Zwischen neun und neun

Part 10

Chapter 103,545 wordsPublic domain

Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenüber ein wenig zu Mißtrauen. Er dachte immer gleich an einen Detektiv -- das brachte sein Beruf mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus Demba allerdings nicht aus. Dennoch wollte Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person, das Stanislaus Demba so hartnäckig an den Tag legte, nicht recht behagen. Er fand, daß Wien im Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt sei, ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene Fremde wie ein Meerwunder angestaunt wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang, indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses an einem der Tische niederließ.

Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei.

Er blieb stehen, zögerte ein wenig und schien zu überlegen. Im nächsten Augenblick trat er an Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis, Platz nehmen zu dürfen.

Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich unangenehm berührt. Es waren ja noch mehrere Tische frei, und er legte besonderen Wert darauf, seinen Tee in wohltuender Zurückgezogenheit nehmen zu können. Neue Bekanntschaften pflegte er nur auf Bahnhöfen, Haltestellen und anderen belebten Orten anzuknüpfen -- und das auch nur, weil es sein Beruf erforderte.

»Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft,« sagte er darum zu Stanislaus Demba.

»Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut sein, wenn wir die Erledigung unserer Angelegenheit nicht länger aufschieben,« sagte Demba und setzte sich.

Herr Skuludis blickte ihn in höchstem Grade befremdet an.

»Ich meine, daß wir unser kleines Geschäft vorher in Ordnung bringen sollten,« wiederholte Demba.

Das Wort »Geschäft« besaß für Herrn Skuludis einen anheimelnden Klang. Er faßte sein Gegenüber genauer ins Auge.

»Darf ich fragen, für welche meiner mannigfaltigen Unternehmungen Sie Interesse haben?« fragte er.

»Das werden Sie gleich hören,« sagte Demba. »Bis hieher bin ich Ihnen nachgegangen. Erst hier war es mir möglich, Sie unauffällig und unter vier Augen zu sprechen.«

»Unauffällig« und »unter vier Augen« -- diese beiden Worte machten auf Herrn Skuludis einen guten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenüber als einen Mann von Diskretion, und Diskretion ging Herrn Skuludis über alles -- das lag im Wesen seines Berufes begründet.

»Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstraße?« fragte Demba.

»Ach so,« sagte Skuludis und nickte mit dem Kopf. Jetzt ging ihm ein Licht auf.

Vor einer Stunde hatte er in der Praterstraße eine Unterredung sehr delikater Natur mit einem befreundeten Juwelenhändler gehabt, dem er Schmuckstücke jener Art, die man nur ungern dem grellen Licht des Tages aussetzt, zum Kaufe angeboten hatte. Die Verhandlungen hatten sich jedoch unglücklicherweise zerschlagen, und Skuludis hatte sich entfernt, nicht ohne bittere Worte über den Eigennutz und die Gewinnsucht des Händlers fallen zu lassen. Und es stellte sich nun heraus, daß der Mann einen seiner Angestellten mit der Aufgabe betraut hatte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, und die Verbindung bei Gelegenheit von neuem anzuknüpfen.

»Sie sind von allem unterrichtet?« fragte Herr Skuludis.

»Gewiß,« sagte Demba. »Ich war Augenzeuge.«

»Und Sie meinen, daß die Angelegenheit noch nicht völlig erledigt ist?«

»Der Ansicht bin ich tatsächlich,« sagte Demba grimmig.

»Nun, für mich ist die Sache gegenwärtig keineswegs dringend,« meinte Herr Skuludis.

»Für mich um so mehr,« sagte Demba heftig.

»Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage. Ich mußte Geld haben, und das wollte man sich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhältnisse gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.«

»Das vereinfacht die Sachlage außerordentlich,« sagte Demba erfreut.

»Ich kann jetzt einige Tage warten und günstigere Angebote einholen,« erklärte Herr Skuludis.

»Das verstehe ich nicht.«

Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes Notizbuch, und legte mit der ihm eigenen eleganten Handbewegung ein weißes Kuvert, durch dessen dünnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf den Kaffeehaustisch.

»In diesem Kuvert befinden sich achthundert Kronen. Ein glattes Geschäft. Sie sehen, die Verlegenheit, die Ihr Chef für sich ausnützen wollte, war nur eine augenblickliche,« sagte er stolz.

Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von welchem Chef, welcher Verlegenheit und welchem Geschäfte die Rede war. Er liebäugelte nur mit seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der Seite an. Daß in dem Kuvert jetzt achthundert Kronen sein sollten, erfüllte ihn jedoch mit Verwunderung.

»Achthundert Kronen? Ein glattes Geschäft,« wiederholte Herr Skuludis.

»Achthundert Kronen?« rief Demba. »In diesem Kuvert sind siebzig Kronen. Nicht mehr und nicht weniger.«

Diese Feststellung überraschte Herrn Skuludis aufs höchste. Er war zwar abergläubisch, aber daß dem Angestellten eines Hehlers aus der Praterstraße übernatürliche Kräfte zu Gebote standen -- diese Erfahrung warf ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht.

»Es sind achthundert Kronen darin,« sagte er in ziemlich unsicherem Ton.

»Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das werd' ich doch wissen,« zischte Demba über den Tisch hinüber. »Und jetzt werden Sie die Güte haben, mir das Geld zurückzugeben.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Skuludis.

»Sie verstehen mich nicht?« brach Demba los. »Nun, Sie werden mich gleich verstehen. Sie haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehörte, von einem Wachmann übernommen, der irrtümlich annahm, Sie hätten es verloren. Verstehen Sie mich jetzt?«

Herr Kallisthenes Skuludis besaß die Gabe rascher Auffassungskraft in hohem Grade. Blitzschnell fand er sich in die geänderte Situation. Er erkannte mit Schrecken, daß er fast daran gewesen war, einen Unberufenen Einblick in seine Geschäftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte aber im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest, daß er vorsichtig genug gewesen war, keinen Namen zu nennen und von der Art seiner Geschäfte nur in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das gab ihm seine Sicherheit wieder. Vor allem galt es festzustellen, ob sein Gegenüber nicht doch ein Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt hatte. Darüber mußte er sich Klarheit verschaffen, ehe er über seine weitere Taktik schlüssig wurde.

»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen?« fragte er und nickte Demba vertraulich zu. »Zeigen Sie doch gleich die Legitimation und die Situation ist klar.«

»=Was= soll ich Ihnen zeigen?« fragte Demba.

Statt zu antworten, beugte sich Herr Kallisthenes Skuludis über den Tisch und begann, überlegen lächelnd, Dembas Pelerine aufzuknöpfen. Er suchte Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene Legitimationskarte des Detektivs vermutete.

Demba erschrak heftig. »Sie! Lassen Sie meinen Mantel in Ruhe!« rief er drohend.

»So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife?« riet Herr Skuludis und arbeitete an dem obersten von Dembas Mantelknöpfen.

»Ich wollte, Sie ließen Ihre Scherze,« sagte Demba und rückte von Herrn Skuludis fort.

Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm sich kein Polizeiagent.

»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte er.

»Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben, will ich zurück. Seit einer Stunde gehe ich Ihnen auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld zurückzubekommen. Oder glauben Sie, daß es mich interessiert hat, zu erfahren, bei wem Sie Ihre Einkäufe machen, wo Sie sich rasieren lassen, und mit welchen Kokotten Sie verkehren?«

Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner Betrüger, der zufällig Zeuge jenes Vorfalles gewesen war und dies ausnützen wollte, um einen Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis überlegte, wie er ihn loswerden könnte.

»Sie behaupten also, daß ich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz dieses Geldes gekommen bin?« fragte er in scharfem Ton.

Demba ließ sich nicht einschüchtern. »Jawohl, das behaupte ich,« gab er ebenso scharf zurück.

»Und Sie behaupten weiters, daß das Geld Ihnen gehört.«

»Jawohl. Es gehört mir.«

»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den ungeklärten Fall dem nächsten Wachmann vorzutragen,« sagte Herr Skuludis mit verbindlichem Lächeln und erhob sich, um anzudeuten, daß die Verhandlungen an einem toten Punkt angelangt seien.

»Das wird das beste sein,« sagte Demba, sehr gegen seine Überzeugung.

Also doch ein Detektiv -- dachte Herr Skuludis. Mit seiner Drohung war es ihm keineswegs ernst. Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur geringen Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache zu schiedsrichterlicher Tätigkeit. Er hatte unter den Funktionären der Polizei etliche gute Bekannte -- das brachte sein Beruf mit sich --, denen seine Anwesenheit in Wien vorläufig noch ein streng gehütetes Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in seiner Rocktasche zwei goldene Uhren, ein Anhängsel, zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe -- kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen des Eilzugs Wien-Budapest -- bei sich, deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion wäre ihm im höchsten Grade ungelegen gekommen.

»Zahlen!« rief Herr Skuludis, und beglich seine Zeche boshafterweise mit einer der Banknoten aus dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprüche erhoben hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba den denkbar schlechtesten Eindruck und versetzte ihn in hellen Ärger.

»Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen gekommen zu sein,« bemerkte er bissig.

Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkung mit Schmerz, daß Demba nicht die Umgangsformen der großen Welt besaß. Aber Ruhe und Selbstbeherrschung gehörten zu seinem Berufe, und er begnügte sich, seinen Gegner mit einem verächtlichen Blick zu messen.

Gegenüber der Oper stand ein Polizist. Aber beide Herren schlugen ganz von selbst eine Richtung ein, in der auf tausend Schritte Entfernung weit und breit kein Wachmann zu sehen war. Und beide spähten, gänzlich unabhängig voneinander, nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen Situation eine neue Wendung zu geben. Herr Skuludis studierte mit Aufmerksamkeit die vielfachen Möglichkeiten des Wiener Verkehrswesens, während Demba, um sich einen guten Abgang zu sichern, die Vorteile erwog, die ein dem Gegner unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte.

Herr Skuludis war es, der auch hier wieder seine Entschlossenheit und seine Neigung zu rascher Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen versah, hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische Tramway geschwungen. Er befand sich bereits in voller Fahrt, als Demba sein Verschwinden bemerkte.

Nur eine Sekunde lang war Demba verblüfft. Dann begriff er: Herr Skuludis gab seine Sache verloren, und diese Flucht bedeutete den moralischen Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance, die siebzig Kronen zurückzuerlangen, stieg.

Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine triumphierend-höhnische Grimasse, zu der sich Herr Skuludis unüberlegterweise hinreißen ließ, spornte Demba, indem sie seine Gefühle aufs tiefste verletzte, zu höchster Kraftleistung an. Wütend keuchte er hinter dem Wagen her. Er kam ihm näher. Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis auf Armlänge an ihn heran. Er stieß mit zwei Passanten zusammen, rannte weiter und holte den Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden lang mit ihm Schritt, und dann sprang er, als der Wagen in einer Kurve sein Tempo verlangsamte, mit einem kühnen Satz auf das Trittbrett und stand oben -- erschöpft, mit pfeifendem Atem, nach Luft schnappend, und dennoch siegreich und triumphierend.

Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen, beschämt und grenzenlos verlegen anzutreffen. Aber jetzt, da er ihm gegenüberstand, sah er, daß das Gesicht des Gegners einen seltsamen Ausdruck angenommen hatte. Nicht Angst, nicht Ärger, nicht Zerknirschung war in ihm zu lesen, sondern maßlose Verblüffung, fassungslose Verwunderung malte sich in Herrn Skuludis Zügen. Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit der ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich wie ein steinerner Apoll, starr vor Staunen auf Dembas Hände.

Auf die Hände! Auf Dembas Hände!

Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange des Tramwaywagens verfangen, seine Hände waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis lag offen.

Aber nur einen Augenblick lang. Und von all den Menschen, die dichtgedrängt den Wagen füllten, hatte nur Herr Skuludis Dembas Hände gesehen.

Und im nächsten Augenblick waren beide, Demba und Skuludis, vom Wagen abgesprungen.

Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer wußte sein Geheimnis, und diesem einen galt es zu entkommen.

Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend, hinter ihm her.

Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen Autoomnibus zu entziehen.

Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd und mit Bedauern nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen. Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose, überstürzte Flucht. Seine anfängliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen. Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wäre er ihm mit Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen Anfänger in seiner Zunft erkannt, der, weiß Gott auf welche Art in eine mißliche Situation geraten war.

14

Stanislaus Demba verließ den Omnibus und ging langsam die Mariahilferstraße hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschuß bitten. Außerdem, sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', -- es waren ohnehin nur fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche --, haben sie mir fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine Lektion ausfällt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und dabei sind es vermögende Leute. Er ist Prokurist in einer Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten muß ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.

Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', daß ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da muß ich einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich hab' ja noch fünf Minuten zu gehen.

Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses. Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R. Becker, ordiniert von zwei bis fünf.

Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.

Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.

Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine Rocktasche und zog ein Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche, und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Höhe.

Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmöglich die Handschellen gesehen haben.

Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock geöffnet und wieder geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun --

Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die Treppe herunterkommen. Wieder verbarg Demba die Hände. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die sich auf den Arm ihres Stubenmädchens stützte. Und just neben Demba blieb sie stehen und ruhte aus. -- Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!

Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten Stock hinauf.

Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heißt's einfach warten --, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Füßen lag, las gleichgültig eine in großen Lettern gedruckte Aufschrift: 'Rücktritt des ungarischen Ministerpräsidenten', und plötzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon --. Wie, wenn schon etwas in den Abendblättern steht von meiner Flucht durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles ganz genau, 'der Täter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof', steht vielleicht drinn, und 'anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der Spur.' -- Oder vielleicht steht gar dort: 'Der Verdacht der Täterschaft lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universitätshörer. Seine Verhaftung steht unmittelbar bevor.'

Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete Demba, bis die Zeitungsausträgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.

Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen muß es stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.

Musikalischer Zapfenstreich. -- Die Generalversammlung des niederösterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten, verschoben. -- Filmbrand auf der Straße. -- Oberinspektor Hlawatschek gestorben. -- Ein seltenes Jubiläum. -- Ein Selbstmordversuch, halt. Was ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße gelegenen Wohnung Veronal --, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte der städtischen Straßenbahnen. -- Die Tat einer Mutter. -- Schluß.

Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das hätt' ich mir gleich denken können. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich nicht mit der Veröffentlichung. Lustig. -- Demba faltete die Zeitung zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle.

Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete es, faltete es zusammen, daß es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal um seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die Knöchel aneinandergefesselt hat. -- So, jetzt war er fertig.

Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter Einfall. -- Demba beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten Einfall. »Wirklich eine vortreffliche Idee,« sagte er, trat vor die Fensterscheibe und machte Verbeugungen gegen sein Spiegelbild. »Meine Anerkennung! Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke. Wie? Sie wünschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie fürchten, der Verband könnte sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade! Hätte Ihnen gern die Hand geschüttelt für die wirklich vorzügliche Idee!«

Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb stehen und blickte Demba verwundert an.

»Zwei Fliegen auf einen Schlag,« dachte Demba und stieg die Treppe hinauf. -- »Jetzt sieht jeder sofort, daß ich die Hände nicht gebrauchen kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren Brandwunden an den Händen kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte man meinen. Aber nun vorwärts! Keine Zeit verlieren!«

Im vierten Stock läutete Demba. Das Dienstmädchen öffnete.

»Ist die gnädige Frau zu Hause?«

»Nein.«

»Und der Herr Dozent?«

»Der ordiniert.«

Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.

Zwei Damen und ein Herr saßen dort und lasen die Zeitschriften.

»Wann kommt die gnädige Frau zurück?«

»Ich werde das Fräulein fragen, die wird es wissen.« Das Stubenmädchen ging in Elly Beckers Zimmer. Demba hörte ein paar Walzertakte und die hellen Stimmen lachender Mädchen.

Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig und beguckte Demba durch ihr Lorgnon.

»Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen gegangen.«

»Das ist unangenehm,« sagte Demba. »Ich hätte dringend mit ihr zu sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben?«

»Regnet es schon draußen?« fragte Elly.

»Ja.«

»Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht inzwischen zu uns hereinkommen?«

»Sie haben Gäste, Fräulein Elly.«

»Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.«

»Ich bin gar nicht danach angezogen.«

»Aber keine Umstände!« Elly öffnete die Zimmertür. »Noch ein Besuch!« rief sie hinein.

»Ein Tänzer?« fragte das eine der beiden jungen Mädchen.

»Leider nein,« sagte Demba in der Tür.

»Tänzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas,« sagte Elly und stellte vor. »Doktor Stanislaus Demba. -- Meine Freundin Viky, meine Freundin Anny.«

Weder Fräulein Viky noch Fräulein Anny schienen entzückt zu sein, Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner alten, vom Regen durchnäßten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine unmögliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrüßung nur nachlässig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres Mädchen mit Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende Benehmen der beiden jungen Mädchen nicht zu merken oder nicht zu beachten.

Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stieß zu diesem Zweck ihre Freundin Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Wenn er deklamiert, ficht er mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spaß.«

Demba hörte sie flüstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erhöhte sich, als das Stubenmädchen Sandwiches, Bäckereien und eine Tasse Tee vor ihn hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und wußte nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn zum Zugreifen aufzumuntern.

»Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht ab?«

Jetzt entschloß sich Demba, die erste Probe auf die Tragfähigkeit seines ausgezeichneten Einfalles zu machen.

»Ich lege lieber nicht ab, Fräulein Elly. Es wäre kein angenehmer Anblick für Sie.«

»Warum denn?«

»Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe Brandwunden auf beiden Armen und muß einen Rock ohne Ärmel tragen.«

»Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen?«

»Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir haben die brennenden Stücke mit den Händen losgerissen, und dabei hab' ich mir die Brandwunden zugezogen. Sehen Sie!« Demba steckte die mit dem Taschentuch umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor.

»Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!« rief Elly ängstlich. »Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.«

Sie nahm eines der belegten Brötchen, hielt es Demba vor den Mund und ließ ihn abbeißen.