Zwischen neun und neun

Part 4

Chapter 43,818 wordsPublic domain

»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka Springer und wies auf Sonja Hartmann, die durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.

Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte -- weiß Gott, wer ihm davon erzählt haben mochte -- so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen, daß er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden werden mußten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehörte zu dieser Reise, genau so, wie das umständliche Packen der Koffer, wie der peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich das dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten teuer genug bezahlen ließen und sich zudem noch für berechtigt hielten, eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben.

Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so hieß es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über sich ergehen zu lassen.

Sonja war bereit.

»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck ängstlicher Verlegenheit. »Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr im Bureau zu besuchen. Du weißt, der Chef --«

Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die Stellung des sich Verteidigenden.

»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte er. »Aber ich habe mit dir zu sprechen.«

»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit der allergleichgültigsten Miene, die sie zustande brachte.

»Ja.«

»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte, nimm Platz.«

Demba setzte sich.

»Nun? Laß hören,« sagte Sonja.

Demba schwieg eine Weile. -- »Vielleicht wird es doch besser sein, wenn die Unterredung unter vier Augen --«

»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir wollen nicht stören.«

»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja rasch. Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht bleiben.

»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm, Claire!«

»_Enfin seul_,« konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verließ. Der Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur wenige Worte Deutsch, -- erst vor drei Wochen war er aus seinem böhmischen Nest nach Wien gekommen -- und so war eine Indiskretion von seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem war er eingeschlafen.

»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren.

Demba stand auf. »Wo bist du heute nacht gewesen?«

»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein bleiben.«

»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße vielleicht?«

Sonja errötete. -- »Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die Liechtensteinstraße?«

»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer krank scheint deine Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf Reisen gehen.«

»Weht der Wind daher?«

»Jawohl. Daher.«

»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu fragen,« sagte Sonja spöttisch.

»Du wirst nicht fahren!« rief Demba.

»Doch. Morgen früh um neun.«

»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend.

»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich ruhig.

»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es dann zwischen uns für immer zu Ende ist.«

»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es für mich schon seit einem Vierteljahr zu Ende ist.«

»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab' ich dir noch zu sagen, daß du mir geschworen hast, niemals einen andern als mich zu lieben.«

Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja begann zu lachen.

»Wirklich?« fragte sie.

»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach dem Nachtmahl in den Park und da --«

»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß ich niemals mehr Hunger bekommen werde? Das hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab' wirklich nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.«

»Willst du es vielleicht abstreiten?«

»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender Mensch. Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt ist eben alles anders.«

Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung jenes Abends in der Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen, wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles anders sei«, war er nicht vorbereitet. Er blickte voll Ärger auf die Uhr und stampfte mit dem Fuß.

»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft bringen können. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und muß hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.«

»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,« sagte Sonja.

»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen. »Ich gehe nicht fort, ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es mein Verderben ist. Und ich glaube« -- Demba warf nochmals einen Blick auf die Uhr und stöhnte ganz leise -- »es wird mein Verderben sein.«

Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba irgend etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf hatte er da in Vorbereitung?

»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba, »daß ich dir die Reise mißgönne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh können wir abreisen.«

»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir, zu freundlich.«

»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,« sagte Demba unbeirrt.

»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das glaubst du doch selbst nicht, daß ich mir von dir Briefe an meine Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.«

Demba wurde es langsam klar, daß er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas festen Entschluß war, wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.

Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag, stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen.

»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff! In so einen Hohlkopf hast du dich vergaffen können!«

Sonja wurde zum erstenmal scharf.

»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß wir beide nicht zueinander passen.«

»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn auch nur _in effigie_ vernichten konnte.

Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Säumen seines Mantels zum Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom Tisch. In der Nähe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor Mißhandlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, daß Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte.

Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück.

Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer Sekunde lang einen Blick auf ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes Instrument erhascht.

Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar: Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können, ob es ein Revolver war, oder ein Messer, oder ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr Leben in höchster Gefahr befand.

Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur, daß Demba seinen Mordplan sofort ausführte. Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte. Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung möglich.

Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden. Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu. Die Hände mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock verborgen.

Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper zitterte, und daß sie sich mit beiden Händen an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu Boden zu sinken.

»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?«

Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.

Aber Sonja sagte leise:

»Ich weiß es noch nicht.«

Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht spöttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm sich nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese Wandlung zu suchen.

»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er.

»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas Kopf raste ein einziger Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den Händen, er war jähzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr --

»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpaß geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.«

»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn ...« Sie stockte. Was sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.

»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?« Er trat näher heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.

»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,« sagte er. »Ich erwarte das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern, in denen ich unterrichte, Vorschuß bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.«

Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch hätte sie sie nicht beschreiben können. Jetzt aber war sie überzeugt, den Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte: Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel geformt war und sie aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte.

»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,« wiederholte Demba. Er warf einen Blick auf die Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch einmal. Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.«

Jetzt wird er gehen -- dachte Sonja. -- Wenn er doch nur schon endlich fort wäre! --

»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst, morgen,« drängte Demba.

»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß --« Sie suchte nach irgendeinem Vorbehalt.

»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,« unterbrach sie Demba. »Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.«

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:

»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich muß gehen. Ich hab' keine Zeit zu verlieren.«

Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er biß sich in die Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in einem plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.

* * * * *

Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie Sonja schluchzend und das Gesicht in den Händen vergraben.

»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg.

»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich schießen wollen.«

Etelka Springer schüttelte den Kopf.

»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.«

»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von neuem zu schluchzen. »Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch gebeten: Bleibt da! -- Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.« -- Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.

Etelka Springer wurde nachdenklich.

»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,« sagte sie. »Und sehr leicht erregbar. Aber --« Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du den Weiner benachrichtigen.«

»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, daß er zu seinen Eltern nach Mödling fährt.«

»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's nicht anders geht, mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist er denn jetzt?«

»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«

»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.«

Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am Kleiderhaken.

Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.

5

Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die Augen und richtete sich halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht, sicher aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange geschlafen haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Geräusch, das wie das Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte ihn geweckt.

Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines Frühstücks, eine halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die Frühstückstasse abräumte, während er noch schlief, und dazu noch unnötigen Lärm machte.

Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewöhnt hatten, -- er pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu schließen, um nicht durch das Tageslicht gestört zu werden, -- erkannte er, daß er der ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt hatte. Nicht sie war es, die Mikschs gestörten Schlummer auf dem Gewissen hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba.

Demba stand über den Tisch gebeugt, und Miksch sah ihn undeutlich auf komische und gravitätische Art das Marmeladebrot verspeisen -- er hob es mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund, es sah aus, als ob er feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hände sinken ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften Grund, und eben dieses Geräusch hatte Miksch geweckt.

Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine zweite Gestalt, die sich bei schärferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen Schatten vergrößerter Havelock erwies.

Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba gewöhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag über ließ er sich nur selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe ein halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit kaum ein dutzendmal miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf zurückgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen war Miksch ziemlich vertraut, er wußte es genau, wenn Demba in Geldnöten war, in Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kämpfte. Denn der Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher und Notizhefte herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern zu erzählen, tat das übrige. Hie und da wandten sie sich mittels Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe von fünf Kronen voneinander.

»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief Oskar Miksch den Studenten an.

Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er merkte offenbar erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller begann wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch, so plötzlich, als wäre er versunken.

»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen Sie? Warten Sie, ich mache Licht.«

Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu öffnen. Als ein schüchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, plötzlich auf:

»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.«

»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich die Fensterladen, und es war jetzt stockdunkel im Zimmer.

»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich zu einem Spezialisten gehen.« Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem Tische lag.

»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden Sie mir doch ein Stück Brot ab, Miksch.«

»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch. »Man nimmt das Brot in die eine und das Messer in die andere Hand.«

»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem Anfall ganz unerklärlicher Wut. »Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stück Brot ab.«

»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch gelassen und langte über den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen müssen Sie es sich selbst.«

Demba aß, und wieder benützte er beide Hände, um das Brot zum Mund zu führen -- in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht.

Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden.

»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,« sagte Demba.

»Aber nein! Ich bin vollständig satt.«

»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein Frühstück weggeschnappt.«

»Wer? Ein Hund?«

»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mußte ruhig zusehen.«

»Warum mußten Sie das?«

»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände nicht frei. Was kümmert Sie das übrigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie übrigens um Ihren Schlaf?«

»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. -- Wie kommt es, daß Sie heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?«

»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem Sohn, der eingerückt ist, zu Hause.«

»Ihr Mantel ist zerrissen?«

»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.«

»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.«

»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.«

»Aber wir haben ja die gleiche Größe.«

»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn der Frau Pomeisl zurückgelassen hat.«

»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?«

»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig fahren.«

»Georg Weiner? Wer ist das?«

»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.«

»Geben Sie ihm Ihren Segen.«

»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen?« rief Demba zornig.

»Wer bestiehlt Sie denn?«

»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?«

»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.«

»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium, der doch auch 'frei' ist und tun kann, was er will, verdrängen und Ihnen Ihren Posten wegnehmen würde -- ließen Sie sich das gefallen? Ich soll zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel ein Stück Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?«

»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?«

»Nein.«

»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie sie stehen gelassen. Der Verlust ist also nicht so groß.«

»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.«

»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen können doch keine Rolle spielen.«

»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll ich Ihnen das begreiflich machen? -- Hören Sie: Sie essen ein Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stückchen aus der Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie können andere Dinge essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie unbewußt ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen nicht gegessen haben.«

»Nun. Und?«

»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht hätt' ich sie in ein paar Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind, als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen -- verstehen Sie das nicht? -- Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.«

»Sechs Kronen können Sie sofort haben.«

»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.«

»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?« Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld, Demba?«

»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.«

»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit dem Geld allein getan wär'? Wenn das Mädel den andern nun einmal lieber hat!«

»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.«

»Glauben Sie das im Ernst?«

»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba. »Ich war vor einer halben Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie und Menschenkenntnis geht alles. Sie hat seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die Welt anzusehen. Sie =muß= diese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das ist ihr nebensächlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe, ist der Weiner erledigt.«

»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba,« sagte Miksch skeptisch.

Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn.