21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.
Part 17
Die Repressionstheorie hat gar kein Recht zu bestehen, wenigstens der Prügelstrafe gegenüber. Wie schon erwähnt, besteht die indische Armee aus Europäern[88] und Eingeborenen; die grösste Zahl der europäischen unbotmässigen Soldaten war ein Opfer des Alcohols oder eines rachsüchtigen gemeinen Feldwebels, welcher, unbeschadet der Folgen, immer und immer über seinen Nebenbuhler Klagen bei seinem Compagnie-Commandanten führte. Was ein solcher Mann im Stande sei, habe ich selbst, wenn auch mit minder tragischem Ausgange, erfahren. Im Jahre 1887 wurde ich nach einem kleinen Fort an der Grenze des feindlichen Landes in Sumatra versetzt. Jedes Schriftstück, welches ich von dort aus an den Landes-Sanitätschef einreichte, wurde mir als fehlerhaft oder schlecht geschrieben zurückgeschickt. Eines Tages kam ich nach der Hauptstadt, und ein College theilte mir mit, dass der Sanitätschef sein Befremden ausgedrückt habe, von mir, dem ältesten Arzte, und nur von mir allein mangelhafte und schauderhaft geschriebene Rapporte zu erhalten. Es stellte sich heraus, dass der Schreiber des Chefs von jedem Arzte, der nach einem Fort gesendet wurde, 5 fl. erhielt, und darum die erhaltenen Rapporte, auch wenn sie irgend einen Fehler hatten, dem Chef +nicht+ vorlegte. Ich jedoch hatte mir die Gunst dieses Feldwebels aus leicht begreiflichen Ursachen nicht erkauft, und darum wurde jeder weggelassene Bleistrich, jede krumme Linie von diesem Manne roth angestrichen dem Chef unter die Augen gebracht. Wäre ich kein Officier, sondern ein Soldat gewesen, so wäre ich im Laufe von 1-2 Jahren sicher »reif für Ngawie« geworden.
Ich verstehe es, dass man die strengsten Maassregeln gegenüber dem Missbrauch des Alcohols nimmt, d. h. präventive Maassregeln schafft; aber den Säufer durch Stockschläge von seiner Trunksucht zu befreien -- ist dumm und schlecht. Dumm ist es, weil es niemals gelingt, und schlecht ist es, weil Hunderte von Officieren mit einem Rausch nach Hause kommen können, ohne Prügel dafür zu erhalten, und weil Hunderte, vielleicht Tausende von Soldaten gut angeheitert täglich in die Caserne gelangen und ungestraft bleiben, weil es ihnen gelang, den Feldwebel der Wache zum Freund sich zu erhalten.
Bei den eingeborenen Soldaten ist die »Malpropertät« die häufigste, und das Verkaufen von Equipementsstücken die +vereinzelte+ Ursache, dass sie als unbotmässig und als unverbesserliche Sujets nach Ngawie geschickt werden. Wenn Sonnabends um 9 Uhr der Compagnie-Commandant über die Kleidung und Waffen der Mannschaft Inspection hält, ist er ganz und gar von dem guten Willen des Feldwebels abhängig, um viel oder wenig Unziemlichkeiten zu finden. Dieser hat die Pflicht, vor Ankunft des Hauptmanns dafür zu sorgen, dass alles nach den Regeln der Vorschriften ausgepackt sei; sieht der humane Feldwebel nun bei einem Soldaten, dass sich irgend wo ein kleiner Fleck befindet, so lässt er sofort vom Eigenthümer den kleinen Fleck abputzen oder er schweigt, wenn es schon zu spät ist und überlässt es dem Zufalle, dass der inspicirende Hauptmann es sehe oder übersehe. Hat jedoch der betreffende Recrut aus gewissen naheliegenden Ursachen sich die Gunst eines inhumanen Feldwebels verscherzt, wird letzterer sogar den inspicirenden Hauptmann darauf aufmerksam machen. Ohne die diesbezüglichen Witze der Fliegenden Blätter hier zu wiederholen, ist es naheliegend, dass ein solcher Unglücklicher in kürzester Zeit »reif für Ngawie« wird.
Wenn der Feldwebel nicht nur für das reglementäre Anordnen der Kleider u. s. w. bei der Inspection verantwortlich gemacht würde, sondern auch für die tadellose Reinheit derselben, so würde die Zahl der »unbotmässigen« +eingeborenen+ Soldaten auf ein Viertel sinken, ja noch mehr: Ngawie wäre in seiner Existenz bedroht. Die Zahl derjenigen Soldaten, welche einzelne Kleidungsstücke verkaufen, um Geld für die Liebe und das Würfelspiel zu bekommen, ist gegenüber der Zahl der »Unreinen« klein, und darum schliesse ich gern diesen Abschnitt mit dem Rufe: »Weg mit der Prügelstrafe aus der indischen Armee!«[89]
Hinter dem Fort führte ein krummer Weg zum Officiers-Clubgebäude, welches auf der Landzunge zwischen dem Solo- und dem Madiunflusse lag. Das jenseitige Ufer gehörte bereits zur Provinz Rembang und war zugleich der Exercierplatz für Feldübungen der Bewachungstruppe und jener Sträflinge, welche drei Monate lang frei von Strafen geblieben waren. Auf dem Wege nach Rembang und noch in der nächsten Nähe des Ufers lagen drei kleine Hütten. Eines Tages machte ich meinen Spaziergang mit Hülfe der dort befindlichen Fähre ins Gebiet der benachbarten Provinz und gelangte zu diesen Hütten; sie bestanden nur aus Bambusmatten und hatten kein einziges Möbelstück. Vor jeder Hütte sass ein -- Leprakranker. Ich liess mich mit ihnen in ein Gespräch ein, und zwar nur über ihre momentane Lebensweise; denn über die Dauer ihrer Erkrankung, über die Entstehungsweise, über Heredität und über den Verlauf der Krankheit ist von diesen Menschen überhaupt nichts Bestimmtes zu erfahren. Wie lange die Lepra im indischen Archipel sei, lässt sich nicht einmal annähernd sagen. Nach +Hirsch+ lässt sich in Indien die Lepra bis auf das 7. Jahrhundert vor Christo verfolgen; nach dem 54. Buche der Geschichte der Liang-Dynastie (502-556) und dem 324. Buche der Ming-Dynastie, und übereinstimmend mit der javanischen Sagenwelt (Babads) hat Prabu Djaja Baja im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung eine grosse Colonie von Hindus nach Java gebracht, welche die dort befindlichen Urbewohner verdrängt haben. Da von diesen selbst ganz und gar keine Ueberlieferungen bestehen, und eine Vergleichung mit den auf anderen Inseln im Urzustands jetzt noch lebenden Eingeborenen nur ein hypothetisches Ergebniss haben kann, so ist und bleibt die Frage der Lepra bei den Urbewohnern Javas unerledigt. Da sich ein grosser Menschenstrom von Hindostan vom Jahre 78 p. Ch. an über alle Inseln des indischen Archipels, und somit auch über Java einige Jahrhunderte hindurch ergoss, die Lepra schon seit vielen Jahrhunderten in Hindostan bekannt war und die Hygiene dieser Zeit gewiss der Ausbreitung der Lepra mehr förderlich als hinderlich war, so kann mit gewisser Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass mit dem Strome der Auswanderer auch die Lepra nach Java gekommen ist.[90] Ich besass einen Raksassa (Tempelwächter), jetzt im Besitze des ethnographischen Museums zu Berlin, welcher bei dem Untergang der Hindu-Dynastie auf Bali (im Jahre 1894) in der Residenz des Fürsten gefunden wurde. Er hatte über den ganzen Körper vertheilt zahlreiche scharf begrenzte Flecken, welche meiner Ansicht nach sehr gut für die der maculösen Lepra angesehen werden können. Da die Raksassas im Allgemeinen der Heroenzeit der Hindus angehören, so könnte, wenn die Deutung der Flecken richtig ist, damit gewiss ein sehr altes Document für die Zeit der Lepra gegeben sein; vielleicht eben so alt, als +Engel Bey+ von Aegypten spricht; nach +Engel Bey+ soll nämlich schon 4260 vor Christus in einem Papyrus von Lepra gesprochen werden.
Wenn in Europa gegenwärtig kein einziger Staat besteht, in dem sich nicht einzelne Fälle oder kleinere oder grössere Herde von Lepra befinden, so ist dieses doch bei den Inseln des indischen Archipels der Fall, und zwar in jenen Theilen, in welchen die Urbewohner sich so ziemlich rein in der Rasse bis zum heutigen Tage erhalten haben, wie z. B. die Alfuren oder die Dajaker im +Innern+ Borneos. In Muarah Teweh, welches im Herzen Borneos liegt, habe ich während meines dreijährigen Aufenthaltes keinen einzigen Fall von Lepra gesehen. In den statistischen Ausweisen der Armee kommen sehr wenig Leprafälle vor; ich besitze die vom Jahre 1847, in welchen kein einziger Fall angegeben wird, und vom Jahre 1893 bis 1897 waren je 2, 2, 5, 2 und 2 Soldaten an Lepra erkrankt. Nach Dr. +van der Burg+ wurden vom Jahre 1882 bis 1885 12 europäische und 8 eingeborene Soldaten wegen Lepra in die Militärspitäler aufgenommen. Dr. +Broes van Dort+ aus Rotterdam hat mit Hülfe der officiellen Bescheide für die Lepra-Conferenz im Jahre 1897 eine hübsche Arbeit über die Verbreitung der Lepra auf den Inseln des indischen Archipels geschrieben. Nach dieser hat der Westen von Java im Jahre 1896 (?) nur 42 Leprafälle, in Mittel-Java sehr wenig Fälle, wenn wir absehen von dem Sanatorium zu Pelantungan, wo sich ungefähr 30 bis 32 Lepröse gewöhnlich befinden; vom Osten Javas wird jedoch von 1817 Leprösen und von der Insel Madura von 886 dieser Patienten gesprochen. Auf der Insel Bali ist die Zahl der Leprakranken unbekannt, sie werden zur Isolirung gezwungen, und ihre Leichen werden verbrannt. Von der Insel Lombok ist diesbezüglich nichts bekannt. Was die Westküste der Insel Sumatra betrifft, so ist die Zahl dieser Kranken dort nicht gross; am stärksten kommen sie im Innern des Landes unter den Batakern vor, welche einen bis zwei Fälle auf tausend Seelen aufweisen. Im südlichen Theile dieser Insel mit ungefähr 128,000 Einwohnern sollen nur 22 Leprakranke vorgekommen sein, und zwar unter den Chinesen; man isolirt sie, giebt ihnen aber keine Nahrung, so dass sie bald sterben. Die Ostküste Sumatras hat, nach Dr. +Broes van Dort+, bei einer Bevölkerung von 300,000 Seelen 1000 Leprafälle. In Deli, der reichsten Provinz Sumatras, befanden sich in diesem Jahre 184 Lepra-Patienten, worunter 170 Chinesen. Auch in der Provinz Riouw sind es beinahe ausschliesslich chinesische Kulis, welche an Lepra leiden. Von den Inseln Borneo und Banka ist die Zahl der Leprakranken nicht bekannt. Auf der Insel Biliton mit 40,000 Einwohnern soll diese Krankheit im Jahre 1886 von einem Buginesen eingeschleppt worden sein. Von der Insel Celebes theilt Dr. +Broes van Dort+ 87 Fälle mit (von 26,863 Einwohnern), glaubt aber, dass diese Zahl zu niedrig gegriffen sei, weil die Eingeborenen die nervöse Form der Lepra nicht kennen, und darum nur die tuberösen und ulcerösen Formen mittheilen. In den Molukken ist die Zahl der Leprösen auch nicht gross; in Banda musste im Jahre 1872 die Leproserie wegen Mangels an Kranken geschlossen werden. In Bandaneira jedoch ist in den letzten fünf Jahren die Anzahl der Kranken von 2 auf 20, und in Saparua von 49 auf 63 gestiegen. Auf der Insel Amboina mit 30,000 Einwohnern hat der Hauptplatz 308 Leprakranke. darunter 11 Europäer. Auf der Insel Morano fanden sich im Jahre 1864 8 verheiratete Leprosen mit 21 Kindern, +ohne dass eines davon an dieser Krankheit litt+. Auf der Insel Ternate befinden sich ungefähr 450 Fälle, welche nach der Ansicht von +Valentyn+ von Batavia eingeschleppt worden sein sollen.
Wenn auch diese Ziffern nach vielen Richtungen hin bezweifelt werden können, so steht doch das Eine fest, dass in der Gegenwart auf den Inseln des indischen Archipels die Lepra nicht verheerend auftritt, aber immerhin noch zahlreicher vorkommt als in Europa.
Die Mittheilungen der Leprakranken beschränkten sich auf die Unterstützung, welche ihnen von der mohamedanischen Kirchenkasse zu Ngawie geboten wurde, und auf die Eintheilung ihres täglichen Lebens. Im Ganzen waren sechs Patienten; sie erhielten monatlich 8 fl. aus der Armenkasse der Messigit; zwei von ihnen waren an die Scholle gebunden, weil sie sich durch den Verlust von einigen Zehen nicht bewegen konnten; die andern vier fuhren täglich mit der Fähre nach Ngawie, wo sie sich meistens im chinesischen Viertel aufhielten und bettelten. Ihr Erscheinen erregte nur bei den europäischen Passanten Widerwillen; sorglos verkehrten die eingeborenen und chinesischen Bewohner dieses Viertels mit ihnen, obwohl ihre schwürigen Extremitäten nur mangelhaft mit alten und schmutzigen Lappen bedeckt waren; offenbar glauben eben die Eingeborenen von Ngawie nicht an eine Uebertragung der Lepra à distance. Ich für meine Person habe s. Z., als die Aerzte um ihre diesbezügliche Ansicht von der Regierung gefragt wurden, mich nur bedingungsweise für die Contagiosität der Lepra ausgesprochen, und zwar in »nicht höherem Grade als die Syphilis«. Das bis jetzt, trotz der Untersuchungen von +G. Armauer Hansen+, +Neisser+ u. s. w., noch nicht genau bekannte Gift der Lepra müsse eine Porte-d’entrée bei einem dazu disponirten Individuum finden, um sich entwickeln zu können. Wer zur Aufnahme dieses Giftes die »Disposition« habe, ist unbekannt. Das Gift selbst ist nur theilweise oder gar nicht durch den Bacillus von +Hansen+ constatirt. +Reinculturen dieser Bacterien sind bis jetzt ebenso wenig gelungen als Impfungen+ (ich will die Gründe unbesprochen lassen, warum +Kaposi+ nach seinen Mittheilungen auf der Lepra-Conferenz im Jahre 1897 bei zwei Fällen von Lepra keine Bacillen gefunden hat; es ist aber keinesfalls erlaubt, wie es damals geschah, zu erklären, dass dies eben keine Leprafälle gewesen sein sollten, und +Kaposi+ einen lapsus diagnosidis begangen hätte). Ohne Reinculturen ist aber eine Impfung des Lepragiftes überhaupt niemals bewiesen; aber noch mehr Zweifel muss sich in Betreff der Contagiosität der Lepra aufdrängen, wenn man liest, dass Dr. +Danielsen+, Prof. +Profeta+ und Dr. +Bargilli+ +ohne Erfolg+ mit allen möglichen Stoffen der Leprakranken Impfungen auf sich und andere Menschen vornahmen. Da aber alle Bacteriologen und Dermatologen, wenn auch nicht +immer+, so doch in der grossen Zahl der Fälle den Bacillus von +Hansen+ bei Leprakranken finden, so ist es selbstverständlich, dass dieser Bacillus vorläufig als Krankheitserreger der Lepra angesehen wird; dass aber tief greifende prophylaktische Maassregeln auf Grund dieser Bacterien getroffen werden, ist ebenso selbstverständlich -- verfrüht.
Auch die Frage der Heredität ist bis heute noch nicht erledigt und wird auch nicht so bald erledigt werden können, weil die Incubationszeit der Lepra sich über Monate, wenn nicht über Jahre erstreckt, und immer der Einwurf gerechtfertigt sein wird, dass bei einer so langen Incubationszeit vielfach Gelegenheit zur extrauterinären Acquisition der Lepra gegeben war, und darum hat der Ausspruch +Virchow’s+, die Lepra sei nicht hereditär, weil niemals ein lepröses Kind geboren wurde, nur bedingungsweise raison d’être. Leider hat der Altmeister der deutschen Medicin bei der erwähnten Lepra-Conferenz in seiner andererseits gewiss erschöpfenden und interessanten Rede zur Frage der Ansteckungsfähigkeit der Lepra nicht Stellung genommen. Er sagte im Anfang: »Wenn man z. B. im Augenblick vorzugsweise geneigt ist, die Lepra zu den +Infections-Krankheiten+ zu rechnen, so ist damit noch nicht ausgemacht, dass man sie auch unter die +ansteckenden Krankheiten+ stellen müsse,« und fügt später hinzu: »Für strenge Anforderungen (sc. für ein Contagium) fehlen also noch immer wichtige Bindeglieder,« und »dennoch hat der Gedanke, dass der Aussatz eine contagiöse Krankheit sei, so schnell viele Gebiete erobert, dass sowohl die theoretische als die praktische Lehre auf ihm aufgebaut worden ist.« -- Leider steht nicht einmal fest, durch welches Intermedium die Lepra-Bacillen in den menschlichen Organismus gelangen. Der holländisch-indische Arzt Dr. +Geill+ glaubte in den Fusswunden die porte-d’entrée für die Lepra gefunden zu haben, während +Georg Sticker+ durch die Nase diese Bacterien in den menschlichen Körper eindringen liess. Mit Rücksicht auf die Verhältnisse Javas und jener der übrigen Inseln würde also von der indischen Regierung folgender Standpunkt einzunehmen sein:
1. Die Lepra ist nicht mehr und nicht weniger übertragbar als die Syphilis.
2. So wie gegen die Syphilis prophylaktische Maassregeln von dem Staate und von der Gemeinde getroffen werden, müssten dieselben auch gegen die Leprakranken geschehen.
3. Da die Leprösen im Terminalstadium ernährungsunfähig und besonders hülfsbedürftig sind, muss die staatliche Hülfe zur Linderung der Noth einschreiten.
4. Da es durch die Erfahrung und durch die Geschichte erwiesen ist, dass die Zahl der Leprösen in einer für das Wohl des Staates bedrohlichen Weise zunehmen kann, müssen prophylaktische Maassregeln getroffen werden.
Dementsprechend müssten:
1. Alle »Doctoren djawas« und +alle »Vaccinateure«+, sowie +alle+ eingeborenen Beamten eine in der Landessprache verfasste Belehrung über die Gefahren der Lepra (Kedál M.) erhalten und so viel als möglich unter der Bevölkerung verbreiten.
2. Die eingeborenen Beamten müssten unter +thatsächlicher+ Controle der europäischen Beamten eine genaue Statistik der Leprakranken anlegen.
3. In allen Orten, wo sich Leprakranke aufhalten, muss für die armen Menschen Gelegenheit zur Isolirung gegeben werden, und zwar in einer Hütte aus Bambus, in welcher sich für jeden Patienten auch eine Pritsche befindet. Für jeden Kranken, der sich dahin begiebt, müssen täglich ½ Kilo Reis, 10 Gramm Salz und 50 Gramm deng-deng (getrocknetes Fleisch) verabfolgt werden. An den Kosten der Errichtung solcher Leproserien und der Verpflegung der Kranken haben sich die Armenkassen +aller+ Religions-Genossenschaften zu betheiligen und bei etwaigem Manco der Staat die nöthigen Subsidien zu leisten.
4. Wo ein europäischer Arzt oder ein Doctor djawa sich in der Nähe aufhält, müsste er verpflichtet sein, eine geregelte Behandlung dieser Unglücklichen auf sich zu nehmen; in anderen Fällen müsste, je nach den herrschenden Verkehrsmitteln, ein Arzt aus der nächstgelegenen Stadt ein- oder zweimal im Monat diese Leproserien aufsuchen und die nöthigen Verhaltungsmaassregeln u. s. w. für die folgenden zwei oder vier Wochen vorschreiben.
5. Für die Desinfection nicht nur dieser Leproserien, sondern auch die Wohnungen aller jener, welche in der Familie bleiben und das traurige Ende ausserhalb dieser Anstalten abwarten wollen, müssten dieselben Maassregeln getroffen werden, wie für Cholera, Blattern u. s. w.
6. Die Aufnahme in eine Leproserie sei facultativ, d. h. freiwillig für jeden bemittelten Eingeborenen, und obligatorisch für jeden bedürftigen.
7. Der »Inspecteur van de burgerlyke civielgeneeskundige Dienst« werde mit der Ausführung und Controle aller Maassregeln betraut.
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Das Leben in der Grossstadt hat unter anderem auch diesen Vortheil, dass man sich den kleinen Kreis wählen kann, mit und in dem man einen regen Verkehr pflegen will; aber auch in einer kleinen Stadt kann man angenehm leben, wenn man nicht zu grosse Ansprüche an das Leben stellt. Weil man das rauschende und lebhafte Treiben einer grossen Stadt entbehrt, der Geist weder durch die Kunst noch durch die Wissenschaft Anregung und Befriedigung findet, so ist man gezwungen, im Verkehr mit seinen Schicksalsgenossen ein Surrogat für diese geistigen Genüsse zu suchen, und nur zu oft gelingt es, einen gemüthlichen und freundschaftlichen Bekanntenkreis zu erwerben, der selbst Freundschaftsbande ermöglicht. In solchen Verhältnissen verkehrten wir in Ngawie. Klein war die Zahl der europäischen Bewohner; ein Assistent-Resident, ein Controlor, ein Landesgerichtsrath, ein Notar, drei Lehrer und eine Lehrerin, ein Förster und acht Officiere waren die europäischen Bewohner, mit welchen wir verkehren konnten. Der Regent und sein Stellvertreter (Patti) waren die einzigen Eingeborenen, welche hin und wieder uns besuchten, und nur selten gab der Regent in seinem Palaste (?) (Kabupatten) ein Fest, obwohl er doch den nicht unansehnlichen Gehalt von 12,000 fl.[91] jährlich bezog. Trotzdem hatten wir einen hübschen Club und kamen beinahe jeden Abend vor dem Nachtmahle dort zusammen, um bei einem Glase Bier, Portwein, Mineralwasser oder Genevre ein Stündchen zu verplaudern. Jeden Samstag Abend war nach dem Nachtmahl (von 9 Uhr ab) Spielabend, an welchem sich manchmal auch die Damen betheiligten. Ein Leierkasten sorgte für die Musik, und in aussergewöhnlichen Fällen wurde auch von Jung und Alt bei den etwas falsch gestimmten Klängen dieses veralteten Instruments getanzt. Dies geschah auch am 31. December 1888, der ersten Neujahrsnacht, welche meine Frau auf Java zugebracht hatte. Die Pferde, welche ich unterdessen gekauft hatte, waren etwas eigensinnig und zugleich wild und feurig. Ich wagte es nicht, mit ihnen nach dem Clubgebäude zu fahren, welches ungefähr zwei Kilometer von meinem Hause entfernt lag, und wir gingen zu Fuss. Es war eine schöne Nacht, und als wir um 9¼ Uhr Abends dort anlangten, waren bereits alle Notabeln des Ortes versammelt. Das gewöhnliche Programm solcher »geselliger Abende« wurde abgespielt; auf Kosten des Clubs wurde Liqueur und Kaffee präsentirt. Die Herren setzten sich zur L’hombre-Tafel, während die Damen am liebsten Whist spielten, und zwar Whist »met de Klets« = mit Plauschen (!), weil natürlich bei diesem Spiel Ruhe die erste Pflicht ist. Obwohl auch einige »Zuckerlords« der Umgebung, welche gewöhnt sind, um hohen Preis zu spielen, anwesend waren, blieb dennoch der Preis ein bescheidener. Im L’hombre war das »Capital« = 5 fl., und auch die Damen spielten das Hundert um denselben Preis. Im Durchschnitt verliert oder gewinnt man bei diesem Tarif 2-3 fl. pro Abend, was gewiss nicht die Kasse eines Beamten oder Officiers stark in Anspruch nimmt. Um 12 Uhr erhob sich Jedermann mit dem Glas Rheinwein, Brandy-Soda oder Bordeauxwein und stimmte in das Hurrah ein, welches der Assistent-Resident nach einem kleinen Toaste auf ein glückliches Neujahr ausgebracht hatte. Das neue Jahr musste mit Tanz beginnen; die Damen beendigten den letzten »Robber« und gingen in den Tanzsaal. Ce qu’une femme veut, dieu le veut; die Herren mussten ebenfalls nolens volens die Karte zur Seite legen, um wenigstens eine anständige Polonaise zu Stande zu bringen. Streng nach Rang und Anciennität geordnet marschirten die Paare durch den Saal; der Militär-Commandant führte die Frau des Assistent-Residenten, während dieser die »Commandeuse« am Arm hatte. Der Regent bot meiner Frau, als der ältesten Hauptmannsfrau, das Geleite, und in langsamen, gemessenen Schritten durchzog der kleine Zug zweimal den Saal; eine neue Rolle wurde in den Leierkasten eingelegt, und ein Walzer eröffnete den Reigen der Tänze; in diesem Augenblick verschwanden nicht nur der Regent von dem Schauplatz, sondern auch alle Herren, welche entweder mehr Freude am Kartenspiel als an dem der Terpsichore hatten, oder im Allgemeinen »de Oost« als viel zu warm für dieses Vergnügen hielten. Die wenigen Herren, welche tapfer genug waren, um in dem Tanzsaal zu bleiben, wurden reichlich für ihren Muth belohnt; sie konnten nicht nur nach Herzenslust mit den Fräulein und mit den jungen verheirateten Damen tanzen, sondern +mussten+, wollten sie nicht demonstrativ werden, auch die alten Damen zum Tanze einladen, welche ihren Enkeln versprochen hatten, vom Balle einige »Kwé-Kwé« mitzubringen. Aber auch die übrigen Herren, welche sich zur Spieltafel geflüchtet hatten, ereilte dasselbe Schicksal. Als nämlich die Klänge des ersten Lanciers erschollen, war Leiden in Noth; vier mal vier Männer waren zu vier Figuren nöthig, und nur elf befanden sich im Saal. Die zwei Mächte der Stadt, die »Commandeuse« und die Frau des Assistent-Residenten, erschienen in der Veranda der Spieler und forderten kategorisch Abhülfe dieser peinlichen Situation. Ganz bescheiden erlaubte ich mir die Bemerkung, dass für Ngawie doch drei, ja selbst zwei Figuren hinreichend wären, und dass ich es mit meinem Gewissen nicht vereinigen könne, einem solchen Laster, als der Hochmuth sei, vier Figuren herbeizuschaffen, Vorschub zu leisten; nichts half mir, ich musste »Lanciers tanzen«.