Zwischen neun und neun

Part 3

Chapter 33,573 wordsPublic domain

Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau getragene Originalität, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als mühsam verborgenes Elend.

Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger litt?

»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie.

»Wo? In der Fabrik? -- Ach so. In den Heurekawerken. -- Nein. Wer kann denn einen Krüppel brauchen,« sagte Demba.

Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. -- Viel Geld hatte das Fräulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben Stanislaus Demba auf die Bank.

Dann stand sie auf. -- Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die ganze Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein.

Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch. Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.

Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, daß der arme Mensch das Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder Frau Buresch.

* * * * *

Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches entgangen war, obwohl sie sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender Gebärde auf den Boden warfen.

4

Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte heute keineswegs rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit dem Personal gebrummt, und speziell den Kontoristen Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung in Aussicht gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt -- »In Wien spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt mir nicht ein!« hatte man ihn schreien gehört. -- Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg unter fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in einer Stunde wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen seiner Angestellten Eindruck. Man wußte, daß er mit dem Zehnuhrzug nach Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.

An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte -- Mister Brown wurde er von den drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach Mährisch-Trübau zuständig war und kein Wort Englisch verstand --, Mister Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schloß Konti ab und eröffnete neue, aber was rings um ihn geschah, interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend den Kopf.

Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine klapperte. Das war Fräulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein Springer las aus dem Tagblatt den Sportbericht vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte sich mit der Malträtierung seiner Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er ohneweiters zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank hätte ernannt werden können. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte, weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.

»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein Postelberg, die eben mit ihrer Frisur fertig geworden war.

»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,« sagte Fräulein Springer.

»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer Manufakturfirma am Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltägliche Namen. Keine der beiden Damen hätte ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-, Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf weiß nachweisen können. Aber dem Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich »Claire« rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken lassen, so stand sie doch bei dem männlichen Personal aller Häuser, mit denen die Firma Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in dem Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«, oder, wie der Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher ausdrückte, »ein gewisses Etwas« an sich zu haben. Sie bezog den »_Chic parisien_« im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau in französischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den Vortrag eines französischen Chansons bei einem Vereinsabend einen außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer, die ungarische Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als _sporting girl_. Sie verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Händedrucks, mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu mißhandeln pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, daß ihr Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit Vorliebe Gespräche über amerikanische Mädchenerziehung und über die Stellung der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«, und wußte den leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich eingestreute »_All rights_« und »_Neverminds_« zu verbergen.

Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den Deckel über ihre Schreibmaschine und schloß sie ab.

»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder an. Außer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.«

Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im Mittelpunkt der Erörterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum Chef -- zwölf Tage hatte er bewilligt -- war mit Spannung erwartet und eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die notwendigen Einkäufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend angestaunt worden -- war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel Blätter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten Blättern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden. Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für den Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von Triest aus sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo d'Istria und Grado unternommen und der mehrtägige Aufenthalt in Venedig durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua -- hatte Georg Weiner erklärt --, war doch nicht solch ein Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das Innere, -- hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua stand also gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen längeren Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte dann jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt für einen draufgängerischen Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schließlich hatte man sich auf die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt verzögert, ankomme Freitag« geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage Urlaubsverlängerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische Ennstal verwendet werden.

Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, als säße sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.

»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?« fragte sie und ließ eine Rauchwolke zur Decke schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister Brown?«

»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte Mister Brown, ohne von seinem Buch aufzublicken.

»Was es Neues gibt im Bureau.«

»Was wird es denn Neues geben?« meinte der Buchhalter und begrub den Kopf zwischen zwei Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren. Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.«

»Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,« mischte sich Herr Neuhäusl in die Unterhaltung. »Diesen Monat trägt sie das Haar kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus verläßlicher Quelle erfahren.«

»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr Neuhäusl,« wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß' ich für Sie: Fräulein Postelberg, merken Sie sich das.«

»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte Etelka Springer. »Sag' mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du mit dem Georg davon bist?«

»Der?« -- Sonja zuckte geringschätzig die Achseln. »Der soll sagen, was er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.«

»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,« sagte Fräulein Postelberg.

»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf. »Bitte, misch' dich nicht immer in meine Angelegenheiten ein.«

Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.

»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön, Mister Brown? Ist er nicht schön?«

»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von seinem Buche aufzublicken. »Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf jeden Fall. »Siebzehn -- sechsundzwanzig -- zweiunddreißig. Wie ein Seidenschwanz.« Er hatte von seiner langjährigen Tätigkeit in der Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz ein besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse.

»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja. »Sagen Sie, ist er nicht wirklich schön?«

»Einundfünfzig -- neunundfünfzig -- vierundsechzig. Wie ein Karpathenhirsch.«

Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und legte die Photographie auf ihr Schreibpult.

»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg. »Ich weiß nicht, fort muß ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig Venedig sein und den Weiner Weiner, und fährst zu deiner Tante nach Budweis wie voriges Jahr.«

Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu geben.

»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem Schreibpult her Mister Brown vernehmen, der während des Addierens mechanisch nach dem richtigen Ausdruck für Georg Weiners männliche Schönheit weitersuchte.

»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara Postelberg fort. »Du bist morgen schon, wer weiß wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht. Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören. So wie vorige Woche, wie du mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer Rand und Band war er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt, schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie --«

»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister Brown, der sich noch immer in zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wußte, wovon im Augenblick die Rede war.

»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,« sagte Sonja gelassen. »Ich hab' es ihm schon wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm ein für allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm ja wirklich sagen, daß ich nach Budweis zu meiner Tante gefahren bin.«

Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige Verbesserung an dem Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der Hand.

»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er zu Sonja, »daß Ihr Verflossener nicht ganz genau weiß, was Sie vorhaben --«

»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so besser. Ich habe keine Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?«

»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,« sagte Herr Neuhäusl, ließ den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die Westentasche. »Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen Liebesgram anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne. Hat mich =sehr= interessiert,« schloß Herr Neuhäusl ironisch.

»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte Fräulein Postelberg neugierig.

»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.«

Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein Postelberg hingegen geriet durch die bloße Erwähnung von »Paris« in Ekstase.

»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père Lachaise! Der Montmartre!«

»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach, »_Chapeau claque! Voilà tout!_«

Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter einzusprechen.

»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören, schrieb und rechnete unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin, warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die Stirne.

»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?« fragte er. »Wieviel Uhr haben Sie, Herr Neuhäusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf mich warten lassen. -- Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl, Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café Sistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist die Nummer.«

»_All right_, Mister Brown,« sagte Etelka Springer.

»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein Postelberg?« stellte »Mister Brown« die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses gewechselt hatte.

»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sich Klara Postelberg. »Ich weiß doch: _Les affaires sont les affaires._«

»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister Brown« mit Herrn Neuhäusl das Bureau verlassen hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschäftliche Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er jedesmal mit.«

»Recht hat er,« sagte Etelka Springer.

Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.

»Was hast du denn gegen den Stanie?«

»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.«

»Warum eigentlich? Und seit wann?«

»Seit wann? -- Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab' ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß er mit irgend jemandem Streit beginnt.«

»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt, warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der --«

Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.

»Sonja, du wirst verlangt.«

»Georg --?«

»Ich glaube. Ja.«

Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften, die 'jenes entzückende Fräulein' in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.

Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal! Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.«

Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte unter schweren Schritten.

Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei Köpfe beugten sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches umher.

Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam, sondern Stanislaus Demba.

In der Türöffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das Zimmer ab. Lose über die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunen Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Händen zusammen.

»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig aus und schien vom raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein.

»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!« rief Klara Postelberg. »Sonja ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespräch führte.

»Ich werde warten,« sagte Demba.

»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im Zimmer nimmt man den Hut ab,« sagte Etelka Springer.

Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfällig da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervös mit den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte. Den Hut behielt er auf dem Kopf.

»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte Etelka Springer und nahm ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen, aber er ließ es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu. »So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.«

Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka Springer und dann mit einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt hatte. Schließlich zuckte er die Achseln und ließ sich auf den Stuhl nieder.

»Mir können Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts getan?« sagte Klara Postelberg.

Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und wurde mit einemmal gesprächig.

»Was für reizende, kleine Hände Sie haben, Fräulein Klara. Nie im Leben hab' ich so aristokratisch-edle Hände gesehen. Was gäb' ich für einen einzigen Kuß auf diese Hand!«

»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg und hielt ihm auch die andere Hand hin.

»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle Illusionen,« sagte Demba.

»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.« Klara Postelberg trat tiefgekränkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.

Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände.

»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält rein die Hand.«

»Sie sind wirklich unausstehlich heute.«

»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte Etelka Springer. »Nicht wahr, Stanie. Deswegen können Sie aber einer alten Freundin doch die Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.«

Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für würdig erachtet.

»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen. »Sie renken den Leuten die Arme aus.«

»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer. »Sonja hat ganz recht, wenn sie --«. Sie brach ab.

»Was ist's mit Sonja?«

»Nichts.«

»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem Sessel in die Höhe und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?«

»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka Springer.

»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!« brüllte Demba ganz außer sich.

»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gefälligst aus dem Spiel.« Etelka kehrte ihm den Rücken.

Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf die Tischplatte nieder. Irgend etwas klirrte, als sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen plötzlichen Ausbruch. Seine Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock verschwunden.

»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer. »Sie haben mein Tintenfaß zerschlagen.«

Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem Schreibtisch. Nur ein wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der metallenen Schreibtischplatte.

»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich hab' es doch deutlich klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich auf dem Boden nach Glassplittern.

»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.