21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.
Part 5
Eine ähnliche Grosssprecherei mit etwas komischem Beigeschmack hörte ich acht Jahre später in Wien. Ich war auf meiner Urlaubsreise in Wien und stand mit einigen Philologen und der Frau eines indischen Collegen im Gespräch über indische Sprachen. Auf die Frage des einen Philologen, welche Sprachen auf den Inseln des indischen Archipels gesprochen würden, antwortete ich: »Es giebt zahlreiche Dialekte des polynesischen Sprachstammes, welche unter einander grösseren Unterschied zeigen als z. B. Deutsch und Englisch. (1000 Jahr v. Ch. ungefähr schieden die Malayer in westliche, von Madagascar bis zu den Philippinen, und in östliche Malayer, welchen der Name Polynesier heutzutage am häufigsten gegeben wird und die Inseln Süd-Australiens bis zu den Sandwichinseln bewohnen.) Malayer, Javanen und Sundanesen (in Malakka und Sumatra ist die ursprüngliche malayische Sprache am reinsten erhalten) können sich vielleicht mit einander verständigen, aber mit den Buginesen, Battakern, Dajakern, Alfuren u. s. w. ist dies beinahe unmöglich. Aber an allen Küsten des indischen Archipels wird malayisch gesprochen, welches von den malayischen Handelsleuten dahin verbreitet wurde; ja oft wird man im Innern aller Inseln hin und wieder einen Eingeborenen finden, der die malayische Sprache wenigstens etwas versteht. Es spielt also die malayische Sprache in Indien dieselbe Rolle wie die französische in Europa. Alle Europäer also, welche in Java u. s. w. sich aufhalten, müssen sich diese Sprache aneignen und wäre es nur, um mit den Bedienten sprechen zu können. Jedoch nur die wenigsten Europäer haben diese Sprache grammatikalisch gelernt. Wenn wir von wenigen Beamten und einzelnen Officieren absehen, so ist das Malayische, welches von den Europäern im indischen Archipel gesprochen wird, ein wahres Kauderwelsch, welches unter dem Namen Casernenmalayisch bekannt ist. Es werden nämlich die einzelnen Worte ohne Conjugation und ohne Declination, ohne Präfixe und ohne Suffixe hinter einander ausgesprochen, und dann spricht man von einem »sprechen« der malayischen Sprache!! Es ist natürlich nur ein Kauderwelsch.« »Ach!« fiel mir diese Dame ins Wort, »Sie sprechen natürlich nur von sich selbst; =Ich= bin der malayischen Sprache vollkommen mächtig!«
Von den zwei Handlangern war der eine ein Javane, der andere ein Malaye; die vier Sträflinge waren wegen Diebstahl und Mord (zwei von ihnen) aus ihrer Heimath (Java und Sumatra) verbannt und verurtheilt zu »Zwangsarbeit« und waren dem Marodensaal zu Teweh zugewiesen, Kulidienste zu leisten. Der eine der beiden »Handlangers« war ein langer, magerer Malaye, Namens Amat. Eines Tages untersuchte ich den Inhalt der »Feldmedicin-Kiste« und sah eine grosse viereckige Flasche mit einer Flüssigkeit gefüllt, ohne Etiquette. Dem Geruch nach zu urtheilen, hielt ich es für Chloralhydrat in Lösung, und bevor ich es sehen und verhindern konnte, hatte mein Amat zur Probe einen Schluck genommen. Ich wusste nicht, was in der Flasche war; ich wusste nicht, wieviel er davon getrunken hatte; die Grösse der Flasche liess zwar nicht an ein schweres Gift denken, aber ich befahl ihm, sofort den Finger in den Hals zu stecken, und er erbrach eine Flüssigkeit von demselben Geruch als dem in der Flasche. Theilweise war ich schon um das Schicksal meines dienstbeflissenen Krankenwärters beruhigt, als er in auffallender Weise fröhlich und ausgelassen wurde.
Ich kann für diese komische Scene kaum Worte finden. Ein langer, magerer Malaye, welcher betrunken zu sein scheint!! Auf dieses Stadium excitationis folgte bald die narcotische Wirkung, und nachdem er einige Stunden lang fest geschlafen hatte, war sein Chloralhydrat-Rausch geschwunden.
Diese Unvorsichtigkeit im Untersuchen der Medicamente ist mir in den spätern Jahren noch oft vorgekommen. Die Medicinen sind in Indien theuer, so dass sie von den Patienten aufgehoben werden, wenn sie momentan nicht nöthig sind. Sie schreiben z. B. auf das Fläschchen »gegen Husten« oder »gegen Nervosität« u. s. w., um sie eventuell später wieder benutzen zu können. Nun geschieht es manchmal, dass die Signatur abgefallen ist; nun, dann wird der behandelnde Arzt einfach ersucht zu kosten und zu sagen, was für eine Medicin dies sei!! Ich weigerte zu allen Zeiten, dieses zu thun, wenn ich auch keinen Augenblick fürchtete, von einigen Tropfen vergiftet zu werden, welche aus einem gewöhnlichen Medicinfläschchen getrunken werden. Einmal hätte eine solche Probe für mich verhängnissvoll werden können. Im Jahre 1890 lebte ich in Tjilatjap (Süden von Java) und hatte nur ein Marodenzimmer, obwohl sich anschliessend die Räume eines alten Spitals befanden. Auf der benachbarten Insel Nussah Gambangan lebte ein europäischer Aufseher des Leuchtthurms, welcher damals bei einem Ritte bergabwärts über den Kopf seines ungarischen Sattels gefallen war. Die Haut hing in Fetzen auf den Schenkeln herab. In einer Sänfte wurde er zu mir gebracht, und ich bot ihm ein Zimmer des alten Spitals zum Aufenthalt für ihn und seine Familie an. Die Beköstigung sollte seine Frau und seine Tochter auf sich nehmen. Dankbar nahm er das Anerbieten an, erfreute sich dadurch einer sorgsamen Pflege und die Heilung ging hübsch von Statten. Eines Tages stand ich in der Apotheke, als seine Tochter mit einem Glas Milch zu mir kam und mich ersuchte, die Milch zu kosten und ihr zu sagen, »ob und was der Milch fehle«, weil ihrem Vater bei dem Gebrauch derselben übel geworden sei. Ueberrascht sah sie mich an, als ich ihr zur Antwort gab: »Wenn Ihr Vater von der Milch übel wurde, brauche ich es doch nicht zu werden«. Kaum hatte sie mich darauf ersucht, »die Milch also chemisch zu untersuchen,« als ein fürchterlicher Schrei um Hülfe zu meinen Ohren drang. Ich eilte dahin und fand ihren Vater in einem fürchterlichen Zustande. Ich habe im Jahre 1873 in Ungarn und auch späterhin zahlreiche Cholerapatienten gesehen, aber keiner derselben zeigte so heftigen Krampf der Gedärme als dieser Patient. Erbrochen hatte er schon viel, wie ich sah, und ich dachte also sofort an eine Vergiftung mit Warângan (= Arsenik). Bei Vergiftungen mit mineralischen Giften wird man in Java am besten thun, in erster Reihe an Arsenikpräparate zu denken, weil dieses Gift täglich und in jeder Marktbude zu bekommen ist. Die Dolche der Javanen (Kris genannt), werden nämlich mit einer Lösung von Warângan und Citronensaft u. s. w. bearbeitet, um der Klinge ein schön damascirtes Aussehen zu geben.
Auch unser Patient war mit Warângan von einem der Sträflinge vergiftet, welcher täglich von seiner Wohnung die Milch gebracht hatte. Es gelang mir, ihn auch von dieser Heimsuchung zu befreien. Das Schicksal verfolgte ihn jedoch ohne Erbarmen. Er ging kurz darauf nach Samarang, wo er von einem tollen Hunde gebissen wurde. Damals existirte in Batavia noch nicht das Pasteur’sche Institut; diese unglücklichen Patienten mussten damals nach Saigon gehen; auch er that dies, kehrte zurück, starb jedoch kurz darauf an Lyssa humana.
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Der Bestand meiner Krankenwärter war also sieben Mann, obzwar ich kaum jemals sieben Patienten zu gleicher Zeit im Marodenzimmer hatte; dieses hatte jedoch seine guten Ursachen. Das Fort war eben durch seine isolirte Lage gezwungen, immer kriegsbereit zu sein; die Sträflinge mussten im gegebenen Falle Kulidienste leisten, d. h. bei einer etwaigen Expedition Feldverbandskisten und Feldmedicinkisten tragen, die Tragbahre für Verwundete u. s. w. führen; sie mussten Lebensmittel und Trinkwasser mitnehmen oder mit dem Messer in der Hand einen Weg in den Urwald bahnen u. s. w. In Friedenszeiten mussten sie natürlich das gröbste Werk im Spital verrichten, die Aborte reinigen, die Wäsche der Patienten waschen, die Krankenkost in der Küche bereiten u. s. w. Natürlich war es für mich schwer, für sie immer Beschäftigung zu haben, und darum benützte ich sie gegen eine kleine geldliche Entschädigung auch zu Privatzwecken, obzwar dies ausdrücklich verboten war. Dies gab einmal Anlass zu einer Anklage gegen mich und zwar von Seiten des Commandanten des Forts. Ich vertheidigte mich in der erwähnten Weise und fügte hinzu, dass ich es nicht aus Gewinnsucht thäte, weil ich die Sträflinge bezahle, dass ich diese Leute lieber für mich arbeiten lassen müsse, als sie müssig im Fort herumgehen zu lassen, dass sie mir nur bei wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar beim Ausstopfen der Thiere, behülflich seien, und dass unter den herrschenden Verhältnissen ich keinen Bürger miethen könnte, weil eben auf ganz Teweh kein Bedienter oder Kuli zu bekommen wäre. Der Commandant des Forts bekam seine Nase und mir wurde ausdrücklich von Bandjermasing erlaubt, die Sträflinge in ihrer freien Zeit zu wissenschaftlichen Arbeiten gebrauchen zu können. Ich kann nicht umhin, den Heroismus eines solchen Sträflings zu besprechen, als er mir half, das Zibeth aus einer Zibethkatze (Viverra Zibetha) herauszunehmen. Er sollte die Katze bei den vier Füssen so halten, dass ich das Zibeth aus der Drüse, welche sie zwischen den hintern Extremitäten hat, mit dem beinernen Löffel herausdrücken konnte. Er hielt jedoch die Katze in einer so eigenthümlichen Weise, dass ich darauf aufmerksam wurde; ich blickte auf seine Hand und -- +die Katze hatte sich in seinen Finger verbissen, ohne dass er auch nur mit der Miene gezuckt hatte oder auch nur eine Schmerzensäusserung von sich gab+. Sofort befreite ich ihn aus seiner erzwungenen Haltung, indem ich die Katze mit starkem Griff im Nacken fasste, und -- legte einen silbernen Gulden in seine Hand. Da diese Sträflinge nebst der Kost nur 4 Kreuzer täglich bekommen, so ist ein solcher Nebenverdienst immerhin für sie sehr erwünscht. Zu einer ähnlichen heroischen That habe ich später einen europäischen Krankenwärter, mit dem Range eines Feldwebels, entschlossen gesehen. Ich bekam nämlich vier Jahre später in Batavia einen Soldaten in Behandlung, der Monate vorher von einem Pferde im Rücken gebissen war, und dessen Wunde zu gross war, um heilen zu können; ich entschloss mich zur Transplantation und entnahm ein Stück Haut zu diesem Zwecke aus dem Arme eines Sträflings, weil der Patient, ein Europäer, sich nicht dazu hergeben wollte und gab ihm (dem Sträfling) einen Reichsthaler (2 Fl. 50) dafür. Den andern Tag ersuchte mich der Sergeant, ihn und nicht den Sträfling den Reichsthaler verdienen zu lassen, wenn ich wieder ein Stückchen Haut nöthig hätte.
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Schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Muarah Teweh kam der erste Dajaker in meine Behandlung. Ich stand an der Palissade und sah einen Mann einen Kahn verlassen und das sanft abfallende Ufer heransteigen. Der »Commandant der Wacht«, ein Feldwebel, nahm ihm sein Messer (Mandau) ab, liess ihn warten und meldete ihn bei mir an. Es war ein Mann mittlerer Grösse, von leicht brauner Hautfarbe, schwarzen Haaren, braunen Augen, grossen Löchern in den Ohrläppchen und war nur bekleidet mit dem Djawat, das ist einem Gürtel aus Baumbast, welcher mit einer schmalen Schürze vom Bauche herabhing; er sprach etwas Malayisch, und so hatte ich keinen Dolmetsch nöthig, um mich mit ihm zu verständigen. Am rechten Ufer des Baritu, gegenüber der Mündung der Teweh (etwas südlich), läge sein Kampong, von welchem sein Vater Häuptling sei; dieser sei schon seit längerer Zeit krank, obwohl die Bassirs und die Bliams ihre Opfer an den Radja-ontong schon zu wiederholten Malen gebracht hatten, und leide so fürchterlich, dass er käme, meine Hülfe anzurufen, weil er gehört habe, dass ich so ein gewaltiger Bassir sei. Nun, wenn ich damals gewusst hätte, dass ein solcher Bassir nicht nur ein Priester, Zauberer und Teufelsbeschwörer, sondern auch ein publiker Paederast sei, ich hätte mich für diese Titulatur bedankt. Seine Absicht war jedoch gut, denn als ich ihn frug, was denn ein Bassir sei, antwortete er: »So was, als ein Jesus!!?!« Wie ich später erfuhr, hatte er kurz vorher einen Soldaten vor einem Christusbilde beten gesehen, und auf seine Frage, wer dies sei, die Antwort erhalten: »Tuwan-Allah-Jesus«. Aus seiner weiteren Mittheilung entnahm ich, dass es sich bei seinem Vater um einen Tumor vesicae handle mit consecutiver Retentio urinae. Mit Nelaton-Katheter und Pravatz’scher Spritze ausgerüstet und begleitet von dem europäischen Krankenwärter, dem langen Amat und zwei Sträflingen, bestieg ich den Kahn des Dajakers. Der Fluss ist bei Teweh ungefähr 400 Meter breit; da aber unser Ziel stromabwärts lag, erreichten wir bald den Kampong, ohne dass die Ruderer thätig waren; der Strom riss uns einfach mit. Ans Ufer gekommen, sah ich vor mir ein langes Haus, welches auf Pfählen von ungefähr 1½ Meter stand. Eine breite Leiter stand in der Mitte. Ich stieg mit meinem Gefolge hinauf und fand sofort im Entrée den Patienten auf dem Boden liegen. Im Hintergrund tanzte ein Bassir vor einem Altar, und zur Seite des Kampongs sassen die Musikanten mit der Tote (eine Art Panpfeife), mit Pauken, malayischen Violinen (râbab genannt) und einer Art Dudelsack aus der Schale der Labufrucht, der sie wehmüthige Klänge zu entlocken wussten. Als ich mich niederbückte, um den Patienten zu untersuchen, begann der Bassir vor dem Altar hin und her zu trippeln, wobei er die halb ausgestreckten Arme schüttelte, welche zahlreiche kupferne grosse Ringe trugen. Nicht unharmonisch fiel draussen der Chor der Pauken und der anderen Instrumente ein, und die Beschwörungen der Bliams übertönten Alles, die Tote, die râbab, den Glockenschall der Ringe u. s. w. Die Untersuchung bestätigte mein Vermuthen, dass ein Tumor die Urethra unwegsam machte, so dass ich palliativ die Punctio vesicae machen wollte. Ich theilte der Umgebung mit, dass ein Stich in die Blase sehr viel Erleichterung in seine Schmerzen bringen würde, und Alle, wie auch der Patient, gaben zu dieser kleinen Operation die Zustimmung. Kaum hatte ich jedoch den Troicart auf den Unterbauch angesetzt, als der Patient und seine Frau einen leisen Schrei ausstiessen, seine Frau rief, die Krankenwärter mich erfassten, von dem Patienten hinwegrissen, mich zur Thüre und die Leiter hinabdrängten und am Ufer mich sofort den Kahn zu besteigen ersuchten. So rasch folgte eins auf das andere, dass ich keine Zeit zum Fragen hatte, was dies bedeute. Bevor ich jedoch in den Kahn stieg, um was mich die Krankenwärter ersuchten, sah ich mich noch einmal um und sah nichts, was die Aufregung meines Gefolges erklären konnte. Die Spieler schlugen ihre Pauken, die Mädchen bliesen ihre Tote, dazwischen hörte ich manche Seufzer des Patienten, gemischt mit den Worten seiner Frau; unter dem Kampong, zwischen den Pfählen, grunzten die Schweine, suchten ruhig in den Abfällen, welche zwischen den Latten des Hausflurs herabfielen, einen Leckerbissen, und dasselbe thaten die Hühner. Ich frug also meine Krankenwärter, was dieser Rückzug bedeute, der mehr eine übereilte Flucht, als ein ehrenhafter Rückzug war. »Haben Sie nicht »Amok« rufen gehört?« bekam ich zur Antwort. Dies war nicht der Fall. Der Patient hatte beim Ansehen des Troicart einen unwillkürlichen Angstschrei ausgestossen, weil er sich vor dem Stiche fürchtete; seine Frau hatte ebenfalls unwillkürlich und reflectorisch dasselbe gethan; meine Krankenwärter hielten diese zwei Schreie für »Amok«, ergriffen die Flucht und zogen mich mit, der keine Ahnung von der Gefahr hatte, welche mir in der Einbildung dieser Helden (?) drohte.
Ich hatte nämlich schon früher vom »Amok rufen« hin und wieder sprechen gehört. Nach dieser Zeit hatte ich einige Male Gelegenheit, mit dieser Sache mich zu beschäftigen. In der ursprünglichen Bedeutung des Wortes (amoq = Mord) hört man es beinahe jeden Tag gebrauchen; wenn zwei Soldaten raufen und einer von ihnen zieht das Messer, wird durch Schlagen auf den Holzblock in dem Wachthause die Polizei herbeigerufen, und dann spricht man von Amok; ein eifersüchtiger Ehemann prügelt seine untreue Frau, welche so fürchterlich schreit, dass wieder von Amok gesprochen wird u. s. w. Aber das eigentliche »Amok machen« bedeutet eine Mordmanie: Der betreffende Malaye läuft wie ein Rasender durch die Strassen mit einer Waffe in der Hand (in der Regel mit einem Kris) und stösst jedem, der ihm entgegenkommt, Alt oder Jung, Mann oder Frau, Feind oder Freund, das Messer in die Brust, ohne sich weiter aufzuhalten, oder nach seinem Opfer sich umzusehen, so lange, bis er von der herbeigeeilten Menschenmenge erstochen oder auf andere Weise unschädlich gemacht ist. Allgemein wird behauptet, dass dieses unter dem Einfluss des Opiumrauchens geschehe. Der eine Fall, welchen ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, betraf einen Mann von ungefähr 30 Jahren. Seine Verwandten erzählten mir, dass er schon eine Woche vorher am Fieber gelitten habe und dass ihn offenbar der Teufel (setan) gepackt hätte, weil er immer ein ruhiger, gelassener und ordnungsliebender Mann gewesen sei. Da er an dem bewussten Tage kurz vor seinem Anfall von Raserei hohe Temperatur hatte (»er war glühend heiss«, erzählte mir seine Frau), so war zweifellos das Fieberdelirium der Anlass zu diesem »Amok machen«. Man sieht in diesem »Amok machen« oft einen eigenthümlichen Selbstmordversuch, weil sie beinahe immer ermordet werden; Menschen also, welche des Lebens überdrüssig sind, würden Amok laufen, um so ihr Ziel zu erreichen, d. h. ohne eigentlich Hand an sich zu legen, von der Last des Lebens befreit zu werden, und doch der Freuden des Himmels theilhaftig zu werden, welche den Selbstmördern versagt bleiben. Oft wird behauptet, dass Rachsucht das Motiv der »Amokmacher« sei, dass der Beleidigte durch Opiumrauchen sich den Muth verschaffe, gerade wie die Europäer durch Schnaps dies thun, und dann mit seinem Feinde noch andere unschuldige Opfer treffe. Wenn ich noch hinzufüge, dass bei Frauen das Amok machen niemals vorkommt, dass Rasch es für eine Mania transitoria auf epileptischer Basis hält, so habe ich alles mitgetheilt, was mir hierüber bekannt wurde.
Wie gesagt, bestand das »Amokrufen« in unserem Falle nur in der Phantasie meines Gefolges; wenigstens niemals habe ich gehört, dass unter den Dajakern diese Volksunsitte herrsche, obzwar ich 3½ Jahr unter ihnen gelebt habe, und alle Fälle, welche mir bekannt wurden, waren von echten Malayen (Buginesen oder Maduresen u. s. w.) ausgeführt. Vielleicht glaubte mein malayischer Krankenwärter nur, dass es am sichersten sei, sobald als möglich aus diesem Kampong wegzukommen, und hat also zu diesem Mittel seine Zuflucht genommen. Er war zu dieser Furcht gewissermaassen gerechtfertigt, weil wir damals jede Woche, einmal von dem Residenten, das zweite Mal vom Militär-Commandanten, die Warnung erhielten, vorsichtig zu sein. Im Jahre 1873 hatte der damalige Häuptling Mangkosari den Argwohn der Holländischen Regierung so erregt, dass sie dem damaligen Militär-Commandanten von Teweh den Auftrag gab, ihn dafür zu tadeln u. s. w. Dieser liess ihn ins Fort kommen und zeigte eine solche Vertrautheit mit den verrätherischen Plänen dieses Häuptlings, dass er für die Sicherheit seiner Person bange wurde, über die Palissade hinweg ins Freie sprang und sich nie mehr sehen liess. Es wurde also ein anderer zum Häuptling der »Boven Dusson« ernannt, und zwar sein früherer Schreiber Namens Dakop, welcher ein Malaye war. Drei Jahre hat auf diese Weise Mangkosari im Gebirge gelebt, und erst Anfang 1876 war er zurückgekommen und hat die Holländische Regierung um Vergebung gebeten. Nun hatte Dakop sowohl als Malaye und Mohammedaner, als auch durch jeden Mangel einer ausgesprochenen Individualität absolut keinen Einfluss in dieser Gegend. Mangkosari dagegen war ein Dajaker von Geburt und Religion, war ein Neffe des Antasari, welcher im Jahre 1859 mit Suropatti in dem Aufstand gegen die Holländer eine grosse Rolle gespielt hat, er war schlau, intelligent, muthig und reich, und doch ... hat ihn die damalige indische Regierung nicht in sein früheres Amt eingesetzt; sie hat ihn aber auch nicht nach Bandjermasing kommen lassen, um sich zu rechtfertigen für sein früher verrätherisches Treiben, sie hat ihn auch nicht gefangen nehmen lassen; was denn? sie gab ihm Pardon und liess ihn »als Bürger und als Kaufmann« unter einem Häuptling leben, welcher früher sein Schreiber war!! Welcher Missgriff einer Regierung!
Dies alles war die Ursache, dass wir jede Woche gewarnt wurden, vorsichtig zu sein, weil Mangkosari »ein solcher verrätherischer Mann« sei. Was sollten solche warnenden Worte für mich jedoch bedeuten? Sollte ich niemals das Fort verlassen und höchstens vor der Palissade und auf der Schiessstätte spazieren gehen, welche sich im Norden an die Festung anschloss? Sollte ich +ausserhalb+ des Forts niemandem meine ärztliche Hülfe leisten? Das eine wäre zu langweilig, das andere inhuman gewesen. Nebstdem erfreute ich mich der Freundschaft (?) des Mangkosari, dem ich viel verdankte; er führte mich in die Religion und Liturgie der Dajaker ein; ihm verdankte ich ausführlichen Bericht über das Leben und Treiben der Waldmenschen (Olo-Ott); ja, er erklärte sich s. Z. selbst bereit, mir das Skelett oder die Leiche eines +Schwanz+menschen zu besorgen, wenn es mir gelänge, ihm volle Begnadigung zu erwirken, so dass er wieder Districts-Häuptling werden würde. Ich wandte mich auch an den Residenten, als er im Jahre 1878 in Teweh war, aber bekam zur Antwort: Mit solchen Sachen bemühen wir uns nicht. In dieser Frage gab ich mir damals viel Mühe, ohne zu einem Resultate in positiver oder negativer Richtung zu gelangen. Jedermann behauptete nämlich deren Existenz; ich bot darum 1000 Fl. für das Skelett eines solchen Menschen; ein Chinese bot sich mir an, ein solches zu holen, wenn ich ihm einen Reisevorschuss von 3-500 Fl. geben wollte.
Dazu konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich mit mehr oder weniger Recht fürchten musste, dass der Chinese nicht weiter als bis um die nächste Ecke des Stromes fahre, dort einige Tage liegen bleiben würde und dann mit einer oder der anderen fabelhaften Erzählung, aber ohne das gewünschte Skelett zurückkommen würde. Das Anerbieten Mangkosaris jedoch war so bestimmt, dass ich unmöglich die Existenz in das Reich der Fabel verweisen konnte. Ich habe jedoch keinen solchen Schwanzmenschen gesehen; ich darf also von der Existenz dieser Menschen als Thatsache nicht sprechen. Nach allen gewonnenen Berichten sollten diese Menschen zwischen dem Quellengebiet des Baritu und dem des Mahakamflusses wohnen und ein Rudiment von einem Schwanze haben, der ungefähr 2-3 cm lang sei, so dass sie, wenn sie auf dem Boden hocken, eine Grube in dem sandigen Boden zurücklassen. +Ich muss jedoch bemerken, dass nach der Ansicht einiger Bewohner von Teweh die Schwanzmenschen -- ein Schimpfwort für die primitiven Menschen des genannten Gebietes sein sollte.+[6] Der Zufall kann manchmal auch ein Schalk sein. Zur Zeit, als ich mich mit dieser Frage beschäftigte, kam ein javanischer Soldat zur Reengagirung zu mir. Beim Assentiren sah ich gerade am Ende der Wirbelsäule einen -- Schwanz (?). Ich rief schon mein heureka; als ich jedoch den Zusammenhang des Schwanzes (?) mit der Wirbelsäule untersuchte, sah ich, dass es nur ein cornu cutaneum (= Hauthorn) war, welches mit dem Steissbein in gar keiner Verbindung war.
4. Capitel.
Fischschuppen-Krankheit -- Tigerschlange -- Schlangenbeschwörer -- Gibbon -- Kentering -- Beri-Beri -- Simulanten beim Militär -- Mohammedanisches Neujahr -- Tochter von Mangkosari -- Kopfjagd -- Pfeilgift -- Genesungsfest -- Gesundes Essen -- Früchte -- Indische Haustoilette -- Wüthende Haushälterin -- Dysenterie -- Gewissenlose Beamte -- Missionare.