Part 11
Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrückt und behindert durch das Gefühl, beobachtet zu werden, aß jetzt mit Appetit und empfand lebhafte Genugtuung über den Erfolg seines Experiments. Als ihm die Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fühlte er sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genuß den ganzen Tag über schwer entbehrt.
»Haben Sie Schmerzen?« fragte Elly.
»O ja,« sagte er. Die Knöchel taten ihm weh. Sie mußten durch den Druck der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten hundert Nadelspitzen in seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an die Schultern.
Anny und Viky waren nähergekommen und betrachteten Demba mit Interesse. Auch das Stubenmädchen, das den Tisch abräumte, warf mitleidige Blicke auf die verbundene Hand.
Anny näherte ihre Brille dem Verband.
»Das sind keine Brandwunden,« sagte sie plötzlich.
Demba ließ die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als wäre ihm eine Mücke ins Auge geflogen.
»Mir machen Sie nichts vor,« sagte Anny und rückte ihre Brille zurecht.
Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete, daß er im Notfall in zwei Sätzen draußen sein konnte.
»Sie haben ein Duell gehabt,« erklärte Anny mit Bestimmtheit.
»Ach so,« sagte Demba mit merklicher Erleichterung.
»Hab' ich recht oder nicht?« fragte Anny. »Mir müssen Sie keine Märchen erzählen. Mein Bruder ist nämlich grüner Alemane.«
»Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden,« versicherte Demba.
»Kann schon sein, daß Sie sich die Finger verbrannt haben,« meinte Viky ironisch.
»Prim oder Terz?« fragte Elly mit der sachverständigen Miene eines Fechtmeisters.
»Eine Sext,« erklärte Demba.
»Also gestehen Sie's doch ein!« riefen alle drei wie aus einem Mund.
»Aber nein!« sagte Demba. »Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.«
»Ist er blond oder brünett?« wollte Viky wissen.
»Wer denn? Miksch?«
»Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.«
Alle drei begannen zu lachen.
»Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?« fragte Elly.
»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der 'jugendliche Leichtsinn' hat er doch gesagt.«
»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly. »Erzählen Sie! Fangen Sie an. Wir hören alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine Klinge --«
Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person beschäftigte. Er versuchte das Gespräch auf das Duell im allgemeinen hinüberzulenken. Viky gab die Erklärung ab, daß das Duell vom Standpunkt eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz, aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber, man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren Zweck. Anny erzählte eine längere Geschichte von einem Bekannten, der an einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt hätte, und ließ durchblicken, daß sie selbst der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei. Sie nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers und wollte wissen, ob Demba ihn kenne.
Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys Hilfe die Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, daß die Aufmerksamkeit aller drei Mädchen durch einen Fächer mit zahllosen Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Händen an ein Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgestoßen wurde und ein Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes Fell schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich darauf kam das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit, daß die gnädige Frau nach Hause gekommen sei.
Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn. Sie war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine, versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen, Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergänge kleine Straßenhausierer und bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch heute standen zwei kleine Buben mit ängstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der Nähe der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in den Händen. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesäubert, denn aus der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der Köchin.
Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, saß in ihrem Zimmer und trank Tee, als Demba eintrat.
»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine, bewegliche Dame Demba entgegen. »Das Stubenmädchen hat mir schon erzählt -- was ist denn eigentlich geschehen?«
»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.« Demba erzählte seinen Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit gebracht hätte, hinzuzudichten, sah aber schließlich davon ab, um seiner Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.
»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit möglich ist?« sagte Frau Dr. Becker. »Sie können wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.«
Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte er seine Hand zur Hälfte aus dem Mantel hervor.
Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hände zusammen. »Aber ist denn das ein Verband?« rief sie. »Das kann Ihnen doch unmöglich ein Arzt gemacht haben!«
»Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.« Demba sah mit Verdruß, daß seine Idee, sich Verletzungen an den Händen anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche gewesen war. Alle Welt beschäftigte sich jetzt ausschließlich mit seinen Händen, denen er doch ein gewisses Maß von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen wollen.
»Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinüber und lassen sich einen anständigen Verband machen,« entschied Frau Dr. Becker.
Demba wurde bleich wie Käse.
»Das geht nicht,« stotterte er. »Ich kann doch nicht --«
»Glauben Sie nicht, daß mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr Kollege?«
Demba wand sich auf seinem Sessel.
»Das schon,« sagte er. »Ich möchte nur nicht die Zeit des Herrn Dozenten --«
»Ach, Unsinn!« unterbrach ihn die Frau des Arztes. »In zwei Minuten ist mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.«
Sie nahm das Hörrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Küche verband.
»Rudolf!« sagte sie. »Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den Händen zugezogen. -- Ja. -- Also er kommt gleich.« -- Sie legte das Hörrohr fort. »So, Herr Demba.«
»Ich bin eigentlich nur gekommen --«; Demba schluckte und suchte nach Worten. »Ich wollte Sie bitten, gnädige Frau, ob ich nicht mein Monatssalär schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja --«
Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff dann wieder nach dem Hörrohr.
»Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht bei der Hand.«
Geschlagen auf der ganzen Linie verließ Demba das Zimmer.
Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die Vorhölle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm horchte unruhig nach der Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bündel Schuhriemen vom Fußboden auf, öffnete rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem Staub.
Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus.
Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba stehen, riß das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er es mit einem Fluch zu Boden.
15
Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten müssen. Es regnete in Strömen, und früher als sonst fanden sich die andern zu der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten Zimmer des Café Turf, in das man durch eine sorgfältig verhängte und von einem Pikkolo bewachte Tür eintrat, saßen heute elf Personen.
Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen hatte, daß er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von Bauernfängern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende, der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte. Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war, aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus ablehnend gegenüberstand. Der Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt wurde -- ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Großfürsten. Der Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte, wenn statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«, der auf die Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur Antwort gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um sie dann beide im Eifer des Spieles gänzlich zu vergessen; und schließlich Hübel, der halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon lange nicht mehr Doktor war.
Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch gelegt, eine lächerlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem Gewinner dreifaches Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld will ich heut sechshundert Kronen gewinnen,« hatte er zu Beginn der Partie mit aufreizender Offenheit gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das muß ich wieder hereinbringen.« Und jetzt, während des Spiels, fragte er, so oft er den Einsatz der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß ich heut sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen! Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!«
Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen, nicht eine Minute länger. Um acht Uhr abends mußte er »zur Sitzung«, hatte er gesagt. Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drängen nach Revanche, bei der er das gewonnene Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den Herzenstönen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.
An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung, die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet hatte -- er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen --, lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei: der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab; die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genußfrohen _Jeunesse dorée_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz und Lebewelt wirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam eine standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen.
Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den Überziehern und Schirmen an der Wand floß das Regenwasser in dünnen Bächen, die sich auf dem Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr. Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein höchst zufriedenes Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer häufiger auf seine goldene Uhr.
Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.
»Herr Doktor werden verlangt.«
»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren Störungen während seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen.
»Nein. Herr Doktor Hübel.«
Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner Barschaft auf einmal riskieren sollte.
»Mich will jemand sprechen?« fragte er zerstreut.
»Ja. Der Herr wartet draußen.«
»Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,« entschied er auf alle Fälle.
»Ich hab' aber schon gesagt, daß Herr Doktor hier sind!«
»Esel!« schrie Hübel und ging voll böser Ahnungen hinaus.
Richtig. Da stand Stanislaus Demba.
»Servus, Demba,« begrüßte ihn Hübel ohne großen Enthusiasmus. »Woher weißt du, daß ich hier bin?«
»Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, daß ich dich hier finden werde.«
»Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber gib dich um Gottes willen keinen übertriebenen Hoffnungen hin.« Er zeigte die zerknitterte Zehnkronennote. »Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich habe.«
Demba wurde blaß. »Aber du hast mir doch für heute das Geld versprochen!«
»Du hättest eine Stunde früher kommen müssen, eh' ich mich zum Spielen niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,« erklärte Hübel mit einem schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.
»Ich hab' auf das Geld gerechnet!« sagte Demba und bekam einen starren Blick.
»Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?« fragte Hübel zerknirscht.
»Vierzig Kronen,« sagte Demba.
»Es tut mir leid!« sagte Hübel. »Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden Fall diese zehn Kronen, sonst frißt sie der Dr. Rübsam, dieser schwere Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.«
Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, daß unter »Granat« ein Halsabschneider und unter den »Galeristen« Spielratten von Beruf zu verstehen waren.
Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. »Was mach' ich mit zehn Kronen!« sagte er bekümmert. »Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!«
Hübel wußte keinen Rat.
»Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen?« fragte Demba mit einem Blick auf die Tür.
»Von denen?« Hübel winkte abwehrend mit der Hand. »Da kennst du diese Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.«
»Was jetzt?« fragte Demba ratlos.
»Weißt du was?« rief Hübel. »Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht hast du mehr Glück als ich.«
Demba schüttelte heftig den Kopf.
»Beim Buki ist alles nur Glück,« versicherte Hübel. »Da können aus zehn Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.«
»Nein,« sagte Demba, »ich rühre keine Karten an.«
»Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du Ignorant.«
»Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,« sagte Demba.
»Da gibt's nichts zu verstehen,« erklärte ihm Hübel eifrig. »Gewöhnliches Domino. Das kennst du doch. Nur daß man auf die vier Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mußt gar nicht mitspielen, du brauchst bloß zu setzen.«
Demba war unentschlossen.
»Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger zu rühren,« erzählte Hübel.
Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den Ausschlag.
»Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,« meinte Demba.
»Also komm!« sagte Hübel und schob ihn zur Tür hinein.
Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfänglich wenig Beachtung. Fremde Gesichter wurden zwar beim »Buki«spiel höchst ungern gesehen, da aber Demba von Hübel eingeführt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die Aufnahmeformalitäten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich glatt:
»Hat er Marie?« erkundigte sich Dr. Rübsam.
Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, daß Demba Geld genug habe. »Wie Mist,« setzte er hinzu.
»Dann ist's gut,« sagte Dr. Rübsam, und die Sache war erledigt.
»Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!« schrie in diesem Augenblick der Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da er kein Geld mehr besaß, außer Gefecht gesetzt war.
»Das ist Musik in meinen Ohren,« sagte Dr. Rübsam vergnügt und strich das Geld ein. »Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Geschäft geht flau.« Er rieb sich die Hände, zwinkerte Demba zu und fragte: »Haben Sie schon eingekocht, junger Mann?«
Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, daß Zeige- und Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren.
»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,« erklärte Hübel. »Auf wen soll ich setzen?«
»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf des Doktors Finger, die ihn ängstigten und erschreckten.
»Alles auf einmal?«
»Ja. Setz' alles auf einmal.«
Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht teil. Jede Reihe repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und hatte damit auf den Sieg »Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen Anfang, und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner Spannung mit dem ersten Stein.
Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen und nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt. Aber nur eine Nummer der »Österreichischen Kaffeesiederzeitung« hing an der Wand. Und die begann Demba zu lesen.
Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für einen Gasthausgarten bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte ein zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben. Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder! Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder verdienen, alles schrie, alles drängte sich vor, die Welt war ein großer, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige Hände her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppelten Fingern, die dennoch zu greifen verstanden, wie Polypenarme, -- und in all dem Wirrsal von Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich unterfangen, seine Hände schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte Fäuste rauften, die ihn fortstießen und beiseite drängten. Und Demba wurde plötzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte sich voll Scham über seinen kläglichen Versuch heimlich zur Tür hinausschleichen.
Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lärm und Geschrei. Die Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinären Gauner, der dem Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur rief: »Jetzt versteh' ich alles!« »Semmelbrösel« zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der Hand und sagte:
»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.«
»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen.
»Dreißig Kronen. Dreifaches Geld.«
Demba schwieg.
»Was jetzt?« fragte Hübel.
»Weiter setzen,« sagte Demba.
»Alles?«
»Ja.«
»Herrschaften, Ruhe!« schrie jetzt Dr. Rübsam. »Ruhe!« sekundierte ihm Hübel. Der Lärm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging sich noch eine Weile in Anklagen und Verdächtigungen, aber das Spiel nahm seinen Fortgang.
Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen. Er starrte in die Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende schlürfte geräuschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte plötzlich ernst und feierlich wie ein Gebet:
»Hallum-Drallum.«
»Wieso denn Hallum-Drallum?« protestierte der Postbeamte. »Sind denn auf beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!«
Wer ist das: Hallum-Drallum? -- fragte sich Demba seltsam erregt. Wer ist das: Hallum-Drallum? -- bohrte es ihm quälend im Hirn. Und plötzlich wußte er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen, dickbäuchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit fahlem Gesicht, das über und über mit gelben Pickeln übersäet war, mit wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behängt stand er da, mit haarigen Händen, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in den Nacken -- Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren -- nein! Der Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da stand er, und blickte ihn grinsend an und gröhlte: Du willst mein Geld, du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartenstühle? Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer!
Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und demütig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen Stücks Tapete.
»Ich bin fertig!« rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort brach ein Lärm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit gellender Stimme: »Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!«
»Schwindel!« brüllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den Tisch.
»Aber der Doktor hat doch 'weiter' gesagt,« jammerte der Kellner.
»Betrug! Betrug!« heulte der Postbeamte.
»Ruhe!« überschrie ihn Dr. Rübsam. »Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch auch mein Geld!«
Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn am Ärmel und sagte:
»Du hast zum zweitenmal gewonnen.«
»So?« -- Demba war nicht überrascht und nicht erstaunt.
»Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?«
»Ja,« nickte Demba.
»Wieviel?«
»Alles.«
»Bist du toll?« fragte Hübel.
»Ja.«
»Du hasardierst!«
»Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.«
»Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht gewinnen.«