Part 8
»Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,« sagte Steffi leise und bittend. »Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er häßlich ist und wenn er dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. Laß mich die Handschellen sehen.«
»Nein,« sagte Demba und rückte mit dem Sessel von Steffi fort. »Wozu?«
»Aber ich muß sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.«
Stanislaus Demba spähte unruhig nach der Tür.
»Es wird jemand kommen.«
»Nein. Jetzt essen sie noch,« sagte Steffi Prokop. »Erst wenn sie mit dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa. Laß doch sehen.«
Stanislaus Demba brachte langsam und zögernd die Hände unter der Pelerine hervor.
»Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich für einen Verbrecher hältst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter über mich an,« sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ängstlichen Blick an, der seine selbstsicheren Worte Lügen strafte.
»So sehen Handschellen aus!« sagte Steffi Prokop leise.
»Hast du dir sie anders vorgestellt?« fragte Demba und verbarg die Hände eilig wieder unter dem Mantel. »Zwei Stahlspangen und eine dünne Kette. Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich habe immer, wenn ich das Wort hörte, an eine Schlittenfahrt im Winter gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hübsch: Handschellen. Und ist doch ärger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn Abner an den Händen hätt'.«
»Es ist eine ganz dünne Kette,« stellte Steffi Prokop fest. »Es kann doch nicht schwer sein, die durchzufeilen.« Sie stand auf. »Vater hat einen Werkzeugkorb. Wart' ein bißchen, ich geh eine Feile holen.«
Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer größeren und einer kleineren. »Jetzt mußt du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut. Jetzt, rasch.« Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten.
»Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich fänden,« fragte sie. »Du mußt die Hände ruhig halten, sonst geht es nicht.«
»Zwei Jahre Kerker,« gab Demba zur Antwort.
»Zwei Jahre?« Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf.
»Ja. Soviel ungefähr. Zwei Jahre Kerker.«
Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte sich mit wilder Energie, die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht müde.
»Ja,« sagte Demba. »Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses Mißverhältnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre ununterbrochene Tortur.«
»Still!« mahnte Steffi Prokop. »Nicht so laut. Sie hören drinnen im Zimmer jedes Wort.«
»Zwei Jahre Folter!« sagte Demba leise. »Man muß die Sache bei ihrem Namen nennen. Gefängnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr ärgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten werden, wie ein Tier im Käfig -- ist das nicht Folter?«
»Du mußt stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.«
»Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, daß zur selben Zeit tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es zustande brächten dieses Wort 'Zwei Jahre Kerker' bis auf den Grund nachzufühlen, bis ans Ende durchzudenken, so müßten sie aufbrüllen vor Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist nur einmal gestürmt worden.«
»Aber es muß doch Strafe geben.«
»Wirklich? Natürlich. Es muß Strafe geben. Hör' zu, Steffi, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es muß keine Strafe geben.«
Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch fuhr er fort:
»Es muß keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der Notausgang, der gestürmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht. Die Strafe ist's, die Schuld trägt an jedem Verbrechen, das geschieht und geschehen wird.«
»Das versteh ich nicht, Stanie.«
»Daß die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder geistigen Rückständigkeit. Gäb' es keine Strafen, so hätte man längst Mittel gefunden, jedes Verbrechen unmöglich, überflüssig und aussichtslos zu machen. Wie weit wären wir in allem, wenn wir Galgen und Kerker nicht hätten. Wir hätten Häuser, die nicht Feuer fangen und es gäbe keine Brandstifter. Wir hätten längst keine Waffen mehr und es gäbe keine Meuchelmörder. Jeder hätte, was er braucht und was er sich ersehnt, und es gäbe keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie gut es ist, daß Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst hätten wir keine Ärzte, nur Richter.«
»Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.«
»Immer muß ich an das kleine Mäderl der Frau denken, mit der ich Tür an Tür wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und gestürzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nächsten Wagens geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mußte ihm abgenommen werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter und Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen Fahrlässigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie. Die hatte sie für ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein Krüppel ist, muß jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit. Das Kind muß hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niederträchtigen Irrwahn 'Strafe' hätte ich mich in die Hände geben sollen? -- Bist du jetzt endlich fertig, Steffi?«
»Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!« schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf Stanislaus Dembas unglückselige Hände.
10
»Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn geschehen?«
Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer getreten, daß Demba nicht Zeit gefunden hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen. Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine Hände.
»Hat's was gegeben zwischen euch?« erkundigte sich Herr Prokop bei Demba.
»Nichts hat's gegeben,« sagte Demba hastig. »Steffi weint, weil mein kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem Sofa näherte, von dem aus man unter die Tischplatte sehen konnte.
»Überfahren?« fragte Prokop.
»Ja. Von einem Fleischerwagen.« -- Dembas Hände suchten Deckung hinter einer Stuhllehne zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop seinen Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach, und er vor ihm stehen blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen.
»Das hab' ich gar nicht gewußt, daß Sie einen Hund haben, Herr Demba. Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau, da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen können?« -- Herr Prokop legte sich auf das Sofa.
»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.
»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr Prokop wissen.
»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht, ich hab' ihn doch mal hergebracht,« erzählte Demba und versuchte, die breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.
»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop blies aus seiner Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. »Wie hat er denn nur g'schwind geheißen?«
»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt werden.
»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer Name für einen Hund. Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hör' auf, zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden.« Er gähnte. Nach Tisch wurde er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn kein Bureau heut nachmittag?«
Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und warf einen verstohlenen Blick auf Dembas Hände, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und zerlassener Butter drang herein.
Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der Kommode standen. Den Gnomen mit dem weißen Patriarchenbart, der einen roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen, das ganz aus alten Zündhölzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.
»Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!« befahl jetzt Herr Prokop. »Ich hab's auf dem Tisch stehen lassen.«
Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten später war er eingeschlafen.
Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu Stanislaus Demba.
»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!«
»Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge seit heute morgen,« meinte Demba.
Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.
»So ein Unglück! So ein Unglück!«
»Aber wein' doch nicht!« sagte Demba unwirsch. »Das hat gar keinen Sinn. Wir müssen es nochmals versuchen.«
»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis ich nicht mehr hab' können, und die Kette ist genau so geblieben, wie sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie muß aus einem besonderen Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?«
»Wein' doch nicht! Hör' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.« Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd über Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich aus und komisch zugleich: Diese beiden Hände, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln läßt -- so war Stanislaus Dembas linke Hand.
Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu weinen auf und sagte plötzlich:
»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es muß ja aufzusperren gehen.«
»Natürlich.«
»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der Wand hängt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.«
Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie geräuschlos einen neben den andern aufs Fensterbrett.
Sie versuchte es mit dem ersten.
»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt nicht. Der ist zu groß.«
Sie griff nach dem zweiten.
»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu groß. Der geht überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht. Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe eingesperrt hat und ihre beiden Lose. -- Auch nicht.«
Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner paßte. Ein einziger ließ sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte trotzdem nicht aufspringen.
Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zögernd in die Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.
»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Weißt du, mein Tagebuch hat Schließen und läßt sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt passen.«
»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.«
»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen. Siehst du -- nein! Der paßt auch nicht. Er ist zu klein.«
Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.
»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?«
»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,« sagte Demba. »Vom Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab -- wo bekommt man Wachs?«
»Wachs hab' ich zu Hause.«
»Wieso denn?«
»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und Vögel und Ornamente auf Seidenbänder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein großes Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.«
Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider Schlösser.
»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte Demba. »Aber du mußt vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht Verdacht schöpft.«
»Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine Familie, und der älteste Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte. Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser repariert. Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, daß ich den Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, -- werd' ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schöpfen. -- Also wart', ich geh' gleich hinüber.«
Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht vor Freude und ganz aufgeregt.
»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen, er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig den Hof, und möcht' gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht. Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr, wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.«
»Erst um acht Uhr?«
»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mußt du warten. Aber weißt du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und bring' dir den Schlüssel. Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut'. Wird mich jemand sehen?«
»Nein.«
»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.«
»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.«
»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner Wohnung. Sicher hast du ein großes Durcheinander. Ich werd' Ordnung machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst verrätst du dich. Versprich mir's, Stanie.«
Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber alle Klugheit und alle Vorsicht.
»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich muß mir das Geld beschaffen.«
»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.
Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer grotesk gleichmäßigen Bewegung beider Hände, die an die Darstellung auf Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte. Dann stand er auf.
»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du solltest dich doch irgendwo einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher Gefahr, wenn jemand entdeckt --«
Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.
»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba.
»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie, folg' mir! Wenn jemand sieht, daß du --«
»Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,« sagte Demba mit gedämpfter Stimme. »Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt. Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur einen Blick auf meine gefesselten Hände erhascht, der ist von dieser Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht, was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, könnte die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar würden.«
»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt' ich ja sagen.«
»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte sie aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch verraten können. Da war ich ein Anfänger. Aber jetzt -- du glaubst nicht, was für eine Routine ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen. Es tut mir beinahe leid, daß der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.«
Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.
»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie.
»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.
11
Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes. Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten hin.
»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.«
»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa 'Elfriede' in Neuwaldegg. Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage, herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen -- geh' hin und biet' mit!«
»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich weiß nicht, ob ich das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir, will ihn nicht nehmen.«
»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?«
»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.«
»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat streifte die Asche von seiner Zigarre ab.
»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen ist. Also hör' zu. Vor einer Viertelstunde läutet's und die Anna kommt herein: Gnädige Frau, der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule, das weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet und so hab' ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten, ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der Köchin fertig war, bin ich hineingegangen.«
Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stieß einen ihrer leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch die vielfachen Anforderungen des täglichen Lebens sei. Dann fuhr sie fort:
»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie das Stubenmädchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt, sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas Verbotenes getan hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.«
»An welche Zigarre?« fragte der Advokat.
»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich also und ich frag' ihn: 'Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?' Er sagt: 'Gnädige Frau, ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn Tage verreisen muß.' -- 'Das ist aber sehr unangenehm,' sag' ich. 'Mitten im Schuljahr. Und vor der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so Dringendes?' -- 'Wichtige Familienangelegenheiten,' sagt er. 'Und der Georg wird in den beiden nächsten Wochen keine Nachhilfe benötigen und der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen gut, und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die nächste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.'
'Also bitte,' sag' ich. 'Wenn Sie glauben, daß die Buben Sie nicht brauchen -- eventuell können Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie vertritt.'
'Das wird nicht nötig sein,' gibt er zur Antwort, 'Aber ich möcht' die gnädige Frau bitten --' also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute das Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also, weißt du, ich führ' mir das nicht gern ein, Vorschuß an den Hauslehrer, aber ich hab' doch gesagt: 'Bitte, sehr gerne', weil er doch das Geld für die Reise braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die Zeit, wo er verreist ist, muß ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür. Hab' ich recht?«
»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es wieder einsteck', -- auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen, brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: 'Herr Demba, riechen Sie nichts?' Und er zieht auch die Luft durch die Nase ein und sagt:
'Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.'
'Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,' sag' ich, und in dem Moment seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, während er auf mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie er mich kommen gehört hat, warum, das weiß ich nicht. Anfänglich dacht' ich, er hätte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel genommen, -- du läßt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich hab' dir hundertmal gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen, die Anna hat einen Feuerwerker, da läßt sie doch sicher jeden Abend, wenn sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt dir ja nichts sagen! Hab' ich recht?«
»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: 'Herr Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.' Der Demba springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem Wort, er läßt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine Miene, sie aufzuheben.
Ich ruf: 'Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!' Der Demba wird feuerrot im Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein Wort heraus und endlich sagt er: 'Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.' -- Hast du schon so etwas gehört? Was sagst du dazu?« --
Der Advokat sagte »hm« dazu.