21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 14

Chapter 143,575 wordsPublic domain

In Batu Djadjar werden nämlich jährlich die Schiessübungen der Artillerie gehalten, und die Officiere, welche daran theilnehmen, bekommen reglementär 1,50 bis 2 fl. Tagegeld; für unseren Fall könne dieses Gesetz nicht in Anwendung gebracht werden, weil wir als »Commission« mit einem speciellen Auftrage dahin gesendet worden seien; als solche hätten wir Anspruch auf ein Tagegeld von 6 fl. Diese Angelegenheit hatte Rittmeister X. dem Armee-Commandanten zur Unterstützung vorgelegt, und zwar nur im Interesse der drei Artillerie-Officiere. Der General +Bouwmeester+ stimmte der ausgesprochenen Ansicht bei und versprach, die betreffende »Reclamation« zu unterstützen, obwohl er fürchtete, dass bei dem herrschenden System, so viel als möglich der Sparsamkeit zu huldigen, die Aussichten auf einen günstigen Erfolg nicht sehr gross seien. Als ich von dieser Affaire erfuhr, ärgerte ich mich darüber, dass der Vorsitzende in seinem Memorandum meiner mit keinem Worte gedacht hatte, und machte ihm auch darüber in passender Weise Vorwürfe. Rittmeister X. meinte jedoch, dass er den »Doctor« ausser Betracht gelassen habe, weil dessen Arbeit in beiden Fällen dieselbe sei. Ende März war unsere Arbeit abgelaufen, und ich musste mich wegen eines Gelenkleidens wieder in das Spital zu Weltevreden aufnehmen lassen. Einen Schreiber des Hospitalchefs ersuchte ich, die »Declaratie« meiner Reise und meines Aufenthaltes in Batu Djadjar anzufertigen, und theilte ihm die diesbezügliche Debatte mit dem Rittmeister X. mit. Er warf einen Blick in meine Marschordre, welche dieser Rechnung beigelegt werden musste, und rief: »Herr Doctor, Sie bekommen 6 fl. pro Tag, also 720 fl. für die vier Monate, welche Sie in Batu Djadjar zugebracht haben; das Wort Commission steht ja darin.« So geschah es auch. Der Zufall wollte es, dass ich an demselben Tage, an dem ich die Anweisung von 720 fl. an die Steuerkasse zu Batavia erhielt, dem Rittmeister X. begegnete. Seine Reclamation hatte keinen Erfolg gehabt, und als er meine Anweisung in der Höhe von 720 fl. erblickte, rief er wüthend aus: »Die Militärärzte sind ja die Schoosshunde der Regierung«, und liess mich stehen.

Ende März 1883 verliess ich Batu Djadjar, und ich habe seit dieser Zeit die Provinz Preanger nur als flüchtiger Tourist besucht, sei es, dass ich mit der Eisenbahn von oder nach Batavia fuhr, sei es -- um auf den Ausgangspunkt dieses Capitels zurückzukommen -- dass ich eine Erholungsreise in die Gebirge dieser Provinz machte. Auf dieser Reise (im September des Jahres 1888) kam ich per Eisenbahn nur bis Tjandjur.[74] Bei dieser Station macht die grosse Heeresstrasse, welche bei Batu Tulis sich in zwei Arme theilt, in einem grossen Bogen das Ende eines grossen Kreises, und auf ihrem östlichen Halbkreise setzten wir unsere Reise mit einem Dos-à-dos fort. Der Weg führte über den Berg Patjet (1122 Meter hoch), während wir den Berg Beser (1390 Meter hoch) mit seinen dicht bewaldeten Abhängen in allen Nüancen des Grüns zu unserer Rechten liegen sahen; an den Hügel-Gärten Tjipodas und Tjipanas (mit ihren warmen Quellen) zogen wir vorbei, und gegen fünf Uhr Abends erreichten wir das Ziel unserer Reise, den Luftcurort Sindang-Lajà (1082 Meter hoch). Zwölf Tage blieben wir hier und erfrischten unsere durch die Wärme des Nordens Sumatras erschlafften Glieder. Des Morgens hatten wir 10° C., und erst um elf Uhr wagte ich es, in dem grossen Bassin, welches durch eine grosse Pantjoran reines Bergwasser erhielt, ein Bad zu nehmen; in einem dicken Strahl stürzte das Wasser von zwei Meter Höhe herab und war so kalt, dass ich keinen Augenblick diese Douche auf mich fallen lassen konnte. Dieses Bad nahm ich mehr, um dem allgemeinen Gebrauch und der Gewohnheit zu folgen, als einem Bedürfnisse zu entsprechen. Bei einer Temperatur von 10° C. schwitzt man ja nicht, wenn man keine anstrengenden Arbeiten verrichtet. Dieses hat wieder einen sehr günstigen Einfluss auf die Abscheidung der Nieren, und da der schwächende Einfluss der hohen Temperatur auf alle Muskeln sich erstreckt und im Gebirge also fehlt, so ist auch die Blase kräftiger, der Puls wird stärker und voller, die Athmung geschieht in tieferen Zügen, die Beweglichkeit aller Gelenke ist leichter, der Durst wird weniger lästig, der Appetit erhöht, mit einem Worte: Lebenslust tritt an die Stelle der häufig künstlich gepflegten energielosen, manchmal selbst apathischen Lebensweise in den Tropen. Auch wir genossen in vollen Zügen die frische, kühle, reine Bergluft und machten des Vormittags von 9-12 Uhr Spaziergänge, ohne zu ermüden und ohne von der Tropensonne belästigt zu werden. Dass trotz dieser scheinbar bedeutenden Vorzüge diese Luftcurorte nicht regelmässig von allen Europäern und den reichen Eingeborenen benutzt werden, so wie z. B. die Bewohner der grossen Städte Europas jedes Jahr ihren Sommeraufenthalt im Gebirge nehmen, hat vielfache Ursachen. Die wichtigste derselben ist folgende: für die Dauer ist der Aufenthalt im Gebirge in der Regel nicht angenehm und -- langweilig. Wenn der Reiz der Neuheit vorüber ist, machen sich eben die Schattenseiten des Gebirgslebens nur zu sehr fühlbar. In erster Reihe machen die grosse Feuchtigkeit der Luft (oft 900‰) und die zahlreichen Regenfälle den Aufenthalt im Gebirge sehr unangenehm; die Schuhe sind jeden Morgen beschimmelt, die Bettwäsche ist feucht und kühl, und wenn man sich zur Ruhe begiebt, bekommt man davon oft ein leichtes Frösteln. Die Häuser müssen aus Holz gebaut sein, sonst ist das unterste Viertel der Mauern mit braunen Flecken und grünem Schimmel bedeckt, und erst gegen neun Uhr wird der Aufenthalt in einem solchen Gebäude erträglich, d. h. wenn (in der trockenen Zeit) die Sonne, nicht behindert durch eine grössere oder kleinere Wolkenschicht, durch ihre belebenden und erwärmenden Strahlen die kühle und feuchte, oft nach Schimmel riechende Luft aus den steinernen Häusern verdrängt hat. Menschen mit Affectionen der Lungen und des Darmes befinden sich im Gebirge nicht wohl und eilen daher, wenn sie wegen Malaria Erholung ihres geschwächten Organismus im Gebirge gesucht hatten, sobald als möglich in minder hoch gelegene Orte, welche, wie z. B. Djocja, minder kalt sind und durch ihr »gleichmässig warmes Klima« den geschwächten Lungen und Därmen zuträglicher und auch angenehmer sind.

In Sindanglaya bestand, wie in Sukabumi, das Sanatorium aus zwei räumlich von einander geschiedenen Theilen; der Pavillon für die Patienten 1. Classe bestand aus einem grossen hölzernen Gebäude und einigen kleineren für ganze Familien. Ein zweiter grosser Pavillon diente zur Schlafstätte für Soldaten (3. Classe), und ein kleinerer war für Unterofficiere (2. Classe) eingerichtet, welche je ein kleines Zimmerchen erhielten. In allen Gebäuden wurde Table d’hôte gehalten, wie überhaupt in allen Hotels Indiens beinahe niemals[75] à la carte gegessen wird. Die vorgesetzten Speisen waren gut bereitet und unterschieden sich nur wenig von den üblichen Menus in Europa; schon damals wurden nämlich im Gebirge zahlreiche europäische Grünzeuge mit Erfolg gepflanzt, und seit Vollendung der Eisenbahn im Jahre 1892 werden auch alle Städte der Küste reichlich mit Erdbeeren, Kraut, Salat, Rüben, rothen Rüben, Endivien, Schwarzwurzeln, Pfirsichen, Petersilie, Sellerie[76] und Erdäpfeln versehen. Die Preise derselben sind nicht besonders hoch. Im Jahre 1881 befand ich mich in Mittel-Java (in Ngawie) in Garnison; diese kleine Stadt war 9 km von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. In der Nähe, und zwar auf dem Berge Tosari in der Provinz Pasaruan lebte ein deutscher Gärtner, welcher sich mit dem Anbau der europäischen Grünzeuge beschäftigte. Nach dem üblichen Gebrauch abonnirte ich mich bei ihm auf eine regelmässige Zusendung von europäischem Gemüse. Ich erhielt jede Woche einen grossen Korb, welcher jedoch für zwei Personen zu viel enthielt; ich theilte den Inhalt also mit einem Lieutenant, und Jeder von uns bezahlte pro Monat 4 fl. 80 Ct. = 8 Mark. In einer anderen Garnison kam regelmässig jede Woche einmal ein Hausirer mit Erdbeeren zu uns und verlangte für ein Körbchen mit 75 Stück 25 Cents = 42 Pf. Ihr Geschmack war derselbe als der in Europa; sie hatten die Grösse von der europäischen Walderdbeere. Auch alle übrigen angeführten Grünzeuge unterschieden sich gar nicht von jenen, welche in Europa gepflanzt werden; nur die Pfirsichen sind weniger saftreich und die Weintrauben sind ungeniessbar. In Grissé (bei Surabaya) habe ich sie zum ersten und zum letzten Male in Indien im Jahre 1877 wachsen gesehen. Hin und wieder bekommt man Weintrauben zu kaufen; sie stammen von Australien, haben eine dicke Schale und ihr Geschmack ist nicht angenehm. Auch Aepfel werden von diesem Welttheil auf Java importirt, ohne jedoch einem europäischen Apfel an Saft und Schmackhaftigkeit nahe zu kommen. Seit einigen Jahren besitzen die neuen Schiffe Kühlräume, wie z. B. der vor zwei Monaten in Rotterdam erbaute Dampfer. Vielleicht wird es diesem möglich sein, Aepfel und Birnen nach Indien zu bringen, obschon für den Importartikel »europäische Früchte« in Indien gar kein Bedürfniss besteht. Diese könnten höchstens den Beweis bringen, was manchmal noch bezweifelt wird, dass die indischen Früchte in jeder Hinsicht hoch über den in Europa gepflanzten stehen.

Unser Nachbar im Hotel war Mr. A., ein Advocaat, dessen Mutter und Vater keine Vollbluteuropäer waren; die Mutter Beider war eine javanische Frau gewesen; er gehörte also zu der Rasse Sinju, sowie jede Frau, welche, sei es auch im zweiten oder dritten Geschlecht, das Blut eines Eingeborenen in sich hat, Nonna genannt wird, während seit kurzer Zeit der Name Creole für die Europäer gebraucht wird, welche in Indien von europäischen Eltern geboren werden. Ich muss betonen, dass beinahe immer nur von einem +europäischen+ Vater und von einer eingeborenen Mutter die Sinjus und Nonna abstammen, und dass der umgekehrte Fall, dass nämlich ein Eingeborener eine europäische Frau geheiratet hätte, zu selten vorkommt, um ihre Kinder in eine bestimmte Classe oder unter einen gemeinsamen Namen zu classificiren. Wahrscheinlich würden sie officiell zu den Eingeborenen gerechnet werden. Der einzige mir bekannte Fall einer solchen Ehe blieb kinderlos. Er war der Sohn eines angesehenen Fürsten von Djocja und ging als Knabe mit einem Pastor nach Europa. Hier genoss er in der Familie dieses protestantischen Predigers eine sorgfältige Erziehung und wurde Ingenieur. Schon frühzeitig erwachte in ihm die Neigung zu der Tochter seines Pflegevaters, welche mehr als schwesterliche Gefühle für ihn hegte. Ich will den Inhalt des Romanes, in welchem Ismangong und seine Frau die Heldenrollen spielen, ganz ausser Betracht lassen und mich nur an das Thatsächliche halten, welches ich von meinem Freunde Ismangong erfahren habe. Er fühlte für die Tochter des Pastors van Steeden eine innige und aufrichtige Liebe und -- war Mohamedaner; diese war in gleicher Liebe ihm zugethan und war -- Protestantin. Weder Ismangong noch seine Braut wollten ihrem Glauben untreu werden; ihm drohte der Fluch seiner kaiserlichen Familie, ihr machten die diversen Tanten und Nichten die Hölle heiss und zeigten die Schreckensbilder der Polygamie in fürchterlichen Farben. Die Liebe siegte aber über alle Bedenken, und als glückliches Ehepaar zogen sie nach Java. In Batavia bewarb er sich als Ingenieur vom Fach um eine Anstellung in Staatsdiensten. Beamter zu werden, ist ja für die Söhne aller Häuptlinge das Endziel aller Wünsche, und gerne dienen sie viele Jahre lang als Magang = Volontär in den diversen Bureaux, um endlich Schreiber mit einem monatlichen Gehalt von 30 fl. und zum Tragen eines Pajongs berechtigt zu werden. Mein Freund Ismangong konnte, als Verwandter der kaiserlichen Familie von Djocja, unmöglich Privat-Ingenieur werden, und als Abtrünniger angewiesen auf den Erwerb durch sein technisches Wissen bat er um eine Stellung beim Ministerium der öffentlichen Bauten. Dieses Gesuch kam der indischen Regierung jedoch sehr ungelegen. Ein Javane sollte mit europäischen Collegen gleichberechtigt die Stufenleiter der hohen Beamten besteigen, um nach zwei oder drei Jahrzehnten an die Spitze des technischen Departements gestellt werden zu müssen!! Damit wären ja zu viel Inconvenienzen verbunden gewesen! Sie ernannte ihn also zum Adjunct-Inspecteur für die Unterrichts-Anstalten der Eingeborenen. (Volksschulen, Lehrer-Seminar und Bürgerschulen für die Söhne von Häuptlingen.) In dieser Eigenschaft lernte ich ihn im Jahre 1892 in Magelang kennen. Seine Frau war ein Jahr nach ihrer Ankunft in Java an Lungentuberculose gestorben, und die böse Welt behauptete, sie sei vergiftet worden. Ismangong war ein gebildeter Mann und trug ganz das Gepräge eines javanischen Fürsten; gelassen und gemessen im Gespräche und in seinen Bewegungen imponirte er durch sein allgemeines Wissen, durch seine Bescheidenheit und durch sein liebenswürdiges und höfliches Benehmen. Seine Zwitterstellung als Mohamedaner und »europäischer Beamter« gab nach seinem Tode unerwartete Schwierigkeiten. Sollte er als Mohamedaner nach islamitischem Ritus begraben werden, oder sollte sein Grab auf dem Friedhofe der Europäer sich befinden?

Nach dem Tode seiner ersten Frau hatte er eine Prinzessin von Djocja geheiratet, welche mit dem Regenten von Magelang verwandt war. Dieser veranlasste den Residenten, ein mohamedanisches Begräbniss anzuordnen. Als jedoch das Testament eröffnet wurde, in welchem der Bruder seiner ersten Frau zum Testamentsvollstrecker ernannt wurde, ordnete dieser ein europäisches Begräbniss auf dem Kirchhofe der Europäer an, und der Resident musste seinen gegentheiligen Erlass zurückziehen. Ismangong war ein Ehrenmann, der mit Tact und würdevollem Auftreten die Schwierigkeiten seiner Zwitterstellung überwand. Requiescat in pace.

Leider hatten wir in Sindanglaya auch eine Nachbarin, welche quasi als Pendant zu dieser gesetzlichen Ehe einer europäischen Frau mit einem Eingeborenen den Beweis brachte, dass Gott Amor keine Standes- und keine Rassenunterschiede kenne.

Den Abend vor unserer Abreise sass ich um 12 Uhr Nachts in der Veranda des Hotels. Alle übrigen Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen, die Lampen waren gelöscht, und in majestätische Ruhe war alles gehüllt. Da klang plötzlich eine scharfe und nicht angenehme Stimme aus dem Hintergrunde eines kleinen Pavillons in der bekannten sentimentalen Arie der indischen Pantons:

Djerok whangie, Blimbing Djapara, Djangan nangis muka njang kentara. (Duftende Citrone, Blimbing von Japara, Weine nicht -- Deine Züge würden entstellt.)

Es war eine unglücklich Liebende, welche ihr Leid den Lüften klagte, denn die zweite Zeile hätte im anderen Falle von dem Manne gesungen werden müssen. Obwohl der Mond beinahe mit Tageshelle den Garten beleuchtete, sah ich keine sterbliche Seele in dem Gartenhäuschen, aus welchem die Stimme deutlich zu meinen Ohren drang:

Burung Kakatuwah Terbáng di djandélla (Der Vogel Kakadu Fliegt gegen das Fenster)

sprach sie hierauf mit ängstlicher Stimme, und die Silbe délla liess sie in einem gedehnten Seufzer ausklingen, und noch immer folgte keine Antwort; mit wehmüthiger Stimme endigte sie endlich den Panton:

Nonna suda tuwa, Gigi tingal duwa. (Die Jungfrau, sie ist alt, Es blieben ihr der Zähne (nur) zwei.)

Zu gleicher Zeit näherte sich zu meiner Rechten ein Mann in Spitalkleidern; es war ein eingeborener Soldat und nur mit einem blauen Sarong bekleidet.

Tanam melatti di tanah miering, Di sînie bau -- di sâna bau (Pflanze die Melatti auf den Abhang (des Berges), Dahin dringt der Duft, dorthin dringt der Duft)

sang dieser Soldat so laut, dass sofort mit fröhlicher Stimme aus dem Strauche die Antwort erfolgte:

Ini tuwan, topi jang miering, Di sîni mau -- di sâna mau. (Jener Herr, sein Hut sitzt schief, Dahin will er -- dorthin will er.)

Unser Leander antwortete mit fester Stimme:

Deri mâna dâtangja tschinta (Woher kommt die Liebe)

und eine ausgelassene frohe Stimme antwortete:

Deri mâtá turun di hâti. (Aus dem Aug steigt sie zum Herzen [wörtlich: Leber].[77])

Jetzt sah ich in dem Gartenhäuschen von der Bank die Gestalt der Frau Hauptmann X. sich erheben und ihrem Geliebten entgegeneilen, und während sie ihren schönen blanken Arm um den braunen, nackten Hals des Marssohnes schlang, flüsterte sie in neckischem Tone:

Deri mana datang -- ja linta (Woher kommt der Blutegel)

und siegesbewusst antwortete er mit der Gegenfrage:

Deri mana datang -- ja tschinta

und während sie lispelte:

Deri sawah turun di Kali (Von dem Reisfelde steigt er zum Flusse hinab)

brummte er zwei Mal:

Deri mâta turun die hati.

Diese pflichtvergessene Frau hatte ihren Mann verlassen, als seine Ordonnanz, ein eingeborener Soldat, zur Erholung seiner durch Fieber geschwächten Gesundheit nach Sindanglaya gesendet wurde. Ein anonymer Brief verständigte einige Tage später den Hauptmann von dem Asyl seiner Frau und von der Gesellschaft, in welcher sie die nächtlichen Stunden verbrachte. Da sie bei ihrer Flucht nicht nur den Rest seines Gehaltes mitgenommen, sondern auch die Compagnie-Kasse beraubt hatte, welche er ersetzen musste, erstattete er die Anzeige gegen Beide. Unser brauner Leander konnte seine Unschuld an dem Diebstahl seiner Geliebten beweisen; er blieb straflos und behielt -- seine Geliebte; sie zog zu ihm in die Caserne!!

Wie ich schon andeutete, sind dieses sehr vereinzelte Fälle und bestätigen die Regel, dass die europäische Frau für den Javanen zu hoch steht, um seine Frau oder seine Geliebte zu werden. Umgekehrt sieht man häufig europäische Beamte mit eingeborenen Frauen eine Ehe schliessen, nachdem die malayische, chinesische oder javanische Frau als Njai (= Haushälterin) (Fig. 9) ihrem Herrn ein oder mehrere Kinder geschenkt hat. Der Officier darf, so lange er im Dienste ist, »die Mutter seiner Kinder« nicht heiraten; aber es giebt zahlreiche pensionirte Officiere, welche mit dem Dienstrocke auch diese Art von Standesehre ablegen und ihren Kindern durch eine Heirat mit ihrer Mutter officiell und gesetzlich den eigenen Namen geben. Diese Sinjus und Nonnas tragen den Stempel ihrer Abstammung stets in ihrem Angesicht; die Gesellschaft tolerirt sie aber, sobald sie eine hinreichende Bildung erworben haben; wenn sie jedoch, was vor 20 Jahren noch häufig geschah, kaum lesen oder schreiben konnten und nur mangelhaft der holländischen Sprache mächtig waren, dann allerdings müssen sehr günstige Verhältnisse herrschen, um ihnen den Salon der Europäer zu öffnen. In den letzten Jahren ist jedoch ihr Bildungsniveau bedeutend gestiegen, und sie bekleiden oft die höchsten Stellen im Staate; nur bleiben sie manchmal mit Recht eine reichliche Quelle von unterdrücktem mitleidigen Lächeln und tolerantem Ertragen einiger Eigenthümlichkeiten; so z. B. verwechseln sie gern das g mit dem h. Eine solche halbeuropäische Hauptmannsfrau rief mir eines Tages zu: »Sehen Sie, Herr Doctor, hier kommt mein Hans«; nirgends sah ich einen grossen oder kleinen Hans; aber eine dicke fette Gans kam angewackelt.

Noch komischer war folgender lapsus linguae. In grosser Gesellschaft wurde von der grossen Summe Geldes gesprochen, welche der langjährige Guerillakrieg in Atjeh gekostet hatte, und plötzlich rief eine Nonna mit lauter Stimme: »Mein Gott, wo sind die Helden Atjehs geblieben?« Sie wollte Geld(en) sagen, und ein schallendes Gelächter brachte diese Dame so in Verlegenheit, dass sie entrüstet den Saal verliess. Ein Officier hatte das Unglück, im Tanzsaale auf die Schleppe einer Nonna zu treten und bat um Pardon. Diese Dame drehte sich aber entrüstet gegen diesen Schlemihl und sprach das seither geflügelte Wort: »Was, Gott verdamm, erst Sie reissen mein Rock in Stücke und dann Sie rufen Gott verdamm, Sie Kurang adjar (M. = Lümmel).« Diese Typen der indischen Gesellschaft sterben aus; wenigstens in den besseren Ständen werden nur ausnahmsweise Frauen gefunden, welche der holländischen Sprache nicht vollkommen mächtig sind.

Auf der Insel Java[78] hat nämlich das Unterrichtswesen einen solchen Aufschwung in den letzten dreissig Jahren genommen, dass nur selten Jemand für die Dauer seine Kinder den Besuch einer Schule entbehren lassen muss, und wenn man solchen ungebildeten Frauen oder Männern in den niederen Ständen begegnet, sind diese meistens von abgelegenen Inseln abstammend, wo sich nicht überall öffentliche Schulen befinden, und die Eltern waren pecuniär nicht in der Lage, durch eine Gouvernante u. s. w. ihren Kindern einen Ersatz für den Mangel einer Schule bieten zu können.

+Die Stellung der half-cast ist im Staate vollkommen gleichberechtigt mit der der Vollblut-Europäer, und gesellschaftlich ist sie nur von der Individualität des Einzelnen abhängig.+

Ein Herr de L. in Batavia war dreimal verheiratet und hatte nebstdem zwei »Vorkinder« von einer früheren Haushälterin. Seine Frauen waren eine Europäerin, eine Nonna und eine Chinesin, d. h. eine Frau, welche die Tochter eines Chinesen und einer malayischen Frau war. Von jeder dieser Frauen hatte er Kinder, und diese vertrugen sich nicht nur untereinander sehr gut, sondern hatten auch die zwei »Vorkinder« in ihren Freundschaftskreis aufgenommen. Die Kinder gaben ein gutes und deutliches Mosaikbild der Ethnographie Javas. Herr de L. war -- ein Jude.[79]

Ich kann diese kleinen Skizzen über die Mischrassen auf Java nicht beendigen, ohne auch deren geistige Eigenschaften mit einigen Worten beschrieben zu haben.[80] Gewöhnlich wird behauptet, dass die Sinjus und Nonnas nur die Fehler, aber nicht die guten Eigenschaften beider Rassen in sich vereinigen. Dies ist ganz unrichtig. Wenn ich nur von zwei meiner Bekannten, welche mir momentan vor Augen schweben, den Charakter unter das Secirmesser der Kritik bringe, so zeigt sich diese Behauptung in ihrer ganzen Nacktheit. Der Eine ist ein Sinju und war im Jahre 1891 Assistent-Resident zu T. -- Er war ein intelligenter Mann, ein eifriger Beamter und jeder Zoll ein Ehrenmann. Die Zweite war eine Nonna und die Frau eines Stabsarztes in S. Sie war eine liebenswürdige, gebildete Dame und eine liebevolle solide Gattin, und immer führte ich sie als Beweis an, dass die Nonnas gerade wie ihre europäischen Schwestern der Bildung des Geistes und Herzens zugänglich sind und in gleicher Weise Sinn für das Gute und Schöne haben.

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Der Aufenthalt in Sindanglaya bot keine andere Zerstreuung, als den Spaziergang und während des Regens die Lectüre und den Verkehr mit den übrigen Gästen des Hotels. Wenn ich den Mr. A. oben (Seite 129) als unsern Nachbar speciell anführte und seine Abstammung von halbeuropäischen Eltern zum Ausgangspunkt einiger Bemerkungen über die Sinjus und Nonnas machte, so hat dies zwei Ursachen. Sein Vater war ein hoher Beamter, und ich hatte im Jahre 1882 so viel Gastfreundschaft von ihm und seiner Frau genossen, dass ich noch heute dafür eine dankbare Erinnerung bewahre. Ich verkehrte also viel mit diesem Nachbar. Nebstdem hatte er so viel dichterischen Schwung in seiner Sprache und bestieg so oft den Pegasus, dass meine Frau, welche damals erst zwei Jahre in Indien war und noch wenige halbeuropäische Männer von grösserer Bildung kennen gelernt hatte, ihre Verwunderung über seine poetische Begabung mir gegenüber äusserte. Es lag in seinen Gedichten, welche wir von ihm erhielten, eine Poesie und eine Gluth der Leidenschaft, welche wir in den Tropen, denen bekanntermaassen die Musen nicht besonders freundschaftlich gesinnt sind, nicht erwartet hätten. Seit einigen Jahren ruht er seinen ewigen Schlaf unter den Palmen, welche er so schön, wie kein Anderer, besungen und gepriesen hat.