21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra.

Part 21

Chapter 213,368 wordsPublic domain

Das Wesen der Erkrankung wird Jeder zweifellos einer centralen Ursache zuschreiben, wenn er jemals eine solche Scene unbefangen beobachtet hat. Die Patientin imitirt heftig erregt die suggerirten Bewegungen, wenn sie gleichzeitig ausgeführt werden; sie muss diese sehen, hören oder fühlen (wie +Rasch+ von den Fällen auf Siam mittheilt); es muss also ein peripherer Reiz vorhanden sein; gleichzeitig muss aber auch Suggestion vorhanden sein, d. h. willkürliche oder unwillkürliche, bewusste oder unbewusste Bewegungen und Aeusserungen der Umgebung werden nicht nachgeahmt, wenn die Patientin sich der Suggestion nicht bewusst ist. Darum sind diese Patientinnen weder gefährlich noch lästig in der Gesellschaft und füllen ihren Beruf vollkommen aus, so lange sie selbst nicht durch Andere belästigt werden; ich hatte fünf Jahre lang eine Köchin, welche gar keinen Schaden anrichtete, obwohl sie die Lâtahkrankheit hatte. Sobald die Suggestion eintritt, erschrickt die Patientin und stösst ein Schimpf- oder Fluchwort aus und wiederholt die Worte, die Töne und die Bewegungen, welche ihr suggerirt wurden. Der periphere Reiz vermittelt sofort dieselbe Muskelthätigkeit mit unwiderstehlichem Zwange; die Willenskraft ist in einem solchen Moment thatsächlich erloschen, aber eine Myospasmie können diese Reflexbewegungen unmöglich genannt werden. Bis jetzt haben wir es also nur mit Reflexbewegungen durch Suggestion zu thun, und zwar in analoger Weise wie die durch Nachahmung entstandenen epileptischen Anfälle. Das Typische des Krankheitsbildes ist also die unwillkürliche Action willkürlicher Muskeln +in dem Banne eines fremden Willens+. Die Lâtahkrankheit ist eine Krankheit, welche nicht so unvermittelt auftritt als Dr. N. annimmt, und ebensowenig steht sie im Zusammenhang mit der »unterdrückten Stellung« der malaiischen Rasse. Diese existirt eben nur in der Phantasie des Dr. N., wenigstens in so hohem Grade, dass sie als ätiologisches Moment im Entstehen irgend einer Nervenkrankheit benützt werden könnte. Eine russische Bäuerin erfreut sich viel geringerer Freiheit als eine javanische Bauersfrau; und wenn ein holländischer Säufer den im Schweisse ihres Antlitzes sauer verdienten Zehrpfennig seiner Frau abnimmt, so veranlassen alle diese Fälle gewiss kein endemisches Auftreten jener Krankheitsfälle, welche den Menschen zeitweise zum willenlosen Nachbeter jedes beliebigen Spassvogels machen. Es waren bei allen drei Fällen, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, +geistesschwache+ Individuen; alle drei hatten ein gewisses Lächeln constant um ihre Lippen, welches wir nicht nur bei Schwachsinnigen und Idioten finden, sondern auch häufig bei zahlreichen Frauen, welchen als summum der Lebensweisheit eingeprägt wurde, immer, überall und zu jeder Zeit ein liebenswürdiges Lächeln zu zeigen; ja noch mehr, diese Patienten haben einen eigenthümlichen Gesichtsausdruck, der zweifellos ein vermindertes Seelen- und Geistesleben vermuthen lässt, ohne dass wir sie, ich will es betonen, Idioten im vulgären Sinne des Wortes nennen können. Ich muss noch beifügen, dass bei Einigen verstärkte Sehnenreflexe, bei Anderen Paraphasie oder sogar choreatische Paraphasie und in einzelnen Fällen selbst Psychosen gefunden wurden. Sollte es nicht Hysterie sein??

III. Aphthae tropicae.

= Sariawan (M.) = indische Spruw (H.) = Hill diarrhoea (E) = Entero -- colique endémique (F.).

Diese Krankheit ist eine reine Tropenkrankheit; denn sie entsteht nur in den Ländern des tropischen Erdgürtels und heilt nur im gemässigten Klima. Sie ist eine +zymotische Krankheit+, d. h. sie entsteht durch einen leider bis jetzt unbekannten Fermentstoff. Ich kann hier unmöglich alle Entstehungsursachen, wie Erkältung, Unterdrückung von Schweiss und von Hautkrankheiten u. s. w., welche von anderen Berichterstattern angeführt werden, ausführlich besprechen und widerlegen; ich kann diese meine Ansicht über das Entstehen dieser Krankheit hinreichend mit dem Orte und der Art der Krankheit motiviren. Es ist nämlich der ganze Verdauungstractus +vom Munde angefangen bis zum Mastdarm erkrankt+, und ihr tödtlicher Ablauf ist durch eine Erschöpfung des Organismus in Folge der gestörten Verdauung bedingt. Es ist der Bacteriologie diese dankbare Aufgabe noch vorbehalten, den Krankheitserreger der indischen Spruw zu finden.

Der Jahresbericht von 1895, welchen der Sanitätschef der holländischen Armee veröffentlicht, theilt mit, dass im Quinquennium 1891-1895 34 europäische und ein eingeborener Soldat mit Aphthae tropicae in den Militärspitälern aufgenommen und behandelt wurden. (In demselben Zeitraume wurden 42642 europäische, 147 afrikanische und 31823 eingeborene Soldaten mit Malaria in den Spitälern verpflegt.) Dr. +van der Burg+ war in der Lage, 1420 Europäer und 196 Eingeborene aus diversen statistischen Rapporten zu erhalten, welche an dieser tropischen Krankheit in 34 Jahren gelitten haben. Es ist also zweifellos, dass die Eingeborenen zu dieser Krankheit eine bedeutend kleinere Disposition als die Europäer haben, und es liegt nahe, in der so verschiedenartigen Lebens- oder Ernährungsweise dieser beiden Rassen die Entstehungsursache dieser Krankheit zu suchen. Es ist sehr modern, den Alcohol so viel als möglich eine grosse Rolle in der Entstehungsgeschichte der verschiedensten Krankheiten spielen zu lassen. Aber obige Ziffern schliessen dies in unserm Falle ganz aus; im Jahre 1895 wurden von 17216 europäischen Soldaten neun, sage neun Mann wegen indischer Spruw in allen Militärspitälern aufgenommen; die Soldaten sind im Allgemeinen nicht durch eine antialcoholische Denkungsweise ausgezeichnet; aber auch die Thatsache, dass Frauen eine grössere Disposition als die Männer haben, befreit den Alcohol von dem Vorwurfe, diese Tropenkrankheit zu veranlassen. Auch das Quecksilber wurde in der Reihe der Schädlichkeiten genannt, welche diese Krankheit entstehen lassen sollen. Die Chinesen gebrauchen nämlich viel häufiger bei ihren petites misères de la vie das Quecksilber als die Europäer; es spielt das Quecksilber in dem Arzneischatz der chinesischen Doctoren und Apotheker eine bedeutende Rolle (ich besass vor Kurzem eine grosse chinesische Pille gegen »Erkältungen«, welche mit Zinnober bestreut war). Thatsächlich leiden auch unsere langgezopften Mitbürger auf Java ebenso häufig an »Seriavan« als die Europäer und viel häufiger als die Eingeborenen. Die Erfahrung bestätigt jedoch diese Vermuthung nicht. Wie oft behandeln europäische Aerzte Wochen, manchmal Monate lang, mit grösseren oder kleineren Pausen oft zwei bis drei Jahre lang Patienten mit Quecksilber, ohne dass diese die Spruw bekommen.

Ich will nicht weitere Theorien in der Aetiologie dieser Krankheit anführen; wir haben bis jetzt keine allgemein giltige Ursache für ihre Entstehung. Die Symptome dieser chronischen, oft Jahre lang dauernden, niemals epidemisch auftretenden +nicht contagiösen+ Krankheit sind folgende:

Die ersten Erscheinungen sind die der gestörten Magen- und Darmfunctionen: Abwechselnd ist der Appetit gut und manchmal schlecht; der Magen ist beinahe stets so stark mit Gasen erfüllt, dass die Kleider ein lästiges Gefühl erzeugen, und man z. B. die Weste, welche vor dem Frühstück geschlossen wurde, schon nach ein paar Stunden öffnen muss. Hin und wieder kommt es zum Erbrechen von sauerem Mageninhalt, manchmal von faden zähen Schleimmassen; der Stuhlgang ist unregelmässig und variirt zwischen tagelanger Obstipation und dünnen flüssigen Entleerungen +ohne Eiter und ohne Blut+. Schon nach wenigen Monaten zeigen sich am Rande der Zunge kleine rothe Pünktchen, und bald ist die ganze Oberfläche der Zunge erkrankt, so dass sie wie ein Stück rauhes Fleisch aussieht, welches mit Firniss überzogen wurde. (Das Epithel ist verschwunden und die Papillen der Zunge sind atrophisch geworden.) Oft genug sieht man kleine weisse Bläschen, welche schmerzhaft sind, und kleine Einrisse (fissuren) auf dem Rande der Zunge; dabei sind das Sprechen und das Essen und Trinken einzelner Speisen empfindlich. Bald wird auch die Leber kleiner und die Stuhlgänge werden arm an Gallenfarbstoff. Man findet entweder kleine harte graue Stücke (Scyballa) oder eine graue, weissliche, mit Schaum bedeckte breiige Masse und hin und wieder selbst ganz wässrige Entleerungen, wie man sie bei Cholerapatienten zu sehen gewöhnt ist.

Ich muss mich in der Aufzählung der übrigen Symptome an dieser Stelle einschränken -- ich schreibe ja nicht für Aerzte -- und will daher nur noch die für diese Krankheit charakteristischen Erscheinungen anführen, welche das traurige Leiden beendigen. Dabei schwebt mir das Bild eines Kaffeepflanzers vor Augen, den ich in Padang, wo diese Krankheit angeblich wegen der grossen Feuchtigkeit des Ortes besonders häufig vorkommen soll (?), untersuchen konnte.

Es war ein kleiner Mann, welcher blass, anämisch und schwach war; seine Zunge war durch Furchen in sechs Lappen getheilt, die Haut trocken und fahl; die Stimme matt; die Leber kaum zwei Finger breit nachzuweisen, der Blick gebrochen. Die meisten Speisen und Getränke verursachten ihm ein brennendes Gefühl im Munde und in der Speiseröhre; er litt an Diarrhoe, und seine Entleerungen glichen schmutziger sauerer Milch. Am meisten klagte er über Aufstossen von heisser stinkender Luft. Der Puls war klein und zählte 120 in der Minute, die Athemfrequenz war gross.

Der Herr X. war auf der Reise nach Europa begriffen, um dort Heilung seines schweren Leidens zu suchen und zu finden; es war zu spät. Der indische Ocean wurde sein Grab.

Vide: Aerztlicher Centralanzeiger Nr. 36, 1899.

IV. Tropenhygiene

nach dem Vortrage, gehalten am 8. März 1902 im naturwissenschaftlichen Verein „Lotos“ in Prag.

Wenn also das Tropenklima auf der Insel Java einer starken Bevölkerungszunahme nicht hinderlich war -- einerseits -- und andererseits die Eingeborenen gegenüber der kaukasischen Rasse keinen grossen Unterschied in der Widerstandskraft gegen die endemischen Krankheiten zeigen, dann glaube ich das Recht zur Behauptung zu besitzen, dass die Acclimatisation der Europäer auf Java auf die Tagesordnung der hygienischen Fragen gesetzt werden kann.

Ich behalte mir vor, diese Frage an anderer Stelle ausführlich zu besprechen und will heute nur ein Schema jener Principien entwerfen, welche in dieser Frage ein entscheidendes Wort sprechen. Landbaucolonien sind möglich, wenn die Lehren der Hygiene ebenso gewissenhaft befolgt werden, als die Gesetze des Rechtes, des Handels und der Politik. Das heisst:

1. Es muss eine verständige, langdauernde Vorbereitung des Organismus zur Gewöhnung an die neuen Verhältnisse stattfinden, so dass man beispielsweise nicht wie jener früher erwähnte englische Naturforscher +sofort+ ganz und gar die Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten der Eingeborenen annehme.

2. Man sei vorsichtig in der Wahl des Terrains. Man wird bei der Wahl desselben zuerst mit dem Hochgebirge, und zwar mit dem malariafreien Hochgebirge anfangen, um nach und nach zu den niedrigeren und zu den Strandplätzen zu gelangen.

3. Es muss für gesundes Wasser gesorgt werden (schon im Jahre 1623 erwähnt +Bontius+ in seinem Buche »De Conservanda« die zahlreichen Krankheiten, welche durch den Genuss von schlechtem Wasser entstehen).

Die Versorgung der Fäcalien darf nicht vernachlässigt werden.

Die Regierung sorge für gute Wege und Spitäler, für wissenschaftliche und praktische Entwälderung und für neue Anpflanzungen in sumpfigen Gegenden und für Epidemiegesetze, welche nicht von europäischen Aerzten zusammengestellt werden (wie es bis jetzt der Fall ist), sondern von Aerzten, welche in Indien ihre Erfahrungen gesammelt haben (so dass z. B. nicht von Scharlach gesprochen wird, welcher in Indien überhaupt nicht vorkommt, und von Masern, welche dort so günstig verlaufen, dass ein Sterbefall zur Ausnahme gehört).

4. Die Pflege der Haut werde nicht vernachlässigt, weil durch die starke Transpiration der Feuchtigkeitsverlust des Körpers durch die Haut gross und die Secretion der Nieren gering ist.

5. Die Kleidung muss sich streng nach den jeweiligen Temperaturverhältnissen und denen des jeweiligen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft richten.

6. Die Monotonie des geistigen Lebens werde unterbrochen dadurch, dass man neben seinem Berufe andere Liebhabereibeschäftigungen sucht.

7. In allen Genüssen des Lebens gedenke man des lateinischen Sprichwortes »Ne nimis« und, was den Gebrauch des Alcohols angeht, so täusche man weder sich noch Andere mit dessen Nothwendigkeit. +Die totale Enthaltung von Alcohol ist in Indien noch immer gesünder, als der übermässige Gebrauch desselben, ja selbst der bescheidene Gebrauch.+

8. Die Wohnungen müssen allen Anforderungen der Hygiene entsprechen.

* * * * *

In der darauf folgenden Discussion ergriff Prof. +Hueppe+ das Wort, um zunächst die Thatsache zu constatiren, dass bis jetzt nirgends eine Acclimatisation der Europäer in den Tropen stattgefunden habe; selbst in den spanischen Colonien, welche am längsten diesbezüglich geeignetes Material verwendet haben, hätten sich die Europäer nur bis in die dritte Generation fortgepflanzt.

Hierauf betonte er mit Nachdruck, dass auch seiner Ansicht nach die Europäer in den Tropen ein hohes Alter erreichen können, dass aber diese +individuelle+, auch von mir mitgetheilte Acclimatisation nichts mit der Acclimatisationsfähigkeit der Europäer als +Genus+ zu thun habe.

Die Motivirung dieser Behauptung brachte jedoch Prof. +Hueppe+ nicht und wies nur darauf hin, dass die +Haut+ der Europäer in den Tropen niemals den veränderten klimatischen Verhältnissen sich angepasst habe.

Die Haut hat, abgesehen von ihrer Bedeutung als äussere Bedeckung, eine dreifache Arbeit zu leisten; sie ist ein Factor in der Athmung, sie sondert Fett auf die Oberfläche des Körpers ab und secernirt den Schweiss.

Ein qualitativer oder principieller Unterschied in diesen Functionen der menschlichen Haut in den Tropen ist mir weder aus eigener noch aus den experimentellen Untersuchungen Anderer bekannt.

Ein quantitativer Unterschied besteht -- so weit hat Prof. +Hueppe+ Recht --; aber gerade diese Thatsache ist der beste Beweis, dass auch die Haut sich in die neuen Verhältnisse schickt.

Prof. +Hueppe+ sieht in den von mir oben angeführten Thatsachen nur eine +individuelle+ Acclimatisation der Europäer in den Tropen und behauptet mit Recht, dass durch diese Thatsachen nur bewiesen sei, dass in den Tropen der Europäer alt werden und seine Muskel- und Geistesenergie in denselben biologischen Grenzen als in Europa sich bewegen könne.

Mehr wollte ich ja nicht behaupten, und diese Thatsachen sind ja hinreichend, die Frage der +Landbaucolonien in den Tropen+ anzuregen und zu beeinflussen.

Die Acclimatisation der Europäer als +Genus+ kann empirisch und theoretisch geleugnet oder behauptet werden.

Wenn Herr Prof. +Hueppe+ diese bestreitet, weil sie bis jetzt nicht vorgekommen wäre, obzwar schon seit ungefähr 400 Jahren Europäer in den Tropen gelebt hätten, so muss ich auf Grund meiner Erfahrungen in den holländischen Colonien einfach sagen: Ein negativer Beweis -- beweist nichts. Denn z. B. auf den Inseln des indischen Archipels fehlte das Material dazu. Vor der Einführung der Dampfschifffahrt und noch mehr vor der Eröffnung des Suezkanals (16. November 1864) war die Zahl der europäischen Frauen, welche nach »dem Osten« gingen, so klein, dass die meisten europäischen Männer nur mit eingeborenen oder halbeuropäischen Frauen für die Fortpflanzung sorgen konnten. +Empirisch+ lässt sich also diese Frage heute noch nicht beantworten.

Wenn jedoch +theoretisch+ die Fortpflanzungsfähigkeit der Europäer in den Tropen besprochen werden soll, müssen meiner Ansicht nach in erster Reihe die Fortpflanzungsorgane die Basis der Untersuchung sein. Dies hat Herr Prof. +Hueppe+ nicht gethan. Es ist aber auch über die Veränderung dieser Organe durch den Aufenthalt in den Tropen gar nichts bekannt, weil das einzige diesbezügliche Axioma, dass alle europäischen Frauen an Fluor albus leiden sollten, sich als unrichtig erwiesen hat (vide Dr. +Stratz+, Die Frauen auf Java).

Wenn aber in dieser Frage der Zustand der Fortpflanzungsorgane unter dem Einflusse des Tropenklimas nicht in Betracht gezogen wird, dann kommen wir in das Gebiet der speculativen Philosophie, für welche die moderne Hygiene ebenso wenig als Prof. +Hueppe+ bei der Beantwortung medicinischer Fragen schwärmen wird.

In Nummer 31 (1902) der Prager Med. Wochenschrift glaubte dieser berühmte Hygieniker von Prag diesen Ansichten entgegentreten zu müssen und zwar auf Grund »von einer Erfahrung von 5000 Jahren«. In meiner Erwiderung betonte ich den Werth meiner langjährigen Beobachtungen an Ort und Stelle, während Prof. +Hueppe+ nur die Mittheilungen Anderer benutzen konnte, und theilte noch Folgendes mit:

Nur die langjährige Beobachtung an Ort und Stelle ermöglichte mir die Behauptung, dass wir +empirisch+ über die Fortpflanzungsfähigkeit der Europäer in den tropischen Colonien Hollands +heute+ nichts Bestimmtes wissen können, und wenn mir Herr Prof. +Hueppe+ die Beobachtungen aus den spanischen Colonien als Gegenbeweis bringt, werde ich zwar sofort einen (scheinbar) vollgiltigen positiven Fall erzählen; ich kann mich aber nicht einmal auf einen Einwand der Richtigkeit der spanischen Mittheilungen einlassen, weil selbst der grosse, kritische Scharfsinn dieses Hygienikers unmöglich einen Ersatz für die langjährige Beobachtung an Ort und Stelle bieten kann.

Was den sachlichen Theil der Gegenschrift des Herrn Prof. +Hueppe+ betrifft, will ich ihren Widerspruch mit meinen Behauptungen in wenigen Worten skizziren.

+Breitenstein+ Prof. +Hueppe+

1. behauptet, dass die 1. bestätigt diese Erfahrung; Europäer in den Tropen ebensoviel Arbeit leisten können als im gemässigten und subtropischen Klima;

2. behauptet, dass jede a 2. behauptet, dass die prioristische Negirung der Erfahrungen, die auf ungefähr Acclimatisationsfähigkeit der 5000 Jahre zurückgehen, Europäer in den Tropen vor einfach ignorirt werden, weil diesen Thatsachen die Waffen einige Colonisationsschwärmer strecken müsse. aus Freude über die doch wesentlichen individuellen Erfolge der Tropenhygiene auch dem deutschen Bauer eine ideale Zukunft versprechen.

Herr Prof. +Hueppe+ beruft sich also auf die Geschichte, um meine Behauptung von der Acclimatisationsfähigkeit der Europäer zu widerlegen, während ich nur der a prioristischen Negirung derselben jede Existenzberechtigung abspreche. Nun! die Geschichte giebt +mir+ Recht. Am Ende des 17. Jahrhunderts, also vor 200 (!!) Jahren, haben sich auf der Insel Kisser[120] zahlreiche europäische Familien angesiedelt, welche „+ohne mit den Eingeborenen sich zu vermengen, sich fortgepflanzt haben+«. (Dr. +A. B. Meyer+ in +Petermann’s+ Mittheilungen.) Im Jahre 1880 ging der damalige Stabsarzt +L. C. A. Rombach+ auf Befehl des Sanitätschefs +D. J. de Leeuw+ dahin, einen Bericht über die europäischen Bewohner zu erstatten, und er schreibt Folgendes:

... Ihre Nachkommen wohnen noch auf der Insel (Kisser) und haben sich nicht mit der ursprünglichen Bevölkerung vermischt ...

... Die holländischen Nachkommen tragen holländische Namen: Bakker, Joosten, Lertes u. s. w. ...

... Es war ein eigenthümlicher Anblick für uns, die wir wochenlang überall Wilden begegnet hatten, so plötzlich in diese Colonien versetzt, Menschen zu sehen, unter welchen sich viele mit blonden Haaren und blauen Augen befanden und einen gewissen Grad von Civilisation zeigten ...

Zu diesen Mittheilungen bemerkt Dr. +van der Burg+ in seinem Buche „de Geneesheer van Nederlandsch Indië“, I. Theil, Seite 324: Diese interessante Insel bringt in einem Theile seiner Bewohner +also den unwiderlegbaren Beweis, dass die Fortpflanzung von Europäern im heissen Klima möglich ist+. Ich will sehr gerne diesen einen Fall als Ausnahme von der Regel und daher als gar nichts beweisend erklären; aber Herr Prof. Hueppe hat für jeden Fall die Geschichte der letzten 5000 Jahre ohne Erfolg zur Stütze seiner Behauptungen angerufen.

+Breitenstein+ Professor +Hueppe+

3. behauptet, dass die 3. behauptet, dass wirkliche Acclimatisation der Europäer Acclimatisation nur in ganz auf Java auf die Tagesordnung beschränkten Massen in den der hygienischen Fragen Höhen der Gebirge und auf gut gesetzt werden kann. isolirten gebirgigen Inseln möglich sei.

Es fällt mir wirklich schwer, zu constatiren, wer von uns beiden vorsichtiger die Möglichkeit einer Acclimatisation der Europäer in den Tropen behaupten will; wenn ich nebstdem an anderer Stelle sage: „Man wird bei der Wahl des Terrains zuerst mit dem Hochgebirge und zwar mit dem malariafreien Hochgebirge anfangen, um nach und nach zu den niedrigeren und zu den Strandplätzen zu gelangen“ -- dann allerdings entferne ich mich nur theilweise von der diesbezüglichen Ansicht meines berühmten Gegners, und ich constatire gerne zum Schluss dieser kleinen Streitschrift, dass die Behauptung des Herrn Professor +Hueppe+: „Ackerbaucolonien von genügendem Umfange sind in den Tropen für den Europäer undenkbar“, von vielen Hygienikern getheilt wird. --

Ich aber bin genug sanguinisch, um zu behaupten: Unter dem Einfluss der modernen Hygiene haben die Mortalität und Morbidität der Europäer in den Tropen bis jetzt sich so gebessert, dass diese, hier wie dort, beinahe in allen Fächern der Industrie, des Handels, der Kunst und Wissenschaft die gleiche Arbeit des Körpers und des Geistes leisten können und thatsächlich auch schon leisten, und dass ein gewissenhaftes Befolgen der Gesetze der „individuellen“ wie der staatlichen Tropenhygiene auch europäischen Ackerbaucolonien in den Tropen einen Erfolg sichern kann und sichern wird.

II. Anhang.

Das Lied, von welchem ich auf Seite 164 sprach, erhielt ich durch die freundliche Hülfe des Herrn Otto Knaap in europäische Noten gesetzt. Da die malaiische Scala nur fünf Töne besitzt, welche mit keiner der europäischen Tonleitern identisch sind, so hat im Allgemeinen eine solche Arbeit grosse Schwierigkeiten zu überwinden, und wie wir weiter unten sehen werden, soll die Arie des Gamelan, welche ebenfalls der Herr Knaap mir zur Verfügung stellte, nicht ganz einwandfrei in Noten gesetzt sein (?).

Dieses Lied ist aber kein rein malaiisches; seine Wiege stand in Portugal und hat sich mehr als drei Jahrhunderte[121] auf Java erhalten und fortgepflanzt. Die Tradition allein und keine Noten vermittelten bis jetzt die allgemeine Verbreitung auf Java. [Auf der Insel Bali, im Osten von Java, wurde vor einigen Jahren etwas entdeckt, das man mit unseren Noten vergleichen könnte. Auf Lontar-Blättern, d. h. auf den jungen, weisslichen Blättern der Palmyrapalme (Borassos flabelliformis L.), welche bis vor kurzem an Stelle des Papieres zum Briefschreiben und selbst zum Anfertigen von Büchern[122] verwendet wurden, befand sich ein Liebeslied mit einer Nadel geschrieben; die Schrift war mit Oel und Kohle lesbarer gemacht. Unter jedem Worte waren die Vocale aus der javanischen Schrift dong, deng, dung, dang, ding als Töne und der kleine dong und der kleine dang als Nebentöne angeführt.] Auch auf den übrigen Inseln werden die zahlreichen Instrumente nur aus dem Gedächtnisse gespielt; es ist daher, ich möchte sagen, selbstverständlich, dass dieses portugiesische Lied theilweise den malaiischen Charakter angenommen hat und dass nur der Fachmann im Stande ist, die ursprüngliche Arie aus dem vorliegenden Liede herauszufinden.

[Music:

1. Lied (= Lagu) aus der „Komedie Stambul“

(= Theater von Constantinopel).