Zwischen neun und neun

Part 13

Chapter 133,744 wordsPublic domain

»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie kommen Sie her?«

»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung gesucht,« sagte Demba leichthin. »Ein bißchen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?«

»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba ließ sich, nachdem er eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, räusperte sich und drehte sich dann mit seinem Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin.

»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er ungeniert.

»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,« gab Weiner leise zurück.

»Genau so sieht er aus,« sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas leer.

Demba hatte die beiden flüstern gehört und wurde blutrot. Er wußte ganz genau, wovon jetzt die Rede gewesen war. Daß er Sonja nachlaufe und daß sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natürlich anvertraut und darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese Meinung, daß er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls aufkommen lassen. Dieser lügenhaften Behauptung mußte sofort auf das Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? Lächerlich! Davon kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner! Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin übrigens erfreut, Sie hier zu treffen, lieber Horvath --

Demba erhob sich.

»Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem Gasthaus gehört, es soll ja eine ausgezeichnete Küche führen,« sagte er zu Georg Weiner gewendet in jenen wohltönenden Redewendungen, deren er sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Zöglinge sprach. »Bin nämlich gezwungen, häufig außer Haus zu speisen. Jawohl, beruflich gezwungen,« erklärte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite Widerspruch. »Küche und Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Genießt in der Tat ein vorzügliches Renommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann.

Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schüttelte den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und Horvath wußten nicht, was sie auf diesen Erguß erwidern sollten und lächelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller hinein.

Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu überzeugen, daß er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen klarzumachen und redete eigensinnig weiter.

»Die vorzügliche Qualität der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit Wochen überall das Tagesgespräch. Von allen Seiten hört man nur Lob über --«

Er brach jäh ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte hin.

»Speisen gefällig?«

»Später! Später!« stotterte Demba in höchster Verlegenheit und warf einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. »Kommen Sie später. Ich pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.«

Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich über die Dringlichkeit der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter völliger Ausschaltung der Hände direkt vom Teller in den Mund befördern sollte.

»Zu trinken gefällig? Bier oder Wein?« fragte der Kellner.

Trinken! Ja, bei Gott, trinken mußte er endlich. Die Zunge klebte ihm am Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas mit den Zähnen erfaßt und in die Höhe gehoben, und es geleert, ohne einen Tropfen zu vergießen. Er sah ihn ganz deutlich vor Augen, er erinnerte sich sogar an den Applaus. Händeklatschen in allen Rängen, bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht einen Scherz vorgeben, eine Wette -- »erlauben Sie, daß ich ihnen ein kleines Kunststück vorführe, meine Herrschaften, -- ein Kunststück mit einem vollen Bierglas -- sehen Sie: so.« -- Bravo, bravo, bravo! Alles applaudiert.

Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unerträglich. Hilfesuchend blickte er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein alter Couleur. Und er, Demba, mußte dasitzen und zusehen mit ausgetrockneter Kehle.

Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.

Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen! Ein so einfacher Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst quälen lassen!

»Kellner!« rief Demba. »Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin.«

»Wie, bitte?«

»Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!« rief Demba und wurde ganz erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. »Gehen Sie und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt hätte!«

Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen seiner Mitmenschen gewöhnt ist und den nichts mehr wundert.

Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an dem Strohhalm zu saugen. Es ging! Das Bier stieg in die Höhe und feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zügen, setzte ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst, als wäre er der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich.

»Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!« befahl er dem Kellner ganz heiser vor Durst und vor Erregung.

Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken aufmerksam geworden. Die beiden Mädchen flüsterten miteinander, kicherten, stießen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den seltsamen Zecher.

Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba spöttisch lächelnd an und fragte:

»Demba! Was treiben Sie da?«

»Sehr originell! Sehr originell!« sagte Dr. Fuhrmann ironisch.

Demba ließ den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, für seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum, den er nicht wegwischen konnte.

»Ich bitte,« sagte er in sehr bestimmtem Ton. »Das ist durchaus nicht originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann muß ich wohl annehmen, daß keiner der Herren jemals in Paris war.« Er verzog hochmütig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.

»Oho!« protestierte Horvath. »Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber das habe ich noch niemals gesehen, daß man Bier durch einen Strohhalm trinkt.«

Demba fand es für geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches schleunigst zu wechseln.

»In Petersburg!« rief er heftig. »Da kämen Sie schön an, wenn Sie dort versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verstößt geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!«

Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von den Mädchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher außerhalb des Bereiches einer Kontrolle lag.

»Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,« erklärte er. »In Bagdad und Damaskus können Sie an jeder Straßenecke und vor den Moscheen Araber dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.«

Er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von der Wahrheit seiner Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu äußern wagen sollte. In seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Türken, der den Turban auf dem Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks beschaulich einen Strohhalm schmauchte.

»Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!« sagte Horvath lachend. »Ethnographie: Nicht genügend.«

Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs äußerste in Harnisch. Er blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig an und sagte giftig:

»Überhaupt. Man grüßt, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden? Merken Sie sich das.«

»He? Wie meinen Sie?« fragte Horvath erstaunt.

Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch den Vorsatz gefaßt gehabt, bescheiden, höflich und liebenswürdig zu sein, um die Sympathien aller Anwesenden für sich zu gewinnen. Und jetzt hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrängt und aus jedem Gespräche ausgeschaltet vorfinden. Nein. Er mußte seine Unüberlegtheit wieder gut machen, mußte aufstehen, sich entschuldigen.

Er stand auf.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich muß Sie um Entschuldigung bitten. Meine Bemerkung hat nämlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner war sie gerichtet.«

Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths suffisantes Lächeln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unerträglich. Die Gasflammen summten auf quälende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum Husten. Demba drehte sich in nervöser Hast um und suchte den Kellner; aber der war nicht mehr im Zimmer.

»Es ist unglaublich, was für Manieren dieser Kellner hat!« ereiferte sich Demba. »Es wundert mich, daß Sie sich das gefallen lassen! Er grüßt niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er überhaupt, eben war er ja noch da.«

Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu wirken. Das Blut pochte ihm in den Schläfen und er verspürte einen leichten Schwindel, Ohrensausen und Übelkeit im Magen. Er mußte sich setzen.

Horvath schwieg noch immer und lächelte, Demba sprach in seiner Verwirrung unaufhaltsam weiter.

»Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein Mißverständnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern --«

»Schon gut,« sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort.

»Der spinnt,« sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem Zeigefinger auf die Stirn.

»Er ist betrunken,« erklärte Georg Weiner.

»Wollen wir nicht gehen?« fragte das eine der beiden Mädchen ängstlich.

»Wir müssen auf Sonja warten,« meinte Weiner.

»Wo bleibt denn Sonja heute so lange?« fragte Horvath.

»Sie muß jeden Augenblick kommen,« sagte Weiner.

Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder auf ihn gemünzt. »Muß jeden Augenblick kommen,« hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen hier? Sehr gut! Muß jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr Weiner. Sie befinden sich in einem großen Irrtum. Ganz andere Gründe führen mich hierher. Triftige Gründe. Eine ganze Reihe triftiger Gründe. Muß den Herren doch sagen, was für wichtige Gründe --

Demba räusperte sich.

»Ein Zufall eigentlich, daß mich die Herren hier treffen,« sagte er. »Komme sonst selten hierher. Muß Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso ich heute hier bin.«

Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus dem Mund und sah Demba an. Horvath lächelte.

»Nun, die Sache erklärt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte besondere Gründe, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine ganze Reihe sehr wichtiger Gründe.«

»So,« sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.

»Gründe verschiedener Art,« sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen, und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Gründe verschiedener Art wollte ihm in seiner Bedrängnis einfallen.

»Die Sache ist die, daß ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen seiner außergewöhnlich günstigen Lage. Für alle Beteiligten leicht zu erreichen.« -- Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas eingefallen.

»Ich erwarte nämlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten Angelegenheit,« flüsterte er geheimnisvoll. »Eine Ehrenaffäre, Sie werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den Einundzwanziger-Jägern.«

Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Türe.

»Kellner!« schrie er. »Haben nicht zwei Herren nach mir gefragt? Nach Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit grünen Aufschlägen.«

Der Kellner wußte von nichts.

»Noch nicht?« fragte Demba und war wirklich erstaunt, enttäuscht und verdrießlich, weil die Herren noch nicht da waren. »Das wundert mich. Offiziere pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.«

Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tür und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschloß sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen.

»Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?« fragte er.

»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner Zeitung weiter.

»Wie meinen Sie?« fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich plötzlich und höchst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaffäre sah, war er nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur Rede:

»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung zu ersuchen.«

»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!« brüllte ihn Dr. Fuhrmann an. »Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich sehen, der sich durch Sie vertreten läßt.«

Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Betäubt, müde und mit schwerem Kopf brütete er vor sich hin.

Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken. Hatte es ihm gerade heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Müßte erst bewiesen werden, verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in dieser Sache gütigst gestattet ist -- bin bei Gott noch niemals so nüchtern gewesen, wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh' alles ganz genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners Überzieher, aus der Tasche schaut die Zeitung heraus, -- zweimal gefaltet -- sehe alles. Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath -- paßt sich nicht in Damengesellschaft -- sehe alles. Müßte doch erst wohl bewiesen werden. Muß die Herren doch drüber aufklären. Betrunken! Werde einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr! Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da muß ich denn doch --

Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf die rechte Tischecke, setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.

»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre störe,« begann er und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in der Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militärischer Zapfenstreich. Ein seltenes Jubiläum. Ein Selbstmord in der Babenbergerstraße. -- Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen. Steht aber doch nicht alles in der Zeitung.« -- Demba lachte gut gelaunt in sich hinein. Der Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung stand, machte ihm großen Spaß.

»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr. Fuhrmann.

»Möchte Ihnen nur sagen --,« erklärte Demba. Er räusperte sich und begann von neuem: »Ich lege Wert auf die Feststellung --.« -- Die Übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in den Ohren, einen Druck in den Schläfen und die Gasrohre schwankten auf beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand, daß er nicht sicher genug stand und lehnte sich kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt war ihm besser.

»Möchte nur feststellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der Sessel nach und stürzte um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel zu Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich über den Fußboden.

Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war hinter den Kleiderständer gerollt.

»Sie Tölpel!« schrie Weiner. »Sie werden noch das ganze Zimmer demolieren.«

»Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen gesagt!« rief Dr. Fuhrmann.

»Der Spiegel ist zerbrochen!« klagte die Schauspielerin.

Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem Fußboden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte unaufhörlich nützliche Winke bei.

»Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderständer gerollt,« sagte er. »Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!« -- Betrunken? Lächerlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen.

Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft an.

»Also das ist doch die höhere Frechheit,« schrie er wütend. »Schmeißt alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich plage.«

Er trat hart an Demba heran.

»Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben, die Sie hinuntergeworfen haben. Aber rasch!«

Demba bückte sich nach dem Teddybären, überlegte sich die Sache jedoch und richtete sich wieder auf.

»Also wird's oder wird's nicht?« rief Horvath.

Demba schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er. »Lieber nicht.« Er fand es höchst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen.

Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.

»Das ist doch -- das geht denn doch über die Hutschnur. Emil, worauf wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Schädel.«

Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an.

Weiner lächelte amüsiert.

»Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,« sagte Horvath. »Provozieren lassen wir uns nicht. Ich zähle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die Sachen nicht alle aufgehoben haben, so --! Das Weitere werden Sie sehen.«

»Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf,« bat das junge Mädchen, dem die Sachen gehörten, ängstlich.

»Eins,« sagte Horvath.

Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts an seinen Tisch zurück.

»Zwei,« zählte Horvath.

»Was wollen Sie denn von mir!« rief Demba. »Lassen Sie mich doch in Ruhe.«

»Drei!« rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem Weinglas und schüttete den Inhalt Demba ins Gesicht. »So. Da haben Sie.«

Die Mädchen schrieen auf.

Demba fuhr in die Höhe. Er war totenblaß, der Wein strömte über sein Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah kläglich aus und lächerlich und furchtbar zugleich.

Der kalte Guß hatte ihn mit einem Male nüchtern gemacht. Er sah alles ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan, was hatte er geschwätzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen dort den Narren abgeben können und den Hanswurst den ganzen Abend hindurch! Sie hatten ihn verhöhnt, gereizt, wie einen Hund behandelt, und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu können, und jetzt stand er da, allen zum Gelächter.

Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Enttäuschung, die er den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewürgt hatte, -- das alles kam jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel.

Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie seine Fäuste spüren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath.

Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit bloßen Händen zu erwürgen.

Aber plötzlich blieb er stehen und biß stöhnend die Zähne zusammen. Seine Hände waren gefesselt! Seine Hände waren wertlos. Seine Hände mußten versteckt und verborgen bleiben.

Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.

Gott gab sie ihm.

Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier, knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnmächtig, allen zum Gespött. Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals, schüttelten sich vor Lachen über seinen hilflosen Zorn.

Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spaß zurückzustehen, sein Weinglas in die Hand genommen und rief:

»Noch ein Glas gefällig? Zur Abkühlung!«

Da erklang plötzlich von der Türe her Sonjas helle Stimme:

»Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in der Hand!«

18

Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte einen Revolver. In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß war der Schreck, so groß die Verwirrung, daß keiner zur Tür hinausfand. Weiner ließ das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergoß sich auf den Fußboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an, stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf. Die beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische geflüchtet und starrten, eng aneinander gepreßt, voll Entsetzen hinter den Falten des Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand, stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen.

»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll. Sie zitterte für das Leben Weiners.

Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich über ihn lustig machen? War das alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen, die man eben noch mit ihm getrieben hatte?

Er stand, regte sich nicht und wartete.

»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg!« bat Sonja mit verstörtem Gesicht.

Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, daß er einen Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mußte es erproben.

Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er stellte sich, als sähe er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und unbefangen, trank gemächlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut.

»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in gleichgültig klingendem Ton vor. »Auf was warten wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« -- Er wollte zur Tür.

»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem Zögern. Denn natürlich, jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt werden sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen, so wie vorhin. Demba reute es, daß er »zurück« gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen.

Aber nein! Keiner lacht. Und -- wie sonderbar -- der Mensch dort gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechsläufigen Revolver.

Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht, schlau eingefädelt, damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen können. Oder nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen, das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die Hände zittern ihm. --

Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und verstrickte sich in den Gedanken, daß er eine Waffe schußbereit in Händen hielt, und erprobte, zögernd vorerst und ängstlich, die Gewalt, die ihm über die anderen gegeben war.