21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo.

Part 24

Chapter 243,259 wordsPublic domain

Die Beschneidung der Frauen geschieht sehr geheim, im Gegensatze zu der bei den Knaben. Eine Dukun, vielleicht am besten zu vergleichen mit einer Hebamme, welche jedoch die Behandlung +aller+ Krankheiten auf sich nimmt und besondere geschickt im Massiren (pidjet) ist, und ihr Meisterstückchen in der Verhinderung der Conception thut, ritzt in der Regel mit einem gewöhnlichen Messer das Präputium der Clitoris; bei übermässiger Länge des letzteren jedoch amputirt sie. Aus Autopsie weiss ich von dieser Operation nichts zu erzählen. Bei allen festlichen Gelegenheiten wird ein Festessen (slametan) gegeben, zu dem auch die Europäer eingeladen werden; nur nicht bei dieser Gelegenheit. Dies ist die Hauptursache, dass der europäische Nachbar ebenso wenig davon weiss, als z. B. der europäische Arzt, der die männlichen Verwandten eines Häuptlings und vielleicht auch seine Frau und Tochter im Krankheitsfalle behandelt.

Die Beschneidung der Knaben ist mit mannigfachen Ceremonien verbunden und unterscheidet sich in der Wahl der Instrumente, in der Methode u. s. w., je nach Insel und Theilen der Insel und den Vermögensverhältnissen des Vaters. Das Folgende ist entnommen der Beobachtung bei einem Javanen im Innern Javas (in Magelang) und bei dem Sohne eines angesehenen Häuptlings (eines Pâtih). Dieser Mann hatte (offenbar in Folge einer schlechten oder gar nicht ausgeführten Circumcision) eine atrophische Phimosis, die Verhaut war zum grössten Theile mit der Glans verwachsen; auch einer seiner Söhne hatte, wie ich später sah, eine partielle Verwachsung des Präputiums mit der Glans. Vielleicht wusste er, dass der mohammedanische Beschneider bei der kleinsten Abweichung sich nicht zu helfen wisse, vielleicht wollte er von der localen Anästhesie Gebrauch machen lassen, genug, er ersuchte mich, den europäischen Arzt, die Circumcision bei seinem Sohne vorzunehmen. Auf meinen Einwand, dass er vielleicht hierdurch den Unwillen der mohammedanischen Geistlichkeit auf sich ziehen könnte, bemerkte er: Es ist nirgends vorgeschrieben, wer diese Operation machen müsse, wenn sie nur zur rechten Zeit gethan werde. Gar so sicher fühlte er sich später in dieser Behauptung nicht; denn ein paar Tage vor der Beschneidung zog er seine Bitte so weit zurück, dass ich die Operation selbst dem Hadji (mohammedanischen Priester) überlassen sollte, den Knaben jedoch vorher local anästhesiren und die Nachbehandlung auf mich nehmen sollte. Wie wir sehen werden, geschah dies zu seinem Glücke.

An dem Tage der Operation sah ich eine grosse Schaar von Hadjis ein Zelt umgeben, welches, aus Tulle bestehend, einen kleinen viereckigen Raum umschloss mit einem kleinen Tischchen und einem Stuhle. Auf dem Tischchen standen verschiedene Fläschchen, darunter eines mit Cocain und eine silberne Schale zum Auffangen des Blutes. Unter dem Klange zahlreicher Tamburins und dem monotonen Gesange der Hadjis ging der Candidat in die Hütte und stellte sich zwischen die Beine eines Hadji, welcher auf dem Stuhle sass und ihn mit seinen Armen umschlang. Ein zweiter Hadji hockte auf dem Boden und bemühte sich, mit einem Stäbchen von der Dicke und Form einer dicken Stricknadel, den Präputialraum zu umkreisen; obzwar ihm dieses nicht gelang, wie ich später sah, hob er doch eine kleine Falte in die Höhe, brachte dahinter ein in der Form einer anatomischen Pincette gebogenes Rottanstück und that zwischen dieser Pincette und dem Stäbchen einen Schnitt, offenbar in der Absicht, einen Zwickel auszuschneiden, vielleicht in der Weise, wie +Bardeleben+ die Excision der Vorhaut beschreibt. Diese war ihm jedoch nicht gelungen; er hatte nur ein Stückchen Epidermis von dem äusseren Blatte abgeschnitten. Enfin, ich bekam den kleinen Mohammedaner zur weiteren Behandlung und vollführte -- lege artis -- die Incision. Unterdessen wurden noch 8 andere Knaben (Söhne aus dem Gefolge) beschnitten, bei welchen die obengenannten Schwierigkeiten natürlich sich nicht einstellten. Wie ich später sah, war bei ihnen ein grosses, beinahe dreieckiges Stück vom Präputium ausgeschnitten, das äussere Blatt hatte sich zurückgezogen, und auf das innere Blatt hatten sie ein graues feines Pulver gestreut. Dieses Pulver rührt von dem Neste der Wespen her, welche sich auf alten Bambushecken ansiedeln. Es wird in grosser Menge auf das eine Blatt gestreut, bleibt sitzen, bis es mit der feinen zarten Membran eingetrocknet abfällt. +Ein Verband wird nicht angelegt+; um jedoch die Wunde vor dem Reiben des Unterrockes (Sarong) zu schützen, wird ein Horn in der Form unserer Schuhlöffel (bei den Armen wird ein Stück der Cocosnussschale in diese Form geschnitten) an dem Bauche über dem Penis befestigt und darüber der Sarong gefaltet. Der Ruhe pflegen die Patienten nur so weit, dass sie nicht laufen.

Dem Europäer ist es ein pittoreskes Bild, einen javanischen Knaben von ungefähr 13 Jahren, gefolgt von einigen Schicksalsgenossen, langsam und mit gespreizten Füssen gehen zu sehen, mit einem bunten Wedel in der Hand, ein Bedienter trägt über seinem Haupte den Sonnenschirm (pajong), und in der Gegend der Symphysis pubis wird das mit dem Sarong bedeckte Horn sichtbar, um gleichsam urbi et orbi zu verkündigen und ad oculos zu demonstriren, dass der Knabe Mohammedaner und +Mann+ geworden sei.

Von anderen Operationsmethoden weiss ich nur vom Hörensagen; so zum Beispiel wird an Stelle eines gewöhnlichen groben eisernen Messers, welches in unserem Falle gebraucht wurde, ein Stück scharfen Bambus gebraucht. In anderen Orten wird keine Excision, sondern eine Circumcision lege artis gemacht; zu diesem Zwecke wird das Präputium in eine Zange gefasst, welche aus zwei Stäbchen besteht, die mit zwei Ringen aus Rottang aneinander gepresst werden. Das hervorragende Präputium wird dann abgeschnitten. Dieses sind die häufigsten landläufigen Erzählungen über die rituelle Circumcision bei den Bewohnern der Sundainseln.

11. Capitel.

Das „Liebesleben“ bei den Waldmenschen, Dajakern, Malayen und Europäern -- Aphrodisiaca -- Abschied von Borneo -- Bandjermasing nach 100 Jahren.

Ein Lieutenant, welcher gegenwärtig einen hohen Rang in der indischen Armee einnimmt, liebte es, in müssigen Stunden zu -- philosophiren (?) und bezeichnete vor vielen Jahren den Genuss der sinnlichen Liebe als denselben, welchen wir bei einem ergiebigen Stuhlgang hätten, mit andern Worten, er gab der sinnlichen Liebe dieselbe Basis als den übrigen Entleerungen des Körpers!! Zu einer so trivialen und so gemeinen Benennung der sinnlichen Liebe hat sich meines Wissens noch kein Materialist erniedrigt, der nur jemals einen wissenschaftlichen Gedanken in seinem Gehirn ausbrütete; denn die Endproducte des Stuhlganges sind, wenn nicht schädliche, doch gewiss überflüssige Producte, während die der sinnlichen Liebe das Schönste, Grösste und Mächtigste schaffen, das das ganze Weltall kennt: ein neues organisches Wesen. Nur als Curiosum habe ich also den Ausspruch dieses Officiers erwähnt und als Beweis, wie weit sich Menschen verirren können, wenn sie mit materialistischen Ideen prunken wollen; gerade wie es widerlich ist, wenn manche Leute als Gottesleugner mit ihren atheistischen Ideen sich brüsten.

Es ist ein heikles Thema, die Liebe der Naturvölker zu besprechen, schildern und unter dem Secirmesser der Kritik zu betrachten; ich kann jedoch nicht mit Stillschweigen darüber hinweggehen, weil in Indien so zahlreiche unrichtige Ansichten über das +Gefühlsleben+ der Eingeborenen im Allgemeinen colportirt werden.

Die stehende Phrase, welche gern von Europäern gebraucht wird, ist: Der Malaye ist gefühllos; nichts ist unrichtiger als dieses. +Sie fühlen+, aber es gehört nicht zum guten Ton, seine Gefühle zu zeigen, sondern sie zu verbergen.

Eines Tages wurde ich zu einem Fürsten gerufen, dessen Sohn vom Baume gefallen war und sich den rechten Vorderarm gebrochen hatte; wenige Minuten vorher war der Vater abgereist, und es gelang meinem Kutscher, den Reisewagen einzuholen und ihn zurückzurufen. Ich ging ihm entgegen, um ihm in schonender Weise von dem Vorgefallenen die Details mitzutheilen. So lange wir im Garten, umgeben von seinem Gefolge, waren, bewahrte der Regent seine unerschütterliche Ruhe, und keine Regung verrieth in seinem Gesichte, in seinen Worten und in seiner Haltung das väterliche Mitgefühl; kaum waren wir jedoch im Zimmer, befreit von den neugierigen Blicken des Gefolges, als sein Vaterherz mit +erregten+ Worten von mir die Prognose, den Verlauf der Krankheit, ihre Dauer u. s. w. zu wissen verlangte.

Auch das Liebesleben der Malayen entzieht sich ganz dem Urtheile der Europäer, weil sie jede Liebesäusserung coram publico als unsittlich perhorresciren; man kann Jahre lang verheirathete Bediente in seinem Hause haben, ohne sie einen Händedruck, einen Kuss oder nur die geringste körperliche Berührung wechseln zu sehen, obwohl sie den ganzen Tag bei der oben beschriebenen Bauart des Hauses dem controlirenden Auge der Hausfrau und der Nachbarn ausgesetzt sind. Ich für meine Person habe z. B. noch niemals einen eingeborenen Mann eine Frau küssen gesehen, so dass ich nur von Mittheilungen anderer diesen Vorgang kenne; es soll, wie das Wort tjîum schon sagt, eine Art von Beschnüffeln sein (tjîum heisst nämlich ursprünglich riechen).

Ich muss es also wiederholen, dass nur scheinbar die »Gefühllosigkeit« der Malayen besteht, und dass diese Völker ebenso innig lieben und leidenschaftlich hassen können; ja noch mehr. Die Liebe erfasst in ihrem Sinnesrausch diese Menschen noch mächtiger als die Europäer. Gewiss die Hälfte der Morde geschieht im Feuer des Liebesrausches oder der Eifersucht, und das französische Sprichwort: Cherchez la femme, hat in der malayischen Sprache ein Synonym und zwar: Perkâra parampuwan = Affaire (durch) Frauen. Während in Europa der Raubmord, der Mord aus Gewinnsucht viel häufiger vorkommt als der aus Eifersucht, sehen wir bei der malayischen Rasse umgekehrt die Liebe viel häufiger den Dolch in die Hand des Eifersüchtigen drücken als die Habsucht.

Vor einigen Jahren lockte eine öffentliche Dirne in Triest einen jungen Mann in ihre Wohnung, und während sie auf seinem Schoosse sass und ihn liebkoste, legte sie, wie sie sagte, scherzend eine Schlinge um seinen Hals. Plötzlich sprang sie jedoch auf, und ihr Liebhaber, welcher in demselben Zimmer verborgen war, fasste die Schlinge mit kräftiger Hand und erwürgte diesen jungen Mann!!

Darauf wurde der Leichnam seiner ganzen Habe beraubt!! Einen solchen feigen und gemeinen Mord +kann+ ein Malaye unmöglich thun. Der Malaye wird in der Eifersucht den Kris ziehen und seinen Nebenbuhler durchbohren; er wird vielleicht, um Geld zur Befriedigung seiner Leidenschaft zum Spiele und zur Liebe zu bekommen, einen Raubmord thun; er wird vielleicht, um seinem Hasse zu genügen, Amok laufen; aber die Engelmacherei -- kennt er nicht. Eine malayische erzürnte Mutter wird in der ersten Aufwallung ihres Zornes ihr Kind zwicken oder bei den Haaren ziehen; niemals jedoch wird eine malayische Frau durch Wochen langes Martern oder Hungern-Lassen ein Kind dem gewissen Tode weihen, wie man es so oft in Europa erzählen hört. Von solchen Fälschungen, wie sie die Dreyfussaffaire ans Tageslicht brachte, schweigt wahrscheinlich die Geschichte der Intriguen auf den Höfen von Djocja, Kutei u. s w. Die Auswüchse der europäischen Civilisation haben, mit einem Wort gesagt, die primitiven Sitten der malayischen Bevölkerung noch nicht verdorben.

Doch ad rem.

Die Waldmenschen kennen, wie mir im Jahre 1879 der Fürst von Murong und Siang mittheilte, kein fesselndes Band der Ehe; sie leben in einzelnen Familien, und ihre erwachsenen Kinder vereinigen sich wieder ohne den Segen eines Priesters und ohne Zustimmung irgend eines andern Häuptlings als ihres Vaters. Ihr Geschlechtsleben sei dasselbe wie das eines Schweines (Babi). Das ist alles, was ich von diesem dajakischen Häuptling über das Geschlechtsleben dieser primitiven Menschen zu wissen bekam. Auch hätten diese keine Geschlechtskrankheiten, wie ich schon früher mitgetheilt habe. Da dieser Häuptling nur im geringen Maasse der malayischen Sprache mächtig, und mein Dolmetsch (der Häuptling von Teweh) kein vertraubarer Berichterstatter war, musste ich davon absehen, nähere Details über das »Liebesleben« der Waldmenschen von Borneo zu erfahren.

Der Dajaker »heirathet« zwar, und grosse, langdauernde Feste geben dem Trauacte eine feierliche Weihe (??), aber die Basis ihrer Ehe ist die Liederlichkeit, die Sittenlosigkeit, welche die Dajaker selbst unter die Affen tief sinken lässt.

Der Dajaker heirathet nur, um eine kürzere oder längere Zeit den Gebrauch der Frau sich zu sichern, sei es als Krankenwärterin, sei es zur Befriedigung seiner thierischen Gelüste, oder sei es zur Erhöhung seiner Einkünfte. Wenn seine Frau einem anderen Manne Fallstricke legt -- der Ehebruch wird ja mit dem Tode bedroht, aber nicht thatsächlich bestraft, -- so wird er nicht nur mit Vergnügen das erhaltene Bussegeld in Empfang nehmen, sondern wird sich auch dessen rühmen, dass er eine so pîntare[66] Frau besitze, und dass sie schon zwei- oder dreimal diesen genialen Streich ausführen konnte u. s. w.

Schon die Vorbedingungen der Ehe sind unmoralisch. Der Dajaker erwartet von seiner Frau gar nicht die Jungfräulichkeit, selbst wenn er mit seiner zukünftigen Frau verlobt wurde, als sie noch Kind war.

Die dajakische Frau weiss aber auch, dass ihr zukünftiger Mann nicht jung heirathen würde, dass er vor der Ehe alle Laster von Sodom und Gomorrha geübt habe, und dass die Ehe ihr nur einen früh gealterten, kraft- und saftlosen Mann bringen werde.

Der Dajaker und die dajakische Frau stehen in ihrem Geschlechtsleben, wie gesagt, tief unter den Affen.

Ich hatte in Teweh ein Affenhäuschen und hatte daher Gelegenheit, auch in dieser Richtung die Affen beobachten zu können. Sie sind Onanisten im hohen Grade. Ich hatte einen kleinen Schweinsaffen, welcher Stunden lang an seinem Präputium saugte; ich bestreute dasselbe mit dem bittern Chinin, um ihn von dieser Gewohnheit abzubringen; ich amputirte das Präputium, welches durch das stete Zerren stark hypertrophisch geworden war. Nichts half jedoch; er ging tabetisch zu Grunde. Der Affe ergiebt sich in verschiedenen Weisen dem Genusse der gereizten Geschlechtsnerven; aber der Dajaker -- übertrifft ihn.

Die dajakische Frau gebraucht den Balak, d. i. ein künstlicher mit Wachs überzogener Penis, und der dajakische +Mann+ ist stolz, mit einem Priester (Basir) ein eheliches Leben führen zu können! Dr. van der Burg erzählt, dass die Dajaker »den Penis mit einem Stückchen Holz oder Bein durchbohren und an den freien Enden hölzerne Kügelchen befestigen, mit dem Zwecke, die innere Fläche der Vagina zu reizen und dadurch stärkere Contractionen von dem Constrictor cunni zu bekommen. Ein so ausgerüsteter Penis befindet sich u. a. im pathologisch-anatomischen Cabinet des Militärhospitales in Weltevreden.«

Dieses Präparat habe ich in Weltevreden nicht gesehen, weil ich nicht daran gedacht habe, es zu suchen; ich habe aber auch von diesem Instrumente zur Zeit meines Aufenthaltes in Borneo kein Exemplar gesehen und auch nicht davon sprechen gehört (auch Perelaer reiht die Existenz dieses Instrumentes in das Reich der Fabel); ich schenke jedoch den Mittheilungen des Dr. van der Burg Vertrauen, weil ich ihn einer solchen Lüge unfähig halte und weil -- es in den Rahmen des liederlichen Lebens der Dajaker passt und ein Analogon ist zu dem bei andern Nationen des indischen Archipels gebräuchlichen Verfahren, einen Büschel Pferdehaare um den Penis zu knüpfen, um den Geschlechtsgenuss der Frau zu erhöhen.

Den Schleier des ehelichen Lebens der Dajaker will ich nicht aufheben, weil es sich nur wenig von dem Geschlechtsleben der unverheiratheten Männer und Frauen unterscheidet. Bei den zahlreichen und lange dauernden Festen wird ja unter dem Einflusse des Tuwak jeder Unterschied zwischen Alt und Jung, zwischen ledig und verheirathet vergessen, und wenn ich einen Schluss mir erlaube von dem, was ich selbst gesehen habe, auf das, was mir mitgetheilt wurde, so ist es vielleicht besser, wenn ich den Schleier nicht weiter lüfte.

Die Malayen der Insel Borneo sind Mohammedaner, und als solche tragen sie die Keuschheit äusserlich in höherem Maasse zur Schau als die Europäer. Ihre Polygamie ist gesetzlich geschützt; aber ihre Leidenschaft ist zügellos, weil der Geist der mohammedanischen Religion in sie nicht gedrungen ist, und ihnen eine höhere Bildung fehlt, welche ihrem Geiste eine andere Nahrung giebt, als die Sorge für die Liebe und das Würfelspiel. Nebstdem ist der Kampf ums Dasein in der üppigen Natur der Tropen ein leichter; die Sorge um das tägliche Brod beherrscht in Borneo, ebenso wie auf den übrigen Inseln des indischen Archipels, nur ausnahmsweise den einfachen Kampongbewohner; um 10 Kreuzer sind seine täglichen Bedürfnisse gedeckt, und wenn der Bauer in seiner freien Zeit sich als Kuli vermiethet, so erhält er 15-20 Kreuzer pro Tag und ist im Stande, damit selbst den Unterhalt für seine Frau und Kind zu decken; denn sein Feld giebt ihm genug Reis für seine ganze Familie; die Hühner und Enten bereichern entweder seinen Tisch oder schaffen ihm durch den Verkauf der Eier einen kleinen Erwerb. Seine Frau webt sich allein den nöthigen Sarong oder bemalt den europäischen billigen Kattun in geschickter Weise mit den Farbstoffen des Landes, unter welchen der Indigo die erste Rolle einnimmt.

Das Gemeindeleben bringt nur zur Zeit der Wahlen einige Abwechselung in das eng begrenzte Geistesleben der Malayen; er concentrirt dieses also auf das Geschlechtsleben und auf das Spiel.

Dieses ist die wichtigste Ursache, dass der Malaye der Erhöhung des Geschlechtsgenusses im Allgemeinen eine hohe Sorgfalt zuwendet und mit der Wahl der Aphrodisiaca regelmässiger sich beschäftigt, als der Europäer.

Der grösste Theil der Aphrodisiaca, welche der Malaye gebraucht, sind Arzneien, Früchte, Fische u. s. w., welche die Dauer des Genusses verlängern sollen; es besteht aber ein Unterschied zwischen dem malayischen und europäischen Wüstling. Dieser gebraucht z. B. die Diablotins, um die Zahl der Opfer in einer Nacht zu vergrössern; der Malaye jedoch rühmt sich mehr, das Quale erhöht zu haben. Der europäische Don Juan schwelgt bei der Erinnerung an eine Nacht, in welcher er 4-5, vielleicht 6mal am Altare der Liebe hätte sein Opfer darbringen können, der Malaye jedoch, und noch mehr der Javane oder der Halbeuropäer, wetteifern in der Dauer eines solchen Opfers; ¼ Stunde im Tempel der Venus jedesmal weilen zu können, ist das Ziel des malayischen Liebhabers. Ein zweiter Unterschied charakterisirt den malayischen Schwelger; in seinen ruhmredigen Gesprächen gedenkt er des langdauernden Genusses, welchen er der +Frau+ geboten hat, und lässt seine Person erst die zweite Rolle spielen, während der europäische Grosssprecher nur von seiner und nicht seiner Frau Leistungsfähigkeit spricht. Die Mittel, welche sie dazu gebrauchen, stammen aus der Pflanzen- und Thierwelt, und -- Massage und Gymnastik. Die Gymnastik führt das halberwachsene Mädchen in die Schule der Liebe, die Medicamente sollen dem reifen Mannesalter seine Kräfte erhalten und dem beginnenden Greisenalter mit Hülfe der Massage den letzten Funken des männlichen Feuers erhalten.

Die Zahl der Aphrodisiaca ist gross; die Tripang, Schwalbennester, schwere Weine, zahlreiche Fischsorten, aromatische Kräuter, welche als Kataplasmen gebraucht werden; Pferdehaare, welche in den sulcus glandis mit hervorragendem Ende gebunden werden; der Penis von einem Kaiman oder einer Seekuh (Halicore Dugong) werden getrocknet zu einem Pulver gerieben und mit Wasser getrunken; die Eier der Schildkröten, die Stacheln der Haie; einige Sorten Käfer, welche das Pfeilgift legèn liefern sollen (??); einige Früchte,[67] Austern u. s. w. u. s. w. sind die am meisten gebrauchten. Ich hatte Gelegenheit, wenigstens den Einfluss des reichlichen Fischessens auf die Energie der Männer zu beobachten. Im Süden Javas, und zwar im Westen von dem Hafenplatz Tjilatjap, befindet sich ein kleines Dorf auf Pfahlbauten; der Meerbusen, an dessen Ufer dieses Dorf steht, heisst das Kindermeer (Kinderzee); die Fruchtbarkeit seiner Bewohner ist gross und -- der Einfluss der +ausschliesslichen+ Nahrung von den Fischen aus dieser Gegend liess sich auch bei den Europäern constatiren, welche sich dort aufhielten. Ob es eine einzelne Species der zahlreichen Fischsorten, oder im Allgemeinen das starke Consumiren der Fische war, was die Geschlechtslust der Männer in so hohem Maasse erregt, weiss ich natürlich nicht zu sagen; aber wahrscheinlicher ist, dass die eiweissreiche Nahrung auf den Organismus kräftigend und stärkend wirkt, so dass Männer und Frauen unter den günstigsten Lebensbedingungen leben und also auch im höchsten Grade fortpflanzungsfähig sind.

Wenn ich nun auch das Geschlechtsleben der Europäer in den Tropen mit einigen Worten bespreche, so bin ich mir der Schwierigkeiten bewusst, welche damit verbunden sind; denn nur die Erfahrung aus +wenigen+ Fällen kann das Thatsächliche meiner Mittheilungen sein. Peccatur intra et extra muros Trojae. Ueberall wird gesündigt, in Europa und in Indien; aber unrichtig ist es, dass, wie so oft angenommen wird, in Indien die Europäer auf schlechtem Fusse mit der Moral im Eheleben stünden. Weil die Zahl der Europäer eine kleine ist, und weil die Wohnungen den ganzen Tag den neugierigen Blicken der Nachbarn exponirt sind, so werden die Sünden des Einzelnen schneller und leichter bekannt, als in Europa. Ich habe hier wie dort solide Ehemänner gekannt; ich habe in Indien ebenso viele Frauen gekannt, welche nicht der geringste Vorwurf einer ehelichen Untreue treffen konnte, als in Europa.