Part 5
»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundert Kronen gehabt, die ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber ich habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich erschwert worden. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn --«
»Wenn?«
»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr so leicht.« Demba lachte kurz auf. »Genug davon! Also Sie haben kein Geld für mich. Dann muß ich schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. -- Ja, richtig: Die Pelerine! -- Frau Pomeisl!«
Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte den Kopf zur Tür herein.
»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel. Man sieht ja seine eigenen Händ' nicht.«
»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie mir für heute die Pelerine leihen, die ihr Sohn früher immer getragen hat? In meinen Mantel hab' ich mir ein Loch gerissen.«
»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist, gar nicht mehr auf die Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie Ihnen heraus.«
Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar Augenblicken mit der Pelerine zurück.
»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie halt.«
»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,« sagte Demba. »Ein praktisches Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft sie vorn zu und muß sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheußlichen Futterale zu zwängen, die der Teufel erfunden hat --«
»In welche Futterale?« fragte Miksch.
»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen Sie die Fensterladen auf, Miksch.«
»Haben Sie keine Schmerzen mehr?«
»Schmerzen? Was für Schmerzen?«
»Augenschmerzen.«
»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und öffnen Sie die Fensterläden.«
Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.
Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des Kleiderkastens und das Prunkstück des dürftig möblierten Zimmers bildete. Er besah sein Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall zu finden.
»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt erkannte. »Wenn ich gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab' geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbriefträger gesucht.«
»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen lassen?« schrie Demba.
»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er muß gleich herunterkommen. Er hat einen Geldbrief für Sie.«
»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen.« Stanislaus Demba wandte sich zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre erledigt. Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins Polnische übersetzt habe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen in vierhundert Lieferungen _à_ zwanzig Heller, in jeder Lieferung ein Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine Kindesunterschiebung -- er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich eigentlich schämen, aber Sie wissen, Miksch: _Non olet._ Und er läßt mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere Menschen.«
»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glück, Demba!«
»Glück? -- Verdammtes, elendes Pech habe ich!« schrie Demba. »Warum konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern gekommen wäre!«
»Nun, und worin läge der Unterschied?«
»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir hätte, heute -- weiter nichts,« sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck:
»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger fort.«
Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er öffnete, ohne ein Wort zu sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen, Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten, speckig glänzenden, an den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf, einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte.
»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen gehen?« rief Miksch.
»Ich hab' keinen andern.«
»Wo haben Sie denn den Ihren?«
»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.«
»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.«
»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen müssen.«
»Müssen? Ja, warum denn?«
Demba wurde ungeduldig.
»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das nicht vorstellen? Sie werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch ärgerlich machen. Man muß Ihnen alles lang und breit erklären. Also: Es ist windig. Der Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will nach ihm greifen -- da kommt der Stadtbahnzug. -- Manchmal ist es besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Räder geraten will, Miksch!«
»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie ja Geld.«
»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.«
»Ist der Briefträger nicht gekommen?«
»O ja,« sagte Demba.
»Oder war das Geld am Ende gar nicht für Sie bestimmt?«
»Doch. Es gehörte mir. Aber --«
Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba. Er stieß wie irrsinnig nach Frau Pomeisls rotem Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte. Frau Pomeisls seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva dargestellt war, hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte ächzend zu Boden und starb den Märtyrertod. Das schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er in seinem Berichte fortfahren konnte.
»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!« tobte er. »Nur gegen Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst könne er mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hören Sie, Miksch? Mein Geld!«
»Nun, und?«
»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba. »Ich habe nicht unterschrieben.«
6
»Dreizehn vier sechsundfünfzig! -- Nein, Fräulein, dreizehn vier sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal acht. -- Ja. -- Wer dort, bitte? Ja? -- Ich bitte, kann ich vielleicht mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro--kop. Steffi Prokop. Ja. Ich werde warten.«
»Steffi? -- Ja? -- Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab' ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. -- Ja. -- Grüß dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef -- nein? Herrgott, hat sich heut alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. -- Das kann ich dir durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen, deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also um zwölf Uhr. -- Nach zwölf. -- Gut. -- Gut. Grüß dich Gott, Steffi!«
Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken Herrn, der ihn wütend anblickte und unverständliche Beleidigungen murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war, wurde er von der andern Seite der Straße angerufen.
»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück mit Ihnen.«
Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.
Demba nickte ihm flüchtig zu.
»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie vormittags spazieren gehen können?« fragte er.
Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch von sich.
»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.«
Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu promenieren -- die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der linken Hand -- nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut, Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein paar wichtige Geschäfte erledigt. -- Willy Eisner jedoch war genötigt, von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen Bleistifthäkchen zu versehen.
Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es für gut fand, eine Äußerung zu machen.
»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung. Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden -- ich brauchte einen Raum für meine Bibliothek --«
»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen schneller gehen, ich habe wenig Zeit.«
»Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab. »Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen --«
»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba. »Das ist wohl nicht Ihr Weg?«
»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre, ich wickle Geschäfte ab -- alles.«
»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.
»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen -- kennen Sie den Reifflingen? Ich speise manchmal mit ihm im Imperial -- gestern fragt er mich also: Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen: Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber --«
Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?«
»Ja. Weil nämlich --«
»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.«
»Wie meinen Sie das?«
»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick. »Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht --«
»Was reden Sie da?«
»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen Händen herumlaufen.«
»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Händen, insoferne ich nämlich das Interesse der Bank ...«
»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem Mund sind, schon wie Aas.«
»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße. Ich hab' ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt: Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich --«
»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet. Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?« Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß sein. Angst bekommt man erst -- furchtbare Angst! -- in der Sekunde, in der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich. Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann -- nun, was geschieht dann? Nun?«
»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert.
»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht --? Wie können Sie sich dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage, bekomme kalten Schweiß auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen nichts dabei.«
»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder --«
»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden --«
»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß Sie der Himmel.«
»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners ausgestreckte Hand.
»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen, eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße -- Aber es scheint, daß Sie --« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.
»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir das nicht sagen?«
7
Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort des Zahlmarkörs übertragen war -- der »Ober« war beim Mittagessen --, lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.
Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.
Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei Kleiderständern.
Der Kellner kam mit einem Bückling heran.
»Befehlen der Herr?«
»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?«
»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär' da!«
Stanislaus Demba schien zu überlegen.
»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden, als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen.
»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas --,« rekapitulierte er nochmals.
»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken, »bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.«
»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft.
»Beide Bände.«
Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag.
Der ließ nicht lang auf sich warten.
»Haben Sie ein Lexikon?«
»Wie, bitte?«
»Ein Konversationslexikon.«
»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«
»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«
»Welchen Band belieben?«
»A bis K,« befahl Demba.
Der Kellner brachte drei Bände.
»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir die übrigen Bände auch,« sagte Demba.
Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus lag auf Dembas Tisch.
»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba.
»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.«
»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen Untersuchungen.«
Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:
»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.«
»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.
»Befehlen der Herr?«
»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«
»Leider nicht dienen --«
»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.«
Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.
»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit einem Blick auf Demba. »Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's ihnen nur geben! Wer spielt aus?«
»Wer sagt Ihnen, daß er =gegen= die Militärs ist? Genau so gut kann er =für= die Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.
»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den Kellner aus.
»Jawohl.«
»Den bringen Sie mir auch.«
»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.«
»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.«
»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein Freiherr von.«
Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche Taschenbuch auf Dembas Tisch.
»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir die anderen Bände auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren Cyprianischen Linie stammt?«
Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die Hände gekommen war.
Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender, den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.
»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch im Kasten. Dort, das große, schwarze?«
»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«
»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?«
»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf geworden war.
Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben, die er zu seiner Arbeit benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner trat an ihren Tisch und sah zu.
»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen ließ. »Kell--ner!«
»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war, vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu können.
»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.
»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?«
»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im Glas, Brot und eine Flasche Bier.«
Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar wurde, bald verschwand.
Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu unterhalten.
»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er das Gespräch und deutete auf den Reisenden.
Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört, als der Kellner in seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser über den Lexikonband Löffelhuhn -- Nebenniere hinweg wütend an.
»Was wollen Sie?«
»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort --«
Der Kellner kam nicht weiter.
»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!« brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!«
Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor, als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief.
»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine Flasche Bier, -- Brote? Zwei? Drei?«
Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.
»Drei Brote.«
»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen zweiundvierzig, bitte --.«
Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und ein paar Nickelmünzen.
Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner:
»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.«
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