Part 9
»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr. Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.
»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht: Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: 'Also bitte, hier sind die achzig Kronen!' Er schüttelt den Kopf und macht ein so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder leid getan hat. 'Aber, Herr Demba!' sag' ich. 'Sie werden mir doch nicht den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.' Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. 'Also, das ist doch lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,' sag' ich. -- 'Nein. Ich kann das Geld leider nicht nehmen', gibt er zur Antwort und ist wieder blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag' also: 'Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich --' und will das Geld wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'. Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: 'Gnädige Frau! Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin, Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne weiteres nehmen.'
'Gut,' sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du, ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen, wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?«
»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die achzig Kronen zahlen lassen?«
»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«
Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer war leer.
Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich.
»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden nicht so groß, mit achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß deine Tante Regina mehr als dreißig Kronen für ein Geschenk ausgibt?«
»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirsch plötzlich auf und zeigte entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem Kaminsims auf dem Fußboden lag.
Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an der Demba, erbittert darüber, daß es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes verbrochen, als daß sie dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.
12
»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin. »Herr von Gegenbauer, so wachen's doch auf! Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.«
Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort munter, als er von dem Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den scharfgebügelten Hosenfalten.
»Ein Herr oder zwei?«
»Einer,« sagte die Wirtschafterin.
»In Uniform oder in Zivil?«
»In Zivil.«
»Wie sieht er aus? Ist er elegant?«
»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster Überzeugung.
Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser. Dann trocknete er sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie seinen Scheitel zurecht.
»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten lassen.«
Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen, stützte eine Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den Spiegel die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, der mit Überlegenheit und kühlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten läßt.
Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur Stanislaus Demba war es, dem die Haushälterin die Zimmertür öffnete.
»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer. »Ich war auf anderen Besuch gefaßt, auf einen weit weniger angenehmen.«
»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba.
»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch, alter Freund.«
Demba setzte sich.
»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über unser Pech?« fragte Gegenbauer.
»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer vor einem Vierteljahr bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prüfung vorbereitet hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld beigemessen haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen.
»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte Gegenbauer den Kollegen. »Eine ganz neue Sorte hab' ich da: 'Phädra'. Kosten Sie einmal, von der algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie über die Grenze geschmuggelt. Kosten Sie!« --
»Nein. Danke,« sagte Demba.
»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten. Sie sind Kenner.«
»Danke, ich rauche nicht.«
»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stück im Tag verqualmt?«
»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten der Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines Schwindsüchtigen unterbrochen hätte.
»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer.
»Wer denn?« fragte Demba.
»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir kommen.«
»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?«
»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd' ich immer stössig. Das könnten die Leut' schon wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.«
Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte.
»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann zu lesen.
Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke läutete, einen Feldzugsplan entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht. Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser Art über die Lippen gebracht. Nein. Das Geld mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit Kollegienhefte geliehen. Vorlesungen, die Demba im Hörsaal sorgfältig mitstenographiert und zu Hause mit Bienenfleiß in Schönschrift übertragen hatte. Sie stellten einen ziemlichen Wert dar und Demba hoffte zuversichtlich, daß Gegenbauer die Hefte längst verloren oder als unnütz fortgeworfen haben werde. Denn Gegenbauer war niemals im stande gewesen, Entliehenes aufzubewahren, dagegen aber immer bereit, für Schaden, den er angerichtet hatte, in generöser Weise aufzukommen. Darauf hatte Demba seinen Plan gegründet.
»Ich bin eigentlich gekommen,« begann er, als Gegenbauer den Brief auf den Tisch warf, »ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte noch brauchen, die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.«
»Welche Hefte?« fragte Gegenbauer zerstreut.
»Die Vorlesungen Steinbrücks über das römische Kunstepos --«
Gegenbauer dachte nach. »Vier braune Hefte und eines ohne Deckel?«
»Ja. Das sind sie.«
»Müssen Sie die unbedingt haben?«
»Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nämlich wieder einen Schüler bekommen.«
»Das ist unangenehm,« sagte Gegenbauer. »Die hab' ich nämlich verbrannt.«
Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten Ton, der ihm zu Gebote stand, schrie er:
»Was sagen Sie? Verbrannt?«
»Ja,« nickte Gegenbauer ohne eine Spur von Zerknirschung.
»Es ist nicht möglich,« rief Demba.
»Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie an meinen Durchfall durchs Rigorosum erinnerte. Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte, hab' ich eingetrieben.«
»Lieber Gott, was machen wir jetzt!« klagte Demba.
»Sie sind ein Pechvogel,« stellte Gegenbauer fest. »Haben Sie kein zweites Exemplar?«
»Nein.«
»Das macht nichts,« sagte Gegenbauer. »Dann wird er halt auch durchfliegen.«
»Wer denn?«
»Ihr neuer Schüler.«
Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit für höchste Zeit, mit praktischen Vorschlägen hervorzutreten.
»Müller hat auch ein Exemplar,« sagte er nachdenklich.
»Wer?«
»Ein gewisser Egon Müller. Aber der leiht es nicht her. Er will es nur verkaufen.«
»Wieviel verlangt er?«
»Siebzig Kronen.«
»Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Sie Unglückswurm.« Er zog seine Brieftasche.
»Nein ich danke. Geld will ich nicht,« sagte Demba rasch.
Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende Nähe.
»Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstände. Die Hefte kann ich Ihnen nicht herzaubern. Also nehmen Sie das Geld.«
»Auf keinen Fall.«
»Warum nicht?«
»Ich mache keine Geldgeschäfte mit meinen Kollegienheften.«
»Aber das ist doch kein Geschäft. Ich ersetze Ihnen doch nur Ihren Verlust.«
»Bitte, reden Sie selbst mit dem Müller und geben Sie mir dann die Hefte. Er wohnt Pazmanitenstraße, elf.« Demba zitterte bei dem Gedanken, daß Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen und das Geld wieder einstecken könnte.
»Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das mit ihm aus,« sagte Gegenbauer.
Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er schüttelte den Kopf.
Es läutete.
»Das sind sie,« sagte Gegenbauer. »Wissen Sie, Demba, Ihr Feingefühl in allen Ehren, aber ich kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen machen.« Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschloß die Banknoten darin und stopfte es in die Tasche, die in Dembas Pelerine einladend offen stand.
»So,« sagte er. »Ich hab' Ihnen das Geld gegeben. Machen Sie jetzt damit, was Sie wollen.«
Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das Geld befand sich in seiner Tasche. Er hatte keine seiner Hände hervorziehen müssen, um es in Empfang zu nehmen. Und nun war es an der Zeit, an einen geordneten Rückzug zu denken.
»Zwei Herren sind draußen,« meldete die Haushälterin und legte die Visitkarte auf den Tisch. »Wladimir Ritter von Teltsch.« »Dr. Heinrich Ebenhöch, Leutnant in der Reserve,« las Gegenbauer. »Ich lasse die Herren bitten.«
»Also, ich werde mich jetzt drücken,« sagte Demba eilig. »Ich danke Ihnen bestens, die Sache ist in Ordnung.«
»Servus! Servus!« sagte Gegenbauer zerstreut. »Lassen Sie sich wieder mal bei mir blicken.«
Und Demba verließ, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten.
Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mühe, ganz programmäßig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba fühlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich bewiesen, daß man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben. -- Es ist nicht leicht, -- dachte Demba, -- aber es geht. Es geht! Er mußte an einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er einmal sich rühmen gehört hatte: 'Heut hab' ich, ohne eine Hand zu rühren, fünfhundert Kronen verdient!' Ohne eine Hand zu rühren! Welch eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung unterschrieben und dem Geschäftsfreund die Hand geschüttelt. Und das alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich. Wenn er eine Ahnung hätte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben, ohne die Hände zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig nicht. Man muß die Menschen durch List, durch Überlegenheit des Geistes, durch volle Ausnützung der Situation, durch die Macht des Willens, durch die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So wie ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrängen, das ich nicht nehmen konnte.
Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber gingen und lachte leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen hätte, die meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte Dame mit dem eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wäre auch dann nicht gefährlich. Die würde sich schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem Schreck zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort auf mich losgehen. Ich würde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er würde schreien: Aufhalten! Aufhalten!
Wie sich im Nu das Straßenbild verändern würde. Dieser Tumult! Alle wären sie sofort hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie in Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hände gefesselt sind. Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort vom Bock herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so etwas läßt man sich nicht entgehen. Und der Bäckerjunge wird mit seinem leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die Handschellen an meinen Händen sieht. Und ich hab' nur einen einzigen Menschen, der zu mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi. Nein. Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling. Der Narr hilft mir, ohne es zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn denke, den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen wird. Und noch einen dritten Verbündeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave Pelerine. Die beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe. Niemand sieht mich.
Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er aussieht mit seinem dünnen, braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische hineinfährt und kein Fiaker in einen Möbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der nur einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde -- ich wäre verloren. Aber er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe an ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen könnte! Man sollte nur Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se. Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu lassen, daß künftighin tunlichst --
»Sie, Herr!«
Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Schlag vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. -- Ach Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der Wachmann hat ja gar nicht mich gemeint 'Sie, Herr!' hat er gerufen, und ich hab' das gleich auf mich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat. Wahrscheinlich --
»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals.
Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein erstarrt wäre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. -- Nein. Täuschung war nicht möglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu --
Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus Demba das Ende seiner Freiheit.
Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und maß ihn mit den Augen und eine Sekunde lang sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Stoß. Demba fühlte, daß er im nächsten Augenblick niederbrechen werde. Und jetzt, jetzt kam's.
»Sie haben etwas verloren, Herr,« sagte der Wachmann höflich.
Demba verstand nicht gleich.
»Haben Sie nichts verloren?« wiederholte der Wachmann.
Langsam fand Demba sich zur Welt zurück. Sprechen konnte er nicht, er schüttelte nur den Kopf.
»Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann nochmals.
Demba sah ein weißes Kuvert in den Händen des Polizisten, aber es gelang ihm nicht, einen Gedanken damit zu verbinden. Er fühlte nur, daß er wieder atmen konnte und sog in langem Zug die Luft ein. Irgendein schwerer Druck löste sich und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt dämmerte es ihm auf, daß das Kuvert in den Händen des Polizisten das Geld, sein Geld enthielt, daß er es verloren hatte, und daß er es zurückhaben müsse.
»Natürlich, das gehört mir,« wollte er sagen, aber im gleichen Augenblick stieg ihm ein furchtbares Bedenken auf.
Er konnte es nehmen. Gewiß. Er konnte das Kuvert geschickt und nonchalant mit den Fingerspitzen fassen, dem Wachmann wird das vielleicht gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache ja nicht zu Ende! Um Gotteswillen, dann mußte er mit ins Kommissariat, mußte seinen Namen nennen, Erklärungen abgeben, irgend etwas unterschreiben, und auf dem Tisch des Polizeikommissärs lag vielleicht schon die Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa fünfundzwanzigjähriger Mensch, anscheinend den besseren Ständen angehörend, groß, kräftig, rötlicher Schnurrbart, -- und der Kommissär faßt mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die Personsbeschreibung, sieht mich wieder an --
Stanislaus Dembas Entschluß war gefaßt. Er verleugnete sein Geld.
»Mir gehört das nicht,« sagte er zu dem Polizisten und gab sich Mühe, daß seine Stimme nicht allzusehr zitterte.
»Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann erstaunt.
»Mir nicht,« sagte Stanislaus Demba.
Kopfschüttelnd besah der Wachmann das Kuvert. »Dann kann es nur der Herr drüben verloren haben.«
Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vor Stanislaus Demba die Straße überquert hatte und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschäftes stand.
Der Wachmann salutierte und der Herr vor dem Schaufenster zog höflich seinen englischen, steifen Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin und sprach ein paar Worte und der Fremde hörte ihn mit Aufmerksamkeit an. Dann sah Demba, wie der elegante Herr die Silberkrücke seines Malagarohres an den Arm hängte, dem Wachmann das Kuvert aus der Hand nahm und die Banknoten zählte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch aus der Tasche hervorholte, die Banknoten sorgfältig hineinlegte und das Buch in seiner Brusttasche verwahrte.
Und wie er dann dankend den Hut zog und sich gemessenen Schrittes entfernte.
13
Herr Kallisthenes Skuludis trat in das große Herrenmodewarengeschäft auf dem Graben ein und ließ sich von der Verkäuferin Krawatten zeigen. Er prüfte die einzelnen ihm vorgelegten Stücke mit Sorgfalt und Kennerschaft, warf die Bemerkung hin, daß er sich die Auswahl größer vorgestellt habe und daß man etwas wirklich Neues und zugleich Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr zu sehen bekäme und entschied sich schließlich für eine orangefarbene Krawatte aus schwerer, schillernder Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher in anderen Geschäften erstandenen Stücken, in Seidenpapier einschlagen ließ.
Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat er auf die Straße. Es war das dritte Geschäft dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag mit seinem Besuche beehrt hatte. Man möge aber nicht glauben, daß er einen besonders dringenden Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein, Herr Skuludis besaß eine beinahe lückenlose Sammlung von fast sechshundert Krawatten in allen Ausführungen und Farbennuancen, in der alle Formen, von der einfachen weißen Frackschleife an bis zu den Exemplaren von der feurigen Farbenpracht eines Topaskolibris vertreten waren. Aber eine Schwäche des Herzens, die jeder Verlockung eines schön ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag, drängte ihn immer wieder zu neuen Ankäufen.
Als er auf der Straße stand und sich eine Figaro anzündete, konnte er feststellen, daß seine elegante Erscheinung und sein distinguiertes Auftreten berechtigtes Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen Eindruck schien er aber auf einen jungen Mann gemacht zu haben, der unweit von ihm auf dem Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener Bewunderung betrachtete. Stumme Ovationen dieser Art waren Herrn Kallisthenes Skuludis nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in solch naiver Form zu äußern pflegten. Er war es gewöhnt, daß die lässig-charmante Art, wie er beim Grüßen den Arm einbog oder wie er den Stock in den Fingern hielt, schon nach kurzer Zeit -- Herr Kallisthenes Skuludis verweilte überall nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen --, von den Elegants der Stadt kopiert wurde, und daß die vornehm zerstreute Geste, mit der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und in Brand steckte, in den Salons der großen Welt immer vorbildlich wirkte.
Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken Gefühl für gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht, und der junge Mensch dort schien seinem ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehören oder nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis bewegte. Dieser setzte daher, ohne Stanislaus Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang fort, denn unter den Eigenschaften, die ihm die Sympathien der guten Gesellschaft von Paris, Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert hatten, war seine vornehme Zurückhaltung sicherlich eine der hervorstechendsten.
Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslage eines Blumengeschäftes, nahm in einem Delikatessenladen eine kleine Erfrischung und überquerte sodann die Straße, um eine Dame zu begrüßen, die er, er wußte nicht mehr recht woher, wahrscheinlich von einer Schiffsreise im Mittelmeer her kannte. Während er im Gespräche stand, fiel ihm Stanislaus Demba von neuem auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis besaß ein vorzügliches Personengedächtnis -- das erforderte sein Beruf -- und er erkannte sofort den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem Krawattengeschäft stumme Huldigungen erwiesen hatte.
Er verabschiedete sich von der Dame und betrat einen Friseursalon. Rasiert und mit frischgezogenem Scheitel trat er nach einer Viertelstunde auf die Straße, und der erste Mensch, dem er begegnete, war wieder Stanislaus Demba.