21 Jahre in Indien. Zweiter Theil: Java.

Part 13

Chapter 133,577 wordsPublic domain

Zwei Officiere -- ich selbst war damals noch ledig -- hatten zwar ihre Frauen bei sich; sie bekamen aber den erwünschten Urlaub, und so gingen wir drei Tage später nach Bandong, zwei zu Pferde und die übrigen zwei in einem Kâhar sewa, d. h. einem kleinen zweirädrigen Wagen, welcher die Unbequemlichkeit im Sitzen und im Einsteigen bis zum Maximum zeigt. Im Hotel Homan nahmen wir unser Nachtmahl, und um 9 Uhr fanden wir uns bei dem Regenten ein. Es war ein schöner, reich mit Gold verzierter Empfangssaal, oder vielmehr Empfangshalle (Pendoppo M.). Kaum hatten wir den Hausherrn begrüsst, und zwar unter sanften, einschmeichelnden Tönen der Gamelang, kam ein Bedienter mit einer grossen Platte, auf welcher echt chinesische Schalen mit Kaffee-Extract standen, und Jeder nahm sich von dem Zucker und von der Milch nach Belieben. Plötzlich erhob die Gamelang einen gewaltigen Spectakel, der Regent eilte von uns zu dem Eintritt seines Pendoppo, um den Residenten zu begrüssen, dessen Ankunft eben durch diesen Tusch angekündigt wurde. Der Bediente des Residenten war mit dem goldenen Pajong erschienen und setzte sich auf der Treppe nieder mit hoch aufgerichtetem, jedoch geschlossenem Pajong, und wir alle näherten uns dem Vertreter der Regierung und wurden ebenso freundlich als leutselig von ihm begrüsst. Auf ein Zeichen des Residenten erschien auch sofort die erste Tänzerin, welche eine gewöhnliche Ronggeng war, d. h. eine öffentliche Tänzerin, welche zu diesem Zwecke von dem Hausherrn gemiethet wurde. Die Gamelang erhob nun ihre sanfte, liebliche Weise, und die Ronggeng begann ihren Tanz (?). Sie war nur mit einem Sarong bekleidet, welcher mit einem silbernen Gürtel in der Taille geschlossen war, während der obere Theil die volle Büste nur theilweise deckte; sie hatte keine Schuhe und keine Strümpfe und zeigte einen schönen, wohlgeformten, braunen Fuss; auch die Arme, Schultern und Hals waren unbedeckt; jedoch hübsche Armbänder zierten den Vorderarm, in den Ohren waren dicke, mit Diamanten besetzte Stäbe, und in dem üppigen, pechschwarzen, glänzenden und zu einem Knoten (Kondé) gebundenen Haar steckten zahlreiche grosse, mit Edelsteinen besetzte Haarnadeln. Die Stirne war theilweise mit Boreh gelb und die Augenwimpern schwarz gefärbt. Sie begann mit kreischender Stimme ein Lied, verschämt lächelnd brachte sie den Salindang[69] vor den Mund, und, ohne viel von der Stelle zu weichen, drehte sie sich langsam im Kreise und streckte bald den einen, bald den andern Arm ein wenig in die Höhe, wobei die Hand und alle Finger überstreckt waren, d. h. das Handgelenk einen Winkel von weniger als 90° und die Finger von mehr als 180° bildeten. Was sie sang, verstand ich nicht und ebensowenig die übrigen Europäer. Aber auch die anwesenden eingeborenen Häuptlinge erriethen wahrscheinlich den Inhalt der Lieder mehr als sie ihn verstanden; wenn ich mich nämlich nicht irre, sang sie nicht in sundanesischer Sprache, sondern wie die Ronggengs im eigentlichen Java, in altjavanischer (Kawi) Sprache. Bald betheiligten sich auch Männer an diesem Tanze. Den Reigen eröffnete der Regent in höchsteigener Person, indem er ebenfalls einen Salindang nahm, einen Ryksdalder (= 2,50 fl.) in die dazu bestimmte Kasse warf und nun den Bewegungen der Bidaja folgte; es lag seinen drehenden Bewegungen etwas Caricatur zu Grunde, ohne dass ich mir sagen konnte, was persiflirt werden sollte. Hierauf wurde die Schärpe auch einigen europäischen Herren angeboten, welche in gleicher Weise 1 oder 2,50 fl. in die Kasse warfen und sich Mühe gaben, nach den Regeln der Kunst zu »tandaken«. Wenn auch die Tänzerin nur wenige und sehr kleine Schritte machte, also gewissermaassen trippelte, und nur im Affect in grossen und beschleunigten Schritten im Kreise herumlief, so blieb doch der »Tandak« der Herren (welche dann Beksos genannt werden) immer eine scherzhafte Caricatur der Tänzerin; besonders die steife Haltung der Arme und Hände wollte den Männern nicht gelingen; auch gelang es ihnen niemals, das verschämte und verlegene Lächeln der Tänzerin zu imitiren, wenn ein besonders starker Tabak im Liede -- welcher in der Regel die Heroenzeit Javas besingt und stark erotischen Beigeschmack hat -- die Tänzerin veranlasste, eine keusche, verlegene Jungfrau darzustellen. Diese Scene wurde schon darum mit lautem ironischen Lachen der Eingeborenen begleitet, weil die Ronggengs als zweites Geschäft die Prostitution üben.

Jeder angesehene Fürst hält sich jedoch seine Privat-Tänzerin, welche, wie z. B. an den Höfen von Solo und Djocja, von hoher Abkunft und bei ihren Tänzen reich mit Gold und Edelsteinen geschmückt sind. Da nur die schönsten Mädchen dazu erwählt werden, ist damit die Wahrscheinlichkeit verbunden, entweder ein Beiweib des Sultans oder die Frau eines Prinzen oder eines anderen angesehenen Fürsten zu werden.

Während des »Tandaken« wurde den europäischen Gästen Rheinwein, rother Wein, ein Brandy- oder Whisky-Grog offerirt, und so mancher der anwesenden eingeborenen Häuptlinge verschmähte es nicht, anstatt des ihm angebotenen Thees mit Backwaaren von dem Apollinaris-Wasser mit »ein wenig Cognac«, nur »um den Geschmack zu verbessern«, ebenso häufig als seine europäischen Collegen Gebrauch zu machen. So ein Herrenabend bei einem eingeborenen Fürsten -- die keusche Diana würde bei einer Beschreibung desselben ihr Antlitz verhüllen -- giebt den anwesenden Ronggengs eine führende Rolle, und nachdem der Resident gegen 12 Uhr sich empfohlen hatte, ging auch ich in’s Hotel. Meine philiströse Anwandlung bedauerte ich am andern Tage lebhaft, weil mir mitgetheilt wurde, dass der Regent von Bandong auch ein Wâjang orang hatte spielen lassen.

Ich habe jedoch späterhin, und zwar in Magelang, ein malayisches Theater (Wâjang orang) wiederholt besucht, und ich muss gestehen: seine Kunst steht hoch. Auf dem Schlossplatz stand ein grosses Zelt, in dessen Hintergrunde die erhöhte Bühne auf kleinen Pfeilern ruhte. Die Coulissen waren offenbar europäischen Ursprungs und blieben für alle Stücke dieselben. Der Hintergrund war eine Thüre mit einem Vorhang, und ein zweiter trennte die Bühne vom Zuschauerraum. In den Coulissen sass ein Mann und spielte die Rebab (Violine). Auch eine Versenkung fehlte nicht. Die Schauspieler waren halbeuropäischen Ursprungs, sprachen jedoch während des Spielens nur die malayische Sprache und stellten Scenen aus der Heroenzeit Javas dar. Ich war dieser Sprache so weit mächtig, dass ich dem Gang der Handlung folgen konnte, wenn mir auch manches Lied nicht in allen seinen Theilen verständlich war. Wahre dramatische Scenen spielten sich ab, als z. B. der Awamuko (Teufel) dem Batoro Guru (dem Lehrer des Heroen) zu Füssen fiel, ihm die Schuhe küsste und in wehmüthigem Liede um Vergebung bat, während aus den Coulissen sanfte, schmeichelnde und liebliche Töne der Rebab sein Flehen begleiteten, oder als z. B. der Fischer den Göttern seine Noth klagte, dass ihn Arimuko (ein Fürst der Unterwelt) mit seinem Hasse verfolge und ihn sein Netz immer leer aus den Tiefen des Meeres heraufziehen lasse. Stets waren es Scenen und Lieder, welche von hoher dramatischer Wirkung waren und die Zuschauer mit Wehmuth und Lust erfüllten. Zum letzten Male will er sein Glück probiren und wirft das Netz hinaus in die Fluthen (hinter die Coulissen), ungeduldig schreitet er auf und ab und zweifelt und hofft, dass Amankau (= Arimuko) ihn nicht weiter mit seinem Hasse verfolge; endlich wagt er es, das Netz zu heben; es ist schwer, hoffnungsvoll zieht er immer stärker und stärker, er stützt seinen Fuss gegen einen Felsen, beugt sich zurück, das Gesicht wird roth, die Muskeln der Arme schwellen an, und endlich bringt er das Netz auf das Land; statt der viel erhofften Fische ist jedoch eine schwere Kiste darin. Das Mienenspiel bei dieser Enttäuschung war ein Meisterstück der Pantomime. Plötzlich erhebt sich der Deckel der Kiste und Amankau (Arimuko) springt heraus; er hat eine Teufelsmaske und tritt dem armen Fischer mit drohenden Worten entgegen.

Ich muss aber auch bekennen, dass ihre Auffassung von »würdevollem« Auftreten uns Europäern fremd erscheint, und dass ihre Engel oder Huris einen geradezu komischen Eindruck machten; sie erschienen in weissen Kleidern von europäischer Mode und hatten eine hellfarbige Schärpe um die Taille. Da sie nebstdem keine Mieder hatten, und die weissen europäischen Kleider offenbar nicht nach Maass bestellt waren, so waren diese Engel alles, nur nicht eine engelhafte Erscheinung, wenigstens nach europäischer Vorstellung.

Auch ein Wâjang tjina habe ich gesehen und natürlich sehr häufig den Wâjang Kulit besucht.

Ein chinesisches Theater (Wâjang tjina) sah ich im Jahre 1881 während meines Aufenthaltes in Buitenzorg. Die Bühne unterschied sich wesentlich von der eines javanischen Wâjang orang. Sie hatte keinen Vorhang und keine Coulissen; jeder der Schauspieler kam aus einer und derselben Thüre im Hintergrunde auf die Bühne, neben welcher ein Chinese mit einem grossen Gong sass. Ein paar Kisten standen zur Seite, welche, wie mir ein Chinese erklärte, die Mauer und das Dach eines Nachbarhauses improvisiren sollten. Den Mangel jeder Decoration ersetzten die besonders reichen und kostbaren Costüme der Schauspieler; sie waren von Seide und strotzten von Gold. Auch die weiblichen Rollen wurden damals von Männern gegeben. Die Handlung war arm und dehnte sich endlos. Auf die Europäer machte Verschiedenes einen befremdenden Eindruck, nicht allein, weil wir die Sprache nicht verstanden, sondern auch weil die Pantomime der Chinesen uns ganz unverständlich war. Offenbar lag sehr viel in den Bewegungen des Körpers, wie es die lärmende und rauschende Musik der Gong andeutete; freilich wussten wir nicht, was es bedeutete. Jeder gesprochene Satz bekam am Ende das Lärmen der Gong; ja selbst jede Bewegung erhielt ein solches stürmisches Finale.

Am häufigsten sieht man jedoch die Wâjang Kulit, d. h. ein Marionettentheater mit Figuren aus Leder (Kulit), deren Schatten auf eine weisse Fläche geworfen werden. Ein Rahmen aus reich geschnitztem und verziertem Holze, Gewang genannt, ist mit weisser Leinwand überzogen; auf der einen Seite sind eine grosse Lampe, der Regisseur und zwei Stämme von Pisang; in diesen stecken die ledernen Figuren, welche von der Hand des Regisseurs längs des weissen Schirms bewegt werden. Zur Seite desselben sitzt die Musik, bestehend aus der Rebáb (Violine), Bambusglockenspiel (Angklong), Flöte (Suling), Holzclavier, welches mit einem Klöppel gespielt wird, Metallclavier, ähnlich dem Spielzeug unserer Kinder, mehreren Becken (Gongs), Pauken, Tambourins u. s. w. (Fig. 7.) Der Regisseur (Dalang) brachte -- es war ebenfalls in Buitenzorg im Jahre 1881, dass ich con amore die erste Wâjang Kulit beobachten konnte und mir die nöthigen Erklärungen zu Theil wurden -- erst einen Berg zur Ansicht. Hierauf nahm er aus einer Kiste die pittoresken Figuren, welche auf einem Stäbchen befestigt waren; sie sind aus dem Leder der indischen Büffel geschnitten und reich mit Farben und Gold verziert; sie haben immer die bekannte Form der indischen Puppen und sehr dünne, magere Arme. Er steckte die reichlicher verzierten, die Götter und Fürsten, in den einen Bambusstamm und die Plebs in den zweiten. Unterdessen spielte die Gamelang ihre Ouverture. Mit einem Schlag auf die Kiste eröffnete der Regisseur die Vorstellung, die Musik schweigt, der Berg wird weggenommen, und halb singend, halb erzählend bringt er zunächst die Einleitung. Er beschreibt das Land, in welchem das Drama spielt, und erzählt das ganze Vorleben; im richtigen Augenblick, d. h. wo das eigentliche Drama beginnt, nimmt er mit beiden Händen die Helden des Stückes von den Bambusstämmen, und ohne bedeutende, aber doch deutliche Stimmenveränderung führt er den Dialog der Marionetten.

Der Wâjang gohlèk, welcher aus Holz verfertigte, massive und mit Kleidern behängte Figuren haben soll, ist mir aus Autopsie unbekannt; ebenso wenig hatte ich Gelegenheit, einen Topeng zu sehen, welches eine Pantomime von maskirten Männern und Frauen sein soll. Einen Topeng Babakan sah ich jedoch in Majelang von Haus zu Haus ziehen, um auf Verlangen eine Vorstellung zu geben. Ein Mann, welcher auf dem Rücken eines gemalten Pferdes aus Papier sass, eine Ronggeng und eine kleine Capelle, bestehend aus einer Gamelang, einer Gong (Becken) und einer Flöte, war das ganze Personal. (Fig. 8.) Die Ronggeng sang einige Pantons mit kreischender Stimme, auf welche der Ritter des papiernen Pferdes manchmal Wechselgesänge folgen liess.

Noch will ich erwähnen, dass ich weder ein Tigergefecht noch ein Turnier zu sehen Gelegenheit hatte. Das Hahnengefecht aber, bei dem den kämpfenden Hähnen scharfe Messerchen an den Sporen befestigt werden, habe ich wiederholt gesehen, obzwar die holländische Regierung sie verbietet und sich alle Mühe giebt, dieses leidenschaftliche Spiel auszurotten. Auch Grillen (djankriks) und Wachteln (burung puju) werden zu Wettkämpfen gebraucht. Auch das »Drachenfliegen« ist ein beliebtes Spiel erwachsener Javanen.

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Lieutenant P.. war mein Reisegenosse nach Bandong. Da zwei Tage lang das Schiessen ausgesetzt wurde, gab uns der Präsident der Commission, welcher den nächsten Tag nach Batu Djadjar zurückkehrte, noch einen Tag Urlaub, den wir dazu benutzten, den Onkel des Lieutenants P.. zu besuchen, welcher nordöstlich von Bandong die grosse Theeplantage Djati Nangos (?) administrirte. Die Besitzerin war damals (1882) ein junges Mädchen, eine Waise, welche in Europa ihre Erziehung genoss. Der Administrator, der pensionirte Resident X., wohnte in einem hübschen Landhause in der Nähe von Sumedang. Einen besonders interessanten Empfang hatten wir, als wir durch das Gehege dieser Plantage fuhren. Rehe sprangen über den Weg und blieben in einer Entfernung von wenigen Metern stehen, um uns mit ihren grossen schönen Augen zu fragen, wer wir seien und was wir hier zu thun hätten. Im Hintergrunde sahen wir selbst einige hundert zu einem Rudel vereinigt. Der Herr X. empfing uns in liebenswürdiger Weise, und da es gerade vier Uhr war, d. h. die Zeit zum Theetrinken, setzte er uns sofort eine Schale seines Eigenbaues vor. Wie war er jedoch entrüstet, als ich gewohnheitsgemäss ihn um ein wenig Milch für meinen Thee ersuchte; ja er nannte mich sogar einen Barbar, der tief, ja sehr tief unter einem Chinesen stehe. Nur ein Barbar sei im Stande, das herrliche Aroma des Theeblattes durch Zucker, Rum oder Milch zu zerstören! Interessant waren seine Mittheilungen über die Einfuhr der ersten Theestauden und der raschen Entwicklung, welche diese Pflanze im Laufe von wenigen Jahrzehnten auf Java genommen habe. Denn erst vor sechzig Jahren ging ein Amsterdamer Namens +Jacobson+ nach China, um dort die Bearbeitung des Thees kennen zu lernen, nachdem schon der Gründer des botanischen Gartens zu Buitenzorg, Prof. +Reinhardt+, mit gutem Erfolg den Thee auf dieser Insel gepflanzt hatte. In einem dickleibigen Buche beschrieb +Jacobson+ die Theecultur, entsprechend dem damaligen Stande der Wissenschaften, und seine praktischen Winke wurden Allgemeingut der javanischen Theepflanzer, welche jährlich eine ungeheure Menge produciren und exportiren.[70] Leider geschieht dies häufig unter chinesischer Marke, d. h. mit chinesischen Aufschriften und in chinesischer Verpackungsweise. Der Thee ist aber so gut, dass er unter keiner falschen Flagge zu Markte zu fahren braucht.

Der Anblick eines Theefeldes ist in keiner Hinsicht rühmenswerth; es sind niedrige Sträucher, welche in kleinen Abständen (± 1·2 Meter Entfernung), und zwar in gerader Linie gebaut sind. Zweimal des Jahres werden die Blätter gepflückt; die zarten Blätter geben die feinste Theesorte, und wenn der Baum zu alt ist, so werden die Blätter zu hart, um in den Handel kommen zu können. Die guten Sorten Thee werden nur von jungen Bäumen, und die feinsten Sorten von den jüngsten Blättern dieser Sträucher bereitet. Die Farbe der in den Handel kommenden Thees ist nur von der weiteren Bereitungsweise abhängig. Ursprünglich hat der Theebaum nur grüne Blätter. Werden sie nur an der Sonne getrocknet, so behalten sie ihre ursprüngliche Farbe; werden sie aber sofort nach dem Pflücken in Säcken oder Leinwandcylindern über einem Kohlenfeuer getrocknet, so werden sie schwarz. Während sie in der Dörrpfanne sich befinden, werden sie von Frauen besser zusammengerollt, als es durch den einfachen Trocknungsprocess geschieht, und je mehr Blätter mit den Fingern gerollt sind, desto höher ist der Preis.

Mit diesen spärlichen Mittheilungen musste ich mich begnügen, weil ich und mein Reisegenosse bereits den nächsten Tag diese Plantagen wieder verlassen mussten. In Batu Djadjar sollte das Schiessen wieder beginnen, und dies darf nach den gesetzlichen Bestimmungen niemals ohne gleichzeitige Anwesenheit eines Arztes stattfinden. Ich sah also weder das Pflücken der Blätter, noch das Rösten derselben -- nicht einmal die Dörrschuppen, das Sortiren des Thees, seine Verpackung u. s. w.

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Mein Aufenthalt auf der Heide von Batu Djadjar war der unangenehmste, weil langweilig, in meiner ganzen indischen Carrière. Es waren im Ganzen 40 Mann, welche sich damals an den Arbeiten der Commission betheiligten und in den günstigsten hygienischen Verhältnissen befanden. Vor ihrer Abreise wurden sie ärztlich untersucht und kamen in ein herrliches Klima. Wir hatten in der Morgenstunde zwischen 6 und 7 Uhr oft nicht mehr als 17° C., und sofort nach Sonnen-Untergang sank die Temperatur so tief, dass ich europäische Kleider anziehen musste, wenn ich mit den übrigen Officieren im Gartenhäuschen die Zeit des Nachtmahles abwarten wollte. Wenn man um 2 Uhr Nachmittags 31-32° C. im Schatten hat und die Wärme des Abends auf 22-20° C. sinkt, so empfindet man diesen Unterschied der Temperatur geradezu als Kälte. Auch bei meiner Reise nach Europa im Jahre 1897 hatte ich im rothen Meere durch die Kälte (?!) Beschwerden, obzwar das Thermometer 16° C. zeigte.

Die Soldaten hätten sich also einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut, wenn sie nicht den Unbilden -- der Liebe zum Opfer gefallen wären.[71]

Aber auch diese Krankheiten beschäftigten mich kaum eine Stunde täglich. Das Schiessen selbst forderte kein einziges Opfer. Keine Kanone war gesprungen und keine Kartätsche hatte Unheil angestiftet. Rothe Fahnen verkündeten den Bewohnern der benachbarten Kampongs die Stunde des Anfanges und des Endes des Schiessens; sie blieben also um diese Zeit ausser Schussweite und ausserhalb des verbotenen Terrains. Ich blieb jedoch nicht gänzlich von chirurgischen Arbeiten verschont. Ein Kanonier schnitt sich eines Tages mit einem Bambus in den Goldfinger der linken Hand. Mit Recht werden von den indischen Aerzten »Bambuswunden« sehr gefürchtet. Sie veranlassen sehr häufig gefährliche Folgekrankheiten, weil ein Stück Bambus nicht so scharf ist, um eine gequetschte Wunde zu vermeiden und weil -- nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die Ränder mit kleinen Haaren bedeckt sind -- sondern weil sich auf ihrer rauhen Oberfläche stets eine Unzahl schädlicher Bacterien befinden. Dieser Kanonier hatte sich an der Schiessstätte, wie gesagt, mit einem scharfen Stück eines Bambusrohres geschnitten; sofort wurde ich telephonisch davon benachrichtigt, und sofort konnte ich die Schnittwunde, welche ziemlich glatte Ränder hatte, antiseptisch behandeln und nähen. Nach 36 Stunden zeigten die Wundränder eine verdächtige Röthe und Spannung. Beim Oeffnen der Wundnähte flossen einige Tropfen Eiter aus; seine Temperatur stieg auf 39°, und bis zum folgenden Morgen war die Eiterung bis zum Handgelenk fortgeschritten (progrediente Phlegmone); als nach abermals 12 Stunden sich am Vorderarme rothe Streifen zeigten, der heftige Schmerz und die hohe Temperatur unverändert blieben, zögerte ich keinen Augenblick mehr, radical einzuschreiten. Ich entfernte die Quelle der Eiterung, und das Leben, der Arm und die Hand waren gerettet.

Hatte ich als Arzt sehr wenig Beschäftigung, so gab das gesellschaftliche und das tägliche Leben noch weniger Zerstreuung. Wir waren im Ganzen vier Officiere, zwei derselben waren verheiratet und hatten ihre Frauen und Kinder bei sich. Wenn des Vormittags die Männer auf der Schiessstätte sich befanden, sass die Frau des Rittmeisters X. in dem rechten Flügel des Officier-Pavillons mit ihrem Söhnchen von vier Jahren in ihrem Zimmer, im linken Flügel beschäftigte sich Frau Y. mit ihrem acht Monate alten Kindchen, und in der Mitte desselben sass ich bei meinen Büchern und las und las, bis ich dessen müde, meinen kleinen Siamang (Hylobates syndactylus[72]) von meinem Bedienten abnahm (an dessen Unterschenkel er stets hing) und vor meinem Zimmer herumlaufen liess. Dieser kleine schelmische Affe hielt sich an keine Stunde des Empfanges oder der Visite, sondern lief dann sofort in das Zimmer des Rittmeisters X. und war dem kleinen Wilhelm ein stets willkommener Spielkamerad. Diese zwei neckten sich, balgten sich im Hofraum oft Stunden lang herum, und der ärgste Hypochonder hätte sich an dem Spiel dieser zwei guten Freunde ergötzen müssen. Ich aber sass wieder in meinem Zimmer und las wieder und las wieder. Gegen die Mittagsstunde kamen die Männer nach Hause. Die verheirateten Officiere widmeten sich ihren Vaterpflichten, und ich sass noch immer beim Lesen; denn der dritte Officier, welcher neben meinem Zimmer seine Schlafstätte aufgeschlagen hatte, ging nach Ablauf seines Dienstes ein Bad nehmen, speisen und sein Mittagsschläfchen halten. Gegen 4½ Uhr brach endlich der Zauberbann die Langeweile. Lieutenant P. kam in seiner indischen Haustoilette bei mir seinen Thee trinken, und nachdem wir um 5½ Uhr unser Bad genommen und uns angekleidet hatten, gingen wir spazieren. Wir Beide nahmen den Weg nach rechts, Rittmeister X. mit seiner Frau und seinem Sohne nach links, und Lieutenant Y. erging sich mit seiner Frau, welche ihr erstes Töchterchen auf einer kleinen Matratze trug, auf einem dritten Wege in der erfrischenden kühlen Abendluft. Um 7 Uhr, also zur officiellen Visitenzeit, trafen wir uns in dem Gartenhäuschen, welches vor der Hauptfront des Officier-Pavillons stand, und besprachen den Inhalt der Zeitungen, welche unterdessen angekommen waren. Um 8 Uhr ging Jeder nach seinem Zimmer, um das Nachtmahl zu nehmen, und blieb bis zum nächsten Morgen für Jedermann unsichtbar. Innerhalb der vier Monate, welche wir auf dieser Hochebene zubrachten, kam nur zweimal eine Veränderung in dieses einförmige und langweilige Leben. Einmal kam, wie schon erwähnt wurde, der Regent von Bandong, um das Telephon zu sehen, von dem er Unglaubliches gehört hatte, und das zweite Mal besuchte uns der Commandant der indischen Armee. General Bouwmeester gehörte dem Corps der Artillerie an und interessirte sich für die neuen »Bergkanonen«, welche bei +Krupp+ in Essen gegossen waren. Das erhaltene erste Exemplar zeigte einen sehr grossen Fehler; der Schwerpunkt der Kanone fiel nicht mit dem der Affuite in eine Linie; die Folge davon war, dass beim Abfeuern die ganze Kanone, wenn sie geremmt wurde, nicht nur sich aufstellte, sondern sogar einen Purzelbaum schlug. Der General kam mit dem Chef der Artillerie und mit dem Commandanten der Berg-Artillerie zu uns, um sich persönlich davon zu überzeugen und die Vorschläge des Rittmeisters X. zur Verbesserung dieses Fehlers zu besprechen.[73] Wir hatten also einige Tage grosse Gesellschaft und gemeinsame Tafel (ohne die beiden Damen). Bei dieser Gelegenheit brachte, wie ich späterhin vom Lieutenant P. erfuhr, der Vorsitzende der Commission eine Geldfrage zur Debatte, welche den drei Officieren der Artillerie, aber nicht meiner Person zu Gute kommen sollte.