und Officierswohnungen musste ich theilnehmen, um etwaige von mir angegebene hygienische Uebelstände zu demonstriren oder von anderer Seite eingebrachte hygienische Fragen zu begutachten, und ich hatte keinen Assistenten, um den Dienst in der Apotheke, im Gefängnisse, im Frauenspitale und in der Civilbevölkerung von ihm verrichten lassen zu können. Im Drange der Geschäfte vergass ich also, auch mich anzugeben und den General um Mittheilung über den Stand meiner Vertheidigungsschrift zu bitten. Jedoch an dem Revolverschiessen der Officiere betheiligte ich mich; ich sollte als letzter an die Reihe kommen und unterhielt mich unterdessen mit dem Adjutanten des Generals, einem alten Bekannten aus der Zeit meines Aufenthaltes in Sumatra, und frug ihn, ob ihm nichts bekannt sei, welche Erledigung bis jetzt, d. h. nach 6 Monaten Zeit, meine »Affaire« genommen hätte. Er glaubte, mir eine ausweichende Antwort geben zu müssen, welche mich annehmen liess, dass mein Recurs ungünstig erledigt worden sei; dies erregte mich so mächtig, dass ich, aufgerufen, an den Schiessstand zu treten, den Revolver bei dem Laufe in die Hand nahm; ein schallendes Gelächter weckte mich aus meiner Verlegenheit, doch ich schoss so gut, dass die Ehre des ärztlichen Standes als Schütze gerettet wurde. Drei Tage später erhielt ich von dem Landes-Sanitätschef die Mittheilung, dass der Armee-Commandant
».... mit Rücksicht auf die günstige Conduitebeurtheilung, welche »de Officier van Gezondheid«, Breitenstein, bis jetzt hatte, die in Colonne I mitgetheilte +unrichtige+ Behandlung von Sachen[106] als einen vereinzelten Irrthum in gutem Glauben angesehen habe« und dass »Seine Excellenz auf Grund dieses wünscht, die im Jahre 1887 gefällte Beurtheilung vorläufig aufrecht gehalten zu sehen ...«
Diese Mittheilung des Sanitätschefs war datirt vom 3. Juni 1889, wurde +einen Monat+ später auf Urgenz des Landes-Commandirenden mir eingesendet und trug auch die Spuren +der Fälschung+; Juni war verändert in +Juli+!!
Es geschieht selten, dass eine Conduitebeurtheilung von dem Armee-Commandanten gänzlich zu Gunsten der Reclamanten abgeändert wird, und wenn es geschieht, ist es ein Pyrrhussieg; denn seine Vorgesetzten sehen darin mit Recht eine Niederlage, welche sie in ihrer Existenz, d. h. in ihrer eigenen Beförderung bedroht und -- nehmen Rache.
Dieser Bescheid des Sanitätschefs zeigt das militärische Leben in einem eigenthümlichen Lichte, und es drängt sich die Frage auf, ob diesem ein richtiger Standpunkt zu Grunde liege.
Das Vergehen, welches so stark war, dass ich »nicht würdig« und »nicht geeignet« war, befördert zu werden, wurde vom Armee-Commandanten als bestehend angenommen, und nur im Gnadenacte wurde mir die Strafe für dies Vergehen (??) erlassen, weil ich »in gutem Glauben geirrt hätte«, d. h. mit anderen Worten, dass der Landes-Sanitätschef nicht unrichtig mich beurtheilt hätte. +Das Princip, welches dieser Aeusserung zu Grunde liegt, ist die Wahrung der Autorität des Chefs gegenüber seinen Untergeordneten.+ Wenn wir von Uebertreibungen absehen, ist dieses Princip im militärischen Leben ein richtiges und gesundes, es wird auch mit Recht bei allen Disciplinaruntersuchungen angewendet; in strittigen Fällen wird dem Höheren mehr geglaubt als dem Untergebenen; wird damit ein Missbrauch getrieben, so hat jeder Soldat das Recht, auch wegen einer auf dem Disciplinarwege aufgelegten Strafe zu reclamiren und die Entscheidung eines Kriegsgerichts anzurufen, welches jedoch als Jury das objective Beweisverfahren übt. Es ist auch dafür gesorgt, dass dieser Schritt nicht leichtsinnig unternommen werde. Entscheidet das Kriegsgericht (Krygsraad) zu Ungunsten des Reclamanten, so wird nicht nur die primäre Strafe ins Strafregister aufgenommen (die Strafe selbst muss ja nach dem Reglement abgebüsst sein, bevor er an das Kriegsgericht appelliren kann, nebstdem muss der Reclamant die ganze Zeit hindurch Casernenarrest halten), sondern er wird jedenfalls noch einmal gestraft, weil er durch seine leichtsinnige Reclamation bewiesen hat, nicht die seinem Chef schuldige Ehrfurcht zu besitzen. Officiere müssen nebstdem alle Kosten tragen, welche etwaigenfalls damit verbunden waren.
Das Princip ist, ich wiederhole es, ein richtiges, aber die Ausführung desselben lässt vieles zu wünschen übrig. Ich habe in dieser »Affaire« correct gehandelt, ich habe mit Ueberlegung gehandelt; ein praktischer Blick leitete meinen Entschluss, den Assistenzarzt ärztlich untersuchen zu wollen, da er sich »krank« meldete. Er fürchtete diese Untersuchung; wenn mir von Samarang geschrieben wurde, er habe ein Leiden des Dünn-, Dick- und Mastdarmes gehabt, so konnte ich nichts anderes darauf antworten, als: Bis zur Stunde der Abreise lebte er als ein gesunder Mensch, der sich nicht einmal in der Freude des Lebens beschränkte. Bei seiner Zurückkunft nach +vier!+ Tagen lebte er wieder wie jeder andere gesunde Mensch; Furcht war also die Ursache seines Leidens. +Darf+ es also geschehen, dass die Rachsucht seines Chefs jenen unglücklichen Glücklichen verfolgt, der in seinem Recurse an die höchste militärische Autorität rehabilitirt wird? Sollte in solchen Fällen nicht sofort die Pensionirung des Chefs erfolgen, welcher sich von seinen persönlichen Gefühlen der Antipathie hinreissen lässt, um aus unbegründeten, bei den Haaren herbeigezogenen Ursachen einem jungen Manne die Carrière abzuschneiden und die ganze Zukunft zu zerstören!
* * * * *
Die Cholera beschränkte sich im Jahre 1888 auf Samarang und Umgebung und kam nicht nach Ngawie. Ich hatte zwar vier Fälle, sie kamen jedoch in vielwöchentlichen Pausen vor und nur bei +Säufern+. Alle vier Patienten waren Gehülfen des Koches und bekamen für die Ablieferung der Abfälle der Küche an den chinesischen Schweinehändler von ihm täglich eine Flasche Sagueer[107] oder Arac. Solche vereinzelten Fälle sind in Indien häufig, weil die Cholera dort eben endemisch ist und es +wahrscheinlich+ auch immer gewesen ist, wenn auch +Semelink+ behauptet, dass vor dem Jahre 1817 die Cholera in Indien unbekannt gewesen sei. Die Beweise, welche dieser indische Oberstabsarzt in seinem Buche dafür bringt, gründen sich grösstentheils auf philologische Untersuchungen, auf welches Gebiet ich ihm nicht folgen kann. Mittheilungen bacteriologischer Art sind natürlich in diesem sonst fleissig bearbeiteten Buche nicht enthalten, und in der Zahl der Todesfälle einen Unterschied zu machen zwischen asiatischer Cholera und Cholera nostras hat doch gar keine wissenschaftliche Basis. Wenn also Oberstabsarzt +Semmelink+ auf philologische Gründe basirt behauptet, dass vor dem Jahre 1817 auch in Indien die epidemische Cholera asiatica nicht vorgekommen sei, und dass die Beschreibungen solcher Fälle an Malaria oder Vergiftungen mit Datura oder Arsenik u. s. w. erinnern, so kann dieser Behauptung nicht widersprochen werden; aber jeder unbefangene Leser wird z. B. im folgenden Satze, welcher auf einem Steine eines alten Tempels sich befand und einem Schüler Buddha’s zugeschrieben wurde, in erster Reihe an Cholera und nicht an Malaria denken. Dieser Satz lautet:[108] »Die blassen Lippen, das abgemagerte Gesicht, die hohlen Augen, der eingezogene Bauch, die zusammengezogenen und gekrümmten Extremitäten, wie wenn sie dem Feuer ausgesetzt gewesen wären, charakterisiren die Cholera, welche durch die boshaften Beschwörungen der Priester niedersteigt, um die braven Menschen zu verderben. Der dicke Athem bleibt an dem Gesichte des Kriegers hängen, seine Finger sind in verschiedener Weise zusammengezogen und verdreht, er stirbt in Krämpfen, als Schlachtopfer der Cholera von Siwa.«
Vielleicht wird ein Bacteriologe sich finden, der z. B. in den Gräbern verstorbener Hindus Cholerabacillen finden wird; denn ohne diesen Befund wird die Behauptung +Semelink’s+, dass die Cholera vor dem Jahre 1817 auch in Indien nicht vorgekommen sei, auf wissenschaftlicher Basis nicht widerlegt werden können; wenn aber im Jahre 1768 auf der Küste von Coromandel 60,000 Menschen einer Krankheit erlegen sind, welche die der Cholera eigenen Symptome hatte, ist es schwer, darin eine Malaria-Epidemie zu sehen, weil es gewiss noch niemals vorgekommen, dass die plötzlichen Todesfälle, veranlasst durch die Malaria und bekannt unter dem Namen Febris perniciosa, in so grosser Zahl vorkommen, als es in dem Charakter der Cholera-Epidemien gelegen ist.
Es drängt sich uns eine andere Frage auf, welche der Bacteriologe momentan vielleicht als steril zurückweisen wird; aber in Zukunft wird man auch unsere Ansicht reiflich in Erwägung ziehen müssen.
Vor dem Jahre 1885 war Atjeh (im Norden Sumatras) die Heimstätte zahlreicher und heimtückischer Malariaformen; in diesem Jahre brach eine fürchterliche Epidemie von Beri-beri aus, welche z. B. das Hülfs-Bataillon der Maduresen in drei Monaten Zeit decimirte!
Ich habe zu wiederholten Malen Malariaformen gesehen, die schwer von Lungenentzündung oder Typhus zu unterscheiden waren, ja noch mehr, ich habe, ich möchte fast sagen, eine ganze lange Entwicklungsreihe von typischer Malaria bis zu ausgesprochenem Bauchtyphus gesehen.
In beiden Fällen musste ich diese Krankheiten »Bruder und Schwester« nennen, d. h. verwandte Krankheitsformen auf miasmatischer Basis.
Sollten also auch nicht Cholera und Malaria miasmatische Krankheiten sein, welche wie Bruder und Schwester mit einander verwandt sind? Wenn ich das Bild der wenigen Fälle von Febris perniciosa +cholerica+ vor Augen halte, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, und es vergleiche mit jenen der Cholerakrankheit, dann werde ich vielleicht mit dem deutschen Bilde, sie gleichen wie ein Ei dem andern, deutlicher meine Ansicht ausdrücken als mit dem holländischen »Bruder und Schwester«; aber mit beiden Bildern will ich die Verwandtschaft dieser beiden Krankheiten aussprechen und die Polymorphie der Bacterien als Krankheitserreger nur andeuten. Für die Systematik sind die Worte: Plasmodien und Cholerabacillus gewiss von hohem Werthe; in der Praxis wird uns das Wort +Miasmen+ in der Lehre der Malaria bessern Dienst leisten und in der Aetiologie der +Cholera+ den Weg zu einer richtigen Prophylaxis zeigen.
Im Jahre 1817 hat also die Cholera ihre erste grosse Weltreise angetreten; sie dauerte sieben Jahre lang und hatte zu ihrer Ausbreitung auf den Inseln des indischen Archipels drei Jahre nöthig. Interessantes hierüber theilt der »Militär-Krankenrapport über Java und Madura« 1847 mit, und darum wird vielleicht ein Auszug von den Mittheilungen des Sanitätschefs Dr. +W. Bosch+ aus dieser Zeit nicht unerwünschte Beiträge zur Geschichte der Verbreitung der Cholera geben:
»Schon im vorigen Jahrhundert trat die Cholera bald sporadisch, bald epidemisch auf; immer aber verschwand sie bald, ohne viele Opfer zu heischen. Doch im Jahre 1817 trat sie als heftige Epidemie in Hindostan auf und raubte Hunderttausenden das Leben. Zuerst brach sie in der Umgebung von Calcutta aus und erreichte bald die Stadt, wo jede Woche 200 Menschen oder 1/900 der Bevölkerung daran starben, ohne dass man die Ursache oder den ersten Keim der Entwicklung entdecken konnte. Von dort pflanzte sie sich nach China fort und wüthete in den Hauptstädten Peking und Canton; weiterhin zog sie im Jahre 1818 nach Madras und nach der Südküste von Coromandel und erreichte am Ende dieses Jahres Ceylon. Weiter besuchte sie die Westküste von Vorderindien, den Golf von Persien, Cochinchina, Manila, Pulu (Insel) Pinang, Singapore, Malacca und im Jahre 1820 Mauritius und den Golf von Siam.«
»Obwohl der Gouverneur von Pulu Pinang und der Prof. +Reinwardt+ diese Krankheit auf das bestimmteste für +nicht ansteckend+ erklärt hatten, glaubte doch unsere Regierung die Ansteckungsfähigkeit für +zweifelhaft+ halten zu müssen, und es wurde vorsichtshalber verordnet, dass von den Schiffen, welche aus oben genannten Gegenden kamen, Niemand ans Land gehen sollte, bevor eine ärztliche Commission untersucht hatte, ob sich keine verdächtigen Kranken oder Reconvalescenten an Bord befanden. Auch sollten die Residenten in Uebereinstimmung mit den Aerzten jene Maassregeln festsetzen, welche die localen Verhältnisse erfordern sollten. Zugleich wurde der Bericht des Gouverneurs von Malacca in den batavischen Zeitungen publicirt.«
»In einem Briefe vom 19. Januar 1820 berichtete der Resident von Batavia an die Regierung, dass die Brik Fanny, welche von Mauritius angekommen war, die Nachricht gebracht hatte, dass dort die Cholera ausgebrochen war und in drei Wochen 3000 Menschen dahingerafft hatte, dass dieses Schiff Quarantaine halten musste, welche Maassregel gebilligt wurde, ebenso als die Isolirung der Schiffe, welche die Strasse von Sunda passirten. Bald zeigte es sich, dass alle Vorsichtsmaassregeln vergebens genommen waren. In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1821[109] brach die Cholera in Mittel-Java, und zwar in Samarang aus, ohne dass eine strenge Untersuchung constatiren konnte, von wo sie gekommen war und aus welcher Ursache sie sich entwickelt hatte ...«
»Die Schiffe, welche auf der Rhede von Samarang lagen, wurden genau untersucht; aber es meldete der Militärarzt +Bakker+,[110] dass auf keinem der Schiffe eine Spur der Krankheit zu finden war, so dass ihr Entstehen auch hier ein Räthsel blieb. Aber sicher ist es, dass sie nicht über See eingebracht wurde, und dass zu Land kein Verkehr mit irgend einem der inficirten Orte bestand.[111] Unterdessen kamen auch einige Cholerafälle in Demak vor, welches im Osten von Samarang liegt ...«
Von 786 Javanen findet man in dem Staatsarchiv einen sehr genauen Rapport, welcher von einem eingeborenen Häuptling verfasst war. Aus diesem ist ersichtlich, dass gestorben waren
am 22. April 3 Menschen 23. „ 6 „ „ 24. „ 15 „ „ 25. „ 53 „ „ 26. „ 42 „ „ 27. „ 85 „ „ 28. „ 99 „ „ 29. „ 87 „ „ 30. „ 126 „ (NB. Abends Regen) „ 1. Mai 77 „ „ 2. „ 99 „ „ 3. „ 94 „
Es starben binnen 1 Stunde 51 Menschen 2 Stunden 46 „ 3 „ 39 „ 4 „ 60 „ 5 „ 40 „ 6 „ 38 „ 7 „ 49 „ 8 „ 35 „ 9 „ 32 „ 10 „ 40 „ 11 „ 33 „ 12 „ 73 „ 18 „ 31 „ 24 „ 65 „ 48-80 „ 7 „
Die weiteren Mittheilungen des Sanitätschefs Dr. +Bosch+ will ich unerwähnt lassen, weil sie nur der Spiegel der damaligen Rathlosigkeit sind, was die Aetiologie dieser Krankheit betrifft.
Wenn ich auch den statistischen Angaben aus dieser Zeit absolut keinen Werth beilege, und auch die Mittheilungen über die angeblich unternommenen »genauen« Untersuchungen geradezu bezweifle, so glaube ich doch, natürlich ohne weiteren Commentar, die mir zugänglichen Ziffern über die Cholera auf den Inseln des indischen Archipels mittheilen zu sollen.
Von 1821 bis 1832 starben in der Armee an Cholera 559, 118, 200, 158, 147, 256, 183, 281, 330, 261, 115, 30 (das erste Halbjahr) = 2638, und 8487 waren erkrankt.
Dr. +W. Bosch+ theilt weiter mit, dass vom Jahre 1832 an die Rapporte über die Cholera schweigen, so dass »man annehmen muss, dass die eigentliche Cholera nicht mehr vorgekommen ist«, und dennoch -- sind unter der Statistik der in der Armee behandelten Krankheiten von der ersten Hälfte des Jahres 1847 24 Patienten mit 5 Todesfällen angegeben. Da dieser Summirrapport über »das erste halbe Jahr 1847« erst in 1850 erschien, so lässt sich dieser Widerspruch nicht anders erklären, als dass die sporadischen Fälle ausser Betracht blieben.
Wenn wir die weiteren Jahre, deren Berichte mir zugänglich sind, betrachten, so sehen wir, dass die Cholera in Indien endemisch ist.
Vom Jahre 1852 bis 1885[112] starben an Cholera in Java (und Madura) 3122 europäische, 189 afrikanische und 1138 eingeborene Soldaten.[113]
Vom Jahre 1891 bis 1895 kamen 185, 91, 41, 1, 1, zusammen 319 Todesfälle an Cholera vor, während im Jahre 1896 137 und im Jahre 1897 229 Bürger dieser Seuche erlagen.
Die Ziffern des Jahres 1891 bis 1895 sollten beweisen können, dass die Cholera auf den Inseln des indischen Archipels nicht endemisch sei, sondern wie in Europa hin und wieder verschwindet und dann wieder entsteht und in der Form einer Epidemie Hunderte und Tausende hinwegrafft. Das Gegentheil ist richtig. Gerade die Thatsache, dass in den Jahren 1894 und 1895 nur vereinzelte Fälle in der Armee vorkamen und sich nicht ausbreiteten, gerade dies ist das Charakteristische einer +endemischen+ Krankheit.
Warum jedoch solche vereinzelte Fälle +manchmal+ und glücklicherweise nicht immer zu grossen Epidemien die Anläufe werden, dafür fehlt uns jedes Verständniss. Dies ist ja nicht allein mit der Cholera der Fall; es kommen ja in Europa isolirte Fälle von Pocken, Diphtheritis, Lungenentzündung, Dysenterie, Typhus und Scharlach vor, und in Indien geschieht dasselbe mit der Malaria, während im anderen Jahre diese Infections-Krankheiten epidemisch auftreten und sich rasch über grosse Strecken verbreiten. Will man sich mit der Erklärung begnügen, dass in dem einen Falle sich weiter keine dazu +disponirten+ Menschen fanden, in dem zweiten Falle sich jedoch zahlreich solche Individuen einstellten -- auch recht: »Wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein«; ich jedoch -- bezweifle noch immer die Richtigkeit der herrschenden Infectionstheorie, obwohl der Commabacillus in den Defäcationen der meisten Cholerakranken gefunden wird.
Im Jahre 1882 obducirte ich mit einem Collegen (Dr. +van Th...+) in Batavia einen Soldaten, welcher ins Spital gebracht worden war. Wie üblich, machte der damit betraute Soldat die Section, und nur einige kleine Handgriffe, wie z. B. das Oeffnen der Herzhöhlen, nahmen wir vor. Wir machten die Diagnose: Cholera, und Dr. +van Th...+ bekam -- einen Choleraanfall,[115] während ich nur eine Exacerbation meines alten Nervenleidens erlitt. Ich bekam heftigen Stuhlgang und Beklemmung in der Herzgrube (Präcordialangst), ich wurde aufgeregt und gejagt, und wiederum raubte mir die Furcht vor der Cholera beinahe die ganze Nacht den Schlaf. Diese Erkrankung des Dr. +van Th...+, sowie die vier oben erwähnten Fälle der Krankenwärter, welche der Cholera erlagen, nachdem vier Tage hintereinander je ein Patient von der Rhede von Batavia ins Spital geschickt wurde, sind wohl genug Beweise, dass Cholera von Person auf Person übertragen werden +könne+, dass sie also eine Infectionskrankheit stricte dictu sei.
Auf welchem Wege geschieht die Infection durch den Commabacillus? +Grossi+, +Cattam+ und +Tizzoni+ haben auf Fliegen diese Bacterien gefunden; auch auf den Mosquitos Indiens sollen sie gefunden worden sein. Für jeden Fall ist diese Quelle der Infection eine ganz geringe, weil auf den Küsten zur Zeit der Cholera-Epidemie Tausende und Tausende 10-20 Mal, und zwar jeden Abend gestochen werden, ohne die Cholera zu bekommen, und andererseits diese Krankheit in Gebirgsgegenden eine verheerende Verbreitung genommen hat, ohne dass Mosquitos oder Fliegen vorgekommen wären.
+Virchow+ fand in dem Magen von Choleraleichen noch in Verdauung begriffene Speisereste, wenn die Krankheit nur 1-2 Stunden gedauert hatte; der saure Magensaft der Thiere vernichtet die Commabacillen, und darum gelingt es nur ausnahmsweise, Thiere durch Fütterung von Reinculturen dieser Bacterien an Cholera erkranken zu lassen, und man muss zu diesem Zwecke erst die Säure des Magens abstumpfen. Es müssen also mit den Speisen selbst in den von +Virchow+ angegebenen Fällen die Bacillen eingeführt worden sein, und thatsächlich ist zu allen Zeiten die Nahrung als Vehikel des Choleragiftes angesehen worden; so z. B. sah +Tytler+ den Gebrauch von verdorbenem Reis als die Ursache des Entstehens der Cholera an; noch heute werden unreife Früchte, und von einigen Aerzten sogar auch solche, welche ganz reif sind, als die Keimträger der Cholera angesehen. Als im October 1896 in Atjeh sieben Fälle von Cholera vorkamen, wurde auf Vorschlag des Landes-Sanitätschefs der Verkauf von allen Früchten auf dem Markte verboten. Auf allen Speisen können zufällig Commabacillen vorkommen. Warum werden dann nicht alle Speisen verboten?
Natürlich musste man auch an das Trinkwasser als Vehikel des Choleragiftes denken, und das Nutzwasser des Bades und der Küche u. s. w. können in grösserer oder kleinerer Anzahl die Cholerabacterien enthalten.
Wenn wir absehen von den wenigen Städten in Indien, in welchen artesisches Wasser gebraucht wird, ist ja die Quelle des Trinkwassers und des Nutzwassers selten eine reine. Nach +von Pettenkofer+ und Anderen sind der alluviale Boden und die tertiäre Formation aussergewöhnlich günstig zur Entwicklung des Commabacillus; die ganze Nordküste Javas ist ja angespültes Land; das Grundwasser derselben ist überfüllt von faulenden Stoffen, und der Lehmboden ist ein schlechter Filter. Darum ist Surabaya mit Recht eine ungesunde Stadt zu nennen.
Wenn wir absehen von den Pantjorans im Gebirge, welche reines Quellwasser führen, so ist das Wasser, welches der »kleine Mann« gebraucht, beinahe eine Reincultur von allen möglichen Bacterien und somit auch des Commabacillus. Er gebraucht das Wasser der Sümpfe und der Strassenriolen zum Mischen mit der Milch, zum Trinken, zum Kochen seines Reises, zum Baden, zum Mundspülen, zum Waschen seines Geschirrs und zum Besprengen des Gemüses und der Früchte, welche er auf den Markt bringt, um ihnen ein frisches Aussehen zu geben.
Aber auch die Entleerungen der Menschen und Thiere befördern die Verbreitung einer Cholera-Epidemie. In der Regel befinden sich die Aborte im Garten neben dem Badezimmer, und die Abfuhr beider mündet in eine Senkgrube, welche die verdünnten Fäces dem Boden mittheilt und das Grundwasser verpestet.
Dass die Cholera endemisch in Indien sei, lässt sich kaum bestreiten, ohne dass wir die undeutliche Definition dieses Kunstausdruckes, welche im Jahre 1876 von der indischen Regierung den Beamten zur Richtschnur gegeben wurde, zur Basis dieser Behauptung nehmen.
Sie lautet folgendermaassen: ... »zu erklären, dass eine Krankheit dann +epidemisch+ genannt werden müsse, wenn sie den Stand aller Krankheiten, wie er in gewöhnlichen Verhältnissen sich zeigt, überschreitet, dass aber eine Krankheit dann +endemisch+ zu nennen sei, wenn sie sich zwar beschränkt auf den Ort, wo sie entsteht, aber gleichzeitig eine grosse Zahl Menschen angreift.«