21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 19
An dem festgesetzten Tage gegen 11 Uhr erschienen zwei Gala-Equipagen, in der ersten nahm nur ein Schreiber des Residenten Platz, welcher ein Polster in den Händen hielt, darauf lag in einem Couvert aus gelber Seide der officielle Brief der »Konigin-Regentes« mit der Nachricht von dem Tode S. M. des Königs von Holland; im zweiten Wagen sass der Resident mit dem Platz-Commandanten, und in den folgenden Wagen sassen der officielle Dolmetsch der javanischen Sprache, ein Controlor, der Platz-Adjutant und meine Wenigkeit.
Längs dem Fort Rustenburg,[99] in welchem sich ein halbes Bataillon Infanterie, eine halbe Compagnie Artillerie, das Militärspital, die Magazine und der grösste Theil der Officierswohnungen befinden, und dem europäischen Clubgebäude kamen wir zunächst auf den Schlossplatz mit seinen zwei riesigen Waringinbäumen, wohin sich in früherer Zeit jene Unglücklichen (in weisse Kleider gehüllt) flüchteten, welche dem Sultan ein Bittgesuch überreichen wollten. Auch soll hier stets ein Tigerkäfig gestanden haben, in welchem jener Tiger gefangen gehalten wurde, welcher bei der Thronbesteigung eines Sultans mit einem Büffel (Karbouw) in Gegenwart des Hofes, der Beamten und des Volkes den Kampf aufnehmen musste. Da der Tiger in der Regel durch vieltägiges Hungern geschwächt war, und die Hörner des Büffels spitz geschliffen wurden, erlag immer der Tiger, und der Büffel ging immer als Sieger aus dem Kampfe hervor. An der Westseite des Schlossplatzes lag eine Moschee (missîgit) von einem Wassergraben (ohne Brücke) umgeben, so dass Jeder gezwungen war, entsprechend den Vorschriften des Islams, seine Füsse zu waschen, bevor er das Heiligthum betrat.
Vor der Bansal witana, d. i. dem Zugang zu dem eigentlichen Kraton, welches ein Gang zwischen den zwei grossen Gebäuden für den Gerichtshof war, stieg Alles aus, der Kronprinz erschien und gab dem Residenten den Arm, neben ihm ging der Platz-Commandant, und der goldene Schirm (Pajong) des Residenten liess den Kopf des Obersten unbeschützt. Der offene Raum zwischen diesem Thor und dem nächsten, Bradjanala[100] genannt, war mit Soldaten, »den Legionen« des Kaisers, ausgefüllt. Sofort werden wir uns mit diesen eingehender beschäftigen müssen, weil sie geradezu eine typische und originelle Erscheinung auf dem Hofe der beiden Kaiser zu Solo und Djocja bilden. Vor diesem Thore hielt ein europäischer Soldat Wache und gab jede Stunde durch einen Glockenschlag die Stunde des Tages an. Hier befanden sich auch zwei Pendoppo = offene Hallen, in welchen Gesandte, der Reichsverweser oder andere angesehene Personen warten müssen, um nach erhaltener Zustimmung zur Audienz vorgelassen zu werden. Wir gelangten durch das dritte Thor, »Sri Menganti«, welches uns zu den Wohnhäusern des Sultans selbst brachte, und vor dem Bangsal Kentjana = dem goldenen Pendoppo kam der Kaiser der Deputation entgegen.
Auch in der Nähe dieses Saales standen Soldaten; man muss sich vollkommen dem Eindrucke des Hofceremoniells hingeben, wenn man nicht beim Anblick dieser Helden ein lautes Lachen erschallen lassen will. Die Legionen des Sultans sind 3-4000 Mann stark und in zahlreiche Compagnien eingetheilt mit ihren eigenen Officieren, eigenen Uniformen, Fahnen; jede hat zwei Tambours und zwei Pfeifer. Die eine Compagnie, welche am meisten meine Aufmerksamkeit fesselte, hatte einen Officier mit einem gelben Frack, grünen Hosen, grossen, schwarzen Kanonenstiefeln, einem dreieckigen Hut mit einem grossen Blumenstrauss, einem grossen, breiten Säbel in der Hand und einer grossen, grünen Brille auf der Nase. Die Soldaten, welche um ihn standen, hatten ungefähr dieselbe Uniform, waren jedoch mit einer Lanze bewaffnet und hatten keine Brille, welche übrigens bei allen übrigen Officieren offenbar als Zeichen ihrer Würde auf der Nase sass. Die anderen Compagnien zeigten bedeutende und pittoreske Unterschiede; sie waren mit Krissen (Dolchen) oder Schwertern und Schild, mit Lanzen oder Gewehr bewaffnet; sie hatten einen Sarong oder kurze oder lange Hosen an; dreieckige Hüte oder spitz zulaufende Mützen oder Helme aus den diversen Jahrhunderten; der Frack war gelb, roth, blau oder schwarz; sie trugen weisse Strümpfe mit Lackschuhen oder waren blossfüssig; kurz und gut, die Uniformen der letzten 300 Jahre hatten ihre Vertreter in den Legionen der beiden Kaiser von Java (Fig. 15).
Als Pendoppo hatte dieser Saal keine Wände, und doch sind die Säulen, welche das Dach tragen, und dieses selbst, sofern es den Plafond dieser Halle bildet, als alt-javanische Holzschnitzereien von grossem historischen und architektonischen Werth. Zur Seite steigt das Dach schief nach oben, und seine Balken haben ihre natürliche Farbe, welche durch das hohe Alter dunkel und düster wurde. Diese Balken jedoch sowie die der Caissons des mittleren Theiles, welcher mattblau und roth ist, sind mit zahlreichen Arabesken, Blumen und Thieren in Goldfarbe bedeckt; da aber das Gold dieser Verzierungen auch nicht mehr neu und also nur mattglänzend war, so machte dieser Saal einen düsteren Eindruck. Die Einrichtung bestand nur aus zwei Thronsesseln und acht gepolsterten Stühlen, und der Boden bestand aus Marmor.
Nachdem der Resident dem Kaiser den Brief überreicht hatte, liess dieser den Reichsverweser den Brief öffnen und vorlesen; danach gingen wir uns setzen und Rheinwein trinken, welcher in schönen Gläsern herumgereicht wurde.
Aber einen noch selteneren Empfang sollte ich bei dieser Gelegenheit mitmachen. Die Deputation wurde auch von der Sultanin empfangen.
Hinter der erwähnten Pendoppo befindet sich eine lange, offene Halle, an welche sich rechts die Gedong kuning, das gelbe Haus, die Wohnung des Sultans und die Dalem oder Prabajasa, die Wohnung der Sultanin anschlossen. Links von der Halle befanden sich die Ställe für die Pferde und Hunde, obwohl die letzteren nach den mohamedanischen Anschauungen haram = unrein sind.
In dem eigentlichen Palaste der ersten Sultanin empfing uns also des Sultans Favoritin; seine anderen Frauen und Gundiks = Beiweiber hatten hinter der Prabajasa ihre Wohnungen, welche den Harem oder Kaputrén bilden und von keinem männlichen Wesen betreten werden dürfen. Aber auch in die eigentliche Wohnung des Sultans, in das gelbe Haus, mag niemals ein Mann ohne directe Einladung kommen, und natürlich noch weniger in den Palast der Sultanin. Alle Bedienung geschieht in beiden Palästen nur durch Frauen. Die Veranda, in welcher der Empfang der Deputation stattfand, war schlecht beleuchtet. Als wir eintraten, erhob sich von einem sehr langen Divan, der die ganze Länge der Mauer einnahm, die Sultanin, und der Resident stellte uns vor. Hierauf setzten sich die vier Grössen auf den Divan, und wir Uebrigen, dii minorum gentium, konnten stehen bleiben.
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Den Kraton zu Solo will ich nicht beschreiben, weil ich nur wiederholen müsste, was ich in obigen Zeilen von dem Palaste in Djocja mitgetheilt habe, und weil ich dabei die Mittheilungen und Beschreibungen Anderer benutzen müsste. Nach dem Feste beim Residenten fuhr ich den nächsten Tag um 10 Uhr mit der Eisenbahn wieder nach Ngawie zurück, ohne von der Stadt mehr als den Thiergarten, das Fort Vastenburg, das Residenzgebäude und den schönen Palast des Prinzen Mangku-Negoro gesehen zu haben. Die Stadt hatte mehr als 100,000 Einwohner[101] und machte auf mich keinen günstigen Eindruck. Vielleicht waren es die zahlreichen Spuren der jährlichen Ueberschwemmungen, welche der Stadt geradezu ein schmutziges und unappetitliches Aussehen geben. Sie liegt nämlich an der Mündung des kleinen Flusses Pepé[102] in den Bengawan (= Solo), welcher der grösste Fluss Javas ist und in seinem oberen Laufe aus zahlreichen kleinen Bergströmen besteht. Die Stadt hat aber eine grosse und schöne Zukunft, weil seit ungefähr sieben Jahren die Eisenbahn, welche Batavia mit Surabaya verbindet, den Fremdenverkehr sehr erleichtert und den Strom der Touristen nach diesen zwei höchst interessanten Kaiserreichen (Djocokarta und Surokarta = Solo) lenkt. Die Provinz ist reich an Ruinen aus der Hinduzeit und hat zahlreiche Naturschönheiten (zahlreiche warme Quellen, Mofetten und auf dem Berge Lawu eine kleine Bergkluft mit zwei Teichen, aus welchen giftige Gase [Kohlenstoff!] aufsteigen, Schwalbennesterhöhlen u. s. w.). Vielleicht am interessantesten ist und bleibt die Anwesenheit eines orientalischen Fürsten mit seinem ganzen Hofstaate, welcher am Gängelbande des Residenten geht und bemüssigt wird, seinen despotischen Gelüsten nur noch im Festhalten äusserer Formen zu genügen. Hatte nämlich die indische Regierung grosse Schwierigkeiten, die depossedirten Fürsten anderer Provinzen Javas, welche sie als »Regenten« in das Corps der Beamten aufnahm, von ihren despotischen Gewohnheiten zu befreien, so stand sie gegenüber den beiden Fürsten von Solo und Djocja, welche äusserlich ihre Selbständigkeit behielten, geradezu vor einem Augiasstalle. Ich bewundere die Geschicklichkeit und Ausdauer der holländischen Regierung, welcher es gelang, zwei diametral entgegengesetzte Regierungsprincipien in ihr Programm aufzunehmen und dieses erfolgreich durchzuführen. Diese sind: Die einheimischen Fürsten der unterworfenen Stämme an die Spitze der Verwaltung als Beamte zu stellen, um die dynastischen Gefühle der grossen Menge des Volkes zu schonen, und andererseits den kleinen Mann vor den despotischen Gelüsten dieser Beamten zu beschützen.
Der beste Beweis nicht nur für die Richtigkeit dieser Principien, sondern auch für den bedeutenden Erfolg derselben ist der ungeheure Aufschwung, den Java im 19. Jahrhundert genommen hat, und der sich in dem Wachsen der Bevölkerung und in der menschenwürdigen Existenz des javanischen Bauers am deutlichsten zeigt. Java hatte im Anfange dieses Jahrhunderts ungefähr 3,000,000 Seelen, und heute beinahe 23 Millionen. Selbst bis in die abgelegensten Kampongs ist die kleine Petroleumlampe gedrungen, und beinahe jeder Dorfhäuptling hat seinen runden Tisch mit einem bunten Tischtuch, einen Schaukelstuhl und seine Hängelampe.
Die Provinz Surakarta (= Solo) hat bei einer Grösse von 112,905 ☐Meilen 1,176,833[103] Einwohner, also ungefähr 10,000 auf die Quadrat-Meile, obwohl der Süden der Provinz von Kalkbergen durchzogen wird und nur spärlich bewohnt ist.
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Um ½12 Uhr kam ich wieder in Paron an, und der nächste Tag (3. Januar 1889) sah mich wieder dem täglichen Leben in dieser kleinen Stadt und dem anstrengenden Dienste im Fort zurückgegeben.
In dem Fort selbst befand sich das Spital von der 6.[104] Rangklasse. Links von dem nördlichen Eingange des Forts befand sich das einstöckige Gebäude, welches im Parterre das Bureau des Verwaltungsbeamten, die Apotheke mit dem Sprechzimmer des »Eerstanwezenden Officiers van Gezondheid«, und im ersten Stock die Säle für die Kranken enthielt. Diese waren durch eine Brücke mit einem zweiten Gebäude verbunden. Das Dach des Spitales war flach und konnte eventuell zum Spaziergange von Reconvalescenten verwendet werden. Der Eingang zum Spitale selbst war eine Treppe mit einer eisernen Thüre, welche zu einem Corridor führte. Die Säle, welche für die Sträflinge bestimmt waren, hatten eigene Thüren aus schweren eisernen Stäben, und die Fenster, welche auf den Hofraum sahen, eiserne Gitter. Die Säle für die Soldaten des Bewachungs-Detachements hatten Thüren und Fenster ohne Gitter. Die Einrichtung des Spitales bestand aus eisernen Betten mit Strohsäcken für die Patienten der 3. und 4. Klasse, und mit Matratzen mit Kapok[105] gefüllt für die Unterofficiere und Officiere und für jene Patienten der 3. und 4. Klasse, für welche eine harte Unterlage gefährlich werden konnte, wie z. B. bei Erkrankungen des Rückenmarks, bei Typhus u. s. w., bei welchen leicht Brand durch Druck entstehen kann.
Der Stand der Krankenwärter war entsprechend der 6. Rangklasse: 1 Sergeant (Ziekenvader), 2 Corporäle (Bediende), 4 europäische Wärter (Oppassers), 4 eingeborene Soldaten (Handlanger), 1 Bürger und 10 Sträflinge.
Von diesen Krankenwärtern mussten einer für die Apotheke, ein Koch und ein Unter-Koch bestimmt und ein »Handlanger« als Kutscher für den Leichenwagen angewiesen werden. Nebstdem wurden ein Sträfling der Apotheke und vier der Küche zugetheilt. Der Krankenwärter, welcher in der Apotheke die Dienste eines Gehilfen leistete, war schon seit Jahren in Ngawie und hatte sich eine bedeutende Fertigkeit im Verfertigen der Recepte u. s. w. angeeignet; das Reglement verbietet, einen solchen Mann derartige Dienste verrichten zu lassen, und gestattet nur, demselben die niedrigsten Dienste eines Apothekergehilfen anzuvertrauen, z. B. Papier schneiden, die Pillenmasse zu kneten, Pulver zu stampfen u. s. w. Es war möglich, diesem Gesetze zu entsprechen, so lange ich einen Assistenzarzt hatte; dieser musste die Recepte des Spitals und der Bürger verfertigen, und so brauchte ich wirklich den Gehilfen nur die kleinen, von dem Gesetze erlaubten Handarbeiten leisten zu lassen.
Als aber dieser mir abgenommen wurde, stand ich vor einem schwierigen Fall; ich hatte ein Spital mit 40-50 Patienten; ich +musste+ die Armen-, Civil- und Gerichtspraxis ausüben und gewiss auch die erste Hülfe bei den besser situirten Europäern, Chinesen und Eingeborenen leisten, wenn sie den weiteren Verlauf auch dem nächsten Civil-Arzte (in Madiun) hätten anvertrauen wollen; ich musste das Gefängniss täglich besuchen, und, so lange ich keinen Doctor djawa zur Assistenz hatte (auch dieser fehlte mir einige Monate), auch die Behandlung der Prostitués auf mich nehmen, und doch bekam ich einen officiellen Verweis, als es in Samarang bekannt wurde, dass ich die Recepte von diesem nicht diplomirten Apotheker anfertigen liess!!
Dieses ist in Indien ein sehr beliebtes und gern angewandtes Mittel gewisser Officiere, um den Untergebenen aus leicht motivirbaren Gründen die nöthige Assistenz abzunehmen, und dann auf diese Weise glücklich im Suchen nach Fehlern u. s. w. sein zu können. So oft ich nämlich nach Samarang schrieb, man möge mir einen Assistenzarzt senden, bekam ich entweder keine Antwort oder ich wurde auf den Mangel an Aerzten verwiesen, und dass ich mich so +gut als möglich+ ohne Assistenz durchschlagen müsse.
Ich hatte einen Oberarzt, welcher also Anfangs October 1888 per Telegramm nach Samarang transferirt wurde, wo durch das epidemische Auftreten der Cholera eine Vermehrung der Militärärzte nöthig wurde.
Es war 3 Uhr Nachmittag, als ich in meinem Mittagschläfchen von diesem Oberarzte gestört wurde; mit einem Telegramm in der Hand klagte er mir sein Leid, sofort nach Samarang gehen zu müssen, wo die Cholera in fürchterlicher Weise herrsche und so zahlreiche Schlachtopfer fordere. Bald sah ich, dass die Furcht vor der Cholera ihn mehr beherrsche, als es sich für einen Arzt geziemt, und mehr, als es für einen Arzt in den Tropen zweckmässig ist, wo (besonders in Java) die Cholera endemisch ist und oft zu starker Epidemie exacerbirt.
Ich trachtete ihm also die Schwierigkeiten vor Augen zu halten, wenn er sich nicht seiner Cholerafurcht widersetze, und machte ihn aufmerksam, dass »der Arzt vor ansteckenden Krankheiten ebenso wenig als der Soldat vor der feindlichen Kugel« sich zurückziehen dürfe. Endlich bekannte er, dass die Furcht vor der Cholera ihn veranlasse, mich zu bitten, telegraphisch seine Transferirung zurückziehen zu lassen, weil die Choleraphobie, die Furcht vor der Cholera, eben schon eine Infection durch Choleragift sei. Da jedoch in Ngawie selbst die Cholera +nicht+ herrschte, so war seine Furcht vor der Cholera gewiss nur psychischen Ursprungs, und ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich zufälligerweise aus eigener Erfahrung über das Wesen der Choleraphobie, welche gewissermaassen eine nervöse Form dieser Krankheit im leichtesten Grade darstellt, einen richtigen Einblick habe.
Ich selbst hatte nämlich im Jahre 1873 daran gelitten. In Wien herrschte in diesem Jahre die Cholera, ohne viel Opfer zu fordern. Nur 60 oder 90 Todesfälle waren vorgekommen, trotzdem die Weltausstellung Hunderttausende von Menschen dahin gelockt hatte. Es war an einem warmen Augusttage, als ich in der Donau ein Bad nehmen wollte und auf der Treppe von einem beängstigenden Gefühle ergriffen wurde; ich stieg nicht in’s Wasser, sondern kleidete mich an. Dabei hatte ich keinen anderen Gedanken, als den, an der Cholera erkrankt zu sein; ich bekam Zwicken und Kneipen in dem Bauch und eilte sofort nach der Stadt, um in einer Apotheke zehn Tropfen Laudanum zu nehmen. Die Angst in der Magengrube (Präcordialangst) nahm zu, ich bekam Diarrhöe, und in fürchterlicher Aufregung rannte ich in meine Wohnung, ohne durch die angewendeten Hausmittel beruhigt zu werden. Die Nacht brach herein, und ich sehnte mich nach dem Schlafe; aber in dem Augenblicke, als ich einschlafen sollte, wurden die Schmerzen im Bauche so arg, dass ich aus dem Bette sprang mit dem Gedanken: »Jetzt erfasst mich wirklich die Cholera.« Endlich gegen 4 Uhr schlief ich ein. Dieser Zustand dauerte vier Wochen lang und nichts half dagegen, bis ich endlich einen Entschluss der Verzweiflung fasste: aut -- aut, und ich meldete mich für Ungarn an -- als Choleraarzt. Während dieser vier Wochen durfte ich das Wort Cholera weder hören noch lesen, oder ich bekam die ganze Reihe der nervösen Aufregungen mit oder ohne Diarrhöe; ganze vier Wochen lang kam ich nicht vor 4-5 Uhr in den Schlaf, weil mich jedesmal beim Einschlafen das Schreckensgespenst der Cholera aus dem Schlafe riss.
Weiterhin erzählte ich ihm, dass ich diesen Anfällen von Cholerafurcht auch in Ungarn, wo damals eine fürchterliche Epidemie geherrscht hatte, begegnet sei. Bei meiner Ankunft in Eperies wurden mir einige Dörfer in den Karpathen zum Platze meiner Thätigkeit angewiesen, und einer der Beamten begleitete mich, um mich dort zu installiren. Zu meinem Standplatz wollte er die Wohnung eines Försters wählen, der mitten im Gebirge wohnte und gewiss gern mir Gastfreundschaft bieten würde. Als wir dahin kamen und dieser junge Mann alle diesbezüglichen Winke meines Reisebegleiters nicht verstehen wollte, frug ihn dieser zuletzt direct, ob er mich nicht in sein Haus aufnehmen wollte. »O ja, sehr gern,« erwiderte er, »wenn mir der Herr Doctor verspricht, niemals das +Wort Cholera in meinem Hause auszusprechen+.« Der Mann also, der in den Karpathen allein wohnte, weder Teufel noch Bären noch Wölfe fürchtete, wurde schon durch das Wort »Cholera« in Angst versetzt. Natürlich erklärte ich hierauf meinen festen Entschluss, irgendwo anders eine Wohnung zu suchen.
Das sind zwei ausgesprochene Fälle von Choleraphobie, weil beide in einer von der Cholera inficirten Gegend auftraten, während mein Assistenzarzt keine anderen Symptome als die der Furcht zeigte. Ich wies im weiteren Verlaufe auch auf die geringe Gefahr der Ansteckung von Seiten eines Arztes hin, weil er so wenig in directen Contact mit den Entleerungen der Patienten komme. Als in Ungarn im Jahre 1873 in einigen Dörfern die Cholerakranken von ihren gesunden Angehörigen verlassen wurden, und dadurch ohne Pflege und ohne Behandlung blieben, legte sich ein Arzt, dessen Name mir leider entfallen ist, ins Bett zu einem sterbenden Cholerakranken; dieser Arzt blieb am Leben. Wenn auch drei Krankenwärter in Batavia starben, welche Cholerakranke verpflegt hatten, so sei darum der Arzt doch nicht mehr bedroht, als alle anderen Menschen, welche in demselben Orte wohnen, weil er nur selten oder niemals von den Entleerungen der Kranken beschmutzt werde, und wenn dies zufällig geschehe, er sich auch sofort reinigen und desinficiren könne. Ja noch mehr: wie viel Aerzte hätten in persona bei Cholerakranken die Tanninklystiere gegeben, ohne darum ihre Hülfeleistung mit dem Leben zu bezahlen. Wie oft hätte ich selbst, trotz meiner Cholerafurcht, den fürchterlich nervösen Erscheinungen, welche mit Diarrhöe gepaart gingen, den Cholerapatienten Morphium subcutan eingespritzt (das allerdings nicht resorbirt wurde), ich predigte tauben Ohren. Zuletzt erklärte mein Assistenzarzt -- er sei krank, er leide an einem Darmkatarrh! --
»So,« erwiderte ich hierauf, »Sie sind krank; in der brennenden Sonnenhitze von vielleicht 37° kommen Sie zu mir, und Sie sind so krank, dass Sie Ihrer Transferirung nicht folgen können?! Nebstdem sind Sie gestern Abend bis in die späte Nachtstunde im Club gewesen, und Sie haben heute Vormittag nicht nur Ihren Dienst im Fort gethan, sondern sind auch in die Stadt zu Ihren Privatpatienten gefahren ... Doch wenn Sie sagen, dass Sie krank seien, muss ich es Ihnen glauben. Gehen Sie nach Hause, ich komme um 5 Uhr zu Ihnen, um Sie zu untersuchen, und ich bitte Sie, wenn möglich, mich auch Ihren Stuhl sehen zu lassen.«
Als ich um die angegebene Stunde kam, erklärte er mir, seiner Transferirung Folge zu geben.
Vier Tage später kam er zurück, und ein Brief des Landes-Sanitätschefs machte mir die heftigsten Vorwürfe über meine inhumane Handlungsweise, einen Mann den Gefahren der Cholerainfection auszusetzen, der an einem Katarrh des Dünn-, Dick- und Mastdarms leide. Ich vertheidigte mich, nach meiner Ansicht, mit vollkommenem Erfolg; wie überrascht war ich jedoch, am Ende des Jahres in meiner Conduiteliste zu lesen: +Nicht hinreichend selbständig, hat sich oberflächlich gezeigt in der Erfüllung seiner Pflicht als Chefarzt gegenüber seinem Assistenzarzt. Sein militärisches Benehmen ist tadelnswerth; verrichtet seine Dienstpflichten mit Eifer, doch nicht immer in passender Weise; er verdient also keine Beförderung!!+
Ich reichte meine Vertheidigung an den Armee-Commandanten ein, indem ich die einfache Thatsache mittheilte mit der Bemerkung, dass der Soldat ins Feuer und der Arzt zu ansteckenden Krankheiten gehen müsse, und dass ich so überzeugt sei, nach Recht und Gewissen gehandelt zu haben, dass ich bei Wiederholung dieses Falles wieder in gleicher Weise zu Werke gehen würde.
Während bis Ende März alle Conduite-Listen bei dem Armee-Commandanten eingelangt sein müssen, nachdem der Platz-Commandant, der Landes-Sanitätschef, der Landes-Commandant und der Sanitätschef ihre etwaigen Zusätze und Anmerkungen hinzugefügt hatten, befremdete es mich, im April noch keine Antwort auf diese Vertheidigung erhalten zu haben. Bis Ende März müssen nämlich die Conduite-Listen mit den etwaigen Vertheidigungsschriften aus dem ganzen Archipel eingegangen sein. Von Java selbst gelangen diese »Papiere« schon in den ersten Wochen des Monats Januar nach Batavia und werden sofort erledigt, d. h. entweder im Kriegs-Departement deponirt oder es werden in strittigen Fällen zur weiteren Behandlung die Erhebungen gepflegt.
Aber Anfangs Juli hatte ich noch keine Antwort; endlich hiess es, dass der Landes-Commandirende, General von K., kommen sollte, über die Garnison von Ngawie Inspection zu halten.