Part 6
Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im Wohnzimmer ungeduldig wartend.
»Grüß dich Gott!« sagte sie. »Bist du schon lange hier?«
»Seit zwölf Uhr wart' ich,« sagte Demba.
»Ich kann nichts dafür, daß ich mich verspätet habe. Man läßt mich nicht eine Minute vor zwölf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den Händen 'runter bekomm'. Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.«
Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie immer umnahm, wenn sie auf die Straße ging. Dann band sie sich die Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.
»Nun? Willst du nicht ablegen?« fragte sie. -- Demba hatte seine Pelerine umbehalten.
Demba schüttelte den Kopf.
»Nein! Laß mir den Mantel! Mir ist kalt.«
»Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon wieder im Freien sitzen.«
»Mich friert,« sagte Demba. »Ich bin krank. Ich glaube, ich habe Fieber.«
»Armer Stanie!« sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem man Kinder bedauert und tröstet, die beim Spielen gefallen sind und sich »weh getan« haben. »Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.« Dann änderte sie den Ton und fragte: »Du ißt doch mit uns?«
Demba schüttelte den Kopf.
Sie öffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer:
»Mutter, der Herr Demba ißt mit uns!«
»Nein!« rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. »Was fällt dir denn ein?«
»Dukatenbuchteln haben wir heut,« sagte Steffi Prokop aufmunternd.
»Nein, ich danke. Ich kann nicht,« sagte Demba.
»Also, du mußt wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,« sagte Steffi lachend. »Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich werd' gleich mal nachschauen.«
Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu fühlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im nächsten Augenblick einen Stoß, daß sie zwei Schritte zurücktaumelte und sich an der Kommode festhalten mußte, um nicht zu fallen.
Demba war aufgesprungen und stand, weiß wie die Wand und ganz außer sich vor ihr.
»Woher weißt du --?« zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi. »Wer hat dir verraten, daß --?«
»Was denn? Warum hast du mich gestoßen? Was ist dir denn, Stanie?«
Demba sah das Mädchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach kein Wort.
»Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,« sagte Steffi Prokop kläglich.
»Was?«
»Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du stößt mich!«
»So, den Puls.« Stanislaus Demba setzte sich langsam. »Dann ist's gut. Ich dachte --«
»Was denn? Was dachtest du?«
»Nichts. -- Du siehst ja, daß ich krank bin.« Demba starrte schweigend auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern und Löffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen.
Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter.
»Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.«
»Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorüber -- so oder so.«
»Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.«
»Es ist nichts. Wirklich.«
»Aber du wolltest mir doch etwas erzählen. Etwas Wichtiges, das du mir durchs Telephon nicht sagen konntest.«
»Das ist längst nicht mehr wichtig.«
»Was war es denn, Stanie?«
»Ach nichts. -- Daß ich morgen früh fortfahre.«
»So? Wohin denn?«
»Das weiß ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder nach Venedig.«
»Mit der Sonja Hartmann fährst du?«
»Ja.«
»Auf lange?«
»Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.«
»Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten?«
»Es ist alles wieder gut.«
»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in dem gestanden ist: 'Ihre Tochter, Frau Gräfin, hat höchstens noch sechs Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.' Ich hab' damals so lachen müssen. -- Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? -- Gib doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?«
Demba blickte zerstreut auf.
»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?« fragte Steffi.
»Nein. Bei dir.«
»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz gut, daß du dir nichts aus mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu --« Steffi Prokop warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff, hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf die Gasse.
»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.«
»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich wieder gehen. Ich wollt nur schauen, wie es dir geht.«
»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich. »Schau'n, wie mir's geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir nicht immer: 'Kind'. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles erzählen. Ich weiß, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?«
»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba halb in Gedanken.
»Ja -- _lerisque purus_. So heißt's. Und ich bin im Winkel gesessen und hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde -- Wovon träumst du, Stanie? Du hörst mir gar nicht zu. Warum starrst du so auf den Tisch? Wovon träumst du, sag?'«
»Ja. Vielleicht träume ich,« sagte Demba leise. »Sicher ist alles nur ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein Fiebertraum der letzten Minuten.«
»Stanie! Was ist das? Was redest du da?«
»Vielleicht trägt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die Straßen oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem Nußbaum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen und kann nicht aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen --«
»Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist geschehen?«
»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba leise.
»Ich hab' Angst!« klagte Steffi. »Was ist geschehen? Jetzt mußt du mir's sagen!«
»Sei still! Es kommt jemand,« sagte Demba rasch.
Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte.
»Stör' ich?« fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer, nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr Demba, essen Sie nicht einen Löffel mit uns?
»Ich danke, gnädige Frau, ich bin schon nach dem Essen.«
»Mutter!« sagte Steffi. »Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.«
»Und jetzt sprich!« sagte Steffi, als Frau Prokop draußen und die Tür verschlossen war. »Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde muß ich wieder ins Bureau.«
Demba lachte verlegen auf.
»Ich weiß nicht, was da vorhin über mich gekommen ist. Heute vormittag war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht einen Augenblick lang den Kopf hängen lassen und den Mut verloren, obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'. 'Angepackt' ist übrigens sehr gut.« -- Demba stieß ein kurzes, heiseres Lachen hervor. -- »Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. 'Angepackt' ist nämlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir: Angerührt --, nein, in die Hand genommen -- auch nicht! Zum Kuckuck, alles was ich unternommen habe -- so ist's richtig! Also alles, was ich unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten -- hätt' ich jetzt wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge hält mich zum Narren. Alles, was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten. Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen habe, heut vormittag, ist mir mißglückt.«
»Ich verstehe dich nicht, Stanie.«
»Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Schoß zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne Grund. Wirklich. So tragisch ist nämlich die ganze Sache nicht.«
Er sah dem Mädchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen und fuhr dann fort:
»Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein bißchen merkwürdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schwächeanfall, und jetzt ist's vorüber. Du darfst nicht glauben, daß ich mir auch nur soviel aus der ganzen Sache mache.«
»Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,« bat das geängstigte Mädchen.
Demba atmete schwer auf.
»Ich bin nämlich --. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.«
»Die Polizei!« -- Steffi Prokop sprang auf.
»Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus,« mahnte Demba.
Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes Flüstern.
»Was hast du getan?«
»Ein Verbrechen, Kind,« sagte Stanislaus Demba in gleichgültigem Ton. »Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu schämen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.«
»Ein Verbrechen.«
»Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus der Universitätsbibliothek einem Antiquitätenhändler verkauft. Das heißt, verkauft hab' ich nur zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat es keinen Sinn, wenn ich weiter erzähle.«
»Warum hast du das getan, Stanie!«
»Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie über die Idyllen des Calpurnius Siculus und seine _Hapax legomena_ geschrieben. Eine Arbeit über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser Calpurnius Siculus verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der übrigen römischen Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht. Ich bekam einiges aus der Universitätsbibliothek. Aber drei alte, wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.«
»Und jetzt ist die Polizei --«
»Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über ein Jahr her. Und kein Hahn hat in der Universitätsbibliothek nach den Büchern gekräht. Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen würde, dann vielleicht würde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter gesagt. Also diese drei Bücher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer großen Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung gefunden. Eine große Diskussion hat sich über ein Wort, für das ich eine neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in Göttingen hat meine Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden ließ. Es hat sich um Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen Dingen.
»Bezahlt wurde mir die Arbeit so, daß Kosten für Tinte, Feder und Papier gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich während des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich übersetzt habe, trägt mir genau das Zwölffache. Dafür hab' ich die Bücher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie wären nutzlos und verstaubt in einem dunklen Winkel der Universitätsbibliothek gelegen und nur der Katalog hätte von ihnen gewußt.«
»Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!« klagte Steffi Prokop verzweifelt.
»Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes wäre, die macht mir keine Sorge, derentwegen wär' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erzählen. Jetzt geht's viel leichter. Hör' zu.«
Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus und pfiff leise vor sich hin.
»Nun?« fragte Steffi Prokop.
Er drehte sich um.
»Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bücher, richtig. Die beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte Schulden. Ich trug sie in die Antiquitätenläden in der Johannesgasse und in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafür geben. Die Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an. Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen.
Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers in Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Trödler, halb Sammler ist. Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das eine zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat später, als ich wieder Geld brauchte, bekam ich für das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren mehr wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar.
Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus der Offizin Enschede & Söhne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besaßen.
Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die ganze Zeit über und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im Jänner ist es mir so schlecht gegangen, daß ich in der strengsten Kälte meinen Winterrock ins Leihhaus tragen mußte. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben.
Bis ich gestern das von der Sonja hörte. Das muß ich dir auch erst wieder erzählen. Ich erzähle dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es tut mir wohl, alles zu erzählen. Daß wir uns in der letzten Zeit öfters gestritten haben, die Sonja und ich, das weißt du. Es war nicht mehr ganz so wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wußte, daß Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner ließ ich sie ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser Weiner irgend etwas wegnehmen? -- dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen Gedanken aus seinem Mund gehört, auf den einzugehen es sich verlohnt hätte. Dabei ist er feig und hinterhältig und selbstsüchtig. Ich dachte mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist.
Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause. Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die Quartierfrau. 'Ja, das Fräulein verreist.' 'So,' sag' ich. 'Wohin denn?' Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. 'Für den Urlaub ist's ja noch viel zu früh,' denk' ich mir. Und außerdem hätt' sie mir doch was davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein Schreibtischfach offen und drin liegt ein großes Kuvert ganz obenauf von der Firma Cook & Son.
Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin. Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, _stud. jur._
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute, wenn man überfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, weiß ich nicht. Eine halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen, herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin.
Dann bin ich wieder ein bißchen ruhiger geworden und hab' die Sonja gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast täglich ins Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau soll man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem Herzen muß man an ihrer Tür läuten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttäuscht die Treppe hinuntergeht, dann fühlt man erst, daß man sie liebt. Aber eine Frau, die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus vorfindet, so sicher, wie den 'Simplizissimus' oder das 'Tagblatt', die verliert an Wert und wird Alltag.
Die Sonja also hat vier Kaffeehäuser, in denen sie verkehrt. Zwischen neun und zehn ist sie meist im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wußte auch schon von ihrer Reise. Der hat mir bestätigt, daß sie mit dem Weiner nach Venedig fahren will.
Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht da war, sah ich ein, daß es keinen Zweck hatte, länger zu stehen. Der Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstraße, dort hätte ich warten müssen.
Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über die Sache ruhig nachzudenken. Über Sonjas Beweggründe. An dem Georg Weiner selbst konnte sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere Menschenform. Daß er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewußt hab', wer das ist, immer hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken gehabt: 'Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang'. Weißt du, nicht aus Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, daß er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte mir, das muß ihm doch große Mühe machen, warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas große Leidenschaft. Sie möchte die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig, sie ginge als Stewardeß auf ein Schiff, wenn man sie nähme, sie ginge als Lokomotivführer oder als Handgepäck, wenn es nicht anders zu machen ist. Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten, mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt, die eine Reise gekostet hätt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater ist ein Lederhändler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich heute dreihundert Kronen aufbringe, so läßt sie den Weiner sofort stehen und fährt mit mir.«
»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Ist das dein Ernst?«
»Natürlich.«
»Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, daß es sich ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.«
Stanislaus Demba lachte.
»Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, daß du ihn nie gesehen hast.«
»Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind anders, als ihr Männer. Euch stößt es ab, wenn eine häßlich ist. Aber eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.«
»So,« sagte Demba. »Du weißt es natürlich besser. Und ich sag' dir, sie wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.« -- Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und genoß seinen Triumph.
»Wirklich? Hat sie dir das gesagt?« fragte Steffi.
»Jawohl.«
»Dann tut sie mir leid,« sagte Steffi Prokop leise und verzagt. »Erzähl' weiter.«
»Ja. -- Also wie ich drüber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll, da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht sechshundert oder achthundert Kronen.
Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt getragen.
Der Händler wohnt in der Klettengasse 6. Man fährt durch die Heiligenstädter Straße, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fünf Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweistöckigen Vorstadthaus mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal vorüberging. Es muß irgendwo in der Nähe eine Brauerei sein, denn die ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den ich nicht vertragen kann. Er macht mich wütend.
Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis auf die Treppe.
Ich läutete, mußte eine Weile warten, läutete noch einmal, und dann hörte ich Schritte und eine Stimme: 'Ja, ja. Ich komme schon.' Dann machte der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und schaute durch den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein und er führte mich in sein Arbeitszimmer.
Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum, den ich je gesehen habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und scheinbar auch Atelier -- der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste Kunstmobiliar und der erbärmlichste Trödel stehen wüst durcheinander. Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nußholz, vielleicht Frühbarock, mit wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen Wäschekorb. Ein schönes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet gewesen sein muß, steht im Zimmer, aber sein Besitzer schläft auf einer schmutzigen, roten Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein französischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes, gläsernes Tintenfaß steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen Papier und sein Geschäftsbuch, in das er die Ein- und Verkäufe einträgt. Und überall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte Drucke und Kristallgläser und Porzellanfiguren. Auch ein 'Heiliges Grab' aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das muß er billig gekauft haben und er möchte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er ist ein galizischer Jud und hat an dem 'Heiligen Grab' sicher keine rechte Freude.