Satiro-Mastix; or, the Vntrussing of the Humorous Poet
Part 1
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Materialien zur Kunde des älteren Englischen Dramas
UNTER MITWIRKUNG DER HERREN
=F. S. Boas=--LONDON, =A. Brandl=--BERLIN, =R. Brotanek=--WIEN, =F. I. Carpenter=--CHICAGO, =Ch. Crawford=--LONDON, =G. B. Churchill=--AMHERST, =W. Creizenach=--KRAKAU, =E. Eckhardt=--FREIBURG I. B., =A. Feuillerat=--RENNES, =R. Fischer=--INNSBRUCK, =W. W. Greg=--LONDON, =F. Holthausen=--KIEL, =J. Hoops=--HEIDELBERG, =W. Keller=--JENA, =R. B. Mc Kerrow=--LONDON, =G. L. Kittredge=--CAMBRIDGE, MASS., = E. Koeppel=--STRASSBURG, =J. Le Gay Brereton=--SIDNEY, =H. Logeman=--GENT, =J. M. Manly=--CHICAGO, =G. Sarrazin=--BRESLAU, † =L. Proescholdt=--FRIEDRICHSDORF, =A. Schröer=--CÖLN, =G. C. Moore Smith=--SHEFFIELD, =G. Gregory Smith=--BELFAST, =A. E. H. Swaen=--GRONINGEN, =A. H. Thorndike=--EVANSTON, ILL., =A. Wagner=--HALLE A. S.
BEGRUENDET UND HERAUSGEGEBEN
=VON=
=W. BANG=
o. ö. Professor der Englischen Philologie an der Universität Louvain
ZWANZIGSTER BAND
LOUVAIN A. UYSTPRUYST
LEIPZIG O. HARRASSOWITZ
LONDON DAVID NUTT
1907
SATIRO-MASTIX
OR
THE VNTRUSSING OF THE HUMOROUS POET.
By _Thomas Dekker_.
HERAUSGEGEBEN NACH DEN DRUCKEN VON 1602
VON
Dr. Hans Scherer.
LOUVAIN A. UYSTPRUYST
LEIPZIG O. HARRASSOWITZ
LONDON DAVID NUTT
1907
INHALT.
Einleitende Bemerkungen: 1) Dekker und der sog. Stage-Quarrel VI 2) Abfassungszeit des Satiromastix IX 3) Quellenuntersuchung X 4) Die Quartos und die bisherigen Ausgaben XIV Satiromastix 1 Textnoten, Anmerkungen, Index 77
EINLEITENDE BEMERKUNGEN.
1. DEKKER UND DER SOG. STAGE-QUARREL.
Über den Bühnen-Streit ist schon so vieles und ausführliches, zuletzt von ~Penniman~[1] und ~Small~[2], geschrieben worden, dass ich mich über die allgemeinen Punkte kurz fassen kann.
Nach ~Small’s~ eingehender Prüfung des ganzen Materials und meiner eigenen Überzeugung ist das einzig Positive, was bis jetzt hier gesagt werden kann, dass die Fehde zwischen ~Jonson~ einerseits und ~Marston~ mit ~Dekker~ als Bundesgenossen andererseits geführt wurde. ~Monday~, und gar ~Drayton~ und ~Nash~, scheinen mir nach ~Small’s~ gründlichen Untersuchungen sehr an zweiter Stelle zu stehen, und von ~Shakespeare’s~ Beteiligung konnte ich mich trotz der weitausgreifenden Darlegungen des der Wissenschaft leider zu früh entrissenen amerikanischen Forschers nicht völlig überzeugen; nicht zu reden von den hypothetischen Teilnehmern ~Pennyman’s~ (wie ~Daniel~, ~Lodge~ und den vielen von ihm selbst als «doubtful» bezeichneten Persönlichkeiten), die schon von ~Small~ grossenteils als unhaltbar abgetan wurden.
Welches sind denn die literarischen Dokumente, auf welchen sich der Streit aufbauen lässt? ~Small~ hat sie bereits (p. 3 ff.) zusammengestellt:
1. Äusserungen ~Jonson’s~ über ~Marston~ in seinen _Conversations_ mit ~Drummond~,
2. der _Apologetical Dialogue_ am Ende des _Poetasters_,
3. _To the World_, Worte, welche dem _Satiromastix_ vorangeschickt sind,
4. die oft zitierte Stelle aus _II. Return from Parnassus_, IV, 5: ... _our fellow Shakespeare hath given him_ (~Ben Jonson~) _a purge that made him beray his credit_.
Dazu kommen nun noch die zahlreichen Anspielungen, welche in den von den beteiligten Autoren zwischen 1598-1601 oder 1602 geschriebenen Stücken enthalten sind oder wenigstens enthalten sein sollen. Es ging hier, wie so oft in der früheren literarhistorischen Forschung: die Phantasie des Forschers suchte in das Dunkel des betreffenden Gegenstandes dadurch Klarheit zu bringen, dass sie alles mögliche in den jeweiligen Text hineingeheimniste und dadurch die Materie nur noch komplizierter gestaltete. ~Small~ hat (p. 8 ff.) alle Arbeiten über den «Stage-Quarrel» von ~Gilchrist~ bis auf ~Penniman~ einer kurzen Kritik unterzogen und fast durchgängig die geringe Haltbarkeit ihrer Ansichten nachgewiesen[3].
Hier soll nur das Verhältnis ~Dekker’s~ zu ~Ben Jonson~ des Näheren behandelt werden; und auch dieses mehr im zusammenfassenden Sinn, da bei den Anmerkungen zum Texte des _Satiromastix_ hinreichend Gelegenheit sein wird, auf Einzelheiten weiter einzugehen.
~Dekker~ und ~Jonson~ arbeiteten bekanntlich eine Reihe von Jahren zusammen; so noch Aug.-Sept. 1599 _Page of Plymouth_ und _Robert II._ Wofern ~Jonson’s~ Angabe im Apol. Dialogue richtig ist, dass seine Gegner ihn bereits drei Jahre auf den Bühnen herumziehen, so trifft sie für ~Dekker~ wohl nicht zu. Die Entzweiung unserer beiden Dichter kann erst Ende 1599 eingetreten sein. Folglich kommen von ~Jonson’s~ Stücken hier in Betracht: _Every Man out of his Humour_, dessen Aufführung nach ~Small’s~ sorgfältiger Untersuchung (p. 20 ff.) in die Zeit von 15. Februar-24. März 1599/1600 anzusetzen ist, _Cynthia’s Revels_[4] und der _Poetaster_; diese können Anspielungen auf Dekker enthalten. Dass die beiden letzteren solche in grosser Zahl aufweisen, steht wohl ausser jedem Zweifel fest, ob aber _Every Man out_ für die Dekker-Jonson Kontroverse bereits zu verwenden ist, scheint mir mit ~Small~ sehr fraglich; denn die Charakterisierung des Carlo Buffone, wie sie in den _Characters of the Persons_ und im Verlauf des Stückes selbst gegeben wird, scheint nicht auf ~Dekker~ zu passen, der selbst wohl den Demetrius des _Poetasters_ und den Anaides der _Cynthia’s Revels_, niemals aber den Carlo Buffone auf sich bezog[5]. Und ~Dekker~ muss es doch selbst am besten gefühlt haben, was ihn anging und was nicht. Es ist auch kaum glaublich, dass ~Jonson~ so kurz nach seinem Zusammenarbeiten mit unserem Dichter, diesen schon in einem Stücke sollte kräftig persifliert haben; und sollte er es ja getan haben, so geschah es in einer Weise, dass der, dem es galt, es gar nicht als auf sich gemünzt erkannte; um wie viel weniger können wir, die den Verhältnissen zeitlich so weit entrückt sind, die Satire in _Ev. Man out_ auf ~Dekker~ noch herausfühlen.
Ja, mir will sogar dünken, dass ~Dekker~ die Anspielungen auf sich, wie sie in _Cynthia’s Revels_ und selbst im _Poetaster_ gefunden werden, ursprünglich gar nicht so bös aufnahm, sondern erst durch seinen Freund ~Marston~, dem diese Stücke offenbar zunächst auf den Leib geschrieben waren[6], dazu aufgehetzt wurde. Damit stünde im Einklang, dass sich einerseits weder im _Shoemakers’ Holiday_, noch in der _Patient Grissell_ und im _Fortunatus_ mit Sicherheit satirische Bemerkungen des etwa verstimmten Dichters nachweisen lassen, und dass andererseits der Histrio im _Poetaster_[7] ausdrücklich erwähnt, sie hätten einen gewissen Demetrius ~gedungen~, um dem Horaz (~Ben Jonson~) in einem Theaterstück eins zu versetzen.
Ferner ist zu beachten, dass die Stellen, in denen sich ~Dekker~ selbst (als Demetrius) über Horace (~Jonson~) äussert, alles eher als die Worte eines erbitterten Feindes enthalten, der seinen Gegner mit Spott und Hohn überschütten will; und mit den oft groben Ausfällen seines Tucca scheint der zu derben Streichen gern geneigte «Journeyman-poet» seinem Freunde ~Marston~, der sich zu solchem Tun zu vornehm war, wirklich Handlangerdienste geleistet zu haben.--So ein Stück war überdies rasch geschrieben, fand ein dankbares Publikum und brachte den Schauspielern «a huge deal of money»[8] ein, das sie brauchen konnten.
Mit _Satiromastix_ beginnt für ~Dekker~ der Stage-Quarrel mit ~Jonson~, mit _Satiromastix_ endet er auch für ihn. Mit der Veröffentlichung des _Apologetical Dialogue_, der Erwiderung auf den _Satiromastix_, war auch für ~Jonson~ der Streit in der Hauptsache beendet.
Allzu tief sass also, glaube ich, bei ~Dekker~ der Groll nicht; ~Jonson~ allerdings, der von den Poetastern in seiner Eitelkeit gekränkt worden war, hat von ihm offenbar keine gute Meinung bewahrt, denn noch in seinen _Conversations_[9] bezeichnet er ihn nebst andern als einen «rogue».
Fußnoten:
[1] ~Penniman~, _The War of the Theatres_, i. d. Publications of the University of Pennsylvania, Boston, 1897.
[2] ~Small~, _The Stage-Quarrel_, Heft 1 der Forschgn. z. engl. Sprache und Litteratur, Breslau, 1899.
[3] Es ist vielleicht nicht uninteressant, noch einmal an ~Swinburne’s~ Artikel im _XIX th Century_, XXI, 1887, p. 81-103, zu erinnern und zu zeigen, was alles in den Satiromastix hineingeheimnist wurde: Rufus sollte ~Shakespeare~ sein, Vaughan-~Lyly~, Tucca-~Sir Phil. Sidney~, Bubo-~Bacon~, Flash-~Sir W. Raleigh~, Cælestine-~Queen Elizabeth~!
[4] von ~Small~, p. 24 ff. auf ca Februar-März 1600/01 angesetzt.
[5] ~Small’s~ Beweisführung dazu (p. 31 ff.) scheint mir so gelungen, dass sie einer Erneuerung nicht bedarf; cf. Anm. z. Z. 2642.
[6] Es darf hier die schon öfter zit. Stelle aus den _Conversations with Drummond_, ed. Ph. Sidney, London 1906, p. 33, nicht aus dem Auge gelassen werden: _he_ (Jonson) _had many quarrels with Marston, beat him, and wrote his Poetaster on him_.
[7] III, 1. Merm. Ser. p. 315.
[8] ebenda.
[9] ed. ~Sidney~, L. 1906, p. 13.
2. DIE ABFASSUNGSZEIT.
Die Quartos des _Satiromastix_ tragen als Jahreszahl ihres Erscheinens 1602.
In den _Stationers’ Register_[1] wurde das Stück auf den 11. November 1601 wie folgt eingetragen:
11 Novembris
John Barnes Entred for his Copye vnder the handes of the wardens and vppon condicon that yt be lysensed to be printed / A booke called _the vntrussinge of the humorous poetes_ by Thomas Dekker, vjd
~Fleay~ und andere geben als Zeitpunkt der Veröffentlichung des _Satiromastix_ September 1601 an. ~Small~ (p. 119) fixiert ihn auf August oder September 1601. ~Mallory~, der als Erscheinungszeit des _Poetaster_ Ende Juli 1601 festsetzt, schliesst sich (p. xxx) ~Fleay~ an. ~Small~ und ~Mallory~ legen besonderes Gewicht darauf, dass ~Dekker~, _Satiromastix_ Z. 641, ~Jonson~ die Arbeitszeit von 15 Wochen, welche er auf die Abfassung des _Poetasters_ verwandte, vorhält; ~Dekker~ selbst müsste also seine Erwiderung in beträchtlich kürzerer Zeit geschrieben haben. Dazu würde also September 1601 für unser Stück recht gut passen, doch sind zur Fixierung des Datums ein paar Stellen aus dem Texte selbst mit in Betracht zu ziehen.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass ~Dekker~, als der _Poetaster_ über die Bühne ging, bereits an dem «Untrussing of the Humorous Poet» arbeitete.--Ist dem nicht so, so wusste man zum mindestens, dass ~Dekker~ an einem Stücke (King Rufus) arbeitete, und sein mit ~Marston~ in den allgemeinen Zügen entworfener Plan--wenn ~Jonson~ uns wieder in einem Stücke auf die Bühne bringt, so zahlen wir es ihm mit einem ebensolchen heim,--musste auch schon in eine gewisse Öffentlichkeit gedrungen sein; anders hätte Tucca im _Poetaster_[2] nicht sagen können: _I hear you’ll bring me o’ the stage there_; noch der Histrio: _we have hired him_ (Demetrius-Dekker) _to abuse Horace, and bring him in, in a play_ etc.[3]
Wie lange ~Dekker~ am _Satiromastix_ arbeitete lässt sich nicht sagen, aber es ist anzunehmen, dass er trachtete, seine Wiedervergeltung nach ihrer Vollendung so rasch als möglich zur Aufführung zu bringen. Und zur Feststellung des ungefähren Datums der letzteren bietet das Stück selbst, wie oben erwähnt, Anhaltspunkte.
Professor ~Bang~ hat gelegentlich seiner Besprechung der _Poetaster_-Ausgabe durch ~Mallory~[4] auf die mehrfachen Anspielungen auf Weihnachten, wie sie sich im _Satiromastix_ finden, hingewiesen und gemeint das Stück «wird für Weihnachten[5] geschrieben sein», und er hat zugleich nicht Anstand genommen den _Poetaster_ auf 5 bis 8 Wochen später anzusetzen. Ausserdem lenkte Professor ~Bang~ meine Aufmerksamkeit auf die Lady Furnivall, Z. 2659. Dieselbe wird in dem 1606 gedruckten, aber bereits 1601 zur Aufführung gelangten Stücke _Sir Gyles Goosecappe_ Z. 1204 erwähnt[6]. Da dieser also im _Satiromastix_ erwähnt wird, so muss letzterer nach _Sir Gyles Goosecappe_ anzusetzen sein. Dieser kann aber nicht vor dem 14. September 1601 geschrieben sein[7]. Datiert also _Goosecappe_ aus der Zeit: zweite Hälfte des September bis November, so wäre für _Satiromastix_ die Zeit von frühestens erste Hälfte Oktober bis in den November oder gar Dezember hinein anzusetzen; also etwa gegen Mitte des letzten Viertels des Jahres 1601 (N. St.), wozu auch das «this colde weather» in Z. 2705 passen würde.
Fußnoten:
[1] ~Arber’s~ Reprint, III, 195.
[2] _Poet._ III, 1, Merm. Ser. p. 311.
[3] _l. c._ p. 315.
[4] _Lit. Zentralblatt_, 1905, Nº 36. Sp. 1195.
[5] cf. Z. 1587 u. 2510.
[6] Vergl. die Anmerkung zu _Satirom_. Z. 2659.
[7] (Über das Datum von _Goosecappe_ werde ich ausführlicher in meiner Ausgabe handeln. W. B.).
3. QUELLENUNTERSUCHUNG.
Zu diesem Behuf sei unser Drama in seine zwei Bestandteile zerlegt: in das _König Rufus-Spiel_ und in den eigentlichen _Satiromastix_.
Es steht wohl fest, dass ~Dekker~, als er an _The Untrussing of the Humorous Poet_ ging, gerade ein historisches Schauspiel mit König Rufus im Mittelpunkt in der Arbeit hatte, und dass nur sein Bestreben, ~Jonson~ so bald wie möglich heimzuzahlen, die starken Anachronismen und den losen Zusammenhang der Rufus- und der Untrussing-Szenen einigermassen entschuldigen lässt.
Über das Rufus-Spiel hat ~Small~ p. 119 ff. eingehend gehandelt, so dass darauf verwiesen werden kann. Als Skizze des wahrscheinlichen Verlaufes der Haupthandlung gibt er an: Act I, the rejoicings at the approaching nuptials of Terrill and Celestine. Act II, the King’s lustful desires, and Terrill’s rash promise. Act III, the death of Celestine. Act IV, the presentation of the veiled corpse of Celestine to the King, and Terrill’s denunciation of him. Act V, the death of the King at the hands of Terrill. Daneben steht als komische Nebenhandlung die Werbung der beiden Rivalen Prickshaft und Sir Vaughan um die Witwe Miniver.
Eine Quelle für die Haupthandlung selbst zu finden, ist mir nicht gelungen. Als historische Persönlichkeiten des Stückes können zunächst nur angesprochen werden: König Rufus und Sir Walter Terrill (Tirell)[1], a French Knight, wie er in Holinshed’s Chronik bezeichnet wird, der den König auf einer Hirschjagd zufällig durch einen Pfeilschuss tötete.
Aus der Haupthandlung selbst sei im besondern noch auf das Mittel des ~Schlaftrunkes~ hingewiesen, das dazu dient, dem Mädchen einen unliebsamen Freier fernzuhalten. Dies war offenbar bei Dichter und Publikum ein beliebter Trick. Es ist wohl kaum nötig an _Romeo and Juliet_ zu erinnern[2]; ~Dekker~ hat das Motiv selbst noch einmal in der _Honest Whore_ verwendet, wo des Herzogs Tochter Infelice durch einen Schlaftrunk einem lästigen Freier entzogen wird; und ähnlich in _Match me in London_: Valasco soll vergiftet werden, aber der Arzt reicht nur einen Schlaftrunk. Bei Besprechung der Quellen zu _The Triumph of Love_ und _The Faithful Friends_ verweist ~Koeppel~[3] beide Mal auf den Schlaftrunk im _Satiromastix_. Im ersteren Stück soll Benvoglio’s Tochter Violante den von der Dienerin gemischten Giftbecher leeren; er enthält aber kein Gift, sondern nur einen starken Schlaftrunk. Im zweiten wird die jungfräuliche Gattin des Marcus Tullius von dem König Titus Marcius an den Hof gelockt, -- doch sollte nur die Treue der Gattin geprüft werden. Der König entpuppt sich als Biedermann.
Ein weiteres beliebtes Bühnenmittel, das auch im Satiromastix Verwendung fand, war die Figur des ~Welshman~, der durch seine schlechte Aussprache des Englischen das komische Element vertritt. Sir Vaughan’s Landsleute[4] finden wir in Peele’s _Edward I_, in der _Patient Grissill_, in _Northward Ho!_, in den _Merry Wives of Windsor_, in _Henry V_, in Ben Jonson’s _For the Honour of Wales_ und im _Valiant Welshman_; auch auf die beiden Irländer im _Fortunatus_ sei verwiesen.
Was das ~Untrussing-Spiel~ betrifft, so lassen sich hier die Fäden der Handlung und der zahlreichen Anspielungen leichter auf ihre Ausgangspunkte zurückverfolgen. -- Die Personen, welche diesem Stücke angehören sind: Horace, Crispinus, Demetrius, Tucca und Asinius Bubo, wovon die vier ersten in Namen und Person aus dem _Poetaster_ herübergenommen sind. ~Small~[5] hat für den _Satiromastix_ und ~Mallory~[6] für den _Poetaster_ das diesbezügliche Material ausführlich behandelt, so dass ich mich mit folgender Tabelle begnügen kann:
Satiromastix Poetaster Historische Persönlichkeit klassisch[7] elisabethanisch.
Horace = Horace = Quintus Horatius } = Ben Jonson. Flaccus }
Crispinus = Crispinus = {Rufus Laberius Crispinus} = Marston. {od. Laberius Decimus }
Demetrius Fannius = Demetrius Fannius = {ein Demetrius } = Dekker. {oder Fannius(?)}
Tucca = Tucca = Plotius Tucca? } = {Captain od. Pantilius? } {Hannam(?)
~Dekker~ selbst gibt als Urbild des Tucca (im _Poetaster_) den Cpt. Hannam an, der offenbar eine stadtbekannte Persönlichkeit war. ~Small~ weist auf eine andere mögliche Quelle hin (p. 26), nämlich auf den Cpt. Tucca, welcher uns also bereits dem Namen und Stand nach in ~E. Guilpin’s~ _Skialetheia_ (1598) begegnet. Aus diesen beiden Hinweisen geht ziemlich sicher hervor, dass Tucca höchstens den Namen aus dem Altertum geborgt hat, sonst aber die Copie einer bei St. Paul’s häufig getroffenen zeitgenössischen Persönlichkeit ist; und ich kann mich nicht ~W. H. Browne~ anschliessen, der glaubt[8], dass aus den Worten _his belly is like Barathrum_[9] für die Person des Tucca auch auf eine antike literarische Quelle geschlossen werden könnte, nämlich auf den Maenius des Horaz[10]. Die Erwähnung des Wortes Barathrum beweist zu wenig, das Wort war damals wohl geläufig, wie z. B. aus ~Dekker~, vol. III. _London Triumphing_ p. 249 und _If this be not a good Play_, p. 351 zu ersehen ist. Vgl. auch das von ~Mallory~, p. 198 cit. Beispiel: your lean _barathrum_, that kitchen-stuff devourer (~Shirley~, _The Wedding_, II, 3).
Der Tucca des _Satiromastix_ hat auch eine kleine Änderung an seiner Person erfahren. Er ist nicht mehr der ruhmredige, prahlende Tucca des _Poetasters_, der die Reihe Shift (i. _Ev. Man out_) und Bobadil (i. _Ev. Man in_) schliesst; seine Stärke ist der Gebrauch derber Redensarten geworden, und er steht ganz im Dienste der _Poetaster_, deren wahres Sprachrohr er ist.
Nicht unerwähnt soll schliesslich die grosse Ähnlichkeit bleiben, welche in den Charakteren des _Asinius Bubo_ und des Simplicius Faber aus _What you will_ herrscht. Hinsichtlich seiner, des Bubo, Persönlichkeit müssen wir wohl mit ~Small~[11] vermuten, dass er ein dienender Jünger des Horace-Jonson war; und vielleicht wird seine Identität mit dem ziemlich unbekannten Theaterdichter ~Wentworth Smith~ noch einmal festgestellt.
Soviel über die einzelnen Figuren des Untrussing-Spieles. Was den Inhalt dieses Teiles selbst betrifft, so kann man kurz sagen: seine Quellen liegen in erster Linie im _Poetaster_ und dem Leben ~Ben Jonson’s~, in zweiter Linie in anderen Dramen dieses Dichters. Die zahlreichen Anspielungen darauf und auf die zeitgenössische Literatur, die diesen Teil nahezu ausmachen, sind in den Erläuterungen zum Texte näher behandelt.
Es erübrigt vielleicht noch ein paar Worte über die beiden Stellen[12] hinzuzufügen, welche ein Lob auf den Haarwuchs und ein solches auf die Kahlköpfigkeit enthalten. ~Small~ hat auch hier auf die beiden Schriften von ~Rich. Harvey~ und von ~Nash~ hingewiesen[13], welche diese kleine Kontroverse veranlasst haben mögen, und fügt ganz richtig hinzu «the dispute _dates_ back to» Dio Chrysostomos’ Lob des Haarwuchses[14] und Synesius Cyrenensis’ Calvitii Encomium[15], denn als Quellen im engeren Sinne können diese beiden letzteren nicht aufgefasst werden. Die Generalidee ein Lob auf die Kahlköpfigkeit einem Lob auf den Haarwuchs entgegenzustellen lässt sich ja auf die beiden alten Philosophen zurückführen; aber die Behandlung des Themas in Horace’s Lob auf das Haar ist ganz frei, und Crispinus’ Lob auf die Kahlköpfigkeit zeigt eigentlich auch nichts von der eigenartigen Behandlungsweise des Synesius, der sehr viel mit historischen Beispielen arbeitet. Es müsste denn sein, dass der Exkurs ins Weltall und besonders der Vergleich mit dem Monde nicht mehr als zufällig bezeichnet werden könnte, dann müsste als vermittelndes Glied die von ~Small~ angegebene englische Übersetzung durch ~Abr. Fleming~ aus dem Jahre 1579 eintreten.
Wiewohl beide Lobreden Horace und Crispinus in den Mund gelegt sind, also scheinbar dem Untrussing angehören, so müssen sie doch ursprünglich schon für das Rufusspiel niedergeschrieben worden sein, denn einmal enthalten sie keine Ausfälle der Poetaster auf ihren Gegner, und dann scheinen sie mir sorgfältig ausgearbeitet zu sein und zeigen nichts von der Hast der Untrussing-Teile.
Die eigentliche Untrussing-Szene (Z. 2464 ff.) ist das Analogon zur Schlussszene im _Poetaster_ und wie diese verwandt mit der bekannten Szene in den _Fröschen_ des Aristophanes, in welcher zwischen zwei Dichterschulen, aber mit Vermeidung des persönlichen Elementes, abgerechnet wird.
[1] cf. auch: ~Freeman~, _The Reign of William Rufus_, II, p. 672.
[2] cf. ~Koeppel~, _Studien über Shakespeare’s Wirkung_, Mater. IX, p. 4: _Dead, she’s death’s Bride_, klingt wie eine Wiederholung der Klage des alten Capulet, IV, 5, 35 ff.
[3] _Quellenstudien z. d. Dramen Ben Jonson’s_ etc. Erlangen 1895, p. 50 u. 63.
[4] Sie wurden von ~Bang~ in d. _Dekker-Studien_, Engl. Stud. 28, 225 ff. zusammengestellt. -- Vgl. auch die Bemerkungen zur Sprache Morgan’s, bei ~Kreb~, i. s. Ausgabe d. _Valiant Welshman_, p. XX ff.
[5] Quarrel, p. 122 ff.
[6] _Poetaster_, p. XXXXI ff.
[7] sämmtlich aus Horaz bekannt.
[8] _Mod. Lang. Notes_, XX, 216.
[9] _Poet._ III, 1. p. 314.
[10] _Epist._ I, 15, 31.
[11] _Quarrel_, p. 126 u. d. Anm.
[12] Z. 1454 ff. und 1844 ff.
[13] l. c. 124.
[14] i. d. _Orationes_, 1798. p. 429 ff. Vergl. auch den 26. Brief des älteren Philostratos.
[15] ~Migne~, _Patrol. Graeca_, 66, 1167-1206.
4. DIE QUARTOS UND DIE BISHERIGEN AUSGABEN.
Vom _Satiromastix_ sind, so viel mir bekannt wurde, vier Quartos vorhanden; und zwar befinden sich zwei in der Bibliothek des Britischen Museums, eine in der Dyce-Library und eine in der Bodleiana zu Oxford.
Zahlreiche und wesentliche Abweichungen zeigen diese Drucke untereinander nicht, doch können dieselben auf Grund der von mir beobachteten Abweichungen in zwei Gruppen gebracht werden, die aber einander zeitlich sehr nahe liegen, ja von denen die zweite vielleicht nur die teilweise Korrektur von vermeintlichen Druckfehlern der ersten Gruppe darstellt. Es kommen hier neben verschiedenen Interpunktions-Abweichungen besonders die Stellen Zeile 2348, 2480, 2490 in Betracht. Auf Grund dieser und einiger weniger belangreichen Varianten, welche aus den Text-Noten zu ersehen sind, lassen sich die vier Quart-Exemplare in folgende Gruppen zusammenstellen:
Q1: { 1.) C. 34. c. 27 im Brit. Museum { 2.) C. 12. f. 3 (2) im " "
Q2: { 3.) Exemplar der Dyce Library { 4.) Exemplar der Bodleiana.
Von diesen dürfte Q1 die ältere sein und zwar hauptsächlich mit Rücksicht auf die Korrekturen in Z. 2480, wo das ungewöhnliche Mon du durch das leichter verständliche Mon Dieu ersetzt wurde, und in Z. 2490, wo das ursprünglich richtige, aber in den ersten Exemplaren schlecht geratene Tamor vollends in Tam or getrennt wurde.