Zwischen neun und neun

Part 12

Chapter 123,809 wordsPublic domain

Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Enttäuschung war vorüber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Einsätze wurden gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nervös mit der Hand über den kahlen Schädel: Er hatte in der letzten Partie mehr als die Hälfte seiner Barschaft verloren.

»Was ist damit?« fragte er und wies auf Dembas Geld.

»Bleibt liegen,« sagte Demba.

»Also: Geld auf Geld!« sagte Dr. Rübsam. »Sprechen Sie gefälligst deutsch!«

»Ja. Geld auf Geld,« bestätigte Hübel.

»Dann ist's gut,« sagte der Ex-Advokat. »Ich wollt' nur wissen --« Er legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann.

»Fort mit Schaden,« sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an.

»Ich hab' alles,« erklärte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an Dominosteinen.

Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu.

Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besaß er zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das durch hundert schmutziger Hände gegangen war, und dennoch -- Proteus Geld! -- jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt standen und es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, für den zweiten war es die längst schon fällige Wohnungsmiete. Für den dort hieß es: Sich satt essen können, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder wird es Nacht für Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da wird es verspielen, beim Rennen oder an der Börse, die vergräbt es unter dem Strohsack ihres Bettes -- und für ihn, für Demba, was war es für ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen. An altersgraue Türme wollte er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme, nicht die Geige spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerfloß in nichts. Dafür kamen andere Visionen, -- die Gespenster der Wünsche, der Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt an. Dr. Rübsam saß lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war plötzlich da, kein Stück Möbel stand darin, nur ein Bett, ein riesengroßes Bett, in dem Raum war für die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus Steingut mit Brot, Wurst und Käse vor sich auf einem ungedeckten Tisch und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf Stück hinunter. Und als die Wünsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewißheit, daß es verspielt war und daß es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm gehörte, sondern dem Rübsam oder der Suschitzky.

»Gesperrt!« rief plötzlich der Redakteur, und die Suschitzky stieß im gleichen Moment ein Wehgeschrei aus:

»Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.«

»Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?« schrie der Kellner triumphierend und setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. »Den für Sonntag und den für Montag! Ich bin aus!«

»Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig Kronen!« schrie Hübel Demba in die Ohren.

Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.

»Bitte. Ich zahl' alles aus,« sagte er mit belegter Stimme und griff in die Tasche.

»Ich bekomm' sechzig Kronen,« rief der Feldwebel.

»Ich fünfundvierzig!« schrie der Häuseragent.

»Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich hätt' sie schon,« sagte der Reisende.

»Ich zahl' alles aus,« rief Dr. Rübsam und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel. »Aber die Bank wird dann ein anderer übernehmen müssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.«

Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.

»Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld. Außer, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.«

Ein Hohngelächter war die Antwort auf diese Zumutung.

»Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,« sagte Dr. Rübsam, der jetzt unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. »Meine Uhr ist unter Brüdern --«

Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf den er sie gelegt hatte.

»Wo ist meine Uhr?« fragte er, fuhr sich nervös in alle Taschen und rückte den Sessel zur Seite.

»Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,« sagte er dann, indem er gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. »Mit meiner Uhr, bitte, keine Scherze.«

Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern.

»Also, da hört sich jeder Spaß auf,« rief er, als er keine Antwort bekam. »Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder haben.«

»Ich hab' sie nicht,« versicherte der Postbeamte.

»Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,« erklärte der Redakteur.

»Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie eine Uhr haben,« rief der Feldwebel.

»Wo ist sie zuletzt gelegen?« fragte Semmelbrösel.

»Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,« riet der Häuseragent.

Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zündhölzchen unter den Tisch, fand auch da nichts und gab das Suchen auf.

»Es ist ein Skandal!« rief die Suschitzky.

Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und erklärte:

»Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist. Das möcht' ich doch sehen, ob es möglich ist, daß einem am hellichten Tag --«

»Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!« rief der Redakteur. »Das haben Sie doch gesehen, Doktor?«

»Gar nichts hab' ich gesehen!« rief Dr. Rübsam wütend. »Jetzt geht mir keiner hinaus!«

»Ich muß doch um acht in meiner Redaktion sein.«

»Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine Uhr wieder hab'.«

»Wollen Sie sagen, daß ich sie Ihnen gestohlen hab'?« protestierte der Sparkassenbeamte.

»Meine Herren! Einen Vorschlag!« rief Hübel. »Es liegt ja allen daran, festzustellen, daß unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, daß wir uns einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen lassen. Ich bitte,« schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, »das soll für niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.«

Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rübsam untersuchte ihn. Nicht allzu sorgfältig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die Suschitzky war einmal während des Spieles längere Zeit hinter ihm gestanden.

All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht gehört. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu, zweihundertsiebzig Kronen, und die gehörten ihm. Wie eine Katze strich Demba um den Tisch herum. Wie mußte er es anstellen, daß das Geld in seine Hände und in seine Tasche kam! Den günstigen Augenblick abpassen und blitzschnell danach langen -- es sah so leicht aus und dennoch! Demba wagte es nicht.

Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner Taschen förderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitäten und eine Broschüre: »Die Kunst zu plaudern und ein Gespräch anzuknüpfen« zutage. Dann kam »Semmelbrösel«, der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer ältlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht. Und jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba.

»Darf ich bitten?« fragte er höflich.

Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?«

»Nur eine Formalität natürlich,« sagte Dr. Rübsam. »Ich bin selbstverständlich vollkommen überzeugt -- aber --«

»Was wollen Sie denn?« fragte Demba, ärgerlich über die Störung. Ihm war gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das Geld vorläufig zu sich zu stecken, und das Weitere würde sich dann leicht finden.

»Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,« sagte Dr. Rübsam. »Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie -- aber --«

Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben.

»Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel --?«

»Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.« Dr. Rübsam wurde ungeduldig.

»Ausgeschlossen,« sagte Demba.

»Was soll das heißen?« fragte Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht?«

»Unsinn,« sagte Demba. »Lassen Sie mich in Ruhe.«

»Sehr verdächtig!« schrie der Postbeamte.

»Aha!« ließ sich Frau Suschitzky vernehmen.

»Wirklich, sehr merkwürdig,« stellte der Reisende fest.

»So also ist die Sache,« sagte Dr. Rübsam.

»Demba!« rief Hübel. »Du hast die Uhr?«

»Welche Uhr?« fragte Demba verwirrt.

»Die Uhr des Herrn Doktor.«

»Sie meinen doch nicht, daß ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe?« rief Demba entsetzt.

»Nicht?« fragte Dr. Rübsam erstaunt und in nicht sehr überzeugtem Ton. »Ein Scherz vielleicht, dachte ich --«

»Aber das ist ja Unsinn!« beteuerte Demba.

»Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.«

»Nein,« stieß Demba hervor.

»Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalität. Alle Herren werden sich --«

»Nein!« brüllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an.

»So,« sagte da Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht. Dann weiß ich, was ich zu tun habe.«

Er drehte Demba den Rücken und näherte sich dem Tisch.

»Ich werde mich nicht streiten,« sagte er ganz ruhig. »Wozu?«

Und mit einem plötzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem Tisch lag, versichert.

Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rübsams Händen sah. Die Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal über ihn. Nein. Es durfte nicht sein! Es konnte nicht sein, daß der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt -- sich auf ihn stürzen, die Hände frei bekommen, ihm das Geld entreißen! Die Ketten mußten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten, die Muskeln dehnten sich, die Adern schwollen, in höchster Not wurden seine Hände zu zwei Giganten, die sich empörten, die Kette knirschte --

Das Eisen hielt.

»Ich muß doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann,« sagte Dr. Rübsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine Tasche. »Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.«

16

Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt, gestrandet, um das Geld geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen.

Es regnete. Er verspürte brennenden Durst und die Hände schmerzten ihn, die Knöchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so müde, daß er keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu schlafen.

Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum Trotz um des Geldes willen in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nußschale hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab den Kampf auf und wollte schlafen.

»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am Morgen gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen.

»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die Achseln. »Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie verpflichtet, auf mich zu warten. Länger nicht. _Fair play._ Ich habe getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe Organisation tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte mein Wort. _Fair play._«

Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba bei dem Worte '_fair play_' und er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von beträchtlicher Höhe zu begleichen.

»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glücklicherweise desinteressiert,« sagte Demba leise und beflügelte seine Schritte. »Völlig desinteressiert.« Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,« sagte er und bekam den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame Erklärung von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, daß er an dem weiteren Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei.

»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er nochmals, denn er konnte sich von diesem Worte nicht losreißen, das die merkwürdige Fähigkeit zu besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine Spur von Haß, Zorn und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann morgen mit einem Anderen fortfahren und daß er selbst allein zurückbleiben werde.

»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und nun heißt es eben die Konsequenzen ziehen,« versicherte er sich selbst. Er blieb an einer Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und zu Allem entschlossen die Konsequenzen zog.

»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so ausgemacht,« sagte er und suchte sich selbst die Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände beizubringen. Und der Dienstmann an der Straßenecke, der Geschäftsdiener, der eben den Rolladen herunterließ und das Dienstmädchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf, achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straßen eilte.

»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb stehen. »Wohin geh ich denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein. Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.«

Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er sah wirklich nicht ein, warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser Herr Weiner gerade in der Liechtensteinstraße wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg zu machen. Jede Minute war kostbar.

Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte sich fest in seinen Mantel. Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den Regenlachen.

»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,« erzählte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit, daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese Redewendung tat ihm auf seltsame Weise wohl. Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht verborgen hinter all den tönenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.

Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und stellte fest, daß das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon erleuchtet war.

»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er ist zu Hause, und sie ist bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin anderweitig präokkupiert.«

Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er überwand dieses Gefühl und flüchtete sich in den Schutz der schön klingenden Worte, die seinen Schmerz betäuben sollten.

»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet,« murmelte er. »Wir werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.«

Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen.

»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch. Morgensonne, Ausblick auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was über den Fall zu sagen wäre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also -- Allons!«

Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf.

»Übrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb acht. Steffi kann noch nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er nochmals mit Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines kühlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Außenstehenden zu betrachten vermochte. »Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf die Bühne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag amüsant sein oder auch langweilig, -- keinesfalls ist es sehr wichtig. Man könnte beinahe --«

Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann dann wild und ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es und ein würgender Schreck nahm ihm den Atem.

Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen.

In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.

Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!

Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes brach in Scherben zusammen.

Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners. Sie war es, die das Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm. Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben, von der die Welt nichts wissen sollte. Stummes Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das war es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten kläglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich wider Schmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie welkes Laub. Verzweifelt, tief unglücklich, zitternd vor Leid und Haß, von Neid geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Straße.

Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba und der ganzen Welt verbergen könnten.

Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er oben tun und was er sagen würde. Die Türe aufreißen wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf, wie eine Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen.

Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fäusten und dennoch: das Herz voll Angst -- so ging er auf das Haustor los.

Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Straße. Es war Georg Weiner, und er war allein.

Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach rechts und nach links, die Straße hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei.

Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in höchster Verwunderung an. Dann atmete er sehr erleichtert auf.

Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt im Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem Zimmer ausgelöscht.

Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen! Daran war nichts gelegen. Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen war, das machte Demba glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß Georg Weiner seine Wohnung verließ, das machte Demba dankbar und zufrieden.

Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich hinter das Rüstzeug der schönen Redensarten zu flüchten. Aber die glatten Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft verloren.

Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal mußte er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr gegenübersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hören und stummen Abschied von ihr nehmen.

Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es eilig zu haben.

-- Wahrscheinlich fährt er zu ihr, -- dachte Demba. -- Und jetzt wird er mir sagen müssen, wo sie zu finden ist. --

»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor.

Georg Weiner wandte sich um.

»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl.

»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen.

»In den Residenzkeller!« sagte Weiner.

»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort, nicht wahr?«

»Passabel.«

»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte Demba eifrig. »Es ist möglich, daß ich auch hin komme.«

17

Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Türe öffnete. Er hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mußte, um in das Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle angestoßen. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten und Überröcken beladenen Kleiderständer, stehen.

Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah Demba sofort, daß Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen saßen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen Mädchen waren Schauspielschülerinnen. Der Tür gegenüber saß Dr. Fuhrmann, ein vierschrötiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes, durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenüber, saß, in eine Wolke von Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges, nichtssagendes Lächeln auf den Lippen, zu Dembas großem Ärger Emil Horvath.

Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd zu, wie Demba den Buben die unregelmäßigen Verba erklärte und ging dann mit überlegenem Lächeln wieder hinaus. Unverschämt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps, fragte, ob »die Ella« zu Hause sei -- »die Ella!« Einfach »die Ella« nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer -- dem wird Herr Horvath doch nicht die Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal, siebzig Kronen monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium, keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu Kopf stieg.

Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend sein, sich nichts anmerken lassen von seinem Ärger. Was ging ihn Horvath an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit ihnen. Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzählen, amüsant sein, den jungen Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen; und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.

Er öffnete vollends die Türe, trat hinter dem Kleiderständer hervor und verbeugte sich nach allen Seiten.

»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!« Er näherte sich dem Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und unwiderstehlichen Charmeurs. »Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich habe die Ehre.«

Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und sahen verwundert Demba an, der in kotbespritzten Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war nicht mehr unter sich. Die beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit neugierigen Augen.