Zwischen neun und neun

Part 7

Chapter 73,928 wordsPublic domain

So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefühl der Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die schönsten, wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das Loch einer siebenköpfigen Taglöhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist stilvoller.

In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das Buch gleich aus der Hand. Er blättert darin herum, nickt mit dem Kopf, sieht's durch die Lupe an und fragt: 'Woher haben Sie das?' Ich sage: 'Aus einer Auktion.' Er nickt wieder, setzt sich und fängt an, in dem Buch zu studieren. Dann fragt er: 'Warum verkaufen Sie das Buch? Nur weil Sie brochen Geld?' Er fragt das mit so einem galizischen Akzent, ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich überlegte rasch, daß er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: 'Nein. Mich freuen alte Drucke nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln, wissen Sie?'

Ich weiß nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich hätte ebensogut sagen können: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne.

Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wäschekorb und wühlt eine Weile in den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische Fayancefliese zum Vorschein: Einen Jäger auf einem Schimmel mit einem großen, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als wüßte er ganz genau, daß er keine von den Tulpen zertreten dürfte.

'Was wollen Sie dafür?' frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den Wäschekorb. Er hat sich von mir nicht täuschen lassen. Er hat sofort erkannt, daß ich ein armer Teufel bin, der Geld 'brocht'.

Dann blättert er wieder in dem Buch und fragt: 'Was wollen Sie dafür?'

'Sie müssen wissen, was es wert ist,' sag' ich.

Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem Buch zu blättern. Er trug einen weißen Spitzbart, aber man sah trotzdem, daß er kein Kinn hatte. Das weißt du doch: manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen so ausgesehen haben. -- Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt mir der verrückte Gedanke, daß vielleicht ein Geheimbund aller dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, daß sie zusammenstehen, und daß vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist und mir nur eine Bagatell für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach Italien fahren kann.

Du hältst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das sage. Ich wußte natürlich sehr gut, daß das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke. Übrigens wurde ich sofort sehr angenehm enttäuscht. Er bot mir zweihundertunddreißig Kronen für das Buch und wir einigten uns auf zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mußt wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit weniger für sie interessieren, als für andere Antiquitäten. Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war zufrieden.

Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich wieder zurück und fing an, nervös herumzusuchen. Er rückte die Stühle von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und wühlte im Wäschekorb. Dann sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes übrig, als einen Schlosser kommen zu lassen. Ich möge ein bißchen warten oder ich könne auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich zöge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen.

Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich hörte ihn mit jemandem sprechen und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich war ein Narr, daß ich darauf einging. Wenn ich gesagt hätte, ich könne nicht warten und darauf bestanden hätte, das Geld sofort zu bekommen, wäre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.

Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur, eine Delfter Vase mit Landschaften und ein schönes, altes Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwürdigerweise, ich erinnere mich, daß ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit sich geführt haben mochte. Ich mußte ziemlich lange warten, aber ich wurde nicht mißtrauisch. Das hängt damit zusammen, daß ich niemals auch nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen geworden. Ich hab' das Buch aus der Universitätsbibliothek nach Hause genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit dem Vorsatz getan, das Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber entliehene Bücher gibt man doch selten zurück; Bücher sind gleichsam vogelfrei. Man läßt den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und schließlich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's vergißt. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch lag immer in meinem Zimmer, täglich hatte ich's in der Hand, und auf einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten Gewissen der Welt trug ich es zum Händler. Den Bibliotheksstempel hatte ich längst ausgemerzt; auch nicht in einer betrügerischen Absicht, sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers entfernt, einfach weil es einem nicht gefällt. Der alte Trödler muß aber doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann auch sein, daß er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es läutete, der Alte ging öffnen und kam mit zwei Männern ins Zimmer zurück. Er sagte: 'Das ist er' und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: 'Im Namen des Gesetzes.'

Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die Empfindung, daß der alte Jude mich übertölpelt hatte. Sein kinnloses Gesicht machte mich plötzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden Händen in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf mich und rissen mich zurück, und der eine von ihnen sagte: --

Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstört drein, Steffi! Wenn ich ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schließlich ist die Sache doch mir passiert und nicht dir. -- Willst du, daß ich nicht weiter erzähl'? -- Also.

Wo war ich stehen geblieben? Ja. -- Der eine der beiden Polizisten sagte: 'Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.' Und der andere sagte: 'Mir scheint, er will Handschellen.' -- Da ließ ich mich abführen.

Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurück und sah den Trödler, der seelenruhig an seinem Tisch saß und weiterschrieb. Was mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgültigkeit brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei Sessel fielen um und die Glastür ging in Splitter. Aber sie waren zu zweit stärker als ich und wurden schließlich mit mir fertig.

Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und führten mich die Treppe hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und gewunden, und man mußte vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in dem alten Haus ziemlich finster war. Plötzlich glitt der Mann, der hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nächsten Augenblick gab ich dem andern mit beiden Händen einen Stoß in den Rücken, daß er sieben oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt. Ich wollte bloß frei sein, die beiden Männer los sein, einen anderen Gedanken hatte ich nicht.

Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlüssel ab und sperrte von innen zu.

Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren jede in eine ebenso enge Kammer führte. Alle drei Räume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene Möbel, Bretter, Strohsäcke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck. Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen hätte, in ein paar Minuten hätte man mich gefunden. Ich sah keine Möglichkeit von hier zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Türe.

Und jetzt kam plötzlich die Verzweiflung über mich. Bis jetzt war ich unfähig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewußtsein, was mir bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, weißt du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle könnt' ich gar nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde aufstehen müssen, wenn man mich aufstehen heißt. Mitgehen müssen, wenn man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben müssen, wenn man mich fragt. Muß essen und schlafen und arbeiten, wenn es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pläne schossen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir herumgeschleppt und niemals ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige Dinge: daß ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Sünde ein; es heißt, daß man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert. Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er sein Brot verdient und wie sein Tag verläuft. Daß ich mich hätte heute auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein Mädchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken können, daß ich schon immer einmal den Bauernfängern beim Bukispielen hatte zuschauen wollen, -- alles das schoß mir durch den Kopf, alles das hätte ich noch gestern tun können, unwichtige Dinge, gewiß, lächerliche Dinge, aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all meiner Armut, daß ich Souverän meiner Zeit gewesen war, es wurde mir deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt war ich gefangen, war ein Sträfling, die Schritte, die ich in der engen Dachkammer zwischen dem Gerümpel machte, waren meine letzten freien Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit! Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch: Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zwölf Stunden Freiheit! Zwölf Stunden! -- und dabei hörte ich die Polizisten am Türschloß arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschloß ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben -- Sei ruhig, Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt gar keinen Sinn.

Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bißchen Rasen, blühende Fliederbüsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder Stiefmütterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen Fenster tönte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle Ritter.

Und das Lied machte mir Mut. Ich faßte den Entschluß bei den Worten: Stadt und Festung Belgerad, bei 'Belgerad' wollte ich -- wollte ich hinunter. Ich schloß die Augen, und dann kam 'Belgerad' viel zu bald, und ich verschob es bis: 'Brucken', 'er ließ schlagen eine Brucken.' Und im nächsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: 'Hinüber rucken', 'hinüber', ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort, wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf den Kopf, und ich schlürfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann kam's: Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich hörte noch, wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und dann --«

»Und dann?« schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.«

»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte das Mädchen, bleich vor Entsetzen.

»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das weiß ich noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hörte, und ich hatte im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich, vor vielen Jahren, als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, daß ich mir etwas tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das Bewußtsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.

Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was geschehen war. Ich bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Es war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder. 'Wer bin ich eigentlich?' fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann wußte ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: 'Wo bin ich denn?' Und es kamen Antworten: 'Zu Hause in meinem Bett, der Miksch -- das ist mein Zimmerkollege -- wird gleich kommen, aufstehen!' Und dann wieder: Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank. Nein, wie kann einem das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis, ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den Senftiegel aus Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wußte plötzlich genau, was geschehen war und wo ich mich befand.

Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei: Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun Uhr. Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewußtsein hatte zusammen nicht länger als zwei Sekunden gedauert.

Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk des Nußbaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert. Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen davongetragen.

Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten. Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem Türschloß der Dachkammer.

Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, daß ich auf einen Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war frei!«

Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam wieder nieder. Er blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:

»Bis auf die Handschellen.«

9

»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch gesagt, daß sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre. Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein, daß ich gefesselt war, auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte verschwinden. Das war alles, was ich fühlte.

Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hände zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering wertete ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr, die in den Handschellen auf mich lauerte.

Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit den Händen zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet und starrte mich an, sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte die Hände unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog ich um die Ecke.

Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte häufig die Richtung und war bald sicher, daß mich die beiden Polizeiagenten nicht mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter Bezirk fortzukommen. Als ich an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick fiel mir ein: 'Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit meinen Händen in die Tasche fahre.' Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im voraus erhaltene 'Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr' in seiner Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, daß die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick, wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des Seefahrers Rücken hing.

Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch schon der Gedanke: 'Lieber Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit meinen gefesselten Händen.' Zum Glück war der Wagen voll Menschen und der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs mit, und als dann der Schaffner in meine Nähe kam, stieg ich aus, als hätte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fuß bis zur nächsten Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.«

»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?« fragte Steffi Prokop ängstlich.

»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist groß. Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall doch in den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewiß nicht. Sie haben mich nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen. Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist, glaub' ich, eigens für Leute, die ihre Hände verstecken wollen, erfunden. -- Und schließlich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht wahr?«

»Ja. Ein bißchen verändert.«

»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt. »Es war übrigens nicht gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war nämlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Während ich rasiert wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als ich fertig war, stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine gute Idee und will gehen, da sagt er:

'Noch zehn Heller, bitte.'

'Wieso denn?' frag' ich.

'Vierzig Heller macht's,' sagt der Gehilfe.

'Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde gefallen.'

'Nein. Es waren dreißig,' sagt er und zeigt mir die offene Hand, da waren wirklich nur dreißig Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: 'Zwanzig Heller müssen noch irgendwo auf der Erde liegen.' Er bückte sich, und während er suchte und nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen und auf den Tisch legen. Aber zum Unglück geht gerade in diesem Augenblick die Tür auf und ein Herr kommt herein -- ich konnte gerade noch rechtzeitig die Hände verschwinden lassen. Inzwischen hat der Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: 'Es liegt nichts da, der Herr muß sich irren.'

'Es muß aber da sein. Ich weiß es bestimmt, suchen Sie nur,' so antwort' ich ihm.

Aber er wollte nicht länger suchen. 'Dreißig Heller sind dem Herrn gefallen. Ich hab's ja gesehen.'

Ich war ganz verzweifelt. 'Es waren bestimmt fünfzig Heller,' wiederhole ich. 'Suchen Sie nur, es muß sich finden.' -- Und jetzt mischt sich noch der Herr ein und brummt, wie er dazukäm', meines schäbigen Sechserls wegen warten zu müssen. Daß er Eile habe. Ich wußte nicht, was anfangen, und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: 'Haben Sie schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.' Der Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld liegt tatsächlich dort. -- Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war zumut, wie einem, den beinahe ein Auto überfahren hätt'. -- Ich habe nie vorher gewußt, daß man so oft im Tag seine Hände braucht. Viel öfter als das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.«

»Und was wirst du jetzt tun?«

»Ja,« sagte Demba. »Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens muß ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht, Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen muß ich los werden, und das ist's, wobei du mir helfen sollst.«

Steffi Prokop schwieg und dachte nach.

»Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir alles erzählt. Die Beweggründe, alles. Sprichst du mich frei?«

Steffi Prokop schüttelte den Kopf.

»Nein.«

Demba biß sich in die Lippen.

»Du willst mir also nicht helfen?«

»O ja. Helfen will ich dir. Laß mich die Handschellen sehen!«

»Nein,« sagte Demba. »Wenn du findest, daß ich unrecht habe, dann brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich verurteilst?«